Was kaum jemand über Oberstdorf weiß

Der südlichste ganzjährig bewohnte Ort Deutschlands besteht heute aus einem einzigen bewohnten Haus, einem Berggasthof im Stillachtal. Solche Einzelheiten liegen in Oberstdorf an vielen Stellen versteckt: Hinter bekannten Namen stehen Tatsachen, die in keinem Prospekt vorkommen. Der Mann, nach dem die Skiflugschanze benannt ist, baute die Sprunganlagen für gleich fünf Olympische Winterspiele. Der Aufzug an der Schanze fährt nicht senkrecht, sondern schräg hinauf, und ein Sturz von 1970 ging als Sinnbild der Niederlage durch die Fernsehsender der Welt.

Oberstdorf zählt rund 9.300 Einwohner und wird gern an Zahlen gemessen, an Gipfelhöhen, Sprungweiten und Gehzeiten. Hinter diesen Werten stehen Menschen und Entscheidungen, die den Ort geformt haben. Jahreszahlen, Höhen und Wege lassen sich prüfen, und sie zeichnen das Bild einer Gemeinde, die mehr enthält als Postkartenmotive. Manche Fakten stehen in keiner Zeitleiste, weil sie zu klein sind, andere sind so groß, dass sie auf Plakaten stehen und trotzdem kaum jemand bemerkt, was sie bedeuten. Die vier Schauplätze, um die es hier geht, liegen alle in derselben Gemeinde, und keiner steht für eine Rangfolge, denn jede Geschichte lässt sich für sich erzählen.

Einödsbach, der Weiler am Ende der Straße

Rund zehn Kilometer südlich des Ortskerns, im Stillachtal, liegt Einödsbach. Die Höhe liegt bei gut 1.100 Metern, genaue Angaben schwanken von Quelle zu Quelle. Für einen Ort mit Dauerbewohnern ist das eine Höhe, auf der der Winter früh beginnt und spät endet. Früher standen dort drei Häuser, die das ganze Jahr bewohnt waren, und in der Katharinenkapelle fanden regelmäßig Gottesdienste statt, heute ist es still geworden, denn nur der Berggasthof ist noch bewohnt. Die Geschichte des Weilers lässt sich in wenigen Daten zusammenfassen, die bei einer Handvoll Häusern erstaunlich klingen.

  • Anfang des 16. Jahrhunderts erstmals schriftlich erwähnt, damals drei Häuser und eine Kapelle
  • 1808 selbstständige Gemeinde
  • Heute ist nur noch der Berggasthof bewohnt
  • Der Gasthof ist seit rund 150 Jahren in Familienbesitz

Der Weg dorthin gehört zur Besonderheit, denn wer nach Einödsbach will, muss den Motor abstellen und gehen. Autos enden am Parkplatz der Fellhornbahn, von dort fährt ein Bus nach Birgsau, und den Rest erledigen Besucher zu Fuß: Etwa eine Stunde dauert der Marsch durch das Stillachtal. Von Einödsbach führen Wege weiter durch das Bacherloch zum Waltenberger Haus auf 2.084 Metern, die Wanderung dauert rund dreieinhalb Stunden. Bei einem Höhenunterschied von knapp 1.000 Metern ergibt das einen Anstieg von etwas weniger als 280 Metern in der Stunde, denn 971 geteilt durch 3,5 ergibt diesen Wert.

Heini Klopfer, der Mann hinter den Schanzen

Auf dem Schild der Skiflugschanze steht ein Name, den nur wenige einordnen können. Heinrich Klopfer wurde am 3. April 1918 geboren und starb am 18. November 1968 in Oberstdorf, er wurde also 50 Jahre alt. Als Skispringer scheiterte er mit 17 Jahren an der Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 1936. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete er mit Sepp Weiler und Toni Brutscher das Oberstdorf Jumping Trio und wandte sich dem Schanzenbau zu. Als Architekt entwarf oder beriet er bei mehr als 250 Schanzen und gestaltete die Rekonstruktion der Holmenkollbakken in Oslo, der traditionsreichen Schanze der norwegischen Hauptstadt.

Am meisten fällt auf, wie viele Spiele Klopfer begleitete: Er entwarf alle Olympiaschanzen von 1960 bis 1976, das sind die Winterspiele von 1960, 1964, 1968, 1972 und 1976, also fünf Stück in 16 Jahren. Beim Internationalen Skiverband war er technischer Kommissar für Skispringen, und die Skiflugschanze in Oberstdorf trägt seit 1970 seinen Namen, zwei Jahre nach seinem Tod. Ein Architekt, der fünf Olympiaden mit Schanzen versorgte, prägte ein Vierteljahrhundert des Skisports, vom Wiederaufbau nach 1945 bis zu den Spielen der Siebzigerjahre. Wie stark er das Skispringen formte, zeigt sich weniger in Preisen als in Anlagen, die bis heute genutzt werden.

Der Schrägaufzug und ein Sturz mit Folgen

Die Skiflugschanze hat eine Eigenheit, die auf Fotos leicht untergeht: Ein diagonales Aufzugssystem führt Besucher bis zur Spitze der Anlage. Die Fahrt verläuft also nicht senkrecht wie in einem gewöhnlichen Lift, sondern schräg den Hang hinauf. Von Oberstdorf aus sind es etwa sieben Kilometer bis zur Anlage, und die schräge Fahrt vermittelt vom ersten Meter an, wie steil eine Schanze gebaut ist. Der Blick von oben zeigt, wie lang der Weg vom Absprung bis zum Aufsprung wirkt, auch wenn Springer ihn in wenigen Sekunden zurücklegen.

Zur Geschichte der Schanze gehört außerdem ein Sturz, den ein Millionenpublikum kennt, ohne zu wissen, wo er geschah. 1970 stürzte der Springer Vinko Bogataj bei einem Sprung, und die Aufnahmen liefen in der amerikanischen Sendung Wide World of Sports unter dem Titel The Agony of Defeat, was sich mit Qual der Niederlage übersetzen lässt. Der Titel wurde zu einem feststehenden Begriff für das Scheitern im Sport. Das Jahr 1970 ist zugleich das Jahr, in dem die Anlage den Namen von Heini Klopfer erhielt, und beide Ereignisse hängen so in der Geschichte der Schanze eng beieinander.

Eis, Sommer und der Schrofenpass

Der Eindruck vom reinen Schneeort übersieht, dass im Eiskunstlaufzentrum das ganze Jahr gearbeitet wird. Die Nebelhorn Trophy, ein jährlicher Wettbewerb im Eiskunstlauf, trägt den Namen des Berges über dem Ort in die Welt. Im Mai findet in Oberstdorf einer der beiden Wettbewerbe der Internationalen Eislaufunion für Erwachsene statt, bei denen die Teilnehmer mindestens 28 Jahre alt sein müssen. Ein Bergort, der im Frühjahr einen Wettkampf für Erwachsene ausrichtet, passt schlecht zum Bild vom reinen Winterort und gut zu einer Gemeinde, die ihre Termine über das ganze Jahr verteilt. Das Eis liegt unter Dach, die Termine liegen dort, wo draußen noch Schnee liegt oder bereits Wiesen grünen.

Auch für Radfahrer ist Oberstdorf ein Ausgangspunkt: Mountainbiker starten hier ihre Transalp-Tour über den Schrofenpass. Einödsbach, Schanze und Eisbahn liegen damit in derselben Gemeinde, in der auch die Radfahrer aufbrechen, und die Radroute beginnt in einem Ort, der zugleich Schauplatz von Weltcup und Tournee ist. Der Ort ist größer, als ein einzelnes Bild zeigen kann, und seine Überraschungen liegen häufig nur wenige Kilometer vom Marktplatz entfernt, auf einem Weg, einem Aufzug oder einer Eisfläche. Die Gegend im Sommer, im Winter und im Frühjahr zu erleben, zeigt jedes Mal ein anderes Oberstdorf.

Warum Oberstdorf als Wintersportort so bekannt wurde

Kaum ein anderer Ort in Deutschland vereint eine Tournee-Schanze, eine Skiflugschanze und ein Zentrum für Eiskunstlauf an einer Stelle, und genau darin liegt die kürzeste Antwort auf die Frage, wie ein Ort mit rund 9.300 Einwohnern zum Begriff werden konnte. Jeweils im Dezember vor Neujahr findet auf der Schattenbergschanze, einer Großschanze, der erste Teil der Vierschanzentournee statt. Dazu kamen drei Nordische Ski-Weltmeisterschaften in den Jahren 1987, 2005 und 2021, mehrere Etappen der Tour de Ski und drei Junioren-Weltmeisterschaften im Eiskunstlauf.

Bekannt wurde Oberstdorf damit über Bilder, die Jahr für Jahr in Fernsehen und Zeitungen auftauchen: Springer im Flug über dem Schanzentisch, Läufer im Schnee, Eiskunstläufer auf der Bahn. Der Begriff Bekanntheit lässt sich dabei an drei Dingen festmachen: an Terminen, an Anlagen und an Bildern. Keines dieser Ereignisse allein hätte den Namen so verbreitet, erst die Mischung aus mehreren Sportarten mit regelmäßigen Terminen hat ihn zu einem festen Begriff gemacht. Wie diese Mischung aufgebaut ist, welche Grenzen der Winterruf hat, wie sich die Häufigkeit der Großereignisse berechnen lässt und warum die Anlagen stetig wachsen, behandeln die folgenden Abschnitte der Reihe nach.

Drei Bühnen auf engem Raum

Die erste Bühne ist die Schattenbergschanze, die als Großschanze den Auftakt der Vierschanzentournee ausrichtet. Weil das Springen jedes Jahr vor Neujahr stattfindet, bildet es einen festen Punkt im Kalender, auf den Fans, Springer und Veranstalter zuarbeiten, weil hier die Tournee beginnt. Die zweite Bühne liegt rund sieben Kilometer südlich des Ortes: die Heini-Klopfer-Skiflugschanze, eine von nur fünf Anlagen weltweit, auf denen Skifliegen möglich ist. Der Hillrekord steht bei 242,5 Metern, aufgestellt von Domen Prevc am 20. März 2022 im Weltcup.

Die dritte Bühne ist die Eisfläche. Das Eiskunstlaufzentrum verfügt über drei überdachte Eisbahnen und gilt unter europäischen Läufern als beliebtes Trainingsziel, und Oberstdorf war Gastgeber von drei Junioren-Weltmeisterschaften, 1982, 2000 und 2007. Zwölf Mal fanden außerdem die Deutschen Meisterschaften im Eiskunstlauf hier statt. Wintersport im Freien, auf der Schanze und auf dem Eis: Diese Schauplätze liegen in einer einzigen Gemeinde, und jeder bringt eigene Zuschauer mit, die den Namen des Ortes in ihren Kreisen weitertragen. Hinzu kommt die Tour de Ski, von der mehrere Etappen in Oberstdorf stattfanden, und all diese Termine ergeben zusammen ein Jahresprogramm im Winter, das weit über einen einzelnen Wettkampf hinausgeht.

Wo der Ruf des Winters an Grenzen stößt

Die Winterbilder erzählen nur einen Teil der Geschichte. Ein Ort, der vor allem als Sportstätte bekannt ist, muss im Sommer anders auftreten, und das gelingt Oberstdorf mit Bergen, Tälern und Wanderwegen. Wie hoch die Gipfel über dem Ort aufragen, rechnet der Beitrag über Oberstdorf als südlichstes Reiseziel Deutschlands vor, und die Schlucht der Breitach beschreibt der Text über die Breitachklamm bei Oberstdorf. Auch ohne Wettkampf finden Besucher also Gründe für eine Reise. Ein Ort mit so engem Winterprofil muss die übrigen Monate eigens füllen, und ohne Bahnen, Wege und Täler bliebe von Mai bis Oktober wenig, was Gäste anzieht und länger im Ort hält.

