Heimweh als Krankheit und der Ruf der Alpen

Ein Soldat, dem der Urlaub verweigert wurde, soll im 17. Jahrhundert innerhalb einer Stunde gestorben sein, und zwar an Heimweh. Was nach einer Schauergeschichte klingt, stand tatsächlich in einem deutschen Anekdotenbuch von 1645. Das Wort Heimweh war damals neu, und es tauchte zuerst im Umfeld von Söldnern aus den Schweizer Bergen auf, die im Dienst des französischen Königs standen. Ärzte nahmen die Klage ernst und erhoben sie zur Krankheit mit Namen, Symptomen und Heilmitteln. Dass ein Gefühl der Sehnsucht nach den Bergen und dem Zuhause einmal als lebensgefährlich galt, wirkt heute fremd. Es lohnt sich dennoch, die Geschichte nachzuzeichnen, denn sie erklärt, warum die Alpen bis heute als Gegend gelten, nach der sich Menschen zurücksehnen. Das gilt auch für das Allgäu, in dem Almen, Glocken und der Wechsel der Jahreszeiten ein Bild von Heimat prägen, das weit über die Region hinausreicht. Wie aus einem Wort der Soldatensprache ein medizinischer Begriff wurde und wie die Wissenschaft ihn später wieder verwarf, lässt sich in wenigen Etappen erzählen, und jede dieser Etappen hat ihre eigene Pointe, die mit dem Bild der Berge zu tun hat.

1645 und der erste Todesfall in den Büchern

Der Begriff Heimweh entstand vor rund 400 Jahren in französischsprachigen Texten und wurde dann ins Deutsche übernommen, wo er sich rasch einbürgerte. Sprachforscher verbinden ihn mit Schweizer Söldnern in französischem Kriegsdienst, die fern der Heimat in Garnisonen lagen. Der Soldat aus dem Anekdotenbuch von 1645 starb der Erzählung nach in Nizza, kurz nachdem ihm der Urlaub abgeschlagen worden war. Ob sich der Vorfall so zutrug, lässt sich nicht prüfen. Wichtig ist, dass die Zeitgenossen ihn für glaubhaft hielten und weitererzählten, denn aus dem Glauben an solche Fälle wuchs die Bereitschaft, das Leiden ernsthaft zu untersuchen.

Solche Berichte verbreiteten sich schnell, weil die Söldnerheere dieser Zeit in ganz Europa unterwegs waren und Nachrichten von Garnison zu Garnison reisten. Für Befehlshaber war die Sache nicht bloß ein menschliches, es war ebenso ein praktisches Problem: Ein Soldat, der vor Sehnsucht verstummte oder davonlief, fehlte in der Truppe. Das Leiden bekam im Volksmund bald einen Beinamen und wurde Schweizerkrankheit genannt, obwohl es keineswegs auf die Schweiz beschränkt war. Zwischen dem Anekdotenbuch und der ersten ärztlichen Abhandlung liegen nur 43 Jahre, in denen aus einer Erzählung ein Fall für die Medizin wurde.

1688 und die Erfindung der Nostalgie

  1. 1645: Ein Anekdotenbuch berichtet von einem Soldaten, der an Heimweh gestorben sein soll.
  2. 1688: Johannes Hofer prägt den Begriff Nostalgie und erklärt das Leiden zur Krankheit.
  3. Frühes 18. Jahrhundert: Der Zürcher Gelehrte Johann Jakob Scheuchzer führt das Leiden auf die Luftverhältnisse im Flachland zurück.
  4. 18. und 19. Jahrhundert: Die Begeisterung für die Alpen wächst, und Komponisten machen Heimweh zum Thema ihrer Werke.
  5. Gegenwart: Heimweh gilt als verbreitetes, nicht tödliches Gefühl; die alten Erklärungen sind widerlegt.

