Eisenerz am Grünten und 400 Jahre Bergbau im Allgäu

Der Grünten, der als Wächter des Allgäus gilt, war nicht immer nur ein Aussichtsberg. Mehr als vierhundert Jahre lang holten Bergleute an seinen Hängen Eisenerz aus dem Fels, und die ersten Bergwerke tauchen 1471 in den schriftlichen Überlieferungen auf. Auf den Wiesen bei Burgberg liegt unter dem Boden ein Netz aus Stollen, die erst 1946 und 1947 zugesprengt wurden. Das Eisen vom Grünten wurde am Fuß des Berges verhüttet, in einem Schmelzofen an der Starzlach, der 1607 errichtet und erst 1863 endgültig ausgeblasen wurde. Der Bergbau am Grünten gehört damit zu den ältesten und langlebigsten Gewerben der Gegend, und er prägte Wald, Wege und Siedlungen stärker, als der ruhige Gipfel vermuten lässt.

Der Berg liegt bei Burgberg im Landkreis Oberallgäu, an der Grenze zu Rettenberg, etwa 5,5 Kilometer nordöstlich von Sonthofen, und zählt zu den nördlichsten Bergen der Allgäuer Alpen. Sein Hauptgipfel, das Übelhorn, misst 1737,9 Meter. Diese Lage am Alpenrand, in der sich Erzvorkommen, Wasserkraft aus der Starzlach und ein großer Waldbestand begegneten, machte den Ort für ein Hüttenwesen im Kleinen brauchbar.

Grüne Wiesenhänge und eine Straße mit Blick auf ferne Berge im Allgäu

Wie der Bergbau am Grünten begann

Die Bergwerke am Grünten werden 1471 zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Gefunden wurden die Erzadern von Knappen aus Schwaz in Tirol, also von Bergleuten aus einem der bedeutendsten Bergbauzentren des damaligen Alpenraums. Dass ausgerechnet Fachleute aus Schwaz im Allgäu nach Erz suchten, ist ein Hinweis darauf, wie weit sich Wissen über Gesteinsschichten und Abbautechnik im 15. Jahrhundert verbreitete. Bergleute zogen dorthin, wo ihre Kenntnis gebraucht wurde, und brachten Geräte, Fachwörter und Arbeitsweisen mit. Schwaz war im 15. und 16. Jahrhundert vor allem als Zentrum des Silber- und Kupferbergbaus bekannt, und wer dort gelernt hatte, Gänge zu erkennen und Stollen sicher zu treiben, besaß ein Wissen, das in vielen Revieren gefragt war. Im Allgäu fanden die Knappen allerdings kein Silber, sondern Eisen, ein Metall mit anderen Anforderungen an Ofen und Brennstoff.

Vom Stollen zum Ofen

Der Abbau selbst war Handarbeit. Knappen trieben Stollen in den Berg, folgten den Erzadern und brachten das Gestein ans Tageslicht. Anschließend musste das Erz zu einem Ofen transportiert werden, der Eisen aus dem Gestein schmelzen konnte. Das war am Berg selbst kaum möglich, denn ein Hüttenbetrieb brauchte Wasser, Platz und Holz. Das Erz musste also über Pfade und Fahrwege von den Stollenmündungen zum Ofen gelangen. Der Weg des Erzes führte deshalb ins Tal, und mit ihm entstanden Wege, Fuhrwerke und Arbeitsplätze rund um den Berg. Schmiede, Fuhrleute und Köhler arbeiteten dem Bergbau zu, und jeder dieser Berufe war auf den anderen angewiesen: Ohne Kohle kein Eisen, ohne Fuhrwerk keine Kohle am Ofen, ohne Schmied kein Gerät aus dem fertigen Metall. So wuchs aus einzelnen Stollen ein Gewerbe, das Familien über Generationen ernährte und das Dorfleben im Umfeld des Grünten bestimmte.

Eine Rechnung mit Jahreszahlen

Wie lange der Bergbau am Grünten dauerte, lässt sich aus wenigen Daten nachrechnen. Die Jahreszahlen stammen aus Überlieferungen zum Berg und sind in dieser Reihenfolge zu lesen: erste Erwähnung der Bergwerke, Bau des Schmelzofens, Ende des Ofens, Sprengung der Stollen. Aus den Abständen ergibt sich ein Bild davon, wie lange das Gewerbe die Gegend beschäftigte. Eine Generation wird dabei mit rund 30 Jahren angesetzt.

  1. Die Bergwerke werden 1471 erstmals schriftlich erwähnt, der Schmelzofen an der Starzlach entsteht 1607: 1607 minus 1471 ergibt 136 Jahre.
  2. Der Ofen wird 1863 endgültig ausgeblasen: 1863 minus 1607 ergibt 256 Jahre Betrieb.
  3. Der Abbau reicht von 1471 bis ins späte 19. Jahrhundert: Bei einem Ende um 1880 wären das etwa 410 Jahre.
  4. Die Stollen werden 1946 und 1947 zugesprengt: Von 1863 bis 1947 sind es rund 84 Jahre ohne Hüttenbetrieb.

Diese Zahlen zeigen zwei Dinge. Erstens liegen zwischen der ersten Erwähnung der Bergwerke und dem Bau des Ofens mehr als 130 Jahre, eine Zeit, über die sich aus den Jahreszahlen allein nichts Näheres sagen lässt. Zweitens überdauerte der Ofen mehr als zweieinhalb Jahrhunderte, eine Zeitspanne, die ungefähr acht Generationen entspricht, wenn eine Generation mit rund 30 Jahren gerechnet wird. Ein Handwerk, das so lange währte, hinterlässt Spuren in Flurnamen, Wegen und Erinnerungen. Dass die Stollen erst Mitte des vorigen Jahrhunderts verschlossen wurden, zeigt zudem, wie lange die Spuren des Bergbaus im Gelände erkennbar blieben.

Was der Ofen verbrauchte

Die Eisenschmelze hatte einen Hunger, den der Wald zu spüren bekam: Holz. Für das Verhütten von Erz wurde Holzkohle gebraucht, und für Holzkohle mussten Köhler große Mengen Holz in Meilern verschwelen. Der Bedarf war so groß, dass Holzmangel zu einem Dauerproblem der Hüttenwerke wurde. Eine der Deutungen des Bergnamens verweist genau darauf: Der Name Grünten soll von Grind stammen, im Dialekt ein Wort für Glatzkopf, und er würde dann an kahle Hänge erinnern, deren Bäume in die Meiler gewandert waren. Gesichert ist diese Herleitung nicht, sie bleibt eine Deutung unter mehreren.

Der Zusammenhang leuchtet dennoch ein, denn Eisenerzeugung und Waldnutzung hingen eng zusammen. Wo ein Ofen 256 Jahre lang brannte, mussten die Bestände in der Umgebung über Jahrhunderte als Brennstofflager dienen. Die Landschaft, die heute als grüner Berg mit Wiesen und Wald erscheint, war damals ein Arbeitsplatz, an dem Rauch aus Meilern aufstieg und Fuhrwerke Holz und Kohle bewegten.

Was sich nicht genau sagen lässt

Schriftliche Erwähnungen entstehen häufig dort, wo Rechte, Abgaben oder Streit geregelt werden. Deshalb markiert die Jahreszahl 1471 zunächst den Zeitpunkt einer Beurkundung und nicht zwingend den Beginn des Bergbaus. Ob die Knappen aus Schwaz schon Jahre zuvor am Berg arbeiteten, wird aus der Jahreszahl nicht ersichtlich. Ebenso wenig steht fest, wie viele Menschen gleichzeitig im Berg und am Ofen arbeiteten oder wie viel Eisen im Jahr entstand. Für ein Gewerbe, das mehr als vier Jahrhunderte währte, sind das große Lücken, und sie lassen sich nur mit Zurückhaltung füllen. Vier Punkte lassen sich deshalb nicht belegen:

  • Die genaue Menge an gefördertem Erz lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht beziffern, deshalb fehlt sie hier.
  • Das Ende des Abbaus wird mit dem späten 19. Jahrhundert angegeben, ein genaues Jahr bleibt offen, weshalb die Rechnung oben mit einem Näherungswert arbeitet.
  • Die Herleitung des Namens Grünten von Grind ist eine Deutung, kein Beleg.
  • Ob die Erzadern vor 1471 bereits bekannt waren, ist nicht überliefert, die erste Erwähnung ist lediglich die früheste, die sich schriftlich fassen lässt.

Solche Lücken gehören zur Geschichte kleiner Reviere, und sie zu benennen gehört zur Ehrlichkeit eines Berichts über eine Zeit, aus der kaum Zahlen erhalten sind. Aus einem Gewerbe, das vor Jahrhunderten blühte, bleiben meist nur wenige Urkunden, ein paar Flurnamen und Reste im Gelände. Was erhalten ist, lässt sich ordnen, aber nicht ergänzen, ohne Erfundenes hinzuzufügen.

Vom Bergwerk zum Aussichtsberg

Nach dem Ende des Hüttenbetriebs wurde der Berg mehr und mehr zum Ziel von Besuchern. Kaiser Maximilian I. soll den Grünten Anfang des 16. Jahrhunderts bezwungen haben, und 1773 ließ sich Fürstbischof Clemens Wenzeslaus in einem Tragsessel von 56 Bauern hinauftragen, ein Aufstieg, der damals als Ereignis galt. Der letzte Wolf der Gegend wurde 1827 am Grünten erlegt. Auf der Hochwartspitze steht seit 1951 ein 94,5 Meter hoher Sendeturm, und am Gipfel steht ein Gebirgsjägerdenkmal von 1924.

Heute führen Wanderwege über den Berg, und seit 2006 erinnert eine Erzgruben-Erlebniswelt mit einem Schaustollen an die Zeit, als der Grünten ein Bergwerksberg war. Auf dem Berg bewegen sich Gäste in einer Landschaft, die von drei Epochen geprägt wurde: der Zeit der Knappen, der Zeit der Hirten und Sennen und der Zeit der Aussichtsgäste. Von jeder Epoche ist etwas geblieben, und der Name Wächter des Allgäus gilt für alle drei. Die wichtigsten Angaben zum Berg stehen in dieser Übersicht:

AngabeWertEinordnung
Höhe des Hauptgipfels Übelhorn1737,9 mGipfel am Nordrand der Allgäuer Alpen
Entfernung zu Sonthofenetwa 5,5 kmLuftlinie nach Südwesten
Sendeturm auf der Hochwartspitze94,5 m Höhe, seit 1951Standort auf 1670 m
Aufstieg von Clemens Wenzeslaus1773, getragen von 56 Bauernfrüher Besuch eines Fürsten
Schmelzofen an der Starzlach1607 bis 1863256 Jahre Betrieb
Wo liegt der Grünten genau
Der Berg steht an der Gemeindegrenze zwischen Burgberg und Rettenberg im Landkreis Oberallgäu und gehört zu den nördlichen Randbergen des Gebirges. Weil davor nur noch Hügelland folgt, reicht der Blick vom Gipfel weit ins Vorland, und gerade dieser Überblick brachte dem Berg den Namen Wächter des Allgäus ein.
Seit wann ruht der Bergbau am Grünten
Mit dem Ausblasen des Ofens im Jahr 1863 endete die Verhüttung, der Abbau selbst reichte nach den Überlieferungen bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Sprengung der Stollen in den Jahren 1946 und 1947 schloss das Berginnere danach endgültig ab, sodass heute nur noch ein eigens eingerichteter Schaustollen an die Arbeit der Knappen erinnert.

Das Gottesackerplateau und wie Regen den Kalk zerfurcht

Zwischen dem Hohen Ifen und den Gottesackerwänden liegt eine Hochfläche, die aus der Ferne wie ein graues Dach aussieht und aus der Nähe wie ein aufgeschlagenes Buch mit unzähligen Furchen. Das Gottesackerplateau erstreckt sich im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Österreich, ein großer Teil davon auf deutscher Seite, und gehört zum Umfeld des Kleinwalsertals, das nur über Deutschland zu erreichen ist. Auf 1800 bis 2050 Metern über dem Meer liegt es oberhalb der Baumgrenze, ein Reich aus Fels, Gras und Schnee, in dem Wasser selten oberirdisch fließt, weil es in den Untergrund verschwindet.

Wie ein Gelände aus Kalkplatten entsteht, in dem Regen versickert und kaum ein Bach zu finden ist, erklärt ein einziger Vorgang, der sich über Jahrtausende wiederholt. Mit den Sagen vom Gottesacker, die auf dem Blog im Beitrag über die Sagen aus dem Allgäu erzählt werden, hat die Entstehung des Plateaus wenig zu tun, sie ist eine Sache der Chemie und der Zeit. Das Wort Gottesacker bezeichnet im älteren Deutsch einen Friedhof, und welche Deutung den Namen für das Plateau begründet, lässt sich nicht eindeutig belegen. Fest steht, was der Gesteinsuntergrund über die Landschaft verrät.

Wie Regenwasser Kalkstein auflöst

Das Plateau besteht aus Schrattenkalk, einem Kalkstein der Kreidezeit, entstanden vor mehr als 100 Millionen Jahren. Kalk ist ein Gestein, das sich in Wasser löst, sobald dieses Kohlendioxid enthält. Regen nimmt auf seinem Weg durch die Luft und den Boden etwas davon auf und wirkt dadurch als schwache Säure. Fließt solches Wasser über blanken Fels, frisst es sich Millimeter um Millimeter in die Oberfläche. Das Ergebnis heißt Karst, benannt nach einer Landschaft im Grenzgebiet zwischen Slowenien und Italien, in der dieser Prozess zuerst beschrieben wurde.