  • Der Tournee-Auftakt dauert nur wenige Tage im Jahr, danach ziehen die Springer weiter
  • Die Skiflugschanze steht außerhalb des Ortskerns, etwa sieben Kilometer entfernt
  • Die Weltmeisterschaften folgen im Abstand von 16 bis 18 Jahren, dazwischen tragen Weltcup und Tournee den Namen
  • Im Sommer fehlen Wettbewerbe dieser Größe, dann tragen Wandern und Bergbahnen den Ruf

Dass der Ruf im Sommer von anderen Dingen getragen wird, zeigen die drei Bahnen des Ortes: die Nebelhornbahn, die auf einen Gipfel von 2.224 Metern führt, die Fellhornbahn mit einer Mittelstation am Schlappoldsee und die Söllereckbahn bei Kornau. Auf den Wegen darunter beginnen Touren, die der Beitrag über das Wandern rund um Oberstdorf in fünf Beispielen vergleicht. Der Winter liefert die Schlagzeilen, der Sommer die Ruhe, und beide Jahreszeiten zusammen halten den Namen im Gespräch.

Sechs Großereignisse in 39 Jahren

Wie dicht die Folge der Ereignisse ist, lässt sich einfach errechnen. Zählt man die sechs Weltmeisterschaften zusammen, die Oberstdorf seit 1982 ausgerichtet hat, ergibt sich ein Rhythmus, der zeigt, dass der Ort nie lange aus den Sportberichten verschwand. Dabei sind die Tournee-Auftakte jedes Jahres und die Weltcup-Wettbewerbe noch gar nicht eingerechnet, weil sie sich ohnehin Jahr für Jahr wiederholen und den Durchschnitt weiter verdichten würden.

  1. Großereignisse auflisten: Eiskunstlauf Junioren 1982, 2000, 2007 und Nordische Ski-Weltmeisterschaften 1987, 2005, 2021
  2. Zeitspanne bestimmen: von 1982 bis 2021 sind es 39 Jahre
  3. Zahl der Ereignisse zählen: sechs
  4. Teilen: 39 geteilt durch 6 ergibt 6,5 Jahre im Durchschnitt zwischen zwei Ereignissen

Ein Blick auf die Weltmeisterschaften im Nordischen Skisport zeigt einen gleichmäßigeren Abstand: Von 1987 bis 2005 vergingen 18 Jahre, von 2005 bis 2021 nur 16. Ein Veranstalter, der alle 16 bis 18 Jahre eine Weltmeisterschaft ausrichtet, hat Anlagen, die laufend modernisiert werden müssen, und Zuschauer, die bei jeder neuen Austragung auf vertrautes Terrain treffen. Auch das trägt zur Bekanntheit bei, denn wer den Ort einmal im Fernsehen gesehen hat, erkennt ihn Jahre später wieder. Seit der letzten Weltmeisterschaft von 2021 sind im Jahr 2026 fünf Jahre vergangen. Rechnet man die jährlichen Tournee-Auftakte hinzu, kommen in der Spanne von 1982 bis 2021 etwa 40 weitere Wettkämpfe zusammen, auf jedes der sechs Großereignisse also im Schnitt mehr als sechs reguläre Springen.

Warum Schanzen wachsen und Namen bleiben

Dass Oberstdorf als Wintersportort im Gedächtnis bleibt, hat auch mit der Technik zu tun, die ständig mitwächst. Die Skiflugschanze begann 1950 als Holzschanze, die heutige Anlage stammt aus den Jahren 1972 und 1973. Danach wurde sie mehrfach umgebaut, 1997, 2007 und zuletzt 2016 und 2017. Frühere Fassungen kamen auf Kritische Punkte von 144, 165, 182 und 185 Metern, die heutige liegt bei 200 Metern. Das sind 56 Meter mehr als bei der kleinsten der genannten Fassungen, gerechnet 200 minus 144, also ein Plus von knapp 39 Prozent.

Beim letzten Umbau wurde der Absprung um sieben Meter nach hinten und fünf Meter nach oben verlegt, die Hillsize liegt heute bei 235 Metern. Der Rekord von 242,5 Metern liegt 42,5 Meter hinter dem Kritischen Punkt von 200 Metern, und er zeigt, wie weit sich die Technik von der Holzschanze der Anfangsjahre entfernt hat. Die Anfänge stehen im Beitrag zur Geschichte Oberstdorfs von 1141 bis zum Kurort, der 1950 als Jahr des ersten Sprungs nennt. Dass ein Ort diese Entwicklung über sieben Jahrzehnte begleitet, macht ihn für Veranstalter verlässlich. Die Bilder aus Oberstdorf zeigen jedes Mal Anlagen, die dem Stand der Zeit entsprechen.

So entsteht Allgäuer Bergkäse Schritt für Schritt

Ein Laib Allgäuer Bergkäse wiegt zwischen 15 und 50 Kilogramm, und seine Herstellung beginnt mit einer Grenze, die sich leicht übersehen lässt: Die Milch darf vor dem Zusatz des Labs nicht über 40 Grad erwärmt werden. Alles Weitere folgt Schritt für Schritt einem Rhythmus, der sich über Generationen eingespielt hat, vom Rühren des Bruchs über das Pressen bis zur Reife im Keller. Der Name ist als geschützte Ursprungsbezeichnung (g.U.) eingetragen, und die zugehörige Beschreibung legt fest, was im Laib stecken muss. Dazu zählen eine Reifezeit von mindestens vier Monaten, ein Trockenmassegehalt von mindestens 62 Prozent und die Vollfettstufe mit 45 bis 49 Prozent Fett.

Im Regal treffen Käufer auf zwei verwandte Namen, die beide aus dem Allgäu stammen: Bergkäse und Sennalpkäse. Beide sind Hartkäse aus Rohmilch, beide reifen als runde Laibe mit Rinde, doch sie entstehen an verschiedenen Orten und nach verschiedenen Vorgaben. Die Schritte im Kupferkessel, die dieser Text nachzeichnet, sind für den Sennalpkäse sehr genau beschrieben, weil dort jeder Handgriff vor Ort geschieht. Der Weg von der Milch zum Laib lässt sich damit gut nachvollziehen, und die Zahlen zeigen, wie viel Genauigkeit in einem Stück Käse steckt, das auf dem Brett schlicht aussieht.

Vom Kupferkessel bis zur Presse

Die Beschreibung des Sennalpkäses hält die Handgriffe im Kessel in Zahlen fest. Der erste Wert ist die Wärme: Die Milch wird auf etwa 32 Grad gebracht, danach gerinnt sie mit Lab in 30 bis 60 Minuten. Aus der geronnenen Masse entsteht der Bruch, der ein bis zwei Stunden gerührt und dabei weiter erhitzt wird. Die Endtemperatur liegt zwischen 47 und 53 Grad, beim Brennen sind es mindestens 52 Grad. Für das Lab sind Naturlab und Milchsäurekulturen erlaubt, gentechnisch gewonnenes Kälberlab ist es nicht. Das Pressen im Holzdeckel und das mehrfache Wenden formen den Laib und treiben Molke aus dem Teig.

  1. Milch im Kupferkessel auf etwa 32 Grad erwärmen
  2. Lab zugeben und 30 bis 60 Minuten gerinnen lassen
  3. Bruch ein bis zwei Stunden rühren und auf 47 bis 53 Grad erhitzen
  4. Bruch im Tuch in die runde Form heben und etwa 2 Minuten mit der flachen Hand drücken
  5. Mit Holzdeckel pressen, nach etwa 10 Minuten zum ersten Mal wenden
  6. Am selben Tag drei bis sechs Mal wenden, jedes Mal mit frischem Tuch
  7. Am Folgetag bis zu drei Tage ins Salzbad legen

Aus diesen Angaben lässt sich ein Tempo errechnen. Vom Erwärmen bei 32 Grad bis zur Endtemperatur von 47 bis 53 Grad liegen 15 bis 21 Grad Unterschied. Verteilt auf ein bis zwei Stunden steigt die Temperatur im Kessel um 0,125 Grad je Minute im langsamsten und 0,35 Grad je Minute im schnellsten Fall, denn 15 geteilt durch 120 und 21 geteilt durch 60 ergeben diese Werte. Das Rühren und das Erhitzen müssen also im Gleichschritt laufen, und der Senn stellt die Hitze unter dem Kessel auf die Milch ein.

Bergkäse und Sennalpkäse im Unterschied

Der Bergkäse entsteht in Käsereien innerhalb eines weit gezogenen Gebiets: Es umfasst die Landkreise Lindau, Oberallgäu, Ostallgäu, Unterallgäu, Ravensburg und den Bodenseekreis sowie die Städte Kaufbeuren, Kempten und Memmingen. Die Milch ist roh und stammt aus diesem Gebiet. Für das Erwärmen vor dem Labzusatz gilt die Obergrenze von 40 Grad, und der Käse reift mindestens vier Monate. Die Beschreibung spricht von Käsereimilch, die nach den Regeln der Milchlieferung für Emmentaler Käsereien gesammelt wird. Die Löcher im Teig sind erbsengroß und sitzen spärlich bis gelegentlich.

Der Sennalpkäse dagegen darf nur auf Sennalpen in den Landkreisen Ostallgäu, Oberallgäu und Lindau entstehen, auf Alpen oberhalb von 800 Metern. Er wird handwerklich hergestellt, die Milch stammt von Braunvieh oder Kreuzungen und kommt ausschließlich von der eigenen Alpe, morgens und abends gemolken. Produziert wird nur in der Weidesaison zwischen Mai und Oktober, also in höchstens 180 Tagen, und die Tiere stehen mindestens 80 Tage oben. Heu ist erlaubt, Silage und Gärheu sind es nicht. Das Gebiet ist deutlich kleiner als beim Bergkäse. Wie eine solche Alpe aussieht und wer dort arbeitet, beschreibt der Artikel über das Leben der Älpler auf einer Allgäuer Sennalpe.

Zahlen aus den Beschreibungen im Vergleich

Bergkäse und Sennalpkäse folgen bei Gewicht, Reifung und Zusammensetzung ähnlichen Grundsätzen, aber nicht denselben Werten. Der Bergkäse ist der schwerere und länger gereifte Laib, der Sennalpkäse bleibt leichter und reift je nach Gewicht drei oder vier Monate. Beim Sennalpkäse hängt der Mindestgehalt an Trockenmasse vom Alter ab: Junger Käse von 5 bis 15 Kilogramm kommt nach drei Monaten auf mindestens 55 Prozent, gereifter Käse über 15 Kilogramm nach vier Monaten auf mindestens 62 Prozent. Der Laib selbst hat bei 30 bis 70 Zentimetern Durchmesser eine Höhe von bis zu 15 Zentimetern. Beim Bergkäse fällt auf, dass die Beschreibung die Vollfettstufe mit einer Spanne von 45 bis 49 Prozent nennt, beim Sennalpkäse dagegen nur einen Mindestwert. Die Zahlen unten stellen beide Käse nebeneinander, damit sich Gewicht, Reife und Inhalt auf einen Blick vergleichen lassen.