Den Schritt von der Anekdote zur Diagnose vollzog 1688 der Arzt Johannes Hofer aus Mülhausen im Elsass in einer Basler Doktorarbeit. Er bildete aus zwei griechischen Wörtern, nostos für die Heimkehr und algos für den Schmerz, den Fachbegriff Nostalgie. Als Krankheitszeichen nannte er Traurigkeit, unruhigen Schlaf, Fieber, Verdauungsbeschwerden und Gewichtsverlust. Die Ursache vermutete er in einem Leiden des Gehirns, und als Heilmittel galt die Heimkehr. Aus heutiger Sicht erinnert die Liste an eine Depression, doch dieser Begriff stand der Medizin des 17. Jahrhunderts nicht zur Verfügung. Bemerkenswert bleibt, dass Hofer den Sitz des Leidens im Kopf suchte und nicht im Blut, wie es spätere Erklärungen taten. Hofers Wortschöpfung hat das Leiden, das er beschrieb, überlebt: Nostalgie bezeichnet heute die wehmütige Rückschau auf Vergangenes, nicht mehr die Sehnsucht nach einem Ort. Aus dem Schmerz der Heimkehr ist ein Gefühl der Zeit geworden, ein Wort, das heute ebenso für alte Schallplatten wie für Kindheitsorte steht. Die Zeitleiste fasst die Stationen zusammen, die Heimweh vom Soldatengerücht bis zum alltäglichen Gefühl durchlief. Zwischen erster Erwähnung und heutigem Verständnis liegen rund 380 Jahre, in denen sich die Deutung mehrfach drehte: erst Gerücht, dann Krankheit, schließlich Gefühl. Jede Station veränderte außerdem den Blick auf die Berge, aus denen die Betroffenen stammten.

Die Bergluft als Erklärung und die Heilmittel

Johann Jakob Scheuchzer vertrat eine eigene Theorie. Nach seiner Auffassung litten die Schweizer im Flachland unter dem höheren Luftdruck, der das Blut verdicke. Menschen, die Berghöhen gewohnt seien, könnten im Tiefland nicht gesund bleiben, und das einzige Heilmittel sei die Rückkehr ins Gebirge. Die Idee klang plausibel, weil sie eine Beobachtung aufgriff: Betroffene genasen daheim rasch, und die Erklärung mit Luft und Blut passte zur Medizin der Zeit, die Körpersäfte für die Grundlage der Gesundheit hielt. Dass die Ursache seelischer Natur war, schloss die damalige Medizin aus, denn Gefühle galten nicht als Auslöser körperlicher Krankheiten.

Die Behandlungen reichten von der Beurlaubung bis zu Verfahren, die heute abenteuerlich erscheinen. Salpeter und Schießpulver sollten die Blutgefäße erweitern, damit das verdickte Blut besser floss. Zugleich verboten Behörden unter Soldaten den Kuhreihen, ein altes Hirtenlied aus den Schweizer Bergen, weil sein Klang die Sehnsucht auslösen und zur Fahnenflucht treiben sollte. Dass ein Lied als Gefahr galt, zeigt, wie eng Musik und Heimatgefühl damals gedacht wurden, und es erklärt, warum Alpenlieder später zum Inbegriff der Sehnsucht aufstiegen. Die Hirtenkultur, aus der solche Lieder stammen, wird im Beitrag über das Sennalpe im Allgäu beschrieben.

Von der Diagnose zum Gefühl

Die Karriere der Krankheit endete nicht, weil Ärzte sie heilten, sondern weil das Bild der Alpen sich wandelte. Aus dem gefährlichen Gebirge wurde ein Sehnsuchtsort, und die wachsende Begeisterung für die Berge machte Heimweh zu einem beliebten Motiv der Kunst. Komponisten griffen es auf und verarbeiteten es in ihren Werken, und das Wort wurde weit über die Medizin hinaus bekannt. Eine tödliche Krankheit ist Heimweh längst nicht mehr, und die alten Erklärungen von Blut, Luftdruck und Gehirnleiden gelten als widerlegt. Sprachforscher weisen darauf hin, dass jeder Mensch, der seinen Wohnort verlässt, dieses Ziehen kennt.

Wie tief diese Verbindung zwischen Landschaft und Zugehörigkeit reicht, zeigt der Blick auf ein Ereignis wie den Viehscheid. Er folgt einem Ablauf, der Jahr für Jahr wiederkehrt, und gerade solche festen Abläufe tragen das Gefühl von Zugehörigkeit. Heimat hängt, so lässt sich aus der Wortgeschichte schließen, weniger an einem Ort als an dem, was an diesem Ort verlässlich wiederkehrt: an Geräuschen, Jahreszeiten, Handgriffen. Damit erklärt sich auch, weshalb das Heimweh der Söldner im 17. Jahrhundert so ernst genommen wurde. Es ging nicht um eine Landschaft allein, sondern um einen ganzen Rhythmus des Lebens, der in der Garnison fehlte.

