Funkenfeuer im Allgäu und der Mythos vom heidnischen Brauch

Der Funken im Allgäu soll angeblich ein Überrest germanischer Frühlingsfeste sein, bei dem der Winter samt Hexe im Feuer endet. Das klingt stimmig, hält einer Prüfung aber schlecht stand. Die älteste greifbare Nachricht über einen Brauch mit brennender Holzscheibe stammt aus dem Jahr 1090, die Hexenpuppe auf der Spitze lässt sich erst im 19. Jahrhundert fassen, und aus germanischer Zeit gibt es dazu keinen einzigen Beleg. Trotzdem lodern am ersten Sonntag nach Aschermittwoch in Allgäuer Dörfern, in Vorarlberg, im Schwarzwald und rund um den Bodensee die Feuer. Im Jahr 2027 fällt dieser Funkensonntag auf den 14. Februar, weil Ostern am 28. März liegt und der Sonntag Invocavit sechs Wochen davor zu finden ist. Hinter dem Datum steckt keine Sonnenwende und keine Tag und Nachtgleiche, sondern der Kirchenkalender, und genau das ist der erste Hinweis darauf, wo der Brauch wirklich herkommt. Den Funken zu verstehen heißt deshalb weniger, in Mythen zu graben, als alte Kalender, Brandberichte und Dorfordnungen zu lesen. Genau dort liegen die Antworten auf die Fragen, warum der Brauch gerade an diesem Sonntag stattfindet, warum eine Hexe oben sitzt und warum ein Knall über Glück oder Pech des Jahres entscheidet.

Woher die Geschichte vom heidnischen Feuer kommt

Die Erzählung vom uralten Kultfeuer stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Damals suchten Gelehrte in allem Ländlichen die Reste einer vorchristlichen Religion und deuteten Feuer, Scheiben und Strohpuppen als Winteraustreibung. Josef Thaler schrieb 1798 in diesem Sinn, und noch 1921 vertrat Franz Josef Fischer ähnliche Ansichten. Solche Deutungen waren bequem, denn sie ließen sich weder beweisen noch widerlegen, und sie passten zum Wunsch, in den Alpen eine Welt zu finden, die älter ist als jede Kirche. Hinzu kam die Hexe. Eine verbrannte Frauenfigur weckt fast zwangsläufig den Gedanken an die Hexenverfolgung der frühen Neuzeit, und so verschmolzen zwei Geschichten zu einer, obwohl sie nichts miteinander zu tun haben. Ein weiterer Grund für die Zähigkeit des Mythos liegt in der Form des Brauchs selbst. Ein hoher Holzstoß, entzündet bei einbrechender Dunkelheit, wirkt zeitlos. Vor einem brennenden Turm aus Fichtenstämmen fragt kaum jemand nach der Aktenlage. Dazu trugen Vereine bei, die das eigene Fest gern mit einer möglichst alten Herkunft schmückten, und Reiseberichte, die das Bild vom heidnischen Feuer weitertrugen. So wurde aus einer Vermutung eine Gewissheit, die in Prospekten bis heute überlebt.

Was die Belege tatsächlich zeigen

Die frühesten Quellen sind nüchtern. Aus dem Kloster Lorsch ist ein Brandbericht von 1090 erhalten, wonach junge Männer am Abend des 21. März eine brennende Holzscheibe warfen und damit das Kloster in Brand setzten. Das ist ein Bericht über ein Unglück und keine Beschreibung eines Festes, doch er zeigt, dass Scheibenschlagen damals bekannt war. Danach klafft eine Lücke bis ins 15. Jahrhundert, aus dem Basel Belege liefert, gefolgt von Luzern, Bregenz und Innsbruck im 16. und 17. Jahrhundert. Zwischen der Nachricht von 1090 und der ersten Hexenpuppe liegen rund 800 Jahre, in denen von einer Figur auf dem Holzstoß nirgends die Rede ist.

Wichtiger als jede Einzelquelle ist der Zusammenhang mit der Fastnacht. Seit der Synode von Benevent im Jahr 1091 beginnt die Fastenzeit mit dem Aschermittwoch, doch der Feuertermin blieb am Sonntag danach hängen. Die heutige Brauchtumsforschung sieht den Funken deshalb als Schlusspunkt der alemannischen Fastnacht, also als Ende der Fleischzeit und als Auftakt der Fastenzeit. Passend dazu heißt der Tag in Vorarlberg Küachlisonntag oder Holepfannsonntag, weil dort Schmalzgebäck aus der Pfanne auf den Tisch kommt. Eine Hexe als Sinnbild von Fastnachtsübermut passt in dieses Bild besser als jede Göttin.

Wie ein Funken entsteht und warum er knallt

Der Aufbau folgt in vielen Orten einem festen Zeitplan, der sich über wenige Tage zieht. Am Faschingsdienstag wird die Funkentanne geschlagen, am Samstag vor dem Funkensonntag beginnt der Aufbau. Um den Stamm legen die Helfer Reisig, alte Christbäume, Transportgestelle und Restholz, und in manchen Gemeinden kommt ein Gerüst aus Fichtenstämmen hinzu. Die Hexe sitzt zuletzt auf der Spitze, eine lebensgroße Figur aus Stoff, die im Allgäu und in Vorarlberg gern mit Schwarzpulver gefüllt wird. Dass dieser Brauch eine praktische Seite hat, zeigt der Blick in den Hof: Früher wanderte beim Frühjahrsputz von Haus und Wiese alles Brennbare in den Stoß, und was an Weihnachtsgrün übrig blieb, erst recht.

  1. Faschingsdienstag: Die Funkentanne wird geschlagen.
  2. Samstag vor dem Funkensonntag: Der Aufbau des Stoßes beginnt.
  3. Sonntag am Tag: Kinder zünden in manchen Orten einen kleinen Funken an.
  4. Sonntag bei Einbruch der Dunkelheit: Das Hauptfeuer wird entzündet.
  5. Sonntag danach: Fiel der Stoß vorher um, wird die Hexe nachträglich begraben.

Der Knall ist mehr als Effekt. Erreichen die Flammen die Hexe und sie platzt, gilt das als gutes Zeichen für das Jahr. Fällt der Stoß vorher um, deuten ihn die Älteren als schlechtes Vorzeichen, und die Hexe wird am Sonntag darauf nachträglich begraben. Auch der Himmel spielt mit. Ein Sternenhimmel in dieser Nacht verspricht der Bauernregel nach eine gute Kirschenernte, und lange Eiszapfen am Haus kündigen eine lange Flachsernte an. Hintergrund dieser Regeln ist die Beobachtung, dass wolkenloser Himmel im Februar Frost bringt, der Knospen bremst und späte Blüten vor Frühfrösten bewahrt.

Rekorde, Verbote und neue Beliebtheit

Die Geschichte des Brauchs verlief alles andere als geradlinig. Die Aufklärung drängte ihn zurück, und nach dem Ersten Weltkrieg ging er stark zurück, in einigen Jahren war er wegen Holzmangels sogar verboten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte vor allem in Vorarlberg eine Wiederbelebung ein, bei der sich Funkenzünfte gründeten und die Türme immer höher wuchsen. Gaißau erreichte im Jahr 2000 eine Höhe von 41 Metern, und 2019 baute Lustenau einen Funken von 60,64 Metern, der den früheren Rekord von 47 Metern aus dem norwegischen Ålesund übertraf. Seit 2010 steht der Vorarlberger Funken auf der österreichischen Liste des immateriellen Kulturerbes, was dem Brauch dort eine Art amtlichen Rang verleiht. Im Allgäu bleibt er dagegen eine Sache der einzelnen Dörfer, Vereine und Jugendgruppen, und genau das macht ihn so unterschiedlich: Hier brennt ein schlichter Holzhaufen auf der Wiese, dort ein schlanker Turm, dessen Bau Wochen dauert.

Wie viel Holz in solch einem Turm steckt, lässt sich grob überschlagen. Ein Stamm von 30 Metern Länge und 40 Zentimetern mittlerem Durchmesser hat ein Volumen von etwa 3,8 Kubikmetern, denn die Querschnittsfläche beträgt rund 0,126 Quadratmeter und wird mit der Länge multipliziert. Das ergibt bei 500 Kilogramm Trockenmasse je Kubikmeter fast zwei Tonnen allein für den Mittelpfosten. Dazu kommt ein Mehrfaches an Beiwerk, was erklärt, warum Gemeinden Genehmigungen, Brandwachen und Abstände regeln.

Was an der alten Erzählung trotzdem stimmt

Ganz falsch lag die ältere Forschung nicht. Einiges an ihrer Sicht hat sich bestätigt, und manches verdient auch heute Respekt. Der Brauch wurde nur an der falschen Stelle verankert, nämlich in einer erfundenen Urzeit statt im Kirchenjahr und im Dorfleben des Mittelalters. Vier Punkte halten der Prüfung stand:

  • Feuer zum Ende des Winters sind in vielen Kulturen belegt, und der Funken fügt sich in eine breite Gruppe von Frühjahrsbräuchen ein, zu der auch das Scheibenschlagen zählt.
  • Der Zeitpunkt vor Frühlingsbeginn passt zu einer Landwirtschaft, die im Februar Vorräte zählte und Platz für die Aussaat schaffte.
  • Der gemeinschaftliche Aufbau stärkt Dörfer und Vereine, was erklärt, warum der Brauch Kriege, Verbote und Moden überstand.
  • Die Hexenfigur ist jung, der Gedanke an Reinigung und Neubeginn dagegen sehr alt.

Auch die Namen erzählen davon. Funken, Holepfann, Küachli und Alte Fastnacht stammen alle aus der Sprache des bäuerlichen Jahres und nicht aus einer Götterwelt, und in jedem steckt ein Hinweis auf Essen, Feuer oder Kalender. Dass der Brauch heute wieder wächst, liegt weniger an altem Glauben als an der Freude, im Winter etwas gemeinsam zu bauen und anzuzünden. Das Feuer wärmt, der Knall der Hexe ruft Staunen hervor, und beim Heimgehen duftet es nach Rauch und frisch gebackenem Schmalzgebäck.

Am Feuer zeigt sich heute deshalb kein germanischer Kult, sondern ein Stück Fastnachtsgeschichte, das Dörfer über Jahrhunderte immer wieder neu zusammengesetzt haben. Mit dem Wissen um die Herkunft lässt sich auch das Dorfjahr besser einordnen: Der zweite große Termin im Brauchtumskalender ist der Viehscheid, bei dem das Vieh von den Alpen ins Tal zieht.