AngabeAllgäuer BergkäseAllgäuer Sennalpkäse
Laibgewicht15 bis 50 kg5 bis 35 kg
Reifezeitmindestens 4 Monate3 Monate bis 15 kg, 4 Monate darüber
Trockenmassemindestens 62 %mindestens 55 % jung, 62 % gereift
FettVollfettstufe, 45 bis 49 %mindestens 45 % in der Trockenmasse
HerstellungsortKäserei im Allgäu und UmlandSennalpe ab 800 m

Ein Rechenbeispiel macht die Werte greifbar. Ein gereifter Laib von 20 Kilogramm enthält bei 62 Prozent Trockenmasse mindestens 12,4 Kilogramm feste Bestandteile, denn 20 mal 0,62 ergibt diesen Wert. Der Rest, höchstens 7,6 Kilogramm, ist Wasser. Von der Trockenmasse müssen mindestens 45 Prozent Fett sein, also 12,4 mal 0,45 gleich 5,58 Kilogramm. Ein einziger Laib trägt damit gut fünfeinhalb Kilogramm Milchfett in sich. Bei einem schweren Laib von 35 Kilogramm, dem Höchstgewicht des Sennalpkäses, wären es bei denselben Mindestwerten 35 mal 0,62 mal 0,45, also rund 9,8 Kilogramm Fett.

Wie lange ein Laib im Keller liegt

Nach dem Salzbad zieht der Käse in den Keller um. Für den Sennalpkäse ist ein kühler Keller mit zehn bis fünfzehn Grad und hoher Luftfeuchtigkeit vorgeschrieben. Die Laibe werden regelmäßig gewaschen, gepflegt und mit Salzwasser abgerieben, damit sich eine feste Rinde bildet. Rotschmiere-Kulturen sind erlaubt, andere Zusätze außer Salz nicht. Mit jeder Woche im Keller wird die Rinde fester, der Teig verliert Wasser und der Geschmack gewinnt an Kraft. Die Kellerarbeit gehört zu den Aufgaben, die kaum jemand mitbekommt: Während der Bruch im Kessel Aufmerksamkeit verlangt, verlangt der Laib im Keller Geduld und tägliche Pflege.

Die Reifezeit entscheidet, wann ein Käse auf den Tisch kommt. Wird Anfang Juni auf der Alpe gekäst und vier Monate gereift, steht Anfang Oktober ein vollreifer Laib bereit, gerade rechtzeitig zum Abtrieb, den der Beitrag über den Viehscheid im Allgäu beschreibt. Ein Käse vom Spätsommer reift dagegen im Winter im Keller weiter, und die Älpler verkaufen ihn später. Wie lange ein Laib am Ende reift, hängt also vom Gewicht, vom Keller und vom Kalender ab. Die Mindestwerte aus den Beschreibungen, vier Monate für schwere und drei Monate für leichtere Laibe, bilden die Untergrenze, nach oben ist Platz.

Das Leben der Älpler auf einer Allgäuer Sennalpe

Von unten betrachtet wirkt eine Sennalpe wie eine Hütte mit Kühen davor, und genau dieser Eindruck täuscht. Dahinter arbeitet ein kleiner Betrieb, der in wenigen Sommermonaten Milch gewinnt, Käse kocht, Butter rührt, Weiden pflegt und Tiere betreut. Auf den Alpen der Hörnerdörfer im Oberallgäu beginnt die Sömmerung in den tieferen Lagen schon Mitte Mai, auf den höheren Alpen meist erst im Juni, wenn der Schnee verschwunden ist und das Gras hoch genug steht. Bis zum Viehscheid im Herbst vergehen rund 100 Tage Arbeit, und der Tag der Heimkehr, den das Dorf feiert, ist nur das Ende dieser langen Zeit.

Die Menschen dort oben heißen Älpler, der Chef der Käserei trägt den Titel Senn. Eine Stechuhr gibt es nicht, einen Ersatz bei Wetterumschwung ebenso wenig. Das Vieh gehört meist nicht den Älplern: Der Alpmeister verteilt die Tiere der Bauern so auf die Alpen, dass jede Alpe richtig besetzt ist, und am Ende des Sommers sollen alle gesund ins Tal zurückkehren. Eine Kuh, meist vom Allgäuer Braunvieh, wiegt etwa sieben Doppelzentner. Eine Herde von 40 Milchkühen bringt damit rund 28 Tonnen auf die Waage, rechnerisch 40 mal 0,7 Tonnen. Was auf einer Sennalpe von früh bis spät geschieht, wie zwei Alpen im Zahlenvergleich dastehen und warum sich der Milchbetrieb in der Höhe zurückzieht, erklären die folgenden Abschnitte.

Was auf einer Sennalpe zu tun ist

Das Herz einer Sennalpe ist die Milch. Gemolken wird morgens und abends, und bei den Sennalpen mit geschützter Herkunft stammt die Milch ausschließlich von der eigenen Alpe. Die Abendmilch wird in der Regel abgerahmt, der abgeschöpfte Rahm bildet das Rohmaterial für die Butter. Der Rest wandert in den Kupferkessel, wo der Senn aus der Milch Käse kocht. Auf der Alpe Schattwald im Rohrmoostal geschieht das noch auf offenem Feuer, und die Molke, die dabei übrig bleibt, geht an die Schweine. Aus den Schweinen entstehen später Wurst und Schinken, ein kleiner Kreislauf, in dem fast nichts verloren geht.

  • Rinder hüten und die Herde über die Weiden verteilen
  • Kühe melken, Käse kochen und Butter machen
  • Weidezäune bauen und Unkraut jäten, damit die Lichtweiden offen bleiben
  • Schweine mit Molke füttern
  • Wanderer mit Brotzeit, Kaffee und Kuchen versorgen

Diese Aufgaben laufen nebeneinander her und lassen sich nicht verschieben. Das Wetter folgt keinem Plan: Matsch, Kälte und Gewitter gehören zum Bergsommer, und wer allein oben ist, trifft Entscheidungen ohne Rückfrage. Auf kleinen Alpen teilt sich meist eine Familie die Arbeit, auf größeren kommen Hirten und Helfer dazu. Die Arbeit im Kessel richtet sich nach der Milch, die Pflege der Weiden nach der Jahreszeit, und die Betreuung der Tiere hört nie auf, solange sie oben stehen. Eine Sennalpe mit geschützter Herkunft muss zudem bei der Landwirtschaftsverwaltung in Kempten und beim Alpwirtschaftlichen Verein im Allgäu angemeldet sein, damit der Käse später nachvollziehbar bleibt.

Zwei Allgäuer Sennalpen im Zahlenvergleich

Wie unterschiedlich Sennalpen ausfallen, zeigen zwei Beispiele aus den Hörnerdörfern. Die Alpe Ornach bei Bolsterlang liegt auf 1.390 Metern und gehört mit 40 Milchkühen auf 70 Hektar Alpfläche zu den kleineren Betrieben. Rund 600 Liter Milch kommen dort pro Tag zusammen, die zu Bergkäse, Schnittkäse, Kräuterkäse und Butter verarbeitet werden. Teilt sich die Tagesmenge durch die Zahl der Kühe, ergeben sich 15 Liter je Kuh. Anders sieht es auf der Alpe Schattwald bei Obermaiselstein aus: Die Alpe liegt tiefer, auf 1.050 Metern, ist mit 150 Hektar mehr als doppelt so groß und beherbergt rund 250 Jungrinder, die sogenannten Schumpen, dazu nur neun Milchkühe.

AngabeAlpe OrnachAlpe Schattwald
Höhe1.390 m1.050 m
Alpfläche70 ha150 ha
Tiere40 Milchküherund 250 Jungrinder und 9 Milchkühe
Fläche je Tier1,75 ha je Milchkuhetwa 0,58 ha je Tier
ErzeugnisseBergkäse, Schnittkäse, Kräuterkäse, ButterBerg und Alpkäse, Weichkäse, Butter

Die beiden Alpen zeigen zwei Typen. Ornach ist eine Milchalpe mit 1,75 Hektar Weidefläche je Kuh, denn 70 geteilt durch 40 ergibt diesen Wert. Auf Schattwald kommen bei 259 Tieren insgesamt nur gut ein halbes Hektar auf jedes Tier, 150 geteilt durch 259 ergibt 0,58. Der Käse entsteht auf beiden Alpen im Kessel, und die Älpler pflegen ihn von Hand. Die Alpe Schattwald ist seit dem Jahr 1498 als Alpe belegt, dort wird also seit über einem halben Jahrtausend gealpt, gerechnet 2026 minus 1498 gleich 528 Jahre. Zu Fuß dauert der Weg zur Alpe Schattwald entlang der Starzlach etwa eineinviertel Stunden, nach Ornach führt von Bolsterlang ein Aufstieg von ungefähr einer Stunde.

Weshalb immer weniger Alpen Milchkühe tragen

Eine Sennalpe mit eigener Käserei verlangt viele Hände und feste Gebäude, deshalb haben sich in den vergangenen Jahrzehnten die Betriebe verändert. Im bayerischen Alpenraum stellen Besitzer Milchviehalpen zunehmend auf Galtvieh um, also auf Tiere ohne Milch. Das spart Personal, hat aber Folgen: Wo weniger Menschen oben sind, leidet die Weidepflege, und die Wiesen verlieren mit der Zeit an Qualität. Hinzu kommen die Kosten. Berglandwirtschaft hat höhere Investitionen, kleinere Betriebsgrößen und mühsamere Arbeit als im Flachland, und viele Alpen kommen ohne öffentliche Förderung nicht aus. In Bayern fließen dafür jährlich Millionen Euro, der Wegebau wird mit bis zu 70 Prozent der förderfähigen Kosten gestützt.

Auch das Wetter verändert die Rechnung. Das Gras beginnt in den Bayerischen Alpen etwa drei Wochen früher zu wachsen als in den 1960er Jahren, und Sommertrockenheit zwang in den Jahren 2003 und 2015 manche Alpen zum vorzeitigen Abtrieb. Für Sennalpen mit geschützter Herkunft gelten feste Anforderungen: mindestens 80 Weidetage zwischen Mai und Oktober, mindestens 5 Hektar Lichtweide und ein Bestand von mindestens 10 Großvieheinheiten. Silage ist dort verboten, es gibt nur frisches Gras und Heu. Diese Regeln halten die Qualität hoch, verkleinern aber den Kreis der Alpen, die den Titel tragen dürfen.

Was den Beruf des Älplers ausmacht

Älpler zu sein, hat wenig mit Aussteigen zu tun. Es bedeutet Pflichtgefühl gegenüber Tieren, Menschen und einer Kulturlandschaft, die ohne Beweidung zuwachsen würde. Die offenen Lichtweiden und die artenreichen Wiesen entstehen nur, solange Rinder dort grasen und jemand Zäune baut, Unkraut jätet und die Tiere im Blick behält. Das Ergebnis wirkt von unten wie Natur, ist aber Handarbeit, die jedes Jahr neu geleistet werden muss. Der Alpsommer endet mit dem Viehscheid, doch die Folgen der Arbeit bleiben: offene Hänge, gepflegte Wege, Käse im Keller.

Der Beruf verlangt eine Mischung aus Landwirt, Käser, Gastgeber und Wetterkundigem, und er lässt sich meist nur auf Zeit ausüben. Im Herbst liegt hinter den Älplern, was kaum ein anderer Sommerjob verlangt: lange Zeit allein, Verantwortung für fremde Tiere und Entscheidungen bei jedem Wetter, die sich nicht weiterreichen lassen. Im Sommer 2022 konnten zwei Gäste im Programm Senn auf Zeit jeweils fünf Tage Älplerleben im Naturpark Nagelfluhkette erleben, bei allen Arbeiten mithelfen und ein Tagebuch führen. Das Ergebnis solcher Tage ist meist dasselbe: Ein Alpsommer hat mit Urlaub wenig gemein, er besteht aus Arbeit im Rhythmus der Tiere.

