Heimweh als Krankheit und der Ruf der Alpen

Ein Soldat, dem der Urlaub verweigert wurde, soll im 17. Jahrhundert innerhalb einer Stunde gestorben sein, und zwar an Heimweh. Was nach einer Schauergeschichte klingt, stand tatsächlich in einem deutschen Anekdotenbuch von 1645. Das Wort Heimweh war damals neu, und es tauchte zuerst im Umfeld von Söldnern aus den Schweizer Bergen auf, die im Dienst des französischen Königs standen. Ärzte nahmen die Klage ernst und erhoben sie zur Krankheit mit Namen, Symptomen und Heilmitteln. Dass ein Gefühl der Sehnsucht nach den Bergen und dem Zuhause einmal als lebensgefährlich galt, wirkt heute fremd. Es lohnt sich dennoch, die Geschichte nachzuzeichnen, denn sie erklärt, warum die Alpen bis heute als Gegend gelten, nach der sich Menschen zurücksehnen. Das gilt auch für das Allgäu, in dem Almen, Glocken und der Wechsel der Jahreszeiten ein Bild von Heimat prägen, das weit über die Region hinausreicht. Wie aus einem Wort der Soldatensprache ein medizinischer Begriff wurde und wie die Wissenschaft ihn später wieder verwarf, lässt sich in wenigen Etappen erzählen, und jede dieser Etappen hat ihre eigene Pointe, die mit dem Bild der Berge zu tun hat.

1645 und der erste Todesfall in den Büchern

Der Begriff Heimweh entstand vor rund 400 Jahren in französischsprachigen Texten und wurde dann ins Deutsche übernommen, wo er sich rasch einbürgerte. Sprachforscher verbinden ihn mit Schweizer Söldnern in französischem Kriegsdienst, die fern der Heimat in Garnisonen lagen. Der Soldat aus dem Anekdotenbuch von 1645 starb der Erzählung nach in Nizza, kurz nachdem ihm der Urlaub abgeschlagen worden war. Ob sich der Vorfall so zutrug, lässt sich nicht prüfen. Wichtig ist, dass die Zeitgenossen ihn für glaubhaft hielten und weitererzählten, denn aus dem Glauben an solche Fälle wuchs die Bereitschaft, das Leiden ernsthaft zu untersuchen.

Solche Berichte verbreiteten sich schnell, weil die Söldnerheere dieser Zeit in ganz Europa unterwegs waren und Nachrichten von Garnison zu Garnison reisten. Für Befehlshaber war die Sache nicht bloß ein menschliches, es war ebenso ein praktisches Problem: Ein Soldat, der vor Sehnsucht verstummte oder davonlief, fehlte in der Truppe. Das Leiden bekam im Volksmund bald einen Beinamen und wurde Schweizerkrankheit genannt, obwohl es keineswegs auf die Schweiz beschränkt war. Zwischen dem Anekdotenbuch und der ersten ärztlichen Abhandlung liegen nur 43 Jahre, in denen aus einer Erzählung ein Fall für die Medizin wurde.

1688 und die Erfindung der Nostalgie

  1. 1645: Ein Anekdotenbuch berichtet von einem Soldaten, der an Heimweh gestorben sein soll.
  2. 1688: Johannes Hofer prägt den Begriff Nostalgie und erklärt das Leiden zur Krankheit.
  3. Frühes 18. Jahrhundert: Der Zürcher Gelehrte Johann Jakob Scheuchzer führt das Leiden auf die Luftverhältnisse im Flachland zurück.
  4. 18. und 19. Jahrhundert: Die Begeisterung für die Alpen wächst, und Komponisten machen Heimweh zum Thema ihrer Werke.
  5. Gegenwart: Heimweh gilt als verbreitetes, nicht tödliches Gefühl; die alten Erklärungen sind widerlegt.

