Der Name Allgäu und was er bedeutet

Im Jahr 817 taucht der Name zum ersten Mal in einer Urkunde auf, und er sieht dort kaum nach Allgäu aus: Albigauge steht da, zusammen mit dem Ort Zell. Aus dieser Schreibweise stammt die verbreitete Annahme, der Name beschreibe schlicht ein Gebirgsland, ein Gau der Berge. Das klingt einleuchtend, wirkt aber glatter, als die Sprachgeschichte es hergibt. Denn die beiden Wortteile sind unterschiedlich gut belegt. Das erste Glied lässt sich weit zurückverfolgen, das zweite bleibt in seiner Herkunft bis heute umstritten. Und neben der Gau-Deutung kursiert eine zweite, die mit Bergen kaum etwas zu tun hat, sondern mit Wasser und Wiesen.

Hinzu kommt ein Umstand, der den Namen zusätzlich verwischt: Was als Allgäu gilt, hat sich im Lauf der Jahrhunderte mehrfach verschoben. Auf der Fahrt von Kempten nach Oberstdorf durchquert der Reisende eine Landschaft, die im Mittelalter zum Teil anders genannt wurde, während Gegenden weit im Norden zeitweise ebenfalls den Namen trugen. Der folgende Text geht der Reihe nach durch, woher die Annahmen stammen, was sich belegen lässt, wie der Name auf vier Landkreise verteilt ist und weshalb ausgerechnet Kempten den ältesten Ortsnamen der Gegend besitzt.

Der Gau der Berge und seine Schwachstelle

Die gängigste Erklärung zerlegt den Namen in Al und gäu. Das erste Glied wird auf das althochdeutsche Wort alb zurückgeführt, das Berg oder Bergweide bedeutete. Es steckt im Kern auch im Wort Alpe, mit dem die Sommerweiden im Gebirge bezeichnet werden, und es erklärt, warum der Name so gut zu einer Gegend mit Hochweiden passt. Das zweite Glied geht auf das mittelhochdeutsche göu zurück, das Gau, Landschaft oder Gegend meint. Zusammen ergäbe sich also eine Berglandschaft, ein Gebiet, in dem Almwirtschaft den Ton angibt.

Die Sache hat einen Haken, und der liegt im zweiten Teil. Die Herkunft des Wortes Gau ist selbst unsicher, die Sprachforschung kennt dafür keine gesicherte Wurzel. Die schöne Gleichung Berg plus Gegend steht damit auf einem Bein, das nur auf einer Seite fest sitzt. Dass sie so verbreitet ist, hat einen schlichten Grund: Die Deutung lässt sich in einem Satz erzählen und passt zum Bild, das Besucher von der Landschaft haben. Weil die Deutung so bequem ist, lohnt der Blick auf die zweite, die weniger bekannt ist.

Hier wird das Ende des Namens als Ge-Äu gelesen, gedacht als Sammelbegriff für mehrere Auen, ähnlich wie mehrere Berge ein Gebirge ergeben. Der Name bezeichnete dann nicht die Höhe, sondern das Wasser: eine Landschaft mit vielen feuchten Wiesen. Ein Blick in die Täler zwischen Immenstadt und Sonthofen zeigt schnell, dass auch das nicht aus der Luft gegriffen ist. Beide Deutungen stehen in der Fachliteratur nebeneinander, und keine hat sich durchgesetzt.

Was sich belegen lässt und was nicht

Gesichert ist die Schreibweise von 817, Albigauge, die sich später zu Albigoi wandelt. Gesichert ist auch die latinisierte Form Allgovia oder Algovia, die in mittelalterlichen Schriften vorkommt, wenn Mönche den Namen in ihre Sprache übertragen. Daraus lässt sich ableiten, dass der Anfang mit Alb beginnt, nicht mit einem Wort für alle. Die häufig gehörte Erklärung, das Allgäu sei das Land, das allen offensteht oder alle Gaue umfasst, findet in den frühen Schreibungen keinen Halt.

Unsicher bleibt, wie groß das Gebiet ursprünglich war. Der engste Kern entsprach dem früheren Alpgau und reichte etwa von Scheidegg bis Bad Hindelang. Oberstdorf, das heute als Herz des Oberallgäus gilt, liegt an dessen südwestlichem Rand oder je nach Grenzziehung schon dahinter. Das überrascht, wenn der Ort heute als Inbegriff der Region auftritt, hat aber Gründe in der Verwaltungsgeschichte, nicht in der Landschaft.