Vergessene Orte im Allgäu am Beispiel Gerstruben

Zwischen Oberstdorf und den Gipfeln der Allgäuer Alpen liegt ein Dorf, das lange Zeit fast aus der Welt gefallen war. Gerstruben sitzt auf rund 1.150 Metern im Dietersbachtal, etwa 340 Meter höher als der Ort Oberstdorf, und gilt als eine der höchstgelegenen Dauersiedlungen Deutschlands. Von der Straße aus ist es nicht zu sehen, und im Winter schnitt der Schnee die Bewohner wochenlang vom Tal ab. Heute stehen dort Holzhäuser, die bis zu 500 Jahre alt sind, dazu eine weiße Marienkapelle, die im 17. Jahrhundert entstand. Ein vergessener Ort im strengen Sinn ist Gerstruben nicht, denn Wanderer besuchen es jedes Jahr. Vergessen ist eher die Geschichte, die hinter den Häusern steht: eine Siedlung von Bauern, die aus dem Kleinwalsertal einwanderten, ein Kauf durch eine Stromfirma, die ein Kraftwerk bauen wollte, ein Jagdgebiet und schließlich die Rückgabe an die Gemeinde. Für Interessierte an solchen Spuren ist Gerstruben ein gut erhaltenes Beispiel dafür, wie sich ein Bergdorf über Jahrhunderte gehalten hat, auch wenn es mehrfach den Besitzer wechselte und die Bewohner den Ort verließen. Hier geht es um die Geschichte der Siedlung und um das, was Besucher heute dort erwartet.

Wie ein Bergdorf auf 1.150 Metern entstand

Die erste urkundliche Erwähnung von Gerstruben stammt aus dem Jahr 1361. Mündliche Überlieferung nennt sogar das Jahr 893 und behauptet, die Siedlung sei älter als Oberstdorf, doch das lässt sich nicht belegen. Gesichert ist, dass im 15. Jahrhundert Walser Familien aus dem Kleinwalsertal zuzogen, deren Nachfahren bis 1892 im Dorf lebten. Der Name enthält das Wort Gerste und deutet auf frühen Ackerbau hin, auch wenn die Höhenlage Landwirtschaft nur eingeschränkt zuließ. Die Häuser verraten ihre Herkunft. Die Gebäude mit den Nummern 2 und 4 entstanden 1619 und 1626, vermutlich an älteren Stellen, und ihre Bauweise folgt Walser Vorbildern. Mehrere Häuser stehen heute unter Denkmalschutz und stammen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, dazu kommt die Marienkapelle aus dem 17. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert findet sich in den Akten ein Konrad Hindelang als Ammann, also als Vorsteher der Gemeinschaft, und 1544 führt eine Steuerliste alle Bewohner als Abgabepflichtige des Hochstifts auf. Die Bauern lebten von Viehzucht und Milchwirtschaft auf kleinen gerodeten Flächen und steilen Wiesen, die sich nicht beweiden ließen. Diese Mischung aus Selbstversorgung und Viehhaltung prägte das Leben im Dorf, und die Bauern waren auf die Gemeinschaft angewiesen.

Winter, Seuche und ein Sägewerk

Das Leben in Gerstruben war hart. Im Winter blieb das Dorf häufig wochenlang unerreichbar, und Vorräte mussten vorher besorgt werden. Während der Pest im Jahr 1634 starben im Kirchspiel Oberstdorf rund 700 Menschen, aber die Bewohner von Gerstruben blieben verschont.

Ob die Abgeschiedenheit dabei eine Rolle spielte, lässt sich nicht belegen, doch die Lage hoch im Seitental macht das denkbar.

Ende des 19. Jahrhunderts bestand die Siedlung aus etwa zehn Häusern und einer abseits gelegenen Hofstelle, getrennt durch den Dietersbach. Elf Familien lebten dort. Die Familien hatten 1846 am Bach ein Sägewerk gebaut, und 1866 stellten sie einen Antrag, die Zufahrt zu verlegen, weil der Weg zum Dorf beschwerlich war. Der Kostenvoranschlag lag bei 1.985 Gulden, die Gemeinde gab 1882 einen Zuschuss von 700 Mark, den Rest trugen sieben Besitzer gemeinsam. Solche Zahlen zeigen, wie viel Mühe es kostete, ein Dorf an einer steilen Talflanke an das Netz der Wege anzubinden. Erzählt wird außerdem, dass 1858 König Maximilian II. unerkannt zu Gast gewesen sei und Milch erhalten habe, eine Überlieferung, die sich nicht überprüfen lässt, aber zum Bild des gastfreundlichen Bergdorfs passt.

1892 der Verkauf und das Jagdrevier

Das Jahr 1892 markiert das Ende der Walser Dauersiedlung. Die letzten Besitzer verkauften ihre Anwesen an Käufer aus Kempten, die mit einem Stromunternehmen zusammenhingen. Geplant war ein Stausee mit Kraftwerk im Hölltobel, doch das Vorhaben scheiterte, der Bau kam nie zustande. Dadurch blieben die Bauernhäuser erhalten, die sonst vielleicht abgerissen worden wären, und das Dorf behielt sein Gesicht. Der Plan eines Kraftwerks hätte das Tal verändert, denn ein Stausee wäre auf Flächen entstanden, auf denen zuvor Wiesen und Höfe lagen.

1896 ging das Tal an die Familie Heyl zu Herrnsheim aus Worms, die es als Jagdgebiet nutzte.

Um 1920 war das Revier durch weitere Alpflächen auf rund 2.600 Hektar angewachsen. Der Gasthof blieb in Betrieb, ein Reiseführer von 1912 führt ihn noch unter dem alten Namen auf. Am 7. Mai 1953 verkaufte die Erbin das Gelände an den Verein der ehemaligen Rechtler, und das Dorf kam damit zurück an die Oberstdorfer. Der alte Gasthof wurde im selben Jahr durch ein neues Haus ersetzt. Zwischen dem Verkauf 1892 und der Rückgabe 1953 liegen 61 Jahre, in denen Gerstruben anderen Eigentümern gehörte. Heute sind die erhaltenen Häuser geschützt, und eines davon, das Jakobehüs, dient als kleines Museum.

JahrEreignisFolge für das Dorf
1361Erste urkundliche NennungBelegte Siedlung im Dietersbachtal
1619 und 1626Bau der Häuser Nummer 2 und 4Walser Bauweise bis heute erhalten
1634Pest im KirchspielGerstruben bleibt verschont
1846Sägewerk am DietersbachEigene Holzverarbeitung im Dorf
1892Verkauf der Anwesen nach KemptenEnde der Walser Dauersiedlung
1896Übernahme durch eine Familie aus WormsTal wird Jagdrevier
1953Rückkehr in Oberstdorfer HandSchutz und Pflege der Häuser

Gerstruben besuchen

Die klassische Wanderung beginnt in Oberstdorf. Auf rund 13,8 Kilometern sind 370 Höhenmeter zu überwinden, die Gehzeit liegt bei etwa vier Stunden, und der Weg gilt als mäßig anspruchsvoll. Der Anstieg zum Dorf selbst über die Gerstruber Steige umfasst etwa 150 Höhenmeter. Unterwegs liegt der Christlessee auf rund 916 Metern. Im Dorf lassen sich die alten Holzhäuser auf Steinsockeln und die Kapelle ansehen, ein Gasthaus mit regionaler Küche gibt es ebenfalls.

Zum Verständnis der Ortsgeschichte gehört Zeit für die Details: die dunklen Holzwände, die Steinsockel und die kleinen Fenster erzählen von den Bedürfnissen der Bewohner. Das Museum im Jakobehüs öffnet nur in bestimmten Monaten und Zeiten, deshalb lohnt vorab eine Nachfrage bei der Tourist Information. Im Dorf selbst herrscht Ruhe, und die Häuser stehen in einer Lage, die Besuchern den Eindruck gibt, in eine frühere Zeit versetzt zu werden. Bei einer Planung nur für Aufstieg und Einkehr gerät leicht aus dem Blick, dass die Siedlung selbst das eigentliche Ziel ist. Der Weg durch das Tal eignet sich auch als Halbtagestour, wenn der Rückweg nicht über den gleichen Pfad führt. Für den Rückweg kommen der gleiche Pfad oder Varianten durch das Tobel in Frage.

  • Gehzeit: etwa vier Stunden ab Oberstdorf
  • Höhenunterschied: gesamt 370 Meter, letzter Anstieg rund 150 Meter
  • Besichtigung: Holzhäuser, Marienkapelle und Jakobehüs, Öffnungszeiten vorher erfragen
  • Ausrüstung: feste Schuhe und Regenschutz

Die Geschichte Oberstdorfs von 1141 bis zum Kurort

Oberstdorf ist heute ein Urlaubsort mit Bahnen, Schanzen und einem Zentrum, in dem Gäste durch autofreie Straßen schlendern. Dass der Ort so aussieht, wie er aussieht, hat mit einem einzigen Tag im Mai 1865 zu tun, an dem ein Großfeuer mehr als 140 Häuser zerstörte. Vorher war Oberstdorf ein Bergdorf mit Bauernhäusern, einem Markt, einer Kirche und einem Rathaus, geprägt von Holzbauten und engen Gassen. Danach kam 1888 die Eisenbahn, und der Weg vom abgelegenen Dorf zum Kurort und Wintersportzentrum begann.

Die Geschichte des Ortes reicht weit zurück. Schon in der Steinzeit und in römischer Zeit war das Gebiet besiedelt, nach dem Abzug der Römer im dritten Jahrhundert zogen germanische Gruppen ein, die später Alemannen genannt wurden. Eine Urkunde von 1141 nennt Oberstdorf zum ersten Mal, und zwar zusammen mit der Weihe der ersten Pfarrkirche. Ab dann lassen sich Rechte, Bauten, Brände und Feste Jahr für Jahr verfolgen, und das Bild einer Gemeinde entsteht, die sich immer wieder neu aufgestellt hat. Die folgenden Abschnitte gehen die Jahrhunderte der Reihe nach durch und zeigen, welche Ereignisse den Ort bis heute prägen.

1141 bis 1495 vom Dorf zum Markt

Mit der ersten Nennung im Jahr 1141 beginnt die schriftliche Geschichte. In diese Zeit fällt auch die erste Weihe der Pfarrkirche. Das Leben im Dorf war bäuerlich geprägt. Landwirtschaft und Viehzucht bildeten die Grundlage, und die Höfe lagen verstreut im Talboden und an den Hängen. Doch schon im 15. Jahrhundert entstanden Einrichtungen, die auf eine wachsende Gemeinde hinweisen: 1476 sind ein Tanzhaus und ein Dorfgericht belegt, 1483 wird der Lindenacker erwähnt, der vermutlich der Platz der alten Gerichtslinde war.

Einen großen Sprung brachte das Jahr 1495. König Maximilian verlieh Oberstdorf das Marktrecht und die hohe Gerichtsbarkeit. Für die Menschen hatte das ganz praktische Folgen: Die Bewohner mussten damit nicht mehr rund 15 Kilometer nach Sonthofen gehen, wenn sie Waren brauchten, die sie nicht selbst herstellen konnten. Der Markt machte den Ort zum Mittelpunkt des Tals. Wenige Jahre später, 1518, wurde in Tiefenbach ein Bad an einer Schwefelquelle errichtet, Ursprung des späteren Kurwesens. Zwischen der ersten Nennung und dem Marktrecht liegen 354 Jahre, zwischen Marktrecht und Bad nur 23. Die Entwicklung beschleunigte sich also, sobald der Ort Rechte und Handel erhalten hatte.