Bad Hindelang im Oberallgäu und seine lange Geschichte

Zwischen dem Talgrund bei der Ostrach und dem Gipfel des Hochvogel liegen im Gemeindegebiet von Bad Hindelang 1812 Höhenmeter. Der tiefste Punkt befindet sich mit 780 Metern an der Ostrachbrücke bei Reckenberg, der höchste mit 2592 Metern auf dem Grenzgipfel zu Tirol, und der Hauptort selbst liegt auf 825 Metern. Mehr als 80 Prozent der Fläche stehen unter Landschafts oder Naturschutz, was erklärt, warum hier weder Hochhäuser noch Industrie das Bild bestimmen. Als Kurort allein ist der Ort nur unvollständig beschrieben, denn dahinter steckt eine lange Geschichte: Bad Hindelang war Markt an einer Salzstraße, Schmiedeort für Spieße und Piken und Gestütsstandort, bevor im 20. Jahrhundert der Fremdenverkehr das Sagen übernahm. Der Beitrag geht diese Stationen der Reihe nach durch und zeigt, warum das Dorf heute zu den vielseitigsten Orten des Oberallgäus zählt, gleichzeitig aber nichts mit dem Trubel eines Wintersportzentrums gemein hat. Dazu gehören ein Gelände mit Tälern, Passstraße und Bergen, ein Handwerk, das seit dem 16. Jahrhundert überlebt hat, und zwölf Ortsteile, die sich über Höhen zwischen 780 und mehr als 1100 Metern verteilen. Zwischen dem tiefsten Punkt und dem Hochvogel liegt damit ein Höhenunterschied, wie ihn kaum eine andere Gemeinde in Bayern aufweist, und jede Höhenstufe hat ihre eigene Geschichte.

Stelle im GemeindegebietHöhe über dem MeerAbstand zum tiefsten Punkt
Ostrachbrücke bei Reckenberg780 m0 m
Hauptort Bad Hindelang825 m45 m
Oberjoch1136 m356 m
Hochvogel2592 m1812 m

1150 bis 1540 vom Rittersitz zum Markt an der Jochstraße

Die früheste Spur führt ins Jahr 1150, als die Herren von Hundilanc in Urkunden auftauchen, eine Ritterfamilie, die dem Ort den Namen gab. Aus dem Namen wurde später Hindelang, und bis zum Jahr 2002 hieß die Gemeinde schlicht so. Im Spätmittelalter wuchs die Bedeutung des Ostrachtals, weil dort ein Übergang nach Tirol lag. Der Bischof von Augsburg verlieh 1429 das Marktrecht, womit der Ort Märkte abhalten durfte und aus einer bäuerlichen Siedlung zu einem Platz mit Handel und Handwerk wurde. Ein solcher Titel veränderte das Gefüge eines Ortes, weil er Rechte und Pflichten gegenüber dem Landesherrn festlegte.

Wirtschaftlich zählte der Weg über das Joch. Über diese Strecke lief unter anderem der Salzhandel, weshalb sie in der Geschichtsschreibung als Teil der Salzstraße gilt, und wer sie besaß oder ausbaute, verdiente daran. Die Grafen von Montfort bauten deshalb 1540 die Route zur Straße aus, was den Fuhrverkehr erleichterte und dem Ort Einnahmen sicherte. Im Jahr 1529 hatten bereits die Fugger ein Gestüt im Tal eingerichtet, ein Hinweis darauf, dass sich selbst das Augsburger Handelshaus für die Weiden und Almen interessierte. Aus einem Weiler mit Rittersitz war binnen vier Jahrhunderten ein Handelsplatz geworden, den Händler und Fuhrleute gut kannten.

Eisen und Piken im Ostrachtal

Im 16. Jahrhundert entwickelte sich neben dem Handel ein zweites Standbein. Im oberen Ostrachtal wurde Eisenerz abgebaut, und das Wasser des Baches trieb Hammerwerke an, in denen Schmiede Spieße, Piken und Hellebarden herstellten. Zwischen 1520 und 1524 gingen Lieferungen von nahezu 20000 Landsknechtspießen an die Heere der Zeit. Verteilt auf rund fünf Jahre entspricht das etwa 4000 Stück pro Jahr oder elf Stück an jedem Kalendertag, eine Menge, die ohne wassergetriebene Hämmer kaum zu schaffen war. Wasser, Holzkohle aus den Wäldern und Erz aus dem Berg lagen im Tal dicht beieinander, und genau diese Dreiheit erklärt den Standort. Hinzu kommt das Gefälle, denn nur wo Wasser genug Kraft entwickelt, lässt sich ein schwerer Hammer antreiben.

Drei der alten Hammerschmieden arbeiten bis heute. Statt Waffen entstehen dort heute schmiedeeiserne Pfannen, und das Handwerk ist eine der wenigen Verbindungen, die vom 16. Jahrhundert ungebrochen ins 21. reichen. Die Pfannen sind ein Beispiel dafür, wie ein Gewerbe seine Kundschaft wechseln kann, ohne seine Technik zu verlieren. Die landwirtschaftliche Seite dieser Berglandschaft steht in der in der Beschreibung des Älplerlebens, deren Tagesablauf mit dem Takt der Schmiedehämmer wenig gemeinsam hatte, aber dieselben Wasserläufe und Wälder nutzte.

  1. 1150: Die Herren von Hundilanc werden erstmals erwähnt.
  2. 1429: Der Bischof von Augsburg verleiht das Marktrecht.
  3. 1529: Die Fugger gründen ein Gestüt im Tal.
  4. 1540: Die Grafen von Montfort bauen die Jochroute zur Straße aus.
  5. 1660: Für den Fürstbischof entsteht das Jagdschloss, das heutige Rathaus.
  6. 1803: Die Säkularisation bringt die Gegend unter bayerische Herrschaft.
  7. 1823: Der Salztransport über den Pass endet.
  8. 1895 bis 1898: Die neue Jochstraße wird gebaut.
  9. 1900: Prinzregent Luitpold verleiht Oberdorf den Titel Bad.
  10. 1965: Anerkennung als Luftkurort und Kneippkurort.
  11. 2001 bis 2002: Die Gemeinde heißt fortan Bad Hindelang.

1660 bis 1900 vom Jagdschloss zum Heilbad

Das Jahr 1660 brachte ein Bauwerk, das noch heute das Ortsbild prägt: das Jagdschloss des Fürstbischofs von Augsburg, in dem später das Rathaus untergebracht wurde. Der geistliche Landesherr ließ es als Jagdsitz errichten, und das Gebäude steht für eine Zeit, in der die Berge zwar als Jagdrevier galten, aber noch nicht als Ziel für Erholungsreisende. Mit der Säkularisation 1803 fiel das Hochstift an Bayern, und für Hindelang begann eine Zeit der Neuordnung. Der Salzhandel verlor an Gewicht und endete über den Pass 1823 ganz.

Der Verkehr kehrte auf andere Weise zurück. Zwischen 1895 und 1898 entstand die neue Straße über das Joch, die mit ihren engen Kehren noch heute für ihre Windungen bekannt ist: Für die Passstraße nach Oberjoch, die B 308, werden 107 Kurven angegeben. Oberjoch selbst liegt auf 1136 Metern. Im Jahr 1900 verlieh Prinzregent Luitpold dem Ortsteil Oberdorf den Titel Bad. Damit begann der Weg vom Markt zum Gesundheitsstandort, der 1965 mit dem Kurortstatus seinen Abschluss fand. Beim Straßenbau und bei der Titelverleihung ging es um dieselbe Frage, nämlich wie ein abgelegenes Tal Anschluss an die Welt findet, und in beiden Fällen spielte der Landesherr eine Rolle: Der Prinzregent vergab Titel, ein Jahrhundert zuvor der Bischof das Marktrecht.

Was von der Geschichte heute zu erleben ist

Das 20. Jahrhundert machte aus der Gemeinde einen Kurort. 1965 wurde sie als Luftkurort und Kneippkurort anerkannt, und 2011 erhielt sie ein Gütesiegel für Allergikerfreundlichkeit. Die Einwohnerzahl stieg von 4718 im Jahr 1988 auf 5168 im Jahr 2018, ein Plus von 9,5 Prozent, liegt damit aber noch unter dem Höchststand von 5606 aus dem Jahr 1950, gerechnet auf das Gemeindegebiet von 1987. Die Gemeinde besteht aus zwölf Gemeindeteilen, darunter Hinterstein, Bad Oberdorf, Vorderhindelang, Oberjoch und Unterjoch, und jeder hat sein eigenes Gesicht, vom Hochtal bis zur Passhöhe.

Spuren der Geschichte sind leicht zu finden. Das Heimatmuseum in Bad Oberdorf und das Kutschenmuseum in Hinterstein erzählen von Handwerk und Verkehr, die Hammerschmieden von Eisen, und seit 1999 findet ein historisches Rennen für klassische Fahrzeuge auf der Jochpassstraße statt. Im Vergleich zu Oberstdorf geht es hier ruhiger zu, mit weniger Bahnen und weniger Nachtleben, dafür mit mehr Handwerk und Schutzgebiet. Hindelang gehört wie Oberstdorf zum Landkreis Oberallgäu, liegt aber im Ostrachtal und damit in einem anderen Talsystem. Der Zusatz Bad im Namen ist erst seit 2002 offiziell, hinter ihm steht ein Titel, der auf das Jahr 1900 zurückgeht.

Langlaufen in Oberstdorf und welche Loipe zu wem passt

Sobald in Oberstdorf genug Schnee liegt, werden rund um den Ort die Loipen gespurt, und vor dem ersten Lauf steht für Einsteiger dieselbe Frage: klassisch oder Skating? Die Antwort hängt weniger vom Ehrgeiz ab als von Gelände, Material und Fitness, also von Faktoren, die sich vor dem ersten Schritt einschätzen lassen. Das gesamte Netz umfasst je nach Zählung etwa 70 bis 76 Kilometer, und weil der Ort 1987, 2005 und 2021 Schauplatz der Nordischen Skiweltmeisterschaften war, gehört Langlauf seit Langem zum Selbstverständnis des Ortes, auch wenn die Wettkampfstrecken eine andere Liga sind als die Runden für Freizeitläufer. Ein Teil der Loipen beginnt unweit des Bahnhofs, was das Auto für den ersten Tag überflüssig macht, sofern die Unterkunft im Ort liegt. Für Einsteiger lohnt sich eine einfache Rechnung: Bei klassischem Stil und sechs Kilometern pro Stunde braucht für zehn Kilometer fast 100 Minuten, also gut anderthalb Stunden plus Pausen, und bei den 75 Kilometern des gesamten Netzes wären es über zwölf Stunden reine Laufzeit. Eine solche Zeitplanung schützt vor dem häufigsten Anfängerfehler, nämlich der ersten Runde viel zu lang zu wählen und müde zurückzufahren.

Klassisch oder Skating im Vergleich

Beim klassischen Stil laufen die Ski parallel in einer vorgespurten Rille, und der Abdruck geschieht über die Steigzone unter dem Fuß. Der Ablauf ähnelt einem verlängerten Gehen, bei dem Arm und Gegenbein im Wechsel arbeiten (Diagonalschritt), und ist rasch erlernt, was erklärt, warum Familien und Ältere meist diesen Stil wählen. Beim Skating, auch Freistil genannt, stößt sich der Läufer wie beim Eislaufen seitlich ab und gleitet auf der breiten, glatt gewalzten Bahn neben der Spur. Das ist schneller, verlangt jedoch mehr Balance und Rumpfkraft, und es lässt Anfänger zu Beginn schneller ermüden. Der Doppelstockschub, bei dem beide Stöcke gleichzeitig eingesetzt werden, gehört zu beiden Stilen und trägt auf flachen Abschnitten viel zum Tempo bei.

Ein weiterer Unterschied liegt im Material. Skatingski sind kürzer und steifer, klassische Ski länger und mit Haftzone ausgestattet, entweder mit Steigwachs oder mit einer Schuppenstruktur, die ohne Wachs auskommt. Als Faustregel für die Länge gilt bei klassischen Ski die Körpergröße plus 20 bis 30 Zentimeter, beim Skating plus 10 bis 15 Zentimeter. Die Tabelle oben rechnet beide Fälle für 1,75 Meter Körpergröße durch. Bei Unsicherheit empfiehlt sich der klassische Stil für den Anfang und tastet sich später ans Skating heran.

