Was kaum jemand über Oberstdorf weiß

Der südlichste ganzjährig bewohnte Ort Deutschlands besteht heute aus einem einzigen bewohnten Haus, einem Berggasthof im Stillachtal. Solche Einzelheiten liegen in Oberstdorf an vielen Stellen versteckt: Hinter bekannten Namen stehen Tatsachen, die in keinem Prospekt vorkommen. Der Mann, nach dem die Skiflugschanze benannt ist, baute die Sprunganlagen für gleich fünf Olympische Winterspiele. Der Aufzug an der Schanze fährt nicht senkrecht, sondern schräg hinauf, und ein Sturz von 1970 ging als Sinnbild der Niederlage durch die Fernsehsender der Welt.

Oberstdorf zählt rund 9.300 Einwohner und wird gern an Zahlen gemessen, an Gipfelhöhen, Sprungweiten und Gehzeiten. Hinter diesen Werten stehen Menschen und Entscheidungen, die den Ort geformt haben. Jahreszahlen, Höhen und Wege lassen sich prüfen, und sie zeichnen das Bild einer Gemeinde, die mehr enthält als Postkartenmotive. Manche Fakten stehen in keiner Zeitleiste, weil sie zu klein sind, andere sind so groß, dass sie auf Plakaten stehen und trotzdem kaum jemand bemerkt, was sie bedeuten. Die vier Schauplätze, um die es hier geht, liegen alle in derselben Gemeinde, und keiner steht für eine Rangfolge, denn jede Geschichte lässt sich für sich erzählen.

Einödsbach, der Weiler am Ende der Straße

Rund zehn Kilometer südlich des Ortskerns, im Stillachtal, liegt Einödsbach. Die Höhe liegt bei gut 1.100 Metern, genaue Angaben schwanken von Quelle zu Quelle. Für einen Ort mit Dauerbewohnern ist das eine Höhe, auf der der Winter früh beginnt und spät endet. Früher standen dort drei Häuser, die das ganze Jahr bewohnt waren, und in der Katharinenkapelle fanden regelmäßig Gottesdienste statt, heute ist es still geworden, denn nur der Berggasthof ist noch bewohnt. Die Geschichte des Weilers lässt sich in wenigen Daten zusammenfassen, die bei einer Handvoll Häusern erstaunlich klingen.

  • Anfang des 16. Jahrhunderts erstmals schriftlich erwähnt, damals drei Häuser und eine Kapelle
  • 1808 selbstständige Gemeinde
  • Heute ist nur noch der Berggasthof bewohnt
  • Der Gasthof ist seit rund 150 Jahren in Familienbesitz

Der Weg dorthin gehört zur Besonderheit, denn wer nach Einödsbach will, muss den Motor abstellen und gehen. Autos enden am Parkplatz der Fellhornbahn, von dort fährt ein Bus nach Birgsau, und den Rest erledigen Besucher zu Fuß: Etwa eine Stunde dauert der Marsch durch das Stillachtal. Von Einödsbach führen Wege weiter durch das Bacherloch zum Waltenberger Haus auf 2.084 Metern, die Wanderung dauert rund dreieinhalb Stunden. Bei einem Höhenunterschied von knapp 1.000 Metern ergibt das einen Anstieg von etwas weniger als 280 Metern in der Stunde, denn 971 geteilt durch 3,5 ergibt diesen Wert.

Heini Klopfer, der Mann hinter den Schanzen

Auf dem Schild der Skiflugschanze steht ein Name, den nur wenige einordnen können. Heinrich Klopfer wurde am 3. April 1918 geboren und starb am 18. November 1968 in Oberstdorf, er wurde also 50 Jahre alt. Als Skispringer scheiterte er mit 17 Jahren an der Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 1936. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete er mit Sepp Weiler und Toni Brutscher das Oberstdorf Jumping Trio und wandte sich dem Schanzenbau zu. Als Architekt entwarf oder beriet er bei mehr als 250 Schanzen und gestaltete die Rekonstruktion der Holmenkollbakken in Oslo, der traditionsreichen Schanze der norwegischen Hauptstadt.