Allgäuer Dialekt und warum es keinen einheitlichen gibt

Ein Mädchen heißt im Oberallgäu Feel, der Kopf heißt Grind, und der Almabtrieb trägt je nach Tal drei verschiedene Namen. Das klingt nach einem einzigen Allgäuer Dialekt mit ein paar hübschen Eigenheiten. Tatsächlich handelt es sich um ein Bündel von Mundarten, die an einer Sprachgrenze aufeinandertreffen. Diese Grenze trennt das Alemannische vom Schwäbischen und verläuft mitten durch die Region, nicht an ihrem Rand. Der Satz, im Allgäu werde Schwäbisch gesprochen, trifft für Kempten und das Unterallgäu eher zu als für Oberstdorf. Umgekehrt klingt die Mundart südlich von Immenstadt für Ohren aus Stuttgart oder Ulm fremd, obwohl das Oberallgäu zum selben bayerischen Regierungsbezirk Schwaben gehört wie Augsburg. Genau darin liegt die Quelle vieler Missverständnisse: Ein Verwaltungsname wie Schwaben oder ein Landschaftsname wie Allgäu sagt wenig darüber, wie Menschen vor Ort tatsächlich sprechen. Die Sprachwissenschaft zieht ihre Linien nach Lauten, Wortformen und Wortschatz, und diese Linien kümmern sich weder um Landkreisgrenzen noch um das Landesgrenzschild zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Soll herausgefunden werden, wie sich ein Oberstdorfer von einem Kemptener unterscheidet, bleibt nur der Weg über einzelne Wörter und Laute. Die lange Reihe von Beispielen reicht vom Wort für Mädchen bis zum Wort für stur, und jedes davon markiert auf seine Art eine kleine Grenze.

Woher die Annahme vom einen Dialekt kommt

Dass ein einheitlicher Allgäuer Dialekt vermutet wird, hat mehrere Gründe. Der Name Allgäu bezeichnet eine Landschaft, die weder an einem Landkreis noch an einem Bundesland endet. Die Landschaft reicht vom Oberallgäu über Kempten und das Ostallgäu bis in den Westen nach Wangen und Isny, die zu Baden-Württemberg gehören. Das Vertrauen auf den Namen weckt die Erwartung an eine Sprache, die so groß ist wie die Landschaft selbst. Hinzu kommt der Blick von außen. Für Hörer aus Norddeutschland klingt alles zwischen Bodensee und Lech nach Süden, und aus dieser Entfernung verschwimmen Unterschiede, die vor Ort sofort auffallen.

Auch die Sprachgeschichte trägt zur Verwirrung bei. Das Schwäbische gilt in der Sprachwissenschaft als enger Verwandter des Alemannischen, beide stammen aus derselben Dialektgruppe. Die Unterschiede liegen in Einzelheiten, doch genau diese Einzelheiten markieren eine Grenze, die von Ort zu Ort verschieden verlaufen kann. Das Alemannische südlich von Immenstadt und im Westallgäu bis Wangen und Isny wird als Niederalemannisch eingeordnet. Der Norden des Oberallgäus mit Kempten, das Unterallgäu mit Memmingen und das Ostallgäu mit Kaufbeuren werden von vielen Sprachforschern dem Schwäbischen zugerechnet. Mundartlisten führen diese Gegenden dennoch häufig unter dem Sammelnamen Allgäuerisch, weshalb die Zuordnung je nach Lehrmeinung verschieden ausfällt.

Was einzelne Wörter über die Herkunft verraten

HochdeutschOberallgäuOstallgäuWestallgäu
AlmabtriebViehscheidAlpabtriebFehrschoid
MädchenFeelFeelSchputl oder Feel
JungeBüeBueBue
KopfGrindGrendGrind
Jungrindledigs VäeSchumpeSchump
KammSchträälSchträälSchrääla
sturgschterrgrindiggschterrgrendegoigagrindig
immerallatallatallat oder allbot

Am deutlichsten werden die Unterschiede an Wörtern des täglichen Lebens, wie die Gegenüberstellung der drei Mundartgebiete zeigt. Die Schreibweise schwankt, weil Mundart keine feste Rechtschreibung besitzt. Die Tabelle gibt daher Lautungen wieder, nicht amtliche Formen.

Auffällig ist, wie stark sich ein und dasselbe Fest in der Benennung aufspaltet. Der Viehscheid im Oberallgäu, der Alpabtrieb im Osten und der Fehrschoid im Westen beschreiben dasselbe Ereignis, nämlich die Rückkehr des Almviehs ins Tal. Wie dieses Ereignis abläuft, lässt sich im Text zum Viehscheid nachlesen. Sprachlich spannend ist außerdem das Wort Grind für den Kopf: Es steckt auch in gschterrgrindig, dem sturen Menschen, und in oigagrindig, dem eigensinnigen. Mundartwörter bilden also Familien, die in jedem Gebiet leicht anders ausfallen. Beim Jungrind trennen sich die Gebiete am weitesten, denn ledigs Väe im Oberallgäu und Schump im Westen haben außer der Bedeutung kaum etwas gemeinsam. Ein Wort aus dem Süden, in Kempten benutzt, wird dort verstanden und erntet trotzdem gelegentlich ein Schmunzeln. Wörter wandern zwar mit den Menschen, behalten aber ihre Lautung, und genau daran lässt sich ihre Herkunft ablesen. Auch Kinderwörter folgen dem Muster: Der Junge heißt im Oberallgäu Büe mit Umlaut, in den anderen beiden Regionen Bue ohne Umlaut, und ein einziger Laut genügt, um die Gegend zu erkennen. Dazu kommt die Betonung, die zwischen Tal und Tal wechselt und sich in keiner Tabelle abbilden lässt.