Merkmal bei 1,75 Meter KörpergrößeKlassischSkating
Skilänge1,95 bis 2,05 m1,85 bis 1,90 m
Stocklängeetwa 1,49 metwa 1,56 m
Einsteigertempo6 km/h8 km/h
Zeit für 10 km100 Minuten75 Minuten

Welche Strecke zum eigenen Können passt

Ein Loipennetz ist ein Baukasten, aus dem sich Runden zusammensetzen lassen. Auf gepflegten Strecken liegt die Skatingbahn neben der klassischen Spur, beide werden mit eigenen Geräten präpariert, und auch die Tageszeit spielt mit: Morgens ist die Spur nach der Nacht fest und schnell, am Nachmittag wird sie in der Sonne weicher. Flache Wiesenabschnitte im Talgrund eignen sich für die ersten Stunden, weil sich dort Gleichgewicht und Abdruck üben lassen, ohne dass Abfahrten Angst machen. Die Oberstdorfer Runde etwa führt über Wiesen und Felder, an den Loretto Kapellen vorbei bis zum Renksteg und gehört damit zu den Strecken, die sich ohne große Steigungen gehen lassen. Anspruchsvoller wird es dort, wo die Loipe in die Seitentäler hineinführt und Gefälle oder Gegenanstiege dazukommen.

Ein sinnvoller Maßstab ist die Höhenlage. Oberstdorf selbst liegt auf etwa 813 Metern, das ist hoch genug für regelmäßigen Schnee, aber niedrig genug, dass Tauwetter die Spur im Ortsbereich weich werden lässt, während höhere Seitentäler länger tragen. Deshalb lohnt der Blick in den Schneebericht, und kurze Runden von drei bis fünf Kilometern sind besser als eine lange Tour, die an einer schlechten Stelle endet. Ob für die Nutzung der Loipen eine Gebühr anfällt, ändert sich von Saison zu Saison und wird am besten vor Ort erfragt.

Ausrüstung und Leihen im Ort

Für den Einstieg ist Leihen sinnvoll, weil sich so beide Stile ausprobieren lassen, noch bevor eine Kaufentscheidung fällt. Ein Satz Ski, Schuhe und Stöcke kostet beim Kauf schnell mehrere hundert Euro, bei Leihgebühren fällt dagegen nur ein Bruchteil davon an. Entscheidend ist, dass Schuh und Bindung zusammenpassen, denn nicht alle Bindungssysteme passen zueinander. Beim Abholen eines Leihsatzes wird daher geprüft, ob die Bindung zum Schuh passt, die Skilänge richtet sich nach Körpergröße und Gewicht, und es muss feststehen, ob die Ski klassisch oder fürs Skating gedacht sind. Auch die Stöcke wollen passen: Als Faustregel gilt Körpergröße mal 0,85 beim klassischen Stil und mal 0,89 beim Skating.

Auch die Kleidung folgt einer einfachen Logik. Langlaufen erzeugt viel Körperwärme, weshalb mehrere dünne Schichten besser funktionieren als eine dicke Jacke. Der erste Kilometer fühlt sich kühl an, und genau das ist richtig: Schwitzen am Start führt zum Frieren nach der ersten Rast, weil Baumwolle nass bleibt und auskühlt, während Funktionswäsche Feuchtigkeit nach außen leitet. Handschuhe ohne dicke Polster, eine dünne Mütze und ein Wechselshirt im Rucksack reichen für Strecken bis etwa zwei Stunden.

Planung und Entscheidungspunkte

Eine gute Tour entsteht aus wenigen Überlegungen, die sich vor der Abfahrt klären lassen. Der Ablauf gelingt, wenn jeder Punkt vor dem Start entschieden ist:

  • Stil: Klassisch für den Einstieg und für ruhige Tage, Skating für Läufer mit Balance und Kondition.
  • Dauer: Für zehn Kilometer klassisch bei sechs Kilometern pro Stunde rund 100 Minuten rechnen, beim Skating mit etwa acht Kilometern pro Stunde gut 75 Minuten.
  • Zeitpunkt: Vormittags ist die Spur meist fest, nachmittags in der Sonne weicher.
  • Schnee: Bei Tauwetter kürzere Runden wählen und höhere Lagen bevorzugen.
  • Rückweg: Die Strecke so legen, dass sich jederzeit abkürzen lässt.

Zusammen ergeben diese Punkte ein Gerüst, das sich auf jede Strecke übertragen lässt, ob im Talgrund bei Oberstdorf oder in einem anderen Tal des Oberallgäus. Dazu kommen ein paar Umgangsformen, die auf jeder Loipe gelten: Fußgänger und Schlittenfahrer haben in der Spur nichts verloren, weil Tritte die Rille zerstören, wer überholt, kündigt es kurz an und weicht nach links aus, und wer stürzt, räumt die Spur, damit niemand darüber fällt. Für den Rückweg bleibt Zeit, wenn die Wende rechtzeitig fällt, und als Regel gilt, nach der Hälfte der geplanten Zeit umzukehren, denn der Rückweg fällt bei müden Beinen langsamer aus als der Hinweg. Auch die Verpflegung gehört zur Planung: Tee in einer Thermosflasche und ein Riegel genügen für zwei Stunden, und Wasser in einer ungeschützten Trinkflasche gefriert bei Minusgraden schnell. Ein Zeitpuffer von dreißig Minuten vor Einbruch der Dämmerung sichert die Heimkehr bei Tageslicht. Zum Vergleich der Winterlandschaft mit der Sommerseite lohnt der Blick auf Wanderungen rund um Oberstdorf.

Die Starzlachklamm bei Sonthofen und wie sie entstand

Auf der Karte sieht die Starzlach unscheinbar aus, ein schmaler blauer Faden am Fuß des Grünten bei Sonthofen. Im Gelände frisst sie sich durch eine Gesteinsfalle aus hartem Kalk, in der Wände eng zusammenrücken und das Wasser über Stufen springt. Der Bach, der oberhalb auf etwa 1070 Metern seinen Anfang nimmt, verliert bis zum Ortsteil Winkel auf 760 Metern rund 310 Höhenmeter und hatte genug Zeit, um sich eine Schlucht zu graben, die bis heute über schmale Stege begehbar ist. Dass dort ein Weg entlangführt, verdankt sich einem Baumeister aus Sonthofen und dem Jahr 1932. Fast ebenso erstaunlich ist, wie viel Erdgeschichte auf diesem kurzen Stück zu lesen ist.

Was die Starzlachklamm von anderen Schluchten im Allgäu unterscheidet, ist weniger die Größe als das Gestein. Hier steht kein reiner Fels aus Hauptdolomit an, sondern ein Kalk, in dem sich Reste von Meerestieren erhalten haben. Aus der Nähe betrachtet zeigen die Wände linsenförmige Einschlüsse, die Fossilien einzelliger Lebewesen sind. Mit etwas Geduld lassen sich auch die feinen Schichtfugen verfolgen, in denen das Gestein einst als Schlamm am Meeresboden lag. Wie so ein Bach in so hartem Material arbeitet, warum gerade hier und was zwischen Eiszeit und heutigem Steg passierte, lässt sich Schritt für Schritt erklären.

Wie ein Bach in den Fels sägt

Wasser allein schneidet keinen Kalk. Es arbeitet mit Material, das es selbst mitbringt: Sand, Kies und Gerölle. Wird ein Bach schneller, transportiert er größere Steine, und diese schleifen am Untergrund wie Schmirgelpapier. Die Starzlach hat dafür beste Voraussetzungen, denn das Gefälle ist steil, und in der letzten Eiszeit lieferte Schmelzwasser enorme Mengen, die das Tal schnell vertieften. Das Ergebnis ist ein enger Einschnitt, bei dem die Breite im Vergleich zur Tiefe klein bleibt, was als Klamm gilt und sich von einem breiteren Tobel unterscheidet.

Hinzu kommt eine Vorgabe aus dem Untergrund. Die Klamm folgt einer alten Schwächezone im Kern der Starzlach Mulde, einer Falte, die bei der Bildung der Alpen durch seitlichen Druck entstand. Entlang solcher Zonen sind Gesteinsschichten zerrüttet und lassen sich leichter ausräumen als geschlossener Fels. Dazu kommen die Strudelkolke: Gerölle geraten in einer Vertiefung in kreisende Bewegung und bohren sich wie Fräsen in den Boden. In der Klamm sind mehrere solcher glatt geschliffenen Töpfe zu finden, von der Größe einer Schüssel bis zu mannstiefen Becken. Wo das Wasser über eine Stufe stürzt, höhlt es zudem die Wand unter dem Wasserfall aus, bis der Überhang abbricht und die Stufe flussaufwärts wandert.

Die wichtigsten Zahlen im Überblick

Zahlen helfen, Größenordnungen zu greifen, ohne dass Messgeräte nötig wären, und in einer Klamm stammen sie aus Höhenlinien, aus Gesteinsschichten und aus der Baugeschichte. Die folgende Übersicht stellt zusammen, was sich über die Klamm gesichert sagen lässt, und ordnet jeden Wert ein.

AngabeWertBedeutung
Quelle der Starzlachetwa 1070 MeterUrsprung zwischen Grünten und Wertacher Hörnle
Oberer Zugang Auf dem Ried985 MeterEinstieg von der Alpe Topfen her
Unterer Zugang Winkel760 Meterüblicher Ausgangspunkt bei Sonthofen
Wasserfall in der Klammüber 12 MeterStufe, über die das Wasser in die Tiefe stürzt
Erzkalkbis etwa 50 Meter dickGesteinspaket, das an der Wand zutage tritt
Erschließung1932Bau des Steigs durch Baumeister F. X. Ammann

Aus den Höhenangaben ergibt sich eine einfache Rechnung. Von 985 Metern oben bis 760 Metern unten liegen 225 Höhenmeter zwischen den beiden Zugängen. Das entspricht rund 73 Prozent des gesamten Gefälles von 310 Metern zwischen Quelle und Winkel, die restlichen 85 Meter liegen im Gelände oberhalb des oberen Zugangs. Ein Gang von Winkel bis zum oberen Ende überwindet also höchstens diese 225 Meter, mehr als ein Ausflug auf einen Aussichtsturm, aber weit weniger als eine Bergtour. Auch die anderen Zahlen lassen sich bildhaft übersetzen. Ein Wasserfall von mehr als zwölf Metern entspricht der Höhe eines vierstöckigen Hauses, und der Erzkalk von bis zu 50 Metern Dicke hat die Länge einer Schwimmbahn im olympischen Becken. Gesteinspakete dieser Mächtigkeit brauchen Millionen Jahre, um sich am Meeresboden aufzubauen, während die Starzlach den Einschnitt in vergleichsweise kurzer Zeit schuf, nämlich seit dem Abschmelzen der Gletscher, also in einigen Jahrtausenden.