Zeitleiste der wichtigsten Jahre

  1. 1141: erste urkundliche Nennung
  2. 1495: Marktrecht durch König Maximilian
  3. 1518: Bad an der Schwefelquelle in Tiefenbach
  4. 1619: Bau des Alten Rathauses
  5. 1634 bis 1638: Pest und danach eine Kapelle für die Vierzehn Nothelfer
  6. 1669: Brand in der Windgasse
  7. 1865: Großfeuer vom 6. Mai
  8. 1888: Eröffnung der Bahnlinie
  9. 1950: erster Sprung auf der Heini-Klopfer-Skiflugschanze

Diese Jahreszahlen sind Eckpunkte, hinter denen weitere Ereignisse stehen. Hinzu kommt manches, das in keiner Zeitleiste auftaucht. Auch dunkle Kapitel gehören dazu: Im 16. Jahrhundert wurde in Oberstdorf der Hirte Chonrad Stoeckhlin wegen Hexerei angeklagt und 1587 hingerichtet, und während der Reformation fasste die Täuferbewegung in der Gegend Fuß, deren Anhänger verfolgt wurden. Protestanten wurden über Jahrhunderte nicht geduldet, der erste evangelische Gottesdienst für Kurgäste fand erst 1873 statt. Das Beispiel zeigt, wie sehr der Tourismus den Ort öffnete: Mit den Kurgästen kamen Menschen anderer Konfession, und die Gemeinde musste mit ihnen leben. 1942 entstand schließlich eine eigene evangelische Pfarrgemeinde, und 1971 richtete die katholische Pfarrei eine dauerhafte Seelsorge für Gäste ein. 1814 etwa richtete der Staat am Zollhäusle eine Zollstation ein, die den Handel mit dem Kleinwalsertal regelte und bis 1890 bestand. 1856 ließ Prinz Luitpold ein Jagdhaus erbauen, ein Zeichen dafür, dass die Berge um Oberstdorf schon vor der Bahn Besucher aus der Oberschicht anzogen. Die Liste verrät außerdem, wie dicht die schriftlich festgehaltenen Ereignisse im 19. und 20. Jahrhundert aufeinanderfolgen, während im Mittelalter häufig Jahrhunderte zwischen zwei Daten liegen.

Pest, Feuer und Wiederaufbau im 17. Jahrhundert

Das 17. Jahrhundert brachte Schrecken und Neubau. 1634 forderte die Pest in der Pfarrei Oberstdorf rund 700 Tote. Als die Seuche endete, wurde 1638 die Kapelle der Vierzehn Nothelfer errichtet, und 1643 entstand der Loretoweg mit zehn Stationen. Beide Bauten hängen mit dem Gelübde nach der Seuche zusammen und zeigen, wie stark der Glaube das Leben der Menschen bestimmte.

Schon 1619 hatte der Ort ein Altes Rathaus erhalten, das den Anspruch der Marktgemeinde unterstrich. 1669 zerstörte ein Brand in der Windgasse 20 Anwesen, die bis Ende des Jahrhunderts wieder aufgebaut waren. Feuer gehörte zur Geschichte der Holzbauten, in denen Küchenherde und Heustöcke eng beieinander standen. Dass der Ort sich nach jedem Brand erholte, zeigt seine wirtschaftliche Stärke. Das Bergdorf Gerstruben im Dietersbachtal blieb von der Pest verschont. 1735 entstand der Kreuzgang an der Kirche, 1803 das Schulhaus, das heute als Rathaus dient. Aus dieser Zeit stammen mehrere Bauten, die den Ortskern bis heute prägen. Das Dorf wuchs in kleinen Schritten, und jeder Neubau fügte der Ortsmitte einen weiteren Baustein hinzu. Kirche, Kapellen, Gericht und Markt bildeten ein Gefüge, in dem sich das Leben der Gemeinde Tag für Tag abspielte, vom Sonntagsgottesdienst bis zum Markttag.

6. Mai 1865 der Ort brennt

Das Großfeuer vom 6. Mai 1865 ist der tiefste Einschnitt in der Ortsgeschichte. Von 308 Häusern wurden 146 zerstört, das sind rund 47 Prozent, außerdem Kirche und Rathaus. Als einziges größeres Gebäude überstand das Köcherlehaus aus dem 17. Jahrhundert die Flammen, in dem heute das Heimatmuseum untergebracht ist.

Der Wiederaufbau ging zügig voran, obwohl der Verlust groß war. Schon 1866 und 1867 wurde die Kirche neu errichtet und erweitert, und auch das zerstörte Rathaus bekam einen Nachfolger. Das Ortsbild wurde damit neu geprägt. Im Zentrum stehen deshalb überwiegend Bauten aus der Zeit nach 1865, zwischen denen einzelne ältere Häuser erhalten blieben. Für ein Dorf von gut 300 Häusern bedeutete der Verlust fast der Hälfte, dass die gesamte Gemeinde zusammenrücken musste und viele Familien für Monate bei Nachbarn oder Verwandten unterkamen. Die Katastrophe wurde zur Grundlage des modernen Ortsbildes. Wo vorher Holzhäuser dicht an dicht standen, entstand ein Zentrum, das Gäste später als offen und gepflegt empfanden, und der Wandel hatte Folgen für Gewerbe, Gastwirtschaft und Handwerk. Dass der Ort nach 1865 nicht aufgab, sondern in wenigen Jahren Kirche und Schulhaus neu errichtete, zeugt vom Willen der Bewohner, in ihrem Tal zu bleiben.

Bahn, Kur und Sport ab 1888

1888 erreichte die Eisenbahn Oberstdorf und beendete die Abgeschiedenheit. Der Ort entwickelte sich zum Urlaubsziel, weil Gäste nun bequem anreisen konnten: 1873 gab es schon einen ersten evangelischen Gottesdienst für Kurgäste, 1899 eröffnete das Parkhotel Prinz Luitpold, und 1905 entstand die evangelische Christuskirche. 1925 wurde der Lindenacker zum Kurpark, und 1962 öffnete das Kurhaus.

Parallel wuchs der Wintersport. 1925 wurde die Skisprunganlage eröffnet, 1950 folgte die Heini-Klopfer-Skiflugschanze, deren erster Sprung am 2. Februar 1950 stattfand. Nordische Skiweltmeisterschaften kamen 1987, 2005 und 2021, und 1970 ging ein Sturz des Skifliegers Vinko Bogataj um die Welt. Zwischen dem Bahnanschluss und der letzten Weltmeisterschaft liegen 133 Jahre, in denen aus einem Bergdorf ein internationales Ziel wurde. Auch die Literatur fand den Ort: Die Schriftstellerin Gertrud von Le Fort lebte ab 1925 in Oberstdorf und blieb dort bis zu ihrem Tod. Im Zweiten Weltkrieg diente das Gebirge der Ausbildung von Gebirgsjägern, und am Kriegsende waren französische und marokkanische Truppen im Ort stationiert. Nach 1945 setzte sich der Aufstieg zum Urlaubs- und Wintersportort fort, mit Kurhaus, Schanzen und Bahnen als Wahrzeichen, die das Bild des Ortes heute bestimmen.

Was die Geschichte für den Ort heute bedeutet

Die Geschichte bleibt in Oberstdorf greifbar, und wer sie sucht, findet sie an vielen Stellen. Das Heimatmuseum zeigt in den Räumen eines Bauernhauses das Leben und Arbeiten im 19. Jahrhundert, die Alpwirtschaft und den Tourismus. Das Alte Rathaus und die Pfarrkirche stehen im Zentrum, und mehrere Ortsteile tragen eigene alte Namen, darunter Schöllang und Tiefenbach. Mit den Jahreszahlen im Kopf lässt sich der Ort wie ein Buch lesen: Das Marktrecht stammt von 1495, die Kirche in ihrer heutigen Form von 1866, die Schanzen gehören zum 20. Jahrhundert.

Zugleich ist die Entwicklung nicht abgeschlossen. Der Ort liegt mit 815 Metern am südlichsten Rand Deutschlands, hat 9.289 Einwohner und verbindet Landwirtschaft, Kur und Sport miteinander. Von der ersten Nennung 1141 bis heute sind 885 Jahre vergangen, und in dieser Zeitspanne hat der Ort mehrfach neu angefangen: nach Pest, nach Bränden, nach der Anbindung an die Bahn und nach dem Siegeszug des Wintersports. Dieser Wandel erklärt, warum alte Bauernhäuser, Kurhotels und Schanzen heute nebeneinander stehen. Das Heimatmuseum ist seit 1932 im Köcherlehaus untergebracht. Dass Oberstdorf trotz Bränden, Seuchen und Umbrüchen seinen Platz behauptet hat, liegt an der Lage zwischen Tal und Bergen, die immer wieder neue Aufgaben stellte und neue Besucher anzog.

Wann brannte Oberstdorf ab?
Das große Feuer brach am 6. Mai 1865 aus und vernichtete fast die Hälfte der Häuser sowie Kirche und Rathaus. Der Wiederaufbau der Kirche folgte in den beiden Jahren danach.
Seit wann ist Oberstdorf mit der Bahn erreichbar?
Die Bahnlinie wurde 1888 eröffnet. Die Linie beendete die Abgeschiedenheit des Ortes und machte ihn zu einem Urlaubsziel.

Wildtiere in den Allgäuer Bergen im Überblick

Auf einer Allgäuer Bergwiese lohnt es sich, stehen zu bleiben und den Blick über die Felsen schweifen zu lassen, denn die Aussichten sind gut auf eine der vier großen Gestalten der Alpentierwelt: Steinbock, Gämse, Murmeltier und Steinadler. Die vier teilen sich den Berg nach Höhenlage, Gelände und Jahreszeit. Das Murmeltier lebt in Erdbauten ab etwa 1.500 Metern Höhe, die Gämse hält sich meist oberhalb der Waldgrenze auf, der Steinbock steigt noch höher in die Felsen, und der Steinadler kreist über allen dreien.

Die Geschichte dieser Tiere ist unterschiedlich verlaufen. Der Steinbock stand vor der Ausrottung und wurde mühsam zurückgebracht, das Murmeltier verbringt rund die Hälfte des Jahres schlafend unter der Erde, die Gämse bleibt auch im Winter aktiv, und der Steinadler baut seinen Horst an Felswänden. Alle vier gehören zu einem eng verwobenen Gefüge: Der Adler jagt Murmeltiere und Schneehasen, die Gämse weidet auf den Hängen unterhalb der Felsen, und der Steinbock nutzt die steilen Südhänge, auf denen der Schnee im Winter nicht liegen bleibt. Die folgenden Abschnitte stellen die Tiere der Reihe nach vor und vergleichen am Ende ihre Lebensräume und Gewohnheiten.

Der Steinbock zwischen Ausrottung und Rückkehr

Der Alpensteinbock ist das imposanteste Tier der Allgäuer Felsen. Männchen werden knapp einen Meter hoch und bis zu 110 Kilogramm schwer, die Weibchen bringen es auf etwa 45 Kilogramm. Die Hörner der Böcke erreichen bis zu einem Meter Länge und wiegen bis zu 2,5 Kilogramm, das sind rund zwei Prozent des Körpergewichts. An den Ringen lässt sich das Alter ablesen, denn jeder Ring steht für einen überstandenen Winter. Steinböcke werden etwa 15 bis 18 Jahre alt.

Dass es sie überhaupt noch gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Körperteile der Tiere galten als Medizin, und die Jagd drückte den Bestand so weit, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur noch rund 100 Tiere im italienischen Gran Paradiso lebten. Ab 1821 stand die Art unter dem Schutz des Hauses Savoyen, und bis zum Ende des Jahrhunderts wuchs der Bestand auf etwa 3.000 Tiere, das Dreißigfache. Danach folgten Auswilderungsprogramme in mehreren Ländern. In Deutschland begann die Rückkehr 1936 bei Berchtesgaden. Heute gibt es hierzulande fünf Vorkommen, darunter eines in den Allgäuer Alpen, und in Bayern leben schätzungsweise 800 Steinböcke. Im Sommer ziehen sie durch felsiges Gelände mit Rasenflecken, im Winter bevorzugen sie steile Südhänge zwischen 1.600 und 2.800 Metern, die nicht dauerhaft unter Schnee liegen.

