Die Höfats bei Oberstdorf und ihre steilen Grashänge

Die Höfats bei Oberstdorf trägt Grashänge, deren Neigung im 19. Jahrhundert mit 70 bis 82 Grad geschätzt wurde. Zum Vergleich: Eine Treppe im Wohnhaus steigt mit etwa 35 Grad, eine Skipiste gilt ab 40 Grad als sehr steil, und eine Hauswand steht bei 90 Grad. Dass auf einem solchen Hang überhaupt Gras wächst, wirkt wie ein Widerspruch, und dass an ihm über Jahrhunderte Ziegen weideten, wie ein Kunststück. Der 2258 Meter hohe Berg in den Allgäuer Alpen trennt das Oytal vom Dietersbachtal und ist unter Bergfreunden weniger durch seine Höhe als durch seine Form bekannt: ein Kamm aus Gras, aus dem Felszacken ragen. Die Steilheitsangaben stammen aus Berichten des 19. Jahrhunderts und sind Schätzungen, keine Vermessungen. Dr. Groß beschrieb 1858 Neigungen von 70 bis 80 Grad, Hermann von Barth nannte am Westgipfel 80 bis 82 Grad, ein Berliner Bergfreund namens Maschke sprach von nie weniger als 60 Grad und einer steilsten Stelle von 79 Grad. Die Messmethoden waren unterschiedlich, die Beschreibungen stammen von Bergsteigern, Ärzten und Naturforschern, und ohne moderne Geräte lässt sich Steilheit am Hang nur schwer abschätzen. Auch bei vorsichtiger Lesart bleibt die Höfats ein Berg mit außergewöhnlich steilen Grashängen. Zwischen 60 und 82 Grad liegt die Spanne der historischen Angaben für die Grashänge der Höfats, ein Unterschied von 22 Grad, der zeigt, wie ungenau die Schätzungen sind. Selbst der unterste Wert, 60 Grad, übertrifft jede Skipiste im Allgäu um ein Vielfaches an Steilheit.

Felsiger Berggipfel mit steilen grünen Grasflanken unter blauem Himmel

Aus welchem Gestein die Höfats besteht

Der Berg besteht aus grauen Aptychenkalken des jüngeren Juras. Darüber liegen kieselreiche, rote Hornsteinkalke, die dem Roten Loch seine Farbe geben. Unter den Hornsteinen tritt Lias Fleckenmergel als Sockel hervor. Die Aptychenschichten bilden die Zacken, etwa die Höfatsnadel, und die scharfen Grate, während die weicheren Mergel verwittern und Boden liefern. Diese Schichtung erklärt das Bild: oben die Zacken aus widerstandsfähigem Kalk, darunter die Hänge aus Mergel, auf denen Gras Fuß fasst. Die rote Farbe im Roten Loch stammt vom kieselreichen Hornsteinkalk, der im Kontrast zum grauen Aptychenkalk auffällt. Der Wechsel harter und weicher Schichten erklärt, warum die Höfats als Zackenkamm gebaut ist und nicht als glatter Gipfel.

Das Gestein gilt an einigen Stellen als mürbe und unzuverlässig. Der Boden ist deshalb dünn und lose, das Gras hält ihn zusammen. Das Wurzelwerk dürfte wie ein Netz wirken, das Geröll und Erde festhält, und erklärt vermutlich, warum die Hänge nicht abrutschen. Zu lange Trockenheit hat die gegenteilige Wirkung, sie macht den Boden bröselig. Der Berg lebt also von einem Gleichgewicht zwischen Feuchtigkeit und Wurzeln, das sich nicht beliebig verschieben lässt. Die Höfats trennt zusammen mit dem Rauheck und kleineren Gipfeln das Oytal vom Dietersbachtal.

Gipfel und Höhen im Überblick

Die Höfats hat mehrere Gipfel, deren Namen umstritten sind. Der Alpenvereinsführer von 2004 schlägt Nordwestgipfel und Südostgipfel vor, in der Literatur sind weiterhin Westgipfel und Ostgipfel gebräuchlich. Die Höhenangaben schwanken je nach Karte um einen oder zwei Meter, die folgende Übersicht stützt sich auf die Alpenvereinskarte Allgäuer Alpen West. Der Höhenunterschied zwischen dem höchsten Punkt und der Scharte beträgt 51 Meter, ein Wert, der zeigt, wie dicht die Gipfel beieinanderstehen und wie schmal der Grat ist. Zwischen Ostgipfel und Westgipfel liegt nur ein Meter Höhenunterschied, auf einem Kamm, der so schmal ist, dass die Gipfel einzeln erstiegen werden. Die Zahlen unterscheiden sich je nach Karte um ein bis zwei Meter, und auch die Zählung der Gipfel schwankt in den Beschreibungen zwischen vier Spitzen und einem zusammenhängenden Kamm. Bei einem Berg aus Gras und Fels verändert sich der höchste Punkt außerdem durch Erosion und durch Messfehler, sodass eine Differenz von einem Meter keine Aussage über die tatsächliche Rangfolge erlaubt. Die Lage zwischen Oytal und Dietersbachtal verleiht dem Berg Ausgangspunkte auf mehreren Seiten: Die Käseralpe führt zum Nordostgrat und zur Südostwand, die Rauhenhalsalpe zu den Nordwänden, Gerstruben zur Westseite.

PunktHöheHinweis
Ostgipfel2258 merstmals 1891 vom Älpelesattel bestiegen
Zweiter Gipfel2258 mgilt als Hauptgipfel
Westgipfel2257 mschon vor 1848 von Einheimischen bestiegen
Mittelgipfel2257 merste Besteigung 1891
Höfatsscharte2207 mEinschnitt zwischen den Gipfeln

Ziegen, Gerstruben und die Geschichte der Weide

Bis ins 19. Jahrhundert wurden die steilen Grasflanken im unteren Bereich von Gerstruben aus bewirtschaftet. Die untere Höfats diente über Jahrhunderte als Ziegenweide, ein Enddatum nennen die Beschreibungen nicht. Gerstruben ist eine alte Walsersiedlung, über die der Beitrag zu den vergessenen Orten im Allgäu mehr erzählt. Ziegen kommen im Steilgelände besser zurecht als Rinder, die Hänge ließen sich also nutzen, wo Wiese und Weide sonst knapp waren. Die Beschreibungen nennen Ziegen als Weidetiere der unteren Höfats. Dass die Bewohner die Höfats trotz der Steilheit bewirtschafteten, zeigt, wie knapp die Flächen in den Tälern waren. Die Weide an solchen Hängen war Handarbeit und kostete Zeit, gemessen am Ertrag, den ein Hang von 60 Grad Neigung liefert.

Einheimische aus Gerstruben haben den Westgipfel nach den überlieferten Berichten schon vor 1848 bestiegen, genannt wird kein Name. Die erste touristische Besteigung gelang 1848 dem Botaniker Otto Sendtner und wurde erst 1853 bekannt. Zwischen dem Zeitpunkt der Besteigung durch Einheimische und der ersten Bekanntmachung liegen mindestens fünf Jahre, ein Beispiel dafür, wie das Wissen der Anwohner jahrelang unbeachtet blieb, bis Fremde es aufschrieben. Der Ostgipfel folgte am 28. Juli 1891, bestiegen von H. Kranzfelder und L. Stritzel. Von Sendtners Besteigung bis zu dieser Ostgipfel Besteigung vergingen 43 Jahre, in denen der Westgipfel längst bekannt war. Die Angaben zum Ausgangspunkt der Besteigung von 1848 widersprechen sich in der Literatur, Gerstruben und Gufel werden genannt. Das zeigt, wie schwer sich selbst gut dokumentierte Erstbesteigungen im Rückblick einordnen lassen. Die Daten 1848, 1853 und 1891 dienen als Eckpunkte.

Woher der Name kommt

Die Herkunft des Namens ist nicht vollständig geklärt. Früher galt die Deutung als die Hoffärtige als verbreitet, sie wurde 1951 als gewagt bezeichnet. August Kübler leitete den Namen 1909 von einem Partizip des Verbs heben ab, was Thaddäus Steiner in einer Dissertation von 1972 widerlegte. Steiner schlug später vor, der Name gehe auf Höchatz zurück, eine hochgelegene Weide, denn Atz bedeutet in der Walsermundart Weide. Die Deutung gilt als wahrscheinlich, bewiesen ist sie nicht. Bei Flurnamen arbeiten Sprachforscher häufig mit solchen Wahrscheinlichkeiten, weil schriftliche Belege fehlen. Die Bedeutung hochgelegene Weide passt jedenfalls zu einem Berg mit Grashängen.

Der Name passt zur Geschichte der Ziegenweide, denn Weide und Höhe sind seine beiden Bestandteile. Der Vorschlag der Hoffärtigen dagegen, der vom stolzen Aussehen des Berges ausging, wurde mit der Zeit verworfen, weil er sprachlich nicht trägt. Wenn eine Weide den Berg benennt, zeigt das, wie stark die Nutzung den Ort prägte, und die Walser, die aus dem Wallis kamen und in den Allgäuer Hochtälern siedelten, brachten ihre Mundart mit. Das erklärt, warum ein Berg im Oberallgäu einen Namen trägt, dessen Wurzel im Walserdeutschen liegt.

Wege auf den Berg und was die Zahlen sagen

Die Besteigung wird nach der Alpenvereinsskala bewertet. Der Normalweg von Osten führt ab dem Älpelesattel über den Südsüdostgrat und wird mit UIAA II angegeben, die Gehzeit liegt bei etwa 1 Stunde 15. Der westliche Normalweg ab Gerstruben, genannt Durch die Wanne, ist ebenfalls UIAA II und dauert rund 3 Stunden 15. Die Überschreitung von West nach Ost wird mit UIAA III und etwa einer Stunde angesetzt, der Südwestgrat ab Gerstruben mit UIAA IV und rund fünf Stunden. Die Nordwände gehören mit UIAA V bis VI zu den schwierigen Kletterrouten des Gebiets, die Gerade Nordwand des Zweiten Gipfels dauert etwa zehn Stunden.

Die Stufen sagen mehr über die Beschaffenheit des Berges als über die Länge. Die Ostroute ist mit gut einer Stunde sehr kurz, doch sie führt über schräge Felsplatten und steile Grasflanken, die im Abstieg schwieriger sind als im Aufstieg. Früher wurden Steigeisen empfohlen, auf den leichteren Anstiegen sind sie heute nicht mehr üblich, feste Bergschuhe gehören aber zur Ausrüstung. Nasse oder vereiste Hänge verwandeln den Berg in ein Gelände, das mit Eistouren in den Zentralalpen verglichen wird. Trockene Tage gelten deshalb als Voraussetzung, zu lange Trockenheit macht den Boden allerdings bröselig.

Pflanzenschutz und das Edelweiß

Die Höfats ist seit 1911 Pflanzenschutzgebiet und seit 1959 Naturschutzgebiet. Der Kieselgehalt des Gesteins führt zu einer großen Artenvielfalt, genannt werden Enzian, Aurikel, Anemone, Edelraute, Federgras und Straußglockenblume. Das Edelweiß wurde Anfang des 20. Jahrhunderts fast ausgerottet. Während der Inflation 1923 pflückten Sammler die Blüten für den Verkauf an Touristen, Mitte der 1920er Jahre war nur noch ein Zehntel des Bestands von 1900 vorhanden. Den Weg der Pflanze beschreibt der Beitrag zum Edelweiß im Allgäu aus anderer Sicht.

Ab 1935 stand im Sommer ein Zeltposten der Bergwacht am Berg, 1969 kam eine Biwakschachtel dazu. Anfang der 1970er Jahre erreichten die Bestände wieder 80 Prozent des Standes von 1900. Der Posten ist seit 2007 nicht mehr besetzt, weil sich die Bestände erholt haben. Von 1935 bis 2007 liegen 72 Jahre, in denen Sommer für Sommer jemand am Berg wachte. Das ist ein seltenes Beispiel dafür, dass ein Schutzkonzept sein Ziel erreicht hat. Der Rückgang auf ein Zehntel und die Erholung auf 80 Prozent zeigen, wie stark eine einzelne Pflanzenart vom Verhalten der Menschen abhängt, innerhalb von wenigen Jahrzehnten in beide Richtungen. Die Zahlen sind Prozentwerte des Bestands von 1900, nicht gezählte Pflanzen.

  • Höhe: 2258 Meter am Hauptgipfel
  • Gestein: Aptychenkalk, Hornsteinkalk, Fleckenmergel
  • Schutz: Pflanzenschutzgebiet seit 1911, Naturschutzgebiet seit 1959
  • Weide: Ziegen über Jahrhunderte, bewirtschaftet von Gerstruben aus
  • Name: vermutlich von Höchatz, hochgelegene Weide

Der Freibergsee bei Oberstdorf und sein See ohne Abfluss

Der Freibergsee südlich von Oberstdorf hat keinen oberirdischen Abfluss, und die Herkunft seines Wassers gilt als nicht ganz geklärt. Er liegt auf rund 930 Metern Höhe, ist bis zu 25 Meter tief und erwärmt sich im Sommer auf bis zu 25 Grad. Zwei Angaben zur Fläche stehen nebeneinander, 18 und 27 Hektar, beide aus gedruckten und online verbreiteten Beschreibungen. Der See ist damit ein Ziel, das auf den ersten Blick einfach wirkt und bei näherem Hinsehen Fragen aufwirft, die sich nicht in einem Satz beantworten lassen. Dieser Text sortiert, was belegt ist, was sich widerspricht und was für einen Besuch wichtig ist.