Muscheln, Krabben und Meeresboden

Das Gestein der Klamm gehört zur Helvetischen Zone, einem Streifen aus Kalken und Mergeln, der in der Kreidezeit und im Paläogen am Rand eines Meeres abgelagert wurde. Das Paläogen reicht von etwa 66 bis 23 Millionen Jahre vor heute. In diesem Zeitraum lebten im warmen Flachwasser Foraminiferen, einzellige Tiere mit Kalkgehäuse. Eine Gruppe davon, die Nummuliten, wuchs zu linsenförmigen Schalen heran, deren Form an Münzen erinnert und die dem Nummulitenkalk den Namen gaben. Rund fünfzehn Arten wurden an der Klamm gefunden, und jede unterscheidet sich in Größe und Windungsform der Schale. Weil die Tiere nach dem Tod in großer Zahl absanken, bauten ihre Gehäuse ganze Gesteinsbänke auf.

Berühmter als diese Schalen ist ein Krebs. Die Krabbe Xanthopsis sonthofenensis ist nach der Stadt benannt, weil Sonthofen als Fundort der Art gilt, und Fachleute sprechen deshalb von einer Typlokalität. Als später die Alpen entstanden und sich die afrikanische gegen die europäische Platte schob, wurde der ehemalige Meeresboden über mehrere Millionen Jahre angehoben und verfaltet, bis er sich als Bergkette über dem Alpenvorland erhob. Der Weg durch die Klamm führt demnach durch einen Querschnitt durch Meeresgeschichte, den die Starzlach freigelegt hat.

Vom Wasserlauf zum Wanderziel

Dass die Klamm besucht werden kann, ist jung. Der Sonthofer Baumeister F. X. Ammann erschloss sie 1932 als Wanderziel mit Stegen und Treppen, und nach Kriegsschäden wurde sie 1949 wieder geöffnet. 1972 erhielt das Gebiet den Status eines Landschaftsschutzgebiets, was bedeutet, dass Eingriffe in die Landschaft genehmigt werden müssen, ohne dass der Zutritt verboten wäre, 1983 folgten eine Sanierung und der Neubau der Klammhütte. Nach Sturmschäden wurden im Jahr 2020 Geländer erneuert. Der Betrieb liegt in der Hand eines gemeinnützigen Tourismusvereins, und die Eintrittsgelder fließen in den Unterhalt der Wege, weshalb Öffnungszeiten und Preise je nach Jahr schwanken. Vor einem Besuch lohnt der Blick auf die aktuellen Angaben der Stadt Sonthofen.

Die Klamm ist kein Ort, an dem die Zeit stillsteht, und was heute als fester Steig erscheint, ist ein Bauwerk im ständigen Wettlauf mit dem Wasser. Hochwasser nach der Schneeschmelze, Frost und Sturmholz verändern den Verlauf der Stege laufend, weshalb Geländer, Stege und Bodenbleche regelmäßig erneuert werden müssen. Wie sich das bei der berühmteren Schwester verhält, steht im Beitrag über die Breitachklamm bei Oberstdorf, deren Schlucht deutlich tiefer ist.

  • Die Starzlach fällt von der Quelle bis Winkel um rund 310 Meter.
  • Der Einschnitt folgt einer tektonischen Schwächezone und wurde im Schmelzwasser der Eiszeit vertieft.
  • Strudelkolke entstehen, wenn Gerölle in Vertiefungen kreisen.
  • Der Nummulitenkalk enthält Fossilien aus dem Paläogen, darunter rund fünfzehn Arten.
  • Als Weg besteht die Klamm seit 1932, nach Kriegsschäden wieder seit 1949.

Allgäuer Krautkrapfen selbst gemacht Schritt für Schritt

Gerollt wie ein Strudel, in Scheiben geschnitten und dicht an dicht in einer Pfanne gegart: Krautkrapfen sind gefüllte Nudelteigschnecken, die im Allgäu mit Sauerkraut und Speck zu den bodenständigsten Gerichten gehören. Der Name führt in die Irre, denn mit Krapfen im Sinne von Schmalzgebäck haben sie wenig gemein. Gemeint sind Scheiben aus dünn ausgerolltem Teig, die erst angebraten und dann in Brühe gegart werden, bis die Unterseite knusprig und die Oberseite weich ist. Das Rezept ist in Kempten ebenso bekannt wie im übrigen Schwaben, und doch unterscheiden sich die Varianten in Teigmenge, Scheibenbreite und Garzeit. Die Fassung aus Kempten kommt mit 300 Gramm Mehl aus, die schwäbische Variante braucht 500 Gramm und schneidet breitere Scheiben. Hier steht die Kemptener Grundform, ergänzt um die Handgriffe, an denen das Gericht gelingt oder misslingt. Die Zubereitung lässt sich an einem Nachmittag vorbereiten und am Abend fertigstellen, weil der Teig ruhen und die Füllung auskühlen muss. Der Aufwand verteilt sich also auf mehrere Etappen, von denen keine schwierig ist, die aber in der richtigen Reihenfolge ablaufen müssen. Ein Rezept für Kässpatzen steht bereits im Beitrag über die Allgäuer Kässpatzen.

Zutaten für vier Portionen

Die Mengen reichen für etwa 12 Scheiben, das sind drei pro Portion bei vier Personen. Die Füllung braucht rohes Sauerkraut, kein vorgegartes aus dem Beutel, weil das Kraut im Topf Brühe aufnimmt und dabei weich wird. Der Speck sollte durchwachsen sein, damit er Fett in die Füllung abgibt, ohne zu trocknen.

  • Teig: 300 g Mehl, 2 Eier, 3 EL Wasser, 1 Prise Salz
  • Füllung: 500 g rohes Sauerkraut, 250 g Brühe, 1 Lorbeerblatt, 100 g Speck, 1 Zwiebel, Salz
  • Zum Garen: 50 g Butter, Brühe zum Aufgießen, Öl zum Anbraten
  • Zum Servieren: Zwiebeln in Butter geschmolzen, Schnittlauch

Eine Pfanne mit hohem Rand oder ein flacher Topf mit Deckel ist nötig, dazu ein sauberes Küchentuch zum Aufrollen und ein Nudelholz. Das Tuch ersetzt Backpapier, weil der dünne Teig daran nicht klebt und sich mitsamt der Füllung sauber einrollen lässt. Ein Nudelholz mit glatter Oberfläche reicht aus. Wegen der Größe des Rechtecks empfiehlt sich eine freie Arbeitsfläche von mindestens 60 mal 60 Zentimetern, denn der Teig lässt sich nicht in Teilen ausrollen und später zusammenfügen, ohne dass Nähte aufplatzen. Die Zwiebel für die Füllung gehört fein gewürfelt in die Füllung, die geschmolzenen Zwiebeln zum Servieren dagegen in Ringen, damit sie als Beilage erkennbar bleiben. Dass Butter und nicht Öl im Topf steht, verleiht den Krapfen die goldene Kruste, weil die Milchbestandteile der Butter beim Anbraten bräunen und dem Gericht seinen nussigen Geschmack geben.

Der Ablauf Schritt für Schritt

Die Reihenfolge entscheidet über das Gelingen, weil Füllung und Teig unterschiedlich lange brauchen. Zuerst entsteht die Füllung, denn sie muss abkühlen, während der Teig ruht. Erst wenn beide Teile bereitliegen, beginnt das Formen. Beim Aufrollen hilft das Tuch: Es wird an einer Kante angehoben und zieht den Teig gleichmäßig nach, sodass keine Luftblasen eingeschlossen werden. Die Rolle sollte fest, aber nicht gequetscht sein, damit die Scheiben ihre Form behalten und die Füllung nicht seitlich austritt. Geschnitten wird mit einem scharfen, dünnen Messer, das nicht drückt, sondern sägt. Wird die Rolle vorher zehn Minuten kühl gestellt, lässt sie sich noch sauberer teilen, weil Teig und Füllung dann fester aneinanderhaften. Die Endstücke der Rolle sind meist schmaler und ohne Füllung an der Kante; sie werden ebenfalls mitgegart und dienen als Kostprobe für den Koch. Beim Setzen in die Pfanne zeigt die Schnittfläche nach oben, damit die Füllung nicht herausfällt und die Spiralen erkennbar bleiben. Mit einem Pfannenwender lassen sich die Scheiben einzeln aufnehmen, ohne dass die Spirale auseinandergezogen wird. Am Rand der Pfanne bräunen sie schneller als in der Mitte, weshalb ein Platztausch nach der Hälfte der Bratzeit für gleichmäßige Farbe sorgt.

  1. Zwiebel und Speck würfeln und in etwas Öl andünsten, bis der Speck Fett abgibt.
  2. Sauerkraut zugeben, mit 250 g Brühe aufgießen, das Lorbeerblatt einlegen und 45 Minuten köcheln lassen. Danach abkühlen lassen, bis die Füllung kalt ist.
  3. Mehl, Eier, Wasser und Salz zu einem festen Teig kneten, mit Öl bestreichen und eine Stunde zugedeckt ruhen lassen.
  4. Den Teig auf bemehltem Tuch zu einem Rechteck von etwa 40 mal 50 Zentimetern ausrollen, rund 2 Millimeter dick.
  5. Die kalte Füllung gleichmäßig verteilen, mithilfe des Tuchs von der langen Seite her aufrollen und in 4 Zentimeter breite Streifen schneiden.
  6. Butter in der Pfanne erhitzen, die Krapfen aufrecht und dicht nebeneinander anbraten, mit Brühe angießen, zudecken und etwa 30 Minuten garen.
  7. Mit geschmolzenen Zwiebeln und Schnittlauch servieren.

Zeiten und Maße im Überblick

Der Zeitplan ergibt sich aus zwei Abläufen, die gleichzeitig laufen und sich nur an einer Stelle berühren, nämlich beim Formen. Teig und Füllung entstehen parallel, erst zum Formen kommen beide zusammen. Wird um 14 Uhr mit Füllung und Teig begonnen, sind beide gegen 15 Uhr 30 bereit, geformt sind die Krapfen eine Viertelstunde später, und gegen 16 Uhr 30 stehen sie gegart auf dem Tisch. Die Rechnung zur Scheibenzahl geht so: Ein Rechteck von 40 mal 50 Zentimetern, von der 50 Zentimeter langen Seite her aufgerollt, ergibt eine Rolle von 50 Zentimetern Länge. Geteilt durch 4 Zentimeter Scheibenbreite entstehen 12 Scheiben mit einem Rest von 2 Zentimetern.

ArbeitsschrittDauerMerkmal
Füllung köcheln45 MinutenKraut weich, Brühe fast eingekocht
Füllung auskühlen30 bis 45 MinutenFüllung kalt, sonst weicht der Teig auf
Teig ruhen60 MinutenTeig elastisch, lässt sich dünn ausrollen
Ausrollen und Formen15 Minutenetwa 2 Millimeter dick, 12 Scheiben
Anbraten8 bis 10 MinutenUnterseite goldbraun
Garen mit Deckel30 MinutenBrühe etwa 2 Zentimeter hoch

Zusammengerechnet vergehen rund 140 Minuten, wenn Füllung und Teig parallel entstehen, und rund 200 Minuten, wenn beides nacheinander gemacht wird. Der Unterschied von einer Stunde entsteht allein durch das Ruhen des Teigs, das sich mit dem Auskühlen der Füllung überlappen lässt. Eine am Vortag gekochte Füllung spart die gesamte Anlaufzeit, denn kaltes Kraut aus dem Kühlschrank kann sofort auf den Teig. Außerdem zieht das Aroma von Speck und Lorbeer über Nacht durch und macht die Füllung runder im Geschmack.