Gämse und Murmeltier im Jahreslauf

Die Gämse lebt überwiegend oberhalb der Waldgrenze und klettert über steile Felswände, weil sie von Fels zu Fels springt. Im Winter bleibt sie aktiv, zieht allerdings in tiefere Lagen, wo sie Nahrung findet. Ein extrem dichtes Haarkleid und eine Fettschicht schützen sie vor der Kälte. Im Hochwinter trifft der Beobachter Gämsen deshalb häufig weiter unten an, und nicht im Hochgebirge, wie viele vermuten.

Das Murmeltier hat eine andere Strategie. Es bewohnt Baue mit unterirdischen Gängen und ist ungefähr von April bis September aktiv. Das sind rund sechs Monate, die andere Hälfte des Jahres verbringt das Tier im Bau und überwintert im Winterschlaf, um Energie zu sparen. Während Gämse und Steinbock den Winter im Freien überstehen, verschwindet das Murmeltier vollständig aus dem Blickfeld. Zu sehen sind die Tiere meist auf grasigen Hängen, wo sie am Bau sitzen und die Umgebung beobachten. Droht von oben Gefahr, warnen sie ihre Artgenossen mit lauten Pfiffen, und die ganze Kolonie verschwindet in den Gängen. Im Sommer lohnt ein ruhiger Blick auf Wiesen oberhalb der Waldgrenze, denn dort fressen Murmeltiere Gräser und Kräuter und legen Vorräte an Körperfett an.

Der Steinadler über den Felswänden

Der Steinadler ist der größte Greifvogel der Alpen und ein Jäger der offenen und halboffenen Gelände. Seine Nahrung besteht unter anderem aus Murmeltieren und Schneehasen, und diese Beziehung macht ihn zum Gegenspieler jener Tiere, die am Hang ihre Warnpfiffe ausstoßen. Den Horst baut er an Felswänden, und beim Sturzflug erreicht er Geschwindigkeiten von bis zu 125 Kilometern pro Stunde.

Für den gesamten Alpenbogen werden etwa 1.300 Brutpaare geschätzt, das ist für ein so großes Gebirge eine überschaubare Zahl. Entsprechend selten ist die Begegnung. Für die Beobachtung eines Adlers braucht es Geduld, ein Fernglas und einen Platz mit freiem Blick auf Felswände und Hänge. Am besten gelingt das an sonnigen Tagen, wenn warme Aufwinde den Vogel nach oben tragen und er ohne Flügelschlag kreisen kann. Von Weitem lässt sich der Steinadler an seiner Größe, den breiten Flügeln und dem ruhigen, gleitenden Flug erkennen. Er jagt nicht überall im Gebirge gleichmäßig, sondern kehrt in sein Revier zurück, das er über Jahre nutzt. Die Zahl der Brutpaare macht deutlich, wie viel Raum ein Greifvogel dieser Größe benötigt und wie sehr er von einem gesunden Bestand an Beutetieren abhängt.

Vier Tiere im Vergleich

TierLebensraumWinterBesonderheit
SteinbockSteile Felshänge bis 3.500 MeterSonnige Südhänge ohne DauerschneeHörner bis 1 Meter, Alter an den Ringen ablesbar
GämseÜberwiegend oberhalb der WaldgrenzeAktiv, zieht in tiefere LagenSpringt von Fels zu Fels
MurmeltierBaue oberhalb von etwa 1.500 MeternWinterschlaf im BauAktiv von April bis September
SteinadlerOffenes und halboffenes Gelände, Horst an FelswändenBleibt im RevierBis 125 km/h, etwa 1.300 Brutpaare im Alpenraum

Die Gegenüberstellung zeigt, dass jedes Tier eine eigene Antwort auf den Winter gefunden hat. Der Steinbock sucht die Sonnenhänge, die Gämse wandert abwärts, das Murmeltier verschwindet im Bau, und der Steinadler bleibt in seinem Revier und jagt weiter. Dazu passt der Größenvergleich: Ein Steinbock wiegt mit 110 Kilogramm mehr als das Doppelte der Weibchen, die mit rund 45 Kilogramm auskommen, das Verhältnis liegt bei etwa 2,4 zu 1. Beim Murmeltier entspricht ein halbes Jahr Aktivität der Zeit, in der Gras und Kräuter wachsen. Dasselbe Prinzip gilt für alle vier Arten: Der Winter bestimmt, wie viel Raum und Nahrung zur Verfügung stehen, und jede Art hat eine eigene Antwort darauf gefunden. Die Zahlen aus der Tabelle lassen sich leicht merken: ein Meter Hornlänge, ein halbes Jahr Aktivität, 125 Kilometer pro Stunde und rund 1.300 Brutpaare. Dieser Vergleich macht verständlich, warum die Tiere nicht gleichzeitig am selben Ort zu sehen sind. Steinbock und Murmeltier trennt die Höhenlage, Gämse und Steinbock teilen sich Fels und Hang, und der Adler überspannt als Jäger beide Lebensräume. So ergibt sich über das ganze Jahr ein wechselndes Bild, das sich mit jeder Jahreszeit neu zusammensetzt.

Beobachten ohne zu stören

Gute Beobachtungen entstehen aus Abstand und Ruhe. Das gilt für Anfänger ebenso wie für erfahrene Naturfreunde, die schon viele Jahre in den Bergen unterwegs sind. Die Tiere reagieren auf Menschen sensibel, und im Winter zählt jede Flucht, weil sie Energie kostet, die später fehlt. Ein Fernglas ersetzt die Nähe, und feste Wege helfen dabei, Brut- und Ruheplätze zu schonen. Hunde gehören an die Leine, weil sie auf Wild wie ein Jäger wirken und Tiere in Panik versetzen können. Für Sommerbeobachtungen eignen sich die ruhigen Stunden am Morgen und am Abend, denn zur Mittagszeit sind Wege und Hänge häufig stark besucht. Fotografen sollten eher Brennweite mitnehmen als Nähe suchen, und ein Rucksack mit warmer Kleidung gehört dazu, weil das Warten auf dem Berg auskühlt. Jede Beobachtung verläuft anders, und das Warten gehört zum Reiz dieser Tage. Ein Notizbuch hilft, Ort, Uhrzeit und Verhalten festzuhalten, und mit der Zeit entsteht ein Gespür dafür, wann welches Tier an welchem Hang zu erwarten ist. Murmeltiere sind dafür die dankbarsten Beobachtungsobjekte, weil sie sich verlässlich an ihren Bauen aufhalten und lange zu sehen sein, solange der Beobachter still bleibt. Steinböcke dagegen wirken scheu und verschwinden rasch im Fels, wenn ihnen jemand zu nahe kommt.

  • Murmeltiere zeigen sich im Sommer auf grasigen Hängen in mittleren und höheren Lagen.
  • Steinböcke bleiben meist über 2.000 Metern und suchen im Winter Südhänge auf.
  • Gämsen sind im Sommer im Fels und im Winter in tieferen Lagen zu finden.
  • Steinadler zeigen sich an warmen Tagen mit Aufwinden über Felswänden.
  • Fernglas und Abstand halten die Störung für die Tiere gering.

Sagen aus dem Allgäu und ihre Schauplätze

Sagen unterscheiden sich von Märchen durch einen festen Ort. Eine Sage hängt an einem bestimmten Berg, an einem See oder einer Wiese, und die Erzählung erklärt, was die Menschen sich auf andere Weise nicht erklären konnten: warum ein Stein so daliegt, warum eine Alpe verödet ist oder woher ein Name kommt. Im Allgäu sind solche Geschichten über Generationen mündlich weitergegeben worden, und viele von ihnen haften bis heute an Gipfeln, Seen und Tälern, die Wanderer kennen.

Die bekanntesten Überlieferungen stammen aus den Bergen rund um Hochvogel, Grünten und Säuling, aus dem Hintersteiner Tal und aus dem Kleinwalsertal. Dort treten Berggeister, kleine Schatzsucher, Wilde Fräulein, ein Ungeheuer im See und der Teufel höchstpersönlich auf. Wichtig ist der Unterschied zwischen Überlieferung und Tatsache: Eine Sage berichtet nichts, was sich nachprüfen ließe, sie spiegelt Ängste, Hoffnungen und Sorgen des täglichen Lebens der Menschen, die sie erzählten. Aus diesem Grund lohnt es sich, die Orte zu kennen, an denen die Geschichten spielen, denn das Gelände liefert den Schlüssel zum Verständnis. Die folgenden Abschnitte erzählen die Überlieferungen in knapper Form und ordnen ein, was dahinterstecken könnte. Auf diese Weise bleibt erkennbar, was Überlieferung ist und was geologische oder geschichtliche Tatsache.

Wozu im Gebirge Sagen erzählt wurden

Menschen in den Bergen hingen von Dingen ab, die er nicht beeinflussen konnte: Wetter, Lawinen, Steinschlag, Futter und Wasser. Eine Sage ordnet diese Unsicherheit, indem sie dem Unerklärlichen eine Gestalt gibt. Ein Berggeist verursacht den Steinschlag, ein Fluch lässt die Weide verdorren, ein Teufel wirft Felsen ins Tal. Solche Bilder machen Naturereignisse erzählbar und damit weniger bedrohlich.

Zugleich dienten die Geschichten der Gemeinschaft. Die Erzählungen hielten fest, wo ein Platz als heikel galt, welches Verhalten als gutes Benehmen zählte und wem Hochmut oder Härte zum Verhängnis wurde. Die Allgäuer Überlieferungen zeigen dabei ein auffälliges Muster: Viele Figuren sind nicht durchweg böse. Die kleinen Schatzsucher am Grünten gelten als harmlos, die Wilden Fräulein als fleißig und hilfsbereit, und selbst der Teufel scheitert in der Sage meist an seinem eigenen Ungeschick. Diese Mischung aus Furcht und Humor erklärt, warum die Geschichten so lange lebendig geblieben sind. Erzählt wurde am Herd, auf der Alpe und beim Hüten erzählt, und jede Generation formte die Details ein wenig um. Das Ergebnis sind Varianten, die sich im Namen eines Berges, im Ausgang oder in der Zahl der Beteiligten unterscheiden und doch als dieselbe Geschichte erkennbar bleiben. Sammler haben später versucht, diese Fassungen festzuhalten, ohne ihnen den Reiz zu nehmen.

Sieben Schauplätze im Überblick

SchauplatzGestalt oder MotivWas die Erzählung deutet
HochvogelBerggeist, ein Venedigermännle mit bösen AbsichtenBergbau und Gefahr im Fels
GrüntenVenedigermännle und ein GoldbrünnleSchatzsuche und verborgener Reichtum
Sturmannshöhle bei ObermaiselsteinKleine SchatzsucherHöhlen als Wohnorte der Männle
Wildfräuleinstein im Hintersteiner TalWilde FräuleinFleißige, gute Wesen in abgelegenen Tälern
Schrecksee im Hintersteiner TalOdin und ein UngeheuerTiefe und Unheimlichkeit eines Bergsees
SäulingHexen und TeufelHexenwahn und Steinwurf
Gottesacker im KleinwalsertalFluch eines BettlersKarstlandschaft statt Weide

Die Tabelle zeigt, dass sich die Motive wiederholen: Reichtum im Berg, Wesen in der Wildnis und Strafe für Hartherzigkeit. Hochvogel und Grünten gehören zu den Gipfeln des Oberallgäus, der Grünten ragt mit 1.738 Metern am nördlichen Rand der Allgäuer Alpen auf, der Hochvogel erreicht 2.593 Meter an der Grenze zu Tirol. Der Säuling steht mit 2.047 Metern bei Füssen im Ostallgäu, was zeigt, dass die Überlieferungen nicht an die Grenzen des Oberallgäus gebunden sind. Die Sagen wandern mit den Erzählern von Tal zu Tal und werden dabei dem Ort angepasst, an dem sie gerade erzählt werden. Der Grünten ist ein Berg mit Wanderwegen und Aussicht, und die Frage nach dem Goldbrünnle führt zu einer Erzählung statt zu einer Quelle. Genau das macht die Schauplätze für Spaziergänger reizvoll: Das Gelände bleibt gewöhnlich, die Geschichte verleiht ihm einen zweiten Boden. Hochvogel, Grünten und Säuling lassen sich zu Fuß erreichen, der Gottesacker liegt auf dem Weg durch das Kleinwalsertal, und der Schrecksee ist Ziel einer Bergtour im Hintersteiner Tal. Mit der Sage im Kopf sieht der Besucher das Gelände mit anderen Augen. Zugleich bleiben die Orte reale Landschaften, auf denen Hirten das Vieh weiden ließen und auf denen Bergsteiger heute ihre Touren planen.