Die Lage macht den See reizvoll. Er sitzt in einer Mulde am Fuß des Freibergs, im Süden ragt die Heini Klopfer Skiflugschanze über die Bäume, und dahinter beginnt das Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen. Die Anreise führt nicht mit dem Auto bis ans Ufer, sondern auf Schusters Rappen, per Fahrrad oder mit dem Ortsbus. Das verändert den Charakter des Ausflugs, denn zwischen Parkplatz und Wasser liegen etwa eine halbe Stunde Weg und rund 160 Höhenmeter. Der See gehört dem Oberallgäu, genauer dem Gebiet südlich des Ortskerns von Oberstdorf, und ist damit ein Ziel im Stillachtal.

Bergsee zwischen frisch belaubten Bäumen mit Skiflugschanze und Schneebergen im Hintergrund

Wie der See entstand und wohin das Wasser fließt

Das Seebecken geht auf die Eiszeit zurück. Der Stillachgletscher hat vor mehr als 10.000 Jahren eine Mulde aus dem Gestein am Freiberg geschürft, nach seinem Rückzug füllte Schmelzwasser die Senke. Ein Bergsturz oder eine Endmoräne als Sperre wird in den gängigen Beschreibungen nicht genannt, die Entstehung folgt also dem Muster eines Gletscherbeckens, das nach dem Abschmelzen Wasser hält. Gletscher hobeln beim Vorrücken Vertiefungen in den Untergrund, wo das Gestein weicher oder stärker zerklüftet ist. Nach dem Eisrückzug bleibt dann eine Wanne zurück. Für den Freibergsee heißt das: Die Form des Beckens, mit bis zu 25 Metern Tiefe auf wenigen Hundert Metern Länge, ist ein Abdruck des Eises, nicht des Wassers. Das Eis ist längst verschwunden, die Mulde blieb.

Ungewöhnlich ist die Wasserbilanz. Der See hat keinen oberirdischen Abfluss. Das Wasser versickert vermutlich durch Spalten im Untergrund, die Zufuhr kommt aus kleinen oberirdischen Rinnsalen und vermutlich aus Quellen am Seegrund. Dass die Herkunft nicht vollständig geklärt ist, steht in den Beschreibungen ausdrücklich. Ein See ohne Abfluss wäre ohne Nachschub binnen kurzer Zeit leer oder würde überlaufen, also muss ein Gleichgewicht herrschen, auch wenn der genaue Weg unbekannt ist. Ähnliche Fragen nach unterirdischem Wasser stellen sich auf dem Gottesackerplateau, wo Regen im Kalk verschwindet.

Zwischen 18 und 27 Hektar

Die beiden Größenangaben im Vergleich zeigen das Dilemma. 18 Hektar entsprechen etwa 25 Fußballfeldern, 27 Hektar rund 38. Die Differenz von 9 Hektar ist groß, bei einem Seeumfang von mehreren Kilometern entspricht sie einem Streifen von mehreren Dutzend Metern Breite rund um das Ufer. Für die Abweichung gibt es plausible Erklärungen: Eine Zahl kann nur den Wasserspiegel meinen, die andere die Fläche samt Uferzone, vielleicht auch Flachwasser und Wiese. Welche Angabe stimmt, lässt sich aus den veröffentlichten Beschreibungen nicht ableiten, deshalb bleibt es bei der Spanne. Ein Vergleich hilft bei der Einschätzung: Der nahe Große Alpsee bei Immenstadt ist mit rund 2,4 Quadratkilometern deutlich größer, der Freibergsee zählt also zu den kleineren Seen des Allgäus, trotz der beiden Angaben. Die Tiefe von 25 Metern ist dagegen nur einmal genannt. Bei 18 Hektar Fläche ergibt eine angenommene mittlere Tiefe von 10 Metern ein Volumen von etwa 1,8 Millionen Kubikmetern, genug für gut 700 olympische Schwimmbecken zu je 2.500 Kubikmetern. Das ist eine Überschlagsrechnung, kein gemessener Wert, sie zeigt aber, wie viel Wasser im Becken steht und warum eine Erwärmung auf 25 Grad im Sommer bemerkenswert ist. Das Wasser braucht dafür viele sonnige Tage, denn die Masse speichert Wärme träge.

Baden, Boot und Naturschutz am Ufer

Am Freibergsee ist ein Naturbad eingerichtet, mit Liegewiese, Kinderbecken, Spielplatz, einem Sprungturm von drei Metern und einem Floß. Es gibt ein Restaurant, ein Strandcafé und einen Bootsverleih für Ruder und Tretboote. Das Wasser ist damit der Teil, der durch Schutzvorgaben begrenzt wird: Außerhalb der Badeanlage darf nicht gebadet werden, Stand Up Paddling ist aus Naturschutzgründen nicht gestattet, und Hunde sind im Naturbad nicht zugelassen. Der See liegt im Landschaftsschutzgebiet Freibergsee, die Wasserqualität wird regelmäßig geprüft. Der See dient außerdem Fischarten, Wasservögeln und Amphibien als Lebensraum, einzelne Arten werden in den Beschreibungen nicht aufgeführt. Daher gilt die Beschränkung auf das Naturbad: Ruhige Uferzonen sind für Vögel und Amphibien wichtig, und ein Ufer ohne Badebetrieb bleibt für sie nutzbar.

Über den Titel wird häufig gesprochen. Der See wird als höchstgelegener Badesee Deutschlands bezeichnet, anderswo als größter und höchstgelegener Badesee im Allgäu. Beide Aussagen lassen sich nicht ohne Weiteres prüfen, denn es gibt in den bayerischen und österreichischen Bergen etliche höher gelegene Seen, in denen sich baden lässt. Für belastbare Zahlen bleibt es bei der Höhe von rund 930 Metern. Das liegt gut 100 Meter über dem Ortskern von Oberstdorf, der bei etwa 800 Metern liegt.

Wege zum See und ihre Zeiten

Die kürzeste Verbindung beginnt am Parkplatz Renksteg. Von dort sind es etwa 30 Minuten und 160 Höhenmeter. Ab der Ziegelbachbrücke dauert der Weg rund 45 Minuten, von Kornau über das Naturfreundehaus und den Edmund Probst Weg etwa 1 Stunde 20. Von der Bergstation der Söllereckbahn führt ein Abstieg über die Hochleite in ungefähr 35 Minuten zum Wasser. Mit dem Mountainbike dauert die Fahrt ab Oberstdorf über Schwand ungefähr eine Stunde. Die Zufahrt über Schwand ist für den öffentlichen Verkehr gesperrt, mit dem Rad ist sie erlaubt. Eine Rundtour wird mit knapp drei Stunden, rund 9,6 Kilometern und 190 Höhenmetern angegeben und gilt als leicht. Aus der Ortsmitte ist der See in etwa einer Stunde zu erreichen, vom Haltepunkt des Ortsbusses sind es nur gut zehn Minuten zu Fuß. Das Verhältnis zeigt, dass die Höhenmeter wenig ins Gewicht fallen, wohl aber die Länge. Im Sommer fährt ein Lift zur Aussichtsplattform der Skiflugschanze, von dort führt eine Sesselbahn in rund 30 Minuten zum See. Mehr über die Schanze steht im Beitrag zur Heini Klopfer Skiflugschanze, die laut Beschreibung aktuell die viertgrößte der Welt ist.

Entscheidungshilfe für den Ausflug

Ob der Freibergsee ein Ziel für einen halben oder einen ganzen Tag ist, hängt vom Wetter, von der Jahreszeit und vom Vorhaben ab. Als Badeziel funktioniert er im Hochsommer, als Spaziergang eher im ganzen Sommerhalbjahr. Die Wassertemperatur von bis zu 25 Grad wird nur an warmen Tagen erreicht, im Frühsommer liegt sie darunter, und ein Bergsee auf 930 Metern kühlt nach Regentagen rasch aus. Öffnungszeiten und Preise von Naturbad und Gastronomie ändern sich und werden deshalb hier nicht genannt, sie stehen vor Ort und bei der Tourist Information. Die folgenden Punkte fassen die belegten Rahmenbedingungen zusammen. Für Ausflüge mit Kindern passt der kurze Weg ab Renksteg, für Bewegungsfreudige die Runde um den See oder der Zugang über die Söllereckbahn und die Hochleite. Wichtig ist, genug Zeit für den Rückweg einzuplanen, denn am Ufer vergeht sie schneller als gedacht.

  • Anfahrt: Ortsbus oder Parkplatz Renksteg, anschließend per pedes oder mit dem Rad
  • Zeit: 30 Minuten ab Renksteg, etwa eine Stunde aus dem Ortskern
  • Baden: nur im eingerichteten Naturbad, nicht am übrigen Ufer
  • Hunde: im Naturbad nicht erlaubt
  • Paddeln: aus Naturschutzgründen nicht gestattet
  • Kombination: Rundweg um den See oder Weg zur Skiflugschanze

Zahlenfreunde können bei einem Besuch prüfen, was in diesem Text widersprüchlich blieb. Ein Gang um den Uferweg mit Schrittzähler liefert zumindest einen Anhaltspunkt für den Umfang und damit für die Größe des Sees, und der Blick auf das Wasser zeigt, wie sich Spiegel und Uferlinie je nach Jahreszeit verschieben.

Das Klausentreiben im Oberallgäu und seine drei Nächte

Wenn in Sonthofen am 5. und 6. Dezember hunderte Gestalten in Fell und mit Kuhglocken an der Hüfte durch die abgesperrte Fußgängerzone ziehen, hört die Stadt sie lange vor dem ersten Anblick. Im Jahr 2015 waren es dort 160 Klausen und 120 Bärbele, dazu bis zu 8.000 Zuschauer an einem einzigen Abend. Das Klausentreiben gehört zu den lautesten Bräuchen im Oberallgäu. Es zieht sich über drei Nächte, beginnt am 4. Dezember, dem Tag der heiligen Barbara, und endet am Nikolaustag. Das Ziel lässt sich in einem Satz sagen: Böse Wintergeister sollen vertrieben werden, indem die Läufer noch furchterregender auftreten als diese. Mit dem Nikolaus, wie ihn Kinder kennen, hat das wenig zu tun. Die Klausen tragen Fell von Kopf bis Fuß, auf dem Kopf Hörner, an der Hüfte schwere Kuhschellen. Die Läufer rennen und schlagen auf den Boden, schwingen Ruten und Peitschen und lassen nur wenige Schritte Abstand zum Publikum. Die Bärbele dagegen, junge Frauen in Fetzengewändern und als alte Hexen vermummt, fegen mit Besen symbolisch Schmutziges aus dem Weg. Beide Gruppen gehören zum selben Verein, doch sie haben einen anderen Auftritt, einen anderen Abend und eine andere Rolle im Brauch.

Beleuchtetes Bergdorf in der Winternacht

Drei Nächte mit zwei Rollen

Die Reihenfolge ist fest. Am 4. Dezember laufen die Bärbele, an den beiden folgenden Abenden die Klausen. In Sonthofen dauert der offizielle Teil von 20 bis 22 Uhr, danach ziehen die Klausen von Wirtshaus zu Wirtshaus. Der Brauch ist in Dörfern des Oberallgäus zu Hause, auch außerhalb der Kreisstadt Sonthofen und ihrer Fußgängerzone, jeder Ort pflegt seine Fassung mit eigenem Verein und eigenen Masken. Schriftliche Belege für die ältesten Läufe gibt es kaum, die Überlieferung stützt sich auf mündliche Weitergabe und auf die Vereine, die den Ablauf seit Langem festhalten. Die Bärbele verteilen mancherorts Äpfel, Nüsse und Kekse und schlagen mit Ruten, bevorzugt nach jungen Männern. Das Fegen mit dem Besen steht dabei sinnbildlich für das Wegkehren von Schmutzigem und Unanständigem. Die Klausen treten rauer auf, mit Peitschen und Ruten. Weil dabei viel Bewegung entsteht, achten in Sonthofen drei erfahrene Vereinsmitglieder, die sogenannten Senior Klausen, darauf, dass nicht zu grob zugeschlagen wird. Der Abstand zur Absperrung schützt Zuschauer, Kinder und ältere Gäste. So bleibt der Brauch ein Spektakel, das auf Regeln gebaut ist und doch den Schrecken der Gestalten behält.

  • Termine: 4. Dezember Bärbele, 5. und 6. Dezember Klausen
  • Mitglieder: unverheiratete Männer von 16 bis 26 Jahren als Klausen, Frauen als Bärbele
  • Kostüm: Fell, Hörner, Kuhglocke, selbst genäht, bis 25 Kilogramm
  • Deutung: Vertreiben böser Wintergeister durch Lärm und Schrecken
  • Alter: häufig mit 1.000 Jahren angegeben, belegt ist das nicht

Das Häs und seine Maße

Das Kostüm heißt Häs und wird von den Vereinsmitgliedern selbst gefertigt, nach den Vorgaben des Vereins. Die Grundidee ist ein Fell vom Kopf bis zu den Füßen, die Kuhglocke sitzt an der Hüfte, auf dem Kopf stehen Hörner. Aus Versicherungsgründen ist nur eine Spitze erlaubt. Die Masken entstehen in Sonthofen aus Motorrad oder Skihelmen, die mit Fell bezogen und mit Kuhhörnern bestückt werden, teils mit Styropor vergrößert, damit die Hörner mächtiger wirken. Das Nähen dauert zwei bis drei Wochen, das Gewicht des gesamten Häs erreicht bis zu 25 Kilogramm. Was das bedeutet, zeigt ein Vergleich. Ein gefüllter Tagesrucksack wiegt acht bis zehn Kilogramm, das Häs bringt also zweieinhalb bis dreimal so viel auf die Waage, und das bei Lauf und Schlagbewegungen über zwei Stunden. Mitglied werden können unverheiratete Männer zwischen 16 und 26 Jahren, Frauen laufen als Bärbele im selben Verein. Der Mitgliederstand ist laut Berichten aus Sonthofen um 30 Prozent gewachsen, der Brauch zieht also mehr junge Leute an, nicht weniger. Dass Fell, Hörner und Helm von Hand entstehen, bindet die Läufer zusätzlich an ihren Verein, denn jedes Häs ist ein Einzelstück.