Fehlerquellen und Abweichungen von Ort zu Ort

Der häufigste Fehler betrifft die Temperatur der Füllung. Warmes Kraut gibt Dampf ab und weicht den dünnen Teig an der Innenseite auf, sodass die Scheiben beim Schneiden zerfallen. Die Füllung muss kalt sein, bevor sie auf den Teig kommt. Ein zweiter Fehler liegt in der Teigdicke: Wird der Teig dicker als 3 Millimeter ausgerollt, bleibt er im Kern fest, weil die Brühe nicht durchdringt. Auch die Pfanne spielt eine Rolle. Sind die Scheiben zu locker gesetzt, kippen sie beim Angießen um, und die Schnecken öffnen sich.

Die schwäbische Fassung zeigt, wie stark ein Rezept von Ort zu Ort abweicht. Diese Fassung arbeitet mit 500 Gramm Mehl und 125 Milliliter Wasser, würzt das Kraut mit Nelke, Wacholderbeere und Kümmel, köchelt die Füllung nur 20 Minuten und schneidet 5 bis 6 Zentimeter breite Scheiben. Beim Garen steht die Brühe dort etwa 3 Zentimeter hoch. Die Kemptener Grundform lässt sich darin wiedererkennen, nämlich als dasselbe Gericht in einer kräftigeren, würzigeren Auslegung. Beide Wege führen zu Krapfen, die außen Biss und innen Saft haben, und beide schmecken mit einem grünen Salat am besten, der die Säure des Krauts ausgleicht.

Heimweh als Krankheit und der Ruf der Alpen

Ein Soldat, dem der Urlaub verweigert wurde, soll im 17. Jahrhundert innerhalb einer Stunde gestorben sein, und zwar an Heimweh. Was nach einer Schauergeschichte klingt, stand tatsächlich in einem deutschen Anekdotenbuch von 1645. Das Wort Heimweh war damals neu, und es tauchte zuerst im Umfeld von Söldnern aus den Schweizer Bergen auf, die im Dienst des französischen Königs standen. Ärzte nahmen die Klage ernst und erhoben sie zur Krankheit mit Namen, Symptomen und Heilmitteln. Dass ein Gefühl der Sehnsucht nach den Bergen und dem Zuhause einmal als lebensgefährlich galt, wirkt heute fremd. Es lohnt sich dennoch, die Geschichte nachzuzeichnen, denn sie erklärt, warum die Alpen bis heute als Gegend gelten, nach der sich Menschen zurücksehnen. Das gilt auch für das Allgäu, in dem Almen, Glocken und der Wechsel der Jahreszeiten ein Bild von Heimat prägen, das weit über die Region hinausreicht. Wie aus einem Wort der Soldatensprache ein medizinischer Begriff wurde und wie die Wissenschaft ihn später wieder verwarf, lässt sich in wenigen Etappen erzählen, und jede dieser Etappen hat ihre eigene Pointe, die mit dem Bild der Berge zu tun hat.

1645 und der erste Todesfall in den Büchern

Der Begriff Heimweh entstand vor rund 400 Jahren in französischsprachigen Texten und wurde dann ins Deutsche übernommen, wo er sich rasch einbürgerte. Sprachforscher verbinden ihn mit Schweizer Söldnern in französischem Kriegsdienst, die fern der Heimat in Garnisonen lagen. Der Soldat aus dem Anekdotenbuch von 1645 starb der Erzählung nach in Nizza, kurz nachdem ihm der Urlaub abgeschlagen worden war. Ob sich der Vorfall so zutrug, lässt sich nicht prüfen. Wichtig ist, dass die Zeitgenossen ihn für glaubhaft hielten und weitererzählten, denn aus dem Glauben an solche Fälle wuchs die Bereitschaft, das Leiden ernsthaft zu untersuchen.

Solche Berichte verbreiteten sich schnell, weil die Söldnerheere dieser Zeit in ganz Europa unterwegs waren und Nachrichten von Garnison zu Garnison reisten. Für Befehlshaber war die Sache nicht bloß ein menschliches, es war ebenso ein praktisches Problem: Ein Soldat, der vor Sehnsucht verstummte oder davonlief, fehlte in der Truppe. Das Leiden bekam im Volksmund bald einen Beinamen und wurde Schweizerkrankheit genannt, obwohl es keineswegs auf die Schweiz beschränkt war. Zwischen dem Anekdotenbuch und der ersten ärztlichen Abhandlung liegen nur 43 Jahre, in denen aus einer Erzählung ein Fall für die Medizin wurde.

1688 und die Erfindung der Nostalgie

  1. 1645: Ein Anekdotenbuch berichtet von einem Soldaten, der an Heimweh gestorben sein soll.
  2. 1688: Johannes Hofer prägt den Begriff Nostalgie und erklärt das Leiden zur Krankheit.
  3. Frühes 18. Jahrhundert: Der Zürcher Gelehrte Johann Jakob Scheuchzer führt das Leiden auf die Luftverhältnisse im Flachland zurück.
  4. 18. und 19. Jahrhundert: Die Begeisterung für die Alpen wächst, und Komponisten machen Heimweh zum Thema ihrer Werke.
  5. Gegenwart: Heimweh gilt als verbreitetes, nicht tödliches Gefühl; die alten Erklärungen sind widerlegt.

Den Schritt von der Anekdote zur Diagnose vollzog 1688 der Arzt Johannes Hofer aus Mülhausen im Elsass in einer Basler Doktorarbeit. Er bildete aus zwei griechischen Wörtern, nostos für die Heimkehr und algos für den Schmerz, den Fachbegriff Nostalgie. Als Krankheitszeichen nannte er Traurigkeit, unruhigen Schlaf, Fieber, Verdauungsbeschwerden und Gewichtsverlust. Die Ursache vermutete er in einem Leiden des Gehirns, und als Heilmittel galt die Heimkehr. Aus heutiger Sicht erinnert die Liste an eine Depression, doch dieser Begriff stand der Medizin des 17. Jahrhunderts nicht zur Verfügung. Bemerkenswert bleibt, dass Hofer den Sitz des Leidens im Kopf suchte und nicht im Blut, wie es spätere Erklärungen taten. Hofers Wortschöpfung hat das Leiden, das er beschrieb, überlebt: Nostalgie bezeichnet heute die wehmütige Rückschau auf Vergangenes, nicht mehr die Sehnsucht nach einem Ort. Aus dem Schmerz der Heimkehr ist ein Gefühl der Zeit geworden, ein Wort, das heute ebenso für alte Schallplatten wie für Kindheitsorte steht. Die Zeitleiste fasst die Stationen zusammen, die Heimweh vom Soldatengerücht bis zum alltäglichen Gefühl durchlief. Zwischen erster Erwähnung und heutigem Verständnis liegen rund 380 Jahre, in denen sich die Deutung mehrfach drehte: erst Gerücht, dann Krankheit, schließlich Gefühl. Jede Station veränderte außerdem den Blick auf die Berge, aus denen die Betroffenen stammten.

Die Bergluft als Erklärung und die Heilmittel

Johann Jakob Scheuchzer vertrat eine eigene Theorie. Nach seiner Auffassung litten die Schweizer im Flachland unter dem höheren Luftdruck, der das Blut verdicke. Menschen, die Berghöhen gewohnt seien, könnten im Tiefland nicht gesund bleiben, und das einzige Heilmittel sei die Rückkehr ins Gebirge. Die Idee klang plausibel, weil sie eine Beobachtung aufgriff: Betroffene genasen daheim rasch, und die Erklärung mit Luft und Blut passte zur Medizin der Zeit, die Körpersäfte für die Grundlage der Gesundheit hielt. Dass die Ursache seelischer Natur war, schloss die damalige Medizin aus, denn Gefühle galten nicht als Auslöser körperlicher Krankheiten.

Die Behandlungen reichten von der Beurlaubung bis zu Verfahren, die heute abenteuerlich erscheinen. Salpeter und Schießpulver sollten die Blutgefäße erweitern, damit das verdickte Blut besser floss. Zugleich verboten Behörden unter Soldaten den Kuhreihen, ein altes Hirtenlied aus den Schweizer Bergen, weil sein Klang die Sehnsucht auslösen und zur Fahnenflucht treiben sollte. Dass ein Lied als Gefahr galt, zeigt, wie eng Musik und Heimatgefühl damals gedacht wurden, und es erklärt, warum Alpenlieder später zum Inbegriff der Sehnsucht aufstiegen. Die Hirtenkultur, aus der solche Lieder stammen, wird im Beitrag über das Sennalpe im Allgäu beschrieben.

Von der Diagnose zum Gefühl

Die Karriere der Krankheit endete nicht, weil Ärzte sie heilten, sondern weil das Bild der Alpen sich wandelte. Aus dem gefährlichen Gebirge wurde ein Sehnsuchtsort, und die wachsende Begeisterung für die Berge machte Heimweh zu einem beliebten Motiv der Kunst. Komponisten griffen es auf und verarbeiteten es in ihren Werken, und das Wort wurde weit über die Medizin hinaus bekannt. Eine tödliche Krankheit ist Heimweh längst nicht mehr, und die alten Erklärungen von Blut, Luftdruck und Gehirnleiden gelten als widerlegt. Sprachforscher weisen darauf hin, dass jeder Mensch, der seinen Wohnort verlässt, dieses Ziehen kennt.

Wie tief diese Verbindung zwischen Landschaft und Zugehörigkeit reicht, zeigt der Blick auf ein Ereignis wie den Viehscheid. Er folgt einem Ablauf, der Jahr für Jahr wiederkehrt, und gerade solche festen Abläufe tragen das Gefühl von Zugehörigkeit. Heimat hängt, so lässt sich aus der Wortgeschichte schließen, weniger an einem Ort als an dem, was an diesem Ort verlässlich wiederkehrt: an Geräuschen, Jahreszeiten, Handgriffen. Damit erklärt sich auch, weshalb das Heimweh der Söldner im 17. Jahrhundert so ernst genommen wurde. Es ging nicht um eine Landschaft allein, sondern um einen ganzen Rhythmus des Lebens, der in der Garnison fehlte.

Föhn im Allgäu und warum er die Luft aufheizt

Im November 2000 zeigte das Thermometer in Brannenburg im bayerischen Inntal am Abend 22 Grad und am nächsten Morgen minus 3 Grad. Dazwischen lag das Ende einer Föhnlage. So schnell kann sich die Luft am Nordrand der Alpen erwärmen, wenn ein Südwind über den Hauptkamm weht und auf der Nordseite absinkt. Der Kern der Erklärung ist eine Differenz: Absinkende trockene Luft wird pro 100 Höhenmeter um rund ein Grad wärmer, während aufsteigende Luft in der Wolke nur um etwa 0,6 Grad je 100 Meter kühler wird. Aus diesem Unterschied entstehen die milden Tage im Spätherbst und Winter, die im Allgäu mit dem Wort Föhn verbunden sind. Dazu gehören weit entfernte Berge in fast übertriebener Schärfe und ein Himmel, an dem sich Wolkenwände aufbauen und im nächsten Moment auflösen. Das Wort selbst geht auf das lateinische favonius zurück, den Namen eines milden Westwindes, und gelangte über das Rätoromanische ins Althochdeutsche. Ursprünglich bezeichnete es den winterlichen Südwind, der nördlich der Alpen Tauwetter bringt. Heute steht es für ein ganzes Bündel von Erscheinungen, die Meteorologen genau unterscheiden: für den Wind, für die Temperaturen und für die Wolken, die ihn begleiten.