Der Hörtest mit drei Wörtern

Für Sprachforscher ist die bekannteste Trennlinie des Allgäus nach einem Wort benannt: die Wiib-Weib-Linie. Die Linie unterscheidet, ob das Wort Weib in der Mundart ähnlich wie Wiib mit langem i klingt oder mit dem Zwielaut wie im Schriftdeutschen. Südlich der Linie, im alemannischen Teil, bleibt das alte lange i erhalten, nördlich davon setzt sich der Zwielaut durch. Die Linie verläuft ungefähr über Wangen, Isny und Weitnau. Zwei weitere Wörter ergänzen den Test. Im Argental heißt das Haus Hus mit langem u, und jemand, der zur Beichte geht, geht bichta. Nördlich der Linie lauten die Formen Haus und Beichten, also so, wie sie auch das Schriftdeutsche kennt. Drei Wörter genügen also, um eine Mundart grob zu verorten: Weib, Haus, beichten. Die Entfernungen sind dabei überschaubar. Zwischen Oberstdorf und Kempten liegen nur etwa 70 Straßenkilometer, und trotzdem lässt sich auf dieser Strecke ein Wechsel der Lautung hören. Die Grenze ist dabei kein scharfer Strich, sondern ein Übergangsstreifen, in dem Sprecher beide Formen kennen und je nach Gesprächspartner wechseln. Ein Dorf nahe der Linie kann deshalb Wörter aus beiden Welten verwenden, was Mundartforscher beim Sammeln regelmäßig vor Rätsel stellt.

Wo der Kern der Annahme stimmt

Ganz falsch liegt die Vorstellung vom einen Allgäuer Dialekt nicht, denn es gibt Gemeinsamkeiten, die über die Grenzlinien hinweg bestehen. Die Landschaft prägt den Wortschatz, und wo Alpwirtschaft, Vieh und Käse zum Leben gehören, tragen die Wörter dafür in vielen Tälern verwandte Wurzeln, auch wenn die Lautung wechselt. Dazu kommt, dass Dialektsprecher aus dem Allgäu einander meist problemlos verstehen, selbst wenn einzelne Wörter fremd klingen. Die Unterschiede wirken deshalb eher wie Färbungen innerhalb einer Sprachfamilie als wie Sprachbarrieren, und genau das macht den Sammelnamen Allgäuerisch im täglichen Sprachgebrauch brauchbar, auch wenn er für die Forschung zu grob bleibt. Vier Beobachtungen belegen die Gemeinsamkeiten:

  • Das Wort allat für immer kommt in allen drei Mundartregionen vor.
  • Die Wurzel Grind steckt in den Mundartwörtern für Sturheit im Oberallgäu, im Ostallgäu und im Westallgäu gleichermaßen.
  • Fast jede Gemeinde besitzt Wörter, die schon im Nachbardorf anders lauten und sich deshalb als Ortszeichen eignen.
  • Kinderwörter wie Büe und Bue unterscheiden sich häufig nur in einem einzigen Laut.

Auch die Mundart selbst verändert sich, ohne dass ein Beschluss dahintersteht. Wörter für Dinge, die aus dem täglichen Leben verschwinden, gehen mit ihnen verloren, während neue Wörter aus dem Hochdeutschen nachrücken. Viele Kinder wachsen heute mit Hochdeutsch auf, und Heimatpfleger warnen, aus dem Dialekt könne eine Museumssprache werden, wenn niemand ihn im täglichen Gespräch weitergibt. Das macht das Sammeln der Wörter dringlicher, als ein Wortvergleich zunächst vermuten lässt, und erklärt, warum Mundartwörterbücher einzelner Orte, etwa zur Oberstdorfer Mundart, ihren Wert behalten. In solchen Bänden stehen keine Rechtschreibregeln, sondern gesammelte Lautungen, die nirgendwo sonst festgehalten sind.