Noch weiter dehnte sich der Name nach dem Bauernkrieg im sechzehnten Jahrhundert. Damals wurde fast ganz Oberschwaben als Allgäu bezeichnet, bis weit hinein in Gegenden, die heute zu Baden-Württemberg gehören und kaum Berge besitzen. Der Name ist daher eher eine Marke für ein großes Gebiet als eine scharf begrenzte Landschaft, und das erklärt die Reibereien, wenn Ortsansässige über die Frage streiten, wo das Allgäu beginnt und wo es aufhört. Eine amtliche Grenze existiert nicht.

Vier Landkreise, ein Name

Die heutige Gliederung stammt zum größten Teil aus der Gebietsreform von 1972 und folgt Verwaltungsgrenzen, nicht Sprachgrenzen. Das Oberallgäu bildet den alpinen Kern mit den Allgäuer Alpen und ihrem Vorland. Der Landkreis entstand aus den früheren Landkreisen Kempten und Sonthofen. Das Ostallgäu wurde aus den früheren Landkreisen Kaufbeuren, Marktoberdorf und Füssen gebildet und umfasst das Alpenvorland entlang von Wertach und Lech. Das Westallgäu liegt größtenteils in Baden-Württemberg, mit Orten wie Isny, Wangen, Leutkirch, Argenbühl und Kißlegg.

Am meisten Verwirrung stiftet das Unterallgäu. Der Landkreis wurde 1972 geschaffen, trägt also den Namen Allgäu im Titel, reicht aber weit nach Mittelschwaben hinein. Als Unterland bezeichnete man früher nur den Bereich zwischen Immenstadt und Dietmannsried, das war ein schmaler Streifen. Rechnet man nach, wird das Missverhältnis deutlich: Von hundert Quadratkilometern Unterallgäu liegen nur rund zwei im Allgäu im engeren Sinn, die übrigen 98 gehören historisch zu anderen Landschaften.

Für Gäste ist das wichtig, weil Ortsangaben dadurch ungenau werden. Die Allgäuer Alpen, der Nebelhorn und die Breitachklamm liegen im Oberallgäu, die Königsschlösser bei Füssen im Ostallgäu. Beide Ziele am selben Tag zu erwarten, unterschätzt die Entfernung. Ein genauerer Umgang mit den vier Namen spart auf der Landkarte mehr Zeit, als es zunächst scheint. Die Wanderziele rund um den Hauptort beschreibt der Vergleich Wandern rund um Oberstdorf.

Kempten und der älteste Name der Gegend

Während der Name Allgäu erst 817 greifbar wird, ist Kempten rund 800 Jahre älter belegt. Der griechische Geograph Strabon nennt vor dem Jahr 18 nach Christus eine keltische Siedlung namens Kambodounon. Später heißt der Ort Cambodunum, und diese Form steht auf einem Grabstein des zweiten Jahrhunderts in Budapest, auf der Peutingerschen Tafel und in römischen Straßenverzeichnissen. Im achten und neunten Jahrhundert erscheint Campidona, 1263 erstmals die deutsche Form Kemptun, 1338 das heutige Kempten.

Die frühere Deutung, der Name gehe auf einen Personennamen Cambo zurück, gilt als überholt. Stattdessen wird er aus dem gallischen kambo gebildet, das Biegung, Bucht oder Halbinsel heißt, und aus dunon, das Festung bedeutet. Gemeint ist demnach eine Festung an einer Flussbiegung, was zur Lage an der Iller gut passt. Das Endstück dunum wandelte sich regelmäßig zu tun und ten, so wie aus anderen römischen Namen heutige Namen auf ten wurden.

Ein Vorbehalt bleibt, und der gehört zur ehrlichen Darstellung: Die Strabon-Stelle ist umstritten, weil einzelne Abschriften den Namen verderbt wiedergeben, und Archäologen haben bisher keinen belastbaren Beweis für eine große keltische Siedlung gefunden. Gut belegt ist dagegen die römische Stadt. Der Name selbst ist also älter als der Nachweis dessen, was er benannte.

Wo die Deutungen stimmen könnten

Der Blick zurück zeigt, dass sich der Name Allgäu mit einiger Sicherheit auf wenige Aussagen verengen lässt. Der Anfang Alb passt zu Berg und Weide, das Ende bleibt offen, und die Größe der Region hat sich über die Zeit stark verändert. Wo einzelne Deutungen plausibel bleiben, lässt sich in drei Punkten fassen:

  • Die Gleichung Alb plus Gau erklärt die frühen Schreibungen Albigauge und Albigoi am besten, auch wenn die Herkunft des zweiten Teils ungeklärt bleibt.
  • Die Deutung als Ge-Äu, also als Land der Auen, passt zur feuchten Wiesenlandschaft, ist aber sprachlich schwächer abgesichert.
  • Die Erklärung, der Name stehe für alle Gaue, lässt sich aus den frühen Quellen nicht ableiten und gehört in den Bereich der Volksdeutung.