Warum absinkende Luft sich erwärmt

Luft ist ein Gas, und ein Gas erwärmt sich, wenn es zusammengedrückt wird. Sinkt ein Luftpaket aus großer Höhe ins Tal, wächst der Druck um das Paket, es schrumpft, und die Energie der Bewegung wird zu Wärme. Das geschieht ohne Heizquelle, allein durch die Höhendifferenz. In trockener Luft beträgt die Erwärmung rund ein Grad je 100 Meter. Steigt die Luft dagegen auf und kühlt sich ab, bis Wasserdampf zu Tröpfchen kondensiert, wird dabei Wärme freigesetzt, die den Temperaturverlust bremst. Innerhalb der Wolke sinkt die Temperatur deshalb langsamer als in der trockenen Umgebung. Regnet oder schneit es auf der Südseite des Gebirges ab, geht das Wasser verloren, und auf der Nordseite sinkt trockene Luft ab, die sich mit dem vollen Grad je 100 Meter erwärmt. Die Bilanz fällt dadurch auf der Nordseite deutlich wärmer aus als vor dem Aufstieg.

Die Forschung hat dieses Lehrbuchbild inzwischen ergänzt. Ein Teil der Föhnluft stammt gar nicht vom Fuß der Südseite, sondern aus größerer Höhe und strömt durch tief eingeschnittene Pässe nach Norden, während sich die kühle Luft davor als Schicht am Gebirge staut. Die Wärme entsteht dann vor allem durch das Absinken, weniger durch Kondensation. Beide Erklärungen schließen einander nicht aus, sie gelten je nach Wetterlage in unterschiedlichem Maß. Als Auslöser dienen meist langsam ziehende Tiefs über dem Nordatlantik, die an ihrer Vorderseite südwestliche bis südliche Luft nach Norden lenken.

Eine Beispielrechnung für Oberstdorf

Ein Rechenbeispiel macht den Unterschied greifbar. Angenommen, Luft mit 10 Grad strömt auf 1000 Metern Höhe südlich des Alpenhauptkamms nach Norden und steigt an einem 3000 Meter hohen Kamm auf. Die Wolkenbildung beginne bei 1600 Metern. Der Weg des Luftpakets bis Oberstdorf, dessen Ortsmitte auf 843 Metern liegt, lässt sich in vier Schritten nachrechnen. Es handelt sich um ein Modell mit runden Annahmen und nur einem einzigen Luftpaket, echte Föhnlagen verlaufen unregelmäßiger, doch die Größenordnung deckt sich mit den Messungen.

  1. Von 1000 auf 1600 Meter steigt die Luft trocken auf. Die Temperatur fällt um 1 Grad je 100 Meter, insgesamt um 6 Grad, auf 4 Grad.
  2. Von 1600 bis 3000 Meter, das sind 1400 Meter, kühlt sich die feuchte Luft um 0,6 Grad pro 100 Meter ab, in der Summe um 8,4 Grad, und erreicht am Kamm minus 4,4 Grad.
  3. Die Wolke regnet sich aus, die Luft überquert den Kamm und sinkt trocken ab. Bis Oberstdorf liegen 2157 Meter, die Erwärmung beträgt 21,6 Grad.
  4. Minus 4,4 Grad plus 21,6 Grad ergibt 17,2 Grad in Oberstdorf, obwohl die Luft im Süden mit nur 10 Grad startete.

Der Gewinn von 7,2 Grad lässt sich zerlegen. In der Wolke wurde die Luft über 1400 Meter um 0,4 Grad je 100 Meter weniger abgekühlt, als sie beim Abstieg erwärmt wird, das macht 5,6 Grad. Dazu kommen 1,6 Grad, weil das Ziel 157 Meter tiefer liegt als der Start. Die Summe stimmt mit dem Ergebnis überein. Im Gegenzug heißt das auch: Fällt auf der Südseite kein Niederschlag, bleibt die Differenz aus, und die Luft kommt auf gleicher Höhe wieder mit ihrer Ausgangstemperatur an. Ohne Wolkenbildung gibt es keinen Föhn im klassischen Sinn. Die Rechnung lässt sich mit anderen Starthöhen und Kammhöhen wiederholen; jede Variante zeigt, dass ein höherer Kamm mit mehr Wolkenstrecke den Gewinn vergrößert.

Wo die einfache Regel nicht gilt

Die Rechnung beschreibt einen Modellfall, und der Südföhn weicht in der Natur an mehreren Stellen davon ab. Föhn gilt als warmer Wind, kann aber trotzdem Kälte nicht verdrängen, wenn bodennahe Kaltluft im Tal liegen bleibt. Dann erreicht die Strömung den Talgrund nicht, und die milde Luft gleitet über die kalte hinweg. Im Winter kann es bei solchen Inversionslagen im Talgrund frostig bleiben, während weiter oben bereits Tauwetter herrscht. Die Unterschiede zur Umgebung betragen bei echten Föhnlagen deutlich mehr als 10 Grad, und binnen Stunden sind Schwankungen von bis zu 25 Grad möglich, wie das Beispiel aus dem Inntal zeigt. Nicht jeder Wind aus Süden ist deshalb ein Föhn, und nicht jede milde Phase geht auf ihn zurück. Wetterkarten zeigen die Lage am deutlichsten: Liegt ein Tief über den Britischen Inseln und strömt Südwestluft gegen die Alpen, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Föhnlage stark an. Ob die Luft tatsächlich bis Oberstdorf durchgreift, entscheidet sich an der Schichtung der Luft im Tal, und genau diese Schichtung lässt sich von außen schwer abschätzen. Messstationen im Tal und auf dem Berg liefern dafür den entscheidenden Vergleich, weil der Temperaturunterschied zwischen beiden anzeigt, ob die Strömung den Talgrund erreicht.

  • Auf der Alpensüdseite heißt der entgegengesetzte Wind Nordföhn, der meist nach einer Kaltfront aus Westen auftritt und im Norden Regen bringt.
  • Föhnluft trägt wenig Schwebteilchen, daher wirken ferne Berge näher, und die wechselnde Dichte der Luftschichten beugt das Licht.
  • Die Schneeschmelze beschleunigt sich im Winter und Frühjahr, weil trockene, warme Luft die Schneedecke rasch abbaut.

Die Wolken verraten den Föhn

Am Himmel lässt sich eine Föhnlage Stunden vor dem ersten warmen Hauch erkennen. Über dem Kamm steht die Föhnmauer, eine Wolkenwand, die nicht davonzieht, weil die Luft dort ständig neu kondensiert und auf der Leeseite wieder verdunstet. Dahinter öffnet sich das Föhnfenster, ein nahezu wolkenfreier Streifen, den die trockene Luft freiräumt. Bei genügend Feuchte bilden sich über den Bergen linsenförmige Wolken, der Altocumulus lenticularis, im Volksmund auch Föhnfische genannt. Diese Wolken stehen scheinbar still, obwohl der Wind mit hoher Geschwindigkeit hindurchbläst, denn sie markieren den Kamm einer Welle in der Luftströmung, einer sogenannten Leewelle. Segelflieger nutzen solche Wellen, um in kurzer Zeit sehr hoch zu steigen, weil die Luft auf der Vorderseite der Welle stetig aufwärts getragen wird. Die Linsenform entsteht, weil sich die Luft am Wellenberg abkühlt und Wasser kondensiert, im Wellental verdunstet es sofort wieder.

Das Zusammenspiel dieser Zeichen erklärt, warum Föhn so auffällt, selbst für Menschen, die sonst wenig auf das Wetter achten: Die Wolkenwand im Süden, die plötzliche Wärme und die Fernsicht gehören zusammen und treten gemeinsam auf. Der Wetterwechsel danach folgt meist rasch, denn die Föhnlage steht in der Regel vor einer Kaltfront, die sie beendet.

Allgäuer Dialekt und warum es keinen einheitlichen gibt

Ein Mädchen heißt im Oberallgäu Feel, der Kopf heißt Grind, und der Almabtrieb trägt je nach Tal drei verschiedene Namen. Das klingt nach einem einzigen Allgäuer Dialekt mit ein paar hübschen Eigenheiten. Tatsächlich handelt es sich um ein Bündel von Mundarten, die an einer Sprachgrenze aufeinandertreffen. Diese Grenze trennt das Alemannische vom Schwäbischen und verläuft mitten durch die Region, nicht an ihrem Rand. Der Satz, im Allgäu werde Schwäbisch gesprochen, trifft für Kempten und das Unterallgäu eher zu als für Oberstdorf. Umgekehrt klingt die Mundart südlich von Immenstadt für Ohren aus Stuttgart oder Ulm fremd, obwohl das Oberallgäu zum selben bayerischen Regierungsbezirk Schwaben gehört wie Augsburg. Genau darin liegt die Quelle vieler Missverständnisse: Ein Verwaltungsname wie Schwaben oder ein Landschaftsname wie Allgäu sagt wenig darüber, wie Menschen vor Ort tatsächlich sprechen. Die Sprachwissenschaft zieht ihre Linien nach Lauten, Wortformen und Wortschatz, und diese Linien kümmern sich weder um Landkreisgrenzen noch um das Landesgrenzschild zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Soll herausgefunden werden, wie sich ein Oberstdorfer von einem Kemptener unterscheidet, bleibt nur der Weg über einzelne Wörter und Laute. Die lange Reihe von Beispielen reicht vom Wort für Mädchen bis zum Wort für stur, und jedes davon markiert auf seine Art eine kleine Grenze.

Woher die Annahme vom einen Dialekt kommt

Dass ein einheitlicher Allgäuer Dialekt vermutet wird, hat mehrere Gründe. Der Name Allgäu bezeichnet eine Landschaft, die weder an einem Landkreis noch an einem Bundesland endet. Die Landschaft reicht vom Oberallgäu über Kempten und das Ostallgäu bis in den Westen nach Wangen und Isny, die zu Baden-Württemberg gehören. Das Vertrauen auf den Namen weckt die Erwartung an eine Sprache, die so groß ist wie die Landschaft selbst. Hinzu kommt der Blick von außen. Für Hörer aus Norddeutschland klingt alles zwischen Bodensee und Lech nach Süden, und aus dieser Entfernung verschwimmen Unterschiede, die vor Ort sofort auffallen.

Auch die Sprachgeschichte trägt zur Verwirrung bei. Das Schwäbische gilt in der Sprachwissenschaft als enger Verwandter des Alemannischen, beide stammen aus derselben Dialektgruppe. Die Unterschiede liegen in Einzelheiten, doch genau diese Einzelheiten markieren eine Grenze, die von Ort zu Ort verschieden verlaufen kann. Das Alemannische südlich von Immenstadt und im Westallgäu bis Wangen und Isny wird als Niederalemannisch eingeordnet. Der Norden des Oberallgäus mit Kempten, das Unterallgäu mit Memmingen und das Ostallgäu mit Kaufbeuren werden von vielen Sprachforschern dem Schwäbischen zugerechnet. Mundartlisten führen diese Gegenden dennoch häufig unter dem Sammelnamen Allgäuerisch, weshalb die Zuordnung je nach Lehrmeinung verschieden ausfällt.