Sagen aus dem Allgäu und ihre Schauplätze

Sagen unterscheiden sich von Märchen durch einen festen Ort. Eine Sage hängt an einem bestimmten Berg, an einem See oder einer Wiese, und die Erzählung erklärt, was die Menschen sich auf andere Weise nicht erklären konnten: warum ein Stein so daliegt, warum eine Alpe verödet ist oder woher ein Name kommt. Im Allgäu sind solche Geschichten über Generationen mündlich weitergegeben worden, und viele von ihnen haften bis heute an Gipfeln, Seen und Tälern, die Wanderer kennen.

Die bekanntesten Überlieferungen stammen aus den Bergen rund um Hochvogel, Grünten und Säuling, aus dem Hintersteiner Tal und aus dem Kleinwalsertal. Dort treten Berggeister, kleine Schatzsucher, Wilde Fräulein, ein Ungeheuer im See und der Teufel höchstpersönlich auf. Wichtig ist der Unterschied zwischen Überlieferung und Tatsache: Eine Sage berichtet nichts, was sich nachprüfen ließe, sie spiegelt Ängste, Hoffnungen und Sorgen des täglichen Lebens der Menschen, die sie erzählten. Aus diesem Grund lohnt es sich, die Orte zu kennen, an denen die Geschichten spielen, denn das Gelände liefert den Schlüssel zum Verständnis. Die folgenden Abschnitte erzählen die Überlieferungen in knapper Form und ordnen ein, was dahinterstecken könnte. Auf diese Weise bleibt erkennbar, was Überlieferung ist und was geologische oder geschichtliche Tatsache.

Wozu im Gebirge Sagen erzählt wurden

Menschen in den Bergen hingen von Dingen ab, die er nicht beeinflussen konnte: Wetter, Lawinen, Steinschlag, Futter und Wasser. Eine Sage ordnet diese Unsicherheit, indem sie dem Unerklärlichen eine Gestalt gibt. Ein Berggeist verursacht den Steinschlag, ein Fluch lässt die Weide verdorren, ein Teufel wirft Felsen ins Tal. Solche Bilder machen Naturereignisse erzählbar und damit weniger bedrohlich.

Zugleich dienten die Geschichten der Gemeinschaft. Die Erzählungen hielten fest, wo ein Platz als heikel galt, welches Verhalten als gutes Benehmen zählte und wem Hochmut oder Härte zum Verhängnis wurde. Die Allgäuer Überlieferungen zeigen dabei ein auffälliges Muster: Viele Figuren sind nicht durchweg böse. Die kleinen Schatzsucher am Grünten gelten als harmlos, die Wilden Fräulein als fleißig und hilfsbereit, und selbst der Teufel scheitert in der Sage meist an seinem eigenen Ungeschick. Diese Mischung aus Furcht und Humor erklärt, warum die Geschichten so lange lebendig geblieben sind. Erzählt wurde am Herd, auf der Alpe und beim Hüten erzählt, und jede Generation formte die Details ein wenig um. Das Ergebnis sind Varianten, die sich im Namen eines Berges, im Ausgang oder in der Zahl der Beteiligten unterscheiden und doch als dieselbe Geschichte erkennbar bleiben. Sammler haben später versucht, diese Fassungen festzuhalten, ohne ihnen den Reiz zu nehmen.

Sieben Schauplätze im Überblick

SchauplatzGestalt oder MotivWas die Erzählung deutet
HochvogelBerggeist, ein Venedigermännle mit bösen AbsichtenBergbau und Gefahr im Fels
GrüntenVenedigermännle und ein GoldbrünnleSchatzsuche und verborgener Reichtum
Sturmannshöhle bei ObermaiselsteinKleine SchatzsucherHöhlen als Wohnorte der Männle
Wildfräuleinstein im Hintersteiner TalWilde FräuleinFleißige, gute Wesen in abgelegenen Tälern
Schrecksee im Hintersteiner TalOdin und ein UngeheuerTiefe und Unheimlichkeit eines Bergsees
SäulingHexen und TeufelHexenwahn und Steinwurf
Gottesacker im KleinwalsertalFluch eines BettlersKarstlandschaft statt Weide