Zahlen zum Klausentreiben in Sonthofen

Die folgende Übersicht fasst die belegten Größen zusammen. Die Übersicht zeigt, dass hinter dem Spektakel ein Verein mit fester Organisation steht. Die Zahlen stammen aus Sonthofen, in kleineren Orten fallen sie anders aus. Rechnerisch trugen die 160 Klausen von 2015 zusammen bis zu 4.000 Kilogramm Häs durch die Straßen, gerechnet mit dem Höchstgewicht von 25 Kilogramm je Kostüm. Das sind vier Tonnen, verteilt auf einen Zug von 160 Läufern. Bei einem Durchschnitt von 20 Kilogramm je Häs bleiben es immer noch 3.200 Kilogramm. Bemerkenswert ist das Verhältnis von Läufern zu Zuschauern: Auf jeden der 280 Läufer kamen 2015 an einem Abend im Schnitt 25 bis 29 Zuschauer, je nachdem, ob die untere oder obere Schätzung gilt. Die Stadt hat rund 20.000 Einwohner, an einem Klausenabend halten sich in der Fußgängerzone also zeitweise bis zu 40 Prozent der Einwohnerzahl auf, auch wenn viele Besucher von auswärts kommen. Ein Vergleich zeigt die Dimension: Die Zahl der Zuschauer an einem Abend liegt bei einem Vielfachen der Teilnehmer, und die Strecke durch die Fußgängerzone muss diesen Andrang tragen, ohne dass Läufer und Publikum einander in die Quere kommen.

GrößeWertAnmerkung
Klausen 2015160männliche Vereinsmitglieder
Bärbele 2015120Frauen im selben Verein
Zuschauer je Abend7.000 bis 8.000bei etwa 20.000 Einwohnern der Stadt
Gewicht des Häsbis 25 kggesamtes Kostüm
Nähzeit2 bis 3 WochenEigenanfertigung
Altersspanne der Klausen16 bis 26 Jahreunverheiratet

Keltisches Erbe oder jüngerer Brauch

Häufig heißt es, das Klausentreiben sei etwa 1.000 Jahre alt und gehe auf keltische Bräuche zurück. Die Zahl taucht in Berichten immer wieder auf, doch eine lückenlose Überlieferung über ein Jahrtausend lässt sich nicht nachweisen. Kelten haben im Alpenvorland tatsächlich gelebt, ein belegter Zusammenhang zwischen ihren Winterfesten und dem Brauch in Sonthofen fehlt. Wahrscheinlicher ist ein langes Wachsen: ältere Vorstellungen von Dämonen im Winter, später die Heiligenfeste im Dezember, schließlich die Vereine, die den Lauf in feste Formen brachten. Die Zeitangabe von 1.000 Jahren bleibt deshalb eine Schätzung. Auch der Name hilft bei der Einordnung: Klaus ist die Kurzform von Nikolaus, die Gestalt steht also in der Tradition des Heiligen vom 6. Dezember, wurde aber im Volksbrauch ins Wilde gewendet. Mit der Verehrung des Bischofs, der Kindern Gaben bringt, teilt das Klausentreiben nur den Kalendertag.

Lärm gegen Geister kennt der gesamte Alpenraum. Schellen, Glocken und Peitschen sind dafür seit Jahrhunderten in Gebrauch. Die Krampusläufe in Bayern und Österreich fallen ebenfalls auf den 5. Dezember, die Perchtenläufe liegen eher in den Raunächten um den Jahreswechsel, und im schweizerischen Küssnacht am Rigi zieht das Klausjagen am Abend des 5. Dezember durch den Ort. Gemeinsam ist allen die Verbindung von Lärm, Verkleidung und Winterzeit. Unterschiede liegen in den Figuren: Der Krampus gilt als Begleiter des Nikolaus und trägt meist eine geschnitzte Holzmaske, der Allgäuer Klaus dagegen ist selbst die Hauptfigur und trägt Fell und Glocke. Auch die Stimmung weicht ab, denn das Allgäuer Klausentreiben setzt weniger auf Schaubilder als auf Lauf und Klang. Dass im Allgäu Kuhglocken zum Einsatz kommen, passt zur Viehwirtschaft der Gegend, die auch den Viehscheid prägt.

Was der Brauch heute bedeutet

Für die Läufer ist das Klausentreiben ein Vereinsjahr, an dessen Ende die drei Nächte im Dezember stehen. Das Häs muss gebaut, repariert und angepasst werden, neue Mitglieder brauchen Kostüm und Einweisung, und die Rollenverteilung zwischen Klausen und Bärbele will jedes Jahr neu abgestimmt sein, damit der Ablauf der drei Nächte stimmt. Für die Orte ist es ein Termin, der Besucher anzieht und dem Winter eine feste Mitte gibt. Die Absperrung der Fußgängerzone, der Abstand zu den Zuschauern und die Regel mit der einzelnen Hornspitze zeigen, dass ein alter Brauch in einer modernen Stadt funktioniert, weil er geregelt wird. Das nimmt ihm nicht das Raue, es macht den Lärm für Tausende Menschen möglich. Im Kalender dieses Jahres fallen die drei Nächte auf Freitag, Samstag und Sonntag, der Brauch richtet sich aber nach dem Datum und nicht nach dem Wochentag, wie jedes Heiligenfest. Das gibt dem Winter im Oberallgäu eine feste Mitte, die sich nicht verschiebt, auch wenn Termine im Ort um das Klausentreiben herum geplant werden. Der Klang prägt den Eindruck: Dutzende Glocken, die im Gleichschritt ausschlagen und einen Rhythmus ergeben, den kein anderer Brauch im Jahr hervorbringt.

Dinnete aus dem Allgäu und der Teig, der über Nacht reift

Zwei veröffentlichte Rezepte für dieselbe Dinnete trennen elf Stunden Teigruhe, gut 30 Grad im Ofen und eine Backzeit, die sich fast verdoppelt. Das eine verlangt eine Stunde Geduld, das andere einen halben Tag im kühlen Vorratsraum. Beide führen zu einem dünnen, am Rand knusprigen Hefefladen mit Sauerrahm, und beide gelten als Dinnete, je nach Schreibweise auch Dinnette oder Dinnede. Woher der Name stammt, lässt sich nicht sicher sagen. Eine häufig genannte Deutung leitet ihn vom schwäbischen und alemannischen Wort für dünn ab, belegt ist das nicht. Sicher ist der Charakter des Gerichts: ein flacher Fladen aus wenigen Zutaten, der in Minuten gebacken ist und in Scheiben geschnitten warm auf den Tisch kommt. Der Unterschied zwischen kurzer und langer Teigführung lässt sich in Zahlen fassen. Der Weg über Nacht schmeckt aromatischer, weil die Hefe langsam arbeitet und im Teig Säuren und Aromastoffe entstehen. Die Stunde Ruhe reicht für einen lockeren, aber milderen Fladen. Als Grundlage dient hier eine Mischform: 500 Gramm Mehl, 310 Milliliter Wasser, ein paar Gramm Hefe und eine Ruhezeit von acht bis zwölf Stunden. Die Mengen ergeben acht Fladen, die zusammen vier Personen satt machen, wenn ein Salat dazukommt.

Flammkuchen mit Speck backt über offenem Feuer im Ofen

Zutaten und Material für acht Fladen

Das Mehl bestimmt den Biss. Weizenmehl der Type 550 liefert einen elastischen Teig, der sich dünn ausrollen lässt. Eines der erwähnten Rezepte mischt Dinkelmehl und Weizenschrot unter, das gibt dem Fladen einen nussigen Ton, macht den Teig aber weniger dehnbar. Für den ersten Versuch bleibt es beim reinen Weizenmehl. Die Wassermenge von 310 Milliliter auf 500 Gramm Mehl entspricht 62 Prozent, ein Teig, der nach dem Kneten noch gut zusammenhält und beim Ausrollen nicht klebt. Mehr Wasser macht den Fladen luftiger, verlangt aber geübte Hände und reichlich Mehl auf der Arbeitsfläche. Weniger Wasser, etwa 280 Milliliter, ergibt einen festen Teig, der sich zäh zurückzieht und dem Rollholz widersteht. Die Hefe stammt am besten frisch aus dem Würfel, Trockenhefe gelingt ebenso, benötigt aber nur ein Drittel der Menge, hier also gut 1,5 Gramm. Als Belag gehört Sauerrahm oder Schmand auf den Fladen, dazu Zwiebel und etwas Würziges. Die Menge reicht für alle acht Stücke, ein gehäufter Esslöffel Rahm pro Fladen genügt, denn der Belag soll dünn bleiben. Ein heißes Backblech oder ein Backstein verbessert das Ergebnis stärker als jede Zutat, weil der Boden sofort Hitze bekommt und knusprig wird.

  • 500 g Weizenmehl Type 550 und 10 g Salz
  • 5 g frische Hefe, in 310 ml kaltem Wasser aufgelöst
  • 200 g Sauerrahm oder Schmand, eine Prise Salz und Pfeffer
  • 2 mittlere Zwiebeln oder 8 Frühlingszwiebeln
  • 100 g Speckwürfel und 100 g geriebener Bergkäse nach Belieben
  • 1 TL Kümmel oder Korianderkörner, im Mörser angedrückt
  • ein Blech oder ein Backstein, der mit aufgeheizt wird

Der Ablauf von der Schüssel bis zum Ofen

Zuerst werden Mehl, Salz und das Hefewasser etwa fünf Minuten geknetet, bis sich der Teig von der Schüssel löst. Er ruht dann abgedeckt bei Zimmertemperatur eine halbe Stunde und wandert anschließend in einen kühlen Raum, nicht in den Kühlschrank. Bei 15 bis 18 Grad, etwa in Keller oder Speisekammer, arbeitet die Hefe gleichmäßig, im Kühlschrank bliebe der Teig nach zwölf Stunden fast unverändert. Am nächsten Tag hat er sich ungefähr verdoppelt und ist von kleinen Blasen durchzogen.

Der Teig wird in acht Stücke zu je etwa 100 Gramm geteilt. Das Gewicht lässt sich nachrechnen: 500 Gramm Mehl, 310 Gramm Wasser, 10 Gramm Salz und 5 Gramm Hefe ergeben rund 825 Gramm, geteilt durch acht sind es gut 103 Gramm. Jedes Stück wird auf wenig Mehl länglich ausgerollt, am besten bis es nur noch zwei bis drei Millimeter misst. Der Rand darf etwas dicker bleiben, er wölbt sich im Ofen und gibt dem Fladen Halt. Beim Ausrollen hilft es, den Teig immer wieder um eine Vierteldrehung zu wenden, damit die Form gleichmäßig länglich wird und nirgends Löcher entstehen. Reißt eine Stelle, wird sie mit einem Stück Teig vom Rand geflickt, ein kurzes Andrücken genügt. Der belegte Fladen darf nicht lange warten, denn der Rahm zieht sonst in den Teig und macht ihn schwer vom Papier lösbar. Dann wird der Rahm dünn bestrichen, die Zwiebel verteilt und alles mit Kümmel oder Koriander bestreut.

  1. Teig kneten und eine halbe Stunde bei Zimmertemperatur ruhen lassen.
  2. Acht bis zwölf Stunden an einem kühlen Platz gehen lassen, bis sich das Volumen verdoppelt hat.
  3. Ofen samt Blech auf die höchste Stufe vorheizen, mindestens 30 Minuten.
  4. Teig teilen, dünn ausrollen und mit Rahm und Zwiebel belegen.
  5. Fladen auf Backpapier ziehen und samt Papier auf das heiße Blech schieben.
  6. Nach dem Backen Pfeffer und frische grüne Zwiebelringe darüberstreuen.

Zeiten und Temperaturen im Überblick

Zwischen den beiden veröffentlichten Rezepten liegen Welten, und die Tabelle zeigt, warum beide funktionieren. Die kurze Variante gleicht fehlende Reifezeit durch mehr Hefe aus und bäckt bei geringerer Hitze länger. Die lange Variante setzt auf wenig Hefe, viel Zeit und einen sehr heißen Ofen. Die Mischform in diesem Text liegt dazwischen. Haushaltsöfen erreichen meist 250 Grad Ober und Unterhitze, die 280 Grad aus dem einen Rezept sind damit nur mit Pizzaofen oder Backstahl erreichbar. Der Ausgleich liegt in einer etwas längeren Backzeit von acht bis zehn Minuten. Mit Küchenwaage und Ofenthermometer lassen sich die Werte nachprüfen. Ein Backofen heizt sich bei Vorheizen auf Höchststufe in 15 bis 20 Minuten auf, das Blech braucht deutlich länger, 30 Minuten gelten als Minimum. Fladen auf einem kalten Blech brauchen zwei bis drei Minuten mehr und werden unten blass. Gelingt das Aufheizen nicht in dieser Zeit, hilft ein umgedrehtes Backblech, das auf der untersten Schiene mit vorheizt. Ein Fladen, der nach 12 Minuten noch hell ist, stand zu weit oben im Ofen oder hatte zu viel Rahm. Die Tabelle trennt außerdem Teigruhe und Hitze, weil beides einzeln stellbar ist: ein Teig kann nach einer Stunde im heißen Ofen gut gelingen und nach zwölf Stunden in einem lauwarmen Ofen blass bleiben. Beide Größen gehören zusammen betrachtet.