Venedigermännle und die Wilden Fräulein

Am Grünten, so wird erzählt, fließt ein Goldbrünnle, dessen Zugang nur geschickte Männle finden. Diese Venedigermännle sind kleine, harmlose Wesen, die nach Schätzen suchen. Im Hintergrund steht eine historische Erfahrung: Im Alpenraum zogen Erzsucher umher, die man Venediger nannte, und ihre Geschichten haben sich in den Männle verewigt. Eine kleine Szene aus der Überlieferung zeigt die Eigenart dieser Wesen. Einen Stein, den ein Hirte einem Ochsen nachwarf, erklärten die Männle für wertvoller als das ganze Tier, weil sie das Gestein anders einschätzten als der Mensch. Auch die Sturmannshöhle bei Obermaiselstein gehört zu diesem Sagenkreis.

Am Hochvogel tritt dagegen ein Berggeist auf, eine Art Venedigermännle mit Bergbau und schlechten Absichten. Wesen derselben Gattung können also freundlich oder bedrohlich sein, je nach Berg und Erzähler. Im Hintersteiner Tal wiederum erzählt man von den Wilden Fräulein, am Wildfräuleinstein. Die Fräulein gelten als fleißig und gut, und hinter ihnen vermuten manche die keltische Bevölkerung, die sich in abgelegenen Tälern gehalten haben könnte. Am Schrecksee heißt es, Wotan habe seinen Hengst am Wildsee zurückgelassen, und ein Mann, der mit einem Stein die Tiefe des Sees messen wollte, sei von einem Ungeheuer bedroht worden, das ihn fressen wollte.

Der Gottesacker im Kleinwalsertal

Eine der eindringlichsten Sagen handelt vom Gottesacker im Kleinwalsertal. Älpler jagten einen Bettler davon, der daraufhin die Alpe verfluchte. Die Weide verödete, und heute zeigt sich dort ein weites Karstplateau mit zerklüfteten Kalkplatten. Die Geschichte ist eine Mahnung gegen Hartherzigkeit, und sie verknüpft eine sittliche Lehre mit einem Landschaftsbild, das jeder Wanderer vor Augen hat. Der Gottesacker gehört zu den auffälligsten Landschaftsformen der Region, und wer ihn überquert, bewegt sich über Kalkplatten, die wie aufgeschlagene Seiten eines Buches wirken. Die Erzählung nimmt diese Strenge auf und macht aus dem Gelände eine Strafe.

Das Plateau selbst hat eine nüchterne Erklärung. Karst entsteht, wenn Regenwasser Kalkstein löst und das Gestein Furchen, Spalten und Löcher bekommt. Auf solchen Flächen versickert das Wasser rasch, der Boden bleibt dünn, und eine Weide hat es schwer. Die Sage setzt an die Stelle dieses langsamen Vorgangs ein einzelnes Ereignis mit einer eindeutigen Ursache und einem Schuldigen. Dieser Gedanke lässt sich auf viele Überlieferungen übertragen: Wo die Natur langsam arbeitet, erzählen die Menschen von einem plötzlichen Eingriff, der leicht zu behalten ist und eine Lehre enthält. So wurde aus der Geologie eine Geschichte, die Kinder und Erwachsene verstehen konnten, ohne etwas über Gesteine zu wissen.

Hexen und Teufel auf dem Säuling

Das Gipfelplateau des Säulings heißt Hexabödle. Der Name allein verweist auf Hexen, und die Sage fügt den Teufel hinzu: Er soll von dort einen Stein nach Roßhaupten geschleudert haben, um die dortige Kirche zu zerstören. Der Stein verfehlte sein Ziel, und die Kirche blieb stehen, als sei nichts geschehen. Der Teufel erscheint in solchen Erzählungen häufig als jemand, der mit großem Aufwand wenig erreicht, und das macht die Geschichte auch heute noch unterhaltsam. Gleichzeitig dient der Steinwurf als Erklärung für Findlinge und Felsbrocken, die einzeln in der Landschaft liegen und sich nicht gleich einem Ursprung zuordnen lassen. Der Name Hexabödle hält die Erinnerung an die Erzählung bis heute am Gipfel fest.

Hinter den Hexen- und Teufelssagen steht ein ernster Hintergrund, der Hexenwahn der frühen Neuzeit. In Oberstdorf endete 1587 ein Hexenprozess gegen den Hirten Chonrad Stoeckhlin mit dessen Hinrichtung, ein belegter Fall, der zeigt, dass die Furcht vor Zauberei im Allgäu auch außerhalb der Erzählungen eine Rolle spielte. Die Sagen verwandeln diese Angst in Geschichten, bei denen am Ende meist die Kirche, das Dorf oder die Vernunft gewinnt. Beim Lesen empfiehlt es sich, beides zu trennen: die überlieferte Erzählung und den historischen Hintergrund, der ihre Entstehung begünstigt hat.

Als Merkmale einer echten Sage gelten der feste Ortsbezug mit Berg, See oder Stein, die mündliche Weitergabe, bei der sich Einzelheiten verändern, die Erklärung einer Eigenheit der Landschaft oder des Brauchs und eine Lehre, etwa gegen Habgier oder Hartherzigkeit. Als geschichtlicher Bericht gilt der Inhalt nicht.

Wandern rund um Oberstdorf im Vergleich

Beim Wandern rund um Oberstdorf stehen zwei Arten von Touren zur Auswahl: flache Talwanderungen, die sich in einem Tag ohne große Anstrengung gehen lassen, und Touren mit deutlichem Aufstieg, bei denen die Höhenmeter über die Dauer entscheiden. Über 200 Kilometer Wander und Radwege verteilen sich auf drei Höhenlagen, vom Talboden bis zu den Graten. Dieser Vergleich stellt fünf Touren gegenüber, die sich anhand von Zahlen einordnen lassen, und zeigt, welche Strecke zu welchem Tag passt.

Der Unterschied liegt häufig nicht in der Länge, sondern im Tempo, das die Strecke zulässt. Ein ebener Talweg erlaubt ein Gehtempo von drei Kilometern pro Stunde, ein steiler Pfad fällt auf deutlich weniger. Die Tabelle weiter unten macht das erkennbar: Die Tour mit den meisten Kilometern ist nicht die mit der steilsten Steigung, und die kürzeste Strecke ist nicht die schnellste. Wanderzeiten in Führern gelten für gesunde, trittsichere Gäste mit leichtem Gepäck und lassen sich durch Pausen, Fotostopps, Einkehr und Rast am Gipfel leicht verdoppeln, vor allem an schönen Tagen. Für die Planung zählt deshalb eine Reserve, vor allem mit Kindern im Gepäck oder bei wechselhaftem Wetter.

Talwanderungen im Trettachtal und im Oytal

Das Trettachtal führt über rund 15 Kilometer und etwa 233 Höhenmeter in rund fünf Stunden durch eine leicht begehbare Landschaft. Unterwegs liegen Einkehrstationen, und als Ziel gilt der Christlessee. Die Tour passt zu Familien und zu allen, die einen Tag ohne Gipfelanstieg wünschen. Der gleichmäßige Anstieg erlaubt es, das Tempo konstant zu halten und die Kräfte einzuteilen, und die Länge von 15 Kilometern ist mit der Gehzeit von fünf Stunden gut zu schaffen. Dafür braucht es allerdings Ausdauer, denn die Strecke zieht sich, und die Rückkehr mit Bus oder zu Fuß gehört zur Tagesplanung.

Das Oytal ist ein Seitental mit Wald und Felswänden. Eine Wanderung von rund 10 Kilometern Länge und etwa 230 Höhenmetern ist in rund dreieinhalb Stunden zu schaffen, und der Weg ist das ganze Jahr über begehbar. Für mehr Strecke lässt sich die Tour zum Stuibenfall oder in Richtung Höfats verlängern. Beide Täler haben ein Merkmal gemeinsam, das Familien schätzen: Die Steigung bleibt gleichmäßig, und auch Kinder und ungeübte Wanderer kommen gut voran. Die Höhenunterschiede von 233 und 230 Metern liegen fast gleichauf, doch das Oytal ist um ein Drittel kürzer und fordert damit mehr Steigung je Kilometer.

Aufstiege zum Gaisalpsee und zum Fellhorngrat

Zum Unteren Gaisalpsee geht es von Reichenbach aus bergauf. Die Tour ist mit 8,6 Kilometern deutlich kürzer als das Trettachtal, dafür liegen 660 Höhenmeter vor den Wandernden, und die Tour gilt als mittelschwer. Die Gehzeit beträgt rund vier Stunden, und feste Schuhe sowie Trittsicherheit gehören zur Ausrüstung. Der See am Ende des Aufstiegs belohnt die Mühe mit einem Blick in die Allgäuer Bergwelt und lädt zur Rast ein, bevor der Abstieg beginnt. Der Weg zurück nach Reichenbach verlangt noch einmal Aufmerksamkeit, weil müde Beine auf steilen Passagen schneller ausrutschen.

Der Fellhorngrat verläuft über rund 6 Kilometer, in etwa drei Stunden, an der Grenze zwischen Bayern und Vorarlberg. Rund 700 Höhenmeter sind zu bewältigen, ein Wert, der sich mit einer Bahnfahrt zum Ausgangspunkt verringern lässt. Am Engenkopf führt ein Rundweg von rund 3,7 Kilometern bei der Breitachklamm vorbei. Zwei Stunden Gehzeit für 3,7 Kilometer bedeuten ein Tempo von weniger als zwei Kilometern pro Stunde, denn 189 Höhenmeter und ein feuchter Boden bremsen den Schritt. Mit festen Schuhen gelingt die Runde trotzdem gut, und der Weg führt abseits der stark besuchten Route durch die Klamm.

Strecke, Dauer und Höhenmeter im Vergleich

TourStreckeGehzeitHöhenmeter
Trettachtal15 km5 Stunden233 m
Oytal10 km3,5 Stunden230 m
Unterer Gaisalpsee8,6 km4 Stunden660 m
Fellhorngrat6 km3 Stunden700 m
Engenkopf bei der Breitachklamm3,7 km2 Stunden189 m

Aus den Zahlen ergibt sich ein Tempoprofil. Im Trettachtal liegt das Mittel bei 3,0 Kilometern pro Stunde, im Oytal bei knapp 2,9. Am Gaisalpsee sinkt es auf etwa 2,15, am Fellhorngrat auf 2,0 und am Engenkopf auf rund 1,85 Kilometer pro Stunde. Die Höhenmeter prägen die Dauer also stärker als die Länge. Der Gaisalpsee ist rund 40 Prozent kürzer als das Trettachtal, dauert aber nur eine Stunde weniger, weil 660 Höhenmeter dazukommen. Noch deutlicher wird der Effekt am Fellhorngrat: Er ist nur 6 Kilometer lang und dauert dennoch drei Stunden, 40 Prozent weniger Zeit als das Trettachtal bei 60 Prozent weniger Strecke. Beim Vergleich von Höhenmetern und Kilometern zeigt sich, warum kurze Touren anstrengender sein können als lange. Am Fellhorngrat kommen auf einen Kilometer rund 117 Höhenmeter, im Trettachtal nur gut 15.