Die Tabelle zeigt, dass sich die Motive wiederholen: Reichtum im Berg, Wesen in der Wildnis und Strafe für Hartherzigkeit. Hochvogel und Grünten gehören zu den Gipfeln des Oberallgäus, der Grünten ragt mit 1.738 Metern am nördlichen Rand der Allgäuer Alpen auf, der Hochvogel erreicht 2.593 Meter an der Grenze zu Tirol. Der Säuling steht mit 2.047 Metern bei Füssen im Ostallgäu, was zeigt, dass die Überlieferungen nicht an die Grenzen des Oberallgäus gebunden sind. Die Sagen wandern mit den Erzählern von Tal zu Tal und werden dabei dem Ort angepasst, an dem sie gerade erzählt werden. Der Grünten ist ein Berg mit Wanderwegen und Aussicht, und die Frage nach dem Goldbrünnle führt zu einer Erzählung statt zu einer Quelle. Genau das macht die Schauplätze für Spaziergänger reizvoll: Das Gelände bleibt gewöhnlich, die Geschichte verleiht ihm einen zweiten Boden. Hochvogel, Grünten und Säuling lassen sich zu Fuß erreichen, der Gottesacker liegt auf dem Weg durch das Kleinwalsertal, und der Schrecksee ist Ziel einer Bergtour im Hintersteiner Tal. Mit der Sage im Kopf sieht der Besucher das Gelände mit anderen Augen. Zugleich bleiben die Orte reale Landschaften, auf denen Hirten das Vieh weiden ließen und auf denen Bergsteiger heute ihre Touren planen.

Venedigermännle und die Wilden Fräulein

Am Grünten, so wird erzählt, fließt ein Goldbrünnle, dessen Zugang nur geschickte Männle finden. Diese Venedigermännle sind kleine, harmlose Wesen, die nach Schätzen suchen. Im Hintergrund steht eine historische Erfahrung: Im Alpenraum zogen Erzsucher umher, die man Venediger nannte, und ihre Geschichten haben sich in den Männle verewigt. Eine kleine Szene aus der Überlieferung zeigt die Eigenart dieser Wesen. Einen Stein, den ein Hirte einem Ochsen nachwarf, erklärten die Männle für wertvoller als das ganze Tier, weil sie das Gestein anders einschätzten als der Mensch. Auch die Sturmannshöhle bei Obermaiselstein gehört zu diesem Sagenkreis.

Am Hochvogel tritt dagegen ein Berggeist auf, eine Art Venedigermännle mit Bergbau und schlechten Absichten. Wesen derselben Gattung können also freundlich oder bedrohlich sein, je nach Berg und Erzähler. Im Hintersteiner Tal wiederum erzählt man von den Wilden Fräulein, am Wildfräuleinstein. Die Fräulein gelten als fleißig und gut, und hinter ihnen vermuten manche die keltische Bevölkerung, die sich in abgelegenen Tälern gehalten haben könnte. Am Schrecksee heißt es, Wotan habe seinen Hengst am Wildsee zurückgelassen, und ein Mann, der mit einem Stein die Tiefe des Sees messen wollte, sei von einem Ungeheuer bedroht worden, das ihn fressen wollte.

Der Gottesacker im Kleinwalsertal

Eine der eindringlichsten Sagen handelt vom Gottesacker im Kleinwalsertal. Älpler jagten einen Bettler davon, der daraufhin die Alpe verfluchte. Die Weide verödete, und heute zeigt sich dort ein weites Karstplateau mit zerklüfteten Kalkplatten. Die Geschichte ist eine Mahnung gegen Hartherzigkeit, und sie verknüpft eine sittliche Lehre mit einem Landschaftsbild, das jeder Wanderer vor Augen hat. Der Gottesacker gehört zu den auffälligsten Landschaftsformen der Region, und wer ihn überquert, bewegt sich über Kalkplatten, die wie aufgeschlagene Seiten eines Buches wirken. Die Erzählung nimmt diese Strenge auf und macht aus dem Gelände eine Strafe.

Das Plateau selbst hat eine nüchterne Erklärung. Karst entsteht, wenn Regenwasser Kalkstein löst und das Gestein Furchen, Spalten und Löcher bekommt. Auf solchen Flächen versickert das Wasser rasch, der Boden bleibt dünn, und eine Weide hat es schwer. Die Sage setzt an die Stelle dieses langsamen Vorgangs ein einzelnes Ereignis mit einer eindeutigen Ursache und einem Schuldigen. Dieser Gedanke lässt sich auf viele Überlieferungen übertragen: Wo die Natur langsam arbeitet, erzählen die Menschen von einem plötzlichen Eingriff, der leicht zu behalten ist und eine Lehre enthält. So wurde aus der Geologie eine Geschichte, die Kinder und Erwachsene verstehen konnten, ohne etwas über Gesteine zu wissen.