Die Rillen, die auf dem Gottesackerplateau Schritt für Schritt entstehen, nennt die Geologie Karren. Das Wasser sucht den Weg der geringsten Widerstände, löst in der Mitte einer Rille am stärksten und vertieft sie, bis ein Muster aus parallelen Furchen entsteht. An Rissen im Gestein, den Klüften, geht der Abtrag rascher voran, sodass sich Spalten zu tiefen Schächten weiten, durch die das Wasser nach unten verschwindet. Auf diese Weise bekommt der Berg eine Entwässerung im Inneren, und die Oberfläche bleibt trocken. Im Gelände wirkt das wie eine Landschaft, in der das Wasser vergessen hat, wohin es fließen soll.

Ursprünglich lagerte sich der Schrattenkalk in einem warmen, flachen Meer ab, in dem Kalkschlamm und Reste von Meerestieren zu Schichten wurden. Als sich das Gebirge aufwölbte, schob sich der Meeresgrund Stück um Stück nach oben und wurde schräg gestellt, bis die Schichten als Gipfel und Hochflächen über der Baumgrenze lagen. Dass auf dem Gottesackerplateau Meeresboden unter freiem Himmel liegt, ist keine Redewendung, sondern Geologie.

Die Zahlen hinter der Landschaft

MerkmalWertWas es bedeutet
Höhe des Plateaus1800 bis 2050 moberhalb der Baumgrenze, Hochgebirgsklima
Hoher Ifen2230 mGipfel am Rand der Hochfläche
Dicke des Schrattenkalks60 bis 100 mVorrat an löslichem Gestein
Alter des Gesteinsmehr als 100 Mio. JahreAblagerung in einem Meer der Kreidezeit
Name Schrattenkalkgeprägt 1834nach den Schratten, den Karren, durch Bernhard Studer

Aus diesen Zahlen lässt sich einiges ableiten. Zwischen der Plateaukante in 2050 Metern und dem Gipfel des Hohen Ifen in 2230 Metern liegen 180 Höhenmeter. Der Schrattenkalk ist mit 60 bis 100 Metern Dicke so mächtig, dass ein Gebäude mit drei Metern Geschosshöhe 20 bis 33 Stockwerke hätte, um dieselbe Höhe zu erreichen. Dazu gehört der Niederschlag: Über 1800 Metern fällt viel davon als Schnee, der im Frühjahr in kurzer Zeit schmilzt und als kaltes Wasser in die Spalten strömt, und kaltes Wasser nimmt mehr Kohlendioxid auf als warmes. Die Zeit der Schneeschmelze zählt deshalb zu den Phasen, in denen der Fels am stärksten angegriffen wird. Das ist ein gewaltiger Vorrat an Gestein, das sich auflösen kann, und er erklärt, warum ein so großes Karstgebiet entstehen konnte.

Der Name des Gesteins verrät, wie eng Sprache und Landschaft zusammenhängen. Schratten ist ein altes Wort für die zerfurchten Kalkflächen, und der Geologe Bernhard Studer verwendete es 1834 für die Schichtfolge, die an solchen Flächen ansteht. Aus einem Wort für Furchenfelder wurde so ein Fachbegriff der Geologie.

Grasbewachsener Felsgrat aus hellem Kalkstein mit zerklüfteten Gesteinsplatten über einem Tal

Schächte, Höhlen und das Wasser im Berg

Das Plateau ist durchlöchert von Schächten, die senkrecht in den Berg führen. Viele sind nur Spalten mit Tageslicht am oberen Ende, sogenannte Lichtschächte, andere reichen weit hinab und gehören zu einem Höhlensystem, das sich unter dem Plateau ausdehnt. Am Westfuß liegt die Schneckenlochhöhle, eine bekannte Höhle. Die Schächte auf dem Plateau selbst sind dagegen keine Wanderziele, sie sind Teil eines Entwässerungssystems, das den Niederschlag aufnimmt und im Gestein weiterleitet, bis er an den Rändern des Berges wieder austritt. Die Wege im Inneren solcher Systeme sind eng, nass und kalt, und ihre Erkundung bleibt Fachleuten vorbehalten.

Dieses Wasser im Berg erklärt, warum auf dem Plateau so wenig fließt und im Tal Quellen entspringen, die auch in trockenen Wochen nicht versiegen. Der Berg wirkt wie ein Schwamm, der Regen und Schmelzwasser speichert und langsam wieder abgibt. Das Gebiet gilt als eine der bedeutendsten Karstlandschaften der Region und zählt zusammen mit dem Hohen Ifen zu einem europäischen Schutzgebiet, weil Gestein, Pflanzen und Wasserlauf hier ein Zusammenspiel zeigen, das nur wenige Landschaften in dieser Form aufweisen.

Leben in Spalten und Mulden

Zwischen den Platten sammeln sich Staub, Moos und Humus in den Rillen, und dort wurzeln Pflanzen, die mit dem kargen Boden zurechtkommen. Der Kalkfels nimmt die Wärme der Sonne auf, und in den Furchen herrscht ein Kleinklima, das sich vom offenen Plateau unterscheidet: windgeschützter, feuchter und milder. Auf der Fläche stehen Gräser und Kräuter genau dort, wo Spalten Schutz und etwas Erde liefern, während die glatten Plattenflächen kahl bleiben.

Pflanzen in solchen Nischen bleiben flach, wachsen als Polster oder Rosetten und treiben Wurzeln tief in die Spalten, um dem Wind zu entgehen und Feuchtigkeit zu erreichen. Mit jedem Jahr sammelt sich ein wenig mehr Humus, und aus einer nackten Rille wird allmählich ein Pflanzenstreifen. Im Winter verändert sich das Bild vollständig. Der Schnee füllt die Karren und deckt die Fläche zu, sodass aus dem zerklüfteten Fels eine weiße Hochebene wird,. Im Frühling taut der Schnee ab, und das Schmelzwasser sickert in die Schächte. Ein Gelände, das im Sommer wie ein Steinmeer wirkt, ist damit je nach Jahreszeit Schneefläche, Blumenwiese und Felsfeld in einem.

Woran sich Karst erkennen lässt

Karst gibt es im Allgäu keineswegs allein auf dem Gottesackerplateau. Überall, wo Kalkgestein nah unter der Oberfläche liegt, zeigen sich verwandte Formen, vom Wasserfall in der Schlucht bis zur Höhle im Fels. Die Sturmannshöhle bei Obermaiselstein und die Starzlachklamm bei Sonthofen haben denselben Ursprung im löslichen Gestein, nur in anderer Gestalt. Das Gottesackerplateau zeigt den Vorgang offen, weil keine Bäume und kaum Boden ihn verdecken, und deshalb eignet sich die Hochfläche wie wenige andere Orte, um die Merkmale einer Karstlandschaft kennenzulernen. Hinzu kommt eine Besonderheit des Wassers: Karstwasser fließt rasch durch Spalten und wird kaum gefiltert, weshalb Verunreinigungen auf der Hochfläche schnell bis zu den Quellen im Tal gelangen können. Aus diesem Grund spielt der Umgang mit Weidevieh und Wegen in Karstlandschaften eine größere Rolle als in Regionen mit dicker Bodenschicht. Die wichtigsten Merkmale in Kürze:

  • Parallele Rillen auf blanken Kalkplatten sind Karren und entstehen durch Regenwasser, das den Fels löst.
  • Tiefe Spalten, in denen das Wasser verschwindet, bilden sich entlang von Klüften im Gestein.
  • Fehlende Bäche auf der Hochfläche deuten auf unterirdische Entwässerung hin.
  • Quellen am Fuß des Berges geben das versickerte Wasser wieder frei.
  • Grüne Streifen in den Furchen verraten, wo sich Erde und Schutz sammeln.

Der Allgäuer Haufen im Bauernkrieg von 1525

Im März 1525 trafen sich in Memmingen rund fünfzig Vertreter dreier Bauernhaufen und einigten sich auf ein Papier, das binnen zwei Monaten 25.000 Mal gedruckt wurde. Für ein Jahrhundert ohne Zeitungen und Telefone ist das eine erstaunliche Zahl. Zwölf Forderungen standen darin, und sie gelten bis heute als eine der frühesten niedergeschriebenen Forderungen nach Freiheitsrechten in Europa. Der Allgäuer Haufen war einer der Träger dieser Vereinigung. Was als Versammlung auf Wiesen und in Dorfwirtschaften begann, endete im Juli 1525 mit brennenden Höfen, Gefangenen in einer Kirche und Hinrichtungen.

Der Bauernkrieg im Allgäu dauerte nur wenige Monate, und doch zeigt er, wie eng Herrschaft, Glaube und tägliches Leben in einer Landschaft aus Dörfern, Klöstern und Fürststiften verflochten waren. Vorausgegangen war ein Druck, der sich über Jahre aufgebaut hatte. Im Gebiet des Fürststifts Kempten lebten viele Bauern in Abhängigkeit vom Stift und mussten Abgaben leisten. Aus dieser Lage erwuchs eine Bewegung, die sich auf eigene Versammlungen, Ausschüsse und schließlich ein überregionales Bündnis stützte.

Das Fürststift und seine Untertanen vor 1525

Das Stift Kempten war nicht irgendeine Grundherrschaft, sondern ein Fürststift mit weltlicher Macht über ein weites Gebiet, geführt von einem Fürstabt. Im Jahr 1525 stand Sebastian von Breitenstein an der Spitze, der das Amt von 1523 bis 1536 innehatte. Seine Untertanen waren Bauern, die Land vom Stift bewirtschafteten und dafür Abgaben und Dienste schuldeten. Über Streitigkeiten dieser Art wurde im Allgäu schon lange gerungen, und lange vor 1525 hatten sich Bauern der Stiftslande versammelt, um ihre Beschwerden vorzubringen. Der Weg führte so über Jahrzehnte von einzelnen Versammlungen zu einer Bewegung. Eine dieser Versammlungen fand bereits 1491 vor dem Stift unter Jörg Hug aus Untrasried statt.

Als die Reformation neue Vorstellungen von Gewissen und Gleichheit vor Gott verbreitete, bekamen die alten Beschwerden eine religiöse Begründung. Das Evangelium wurde zum Maßstab, an dem sich Abgaben und Herrschaftsrechte messen lassen sollten. Diese Verbindung von sozialer Not und biblischer Berufung gab der Bewegung ihre Wucht, denn sie erlaubte es, Forderungen nicht als Auflehnung, sondern als Rückkehr zu einer gerechten Ordnung zu formulieren. Je mehr Prediger in Städten wie Memmingen diesen Gedanken aufgriffen, desto breiter wurde der Kreis derer, die sich angesprochen fühlten.

Januar bis März 1525 der Haufen formiert sich

Im Januar 1525 ging es Schlag auf Schlag. In Obergünzburg fand eine Versammlung statt, danach in Leubas bei Kempten unter Führung von Jörg Schmid, und im Februar traf sich in Sonthofen eine große Menge, verstärkt von Landsknechten, also bezahlten Söldnern. Am 4. März bildete sich in Kempten ein Ausschuss, und zum Hauptmann des Allgäuer Haufens wurde Walther Bach von Oy.

Ein Haufen war kein Heer im modernen Sinn, sondern ein Zusammenschluss bewaffneter Bauern, die sich nach Landschaften gliederten. Neben dem Allgäuer Haufen standen der Baltringer Haufen und der Bodensee-Haufen, benannt nach ihren Herkunftsregionen. Aus lokalen Zusammenschlüssen entwickelte sich so ein Bündnis, das Landschaftsgrenzen überschritt.

Am 23. Januar stieß in Leubas Jörg Täuber aus Heising als Verbündeter dazu, und Jörg Schmid wurde zu einer zentralen Gestalt der Landschaft. Die Zahl der Beteiligten war beträchtlich. Bei der Versammlung in Sonthofen am 14. Februar kamen zwischen 7000 und 9000 Mann zusammen, ein Vielfaches der Einwohner mancher Märkte der Gegend.

Zwölf Artikel und die Kraft des Drucks

Am 6. März 1525 kamen rund 50 Vertreter der drei Haufen in Memmingen zusammen und gründeten die Christliche Vereinigung. Schon am 15. März hatte es ein weiteres Treffen gegeben, ehe am 20. März der Durchbruch gelang. Am 20. März wurden dort die Zwölf Artikel und eine Bundesordnung beschlossen. Als Schriftführer wirkte Sebastian Lotzer, als Verfasser der Artikel gelten er und möglicherweise der Prediger Christoph Schappeler, die Zuschreibung ist unter Fachleuten allerdings umstritten.

Zu den Forderungen gehörten:

  • Gemeinden sollen ihre Pfarrer selbst wählen dürfen.
  • Abgaben und Dienste sollen gemildert werden.
  • Strafen sollen nicht mehr nach Willkür verhängt werden.

Das Besondere war der Druck: In zwei Monaten erschienen 25.000 Exemplare, damit überall im Land bekannt wurde, wofür die Bauern standen. Ein Papier, das in Wirtshäusern vorgelesen und von Hand zu Hand gereicht wurde, erreichte auch Menschen, die selbst nicht lesen konnten. Zugleich war das Programm ein Dokument des Ausgleichs. Die Verfasser beriefen sich auf das Evangelium und erklärten sich bereit, jede Forderung fallen zu lassen, die sich durch die Heilige Schrift widerlegen ließe. So wurde aus einer Beschwerdeliste ein Argument, das Gelehrte und Prediger ernst nehmen mussten.