VarianteTeigruheOfenBackzeit
Kurz mit Weizenschrot1 Stunde warmstarke Hitze auf heißem Steinetwa 15 Minuten
Lang mit Frühlingszwiebeln8 bis 12 Stunden bei Kellertemperatur280 Grad, Umluft 250 Grad6 bis 8 Minuten
Mischform in diesem Text8 bis 12 Stunden kühl250 Grad im Haushaltsofen8 bis 10 Minuten
Ohne vorgeheiztes Blechbeliebig250 Grad ohne Aufheizzeit10 bis 12 Minuten

Warum Fladen zäh werden und wie Abweichungen schmecken

Die häufigste Fehlerquelle ist ein zu dicker oder zu nasser Belag. Rahm, der in Pfützen steht, dampft im Ofen und weicht den Teig von oben auf. Schmand enthält weniger Wasser als Sauerrahm und hält sich besser auf dem Fladen. Joghurt in der Rahmschicht, wie es eines der Rezepte vorsieht, muss mit etwas Mehl und Eiern gebunden werden, damit die Masse nicht läuft. Auch zu kalter Teig reißt beim Ausrollen, deshalb kommen die Portionen eine Viertelstunde vor dem Ausrollen aus dem kühlen Raum.

Weil der Belag wenig Platz beansprucht, wirkt jede Zutat stark. Zwiebeln sollten sehr fein geschnitten sein, sonst bleiben sie roh und kräftig im Geschmack. Speck wird vorher nicht ausgelassen, er gart im Ofen in der Rahmschicht. Als Abwandlungen sind Kartoffelscheiben mit Kraut und Käse bekannt, ebenso eine süße Fassung mit Apfel oder Birne. Frisch aus dem Ofen schmeckt der Fladen am besten, nach zehn Minuten Wartezeit verliert er seine Knusprigkeit und wird biegsam. Zur Dinnete passt ein einfacher Salat mit Essig und Öl, der Frische gegen den Rahm setzt. Ein verwandtes Gericht sind die Allgäuer Krautkrapfen mit einem weiteren Hefeteig mit Rahm und Kraut, der ebenso von wenigen Zutaten lebt.

Der südlichste Punkt Deutschlands am Haldenwanger Eck

Der südlichste Punkt Deutschlands ist kein Gipfel, kein Ort und auch kein Kreuz, sondern ein Grenzstein mit der Nummer 147 am Haldenwanger Eck in der Gemeinde Oberstdorf. Er steht auf 1883 Metern Höhe, etwa 17 Kilometer südwestlich des Ortskerns, und markiert das Dreiländereck von Bayern, Tirol und Vorarlberg. Am Stein selbst gibt es weder Aussichtsplattform noch Parkplatz, denn der Punkt ist nur über eine Bergtour zu erreichen, und die Zufahrtsstraße dürfen motorisierte Fahrzeuge nur von Anwohnern benutzt werden. Der Stein liegt damit 1079 Meter unter dem Gipfel der Zugspitze, die als höchster Punkt Deutschlands 2962 Meter misst, und beide Extreme liegen in Bayern.

Auf den ersten Blick wirkt die Frage nach dem südlichsten Punkt eindeutig. Beim Nachlesen tauchen jedoch mehrere Zahlen, mehrere Steine und zwei Namen auf, die sich überlagern. Das Haldenwanger Eck wird mit 1931 Metern angegeben, der Grenzstein mit 1883, und der Biberkopf mit 2599 Metern wird gelegentlich als südlichster Punkt bezeichnet, obwohl er weiter im Norden liegt. Wie sich diese Angaben ordnen lassen und was der Weg zum Stein tatsächlich verlangt, zeigt der Blick auf Grenzsteine, Koordinaten und Tourenzeiten.

Felsgrat mit Schneefeldern unter Wolken

Eck, Stein und Berg im Vergleich

Der Name Haldenwanger Eck bezeichnet eher das Gebiet zwischen dem Haldenwanger Kopf und dem Gehrner Berg als einen einzelnen Punkt. Er leitet sich aus den althochdeutschen Wörtern halda für Abhang und wang für Gefilde ab und hat mit der Gemeinde Haldenwang nichts zu tun. Die Anhöhe selbst misst 1931 Meter und trägt den Grenzstein 149. Wenige hundert Meter südöstlich liegt auf 1883 Metern der Grenzstein 147, an dem tatsächlich die südlichste Stelle Deutschlands liegt.

Der Stein 148 steht an der Ecke, wo die Grenze etwa rechtwinklig abbiegt. Zwischen Anhöhe und Stein liegen 48 Höhenmeter, und genau diese Differenz erklärt, warum in Beschreibungen mal 1931 und mal 1883 Meter stehen. Der Stein selbst ist eine Granitsäule, die 1986 auf Initiative des Landes Vorarlberg errichtet wurde und den alten Grenzstein von 1844 ersetzte.

Der historische Stein wurde gesichert und dem Bayerischen Landesvermessungsamt übergeben. Zwischen beiden Steinen liegen 142 Jahre. Der Biberkopf, den manche Beschreibungen als südlichsten Punkt führen, liegt rund 110 Meter weiter nördlich und überragt den Stein um 716 Meter, weil er 2599 Meter hoch ist. Als Gipfel ist er auffälliger, als Grenzpunkt aber nachrangig.

Die vier Ecken Deutschlands im Zahlenvergleich

Das Eck ist einer von vier Extrempunkten, die das Staatsgebiet umschließen.

Die Lage lässt sich an Breiten und Längen ablesen.

RichtungOrtLage
NordenEllenbogen bei List auf Sylt55 Grad 3 Minuten Nord
SüdenGrenzstein 147 am Haldenwanger Eck47 Grad 16 Minuten Nord
WestenIsenbruch bei Selfkant in Nordrhein Westfalen5 Grad 52 Minuten Ost
OstenNeißeaue im Landkreis Görlitz15 Grad 3 Minuten Ost

Beim Norden gibt es mehrere Antworten: Der Ellenbogen ist der nördlichste Landpunkt, die Seegrenze bei Sylt liegt auf 55 Grad 5 Minuten noch weiter nördlich, und auf dem Festland ist es der Rickelsbüller Koog bei 54 Grad 54 Minuten. Der Süden ist dagegen mit dem Stein eindeutig bestimmt, es gibt keine Seegrenze und keine Festlandsvariante. Aus den Werten der Tabelle lässt sich die Ausdehnung des Landes überschlagen. Zwischen dem Ellenbogen und dem Eck liegen knapp 7,8 Breitengrade, und ein Breitengrad entspricht rund 111 Kilometern, was gut 865 Kilometer in Nord Süd Richtung ergibt. In West Ost Richtung beträgt der Unterschied etwa 9,2 Längengrade, die auf 51 Grad Nord je rund 70 Kilometer messen, also gut 640 Kilometer. Deutschland ist damit gut 220 Kilometer länger als breit. Der tiefste Punkt liegt bei Neuendorf nahe Wilster mit minus 3,54 Metern, der höchste auf der Zugspitze mit 2962 Metern; die Höhendifferenz zwischen dem tiefsten und dem höchsten Punkt beträgt damit rund 2966 Meter.

Rechenbeispiel zu Weg und Tempo

Der Weg zum Stein lässt sich auf zwei Arten angehen, und die Zahlen unterscheiden sich stark. Die Rundwanderung ab dem Parkplatz Jägeralp Express bei Hochkrumbach nahe Warth in Vorarlberg misst 15,35 Kilometer, die Gehzeit wird mit gut fünf Stunden angegeben, und der höchste Punkt ist die Obere Hirschgehrenalpe auf 1911 Metern. Die Tour ab Oberstdorf über Birgsau, Buchrainer Alpe, Speicherhütte und Trifthütte ist als Rad und Bergtour mit 37,3 Kilometern und sieben Stunden beschrieben. Die Wanderung wird als schwer eingestuft, der Wegzustand dagegen als gut.

Zur Schwierigkeit gibt es damit zwei Antworten: Die Wege sind in Ordnung, aber die Länge von mehr als fünf Stunden Gehzeit und der Anstieg machen den Anspruch aus. Zu den Bergen am Weg zählen der Haldenwanger Kopf mit 2002 Metern, die Widdersteine und der Schrofenpass mit 1689 Metern, und von der Oberstdorfer Seite aus ist unterwegs die Trettachspitze zu sehen. Die Rundwanderung führt von Warth aus über die Trifthütte und den Schrofenpass und bleibt dabei auf einer Höhe, die nirgends in die Region der großen Gipfel reicht, denn der höchste Punkt liegt bei 1911 Metern.

  1. Rundwanderung ab Hochkrumbach: 15,35 Kilometer durch 5 Stunden 8 Minuten ergeben ein Tempo von rund 3 Kilometern pro Stunde.
  2. Tour ab Oberstdorf: 37,3 Kilometer durch 7 Stunden ergeben rund 5,3 Kilometer pro Stunde, weil ein Teil der Strecke mit dem Rad zurückgelegt wird.
  3. Streckenvergleich: Die Tour ab Oberstdorf ist mit 37,3 Kilometern rund zweieinhalbmal so lang wie die Wanderung mit 15,35 Kilometern.
  4. Zeitvergleich: Bei 3 Kilometern pro Stunde würden die 37,3 Kilometer zu Fuß rund 12,4 Stunden dauern, die Radetappen sparen demnach rechnerisch mehr als fünf Stunden.
  5. Höhenunterschied: Von der Hirschgehrenalpe mit 1911 Metern zum Stein mit 1883 Metern geht es 28 Meter bergab.

Grenzfälle bei Lage und Zugang

Bei den Angaben zum Eck widersprechen sich die Quellen an mehreren Stellen, und nicht alle Widersprüche lassen sich auflösen. Das beginnt bei der Zuordnung zum Gebirge: Das Eck liegt in den Allgäuer Alpen, im Quellgebiet des Rappenalpenbachs, der Oberlauf der Stillach ist, während eine Kartenangabe es auf ein Blatt der Lechtaler Alpen legt, nämlich auf die Alpenvereinskarte mit dem Titel Lechtaler Alpen, Arlberggebiet. Ein Kartenblatt ordnet also anders zu, als es die Gebirgsgliederung tut. Die Trifthütte, die früher Haldenwanger Hütte hieß, liegt auf 1742 Metern etwa 400 Meter südsüdwestlich, gilt aber als südlichstes Gebäude Deutschlands. Die Zufahrtsstraße zum Gebiet ist für den allgemeinen Verkehr gesperrt, nur Anwohner dürfen sie mit Fahrzeugen benutzen. Ein Auto bringt Besucher deshalb nur bis zum Beginn der Wege, den Rest legen sie zu Fuß oder mit dem Rad zurück. Das gilt sowohl für den Anstieg aus dem Stillachtal als auch für die Variante über Vorarlberg. Als Variante des Namens kommt auch Haldenwanger Egg vor, die Bezeichnung Eck ist aber die gebräuchliche. Die Pfade von der deutschen Seite gelten dagegen als selten begangen und nur teilweise gepflegt.

  • Der südlichste Punkt ist ein Grenzstein und kein Gipfel, die Höhe von 1883 Metern gehört zum Stein, die von 1931 zur Anhöhe.
  • Die Pfade zum Eck werden selten begangen und sind nur teilweise präpariert und markiert, eine topografische Karte wird empfohlen.
  • Ob der Grenzstein 147 oder die Anhöhe als Eck bezeichnet wird, hängt von der Quelle ab.
  • Der Name Haldenwanger Eck gehört zur Gemeinde Oberstdorf im Landkreis Oberallgäu.

Warum der Punkt trotzdem ein Ziel ist

Dass Wanderer 15 oder sogar 37 Kilometer auf sich nehmen, um einen Stein zu sehen, liegt am Reiz der Grenze. Ein Punkt, der in einer Liste von Extremen steht, übt eine Anziehung aus, die ein Gipfel mit gleicher Höhe nicht hätte. Der Reiz liegt auch im Zahlenspiel: Wer den Stein erreicht, steht am Süden eines Landes, das von dort bis zum Ellenbogen auf Sylt gut 865 Kilometer misst. Hinzu kommt die Lage im Quellgebiet des Rappenalpenbachs, abseits der großen Bahnen, wo der Allgäuer Hauptkamm den Horizont bestimmt.

Die Nachbarschaft zu Österreich zeigt sich hier im Kleinen: Der Ausgangspunkt der Rundwanderung liegt bei Warth jenseits der Grenze. Im weiteren Umfeld liegen das Geißhorn mit 2366 Metern, rund zwei Kilometer nördlich, und den Biberkopf mit 2599 Metern, vier Kilometer östlich. Beide überragen den Stein deutlich, das Geißhorn um 483 Meter und der Biberkopf um 716 Meter. Mehr über das Tal auf der anderen Seite der Berge steht im Beitrag über das Kleinwalsertal als Tal zwischen zwei Staaten, und der Ort mit der südlichsten Lage ist in Oberstdorf als südlichstes Reiseziel beschrieben.

Gipfelkreuze in den Alpen und wie sie auf den Berg kamen

Auf fast jedem nennenswerten Gipfel der Ostalpen steht ein Kreuz, und selten fragt jemand, wie es dorthin kam. Allein in Österreich sind es wohl viertausend, im gesamten Alpenraum könnten es um die zehntausend sein, wobei die Schätzungen weit auseinandergehen, weil viele Kreuze in keiner Liste stehen. Ein Holzkreuz auf einem Grat im Oberallgäu ist damit Teil einer Masse, die sich kaum zählen lässt. Es trägt Handwerk, Glauben, Heimatgefühl und manchmal auch Streit in sich, und seine Geschichte beginnt weit vor der Zeit, in der Bergsteigen ein Freizeitvergnügen wurde.