Hexen und Teufel auf dem Säuling

Das Gipfelplateau des Säulings heißt Hexabödle. Der Name allein verweist auf Hexen, und die Sage fügt den Teufel hinzu: Er soll von dort einen Stein nach Roßhaupten geschleudert haben, um die dortige Kirche zu zerstören. Der Stein verfehlte sein Ziel, und die Kirche blieb stehen, als sei nichts geschehen. Der Teufel erscheint in solchen Erzählungen häufig als jemand, der mit großem Aufwand wenig erreicht, und das macht die Geschichte auch heute noch unterhaltsam. Gleichzeitig dient der Steinwurf als Erklärung für Findlinge und Felsbrocken, die einzeln in der Landschaft liegen und sich nicht gleich einem Ursprung zuordnen lassen. Der Name Hexabödle hält die Erinnerung an die Erzählung bis heute am Gipfel fest.

Hinter den Hexen- und Teufelssagen steht ein ernster Hintergrund, der Hexenwahn der frühen Neuzeit. In Oberstdorf endete 1587 ein Hexenprozess gegen den Hirten Chonrad Stoeckhlin mit dessen Hinrichtung, ein belegter Fall, der zeigt, dass die Furcht vor Zauberei im Allgäu auch außerhalb der Erzählungen eine Rolle spielte. Die Sagen verwandeln diese Angst in Geschichten, bei denen am Ende meist die Kirche, das Dorf oder die Vernunft gewinnt. Beim Lesen empfiehlt es sich, beides zu trennen: die überlieferte Erzählung und den historischen Hintergrund, der ihre Entstehung begünstigt hat.

Als Merkmale einer echten Sage gelten der feste Ortsbezug mit Berg, See oder Stein, die mündliche Weitergabe, bei der sich Einzelheiten verändern, die Erklärung einer Eigenheit der Landschaft oder des Brauchs und eine Lehre, etwa gegen Habgier oder Hartherzigkeit. Als geschichtlicher Bericht gilt der Inhalt nicht.

Der Viehscheid im Allgäu und seine Bedeutung

Ein einziger Tag im September entscheidet im Allgäu darüber, ob ein Sommer auf der Alpe als gelungen gilt. Kommen alle Tiere gesund ins Tal zurück, trägt die erste Kuh des Zuges einen Kopfschmuck aus Blumen, und das ganze Dorf feiert mit. Der Viehscheid ist die Rückkehr des Alpviehs von den Sommerweiden und zugleich das Ende des Bergsommers. Das Wort lässt sich rasch erklären: Die Tiere mehrerer Besitzer haben den Sommer gemeinsam verbracht und werden im Tal wieder auseinandergeführt, also geschieden. Aus dem nüchternen Vorgang ist ein Fest geworden, das Einheimische und Gäste gleichermaßen anzieht. Blasmusik, geschmückte Tiere und das tiefe Geläut der Schellen gehören ebenso dazu wie die Frage, welches Tier den Zug anführt. Dahinter steht ein bäuerlicher Jahreslauf, der das Allgäu seit langer Zeit prägt: Im Sommer weidet das Vieh in der Höhe, damit auf den Talwiesen das Heu für den Winter wachsen kann, und im Herbst kehrt es heim. Der Viehscheid markiert damit Abschluss und Abrechnung eines Sommers, in dem Älpler, Bauern und Tiere aufeinander angewiesen waren und in dem jeder Verlust zählte. Jeder Hof im Dorf hat Tiere auf der Alpe stehen, und deshalb betrifft der Tag fast alle Familien im Ort.

Warum die Tiere im Tal geschieden werden

Auf vielen Allgäuer Alpen weiden Jungrinder und Kühe verschiedener Höfe gemeinsam, weil die Pflege einer Alpe für einen einzelnen Betrieb kaum zu stemmen wäre. Der Auftrieb im Frühsommer verläuft meist ohne großes Aufsehen. Etwa 100 Tage bleiben die Tiere danach oben auf den Weiden, und in dieser Zeit sorgen Älpler und Hirten dafür, dass sie gesund bleiben, genug Futter finden und nicht abstürzen. Auch das Wetter spielt eine Rolle, denn Gewitter und Kälteeinbrüche gehören zum Bergsommer. Wird das Futter knapp oder fällt früh Schnee, kann der Abtrieb auch vorgezogen werden.

Im Tal wartet der Scheidplatz, ein fester Platz am Ortsrand oder im Dorf, an dem die gemeinsame Herde wieder getrennt wird und jedes Tier zu seinem Besitzer zurückkehrt. Früher wurden die Rinder dafür mitten durchs Dorf getrieben, und an manchen Orten geschieht die feierliche Übergabe noch heute. Die Termine verteilen sich über den Herbst und hängen vom Ort und von der Alpe ab. In Schöllang, einem Ortsteil von Oberstdorf, kehren rund 700 Jungrinder von vier Alpen zurück, in Pfronten kommen die Tiere von sieben Alpen, und dort zieht sich das Viehscheidprogramm über zwei Wochen. Die schweren Scheidschellen kündigen jeden Zug schon aus der Ferne an, und das Dorf versammelt sich an der Strecke, um die Tiere zu begrüßen.