April 1525 die Plünderung des Fürststifts

Während in Memmingen verhandelt wurde, besetzten Bauern das Stift. Am Karfreitag, dem 2. April 1525, begann die Belagerung der Burg Liebenthann, und am 9. April ergab sich der Fürstabt vor dem Kemptener Rat. Neben dem Fürststift bestand in Kempten eine Reichsstadt mit eigenem Rat, und das Nebeneinander von Stiftsstadt und Reichsstadt machte die Lage vor Ort unübersichtlich. Jörg Schmid erhielt für seine Dienste 300 Gulden, zwei Pferde und Bettzeug. Das Fürststift wurde geplündert. Kirchengerät und andere Wertsachen im Wert von 60.000 Gulden wurden unter 140 Pfarrgemeinden verteilt, und der Abtstab ging für gerade einmal 50 Gulden weg, ein Preis, der den Bruch mit der alten Ordnung deutlicher macht als jede Rede.

Für die Aufständischen war das ein Höhepunkt, zugleich aber der Moment, in dem ihre Lage gefährlicher wurde. Die Plünderung eines Fürststifts war ein Angriff auf geistliche und weltliche Macht zugleich, und die Gegner reagierten. Der Schwäbische Bund, ein Zusammenschluss von Fürsten und Städten, stellte ein Heer unter Georg Truchseß von Waldburg auf. Am 4. April 1525 besiegte dieser bei Leipheim an der Donau einen Bauernhaufen, über tausend Bauern kamen ums Leben. Der Schlag zeigte, wie ungleich die Kräfte verteilt waren, denn den Bauern fehlten Reiterei, Geschütze und erfahrene Befehlshaber.

Juli 1525 Rückzug und Niederlage

Im Mai wechselte das Kommando. Walther Bach von Oy wurde am 10. Mai abgesetzt, und Paulin Probst von Ettwiesen übernahm die Führung. Die Stimmung unter den Bauern war uneinheitlich, ein Teil wollte kämpfen, ein anderer verhandeln, und der Weingartner Vertrag mit dem Schwäbischen Bund sorgte für Unsicherheit, denn einige sahen sich an ihn gebunden, andere nicht.

Am 3. Juni zog Georg von Frundsberg in Füssen ein, und der Truchseß erhielt 3000 erfahrene Landsknechte. Wenige Wochen später stand er mit einem Heer vor den Allgäuer Bauern. In der Nacht auf den 15. Juli räumte Walther Bach von Oy seine Stellung, und der Rest des Haufens sammelte sich auf dem Kohlenberg bei Sulzberg. Der Truchseß ließ Leubas, Ursulasried, Leupolz und Betzigau niederbrennen, insgesamt 200 Bauernanwesen. Bei Durach kapitulierten die Bauern auf dem Duracher Feld, und die Sieger sperrten Rädelsführer in der Kirche ein. Zu den Zahlen des Jahres gehört auch ein Mangel: Im Juli fehlte es dem Haufen an Verpflegung und Munition, was die Standfestigkeit zusätzlich schwächte. Die wichtigsten Zahlen im Überblick:

EreignisDatumZahl
Großversammlung in Sonthofen14. Februar 15257000 bis 9000 Mann
Gründung der Vereinigung in Memmingen6. März 1525rund 50 Vertreter
Druck der Zwölf ArtikelMärz bis Mai 152525.000 Exemplare
Plünderung des FürststiftsApril 152560.000 Gulden, 140 Pfarrgemeinden
Ankunft in Wolfertschwenden11. Juli 15256000 Landsknechte, 1500 Reiter
Bestrafung bei DurachJuli 152570 Rädelsführer, 18 Enthauptungen

Was von 1525 bleibt

Jörg Schmid floh nach Rankweil in Vorarlberg, wurde dort verraten, in Bludenz verhört und gefoltert. Am 21. Januar 1526 wurde er zusammen mit Conz Wirt zwischen Bregenz und Lochau an einer Eiche gehängt. Für die Beteiligten endete der Aufstand mit Härte, die Rädelsführer von Durach, 70 an der Zahl, hatten zuvor in der Kirche auf das Urteil gewartet, 18 von ihnen wurden gleich enthauptet.

Die Reihenfolge der wichtigsten Termine bis zum Ende der Geschichte lässt sich so festhalten:

  1. 9. Januar 1525: Obergünzburg, Versammlung der Bauern.
  2. 23. Januar 1525: Leubas, Treffen unter Jörg Schmid.
  3. 14. Februar 1525: Sonthofen, Großversammlung.
  4. 6. und 20. März 1525: Memmingen, Gründung der Vereinigung und Beschluss der Artikel.
  5. 2. und 9. April 1525: Kempten, Belagerung der Burg und Übergabe des Fürstabts.
  6. 11. und 15. Juli 1525: Wolfertschwenden und Kohlenberg, Entscheidung.
  7. 21. Januar 1526: Bregenz, Hinrichtung Jörg Schmids.

Als Erbe bleibt zweierlei. Die Zwölf Artikel gelten als Meilenstein der Freiheitsgeschichte, und im Allgäu erinnern Ortsnamen und Gedenkorte an die Männer, die sich in Memmingen für Gemeindefreiheit und gerechtere Abgaben einsetzten. Wie sich die Dörfer des Allgäus in den folgenden Jahrhunderten wandelten, erzählt der Beitrag über die Vereinödung im Allgäu. Ein Spaziergang durch die Gegend um Leubas führt heute an Feldern und Siedlungen vorbei, nicht an Kampfstätten, doch die Spuren von 1525 liegen in Dokumenten, Straßennamen und einer Haltung, die auf Mitsprache pocht. Naheliegend ist, dass gerade hier, wo Höfe weit auseinanderliegen und jede Gemeinde ihre eigenen Rechte hütete, der Gedanke an Selbstbestimmung Wurzeln schlug.

Das Edelweiß im Allgäu und der Mythos von der Mutprobe

Die weiße Sternblume gilt als Wahrzeichen der Alpen, und mit dieser Blume verbindet sich eine Annahme, die fast jeder schon gehört hat: Ein Edelweiß zu pflücken sei eine Mutprobe, ein Liebesbeweis am Abgrund, den nur Verwegene erbringen. Im Allgäu sieht die Wirklichkeit anders aus. Das Alpenedelweiß wächst auf Kalkfels und steinigem Rasen zwischen etwa 1800 und 3000 Metern, blüht von Juli bis September und kommt in den Allgäuer Alpen wild vor, am üppigsten an der Höfats bei Oberstdorf. Gefährlich ist dort das steile Grasgelände, nicht die Blume selbst. Und pflücken darf sie ohnehin niemand, denn die Art gilt in Deutschland als stark gefährdet.

Die Vorstellung vom todesmutigen Blumenpflücker ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. Diese Vorstellung hat mit der Pflanze weniger zu tun als mit dem Bild, das sich Städter von den Bergen machten. Wie die Geschichte entstand, womit sich das Edelweiß gegen Kälte und Strahlung wappnet und warum es im Allgäu an bestimmten Hängen so dicht steht, klärt sich Schritt für Schritt, sobald Romantik und Botanik getrennt betrachtet werden.

Weißfilziger Blütenstern des Alpenedelweiß auf steinigem Boden zwischen Gräsern

Woher die Geschichte vom gefährlichen Pflücken stammt

Das Edelweiß wurde im 19. Jahrhundert zum Sinnbild der Alpen, als der Bergtourismus aufkam und Gäste aus den Städten etwas Greifbares mit nach Hause nehmen wollten. Eine Blume, die hoch oben zwischen Felsen wächst, passte zum Bild vom heldenhaften Bergsteiger, und so entstand die Erzählung, dass nur der Mutige sie erreicht. Verstärkt wurde sie durch bekannte Episoden: Kaiser Franz Joseph soll 1856 am Großglockner ein Edelweiß für seine Frau Elisabeth gepflückt haben, und die Monarchie machte die Blume zum Abzeichen ihrer Gebirgstruppen.

Die Nachfrage hatte Folgen. Händler verkauften getrocknete Sträuße an Reisende, Sammler rissen Polster aus den Hängen, und mancherorts wurde die Pflanze so selten, dass Schutzmaßnahmen nötig wurden. Österreich stellte das Edelweiß 1886 unter Naturschutz, in der Schweiz ist es in allen Kantonen geschützt. Im Allgäu fiel die Höfats auf, weil dort dichte Bestände standen. Die Bergwacht hielt zwischen 1935 und 2007 ein Auge auf diese Vorkommen, ein Zeitraum von 72 Jahren, in dem aus der angeblichen Mutprobe eine Bewachungsaufgabe wurde.

Der Mythos erzählt also weniger von der Pflanze als von der Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Das Edelweiß wuchs immer schon auf Weiden, Schutthängen und Felsbändern, die Hirten und Jäger kannten. Nur das Bild vom Abgrund machte aus einer Gebirgspflanze ein Sinnbild für Wagemut.

Ein Stern aus Hunderten Blüten

Botanisch heißt die Pflanze Leontopodium nivale subsp. alpinum und gehört zu den Korbblütlern, also zur Verwandtschaft von Gänseblümchen und Sonnenblume. Der Gattungsname stammt aus dem Griechischen und bedeutet Löwenfüßchen, was auf die dichte Behaarung und die Form der Hochblätter anspielt. Was wie eine einzelne weiße Blüte aussieht, ist ein Blütenstand: Fünf bis fünfzehn silbrig glänzende Hochblätter bilden den Stern, in dessen Mitte zwei bis zwölf kleine Teilblütenstände sitzen, jeder mit 60 bis 80 winzigen Röhrenblüten. Bei sechs Teilblütenständen zu je 70 Blüten trägt ein einziger Stern rund 420 echte Blüten.

Die Pflanze selbst bleibt klein, von wenigen Zentimetern bis etwas über zwanzig Zentimeter hoch, mit Blättern von etwa fünf Zentimetern Länge in einer Rosette am Boden. Der Stern wirkt als Signal: Die hellen Hochblätter locken Insekten an, die in den winzigen Röhrenblüten Nektar und Pollen finden, während die Fläche aus der Ferne wie eine einzige große Blüte erscheint. Für ein Gewächs, das in kurzen Sommern wenige Wochen zur Bestäubung hat, ist diese Bündelung klug eingerichtet, denn ein Insekt, das einen Stern besucht, bedient auf einmal Hunderte Blüten. Dazu kommt die Vermehrung über Samen mit feinem Haarschopf, den der Wind über Geröll und Felsbänder trägt, bis irgendwo ein Spalt mit Feinerde die Keimung erlaubt. Auf nacktem Kalkschutt ist das ein glücklicher Zufall, und er erklärt, warum die Polster meist einzeln oder in kleinen Gruppen stehen statt als geschlossener Teppich, und im Spätsommer färben sich die Fruchtstände braun, sodass die Pflanze im Herbst unscheinbar wird.

Der Pelz gegen Kälte und Strahlung

Weiß wirkt das Edelweiß durch seinen wollig-filzigen Haarbesatz. Die krausen Haare enthalten Luftbläschen, die Licht streuen, und sie dämmen gegen Verdunstung und Wärmeverlust. Die einzelnen Fasern sind nur 0,18 Mikrometer dick, absorbieren ultraviolette Strahlung und lassen Licht der Wellenlängen für die Photosynthese durch. In Höhen, in denen die UV-Einstrahlung deutlich stärker ist als im Tal, wirkt der Pelz damit wie ein Sonnenschirm mit Wärmedämmung.

Zum Vergleich hilft ein Gedankenspiel: Eine Pflanze auf 2000 Metern hat Sommernächte mit Frost vor sich, ausgetrocknete Böden nach Starkwind und im Mittagslicht eine Strahlung, die einem Sonnenbrand im Tal nahekommt. Ein dichter Haarfilz löst gleich mehrere dieser Probleme in einem Zug, ohne dass die Pflanze Energie für neue Bauteile aufwenden müsste. Dass das Edelweiß so zart aussieht und doch Kälte, Wind und Strahlung übersteht, macht den eigentlichen Reiz der Art aus, und er hat mit Pelz und Standort zu tun, nicht mit dem Mut eines Pflückers. Aus der Nähe, ohne Berührung, zeigt sich die Lichtstreuung auf Anhieb: Der Filz schimmert silbrig, sobald die Sonne seitlich darauf fällt, und wirkt bei Bewölkung eher grau. Frisch aufgeblühte Sterne wirken dichter und weißer als alte, deren Filz mit der Zeit verwittert.

Warum die Blume an der Höfats so üppig steht

Das Alpenedelweiß bevorzugt Kalkstein und steinige, magere Rasen. Genau diese Bedingungen herrschen an Hängen der Allgäuer Alpen, wo Kalkgestein nah an der Oberfläche liegt und Wasser rasch versickert. Die Höfats bei Oberstdorf ist ein Berg aus extrem steilen Grashängen, dessen Gelände zu den anspruchsvollsten der Region zählt. Weder Weidevieh noch Wanderer bewegen sich dort in großer Zahl, und daher bleiben Polster ungestört, die an leichter erreichbaren Hängen längst zertreten wären.

Zum Schutz der Pflanze trägt demnach die Lage bei, nicht eine besondere Giftigkeit oder Seltenheit der Art an sich. Als Ursachen für den Rückgang nennt die Fachwelt heute das Betreten und Befahren der Standorte, früher auch das Pflücken. Das Edelweiß braucht Zeit, um sich nach einer Störung zu erholen, denn es wächst in kurzen Sommern auf nährstoffarmem Boden langsam. Ein ausgerissenes Polster ist deshalb nicht in einer Saison ersetzt, und ein Pfad, der quer durch einen Bestand führt, hinterlässt Spuren über Jahre. Deshalb empfiehlt sich oberhalb der Baumgrenze eine schlichte Regel: Standorte meiden, auf dem Weg bleiben und fotografieren, ohne die Blüten zu berühren. Ein Bestand, den niemand bemerkt, ist ein gut geschützter Bestand.