Verbreitet ist die Annahme, die Kreuze seien so alt wie das Christentum in den Bergen. Das stimmt nur zum Teil. Frühe Belege gibt es, doch der Großteil der heutigen Kreuze ist jung, und ein einzelnes Kreuz überlebt selten länger als zwei Jahrzehnte. Wie aus Wetterzeichen, Grenzmarken und Dankeszeichen das Gipfelkreuz wurde, das heute jeder kennt, erzählen einige Jahreszahlen, einige Gewichte und eine Debatte, die bis heute nicht beendet ist. Auch im Oberallgäu gilt, was für die übrigen Ostalpen gilt: Ein Kreuz auf dem Berg ist ein Gemeinschaftswerk, das in Vereinen und Gemeinden beschlossen wird.

Goldenes Kreuz auf einem Felsgipfel vor blauem Himmel mit Wolken und Bergketten

Vom Wetterkreuz zum Zeichen auf dem Gipfel

Je nach Quelle beginnt die Geschichte schon im dreizehnten Jahrhundert. Als frühes Kreuz gilt das Confin Kreuz auf der Malser Haide in Südtirol, das als Grenzmarkierung diente. Als frühes Beispiel eines christlich gemeinten Gipfelkreuzes nennt der Alpenverein den Mont Aiguille: 1492 stieg dort Antoine de Ville mit rund einem Dutzend Begleitern auf das Plateau, und es wurden drei Kreuze aufgestellt. Zwischen den beiden Angaben besteht ein Widerspruch, der sich mit den vorhandenen Angaben nicht auflösen lässt, und deshalb bleibt offen, welches Kreuz als erstes gelten darf. Größere Bedeutung bekam die religiöse Symbolik wohl erst im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648, als vermehrt Holzkreuze aufgestellt wurden. Gebaut waren sie meist aus Ästen, die vor Ort zu finden waren, und sie sollten Unwetter, Sturm und Hagel von den Tälern fernhalten. Deshalb hießen sie Wetterkreuze. Der Krieg dauerte 30 Jahre, und die Kreuze dieser Zeit waren Zeugnisse einer Epoche, in der das Wetter über Ernte und Überleben entschied. Auf manchen Wetterbergen fanden Gebetsrituale statt, um mildes Wetter zu erbitten. Zu dieser Zeit waren die Gipfelkreuze entfernte Verwandte der Wegkreuze aus den Tälern, die weiter den Berg hinaufgewandert waren.

Warum die Ostalpen mehr Kreuze tragen als die Westalpen

Dass ein Gipfel in den Französischen Alpen früh ein Kreuz bekam, ist eher die Ausnahme. Im Westen des Gebirges, in der Schweiz, in Frankreich und in Italien, haben reformierte Traditionen mehr Gewicht, darunter die der Waldenser, und religiöse Symbole stehen dort seltener auf Bergen. Die Ostalpen in Österreich, Bayern und Südtirol sind dagegen katholisch geprägt, und dort hat das Kreuz auf dem Gipfel seine Heimat gefunden. Bei grob 4000 Kreuzen in Österreich und etwa 10.000 im ganzen Gebirge entfallen rechnerisch rund 40 Prozent auf ein einziges Land, und die übrigen 6000 Kreuze verteilen sich auf alle anderen Länder und Gebirgsteile. Im 18. Jahrhundert setzten Adelige zunächst Fahnenmasten auf die Gipfel, um den Erfolg ihrer Besteigung zu zeigen. Die Antwort, die zu den Gemeinschaften der Täler besser passte, war das Kreuz. Aus dem persönlichen Gipfelzeichen wurde ein gemeinsames Zeichen, das Vereine und Pfarreien pflegten, und das Kreuz verband Gipfelerfolg, Glauben und Wetterschutz in einer einzigen Form. Im Allgäu, dessen Berge zu den Ostalpen zählen, gilt dasselbe, und das Muster ist über die Bundesländergrenzen hinweg gleich: Die Gemeinschaft stellt das Kreuz auf, die Gemeinschaft erneuert es.

  1. 1492 Drei Kreuze auf dem Mont Aiguille
  2. 1618 bis 1648 Mehr Holzkreuze im Dreißigjährigen Krieg
  3. 1799 Kreuz auf dem Kleinglockner
  4. 1800 Erste Besteigung des Großglockners
  5. 1851 Vergoldetes Kreuz auf der Zugspitze
  6. Anfang 2024 Denkmalschutz für das Kreuz am Großglockner

Gewichte und Teile bekannter Kreuze

Ein Gipfelkreuz muss tragbar sein, und wie das gelang, zeigen Zahlen zu einigen berühmten Beispielen.

Am Großglockner stand 1799 ein provisorisches Kreuz auf dem Kleinglockner, ein Jahr bevor der Hauptgipfel bestiegen wurde.

Es gilt wohl als das erste Kreuz im Ostalpenraum, doch diese Aussage trifft der Alpenverein nur vorsichtig.

KreuzOrtAngabe
KaiserkreuzGroßglockner, 3798 Meter60 eiserne Teile, zusammen etwa 300 Kilogramm
Original von 1851Zugspitze28 Einzelteile, von Beginn an vergoldet
HolzpietàSchönfeldspitzeHolz, vom Bildhauer Anton Thuswalder
HeldenkreuzCaraiman Spitze, Karpaten39,5 Meter samt Fundament, größtes Gipfelkreuz der Welt

Beim Kaiserkreuz am Großglockner lohnt eine Rechnung. Jedes der 60 Bauteile wiegt höchstens 16 Kilogramm. Wären alle Teile so schwer gewesen, hätte das Kreuz 960 Kilogramm gewogen, tatsächlich sind es etwa 300 und damit knapp ein Drittel davon. Im Mittel wiegt ein Teil also 5 Kilogramm, und die meisten sind deutlich leichter als das Maximum, was für den Aufstieg zu Fuß ausschlaggebend war. Zwischen der Besteigung des Großglockners 1800 und dem Zugspitzkreuz von 1851 liegen 51 Jahre. Auf der Zugspitze, die 2962 Meter erreicht und damit 836 Meter niedriger liegt als der Glockner, wurden 1851 insgesamt 28 Teile getragen. Beide Kreuze entstanden ohne Hubschrauber, und der Weg in die Höhe war reine Muskelarbeit. Rechnerisch hätten vier Träger je 75 Kilogramm tragen müssen, um die 300 Kilogramm des Glockner Kreuzes in einem Zug nach oben zu bringen, bei zehn Trägern wären es 30 Kilogramm pro Person gewesen. Die Holzpietà auf der Schönfeldspitze zeigt außerdem, dass nicht alle Gipfelzeichen schlichte Kreuze sind. Das erklärt, warum die Kreuze in so viele kleine Teile zerlegt wurden, und warum sich der Aufstieg mit einem Kreuz im Gepäck überhaupt bewältigen ließ.

Pflege der Kreuze und die Zahl der Neuaufstellungen

Aufsteller sind Sektionen des Alpenvereins, Burschenvereine, Kirchengemeinden und Privatinitiativen. Meist gilt ein Gewohnheitsrecht: Die Gruppe, die das letzte Kreuz aufgestellt hat, sorgt auch dafür, dass ein neues hinaufkommt; Angaben zu Kosten und Zuständigkeiten fehlen in den vorliegenden Darstellungen. Rauhe Witterung in den Bergen nagt am Holz, deshalb wird ein Gipfelkreuz im Normalfall alle zehn bis zwanzig Jahre ausgetauscht.

Über ein Jahrhundert gerechnet braucht ein einzelner Gipfel also fünf bis zehn Kreuze, und ein Kreuz, das seit 1950 an derselben Stelle steht, ist heute mindestens das vierte, womöglich das achte seiner Reihe. Für die geschätzten 4000 Kreuze in Österreich bedeutet das rechnerisch 200 bis 400 neue Kreuze pro Jahr, wenn alle regelmäßig erneuert würden. Beim Mittelwert von 15 Jahren sind es etwa 267 Kreuze im Jahr, also mehr als fünf in jeder Woche.

Viele wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aufgestellt, häufig aus Dank für die Heimkehr. Mit dem Hubschrauber wurde der Transport später einfacher, und es entstand ein Wettbewerb um größere und aufwendigere Kreuze. Das Kreuz am Großglockner steht seit Anfang 2024 unter Denkmalschutz, als erstes, höchstes und bislang einziges denkmalgeschütztes Gipfelkreuz Österreichs.

Streit um das Kreuz und was es über Heimat verrät

Nicht alle sehen das Kreuz gleich. Reinhold Messner kritisierte 2016, die Berge sollten nicht zu religiösen Zwecken möbliert werden. Im Sommer 2016 wurden mehrere Gipfelkreuze in der Gegend um Bad Tölz schwer beschädigt, und im November desselben Jahres wurde das neue Kreuz auf dem Schafreuter weniger als zwei Monate nach der Aufstellung umgesägt.

Für viele Mitglieder des Alpenvereins ist das Kreuz dagegen eher Kulturgut als religiöses Symbol, und an manchen Kreuzen hängen tibetische Gebetsfahnen, was der Alpenverein nicht als Konflikt bezeichnet. In Tirol wurden Kreuze nach der Teilung Südtirols zeitweise mit anti italienischen Botschaften versehen, ein Beispiel dafür, wie schnell ein Zeichen für andere Zwecke gebraucht wird. Die genannten Vorfälle stammen aus einem einzigen Jahr, doch sie zeigen, wie viel Gefühl an einem Stück Holz hängt.

Der Streit zeigt, dass ein Gipfelkreuz mehr ist als eine Wegmarke. Es steht für Orientierung, für Dank und für die Frage, wem ein Berg gehört, und diese Fragen werden von Gemeinde zu Gemeinde verschieden beantwortet. Für den Blick am Gipfel gibt es einige Punkte, die den Eindruck verändern.

  • Das Alter eines Kreuzes ist meist gering, denn Holz hält nur zehn bis zwanzig Jahre.
  • Die Zahl der Kreuze lässt sich nur schätzen, weil viele nirgends erfasst sind.
  • Ein aufgestelltes Kreuz verpflichtet die Aufsteller über Jahrzehnte.
  • Der Denkmalschutz am Großglockner zeigt, dass ein Kreuz als Kulturgut gelten kann.

Zur Frage, wie Heimat entsteht, passt der Beitrag über Heimweh als Krankheit und den Ruf der Alpen, und dass auch Berge ihre Zeichen im Landstrich hinterlassen, zeigt die Geschichte vom Bergbau am Grünten.

Das Venedigermännle im Allgäu und der Mythos vom Grüntengold

Ein Stein, der mehr wert ist als der ganze Ochse: So lautet der Kern einer Geschichte vom Grünten. Ein Älpler wirft einen Stein nach seinem Tier, und ein kleines Männlein aus dem Berg ruft ihm zu, der Wurf habe das Tier an Wert übertroffen. Der Stein war demnach Gold. In den Sagen des Allgäus taucht immer wieder dieses Männlein auf, das als Venedigermännle bekannt ist. Es gräbt im Berg, hütet Schätze, schickt Hirten in die Irre oder belohnt sie, ohne dass jemand erklären könnte, warum.

Die verbreitete Annahme lautet, hinter solchen Erzählungen stecke ein wahrer Kern: Fremde Goldsucher aus Venedig hätten tatsächlich in den Allgäuer Bergen geschürft, und der Volksmund habe sie zu Berggeistern gemacht. Das klingt plausibel, und manches daran stimmt, doch bei näherem Hinsehen liegt am Grünten kein Gold, sondern Eisenerz. Was die Geschichte also tatsächlich erzählt, lässt sich nur im Vergleich mit dem Berg selbst beurteilen. Aus diesem Vergleich ergibt sich ein anderes Bild als das vom einfachen Goldrausch, und es führt zu der Frage, was Menschen in einem Berg suchten, der ihnen Arbeit, Holzbedarf und Rauch ins Tal brachte. Die Antwort liegt zwischen Sage und Urkunde, und sie beginnt mit einem Blick auf die drei Orte, an denen das Männlein erzählt wird.

Gemauerter Stolleneingang auf einer grünen Wiese

Wo das Venedigermännle im Allgäu auftaucht

Überliefert ist das Männlein an mehreren Orten, die sich auf der Karte weit auseinander finden. Vom Hochvogel, der mit 2593 Metern zu den höchsten Gipfeln der Allgäuer Alpen zählt, erzählt eine Sage von einem Berggeist, der als Venedigermännle im Berg arbeitet, aber nichts Gutes im Sinn hat. Vom Grünten, der mit rund 1738 Metern deutlich niedriger liegt, stammt die Geschichte vom Goldbrünnle und dem Stein. Und bei der Sturmannshöhle nahe Obermaiselstein wird berichtet, dass Venedigermännle dort auf Schatzsuche gewesen seien. Auffällig ist, dass der Charakter des Männleins wechselt. Am Hochvogel ist es bedrohlich, am Grünten eher großzügig, wenn auch unabsichtlich. Eine feste Gestalt hat es nicht, und das ist typisch für Sagen: Erzählt werden sie an bestimmten Orten, und jede Gegend färbt die Figur ein. Dazu kommt, dass die Erzählungen mündlich weitergegeben wurden, mit allen Abweichungen, die dabei entstehen. Entscheidend ist ein gemeinsames Muster, das sich in vielen Alpentälern wiederfindet. Ein Fremder, der in der Sprache oder Herkunft nicht zu den Einheimischen gehört, sucht in einem Berg nach Wertvollem, und der Berg gibt entweder nichts her oder gibt viel mehr, als jemand ahnt.