Am meisten fällt auf, wie viele Spiele Klopfer begleitete: Er entwarf alle Olympiaschanzen von 1960 bis 1976, das sind die Winterspiele von 1960, 1964, 1968, 1972 und 1976, also fünf Stück in 16 Jahren. Beim Internationalen Skiverband war er technischer Kommissar für Skispringen, und die Skiflugschanze in Oberstdorf trägt seit 1970 seinen Namen, zwei Jahre nach seinem Tod. Ein Architekt, der fünf Olympiaden mit Schanzen versorgte, prägte ein Vierteljahrhundert des Skisports, vom Wiederaufbau nach 1945 bis zu den Spielen der Siebzigerjahre. Wie stark er das Skispringen formte, zeigt sich weniger in Preisen als in Anlagen, die bis heute genutzt werden.

Der Schrägaufzug und ein Sturz mit Folgen

Die Skiflugschanze hat eine Eigenheit, die auf Fotos leicht untergeht: Ein diagonales Aufzugssystem führt Besucher bis zur Spitze der Anlage. Die Fahrt verläuft also nicht senkrecht wie in einem gewöhnlichen Lift, sondern schräg den Hang hinauf. Von Oberstdorf aus sind es etwa sieben Kilometer bis zur Anlage, und die schräge Fahrt vermittelt vom ersten Meter an, wie steil eine Schanze gebaut ist. Der Blick von oben zeigt, wie lang der Weg vom Absprung bis zum Aufsprung wirkt, auch wenn Springer ihn in wenigen Sekunden zurücklegen.

Zur Geschichte der Schanze gehört außerdem ein Sturz, den ein Millionenpublikum kennt, ohne zu wissen, wo er geschah. 1970 stürzte der Springer Vinko Bogataj bei einem Sprung, und die Aufnahmen liefen in der amerikanischen Sendung Wide World of Sports unter dem Titel The Agony of Defeat, was sich mit Qual der Niederlage übersetzen lässt. Der Titel wurde zu einem feststehenden Begriff für das Scheitern im Sport. Das Jahr 1970 ist zugleich das Jahr, in dem die Anlage den Namen von Heini Klopfer erhielt, und beide Ereignisse hängen so in der Geschichte der Schanze eng beieinander.

Eis, Sommer und der Schrofenpass

Der Eindruck vom reinen Schneeort übersieht, dass im Eiskunstlaufzentrum das ganze Jahr gearbeitet wird. Die Nebelhorn Trophy, ein jährlicher Wettbewerb im Eiskunstlauf, trägt den Namen des Berges über dem Ort in die Welt. Im Mai findet in Oberstdorf einer der beiden Wettbewerbe der Internationalen Eislaufunion für Erwachsene statt, bei denen die Teilnehmer mindestens 28 Jahre alt sein müssen. Ein Bergort, der im Frühjahr einen Wettkampf für Erwachsene ausrichtet, passt schlecht zum Bild vom reinen Winterort und gut zu einer Gemeinde, die ihre Termine über das ganze Jahr verteilt. Das Eis liegt unter Dach, die Termine liegen dort, wo draußen noch Schnee liegt oder bereits Wiesen grünen.

Auch für Radfahrer ist Oberstdorf ein Ausgangspunkt: Mountainbiker starten hier ihre Transalp-Tour über den Schrofenpass. Einödsbach, Schanze und Eisbahn liegen damit in derselben Gemeinde, in der auch die Radfahrer aufbrechen, und die Radroute beginnt in einem Ort, der zugleich Schauplatz von Weltcup und Tournee ist. Der Ort ist größer, als ein einzelnes Bild zeigen kann, und seine Überraschungen liegen häufig nur wenige Kilometer vom Marktplatz entfernt, auf einem Weg, einem Aufzug oder einer Eisfläche. Die Gegend im Sommer, im Winter und im Frühjahr zu erleben, zeigt jedes Mal ein anderes Oberstdorf.