Wie stark Namen im Allgäu Schichten tragen, zeigt auch die Sprache der Bewohner, die sich von Tal zu Tal unterscheidet. Davon erzählt der Beitrag Allgäuer Dialekt, der zeigt, warum es keinen einheitlichen gibt. Ein ernster Blick auf den Namen der Landschaft hinterlässt deshalb zwei Gedanken im Kopf: Er ist jünger als der Name Kempten, und er wurde über die Jahrhunderte weit größer gedacht, als die Karte heute vorgibt. Wie sich daraus eine Grenze ziehen ließe, bleibt Geschmackssache: Das Allgäu über die Milchwirtschaft zu bestimmen, führt weit nach Norden, der Maßstab Alpen hält die Grenze im Süden. Die Sprache liefert ein drittes Kriterium und die Verwaltung ein viertes. Jedes davon ergibt eine andere Landkarte, und keines davon hat mehr Recht als die übrigen. Genau darin liegt der Reiz des Namens, denn er hat sich nie auf eine einzige Linie festlegen lassen und wird deshalb weiter von Tal zu Tal etwas anders gebraucht.

Allgäuer Käsesuppe und wie sie cremig wird

Zehn Minuten länger gerührt, und aus der cremigen Käsesuppe wird eine Schüssel aus Fäden und Klumpen. Das ist der häufigste Fehler bei diesem Gericht, das schnell gekocht ist und trotzdem Aufmerksamkeit verlangt. Die Suppe besteht aus wenigen Zutaten: einer hellen Mehlschwitze, Brühe, Sahne, einem Schuss Wein und sehr viel Käse. Der Käse macht den Unterschied, denn seine Reife bestimmt Geschmack und Bindung. Mit 400 Gramm Bergkäse und 200 Gramm Emmentaler für vier Portionen trägt er die Suppe praktisch allein.

Das Rezept ist schnell erzählt und verlangt 15 bis 20 Minuten Zeit, es verzeiht aber kaum Hitze. Der Allgäuer Bergkäse und der Allgäuer Emmentaler tragen wie der Sennalpkäse und der Weißlacker die EU-Herkunftsbezeichnung g. U., sodass Herstellung und Verarbeitung in der Region stattfinden müssen. Mit anderem Käse gekocht, entsteht ein gutes Essen, aber nicht mehr die Rundung, die den Allgäuer Käse ausmacht. Eine Tasse davon wärmt an einem kalten Tag nach der Wanderung länger als jede Brühe, und die Zutaten stehen in jedem Vorratsschrank der Region bereit. Wie dieser Käse entsteht, erklärt So entsteht Allgäuer Bergkäse. Das Gegenstück aus Teig und Käse steht im Rezept der Kässpatzen.

Zutaten und Vorbereitung für vier Portionen

Vier Portionen als Hauptgericht oder sechs als Vorspeise ergeben sich aus diesen Mengen. Wichtiger als die Menge ist die Vorbereitung, denn die Suppe wird in Minuten gekocht und lässt dazwischen keine Zeit zum Reiben oder Schneiden. Alles steht deshalb vor dem Einschalten des Herds bereit.

  • 60 Gramm Butter
  • 40 Gramm Weizenmehl
  • 100 Milliliter Weißwein, ersatzweise ein regionales Bier
  • 400 Milliliter Sahne
  • 500 Milliliter Rinderkraftbrühe
  • 400 Gramm Allgäuer Bergkäse, neun Monate gereift
  • 200 Gramm Allgäuer Emmentaler
  • Schnittlauch, schwarzer Pfeffer, bei Bedarf Salz
  • Croutons oder geröstete Weißbrotwürfel zum Servieren

Der Käse wird fein gerieben, und zwar vollständig, bevor die Butter schmilzt. Grobe Raspeln lösen sich langsamer, und was länger im Topf bleibt, ballt eher zusammen. Neun Monate gereifter Bergkäse ist würzig, aber noch geschmeidig und schmilzt gleichmäßig. Älterer Käse bringt mehr Aroma, neigt aber dazu, schlechter zu binden, weil er trockener ist und beim Erhitzen leichter Fett abgibt. Der Emmentaler ist der milde Partner und sorgt für Cremigkeit. Beide Sorten zusammen ergeben 600 Gramm, also 150 Gramm Käse je Portion.