Das Goldbrünnle am Grünten

Die Geschichte vom Goldbrünnle ist kurz erzählt. Im Grünten, so heißt es, fließe irgendwo ein Brünnle, in dem Gold liege. Ein Älpler griff nach einem Stein und warf ihn seinem Ochsen nach.

Daraufhin trat ein Venedigermännle auf und machte ihm bittere Vorwürfe: Der Stein, den er eben weggeworfen habe, sei mehr wert als der ganze Ochse. Die Szene lebt von der Umkehrung und von einer zu späten Einsicht: Der Berg schenkt etwas, und der Mensch erkennt es erst, als es zu spät ist. Was der Älpler daraufhin tat, erzählt die Überlieferung nicht, und gerade dieses offene Ende lässt den Verlust des Steins größer wirken. Gelesen werden kann die Sage als Warnung, Dinge nicht gedankenlos wegzuwerfen.

Ebenso passt eine Deutung als Spott auf die Gier, denn der Älpler jammert um einen Stein, den er gar nicht kannte. Dass solche Geschichten bis heute erzählt werden, liegt weniger am Gold als an dem Gedanken, dass der gewöhnliche Boden unter den Füßen etwas Außergewöhnliches verbergen könnte. Beim Wort Grünten fällt den meisten die Aussicht ein, nicht das Innere des Berges, und genau dort setzt die Sage an.

Was am Grünten tatsächlich im Berg lag

Das Innere des Grünten war kein Goldversteck, sondern ein Erzlager. Schon 1471 sind Bergwerke am Berg schriftlich bezeugt, das Eisen wurde in einem Ofen an der Starzlach verhüttet, der 1607 errichtet und 1863 endgültig stillgelegt wurde. Zwischen Errichtung und Ende liegen 256 Jahre. Die Stollen unter den Wiesen bei Burgberg wurden erst 1946 und 1947 zugesprengt. Mehr als vierhundert Jahre Bergbau haben demnach tatsächlich Spuren im Berg hinterlassen, und unter manchen Wiesen verläuft ein Netz aus Gängen. Mehr dazu im Beitrag über das Eisenerz am Grünten. Zwischen der Sage und dieser Geschichte liegt ein Unterschied, den ein Blick auf die Gegenüberstellung zeigt.

MerkmalSage vom GoldbrünnleGeschichte des Grünten
MetallGold im WasserEisenerz im Fels
ZeitunbestimmtBergwerke ab 1471, Stollen bis zur Sprengung nach dem Krieg
Verarbeitungkeine, ein Stein wird weggeworfenOfen an der Starzlach von 1607 bis 1863
Beteiligteein Älpler und ein MännleinBergleute und Hüttenarbeiter
  1. 1471 Erste schriftlich bezeugte Bergwerke am Grünten
  2. 1607 Bau des Schmelzofens an der Starzlach
  3. 1863 Der Ofen wird endgültig stillgelegt
  4. 1946 und 1947 Sprengung der alten Stollen bei Burgberg

Daraus ergibt sich eine Rechnung, die dem Männlein nicht gefällt: Von 1471 bis zur Sprengung der Stollen 1946 vergingen 475 Jahre, in denen Menschen im Grünten gruben. Wo so lange gearbeitet wird, bleiben Haufen aus Gestein, Hohlräume und Wege zurück, an die sich Erzählungen anlagern. In einer Gegend mit bekannten Hohlräumen im Berg gab es keinen Grund zu glauben, dort sei nichts. Dass aus Eisen in der Sage Gold wurde, folgt einer einfachen Logik: Geschichten sprechen von Wertvollem, nicht von Nützlichem.

Warum Sagen Fremde zu Schatzsuchern machen

Für die Verbindung zu Venedig gibt es mehrere Deutungen, und keine ist gesichert. Eine Deutung sieht in den Venedigern Erinnerungen an wandernde Erzsucher, die im Alpenraum nach Metallen und Edelsteinen suchten. Eine andere erklärt sie als Sagenfiguren, die nur den Namen einer weit entfernten, reichen Stadt tragen, weil Venedig im Volksmund für Handel und Reichtum stand. Für das Allgäu ist keine bestimmte Gruppe von Erzsuchern aus Venedig belegt, und beide Deutungen bleiben Vermutungen. Gesichert ist dagegen, dass die Sagenerzähler eine Erklärung für auffällige Stellen brauchten. Eine Höhle, ein Stollenmund, ein Fels mit ungewöhnlicher Farbe: Wo die Natur Rätsel aufgibt, entsteht rasch eine Figur, die dafür verantwortlich gemacht wird. Das Venedigermännle ist in diesem Sinn weniger ein Wesen als eine Antwort auf die Frage, warum in einem Berg Löcher sind. Und weil Bergbau tatsächlich stattgefunden hat, wirkt die Antwort glaubwürdig, auch wenn das Gold nie gefunden wurde. Dunkle Öffnungen im Wald zogen Geschichten an, die vor dem Hineingehen warnten und den Ort mit Bedeutung auflüden. Das gilt für Höhlen wie die bei Obermaiselstein ebenso wie für Gänge, die ein Bergwerk hinterlassen hat, und für den Berggeist am Hochvogel.

Wo der Kern der Sage stimmt

  • Am Grünten wurde nachweislich über Jahrhunderte im Berg gegraben, nur eben nach Eisen und nicht nach Gold.
  • Bei der Sturmannshöhle und am Hochvogel trifft die Figur auf Orte, an denen Hohlräume und Felsformen zu Erzählungen herausfordern.
  • Das Motiv vom unbedachten Hirten, der einen Wert wegwirft, erscheint in mehreren Fassungen und ist weniger an Gold als an Menschen gebunden.
  • Der Name Venedig bleibt eine Deutung und kein Beleg für eine bestimmte Gruppe von Erzsuchern.

Die Behauptung, hinter dem Venedigermännle stehe ein belegter Goldrausch im Allgäu, lässt sich nicht halten. Trotzdem steckt in den Geschichten mehr Wirklichkeit, als der Märchenton vermuten lässt. Der Blick auf Ort und Berg zeigt, wo sich Sage und Geschichte tatsächlich berühren. Fest steht, dass im Allgäu über Jahrhunderte Erz abgebaut wurde, dass Hohlräume im Fels zu Erzählungen anregten und dass die Figur des Männleins an mehreren Orten, aber nicht in einer einheitlichen Fassung überliefert ist. Fest steht ebenso, dass für Gold am Grünten kein Beleg bekannt ist. Vier Punkte fassen die Berührungsstellen zusammen. Eine Sage ernst zu nehmen, ohne sie zu überschätzen, heißt, etwas über die Menschen zu erfahren, die sie erzählten. Die Geschichten zeigen, wie die Bewohner der Täler ihre Berge sahen: als Orte voller Rätsel, die sich nicht ausschöpfen ließen, und dass sie dafür Figuren erfanden, die Mut machten, warnten oder lachten. Ein Erklärstück über Sagen ersetzt keine Wanderung, aber es hilft beim Lesen von Ortsnamen und Wegen, an denen solche Geschichten haften. Weitere Schauplätze stehen in der Übersicht über Allgäuer Sagen, und die Höhle im Süden des Landkreises steht im Beitrag über die Sturmannshöhle.

Wie Oberstdorf zum Auftakt der Vierschanzentournee wurde

Der 29. oder 30. Dezember gehört in Oberstdorf seit Jahrzehnten dem Skispringen: Am Schattenberg beginnt die Vierschanzentournee, und das Allgäuer Dorf ist der Auftaktort der Tournee. Dabei stand Oberstdorf bei der Gründung gar nicht fest, und in der allerersten Tournee im Januar 1953 war es nur das zweite Springen der Reihe. Der Platz im Programm kam durch eine Rechnung zustande, in der es um Zuschauer, Einnahmen und Gleichgewicht zwischen zwei Ländern ging. Wie aus einem Kompromiss ein Fixpunkt des Wintersports wurde, lässt sich an wenigen Jahreszahlen nachvollziehen.

Die Tournee besteht aus vier Springen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen. Seit der Saison 1972/73 hat sich diese Reihenfolge nicht mehr verändert. Oberstdorf eröffnet, Garmisch-Partenkirchen folgt am 1. Januar, Innsbruck am 3. oder 4. Januar und Bischofshofen schließt am 6. Januar mit dem Dreikönigsspringen. Warum ausgerechnet Oberstdorf diesen Platz bekam, erklärt sich aus der Vorgeschichte, die mit einem Neujahrsspringen in Bayern beginnt. Wichtig ist dabei, dass der Auftakt am Schattenberg keineswegs von Anfang an festlag, sondern sich erst mit der zweiten Austragung ergab. Dazwischen liegen Verhandlungen, Befürchtungen um Einnahmen und ein Skisprungplatz, der schon vor dem Krieg einen Namen hatte.

Schanzenanlage mit Anlaufspur zwischen Herbstwald und Wiese

1921 und 1949 Ein Neujahrsspringen wird zur Idee

Vorbild der Tournee war das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen, das seit dem Winter 1921/22 ausgetragen wurde. Der erste Sieger kam damals auf 76 Meter, eine Weite, die heute auf einer Großschanze nicht einmal das Mittelfeld der Qualifikation erreichen würde. Zum Vergleich: Auf der Schattenbergschanze mit ihrer Hillsize von 137 Metern liegt die Juryweite bei 120 Metern, also mehr als die Hälfte mehr. Über die Jahre wuchs das Springen zum Treffpunkt für Springer aus mehreren Ländern, und 1949 entstand bei Mitgliedern der Skiclubs Partenkirchen und Innsbruck der Gedanke, mehrere Springen zu einer gemeinsamen Wertung zu verbinden. Die Umsetzung verzögerte sich. Nach dem Krieg war ein Wettbewerb über Ländergrenzen hinweg nicht schnell zu organisieren, und so wurde der Plan auf 1952 verschoben. Zunächst sollte es nur deutsche und österreichische Orte geben. Am 17. Mai 1952 wurde auf der Seegrube bei Innsbruck die Deutsch-Österreichische Springertournee begründet, die offizielle Gründung folgte am 14. Dezember 1952 im Posthotel in Partenkirchen. Gesetzt waren Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen. Es fehlte ein zweiter deutscher Ort, damit beide Länder gleich viele Austragungen bekamen. Mit drei Orten wäre die Tournee ein Dreieck geblieben, mit vier Springen ergab sich eine Reihe, in der sich Deutschland und Österreich die Austragungen teilten.

Warum die Wahl auf Oberstdorf fiel

Als zweiter deutscher Ort wurden Berchtesgaden, Füssen und Oberammergau geprüft. Alle drei hatten Vor- und Nachteile, doch am Ende entschied sich die Runde für Oberstdorf. Der Skiclub Partenkirchen hatte nämlich Sorgen,: dass ein Ort aus dem nahen Umland sein Publikum abziehen und die Einnahmen schmälern könnte. Oberstdorf hatte ein anderes Einzugsgebiet, und damit war der Streitpunkt entschärft. Wie sich die Einnahmen am Ende tatsächlich verteilten, ist nicht überliefert. Für Oberstdorf sprach außerdem etwas, das sich in keiner Sitzung beschließen ließ: ein Skisprungplatz mit Geschichte. Schon 1909 hatte es eine Schanze auf den Halden gegeben, mit einem Rekord von 22 Metern, aufgestellt von Bruno Biehler. Das Gelände war damals ungünstig, weil die Sonne den Schnee schnell wegnahm und der Anlauf kurz blieb. Am 27. Dezember 1925 wurde deshalb am Schattenberg ein Neubau eröffnet, geplant von Hans Gschwender. Dort wurde bis 1941 gesprungen, nach dem Krieg ging es am 1. Januar 1946 wieder los. Zwischen dem ersten Wettkampf in den Halden und der Neueröffnung nach dem Krieg liegen 37 Jahre, in denen der Platz mehrfach umgebaut und der Sport technisch ein anderer wurde.

Januar 1953 Die erste Tournee

Die erste Tournee war die einzige, die innerhalb eines Kalenderjahres ausgetragen wurde. Die Tournee begann am 1. Januar 1953 in Partenkirchen vor rund 20.000 Zuschauern mit 50 Startern. Der Norweger Asgeir Dølplads gewann das Neujahrsspringen mit Sprüngen auf 78,5 und 80 Meter. Oberstdorf folgte am 4.

Januar, und dort siegte sein Landsmann Erling Kroken. Damit verteilten sich die vier Tagessiege der ersten Tournee auf vier verschiedene Springer aus zwei Ländern, ein Zeichen dafür, wie offen das Feld in der Anfangszeit war. Am 6. Januar gewann in Innsbruck der Österreicher Sepp Bradl, am 11. Januar in Bischofshofen der Norweger Halvor Næs.

Datum 1953OrtSieger
1. JanuarPartenkirchenAsgeir Dølplads aus Norwegen
4. JanuarOberstdorfErling Kroken aus Norwegen
6. JanuarInnsbruckSepp Bradl aus Österreich
11. JanuarBischofshofenHalvor Næs aus Norwegen

Fragt jemand nach der Gesamtwertung, landet er bei einem Ergebnis, das auf den ersten Blick überrascht: Weder der Sieger des Auftakts noch der des letzten Springens gewann die Tournee. Gesamtsieger wurde Sepp Bradl vor Halvor Næs und Asgeir Dølplads. Ein einzelner Tagessieg reichte also nicht, die Summe aus vier Springen entschied. An diesem Prinzip hat sich bis heute nichts geändert. Neben der Wertung kam in den Folgejahren das Fernsehen dazu: Die ARD übertrug das Neujahrsspringen seit 1956, später gesellten sich weitere Sender hinzu. Oberstdorf war in der ersten Runde nur ein Baustein, doch ab der Tournee 1953/54 wurde das Springen am Schattenberg zum Auftakt verlegt.