Beobachten statt Pflücken

Ein Edelweiß im Allgäu zu sehen, verlangt kein Klettergerät, sondern ein Fernglas und Geduld. Auf Wegen, die über 1800 Metern durch Kalkgebiete führen, lohnt der Blick auf felsdurchsetzte Rasenstücke im Juli und August, wenn die Sterne geöffnet sind. Am Rand der Höfats bleibt die Beobachtung aus der Entfernung der einzige vernünftige Weg, denn das Gelände ist keine Wanderstrecke. Die Blüten wirken aus zwanzig Metern wie helle Tupfer im Gras, und ein Teleobjektiv liefert, was ein Pflückversuch niemals brächte: ein Bild, ohne dass die Pflanze Schaden nimmt.

Im Blumenhandel oder als Gartenpflanze wird in der Regel eine Zuchtform angeboten. Die Blüten sehen ähnlich aus, stammen aber aus Anzucht und gefährden keinen Naturstandort. Wildpflanzen dürfen dagegen weder ausgegraben noch gepflückt werden. Die Mutprobe, von der Postkarten und Schlager erzählen, hat sich damit erledigt, und an ihre Stelle tritt eine ruhigere Haltung: Die Blume wird bewundert, wo sie steht, im kühlen Licht der Hochlage, zwischen Kalk und Gras.

Was an der alten Geschichte trotzdem stimmt, lässt sich in vier Punkten festhalten:

  • Die Standorte können wirklich steil sein, und auf Grashängen wie an der Höfats ist jeder Schritt schwer zu setzen.
  • Die Blume wächst hoch, im Allgäu oberhalb von rund 1800 Metern, in einer Zone, die im Sommer kühl und im Herbst früh winterlich ist.
  • Der Pelz ist eine echte Anpassung an Kälte, Wind und starke Strahlung, kein hübsches Beiwerk.
  • Der Bestand ist bedroht, weshalb Schutz und Aufsicht aus dem Rückgang in vielen Regionen folgten.

Aus der Mutprobe wird damit eine Frage des Maßes. Der Annäherung genügen Rücksicht und ein gutes Auge, Seil und Schwindelfreiheit braucht es dafür nicht, und wer die Blume von Weitem entdeckt, hat im Grunde die bessere Geschichte zu erzählen als jeder vermeintliche Held mit einem gepflückten Strauß in der Hand.

Der Iller Radweg von Oberstdorf nach Ulm Etappe für Etappe

Von Oberstdorf nach Ulm fällt das Gelände nur um gut 340 Meter, und trotzdem summieren sich auf dem Iller Radweg rund 1.145 Höhenmeter bergauf. Wie passt das zusammen? Der Weg folgt dem Fluss über 146 Kilometer, und weil er nicht stur am Wasser bleibt, sondern Dämme, Terrassenkanten und Ortsdurchfahrten mitnimmt, verteilen sich die Höhenmeter auf viele kleine Rampen. Entlang der Fahrtrichtung nach Norden geht es dennoch fast durchweg leicht bergab, ein Umstand, der den Radweg zu einer der entspanntesten Fernrouten im Allgäu und in Oberschwaben macht. Hinzu kommt, dass die Strecke ohne große Planung zu bewältigen ist: Es gibt keine Pässe, keine Tunnel und keine Abschnitte, die sich nur mit Spezialausrüstung befahren lassen, und wo der Weg einmal vom Fluss abweicht, bleibt er auf wenig befahrenen Nebenstraßen.

Gestartet wird am Bahnhof Oberstdorf, Ziel ist Ulm, wo die Iller oberhalb von Neu-Ulm in die Donau mündet. Dazwischen liegen Kempten, ein Abstecher nach Memmingen, Kraftwerke, Auwälder und Wallfahrtskirchen. Die Route eignet sich für drei Tagesetappen mit jeweils rund 46 bis 52 Kilometern, für Wochenendtouren in einzelnen Abschnitten und für Familien mit Kindern ab dem Grundschulalter.

Von Oberstdorf zum Illerursprung und nach Kempten

Die erste Etappe misst 45,9 Kilometer und führt von Oberstdorf nach Kempten. Kurz hinter Oberstdorf liegt der Ort, der der Iller ihren Namen gibt: Am Illerursprung vereinigen sich Breitach, Stillach und Trettach zu einem Fluss. Eine Skulptur des Künstlers Walter Kalot erinnert an diese Stelle, im Hintergrund erscheint die Burgkirche von Schöllang. Die drei Quellflüsse haben unterschiedliche Herkunft: Die Breitach kommt aus dem Kleinwalsertal in Österreich und durchfließt zuvor die Breitachklamm, Stillach und Trettach entspringen in Bayern.

Auf diesem Stück liegen 224 Höhenmeter Aufstieg und 367 Höhenmeter Abstieg, der Weg fällt also in der Summe um etwa 143 Meter. Zu den Höhepunkten gehört die Fahrt vor der Allgäuer Bergkulisse, später folgen Sonthofen und Immenstadt, an denen die Bahn als Anschluss für einzelne Teilstücke dient. Vor Kempten steigt der Weg an einer Stelle merklich an, danach öffnet sich das Illertal, und die Altstadt von Kempten taucht auf. Die Stadt war schon zur Römerzeit als Cambodunum ein wichtiger Ort, und bereits damals wurde von hier aus Holz auf der Iller geflößt. Die Iller gilt als der erste bedeutende Donauzufluss für die Holzflößerei, und die Stadt am Fluss profitierte vom Handel mit Stämmen aus den Bergen.

Kempten bis Memmingen mit den meisten Höhenmetern

Die zweite Etappe über 48,7 Kilometer ist die anspruchsvollste. 629 Höhenmeter bergauf und 721 bergab zeigen, dass der Weg hier ständig auf und ab führt. Zwischen Dietmannsried und Illerbeuren verläuft er abseits des Flusses auf wenig befahrenen Landstraßen, anschließend folgt er wieder dem Wasser. Unterwegs liegen Altusried, Bad Grönenbach mit seinem Schloss und das Dorf Martinszell, wo der Radweg ohnehin auf der linken Flussseite verläuft, sodass hier keine Wahl getroffen werden muss. Bei Krugzell führt die linke Flussseite an den Wallfahrtskirchen Maria Schnee in Legau und Maria Steinbach vorbei, auf der rechten Seite bleibt der Weg näher am Schloss von Bad Grönenbach.

Die Stadt Memmingen liegt rund sechs Kilometer abseits des Radwegs und wird als Abstecher angefahren. Ein weiteres Ziel in der Nähe ist die Kartause Buxheim mit dem Kartäuser See. Die Iller selbst ist auf diesem Abschnitt der Fluss, der sich von den Gebirgsschottern des Oberlaufs zum ruhigen Strom des Flachlands wandelt. Dass diese Etappe die meisten Höhenmeter besitzt, ergibt sich aus den Zahlen der Strecke: Mit 629 Metern Aufstieg liegt sie fast dreimal so hoch wie die erste Etappe mit 224 Metern.

Die Etappen in Zahlen

Die Summen in der Tabelle sind aus den Einzelwerten berechnet, die Streckenangaben unterscheiden sich je nach Führung des Weges um wenige hundert Meter.

EtappeLängeAufstiegAbstieg
Oberstdorf bis Kempten45,9 km224 m367 m
Kempten bis Memmingen48,7 km629 m721 m
Memmingen bis Ulm51,6 km285 m379 m
Summe der drei Etappen146,2 km1.138 m1.467 m

Die Differenz zwischen Abstieg und Aufstieg beträgt 329 Meter, nahe dem tatsächlichen Höhenunterschied zwischen Oberstdorf und Ulm. Das mittlere Gefälle liegt bei etwa 2,3 Metern pro Kilometer, das entspricht rund 0,23 Prozent und ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Bemerkenswert ist, dass der höchste Punkt bei 809 Metern liegt und der tiefste bei 469, das Verhältnis zwischen Gefälle und Höhenmetern aber so ungünstig ausfällt: Auf einen Meter Nettogefälle kommen knapp dreieinhalb Meter Aufstieg.

Je Etappe fällt der Weg netto unterschiedlich stark: im ersten Abschnitt um 143 Meter, im zweiten um 92 und im dritten um 94. Nach der Anstrengung geordnet ergibt sich eine andere Reihenfolge als nach der Länge. Die längste Etappe nach Ulm mit 51,6 Kilometern ist die flachste, die mittlere mit 48,7 Kilometern die anstrengendste. Auf einen Kilometer entfallen im zweiten Abschnitt knapp 13 Meter Aufstieg, im dritten nur 5,5 und im ersten rund 4,9, das ist ein Unterschied um mehr als das Zweieinhalbfache. Für die Planung einer Tagesetappe zählt dieser Wert mehr als die Streckenlänge, weil kurze Rampen auf Schotter mehr Kraft kosten als dieselbe Strecke auf Asphalt.

Memmingen bis Ulm, der gezähmte Fluss

Die dritte Etappe misst 51,6 Kilometer und ist die flachste: 285 Meter Aufstieg, 379 Meter Abstieg. Hier ist die Iller kein Gebirgsfluss mehr, und auch das Gelände ändert sich merklich. Zwischen Memmingen und Ulm wurde sie ab 1859 begradigt, die Arbeiten waren 1893 abgeschlossen. Der Lauf verkürzte sich dabei von 67,15 auf 56,6 Kilometer, das sind 10,55 Kilometer weniger, und das Gefälle stieg von 1,77 auf 2,15 Promille. Die Folge war, dass sich der Fluss ab etwa 1926 tiefer in sein Bett eingrub, bei Regglisweiler um rund 3,5 Meter, was das Grundwasser sinken ließ.

Seit 1996 bremsen Sohlrampen und Wehre diese Entwicklung, und auf diesem Abschnitt lässt sich nachvollziehen, wie ein Fluss, der über Jahrzehnte begradigt wurde, allmählich wieder Raum zurückbekommt. Das Projekt agile Iller soll mit 59 Einzelmaßnahmen Seitenarme wiederherstellen, Auen anbinden und Hindernisse für wandernde Fische entfernen.

Am Weg liegen Kraftwerke wie in Aitrach, der Iller Auwald bei Illertissen mit Lehrtafeln zur Natur und schließlich Ulm, wo der Radweg endet. Vom Ziel aus schließen der Donauradweg und mehrere weitere Fernrouten an. Die Staustufen und Kanäle der Kraftwerke bestimmen einen Teil der Streckenführung, weil der Weg Wehre und Seitenkanäle umgehen muss.

Ein Fluss mit Namen aus keltischer Zeit

Neben dem Weg läuft ein Fluss mit langer Geschichte. Der Name Iller taucht im Jahr 769 als Gaubezeichnung Hilargowe auf, 1059 steht Ilara in den Urkunden. Die Namensdeutung ist umstritten: Wahrscheinlich geht er auf ein keltisches Wort zurück, das ungefähr die treibende Kraft meint, eine andere Herleitung führt auf ilara, hastig, zurück. Ältere Deutungen, die an das lateinische hilaris, heiter, anknüpften, gelten als überholt. Gesichert ist nur, dass der Name sehr alt ist.

Als Grenze spielte die Iller lange eine Rolle. Gegen Ende der Römerzeit, vom späten 3. Jahrhundert bis etwa 488, lief entlang ihres Laufs ein Teil des Donau Iller Rhein Limes, und bis zur Aufhebung des Bistums Konstanz im Jahr 1821 trennte der Fluss weitgehend die Diözesen Konstanz und Augsburg. Heute bildet er im unteren Abschnitt die Grenze zwischen Bayern und Baden Württemberg. Wie wild der Fluss sein konnte, zeigt das Hochwasser vom 13. und 14. Juni 1910, das bei Memmingen die Brücke von Egelsee zerstörte. Der 1917 angelegte Illerkanal und die dreizehn Laufwasserkraftwerke zähmten die Iller später weitgehend, das Einzugsgebiet des Flusses umfasst 2.152 Quadratkilometer, und im Mittel führt sie mehr Wasser zur Donau als die Donau selbst bis zum Zusammenfluss, nämlich knapp 71 gegenüber 53 Kubikmetern je Sekunde.

Boden, Beschilderung und was vorher zu klären ist

Der Belag besteht überwiegend aus geschotterten Dammwegen, die über weite Strecken nicht asphaltiert sind. Das macht die Route ruhig und bei trockenem Wetter angenehm zu fahren, denn Autoverkehr gibt es kaum, nur gelegentlich Fahrzeuge der Land und Forstwirtschaft sowie der Wasserwirtschaft. Es hat aber Folgen für die Wahl des Rades: Rennräder und Handbikes kommen auf dem Schotter nicht uneingeschränkt zurecht, Trekkingräder und Elektroräder passen besser. Mit Kindern und Gepäck ist das Tempo auf Schotter niedriger als auf Teer. Nach starkem Regen oder bei Hochwasser entstehen Pfützen und mancherorts Sperrungen, asphaltierte Alternativen sind in der Regel vorhanden. Der Weg wurde 2016 für 135.000 Euro neu beschildert und hergerichtet und ist seitdem in beide Richtungen durchgehend markiert, an vielen Stellen mit gelben Schildern unmittelbar am Ufer. Wegen der Überschwemmungsgefahr und der wechselnden Flussseiten lohnt ein Blick auf die Karte, bevor die Tour beginnt, denn an mehreren Stellen steht die Wahl zwischen dem linken und dem rechten Ufer offen, und je nach Wahl liegen andere Sehenswürdigkeiten am Weg.