Was einzelne Wörter über die Herkunft verraten

HochdeutschOberallgäuOstallgäuWestallgäu
AlmabtriebViehscheidAlpabtriebFehrschoid
MädchenFeelFeelSchputl oder Feel
JungeBüeBueBue
KopfGrindGrendGrind
Jungrindledigs VäeSchumpeSchump
KammSchträälSchträälSchrääla
sturgschterrgrindiggschterrgrendegoigagrindig
immerallatallatallat oder allbot

Am deutlichsten werden die Unterschiede an Wörtern des täglichen Lebens, wie die Gegenüberstellung der drei Mundartgebiete zeigt. Die Schreibweise schwankt, weil Mundart keine feste Rechtschreibung besitzt. Die Tabelle gibt daher Lautungen wieder, nicht amtliche Formen.

Auffällig ist, wie stark sich ein und dasselbe Fest in der Benennung aufspaltet. Der Viehscheid im Oberallgäu, der Alpabtrieb im Osten und der Fehrschoid im Westen beschreiben dasselbe Ereignis, nämlich die Rückkehr des Almviehs ins Tal. Wie dieses Ereignis abläuft, lässt sich im Text zum Viehscheid nachlesen. Sprachlich spannend ist außerdem das Wort Grind für den Kopf: Es steckt auch in gschterrgrindig, dem sturen Menschen, und in oigagrindig, dem eigensinnigen. Mundartwörter bilden also Familien, die in jedem Gebiet leicht anders ausfallen. Beim Jungrind trennen sich die Gebiete am weitesten, denn ledigs Väe im Oberallgäu und Schump im Westen haben außer der Bedeutung kaum etwas gemeinsam. Ein Wort aus dem Süden, in Kempten benutzt, wird dort verstanden und erntet trotzdem gelegentlich ein Schmunzeln. Wörter wandern zwar mit den Menschen, behalten aber ihre Lautung, und genau daran lässt sich ihre Herkunft ablesen. Auch Kinderwörter folgen dem Muster: Der Junge heißt im Oberallgäu Büe mit Umlaut, in den anderen beiden Regionen Bue ohne Umlaut, und ein einziger Laut genügt, um die Gegend zu erkennen. Dazu kommt die Betonung, die zwischen Tal und Tal wechselt und sich in keiner Tabelle abbilden lässt.

Der Hörtest mit drei Wörtern

Für Sprachforscher ist die bekannteste Trennlinie des Allgäus nach einem Wort benannt: die Wiib-Weib-Linie. Die Linie unterscheidet, ob das Wort Weib in der Mundart ähnlich wie Wiib mit langem i klingt oder mit dem Zwielaut wie im Schriftdeutschen. Südlich der Linie, im alemannischen Teil, bleibt das alte lange i erhalten, nördlich davon setzt sich der Zwielaut durch. Die Linie verläuft ungefähr über Wangen, Isny und Weitnau. Zwei weitere Wörter ergänzen den Test. Im Argental heißt das Haus Hus mit langem u, und jemand, der zur Beichte geht, geht bichta. Nördlich der Linie lauten die Formen Haus und Beichten, also so, wie sie auch das Schriftdeutsche kennt. Drei Wörter genügen also, um eine Mundart grob zu verorten: Weib, Haus, beichten. Die Entfernungen sind dabei überschaubar. Zwischen Oberstdorf und Kempten liegen nur etwa 70 Straßenkilometer, und trotzdem lässt sich auf dieser Strecke ein Wechsel der Lautung hören. Die Grenze ist dabei kein scharfer Strich, sondern ein Übergangsstreifen, in dem Sprecher beide Formen kennen und je nach Gesprächspartner wechseln. Ein Dorf nahe der Linie kann deshalb Wörter aus beiden Welten verwenden, was Mundartforscher beim Sammeln regelmäßig vor Rätsel stellt.

Wo der Kern der Annahme stimmt

Ganz falsch liegt die Vorstellung vom einen Allgäuer Dialekt nicht, denn es gibt Gemeinsamkeiten, die über die Grenzlinien hinweg bestehen. Die Landschaft prägt den Wortschatz, und wo Alpwirtschaft, Vieh und Käse zum Leben gehören, tragen die Wörter dafür in vielen Tälern verwandte Wurzeln, auch wenn die Lautung wechselt. Dazu kommt, dass Dialektsprecher aus dem Allgäu einander meist problemlos verstehen, selbst wenn einzelne Wörter fremd klingen. Die Unterschiede wirken deshalb eher wie Färbungen innerhalb einer Sprachfamilie als wie Sprachbarrieren, und genau das macht den Sammelnamen Allgäuerisch im täglichen Sprachgebrauch brauchbar, auch wenn er für die Forschung zu grob bleibt. Vier Beobachtungen belegen die Gemeinsamkeiten:

  • Das Wort allat für immer kommt in allen drei Mundartregionen vor.
  • Die Wurzel Grind steckt in den Mundartwörtern für Sturheit im Oberallgäu, im Ostallgäu und im Westallgäu gleichermaßen.
  • Fast jede Gemeinde besitzt Wörter, die schon im Nachbardorf anders lauten und sich deshalb als Ortszeichen eignen.
  • Kinderwörter wie Büe und Bue unterscheiden sich häufig nur in einem einzigen Laut.

Auch die Mundart selbst verändert sich, ohne dass ein Beschluss dahintersteht. Wörter für Dinge, die aus dem täglichen Leben verschwinden, gehen mit ihnen verloren, während neue Wörter aus dem Hochdeutschen nachrücken. Viele Kinder wachsen heute mit Hochdeutsch auf, und Heimatpfleger warnen, aus dem Dialekt könne eine Museumssprache werden, wenn niemand ihn im täglichen Gespräch weitergibt. Das macht das Sammeln der Wörter dringlicher, als ein Wortvergleich zunächst vermuten lässt, und erklärt, warum Mundartwörterbücher einzelner Orte, etwa zur Oberstdorfer Mundart, ihren Wert behalten. In solchen Bänden stehen keine Rechtschreibregeln, sondern gesammelte Lautungen, die nirgendwo sonst festgehalten sind.

Was kaum jemand über Oberstdorf weiß

Der südlichste ganzjährig bewohnte Ort Deutschlands besteht heute aus einem einzigen bewohnten Haus, einem Berggasthof im Stillachtal. Solche Einzelheiten liegen in Oberstdorf an vielen Stellen versteckt: Hinter bekannten Namen stehen Tatsachen, die in keinem Prospekt vorkommen. Der Mann, nach dem die Skiflugschanze benannt ist, baute die Sprunganlagen für gleich fünf Olympische Winterspiele. Der Aufzug an der Schanze fährt nicht senkrecht, sondern schräg hinauf, und ein Sturz von 1970 ging als Sinnbild der Niederlage durch die Fernsehsender der Welt.

Oberstdorf zählt rund 9.300 Einwohner und wird gern an Zahlen gemessen, an Gipfelhöhen, Sprungweiten und Gehzeiten. Hinter diesen Werten stehen Menschen und Entscheidungen, die den Ort geformt haben. Jahreszahlen, Höhen und Wege lassen sich prüfen, und sie zeichnen das Bild einer Gemeinde, die mehr enthält als Postkartenmotive. Manche Fakten stehen in keiner Zeitleiste, weil sie zu klein sind, andere sind so groß, dass sie auf Plakaten stehen und trotzdem kaum jemand bemerkt, was sie bedeuten. Die vier Schauplätze, um die es hier geht, liegen alle in derselben Gemeinde, und keiner steht für eine Rangfolge, denn jede Geschichte lässt sich für sich erzählen.

Einödsbach, der Weiler am Ende der Straße

Rund zehn Kilometer südlich des Ortskerns, im Stillachtal, liegt Einödsbach. Die Höhe liegt bei gut 1.100 Metern, genaue Angaben schwanken von Quelle zu Quelle. Für einen Ort mit Dauerbewohnern ist das eine Höhe, auf der der Winter früh beginnt und spät endet. Früher standen dort drei Häuser, die das ganze Jahr bewohnt waren, und in der Katharinenkapelle fanden regelmäßig Gottesdienste statt, heute ist es still geworden, denn nur der Berggasthof ist noch bewohnt. Die Geschichte des Weilers lässt sich in wenigen Daten zusammenfassen, die bei einer Handvoll Häusern erstaunlich klingen.

  • Anfang des 16. Jahrhunderts erstmals schriftlich erwähnt, damals drei Häuser und eine Kapelle
  • 1808 selbstständige Gemeinde
  • Heute ist nur noch der Berggasthof bewohnt
  • Der Gasthof ist seit rund 150 Jahren in Familienbesitz

Der Weg dorthin gehört zur Besonderheit, denn wer nach Einödsbach will, muss den Motor abstellen und gehen. Autos enden am Parkplatz der Fellhornbahn, von dort fährt ein Bus nach Birgsau, und den Rest erledigen Besucher zu Fuß: Etwa eine Stunde dauert der Marsch durch das Stillachtal. Von Einödsbach führen Wege weiter durch das Bacherloch zum Waltenberger Haus auf 2.084 Metern, die Wanderung dauert rund dreieinhalb Stunden. Bei einem Höhenunterschied von knapp 1.000 Metern ergibt das einen Anstieg von etwas weniger als 280 Metern in der Stunde, denn 971 geteilt durch 3,5 ergibt diesen Wert.

Heini Klopfer, der Mann hinter den Schanzen

Auf dem Schild der Skiflugschanze steht ein Name, den nur wenige einordnen können. Heinrich Klopfer wurde am 3. April 1918 geboren und starb am 18. November 1968 in Oberstdorf, er wurde also 50 Jahre alt. Als Skispringer scheiterte er mit 17 Jahren an der Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 1936. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete er mit Sepp Weiler und Toni Brutscher das Oberstdorf Jumping Trio und wandte sich dem Schanzenbau zu. Als Architekt entwarf oder beriet er bei mehr als 250 Schanzen und gestaltete die Rekonstruktion der Holmenkollbakken in Oslo, der traditionsreichen Schanze der norwegischen Hauptstadt.

Am meisten fällt auf, wie viele Spiele Klopfer begleitete: Er entwarf alle Olympiaschanzen von 1960 bis 1976, das sind die Winterspiele von 1960, 1964, 1968, 1972 und 1976, also fünf Stück in 16 Jahren. Beim Internationalen Skiverband war er technischer Kommissar für Skispringen, und die Skiflugschanze in Oberstdorf trägt seit 1970 seinen Namen, zwei Jahre nach seinem Tod. Ein Architekt, der fünf Olympiaden mit Schanzen versorgte, prägte ein Vierteljahrhundert des Skisports, vom Wiederaufbau nach 1945 bis zu den Spielen der Siebzigerjahre. Wie stark er das Skispringen formte, zeigt sich weniger in Preisen als in Anlagen, die bis heute genutzt werden.

Der Schrägaufzug und ein Sturz mit Folgen

Die Skiflugschanze hat eine Eigenheit, die auf Fotos leicht untergeht: Ein diagonales Aufzugssystem führt Besucher bis zur Spitze der Anlage. Die Fahrt verläuft also nicht senkrecht wie in einem gewöhnlichen Lift, sondern schräg den Hang hinauf. Von Oberstdorf aus sind es etwa sieben Kilometer bis zur Anlage, und die schräge Fahrt vermittelt vom ersten Meter an, wie steil eine Schanze gebaut ist. Der Blick von oben zeigt, wie lang der Weg vom Absprung bis zum Aufsprung wirkt, auch wenn Springer ihn in wenigen Sekunden zurücklegen.