Die Schanze am Schattenberg wächst mit der Tournee

Dass die Anlage mit dem Wettbewerb mitwuchs, zeigt die lange Liste der Umbauten. Die Schanze wurde 1930 für Deutsche Meisterschaften vergrößert, 1936 für eine Olympia Qualifikation, 1973 entstand eine Großschanze aus Stahlbeton und Leimholzbindern. Für die Nordische Ski-WM 2005 wurde bis Ende 2003 eine neue Großschanze der Größe K 120 gebaut, heute als HS 137 geführt, die 16,6 Millionen Euro kostete. 2011 kam die Normalschanze an die Reihe, ein Umbau von April bis Oktober, der rund 5 Millionen Euro kostete.

Auch das Stadion nahm zu. Durch zusätzliche Tribünen stieg die Kapazität von 17.000 auf 27.000 Plätze, wobei sich der Zeitpunkt der Erweiterung nicht genau festlegen lässt. Einen Teil der Geschichte erzählt außerdem der Name der Anlage, der mit Sponsoren mehrfach wechselte, zuletzt zu Orlen Arena Oberstdorf Allgäu. Eine Schanze, deren Name sich ändert, während das Springen am Jahresende unverändert bleibt, zeigt gut, wie fest der Termin im Kalender steht.

Zählt man die Baukosten der beiden großen Umbauten zusammen, kommen für Großschanze 2003 und Normalschanze 2011 allein 21,6 Millionen Euro zusammen, errechnet aus 16,6 plus 5 Millionen. Das Skispringen am Schattenberg ist damit auch eine Investition der Gemeinde in ihren wichtigsten Wintertermin. Die zweite große Anlage im Birgsautal behandelt der Beitrag über die Heini Klopfer Skiflugschanze.

  1. 1909 Erste Schanze auf den Halden, Rekord 22 Meter
  2. 1925 Eröffnung der Schattenbergschanze am 27. Dezember
  3. 1946 Wiedereröffnung nach dem Krieg am 1. Januar
  4. 1953 Erste Tournee, Oberstdorf springt am 4. Januar
  5. 1953/54 Oberstdorf wird zum Auftaktort
  6. 1996/97 Einführung des KO Modus mit Duellen
  7. 2003 Neubau der Großschanze für 16,6 Millionen Euro
  8. 2011 Umbau der Normalschanze zur HS 106

Duelle seit 1996 und eine Rechnung zum Preisgeld

Zur Saison 1996/97 wurde der KO Modus eingeführt. In der Qualifikation treten 50 Springer an, der Beste gegen den Letzten, der Zweite gegen den Vorletzten, daraus ergeben sich 25 Duelle. Die Sieger plus die fünf punktbesten Verlierer, die sogenannten Lucky Loser, ergeben 30 Springer für den zweiten Durchgang. Gilt der KO Modus nicht, etwa weil die Qualifikation am Wettkampftag stattfindet, greifen die normalen Weltcup Regeln. Zuletzt war das am 29. Dezember 2020 in Oberstdorf der Fall. Der Modus gilt also nur, wenn die Qualifikation am Vortag stattfindet. Seit der Saison 2017/18 muss zudem jeder Springer durch die Qualifikation, früher waren die Besten des Weltcups davon befreit, bis 2016/17 die ersten Zehn, davor sogar die ersten Fünfzehn. Die Befreiten sprangen im Duell gegen den Qualifikationsbesten. Beim Geld lohnt eine kurze Rechnung. Bis zur Tournee 2020/21 lag das gesamte Preisgeld bei 70.000 Schweizer Franken, der Sieger erhielt 30.000. Das entspricht knapp 43 Prozent der Summe. Rechnet man das Preisgeld des zweiten bis zehnten Platzes zusammen, ergeben sich 40.000 Franken, was die Verteilung deutlich zugunsten der Spitze zeigt. Seit der Tournee 2021/22 bekommt der Sieger allein 100.000 Franken. Alle vier Springen einer Tournee zu gewinnen, gelang bisher nur dreimal: Sven Hannawald 2001/02, Kamil Stoch 2017/18 und Ryōyū Kobayashi 2018/19.

Was die Tournee für Oberstdorf heute bedeutet

Für den Ort ist das Springen mehr als eine Sportveranstaltung. Es legt den Jahreswechsel fest: Am 30. Dezember organisiert sich in Oberstdorf fast alles um die Schattenbergschanze. Der Zeitpunkt zwischen Weihnachten und Neujahr fällt in eine Phase, in der viele Gäste ohnehin im Allgäu sind, und die Übertragung im Fernsehen trägt den Namen Oberstdorf in viele Wohnzimmer. Der Ruf als Wintersportort hat mehrere Gründe, die der Beitrag über den Weg zum bekannten Wintersportort auffächert. Die Tournee ist einer davon, neben der Schanzentradition seit 1909 und der Lage am Fuß der Allgäuer Alpen. Der Platz im Programm geht auf eine Entscheidung von 1952, bei der es um Einnahmen ging. Rund um den Wettkampf füllen sich Tribünen und Straßen mit Menschen, die den Termin lange vorher eingeplant haben. Das Dorf erlebt dadurch ein Skispringen, das nicht an einem Nachmittag vorbei ist, sondern sich über mehrere Tage zieht, mit Qualifikation und Wettkampf an getrennten Tagen. Dazu kommt ein Effekt, der sich kaum messen lässt: Ein Ort, in dem die Tournee beginnt, bekommt jedes Jahr einen Termin, auf den sich Medien, Teams und Zuschauer einstellen. Die Zahl 27.000 für die Tribünen zeigt die Größenordnung, die Verteilung auf mehrere Tage die Dauer. Der Kern bleibt ein Wettkampf von wenigen Minuten pro Springer, eingebettet in einen Jahreswechsel, der in Oberstdorf mit Schnee, Scheinwerfern und Tribünenlärm verbunden ist.

  • Die Tournee wurde 1952 gegründet, das erste Springen in Oberstdorf fand am 4. Januar 1953 statt.
  • Auftaktort ist Oberstdorf seit der Tournee 1953/54.
  • Die Großschanze hat heute die Hillsize 137, die Normalschanze die Hillsize 106.

Eisenerz am Grünten und 400 Jahre Bergbau im Allgäu

Der Grünten, der als Wächter des Allgäus gilt, war nicht immer nur ein Aussichtsberg. Mehr als vierhundert Jahre lang holten Bergleute an seinen Hängen Eisenerz aus dem Fels, und die ersten Bergwerke tauchen 1471 in den schriftlichen Überlieferungen auf. Auf den Wiesen bei Burgberg liegt unter dem Boden ein Netz aus Stollen, die erst 1946 und 1947 zugesprengt wurden. Das Eisen vom Grünten wurde am Fuß des Berges verhüttet, in einem Schmelzofen an der Starzlach, der 1607 errichtet und erst 1863 endgültig ausgeblasen wurde. Der Bergbau am Grünten gehört damit zu den ältesten und langlebigsten Gewerben der Gegend, und er prägte Wald, Wege und Siedlungen stärker, als der ruhige Gipfel vermuten lässt.

Der Berg liegt bei Burgberg im Landkreis Oberallgäu, an der Grenze zu Rettenberg, etwa 5,5 Kilometer nordöstlich von Sonthofen, und zählt zu den nördlichsten Bergen der Allgäuer Alpen. Sein Hauptgipfel, das Übelhorn, misst 1737,9 Meter. Diese Lage am Alpenrand, in der sich Erzvorkommen, Wasserkraft aus der Starzlach und ein großer Waldbestand begegneten, machte den Ort für ein Hüttenwesen im Kleinen brauchbar.

Grüne Wiesenhänge und eine Straße mit Blick auf ferne Berge im Allgäu

Wie der Bergbau am Grünten begann

Die Bergwerke am Grünten werden 1471 zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Gefunden wurden die Erzadern von Knappen aus Schwaz in Tirol, also von Bergleuten aus einem der bedeutendsten Bergbauzentren des damaligen Alpenraums. Dass ausgerechnet Fachleute aus Schwaz im Allgäu nach Erz suchten, ist ein Hinweis darauf, wie weit sich Wissen über Gesteinsschichten und Abbautechnik im 15. Jahrhundert verbreitete. Bergleute zogen dorthin, wo ihre Kenntnis gebraucht wurde, und brachten Geräte, Fachwörter und Arbeitsweisen mit. Schwaz war im 15. und 16. Jahrhundert vor allem als Zentrum des Silber- und Kupferbergbaus bekannt, und wer dort gelernt hatte, Gänge zu erkennen und Stollen sicher zu treiben, besaß ein Wissen, das in vielen Revieren gefragt war. Im Allgäu fanden die Knappen allerdings kein Silber, sondern Eisen, ein Metall mit anderen Anforderungen an Ofen und Brennstoff.

Vom Stollen zum Ofen

Der Abbau selbst war Handarbeit. Knappen trieben Stollen in den Berg, folgten den Erzadern und brachten das Gestein ans Tageslicht. Anschließend musste das Erz zu einem Ofen transportiert werden, der Eisen aus dem Gestein schmelzen konnte. Das war am Berg selbst kaum möglich, denn ein Hüttenbetrieb brauchte Wasser, Platz und Holz. Das Erz musste also über Pfade und Fahrwege von den Stollenmündungen zum Ofen gelangen. Der Weg des Erzes führte deshalb ins Tal, und mit ihm entstanden Wege, Fuhrwerke und Arbeitsplätze rund um den Berg. Schmiede, Fuhrleute und Köhler arbeiteten dem Bergbau zu, und jeder dieser Berufe war auf den anderen angewiesen: Ohne Kohle kein Eisen, ohne Fuhrwerk keine Kohle am Ofen, ohne Schmied kein Gerät aus dem fertigen Metall. So wuchs aus einzelnen Stollen ein Gewerbe, das Familien über Generationen ernährte und das Dorfleben im Umfeld des Grünten bestimmte.

Eine Rechnung mit Jahreszahlen

Wie lange der Bergbau am Grünten dauerte, lässt sich aus wenigen Daten nachrechnen. Die Jahreszahlen stammen aus Überlieferungen zum Berg und sind in dieser Reihenfolge zu lesen: erste Erwähnung der Bergwerke, Bau des Schmelzofens, Ende des Ofens, Sprengung der Stollen. Aus den Abständen ergibt sich ein Bild davon, wie lange das Gewerbe die Gegend beschäftigte. Eine Generation wird dabei mit rund 30 Jahren angesetzt.

  1. Die Bergwerke werden 1471 erstmals schriftlich erwähnt, der Schmelzofen an der Starzlach entsteht 1607: 1607 minus 1471 ergibt 136 Jahre.
  2. Der Ofen wird 1863 endgültig ausgeblasen: 1863 minus 1607 ergibt 256 Jahre Betrieb.
  3. Der Abbau reicht von 1471 bis ins späte 19. Jahrhundert: Bei einem Ende um 1880 wären das etwa 410 Jahre.
  4. Die Stollen werden 1946 und 1947 zugesprengt: Von 1863 bis 1947 sind es rund 84 Jahre ohne Hüttenbetrieb.

Diese Zahlen zeigen zwei Dinge. Erstens liegen zwischen der ersten Erwähnung der Bergwerke und dem Bau des Ofens mehr als 130 Jahre, eine Zeit, über die sich aus den Jahreszahlen allein nichts Näheres sagen lässt. Zweitens überdauerte der Ofen mehr als zweieinhalb Jahrhunderte, eine Zeitspanne, die ungefähr acht Generationen entspricht, wenn eine Generation mit rund 30 Jahren gerechnet wird. Ein Handwerk, das so lange währte, hinterlässt Spuren in Flurnamen, Wegen und Erinnerungen. Dass die Stollen erst Mitte des vorigen Jahrhunderts verschlossen wurden, zeigt zudem, wie lange die Spuren des Bergbaus im Gelände erkennbar blieben.

Was der Ofen verbrauchte

Die Eisenschmelze hatte einen Hunger, den der Wald zu spüren bekam: Holz. Für das Verhütten von Erz wurde Holzkohle gebraucht, und für Holzkohle mussten Köhler große Mengen Holz in Meilern verschwelen. Der Bedarf war so groß, dass Holzmangel zu einem Dauerproblem der Hüttenwerke wurde. Eine der Deutungen des Bergnamens verweist genau darauf: Der Name Grünten soll von Grind stammen, im Dialekt ein Wort für Glatzkopf, und er würde dann an kahle Hänge erinnern, deren Bäume in die Meiler gewandert waren. Gesichert ist diese Herleitung nicht, sie bleibt eine Deutung unter mehreren.

Der Zusammenhang leuchtet dennoch ein, denn Eisenerzeugung und Waldnutzung hingen eng zusammen. Wo ein Ofen 256 Jahre lang brannte, mussten die Bestände in der Umgebung über Jahrhunderte als Brennstofflager dienen. Die Landschaft, die heute als grüner Berg mit Wiesen und Wald erscheint, war damals ein Arbeitsplatz, an dem Rauch aus Meilern aufstieg und Fuhrwerke Holz und Kohle bewegten.