Für eigene Planungen taugt eine Faustregel: Auf ebenem Gelände etwa drei Kilometer je Stunde rechnen und für jede hundert Höhenmeter einen Zuschlag einplanen, der Rest ergibt sich aus Pausen. Diese Werte sind Richtgrößen, die vom Wetter, vom Gepäck und vom Tempo der Gruppe abhängen. Die Tabelle dient als Maßstab für den ersten Tag, und nach der ersten Tour zeigt sich schnell, ob die eigene Geschwindigkeit darüber oder darunter liegt.

Welche Tour zu welchem Tag passt

  • Familie mit Kindern: Trettachtal oder Oytal, gleichmäßige Steigung, Einkehr unterwegs
  • Kurze Zeit am Nachmittag: Engenkopf bei der Breitachklamm, zwei Stunden, gutes Schuhwerk nötig
  • Wenig Gepäck, viel Natur: Oytal, ganzjährig begehbar, mit Verlängerung zum Stuibenfall
  • Kondition und Trittsicherheit vorhanden: Gaisalpsee ab Reichenbach
  • Gipfelblick mit Grenzlage: Fellhorngrat zwischen Bayern und Vorarlberg

Die Auswahl hängt am Ende von drei Dingen ab: der verfügbaren Zeit, dem Wetter und der eigenen Kondition. Bei unsicherem Wetter sind die Talwege die bessere Wahl, weil sie sich bei Regen abkürzen lassen. Bei stabilem Hochdruck lohnt sich der Aufstieg zum Grat, und im Herbst sind die ruhigeren Wege am Engenkopf oder im Oytal eine gute Alternative. Bei einem Aufenthalt von mehreren Tagen passt eine Talwanderung zum Einlaufen, am zweiten Tag folgt ein Aufstieg. Regenjacke, Wasser und ein Blick auf den Wetterbericht gehören unabhängig von der Strecke in jeden Rucksack, denn das Wetter am Alpenrand wechselt schnell und kann einen sonnigen Morgen in einen nassen Nachmittag verwandeln. Auf höheren Touren kommt eine warme Schicht dazu, weil es am Grat auch im Sommer kühl und windig sein kann. Bei Unsicherheit empfiehlt es sich, die Tour abzukürzen, statt ein Gewitter oder einen Wetterumschwung zu riskieren, und früh umzukehren. Eine Tagestour sollte so geplant sein, dass die Rückkehr vor Einbruch der Dämmerung gelingt, auch wenn Pausen länger dauern als gedacht. Für die Rückfahrt zum Ausgangsort lohnt ein Blick in den Fahrplan der Busse, damit der Tag nicht an der Haltestelle endet.

Oberstdorf als südlichstes Reiseziel Deutschlands

Oberstdorf liegt als südlichste Gemeinde Deutschlands auf 815 Metern Höhe im Oberallgäu und hat etwas mehr als 9.000 Einwohner, bringt aber eine Fläche von fast 230 Quadratkilometern mit. Auf jeden Einwohner kommen damit rechnerisch rund zweieinhalb Hektar, und der größte Teil davon besteht aus Bergwald, Almen und Gipfeln. Es leben also nur etwa 40 Menschen auf einem Quadratkilometer, und die Dichte liegt weit unter der eines Stadtgebiets. Der Ort ist von sieben Tälern umgeben, darunter Trettachtal, Stillachtal und Oytal, und hat sich aus einem Bauerndorf zu einem Urlaubsziel mit Bahnen, Sprungschanzen und Kuranlagen entwickelt.

Ob Oberstdorf das richtige Reiseziel ist, hängt weniger von Prospekten als von drei Fragen ab: Wie viel Höhe soll es sein, welche Jahreszeit steht an und wie viel Betrieb darf der Ort haben. Die Größe der Gemeinde sorgt dafür, dass sich Gäste verteilen, denn zwischen dem Ortskern und den Gipfeln liegen Wälder, Täler und Almen, in denen sich der Betrieb deutlich beruhigt. Die Zahlen zu Lage, Bergen, Klima und Geschichte, die auf den folgenden Zeilen stehen, helfen dabei, die Reise nach den eigenen Vorlieben zu planen und Erwartungen an Wetter, Strecken und Höhenmeter zu prüfen.

Lage, Größe und Geschichte des Ortes

Der Ort wurde im Jahr 1141 erstmals erwähnt, 1495 erhielt er von König Maximilian das Marktrecht. Schon 1518 wurde in Tiefenbach eine Schwefelquelle als Bad genutzt, ein früher Vorläufer des heutigen Kurbetriebs. Zur Gemeinde gehören neben dem Hauptort die Ortsteile Kornau, Reichenbach, Rubi, Schöllang und Tiefenbach, die ihren dörflichen Charakter zwischen Wiesen und Wald bewahrt haben, und jeder von ihnen hat eigene Wege, Wiesen und Hofstellen. Aus fast 900 Jahren Ortsgeschichte ist ein Gemeinwesen entstanden, das Landwirtschaft, Kur und Wintersport miteinander verbindet.

Zum Aufenthalt vor Ort passt, dass das Zentrum weitgehend autofrei ist und sich zu Fuß erkunden lässt. Von München sind es rund 169 Kilometer, die Anreise führt größtenteils über die Autobahn. Der südlichste Punkt des deutschen Staatsgebiets liegt in der Nähe, rund 17 Kilometer südwestlich am Haldenwanger Eck. Für Gäste ohne eigenes Auto bleibt vieles in Reichweite, weil die Bahnen und Talwanderwege im Ort selbst beginnen und weitere Ziele mit Bussen erreichbar sind. Das erleichtert vor allem Familien und Gruppen die Planung, denn Parkplatzsuche und Fahrten entfallen weitgehend. Auch die Entfernung zu den Ortsteilen ist gering, sodass sich ein Tag ohne Auto gut gestalten lässt. Zurück im Ortskern, finden Gäste dort Cafés, Geschäfte und Wirtshäuser mit regionaler Küche, die den Tag abrunden.

Berge und Bahnen als Maßstab für die Höhe

Drei Bahnen bringen Gäste in die Höhe: die Nebelhornbahn, die Fellhornbahn und die Söllereckbahn. Die Nebelhornbahn führt zum Gipfel auf 2.224 Metern, die Fellhornbahn erreicht mit dem Fellhorn 2.038 Meter. Die Gipfel der Umgebung zeigen, wie stark das Gelände ansteigt. Gemessen an der Höhe des Ortes von 815 Metern ergeben sich folgende Unterschiede. Die Rechnung ist einfach, denn von der Gipfelhöhe wird die Ortshöhe abgezogen, und sie zeigt, wie viel Höhe zwischen Ortskern und Gipfelkreuz liegt. Beim Wandern entsprechen tausend Höhenmeter einem mehrstündigen Aufstieg, und die Bahnen ersparen den größten Teil davon, ohne dass die Aussicht darunter leidet.

GipfelHöheUnterschied zum Ort
Fellhorn2.038 m1.223 m
Nebelhorn2.224 m1.409 m
Höfats2.259 m1.444 m
Trettachspitze2.595 m1.780 m
Mädelegabel2.645 m1.830 m
Großer Krottenkopf2.656 m1.841 m

Der Große Krottenkopf ist der höchste Berg der Allgäuer Alpen, doch auch das Nebelhorn und das Fellhorn überragen den Ort um mehr als tausend Meter. Für die Reiseplanung folgt daraus eine einfache Faustregel: Gäste, die Höhenmeter scheuen, nutzen eine Bahn und starten dort oben, Bewegungsfreudige gehen von Oberstdorf aus talaufwärts. Das Wegenetz von mehr als 200 Kilometern reicht vom Talboden bis in die Gipfelregion. Beide Bahnen fahren je nach Saison nur zu bestimmten Zeiten, weshalb ein Blick auf den Fahrplan vor dem Ausflug zur Planung gehört.

Winter, Eis und Skisprung

Im Winter zeigt der Ort seine sportliche Seite. Auf der Schattenbergschanze findet der Auftakt der Vierschanzentournee statt, und die Heini-Klopfer-Skiflugschanze, rund sieben Kilometer südlich gelegen, zählt zu den größten Skiflugschanzen der Welt. Oberstdorf war Schauplatz der Nordischen Ski-Weltmeisterschaften 1987, 2005 und 2021. Auch die Nebelhorn Trophy, ein internationaler Eiskunstlauf-Wettbewerb, trägt den Namen des Hausbergs.

Die Schanzen prägen das Ortsbild und den Veranstaltungskalender. Zum Jahreswechsel richtet sich der Blick von Skisprungfans auf den Auftakt der Vierschanzentournee, die ihren Namen den vier Austragungsorten verdankt, und die Weltmeisterschaften brachten Wettkämpfe in Langlauf, Skispringen und Nordischer Kombination in den Ort. Für Urlauber ohne Wettkampfambitionen bleiben die Skigebiete an den Bergen rund um den Ort, dazu Winterwanderwege und Loipen. Das Klima trägt dazu bei: Etwa 113 Tage im Jahr liegt Schnee, das entspricht knapp einem Drittel des Jahres, denn 113 geteilt durch 365 ergibt gut 31 Prozent. Für Schneesicherheit passt der Zeitraum zwischen Dezember und Februar, und eine frühe Buchung lohnt sich, weil die Wettkämpfe am Jahresende und die Ferientermine viele Gäste in den Ort bringen. Die Schanzenanlagen sind auch außerhalb der Wettkämpfe ein Ausflugsziel, denn von den Zuschauerrängen aus lässt sich nachvollziehen, welche Weiten die Springer erreichen.

Jahreszeit und Klima als Entscheidungshilfe

Das Klima macht Oberstdorf zu einem niederschlagsreichen Ort. Am Stationswert in 806 Metern Höhe fallen im Jahresschnitt rund 1.669 Millimeter Niederschlag, und die Jahresmitteltemperatur liegt bei 7,0 Grad. Die Alpen stauen die feuchten Luftmassen aus Nordwest, deshalb regnet und schneit es am Alpenrand deutlich mehr als im Flachland, und der Wasserreichtum zeigt sich an Bächen, Wasserfällen und der Breitach. Für den Urlaub heißt das, ein Ausweichprogramm einzuplanen: Die Breitachklamm wirkt bei viel Wasser eindrucksvoller, und Talwanderungen bleiben auch bei bedecktem Himmel reizvoll.

  • Sommer: Wandern in drei Höhenlagen, kühle Schluchten wie die Breitachklamm
  • Herbst: Viehscheid in Schöllang, weite Fernsicht, ruhigere Wege
  • Winter: Skifahren, Langlauf, Winterwandern, Skisprungwettbewerbe
  • Frühling: Schneeschmelze, höhere Lagen noch lange schneebedeckt
  • Ohne Auto: Zentrum und Talwanderwege lassen sich zu Fuß und mit dem Bus nutzen

Die Reisezeit entscheidet über das Programm. Der Sommer eignet sich für Gipfeltouren und lange Talwanderungen, der Herbst bringt Almabtriebe und stabile Sichtverhältnisse, der Winter Schnee und Sport. Mit 7,0 Grad Jahresmittel liegt der Ort deutlich kühler als das Tiefland, und die Schneefallgrenze reicht im Winter regelmäßig bis in den Talboden. Im Frühjahr liegt in den Höhenlagen noch Schnee, während im Talboden schon Wanderwege freiwerden. Bei freier Wahl empfiehlt sich für die Hauptsaison eine frühe Planung, für ruhigere Tage der Wechsel auf den Herbst oder das späte Frühjahr. Auf diese Weise bleibt der südlichste Ort Deutschlands ein Ziel, das sich in jeder Jahreszeit anders zeigt.