Den Schritt von der Anekdote zur Diagnose vollzog 1688 der Arzt Johannes Hofer aus Mülhausen im Elsass in einer Basler Doktorarbeit. Er bildete aus zwei griechischen Wörtern, nostos für die Heimkehr und algos für den Schmerz, den Fachbegriff Nostalgie. Als Krankheitszeichen nannte er Traurigkeit, unruhigen Schlaf, Fieber, Verdauungsbeschwerden und Gewichtsverlust. Die Ursache vermutete er in einem Leiden des Gehirns, und als Heilmittel galt die Heimkehr. Aus heutiger Sicht erinnert die Liste an eine Depression, doch dieser Begriff stand der Medizin des 17. Jahrhunderts nicht zur Verfügung. Bemerkenswert bleibt, dass Hofer den Sitz des Leidens im Kopf suchte und nicht im Blut, wie es spätere Erklärungen taten. Hofers Wortschöpfung hat das Leiden, das er beschrieb, überlebt: Nostalgie bezeichnet heute die wehmütige Rückschau auf Vergangenes, nicht mehr die Sehnsucht nach einem Ort. Aus dem Schmerz der Heimkehr ist ein Gefühl der Zeit geworden, ein Wort, das heute ebenso für alte Schallplatten wie für Kindheitsorte steht. Die Zeitleiste fasst die Stationen zusammen, die Heimweh vom Soldatengerücht bis zum alltäglichen Gefühl durchlief. Zwischen erster Erwähnung und heutigem Verständnis liegen rund 380 Jahre, in denen sich die Deutung mehrfach drehte: erst Gerücht, dann Krankheit, schließlich Gefühl. Jede Station veränderte außerdem den Blick auf die Berge, aus denen die Betroffenen stammten.

Die Bergluft als Erklärung und die Heilmittel

Johann Jakob Scheuchzer vertrat eine eigene Theorie. Nach seiner Auffassung litten die Schweizer im Flachland unter dem höheren Luftdruck, der das Blut verdicke. Menschen, die Berghöhen gewohnt seien, könnten im Tiefland nicht gesund bleiben, und das einzige Heilmittel sei die Rückkehr ins Gebirge. Die Idee klang plausibel, weil sie eine Beobachtung aufgriff: Betroffene genasen daheim rasch, und die Erklärung mit Luft und Blut passte zur Medizin der Zeit, die Körpersäfte für die Grundlage der Gesundheit hielt. Dass die Ursache seelischer Natur war, schloss die damalige Medizin aus, denn Gefühle galten nicht als Auslöser körperlicher Krankheiten.

Die Behandlungen reichten von der Beurlaubung bis zu Verfahren, die heute abenteuerlich erscheinen. Salpeter und Schießpulver sollten die Blutgefäße erweitern, damit das verdickte Blut besser floss. Zugleich verboten Behörden unter Soldaten den Kuhreihen, ein altes Hirtenlied aus den Schweizer Bergen, weil sein Klang die Sehnsucht auslösen und zur Fahnenflucht treiben sollte. Dass ein Lied als Gefahr galt, zeigt, wie eng Musik und Heimatgefühl damals gedacht wurden, und es erklärt, warum Alpenlieder später zum Inbegriff der Sehnsucht aufstiegen. Die Hirtenkultur, aus der solche Lieder stammen, wird im Beitrag über das Sennalpe im Allgäu beschrieben.

Von der Diagnose zum Gefühl

Die Karriere der Krankheit endete nicht, weil Ärzte sie heilten, sondern weil das Bild der Alpen sich wandelte. Aus dem gefährlichen Gebirge wurde ein Sehnsuchtsort, und die wachsende Begeisterung für die Berge machte Heimweh zu einem beliebten Motiv der Kunst. Komponisten griffen es auf und verarbeiteten es in ihren Werken, und das Wort wurde weit über die Medizin hinaus bekannt. Eine tödliche Krankheit ist Heimweh längst nicht mehr, und die alten Erklärungen von Blut, Luftdruck und Gehirnleiden gelten als widerlegt. Sprachforscher weisen darauf hin, dass jeder Mensch, der seinen Wohnort verlässt, dieses Ziehen kennt.

Wie tief diese Verbindung zwischen Landschaft und Zugehörigkeit reicht, zeigt der Blick auf ein Ereignis wie den Viehscheid. Er folgt einem Ablauf, der Jahr für Jahr wiederkehrt, und gerade solche festen Abläufe tragen das Gefühl von Zugehörigkeit. Heimat hängt, so lässt sich aus der Wortgeschichte schließen, weniger an einem Ort als an dem, was an diesem Ort verlässlich wiederkehrt: an Geräuschen, Jahreszeiten, Handgriffen. Damit erklärt sich auch, weshalb das Heimweh der Söldner im 17. Jahrhundert so ernst genommen wurde. Es ging nicht um eine Landschaft allein, sondern um einen ganzen Rhythmus des Lebens, der in der Garnison fehlte.