Vor der Tour lohnt es sich, einige Punkte zu klären, die Dauer und Anstrengung bestimmen und sich bei der Planung nicht übergehen lassen:

  • Die Fahrtrichtung von Süd nach Nord spart Kraft, weil das Gelände in dieser Richtung leicht abfällt.
  • Bahnstationen entlang der Strecken Kempten Neu-Ulm, Buchloe Lindau und Immenstadt Oberstdorf erlauben es, einzelne Etappen als Tagesausflug zu fahren.
  • Auf den ersten Kilometern ab dem Illerursprung läuft der Europäische Fernwanderweg E5 auf derselben Trasse, Rücksicht auf Fußgänger ist hier gefragt.
  • Zwischen Senden und Ulm deckt sich der Weg weitgehend mit dem Main Donau Bodensee Weg des Schwäbischen Albvereins.
  • Kinder ab etwa acht Jahren kommen auf den Dammwegen gut zurecht.

Die Heini Klopfer Skiflugschanze und der schiefe Turm

Am 2. Februar 1950 stellten sich drei Männer auf einen frisch gebauten Holzturm am Hang oberhalb von Oberstdorf, und der Erbauer sprang als Erster. Heini Klopfer landete bei 90 Metern, Toni Brutscher folgte mit 112, Sepp Weiler mit 115 Metern. Nach heutigen Maßstäben wäre das ein Trainingssprung auf einer Normalschanze, damals war es der Beweis, dass die Anlage trug. Keine vier Wochen später flog ein Österreicher mit 124 Metern den ersten offiziellen Weltrekord auf dieser Schanze. Insgesamt wurden hier im Lauf der Jahrzehnte 21 Weltrekorde aufgestellt, und jeder davon markiert einen Abschnitt der Baugeschichte, weil die Schanze nach den Weiten der Springer ausgerichtet wurde und nicht umgekehrt.

Seither hat sich der Berg kaum verändert, die Schanze dagegen immer wieder. Aus dem Holzgerüst von 1949 wurde ein freistehender Betonturm, aus einer Anlage mit einem Konstruktionspunkt bei 120 Metern eine Schanze, auf der heute weit über 200 Meter geflogen wird. Die Heini Klopfer Skiflugschanze ist ein Bauwerk, das sich dem Fortschritt der Sportler angepasst hat, und jede Umbauphase erzählt, wie sich das Skifliegen verändert hat: schneller, weiter, höher, und immer ein Stück riskanter für die Planer, die sicherstellen müssen, dass Landungen noch im Auslauf enden.

1949 und 1950, ein Holzturm in fünf Monaten

Gebaut wurde ab Juli 1949, am 10. Dezember war der Turm fertig. Fünf Monate Bauzeit für eine Flugschanze sind erstaunlich knapp, zumal der Entwurf aus der Hand eines einzelnen Mannes stammte. In Oberstdorf wurde zuvor erwogen, die vorhandene Schattenbergschanze zu vergrößern, am Ende fiel die Entscheidung für einen Neubau, dessen Berechnungspunkt auf 120 Meter gelegt wurde. Den Namen hat die Schanze von ihrem Planer: Heini Klopfer war Skispringer und Architekt, später beriet er als Sprungfachmann des internationalen Skiverbands bei rund 250 Schanzen in aller Welt. Er starb 1968 im Alter von nur 50 Jahren.

Die offizielle Eröffnung fiel in die Flugwoche vom 28. Februar bis zum 5. März 1950. Innerhalb dieser sechs Tage gab es gleich drei Weltrekorde: 124 Meter durch den Österreicher Willi Gantschnigg am ersten Tag, 127 Meter durch Sepp Weiler am 2. März und 135 Meter durch den Schweden Dan Netzell am 3. März. Zwischen Gantschnigg und Netzell wuchs die Bestweite binnen drei Tagen um elf Meter. Die Zuschauerzahlen waren gewaltig, schon bei der zweiten Flugwoche im Jahr 1951 sollen mehr als 120.000 Besucher den Hang besucht haben.

1951 bis 1964, die Jahre der Weltrekorde

In den fünfziger und frühen sechziger Jahren wurde in Oberstdorf in unregelmäßigen Abständen eine Flugwoche ausgetragen, jeweils mit fortlaufender Nummer. 1951 flog der Finne Tauno Luiro 139 Meter, 1952 brach schlechtes Wetter die dritte Woche ab, ohne dass Ergebnisse gewertet wurden. 1955 gewann Hemmo Silvennoinen, 1958 und 1961 setzte sich Helmut Recknagel aus der DDR durch, und an den Schlusstagen der Flugwochen 1958 und 1961 standen jeweils rund 50.000 Zuschauer am Hang. Am 24. Februar 1961 sprang der Jugoslawe Jože Šlibar 141 Meter, und im Februar 1964 gab es auf der Schanze ein Rekordduell: Am 15. Februar landete der Tschechoslowake Dalibor Motejlek bei 142 Metern, einen Tag später stand der Italiener Nilo Zandanel bei 144 Metern.

Zwischen den ersten Probesprüngen und Zandanels Weite liegen 54 Meter, verteilt auf 14 Jahre. Das entspricht etwa vier Metern pro Jahr, ein Tempo, das später deutlich langsamer wurde, weil Anlauf, Schanzentisch und Ausrüstung bereits ausgereift waren. Dicht gedrängt kamen die Rekorde vor allem am Anfang, als Tisch, Anlauf und Hang noch unausgereizt waren, später hing jeder weitere Meter stärker von Material und Flugtechnik ab als vom Berg.

1973, der schiefe Turm aus Spannbeton

Vor der Skiflug Weltmeisterschaft 1973 wurde der Holzturm aus Sicherheitsgründen abgerissen. An seine Stelle trat ein Turm aus vorgespanntem Leichtbeton, entworfen von dem Architekten Claus-Peter Horle. Der Konstruktionspunkt lag nun bei 165 Metern. Das Besondere an dem Bauwerk ist seine Statik: Der Turm steht frei und wird nur auf Höhe des Schanzentisches mit Felsankern im Berg gehalten, der Rest ragt ohne Stütze aus dem Hang. In Oberstdorf trägt er deshalb den Spitznamen schiefer Turm, und in der Tat wirkt der Anlaufturm von weitem wie ein gekippter Finger über dem Hang.

Die Maße sind beeindruckend: Der Turm ist 72 Meter hoch, die Anlaufbahn misst 113 Meter. Im Inneren liegen Wärme und Wachsräume, Toiletten und ein Kiosk, ein Schrägaufzug bringt bis zu elf Springer samt Sprungski nach oben. Auf der Plattform finden etwa hundert Menschen Platz. Vorgespannt heißt dabei, dass Stahlseile den Beton dauerhaft unter Druck setzen, sodass er Zugkräfte aushält, die ein gewöhnlicher Beton nicht tragen würde. Der Betonbau hat die Schanze aus der Epoche des Holzgerüsts in die der dauerhaften Sportbauten geführt, und er bestimmt bis heute das Bild von Oberstdorf auch wenn sich das Innere seitdem mehrfach verändert hat.

  1. 1949: Baubeginn im Juli, Fertigstellung des Holzturms am 10. Dezember.
  2. 1950: Probesprünge am 2. Februar, Flugwoche mit dem ersten offiziellen Weltrekord von 124 Metern.
  3. 1964: Der Italiener Nilo Zandanel erreicht 144 Meter, die letzte Rekordweite der Holzära.
  4. 1973: Der Holzturm wird aus Sicherheitsgründen abgerissen, der Betonturm entsteht.
  5. 1980: Der Konstruktionspunkt rückt durch Aushub am Aufsprunghang auf 182 Meter.
  6. 2008: Flutlichtanlage und größerer Aufwärmraum vor der Skiflug Weltmeisterschaft.
  7. 2016 und 2017: Generalsanierung, Neueröffnung am 2. Februar 2017.
  8. 2017: Der Weltverband setzt die Hillsize im Sommer auf 235 Meter herauf.

1980 bis 2008, immer wieder angepasst

Die Entwicklung der Weiten zwang zu laufenden Eingriffen. Vor dem Winter 1980 wurde der Aufsprunghang ausgehoben, damit der Konstruktionspunkt von 165 auf 182 Meter rücken konnte. 1986 wurde das Funktionsgebäude neu errichtet, vor der Weltmeisterschaft 1998 lag der Konstruktionspunkt bei 185 Metern. Zehn Jahre später folgte die nächste Runde: Vor der Skiflug Weltmeisterschaft 2008 wurde eine Flutlichtanlage für 1,1 Millionen Euro installiert, der Anlauf nach neuen Sicherheitsvorgaben angepasst und der Aufwärmraum vergrößert.

Bemerkenswert ist, wie wenig Spielraum eine Flugschanze bei Umbauten hat. Der Hang ist vorgegeben, der Auslauf endet im Tal, und jeder Meter, den der Konstruktionspunkt nach unten rückt, muss durch Aushub, Verlängerung oder Verlegung des Tisches ausgeglichen werden. Dass die Schanze dennoch 1973, 1998 und 2008 Weltmeisterschaften ausrichten konnte, verdankt sie der Hartnäckigkeit der Betreiber und den Planern, die jedes Mal ein Stück Hang abtrugen, ohne den Turm anzutasten. Zwischen 1973 und 1998 verlängerte sich der Konstruktionspunkt auf diese Weise um 20 Meter von 165 auf 185, und jeder dieser Meter bedeutete bewegte Erde, neue Böschungen und eine frisch berechnete Landekurve. Dass der Hang das Wachstum mitmachte, ist keine Selbstverständlichkeit, denn Aushub in dieser Größe verändert auch Böschungen und das Fundament des Auslaufs.

2016 bis 2018, die Schanze wächst über sich hinaus

Die jüngste Generalsanierung kostete rund 11,7 Millionen Euro. Der Schanzentisch rückte um 7 Meter zurück und um 5 Meter nach oben, die Hillsize stieg von 213 auf 225 Meter, der Konstruktionspunkt liegt seither bei 200 Metern. Eröffnet wurde die erneuerte Anlage am 2. Februar 2017, auf den Tag genau 67 Jahre nach den ersten Probesprüngen von Klopfer, Brutscher und Weiler. Karl Geiger weihte sie mit 184 Metern ein, 60 Meter weiter als der erste Weltrekord von 1950. Zusammengerechnet stieg die Hillsize beim Umbau und im Anschluss von 213 auf 235 Meter, ein Zuwachs von 22 Metern.

Im Sommer 2017 geschah etwas, das Planer selten erleben: Beim Weltcup waren einzelne Springer über die gerade vergrößerte Hillsize von 225 Metern hinausgeflogen, der Weltverband setzte sie daraufhin auf 235 Meter herauf. Die Hillsize ist die Weite, ab der die Landung nicht mehr sicher im flachen Teil des Hangs liegt, der Konstruktionspunkt dagegen markiert die Marke, an der die Weitenpunkte der Wertung beginnen. Landungen jenseits dieser Marke treffen auf einen Bereich, den der Hang nicht mehr abfedert. Mit der Hillsize von 235 Metern gehört die Heini Klopfer Skiflugschanze zu den größten Anlagen, auf denen Skifliegen überhaupt möglich ist, und 2018 fand dort zum vierten Mal die Skiflug Weltmeisterschaft statt, nach 1973, 1998 und 2008.

Was die Schanze für Oberstdorf bedeutet

Für Oberstdorf war der Bau der Skiflugschanze ein Standortfaktor, der das Dorf in die Reihe der Wintersportorte hob. Die Flugwochen der fünfziger Jahre brachten Zehntausende Zuschauer nach Oberstdorf und machten den Namen Oberstdorf weit über die Alpen hinaus bekannt, wie auch der Beitrag über den Wintersportruf von Oberstdorf schildert. Die Schanze ist damit mehr als ein Sportbauwerk, sie trägt die Handschrift eines Mannes, der den Ort mit einem Werk verband, das sich über viele Länder erstreckte, und sie hat über Generationen Trainer, Techniker und Zuschauer an denselben Hang geführt: Der Turm erzählt von einem Dorf, das nach dem Krieg seinen Platz zwischen Landwirtschaft und Fremdenverkehr suchte. Der Weg von drei Springern auf einem Holzgerüst bis zu einer Anlage mit Schrägaufzug und Flutlicht lässt sich an Rekordweiten und Bauabschnitten nachzeichnen, und er zeigt, dass jede Erneuerung auch eine Antwort auf den Mut der Springer war. Skiflugschanzen bilden weltweit eine kleine Gruppe, deren Mitglieder sich an einer Hand abzählen lassen. Die Skiflug Weltmeisterschaften 1973, 1998, 2008 und 2018 sowie die frühen Flugwochen machen sie zu einem Ort, an dem sich Sportgeschichte in Beton, Hang und Zahlen nachlesen lässt, ohne dass ein Wort darüber gesprochen werden müsste.

Kräuterbuschen zu Maria Himmelfahrt und die Zahl der Kräuter

Am 15. August, dem Fest Mariä Aufnahme in den Himmel, füllen sich in vielen Pfarrkirchen Bayerns die Bänke mit Sträußen, und das gilt auch für das katholisch geprägte Allgäu. Es sind keine Blumensträuße im Sinne des Floristen, sondern Bündel aus Wiesenblumen, Heilpflanzen und ein paar Getreideähren, die der Priester nach der Messe mit Weihwasser besprengt. Der Kräuterbuschen hängt an einer Zahl, über die selten gesprochen wird: Wie viele Pflanzen gehören eigentlich hinein, und wer hat diese Zahl einmal bestimmt?

Die Antwort fällt von Pfarrei zu Pfarrei und von Familie zu Familie anders aus. Überliefert sind sieben, neun, zwölf, siebenundsiebzig und sogar neunundneunzig Kräuter. Gemeinsam ist allen Angaben, dass keine Zahl zufällig gewählt wurde. Jede trägt eine Deutung mit sich, und diese Deutungen erzählen mehr über den Brauch als jede Bindeanleitung. Dahinter liegt eine ältere Schicht als das Kirchenjahr: Der Termin fällt in das Ende der Hundstage, in jene Wochen, in denen Heilpflanzen nach altem Verständnis die größte Wirkung entfalteten. Das Marienfest hat sich über Jahrhunderte mit diesem bäuerlichen Erntegedanken verbunden, und heraus kam ein Brauch, der Glauben, Pflanzenheilkunde und Hauswirtschaft in einem Bündel vereint.