Zur Geschichte der Schanze gehört außerdem ein Sturz, den ein Millionenpublikum kennt, ohne zu wissen, wo er geschah. 1970 stürzte der Springer Vinko Bogataj bei einem Sprung, und die Aufnahmen liefen in der amerikanischen Sendung Wide World of Sports unter dem Titel The Agony of Defeat, was sich mit Qual der Niederlage übersetzen lässt. Der Titel wurde zu einem feststehenden Begriff für das Scheitern im Sport. Das Jahr 1970 ist zugleich das Jahr, in dem die Anlage den Namen von Heini Klopfer erhielt, und beide Ereignisse hängen so in der Geschichte der Schanze eng beieinander.

Eis, Sommer und der Schrofenpass

Der Eindruck vom reinen Schneeort übersieht, dass im Eiskunstlaufzentrum das ganze Jahr gearbeitet wird. Die Nebelhorn Trophy, ein jährlicher Wettbewerb im Eiskunstlauf, trägt den Namen des Berges über dem Ort in die Welt. Im Mai findet in Oberstdorf einer der beiden Wettbewerbe der Internationalen Eislaufunion für Erwachsene statt, bei denen die Teilnehmer mindestens 28 Jahre alt sein müssen. Ein Bergort, der im Frühjahr einen Wettkampf für Erwachsene ausrichtet, passt schlecht zum Bild vom reinen Winterort und gut zu einer Gemeinde, die ihre Termine über das ganze Jahr verteilt. Das Eis liegt unter Dach, die Termine liegen dort, wo draußen noch Schnee liegt oder bereits Wiesen grünen.

Auch für Radfahrer ist Oberstdorf ein Ausgangspunkt: Mountainbiker starten hier ihre Transalp-Tour über den Schrofenpass. Einödsbach, Schanze und Eisbahn liegen damit in derselben Gemeinde, in der auch die Radfahrer aufbrechen, und die Radroute beginnt in einem Ort, der zugleich Schauplatz von Weltcup und Tournee ist. Der Ort ist größer, als ein einzelnes Bild zeigen kann, und seine Überraschungen liegen häufig nur wenige Kilometer vom Marktplatz entfernt, auf einem Weg, einem Aufzug oder einer Eisfläche. Die Gegend im Sommer, im Winter und im Frühjahr zu erleben, zeigt jedes Mal ein anderes Oberstdorf.

Warum Oberstdorf als Wintersportort so bekannt wurde

Kaum ein anderer Ort in Deutschland vereint eine Tournee-Schanze, eine Skiflugschanze und ein Zentrum für Eiskunstlauf an einer Stelle, und genau darin liegt die kürzeste Antwort auf die Frage, wie ein Ort mit rund 9.300 Einwohnern zum Begriff werden konnte. Jeweils im Dezember vor Neujahr findet auf der Schattenbergschanze, einer Großschanze, der erste Teil der Vierschanzentournee statt. Dazu kamen drei Nordische Ski-Weltmeisterschaften in den Jahren 1987, 2005 und 2021, mehrere Etappen der Tour de Ski und drei Junioren-Weltmeisterschaften im Eiskunstlauf.

Bekannt wurde Oberstdorf damit über Bilder, die Jahr für Jahr in Fernsehen und Zeitungen auftauchen: Springer im Flug über dem Schanzentisch, Läufer im Schnee, Eiskunstläufer auf der Bahn. Der Begriff Bekanntheit lässt sich dabei an drei Dingen festmachen: an Terminen, an Anlagen und an Bildern. Keines dieser Ereignisse allein hätte den Namen so verbreitet, erst die Mischung aus mehreren Sportarten mit regelmäßigen Terminen hat ihn zu einem festen Begriff gemacht. Wie diese Mischung aufgebaut ist, welche Grenzen der Winterruf hat, wie sich die Häufigkeit der Großereignisse berechnen lässt und warum die Anlagen stetig wachsen, behandeln die folgenden Abschnitte der Reihe nach.

Drei Bühnen auf engem Raum

Die erste Bühne ist die Schattenbergschanze, die als Großschanze den Auftakt der Vierschanzentournee ausrichtet. Weil das Springen jedes Jahr vor Neujahr stattfindet, bildet es einen festen Punkt im Kalender, auf den Fans, Springer und Veranstalter zuarbeiten, weil hier die Tournee beginnt. Die zweite Bühne liegt rund sieben Kilometer südlich des Ortes: die Heini-Klopfer-Skiflugschanze, eine von nur fünf Anlagen weltweit, auf denen Skifliegen möglich ist. Der Hillrekord steht bei 242,5 Metern, aufgestellt von Domen Prevc am 20. März 2022 im Weltcup.

Die dritte Bühne ist die Eisfläche. Das Eiskunstlaufzentrum verfügt über drei überdachte Eisbahnen und gilt unter europäischen Läufern als beliebtes Trainingsziel, und Oberstdorf war Gastgeber von drei Junioren-Weltmeisterschaften, 1982, 2000 und 2007. Zwölf Mal fanden außerdem die Deutschen Meisterschaften im Eiskunstlauf hier statt. Wintersport im Freien, auf der Schanze und auf dem Eis: Diese Schauplätze liegen in einer einzigen Gemeinde, und jeder bringt eigene Zuschauer mit, die den Namen des Ortes in ihren Kreisen weitertragen. Hinzu kommt die Tour de Ski, von der mehrere Etappen in Oberstdorf stattfanden, und all diese Termine ergeben zusammen ein Jahresprogramm im Winter, das weit über einen einzelnen Wettkampf hinausgeht.

Wo der Ruf des Winters an Grenzen stößt

Die Winterbilder erzählen nur einen Teil der Geschichte. Ein Ort, der vor allem als Sportstätte bekannt ist, muss im Sommer anders auftreten, und das gelingt Oberstdorf mit Bergen, Tälern und Wanderwegen. Wie hoch die Gipfel über dem Ort aufragen, rechnet der Beitrag über Oberstdorf als südlichstes Reiseziel Deutschlands vor, und die Schlucht der Breitach beschreibt der Text über die Breitachklamm bei Oberstdorf. Auch ohne Wettkampf finden Besucher also Gründe für eine Reise. Ein Ort mit so engem Winterprofil muss die übrigen Monate eigens füllen, und ohne Bahnen, Wege und Täler bliebe von Mai bis Oktober wenig, was Gäste anzieht und länger im Ort hält.

  • Der Tournee-Auftakt dauert nur wenige Tage im Jahr, danach ziehen die Springer weiter
  • Die Skiflugschanze steht außerhalb des Ortskerns, etwa sieben Kilometer entfernt
  • Die Weltmeisterschaften folgen im Abstand von 16 bis 18 Jahren, dazwischen tragen Weltcup und Tournee den Namen
  • Im Sommer fehlen Wettbewerbe dieser Größe, dann tragen Wandern und Bergbahnen den Ruf

Dass der Ruf im Sommer von anderen Dingen getragen wird, zeigen die drei Bahnen des Ortes: die Nebelhornbahn, die auf einen Gipfel von 2.224 Metern führt, die Fellhornbahn mit einer Mittelstation am Schlappoldsee und die Söllereckbahn bei Kornau. Auf den Wegen darunter beginnen Touren, die der Beitrag über das Wandern rund um Oberstdorf in fünf Beispielen vergleicht. Der Winter liefert die Schlagzeilen, der Sommer die Ruhe, und beide Jahreszeiten zusammen halten den Namen im Gespräch.

Sechs Großereignisse in 39 Jahren

Wie dicht die Folge der Ereignisse ist, lässt sich einfach errechnen. Zählt man die sechs Weltmeisterschaften zusammen, die Oberstdorf seit 1982 ausgerichtet hat, ergibt sich ein Rhythmus, der zeigt, dass der Ort nie lange aus den Sportberichten verschwand. Dabei sind die Tournee-Auftakte jedes Jahres und die Weltcup-Wettbewerbe noch gar nicht eingerechnet, weil sie sich ohnehin Jahr für Jahr wiederholen und den Durchschnitt weiter verdichten würden.

  1. Großereignisse auflisten: Eiskunstlauf Junioren 1982, 2000, 2007 und Nordische Ski-Weltmeisterschaften 1987, 2005, 2021
  2. Zeitspanne bestimmen: von 1982 bis 2021 sind es 39 Jahre
  3. Zahl der Ereignisse zählen: sechs
  4. Teilen: 39 geteilt durch 6 ergibt 6,5 Jahre im Durchschnitt zwischen zwei Ereignissen

Ein Blick auf die Weltmeisterschaften im Nordischen Skisport zeigt einen gleichmäßigeren Abstand: Von 1987 bis 2005 vergingen 18 Jahre, von 2005 bis 2021 nur 16. Ein Veranstalter, der alle 16 bis 18 Jahre eine Weltmeisterschaft ausrichtet, hat Anlagen, die laufend modernisiert werden müssen, und Zuschauer, die bei jeder neuen Austragung auf vertrautes Terrain treffen. Auch das trägt zur Bekanntheit bei, denn wer den Ort einmal im Fernsehen gesehen hat, erkennt ihn Jahre später wieder. Seit der letzten Weltmeisterschaft von 2021 sind im Jahr 2026 fünf Jahre vergangen. Rechnet man die jährlichen Tournee-Auftakte hinzu, kommen in der Spanne von 1982 bis 2021 etwa 40 weitere Wettkämpfe zusammen, auf jedes der sechs Großereignisse also im Schnitt mehr als sechs reguläre Springen.

Warum Schanzen wachsen und Namen bleiben

Dass Oberstdorf als Wintersportort im Gedächtnis bleibt, hat auch mit der Technik zu tun, die ständig mitwächst. Die Skiflugschanze begann 1950 als Holzschanze, die heutige Anlage stammt aus den Jahren 1972 und 1973. Danach wurde sie mehrfach umgebaut, 1997, 2007 und zuletzt 2016 und 2017. Frühere Fassungen kamen auf Kritische Punkte von 144, 165, 182 und 185 Metern, die heutige liegt bei 200 Metern. Das sind 56 Meter mehr als bei der kleinsten der genannten Fassungen, gerechnet 200 minus 144, also ein Plus von knapp 39 Prozent.

Beim letzten Umbau wurde der Absprung um sieben Meter nach hinten und fünf Meter nach oben verlegt, die Hillsize liegt heute bei 235 Metern. Der Rekord von 242,5 Metern liegt 42,5 Meter hinter dem Kritischen Punkt von 200 Metern, und er zeigt, wie weit sich die Technik von der Holzschanze der Anfangsjahre entfernt hat. Die Anfänge stehen im Beitrag zur Geschichte Oberstdorfs von 1141 bis zum Kurort, der 1950 als Jahr des ersten Sprungs nennt. Dass ein Ort diese Entwicklung über sieben Jahrzehnte begleitet, macht ihn für Veranstalter verlässlich. Die Bilder aus Oberstdorf zeigen jedes Mal Anlagen, die dem Stand der Zeit entsprechen.