Die Kranzkuh und der Kopfschmuck

An der Spitze des Zuges geht die Kranzkuh, ein Tier, das schon von weitem auffällt. Der Kopfschmuck wird aufwendig geflochten, und Blumen, Spiegel und Glocken gehören dazu. Er ist mehr als Zierde, denn er verrät etwas über den Sommer: Die Kranzkuh steht für eine Alpzeit ohne Unfälle. Ist eine Alpe ohne Verlust geblieben, wird das Leittier festlich herausgeputzt, und der Zug zieht unter Musik ins Tal. So wird aus dem Schmuck eine Nachricht an das ganze Dorf.

Fehlt der Schmuck, hat es auf der Alpe einen Verlust gegeben, und die Zuschauer verstehen die Botschaft ohne ein Wort. Dieser stille Teil des Brauchs wird leicht übersehen, weil im Vordergrund das Fest steht. Auch die Schellen sind Teil der Sprache des Tages. Die Schellen hängen an breiten Riemen und geben jedem Zug einen eigenen Klang. Das Binden eines Kranzes kostet viel Zeit und Geschick, und die Arbeit wird in den Ortschaften von Hand erledigt. Daran zeigt sich, wie viel Sorgfalt in dem Brauch steckt und wie sehr die Dörfer an ihm hängen. Mancherorts erinnern Kranz und Schellen noch Wochen später in Stuben und Ställen an den Tag.

Zahlen aus den Allgäuer Alpen

Wie groß das Allgäu in der Alpwirtschaft ist, zeigen die Größenordnungen. Zahlen aus dem Jahr 2018 nennen für das Allgäu rund 700 Alpen mit etwa 30.000 Rindern. Teilt sich die Zahl der Rinder durch die Zahl der Alpen, ergeben sich im Schnitt etwa 43 Tiere je Alpe, ein Wert, der kleine Familienalpen und große Gemeinschaftsalpen vermischt. Mit diesem Wissen lässt sich ein Viehscheid richtig einordnen: Je nach Ort sind es ein paar Dutzend Tiere oder mehrere hundert, die den Scheidplatz erreichen.

Wie stark der Durchschnitt streut, zeigt Schöllang. Vier Alpen schicken zusammen rund 700 Jungrinder ins Tal, im Mittel also etwa 175 pro Alpe, das Vierfache des Allgäuer Durchschnitts. Auch die Zeit auf der Alpe lässt sich umrechnen: Bei rund 100 Tagen verbringen die Tiere gut ein Viertel des Jahres in der Höhe, denn 100 geteilt durch 365 ergibt knapp 27 Prozent. Den Rest des Jahres stehen sie im Stall oder auf den Weiden rund um den Hof. Die Alpen prägen deshalb das Landschaftsbild genauso wie den gesamten Jahresablauf der Betriebe, die das Vieh im Frühsommer hinaufschicken und im Herbst wieder abholen.

Einen Viehscheid besuchen

Der Ablauf eines Viehscheids ähnelt sich von Ort zu Ort, auch wenn die Größe stark schwankt. Am Morgen öffnet meist das Festzelt, im Lauf des Vormittags treffen die ersten Herden ein, und auf dem Scheidplatz werden die Tiere an die Besitzer zurückgegeben. Danach beginnt der Festbetrieb mit Blasmusik, regionalen Spezialitäten und Ständen mit Handwerk aus der Gegend. Die Zufahrt zum Scheidplatz bleibt während des Abtriebs häufig mehrere Stunden gesperrt, deshalb lohnt sich eine frühe Anreise, am besten mit Bahn oder Bus.

Ein Termin lässt sich im Voraus nur bei den Gemeinden oder Tourismusbüros erfragen, denn er ändert sich von Jahr zu Jahr. Zum Viehscheid gehören wettergerechte Kleidung und festes Schuhwerk, weil der Boden auf Wiesen und Straßen nass und rutschig sein kann. Beim Fotografieren gilt es, Abstand zu halten, denn die Tiere sind nach dem langen Abstieg müde und von der Menge aufgeregt. Am Rand der Strecke findet sich genug Platz, um den Zug in Ruhe zu beobachten und dem Klang der Schellen zuzuhören. Frühankommer sehen außerdem das Binden der letzten Kränze und das Sammeln der Herden vor dem Einzug.