Wie aus einem Marienfest ein Kräuterfest wurde

Die Westkirche feiert den 15. August seit dem 7. Jahrhundert als Marienfest. Die Lehre von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel wurde allerdings erst am 1. November 1950 von Papst Pius XII. als Dogma verkündet, der Brauch mit den Kräutern ist also erheblich älter als die päpstliche Festlegung. Eine fromme Legende erklärt ihn: Als die Apostel das Grab Marias öffneten, fanden sie statt des Leichnams Blumen und wohlriechende Kräuter. Diese Erzählung ist biblisch nicht belegt, sie wurde im Mittelalter weitergetragen und lieferte das Bild, das den Strauß mit dem Fest verknüpfte.

Daneben steht die bäuerliche Zeitrechnung. Gesammelt wird traditionell von der Sommersonnwende am 21. Juni bis zum Festtag, das sind rund 55 Tage, in denen die Wiesen am blütenreichsten sind. An den 15. August schloss sich außerdem der sogenannte Frauendreißiger an, die dreißig Tage bis zum 14. September, die als reich gesegnete Zeit für Kräuter, Wurzeln und die Ernte galten. Kräuter aus dieser Spanne galten als kräftiger. Ob sich Heilwirkungen tatsächlich nach dem Kalender richten, lässt sich nicht belegen, der Rhythmus aber hat Sinn: Mitte August stehen die meisten Arten in voller Blüte, und bis zum Viehscheid im September bleibt Zeit, den Vorrat zu trocknen.

Sieben, neun oder neunundneunzig Kräuter und was die Zahlen bedeuten

Die Sieben ist die heute verbreitetste Zahl und erinnert an die sieben Schöpfungstage und die sieben Sakramente, und sie lässt sich ohne Mühe auf einer Sommerwiese zusammenbekommen. Die Neun steht für die Dreifaltigkeit, dreimal drei, die Zwölf für die Apostel und die Stämme Israels. Die alte Angabe von siebenundsiebzig oder neunundneunzig Pflanzen ist eher als Hinweis auf Fülle zu verstehen, denn niemand findet auf einem Wiesenstreifen tatsächlich neunundneunzig verschiedene Arten, die gerade blühen. Festgehalten wird nur, dass die Zahl eine magische sein soll, ungerade und bedeutungsvoll.

Welche Arten hineinkommen, unterscheidet sich je nach Gegend und Höhenlage. In den Allgäuer Tälern wachsen andere Pflanzen als im Voralpenland, auf der Alpe fehlen manche Arten ganz. Wichtig sind vor allem jene, deren Heilwirkung bekannt ist. Eine typische Auswahl samt ihrer früheren Verwendung steht weiter unten im Abschnitt über den Heilwert.

Dass die Zahl überhaupt zählt, hat einen praktischen Grund. Beim Sammeln nach fester Zahl durchstreift der Sammler die Wiese nach Arten, statt einfach eine Handvoll Blumen abzureißen, und lernt dabei Pflanzen kennen, die sonst übersehen werden. Die Zählregel war in der Landbevölkerung damit zugleich Pflanzenkunde: Kinder wurden mit auf die Wiese genommen und lernten Namen, Standorte und Eigenschaften der Kräuter kennen, die sie den Rest des Jahres brauchten.

Die Königskerze in der Mitte und der Aufbau des Straußes

Beim Binden gilt eine einfache Statik. In die Mitte kommt die Königskerze, die mit ihrem hohen, fast mannshohen Blütenstand über alle anderen Pflanzen hinausragt. Um sie legen sich Schafgarbe, Johanniskraut und Kamille, außen folgen kleinere Blüten und Gräser. Garten- und Feldblumen dürfen dazukommen, ebenso ein paar Ähren, die an die Ernte erinnern. Zusammengehalten wird der Strauß mit Bast oder Schnur, häufig kommt ein farbiges Band darum.

Der Aufbau folgt einer Logik von innen nach außen. Die Königskerze gibt dem Strauß seine Höhe und sorgt dafür, dass er auch in einer Menge von Sträußen erkennbar bleibt. Zugleich ist die Königskerze die Pflanze, die von der Mitte aus die kräftigste Wirkung entfalten soll. Gebunden wird in Spiralen: Jedes neue Kraut wird schräg an den Stiel gelegt, nachdem es um eine Vierteldrehung gedreht wurde, so entsteht ein runder Strauß, bei dem alle Stiele an einer Stelle zusammenlaufen. Wichtig ist, nur die Blüten und obersten Blätter zu verwenden und die unteren Blätter am Stiel zu entfernen, weil sie unter der Schnur faulen würden. Am Vorabend gepflückt und über Nacht in kühles Wasser gestellt, hält der Buschen bis zum Morgen des Festes frisch.

Was nach der Weihe mit dem Buschen geschieht

Das Weihwasser macht aus dem Strauß einen Hausschutz. Daheim bekommt er einen festen Platz, meist im Herrgottswinkel, am Hauseingang oder auf dem Esstisch. Dort bleibt er hängen, bis er getrocknet ist, und danach beginnt seine zweite Laufbahn, denn getrocknete Kräuter wurden früher keineswegs weggeworfen. Getrocknet wanderten sie in Futter, Räucherwerk und Hausmittel.

Der Weg des Buschens durch das bäuerliche Jahr lässt sich in einzelne Verwendungen aufteilen. Manche Familien halten bis heute daran fest, andere nur noch an einzelnen Teilen. Unterschiedlich ist auch der Zeitpunkt des Austauschs, denn die Sorgfalt, mit der ein Strauß aufbewahrt wird, hängt vom Haus ab: Mancherorts wird der alte Strauß erst ersetzt, wenn der neue geweiht ist, sodass nie ein Jahr ohne Buschen im Haus vergeht. Die Weihe selbst findet je nach Pfarrei am Vorabend, nach der Frühmesse oder im Festgottesdienst statt, und die Sträuße werden dabei meist vor den Altar gelegt oder in der Hand gehalten, während der Priester durch die Reihen geht und mit dem Weihwedel segnet. Die wichtigsten Verwendungen im Überblick, wie sie in bäuerlichen Familien des Alpenraums überliefert sind:

  • Bei aufziehenden Gewittern kam der Buschen mit der Blüte nach unten in den Dachboden, als Schutz vor Blitzschlag, oder einzelne trockene Kräuter wurden ins Herdfeuer geworfen.
  • Vor dem Auftrieb auf die Alpe wurden Blätter und Blüten unter das Futter der Tiere gemischt, damit das Vieh gesund über den Sommer kam.
  • Zerrieben und auf Feldern verstreut, sollten die Kräuter für eine gute Ernte sorgen.
  • In den Rauhnächten räucherten Familien Haus und Stall mit den Kräutern, gemischt mit Weihrauch.
  • Unter dem Kopfkissen soll der Buschen Glück in Liebe und Kindersegen bringen.

Ein verblühter, alter Buschen wird nicht in den Müll gegeben, sondern verbrannt oder im Garten ausgestreut.

Was ein geweihter Strauß als Heilmittel taugt

Das Weihwasser verändert die Inhaltsstoffe nicht, ein geweihter Strauß hat also keine andere Wirkung als ein ungeweihter. Das ist kein Einwand gegen den Brauch, der ohnehin vom Segen und nicht vom Pharmakologischen lebt. Für Tee aus den getrockneten Kräutern gelten allerdings einige Einschränkungen. Kamille und Schafgarbe sind als milde Teekräuter bekannt, die Blüten der Königskerze werden seit Langem für Hustentee getrocknet. Johanniskraut dagegen ist als Arzneipflanze nicht harmlos, weil es die Wirkung mancher Medikamente abschwächen kann, darunter bestimmte Verhütungsmittel. Baldrianwurzeln stecken ohnehin selten im Strauß, weil sie im Boden bleiben.

PflanzeBlüht etwaTraditionelle Verwendung
KönigskerzeJuli bis SeptemberBlüten für Hustentee, Mittelpunkt des Straußes
JohanniskrautJuni bis AugustRotöl für die Haut, Tee
SchafgarbeJuni bis OktoberWundkraut, Bittertee
KamilleMai bis SeptemberTee bei Magenbeschwerden, Dampfbad
BaldrianJuni bis AugustWurzel für Beruhigungstee
DostJuli bis Septemberwilder Majoran, Würze und Tee

Wichtig ist auch der Standort der Pflanzen. Kräuter vom Straßenrand oder aus Wiesen, die gedüngt wurden, eignen sich weniger für Tee als Pflanzen von ungedüngten Böschungen und Magerwiesen. Zum Trocknen werden die Büschel kopfüber an einem luftigen, schattigen Ort aufgehängt, damit die Blüten nicht ausbleichen und die ätherischen Öle erhalten bleiben. Nach etwa zwei bis drei Wochen rascheln die Blätter, dann können sie abgezupft und in Papiertüten oder Gläsern aufbewahrt werden. Einen Jahresvorrat deckt ein einzelner Strauß allerdings nicht, er reicht für einige Tassen, und der Rest dient dem, wofür er gedacht ist: als Zeichen des Dankes für den Sommer.

Der Große Alpsee bei Immenstadt als Reiseziel im Oberallgäu

Drei Kilometer lang, knapp einen Kilometer breit und 23 Meter tief: Mit diesen Maßen liegt der Große Alpsee westlich von Immenstadt im Konstanzer Tal und gehört zu den größten Seen des Oberallgäus. Genau gemessen sind es 3,26 Kilometer Länge bei einer Fläche von 2,4 Quadratkilometern, das Ufer läuft über 8,1 Kilometer um das Wasser herum. Das klingt nach einem gewöhnlichen Voralpensee, und doch steckt in diesem Becken mehr Geschichte, als auf den ersten Blick zu erkennen ist: ein zweiter, kleinerer See im Wald, ein dritter als Rest eines früheren Ufers und ein Bach, der sich mit einem Dutzend Zuflüssen langsam in den See hineinschiebt.

Als Reiseziel hat der Große Alpsee eine Besonderheit, die ihn von Seen wie dem Bodensee unterscheidet. Er ist ein Landeigentum des Freistaats Bayern und wird von der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen betreut, also von derselben Stelle, die auch Schlösser wie Herrenchiemsee verwaltet. Dass ein Voralpensee als Staatsbesitz geführt wird, ist im Allgäu nicht selbstverständlich und prägt, wie das Ufer genutzt wird: mit wenigen großen Anlagen, dafür mit Badestellen, einem Campingplatz und einem Segelrevier.

Der See in Zahlen und was sie verraten

Die Zahlen lassen sich nachrechnen. Bei 2,4 Quadratkilometern Fläche und 3,26 Kilometern Länge ergibt sich eine mittlere Breite von rund 740 Metern, der See ist also schmaler, als der Blick vom Ufer vermuten lässt. Das Ufer misst 8,1 Kilometer. Ein Kreis mit gleicher Fläche käme auf einen Umfang von rund 5,5 Kilometern, das Ufer des Alpsees ist demnach um fast die Hälfte länger, weil das Becken lang gestreckt ist und die Verlandungsnasen der Bäche zusätzliche Buchten formen, sodass der Weg am Wasser länger wirkt, als die Karte vermuten lässt.

Die größte Tiefe von 23 Metern ist für einen Allgäuer See mittelgroß, doch sie genügt, damit das Wasser im Sommer geschichtet ist: oben warm, in der Tiefe kühl. Das umgebende Landschaftsschutzgebiet umfasst rund 827 Hektar und ist damit gut dreimal so groß wie der See selbst. Es greift auf die Hänge nördlich und südlich über, den Salmaser Höhenzug im Norden und die Nagelfluhkämme im Süden. Diese Gesteinsformation, ein Konglomerat aus Geröll, das in Jahrmillionen verbacken ist, bildet die Kulisse, die der Landschaft ihren Namen gegeben hat, den Naturpark Nagelfluhkette. Die Übersicht stellt die Gewässer und Schutzgebiete rund um den See nebeneinander.

Gewässer oder GebietFlächeEinordnung
Großer Alpseerund 250 HektarHauptsee im Konstanzer Tal
Kleiner Alpseeetwa 7,5 Hektarliegt in Immenstadt, von der Konstanzer Ach durchflossen
Teufelssee4,6 HektarRestgewässer am Westufer, Naturpark Nagelfluhkette
Schutzgebiet Großer Alpseerund 827 HektarLandschaftsschutzgebiet
Schutzgebiet Kleiner Alpseerund 67 HektarLandschaftsschutzgebiet

Nagelfluh, der Stein hinter dem Panorama

Südlich des Sees ziehen sich die Nagelfluhkämme hin, ein Höhenzug, der sich von Immenstadt bis in die Gegend von Oberstaufen erstreckt. Nagelfluh ist ein Konglomerat: Gerölle aus Kalk und anderen Gesteinen, die in Flüssen rund geschliffen wurden und später von einem Kalkzement zu einem festen Gestein verbacken sind. Auf angewitterten Felsflächen stehen die runden Steine hervor wie Nagelköpfe, daher stammt der Name, wobei Fluh ein altes Wort für Fels ist. Zwischen den Geröllen sitzen Lagen aus Sandstein und Mergel, die schneller verwittern als die harten Konglomeratbänke, und aus diesem Wechsel entstehen die Stufen und Rippen der Kämme.