Was sich nicht genau sagen lässt

Schriftliche Erwähnungen entstehen häufig dort, wo Rechte, Abgaben oder Streit geregelt werden. Deshalb markiert die Jahreszahl 1471 zunächst den Zeitpunkt einer Beurkundung und nicht zwingend den Beginn des Bergbaus. Ob die Knappen aus Schwaz schon Jahre zuvor am Berg arbeiteten, wird aus der Jahreszahl nicht ersichtlich. Ebenso wenig steht fest, wie viele Menschen gleichzeitig im Berg und am Ofen arbeiteten oder wie viel Eisen im Jahr entstand. Für ein Gewerbe, das mehr als vier Jahrhunderte währte, sind das große Lücken, und sie lassen sich nur mit Zurückhaltung füllen. Vier Punkte lassen sich deshalb nicht belegen:

  • Die genaue Menge an gefördertem Erz lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht beziffern, deshalb fehlt sie hier.
  • Das Ende des Abbaus wird mit dem späten 19. Jahrhundert angegeben, ein genaues Jahr bleibt offen, weshalb die Rechnung oben mit einem Näherungswert arbeitet.
  • Die Herleitung des Namens Grünten von Grind ist eine Deutung, kein Beleg.
  • Ob die Erzadern vor 1471 bereits bekannt waren, ist nicht überliefert, die erste Erwähnung ist lediglich die früheste, die sich schriftlich fassen lässt.

Solche Lücken gehören zur Geschichte kleiner Reviere, und sie zu benennen gehört zur Ehrlichkeit eines Berichts über eine Zeit, aus der kaum Zahlen erhalten sind. Aus einem Gewerbe, das vor Jahrhunderten blühte, bleiben meist nur wenige Urkunden, ein paar Flurnamen und Reste im Gelände. Was erhalten ist, lässt sich ordnen, aber nicht ergänzen, ohne Erfundenes hinzuzufügen.

Vom Bergwerk zum Aussichtsberg

Nach dem Ende des Hüttenbetriebs wurde der Berg mehr und mehr zum Ziel von Besuchern. Kaiser Maximilian I. soll den Grünten Anfang des 16. Jahrhunderts bezwungen haben, und 1773 ließ sich Fürstbischof Clemens Wenzeslaus in einem Tragsessel von 56 Bauern hinauftragen, ein Aufstieg, der damals als Ereignis galt. Der letzte Wolf der Gegend wurde 1827 am Grünten erlegt. Auf der Hochwartspitze steht seit 1951 ein 94,5 Meter hoher Sendeturm, und am Gipfel steht ein Gebirgsjägerdenkmal von 1924.

Heute führen Wanderwege über den Berg, und seit 2006 erinnert eine Erzgruben-Erlebniswelt mit einem Schaustollen an die Zeit, als der Grünten ein Bergwerksberg war. Auf dem Berg bewegen sich Gäste in einer Landschaft, die von drei Epochen geprägt wurde: der Zeit der Knappen, der Zeit der Hirten und Sennen und der Zeit der Aussichtsgäste. Von jeder Epoche ist etwas geblieben, und der Name Wächter des Allgäus gilt für alle drei. Die wichtigsten Angaben zum Berg stehen in dieser Übersicht:

AngabeWertEinordnung
Höhe des Hauptgipfels Übelhorn1737,9 mGipfel am Nordrand der Allgäuer Alpen
Entfernung zu Sonthofenetwa 5,5 kmLuftlinie nach Südwesten
Sendeturm auf der Hochwartspitze94,5 m Höhe, seit 1951Standort auf 1670 m
Aufstieg von Clemens Wenzeslaus1773, getragen von 56 Bauernfrüher Besuch eines Fürsten
Schmelzofen an der Starzlach1607 bis 1863256 Jahre Betrieb
Wo liegt der Grünten genau
Der Berg steht an der Gemeindegrenze zwischen Burgberg und Rettenberg im Landkreis Oberallgäu und gehört zu den nördlichen Randbergen des Gebirges. Weil davor nur noch Hügelland folgt, reicht der Blick vom Gipfel weit ins Vorland, und gerade dieser Überblick brachte dem Berg den Namen Wächter des Allgäus ein.
Seit wann ruht der Bergbau am Grünten
Mit dem Ausblasen des Ofens im Jahr 1863 endete die Verhüttung, der Abbau selbst reichte nach den Überlieferungen bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Sprengung der Stollen in den Jahren 1946 und 1947 schloss das Berginnere danach endgültig ab, sodass heute nur noch ein eigens eingerichteter Schaustollen an die Arbeit der Knappen erinnert.

Das Gottesackerplateau und wie Regen den Kalk zerfurcht

Zwischen dem Hohen Ifen und den Gottesackerwänden liegt eine Hochfläche, die aus der Ferne wie ein graues Dach aussieht und aus der Nähe wie ein aufgeschlagenes Buch mit unzähligen Furchen. Das Gottesackerplateau erstreckt sich im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Österreich, ein großer Teil davon auf deutscher Seite, und gehört zum Umfeld des Kleinwalsertals, das nur über Deutschland zu erreichen ist. Auf 1800 bis 2050 Metern über dem Meer liegt es oberhalb der Baumgrenze, ein Reich aus Fels, Gras und Schnee, in dem Wasser selten oberirdisch fließt, weil es in den Untergrund verschwindet.

Wie ein Gelände aus Kalkplatten entsteht, in dem Regen versickert und kaum ein Bach zu finden ist, erklärt ein einziger Vorgang, der sich über Jahrtausende wiederholt. Mit den Sagen vom Gottesacker, die auf dem Blog im Beitrag über die Sagen aus dem Allgäu erzählt werden, hat die Entstehung des Plateaus wenig zu tun, sie ist eine Sache der Chemie und der Zeit. Das Wort Gottesacker bezeichnet im älteren Deutsch einen Friedhof, und welche Deutung den Namen für das Plateau begründet, lässt sich nicht eindeutig belegen. Fest steht, was der Gesteinsuntergrund über die Landschaft verrät.

Wie Regenwasser Kalkstein auflöst

Das Plateau besteht aus Schrattenkalk, einem Kalkstein der Kreidezeit, entstanden vor mehr als 100 Millionen Jahren. Kalk ist ein Gestein, das sich in Wasser löst, sobald dieses Kohlendioxid enthält. Regen nimmt auf seinem Weg durch die Luft und den Boden etwas davon auf und wirkt dadurch als schwache Säure. Fließt solches Wasser über blanken Fels, frisst es sich Millimeter um Millimeter in die Oberfläche. Das Ergebnis heißt Karst, benannt nach einer Landschaft im Grenzgebiet zwischen Slowenien und Italien, in der dieser Prozess zuerst beschrieben wurde.

Die Rillen, die auf dem Gottesackerplateau Schritt für Schritt entstehen, nennt die Geologie Karren. Das Wasser sucht den Weg der geringsten Widerstände, löst in der Mitte einer Rille am stärksten und vertieft sie, bis ein Muster aus parallelen Furchen entsteht. An Rissen im Gestein, den Klüften, geht der Abtrag rascher voran, sodass sich Spalten zu tiefen Schächten weiten, durch die das Wasser nach unten verschwindet. Auf diese Weise bekommt der Berg eine Entwässerung im Inneren, und die Oberfläche bleibt trocken. Im Gelände wirkt das wie eine Landschaft, in der das Wasser vergessen hat, wohin es fließen soll.

Ursprünglich lagerte sich der Schrattenkalk in einem warmen, flachen Meer ab, in dem Kalkschlamm und Reste von Meerestieren zu Schichten wurden. Als sich das Gebirge aufwölbte, schob sich der Meeresgrund Stück um Stück nach oben und wurde schräg gestellt, bis die Schichten als Gipfel und Hochflächen über der Baumgrenze lagen. Dass auf dem Gottesackerplateau Meeresboden unter freiem Himmel liegt, ist keine Redewendung, sondern Geologie.

Die Zahlen hinter der Landschaft

MerkmalWertWas es bedeutet
Höhe des Plateaus1800 bis 2050 moberhalb der Baumgrenze, Hochgebirgsklima
Hoher Ifen2230 mGipfel am Rand der Hochfläche
Dicke des Schrattenkalks60 bis 100 mVorrat an löslichem Gestein
Alter des Gesteinsmehr als 100 Mio. JahreAblagerung in einem Meer der Kreidezeit
Name Schrattenkalkgeprägt 1834nach den Schratten, den Karren, durch Bernhard Studer

Aus diesen Zahlen lässt sich einiges ableiten. Zwischen der Plateaukante in 2050 Metern und dem Gipfel des Hohen Ifen in 2230 Metern liegen 180 Höhenmeter. Der Schrattenkalk ist mit 60 bis 100 Metern Dicke so mächtig, dass ein Gebäude mit drei Metern Geschosshöhe 20 bis 33 Stockwerke hätte, um dieselbe Höhe zu erreichen. Dazu gehört der Niederschlag: Über 1800 Metern fällt viel davon als Schnee, der im Frühjahr in kurzer Zeit schmilzt und als kaltes Wasser in die Spalten strömt, und kaltes Wasser nimmt mehr Kohlendioxid auf als warmes. Die Zeit der Schneeschmelze zählt deshalb zu den Phasen, in denen der Fels am stärksten angegriffen wird. Das ist ein gewaltiger Vorrat an Gestein, das sich auflösen kann, und er erklärt, warum ein so großes Karstgebiet entstehen konnte.

Der Name des Gesteins verrät, wie eng Sprache und Landschaft zusammenhängen. Schratten ist ein altes Wort für die zerfurchten Kalkflächen, und der Geologe Bernhard Studer verwendete es 1834 für die Schichtfolge, die an solchen Flächen ansteht. Aus einem Wort für Furchenfelder wurde so ein Fachbegriff der Geologie.

Grasbewachsener Felsgrat aus hellem Kalkstein mit zerklüfteten Gesteinsplatten über einem Tal

Schächte, Höhlen und das Wasser im Berg

Das Plateau ist durchlöchert von Schächten, die senkrecht in den Berg führen. Viele sind nur Spalten mit Tageslicht am oberen Ende, sogenannte Lichtschächte, andere reichen weit hinab und gehören zu einem Höhlensystem, das sich unter dem Plateau ausdehnt. Am Westfuß liegt die Schneckenlochhöhle, eine bekannte Höhle. Die Schächte auf dem Plateau selbst sind dagegen keine Wanderziele, sie sind Teil eines Entwässerungssystems, das den Niederschlag aufnimmt und im Gestein weiterleitet, bis er an den Rändern des Berges wieder austritt. Die Wege im Inneren solcher Systeme sind eng, nass und kalt, und ihre Erkundung bleibt Fachleuten vorbehalten.

Dieses Wasser im Berg erklärt, warum auf dem Plateau so wenig fließt und im Tal Quellen entspringen, die auch in trockenen Wochen nicht versiegen. Der Berg wirkt wie ein Schwamm, der Regen und Schmelzwasser speichert und langsam wieder abgibt. Das Gebiet gilt als eine der bedeutendsten Karstlandschaften der Region und zählt zusammen mit dem Hohen Ifen zu einem europäischen Schutzgebiet, weil Gestein, Pflanzen und Wasserlauf hier ein Zusammenspiel zeigen, das nur wenige Landschaften in dieser Form aufweisen.

Leben in Spalten und Mulden

Zwischen den Platten sammeln sich Staub, Moos und Humus in den Rillen, und dort wurzeln Pflanzen, die mit dem kargen Boden zurechtkommen. Der Kalkfels nimmt die Wärme der Sonne auf, und in den Furchen herrscht ein Kleinklima, das sich vom offenen Plateau unterscheidet: windgeschützter, feuchter und milder. Auf der Fläche stehen Gräser und Kräuter genau dort, wo Spalten Schutz und etwas Erde liefern, während die glatten Plattenflächen kahl bleiben.

Pflanzen in solchen Nischen bleiben flach, wachsen als Polster oder Rosetten und treiben Wurzeln tief in die Spalten, um dem Wind zu entgehen und Feuchtigkeit zu erreichen. Mit jedem Jahr sammelt sich ein wenig mehr Humus, und aus einer nackten Rille wird allmählich ein Pflanzenstreifen. Im Winter verändert sich das Bild vollständig. Der Schnee füllt die Karren und deckt die Fläche zu, sodass aus dem zerklüfteten Fels eine weiße Hochebene wird,. Im Frühling taut der Schnee ab, und das Schmelzwasser sickert in die Schächte. Ein Gelände, das im Sommer wie ein Steinmeer wirkt, ist damit je nach Jahreszeit Schneefläche, Blumenwiese und Felsfeld in einem.

Woran sich Karst erkennen lässt

Karst gibt es im Allgäu keineswegs allein auf dem Gottesackerplateau. Überall, wo Kalkgestein nah unter der Oberfläche liegt, zeigen sich verwandte Formen, vom Wasserfall in der Schlucht bis zur Höhle im Fels. Die Sturmannshöhle bei Obermaiselstein und die Starzlachklamm bei Sonthofen haben denselben Ursprung im löslichen Gestein, nur in anderer Gestalt. Das Gottesackerplateau zeigt den Vorgang offen, weil keine Bäume und kaum Boden ihn verdecken, und deshalb eignet sich die Hochfläche wie wenige andere Orte, um die Merkmale einer Karstlandschaft kennenzulernen. Hinzu kommt eine Besonderheit des Wassers: Karstwasser fließt rasch durch Spalten und wird kaum gefiltert, weshalb Verunreinigungen auf der Hochfläche schnell bis zu den Quellen im Tal gelangen können. Aus diesem Grund spielt der Umgang mit Weidevieh und Wegen in Karstlandschaften eine größere Rolle als in Regionen mit dicker Bodenschicht. Die wichtigsten Merkmale in Kürze:

  • Parallele Rillen auf blanken Kalkplatten sind Karren und entstehen durch Regenwasser, das den Fels löst.
  • Tiefe Spalten, in denen das Wasser verschwindet, bilden sich entlang von Klüften im Gestein.
  • Fehlende Bäche auf der Hochfläche deuten auf unterirdische Entwässerung hin.
  • Quellen am Fuß des Berges geben das versickerte Wasser wieder frei.
  • Grüne Streifen in den Furchen verraten, wo sich Erde und Schutz sammeln.