Das Gestein erzählt von der Entstehung der Alpen. Als sich das Gebirge im Tertiär auftürmte, trugen Flüsse Schutt in das Vorland, und dieser Schutt wurde nach und nach von Sand und Schlamm überlagert und zu Stein. Ein Rest dieser Landschaft sind die Nagelfluhkämme, die heute wie eine Mauer über dem Alpsee stehen. Für den Besucher bedeutet das, dass die Berge hier weicher geformt wirken als die Kalkgipfel um Oberstdorf: runde Rücken, steile Gräben und überall Gerölle im Boden. Dass Naturpark und Schutzgebiet rund um den See auf dieses Gestein aufbauen, ist kein Zufall, denn der Untergrund bestimmt Quellen, Bäche und die Pflanzen am Hang.

Konstanzer Ach, Kleiner Alpsee und Teufelssee

Der wichtigste Zufluss ist die Konstanzer Ach. Hinzu kommen fast ein Dutzend Hangbäche von Norden und etwas weniger von Süden, und die größeren unter ihnen haben mit ihrem Geschiebe Landzungen von mehr als 150 Metern in den See geschoben. Dort, wo ein Bach in den See mündet, setzt sich Kies ab, und nach und nach entsteht ein Delta, das ins Wasser hineinwächst. Diese Landzungen zeigen, dass der See sich im Lauf der Zeit verändert und das Becken langsam kleiner wird.

Am Ostende verlässt die Konstanzer Ach den See, fließt durch Bühl am Alpsee und den Kleinen Alpsee und mündet in Immenstadt in die Iller. Der Kleine Alpsee misst etwa 7,5 Hektar, also kaum drei Prozent der Fläche des großen Nachbarn. Ein weiterer Rest liegt am Westufer: Der Teufelssee mit 4,6 Hektar befindet sich weniger als 200 Meter oberhalb des Ufers und gilt als Überbleibsel aus einer Zeit, in der der Große Alpsee noch weiter nach Westen reichte. Der Teufelssee gehört zum Naturpark Nagelfluhkette. Ob sein Name auf eine Sage zurückgeht, lässt sich nicht belegen, mehrere Seen im Alpenraum tragen diesen Namen, meist wegen ihrer Unzugänglichkeit oder Tiefe.

Segeln, Baden und eine Lädine

Auf dem See wird gesegelt. Vorherrschend sind westliche Winde, was ihn zu einem guten Revier macht, auch wenn sich Winde aus anderen Richtungen im Talkessel verwirbeln und die Windrichtung schnell wechseln kann. Dass westliche Winde so verlässlich sind, hat mit der Form des Beckens zu tun: Der See liegt in Ost West Richtung, ein Westwind weht also entlang der gesamten Länge von 3,26 Kilometern über das Wasser und baut eine gleichmäßige Welle auf, während Seitenwinde an den Hängen im Norden und Süden brechen. Der Segelclub Alpsee Immenstadt richtet mehrere Regatten im Jahr aus. Diese Unbeständigkeit erklärt, warum erfahrene Segler den See schätzen: Ein guter Kurs verlangt hier, den Wind tatsächlich zu lesen.

Seit 2003 fährt in der Sommersaison eine Lädine, ein traditioneller Lastensegler vom Bodensee, auf einstündigen Rundfahrten über den See. Das Schiff trägt den Namen Santa Maria Loreto, Fahrgäste erleben darauf eine Fortbewegungsart, die am Bodensee ihren Ursprung hat und im Allgäu eine Ausnahme bildet. Badestellen gibt es am Südwest-, Südost- und Ostufer, am Südost- und Ostufer liegt außerdem ein Campingplatz. Am Nordufer läuft die Bahnstrecke Buchloe Lindau entlang, was den See für Anreisende ohne Auto zugänglich macht: Der Bahnhof Immenstadt liegt nur wenige Kilometer entfernt.

Welche Art von Besuch passt zum Alpsee

Der See eignet sich für kurze und für lange Aufenthalte, und die Wahl hängt davon ab, was erwartet wird. Ruhe und Wasser finden sich an den Badestellen im Süden und Osten, für Bewegung lässt sich das Ufer umrunden oder die Hänge des Naturparks erwandern. Entscheidend sind einige Punkte, die vor dem Besuch geklärt werden sollten:

  • Die Bahn hält in Immenstadt, von dort sind es einige Kilometer zum Ufer. Ohne Auto wird diese Strecke zu Fuß, mit dem Rad oder per Bus eingeplant.
  • Die Badestellen liegen im Südwesten, Südosten und Osten, am Nordufer verläuft die Bahnlinie. Für ruhige Stunden eignen sich die Randzeiten am Morgen und Abend.
  • Segler und Surfer müssen mit schnell drehendem Wind rechnen, gerade bei Gewitterlagen im Sommer.
  • Die Rundfahrt mit der Lädine läuft nur in der Sommersaison, Fahrzeiten und Preise ändern sich und sollten vor Ort erfragt werden.
  • Der Teufelssee liegt abseits und zeigt, wie weit der See früher nach Westen gereicht haben dürfte.

Der Alpsee ist kein Ziel für Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinn, sondern für Landschaft, und diese Landschaft hat zwei Gesichter: Im Sommer Wasser, Wind und Boote, im Winter eine stille Fläche unter den Nagelfluhkämmen, an der die Bahn vorbeifährt. Vom Bahnhof Immenstadt führt der Weg zum Ufer über einige Kilometer, und ein längerer Aufenthalt lässt sich zwischen den Badestellen, dem Nordufer und den Hängen aufteilen, ohne dass das Ufer jemals verlassen werden müsste. Für Familien mit Kindern, für Segelinteressierte und für Wanderer in Richtung Naturpark ergeben sich jeweils andere Schwerpunkte, doch der See bleibt der Fixpunkt, an dem sich die Wege am Abend wieder treffen, wenn Segel und Badegäste das Wasser verlassen haben. Beides hat seinen Reiz, und beides lässt sich nutzen, ohne dass dafür mehr als ein Tag eingeplant werden muss.

Der Name Allgäu und was er bedeutet

Im Jahr 817 taucht der Name zum ersten Mal in einer Urkunde auf, und er sieht dort kaum nach Allgäu aus: Albigauge steht da, zusammen mit dem Ort Zell. Aus dieser Schreibweise stammt die verbreitete Annahme, der Name beschreibe schlicht ein Gebirgsland, ein Gau der Berge. Das klingt einleuchtend, wirkt aber glatter, als die Sprachgeschichte es hergibt. Denn die beiden Wortteile sind unterschiedlich gut belegt. Das erste Glied lässt sich weit zurückverfolgen, das zweite bleibt in seiner Herkunft bis heute umstritten. Und neben der Gau-Deutung kursiert eine zweite, die mit Bergen kaum etwas zu tun hat, sondern mit Wasser und Wiesen.

Hinzu kommt ein Umstand, der den Namen zusätzlich verwischt: Was als Allgäu gilt, hat sich im Lauf der Jahrhunderte mehrfach verschoben. Auf der Fahrt von Kempten nach Oberstdorf durchquert der Reisende eine Landschaft, die im Mittelalter zum Teil anders genannt wurde, während Gegenden weit im Norden zeitweise ebenfalls den Namen trugen. Der folgende Text geht der Reihe nach durch, woher die Annahmen stammen, was sich belegen lässt, wie der Name auf vier Landkreise verteilt ist und weshalb ausgerechnet Kempten den ältesten Ortsnamen der Gegend besitzt.

Der Gau der Berge und seine Schwachstelle

Die gängigste Erklärung zerlegt den Namen in Al und gäu. Das erste Glied wird auf das althochdeutsche Wort alb zurückgeführt, das Berg oder Bergweide bedeutete. Es steckt im Kern auch im Wort Alpe, mit dem die Sommerweiden im Gebirge bezeichnet werden, und es erklärt, warum der Name so gut zu einer Gegend mit Hochweiden passt. Das zweite Glied geht auf das mittelhochdeutsche göu zurück, das Gau, Landschaft oder Gegend meint. Zusammen ergäbe sich also eine Berglandschaft, ein Gebiet, in dem Almwirtschaft den Ton angibt.

Die Sache hat einen Haken, und der liegt im zweiten Teil. Die Herkunft des Wortes Gau ist selbst unsicher, die Sprachforschung kennt dafür keine gesicherte Wurzel. Die schöne Gleichung Berg plus Gegend steht damit auf einem Bein, das nur auf einer Seite fest sitzt. Dass sie so verbreitet ist, hat einen schlichten Grund: Die Deutung lässt sich in einem Satz erzählen und passt zum Bild, das Besucher von der Landschaft haben. Weil die Deutung so bequem ist, lohnt der Blick auf die zweite, die weniger bekannt ist.

Hier wird das Ende des Namens als Ge-Äu gelesen, gedacht als Sammelbegriff für mehrere Auen, ähnlich wie mehrere Berge ein Gebirge ergeben. Der Name bezeichnete dann nicht die Höhe, sondern das Wasser: eine Landschaft mit vielen feuchten Wiesen. Ein Blick in die Täler zwischen Immenstadt und Sonthofen zeigt schnell, dass auch das nicht aus der Luft gegriffen ist. Beide Deutungen stehen in der Fachliteratur nebeneinander, und keine hat sich durchgesetzt.

Was sich belegen lässt und was nicht

Gesichert ist die Schreibweise von 817, Albigauge, die sich später zu Albigoi wandelt. Gesichert ist auch die latinisierte Form Allgovia oder Algovia, die in mittelalterlichen Schriften vorkommt, wenn Mönche den Namen in ihre Sprache übertragen. Daraus lässt sich ableiten, dass der Anfang mit Alb beginnt, nicht mit einem Wort für alle. Die häufig gehörte Erklärung, das Allgäu sei das Land, das allen offensteht oder alle Gaue umfasst, findet in den frühen Schreibungen keinen Halt.

Unsicher bleibt, wie groß das Gebiet ursprünglich war. Der engste Kern entsprach dem früheren Alpgau und reichte etwa von Scheidegg bis Bad Hindelang. Oberstdorf, das heute als Herz des Oberallgäus gilt, liegt an dessen südwestlichem Rand oder je nach Grenzziehung schon dahinter. Das überrascht, wenn der Ort heute als Inbegriff der Region auftritt, hat aber Gründe in der Verwaltungsgeschichte, nicht in der Landschaft.

Noch weiter dehnte sich der Name nach dem Bauernkrieg im sechzehnten Jahrhundert. Damals wurde fast ganz Oberschwaben als Allgäu bezeichnet, bis weit hinein in Gegenden, die heute zu Baden-Württemberg gehören und kaum Berge besitzen. Der Name ist daher eher eine Marke für ein großes Gebiet als eine scharf begrenzte Landschaft, und das erklärt die Reibereien, wenn Ortsansässige über die Frage streiten, wo das Allgäu beginnt und wo es aufhört. Eine amtliche Grenze existiert nicht.

Vier Landkreise, ein Name

Die heutige Gliederung stammt zum größten Teil aus der Gebietsreform von 1972 und folgt Verwaltungsgrenzen, nicht Sprachgrenzen. Das Oberallgäu bildet den alpinen Kern mit den Allgäuer Alpen und ihrem Vorland. Der Landkreis entstand aus den früheren Landkreisen Kempten und Sonthofen. Das Ostallgäu wurde aus den früheren Landkreisen Kaufbeuren, Marktoberdorf und Füssen gebildet und umfasst das Alpenvorland entlang von Wertach und Lech. Das Westallgäu liegt größtenteils in Baden-Württemberg, mit Orten wie Isny, Wangen, Leutkirch, Argenbühl und Kißlegg.

Am meisten Verwirrung stiftet das Unterallgäu. Der Landkreis wurde 1972 geschaffen, trägt also den Namen Allgäu im Titel, reicht aber weit nach Mittelschwaben hinein. Als Unterland bezeichnete man früher nur den Bereich zwischen Immenstadt und Dietmannsried, das war ein schmaler Streifen. Rechnet man nach, wird das Missverhältnis deutlich: Von hundert Quadratkilometern Unterallgäu liegen nur rund zwei im Allgäu im engeren Sinn, die übrigen 98 gehören historisch zu anderen Landschaften.

Für Gäste ist das wichtig, weil Ortsangaben dadurch ungenau werden. Die Allgäuer Alpen, der Nebelhorn und die Breitachklamm liegen im Oberallgäu, die Königsschlösser bei Füssen im Ostallgäu. Beide Ziele am selben Tag zu erwarten, unterschätzt die Entfernung. Ein genauerer Umgang mit den vier Namen spart auf der Landkarte mehr Zeit, als es zunächst scheint. Die Wanderziele rund um den Hauptort beschreibt der Vergleich Wandern rund um Oberstdorf.

Kempten und der älteste Name der Gegend

Während der Name Allgäu erst 817 greifbar wird, ist Kempten rund 800 Jahre älter belegt. Der griechische Geograph Strabon nennt vor dem Jahr 18 nach Christus eine keltische Siedlung namens Kambodounon. Später heißt der Ort Cambodunum, und diese Form steht auf einem Grabstein des zweiten Jahrhunderts in Budapest, auf der Peutingerschen Tafel und in römischen Straßenverzeichnissen. Im achten und neunten Jahrhundert erscheint Campidona, 1263 erstmals die deutsche Form Kemptun, 1338 das heutige Kempten.

Die frühere Deutung, der Name gehe auf einen Personennamen Cambo zurück, gilt als überholt. Stattdessen wird er aus dem gallischen kambo gebildet, das Biegung, Bucht oder Halbinsel heißt, und aus dunon, das Festung bedeutet. Gemeint ist demnach eine Festung an einer Flussbiegung, was zur Lage an der Iller gut passt. Das Endstück dunum wandelte sich regelmäßig zu tun und ten, so wie aus anderen römischen Namen heutige Namen auf ten wurden.

Ein Vorbehalt bleibt, und der gehört zur ehrlichen Darstellung: Die Strabon-Stelle ist umstritten, weil einzelne Abschriften den Namen verderbt wiedergeben, und Archäologen haben bisher keinen belastbaren Beweis für eine große keltische Siedlung gefunden. Gut belegt ist dagegen die römische Stadt. Der Name selbst ist also älter als der Nachweis dessen, was er benannte.

Wo die Deutungen stimmen könnten

Der Blick zurück zeigt, dass sich der Name Allgäu mit einiger Sicherheit auf wenige Aussagen verengen lässt. Der Anfang Alb passt zu Berg und Weide, das Ende bleibt offen, und die Größe der Region hat sich über die Zeit stark verändert. Wo einzelne Deutungen plausibel bleiben, lässt sich in drei Punkten fassen:

  • Die Gleichung Alb plus Gau erklärt die frühen Schreibungen Albigauge und Albigoi am besten, auch wenn die Herkunft des zweiten Teils ungeklärt bleibt.
  • Die Deutung als Ge-Äu, also als Land der Auen, passt zur feuchten Wiesenlandschaft, ist aber sprachlich schwächer abgesichert.
  • Die Erklärung, der Name stehe für alle Gaue, lässt sich aus den frühen Quellen nicht ableiten und gehört in den Bereich der Volksdeutung.

Wie stark Namen im Allgäu Schichten tragen, zeigt auch die Sprache der Bewohner, die sich von Tal zu Tal unterscheidet. Davon erzählt der Beitrag Allgäuer Dialekt, der zeigt, warum es keinen einheitlichen gibt. Ein ernster Blick auf den Namen der Landschaft hinterlässt deshalb zwei Gedanken im Kopf: Er ist jünger als der Name Kempten, und er wurde über die Jahrhunderte weit größer gedacht, als die Karte heute vorgibt. Wie sich daraus eine Grenze ziehen ließe, bleibt Geschmackssache: Das Allgäu über die Milchwirtschaft zu bestimmen, führt weit nach Norden, der Maßstab Alpen hält die Grenze im Süden. Die Sprache liefert ein drittes Kriterium und die Verwaltung ein viertes. Jedes davon ergibt eine andere Landkarte, und keines davon hat mehr Recht als die übrigen. Genau darin liegt der Reiz des Namens, denn er hat sich nie auf eine einzige Linie festlegen lassen und wird deshalb weiter von Tal zu Tal etwas anders gebraucht.

Allgäuer Käsesuppe und wie sie cremig wird

Zehn Minuten länger gerührt, und aus der cremigen Käsesuppe wird eine Schüssel aus Fäden und Klumpen. Das ist der häufigste Fehler bei diesem Gericht, das schnell gekocht ist und trotzdem Aufmerksamkeit verlangt. Die Suppe besteht aus wenigen Zutaten: einer hellen Mehlschwitze, Brühe, Sahne, einem Schuss Wein und sehr viel Käse. Der Käse macht den Unterschied, denn seine Reife bestimmt Geschmack und Bindung. Mit 400 Gramm Bergkäse und 200 Gramm Emmentaler für vier Portionen trägt er die Suppe praktisch allein.

Das Rezept ist schnell erzählt und verlangt 15 bis 20 Minuten Zeit, es verzeiht aber kaum Hitze. Der Allgäuer Bergkäse und der Allgäuer Emmentaler tragen wie der Sennalpkäse und der Weißlacker die EU-Herkunftsbezeichnung g. U., sodass Herstellung und Verarbeitung in der Region stattfinden müssen. Mit anderem Käse gekocht, entsteht ein gutes Essen, aber nicht mehr die Rundung, die den Allgäuer Käse ausmacht. Eine Tasse davon wärmt an einem kalten Tag nach der Wanderung länger als jede Brühe, und die Zutaten stehen in jedem Vorratsschrank der Region bereit. Wie dieser Käse entsteht, erklärt So entsteht Allgäuer Bergkäse. Das Gegenstück aus Teig und Käse steht im Rezept der Kässpatzen.

Zutaten und Vorbereitung für vier Portionen

Vier Portionen als Hauptgericht oder sechs als Vorspeise ergeben sich aus diesen Mengen. Wichtiger als die Menge ist die Vorbereitung, denn die Suppe wird in Minuten gekocht und lässt dazwischen keine Zeit zum Reiben oder Schneiden. Alles steht deshalb vor dem Einschalten des Herds bereit.

  • 60 Gramm Butter
  • 40 Gramm Weizenmehl
  • 100 Milliliter Weißwein, ersatzweise ein regionales Bier
  • 400 Milliliter Sahne
  • 500 Milliliter Rinderkraftbrühe
  • 400 Gramm Allgäuer Bergkäse, neun Monate gereift
  • 200 Gramm Allgäuer Emmentaler
  • Schnittlauch, schwarzer Pfeffer, bei Bedarf Salz
  • Croutons oder geröstete Weißbrotwürfel zum Servieren

Der Käse wird fein gerieben, und zwar vollständig, bevor die Butter schmilzt. Grobe Raspeln lösen sich langsamer, und was länger im Topf bleibt, ballt eher zusammen. Neun Monate gereifter Bergkäse ist würzig, aber noch geschmeidig und schmilzt gleichmäßig. Älterer Käse bringt mehr Aroma, neigt aber dazu, schlechter zu binden, weil er trockener ist und beim Erhitzen leichter Fett abgibt. Der Emmentaler ist der milde Partner und sorgt für Cremigkeit. Beide Sorten zusammen ergeben 600 Gramm, also 150 Gramm Käse je Portion.

Brühe, Sahne und Wein werden abgemessen und griffbereit gestellt. Der Wein kann durch Bier ersetzt werden, das der Suppe eine herbere Note gibt. Das Brot für die Croutons wird in Würfel geschnitten und in einer Pfanne mit etwas Butter geröstet, bis es goldbraun ist. Beim Salz heißt es abwarten bis zum Schluss: Käse und Brühe bringen schon viel mit, und ein Nachwürzen am Ende ist gefahrlos, ein Abmildern dagegen nicht.

Welcher Käse in den Topf gehört

Vier Sorten tragen die geschützte Herkunftsangabe des Allgäus: Bergkäse, Emmentaler, Sennalpkäse und Weißlacker. Für die Suppe kommen die ersten beiden infrage, weil sie mild bis würzig schmelzen und eine gleichmäßige Bindung ergeben. Der Weißlacker ist ein kräftig riechender Käse und taugt höchstens als kleiner Zusatz, der Sennalpkäse stammt von den Sommeralpen und schmeckt aromatischer.

Beim Einkauf vor Ort bleibt die Wahl offen: Entlang der Allgäuer Käsestraße liegen Sennereien und Hofläden, in denen sich der Käse am Stück probieren und nach Reife auswählen lässt. Für die Suppe zählt weniger das Etikett als der Zustand des Stücks. Frisch angeschnitten, leicht elastisch und ohne trockene Kanten schmilzt er am besten, ein ausgetrockneter Rest hingegen bleibt im Topf körnig. Bei neun Monaten Reife findet sich das Gleichgewicht zwischen Würze und Schmelzverhalten.

Fertig geriebene Ware in Beuteln enthält meist Trennmittel, die ein glattes Schmelzen stören können. Auch das spricht dafür, den Käse selbst zu reiben, und zwar fein genug, dass die Raspeln schon in der Hand weich werden. Die 600 Gramm werden in drei Portionen eingerührt, jede erst nach dem Verschwinden der vorigen. Ein Stück am Stück bleibt außerdem länger frisch als abgepackte Mischungen und lässt sich nach dem Reiben in Folie wieder verschließen.

Der Ablauf von der Mehlschwitze bis zur Schüssel

  1. Die Butter bei mittlerer Hitze im Topf schmelzen lassen, das Mehl einrühren und zu einer hellen Mehlschwitze verrühren.
  2. Mit dem Wein ablöschen, nach und nach einrühren, bis keine Klumpen bleiben.
  3. Brühe und Sahne zugießen und kurz aufkochen lassen.
  4. Die Hitze auf kleine Stufe zurückschalten und den geriebenen Käse unter ständigem Rühren einrühren, in zwei oder drei Portionen.
  5. Köcheln lassen, bis der Käse geschmolzen ist und die Suppe cremig bindet; kleine Klümpchen sind normal.
  6. Mit Schnittlauch, Pfeffer und Croutons servieren.

Die Mehlschwitze soll hell bleiben. Sobald das Mehl in der Butter zu duften beginnt und leicht Farbe annimmt, ist der richtige Moment zum Ablöschen. Wird sie dunkel, schmeckt die Suppe nussig, aber sie verliert den milchigen Charakter, der zum Käse passt. Der Wein wird nur in kleinen Mengen eingegossen, damit die Schwitze nicht klumpt. Zischt es beim Ablöschen laut, war der Topf zu heiß, und die Hitze kommt kurz zurück. Brühe und Sahne dürfen anschließend kräftig einkochen, denn die Flüssigkeit wird nach dem Käse nicht mehr aufgefüllt. Nach etwa vier Minuten bildet sich an der Oberfläche ein dünner Film, der die Sahne anzeigt, und dann ist der Moment für den Käse gekommen. Wird er früher zugegeben, schmilzt er zwar ebenfalls, aber die Suppe hat noch nicht genug Bindung, um ihn aufzunehmen.

Beim Käse entscheidet die Geduld. Er wird in Portionen untergerührt, jede erst dann, wenn die vorige verschwunden ist. Der Topf steht dabei auf kleiner Stufe und nicht auf dem stärksten Feuer. Kocht die Suppe wild, trennen sich Fett und Eiweiß des Käses, und die Suppe wird körnig. Ein Schneebesen oder ein Holzlöffel mit flacher Kante erreicht den Topfboden besser als ein Löffel.

Zeiten, Hitze und Erkennungszeichen

Die Dauer der einzelnen Schritte hängt vom Herd, vom Topf und vom Käse ab. Ein dickwandiger Topf hält die Wärme länger und verlangt, den Herd früher herunterzuschalten, während ein dünner schneller reagiert, aber auch schneller überhitzt. Reibt sich der Käse nicht fein genug, verlängert sich der Käseschritt um mehrere Minuten, und genau dort entscheidet sich, ob die Suppe glatt wird. Die Tabelle fasst Richtwerte zusammen, mit denen die Gesamtzeit von rund 17 Minuten erreicht wird.

SchrittHitze und ZeitErkennungszeichen
Mehlschwitzemittel, etwa 2 MinutenMehl duftet, bleibt hell
Ablöschen mit Weinmittel, etwa 1 Minuteglatte Masse ohne Klumpen
Brühe und Sahnemittel, etwa 4 Minutenleichtes Aufkochen, dünner Film
Käse einrührenklein, etwa 8 MinutenKäse verschwindet, Suppe wird cremig
Ziehen lassenaus, etwa 2 MinutenOberfläche glatt, keine Fäden

Für mehr als vier Portionen wird mit einem Faktor gerechnet. Für sechs Portionen gilt das Eineinhalbfache: 90 Gramm Butter, 60 Gramm Mehl, 150 Milliliter Wein, 600 Milliliter Sahne, 750 Milliliter Brühe, 600 Gramm Bergkäse und 300 Gramm Emmentaler. Die Zeit wächst dabei kaum, nur der Käse braucht im größeren Topf etwas länger zum Schmelzen. Für zwei Portionen reicht die Hälfte, wobei sich 20 Gramm Mehl schlecht abwiegen lassen und ein gehäufter Esslöffel genügt. Beim Vergrößern bleibt nur der Topf ein Thema: Er braucht eine größere Fläche, damit die Hitze gleichmäßig verteilt wird und der Käse nicht am Rand ansetzt. Die Gesamtzeit bleibt dennoch nahe bei 17 Minuten, weil Mehlschwitze und Aufkochen kaum länger dauern.

Typische Fehler und wie sie sich vermeiden lassen

Der erste Fehler ist die Hitze. Bei zu viel Hitze gibt Käse Fett ab und wird fadenziehend, und ein Aufkochen nach dem Einrühren zerstört die cremige Bindung. Muss die Suppe warmbleiben, kommt sie vom Herd und rührt vor dem Servieren kurz durch. Aufwärmen am nächsten Tag gelingt nur bei kleiner Hitze und mit einem Schuss Milch.

Abwandlungen ändern am Grundablauf nichts, solange die Hitze klein bleibt:

  • Bier statt Wein gibt eine herbere Note und passt zu Bergkäse.
  • Ein Teil Sennalpkäse im Mix macht die Suppe aromatischer und würziger.
  • Geröstete Zwiebelringe statt Croutons bringen eine süßliche Knusprigkeit.

Der zweite Fehler ist zu viel Salz. Der gereifte Bergkäse ist von sich aus kräftig im Geschmack, und Rinderkraftbrühe aus dem Glas ebenfalls. Gewürzt wird deshalb erst nach der Käsezugabe, und zwar mit Pfeffer. Der dritte Fehler betrifft das Mehl: Fehlt es oder wird es zu spärlich dosiert, fließt die Suppe dünn, und der geschmolzene Käse setzt sich am Boden ab. Mit 40 Gramm Mehl auf 1000 Milliliter Flüssigkeit bleibt die Suppe sämig, ohne mehlig zu schmecken.

Gereicht wird die Suppe mit Croutons und Schnittlauch serviert, und zwar sofort, solange die Oberfläche glatt ist. Ein Löffel geröstete Zwiebeln passt als Beilage dazu. Als Hauptgericht passt ein Stück kräftiges Brot, als Vorspeise genügt eine kleine Tasse. Mit den Kässpatzen verbindet die Suppe ein Gedanke: aus wenigen Zutaten und viel Käse eine ganze Mahlzeit zu machen.