Brühe, Sahne und Wein werden abgemessen und griffbereit gestellt. Der Wein kann durch Bier ersetzt werden, das der Suppe eine herbere Note gibt. Das Brot für die Croutons wird in Würfel geschnitten und in einer Pfanne mit etwas Butter geröstet, bis es goldbraun ist. Beim Salz heißt es abwarten bis zum Schluss: Käse und Brühe bringen schon viel mit, und ein Nachwürzen am Ende ist gefahrlos, ein Abmildern dagegen nicht.

Welcher Käse in den Topf gehört

Vier Sorten tragen die geschützte Herkunftsangabe des Allgäus: Bergkäse, Emmentaler, Sennalpkäse und Weißlacker. Für die Suppe kommen die ersten beiden infrage, weil sie mild bis würzig schmelzen und eine gleichmäßige Bindung ergeben. Der Weißlacker ist ein kräftig riechender Käse und taugt höchstens als kleiner Zusatz, der Sennalpkäse stammt von den Sommeralpen und schmeckt aromatischer.

Beim Einkauf vor Ort bleibt die Wahl offen: Entlang der Allgäuer Käsestraße liegen Sennereien und Hofläden, in denen sich der Käse am Stück probieren und nach Reife auswählen lässt. Für die Suppe zählt weniger das Etikett als der Zustand des Stücks. Frisch angeschnitten, leicht elastisch und ohne trockene Kanten schmilzt er am besten, ein ausgetrockneter Rest hingegen bleibt im Topf körnig. Bei neun Monaten Reife findet sich das Gleichgewicht zwischen Würze und Schmelzverhalten.

Fertig geriebene Ware in Beuteln enthält meist Trennmittel, die ein glattes Schmelzen stören können. Auch das spricht dafür, den Käse selbst zu reiben, und zwar fein genug, dass die Raspeln schon in der Hand weich werden. Die 600 Gramm werden in drei Portionen eingerührt, jede erst nach dem Verschwinden der vorigen. Ein Stück am Stück bleibt außerdem länger frisch als abgepackte Mischungen und lässt sich nach dem Reiben in Folie wieder verschließen.

Der Ablauf von der Mehlschwitze bis zur Schüssel

  1. Die Butter bei mittlerer Hitze im Topf schmelzen lassen, das Mehl einrühren und zu einer hellen Mehlschwitze verrühren.
  2. Mit dem Wein ablöschen, nach und nach einrühren, bis keine Klumpen bleiben.
  3. Brühe und Sahne zugießen und kurz aufkochen lassen.
  4. Die Hitze auf kleine Stufe zurückschalten und den geriebenen Käse unter ständigem Rühren einrühren, in zwei oder drei Portionen.
  5. Köcheln lassen, bis der Käse geschmolzen ist und die Suppe cremig bindet; kleine Klümpchen sind normal.
  6. Mit Schnittlauch, Pfeffer und Croutons servieren.

Die Mehlschwitze soll hell bleiben. Sobald das Mehl in der Butter zu duften beginnt und leicht Farbe annimmt, ist der richtige Moment zum Ablöschen. Wird sie dunkel, schmeckt die Suppe nussig, aber sie verliert den milchigen Charakter, der zum Käse passt. Der Wein wird nur in kleinen Mengen eingegossen, damit die Schwitze nicht klumpt. Zischt es beim Ablöschen laut, war der Topf zu heiß, und die Hitze kommt kurz zurück. Brühe und Sahne dürfen anschließend kräftig einkochen, denn die Flüssigkeit wird nach dem Käse nicht mehr aufgefüllt. Nach etwa vier Minuten bildet sich an der Oberfläche ein dünner Film, der die Sahne anzeigt, und dann ist der Moment für den Käse gekommen. Wird er früher zugegeben, schmilzt er zwar ebenfalls, aber die Suppe hat noch nicht genug Bindung, um ihn aufzunehmen.

Beim Käse entscheidet die Geduld. Er wird in Portionen untergerührt, jede erst dann, wenn die vorige verschwunden ist. Der Topf steht dabei auf kleiner Stufe und nicht auf dem stärksten Feuer. Kocht die Suppe wild, trennen sich Fett und Eiweiß des Käses, und die Suppe wird körnig. Ein Schneebesen oder ein Holzlöffel mit flacher Kante erreicht den Topfboden besser als ein Löffel.

Zeiten, Hitze und Erkennungszeichen

Die Dauer der einzelnen Schritte hängt vom Herd, vom Topf und vom Käse ab. Ein dickwandiger Topf hält die Wärme länger und verlangt, den Herd früher herunterzuschalten, während ein dünner schneller reagiert, aber auch schneller überhitzt. Reibt sich der Käse nicht fein genug, verlängert sich der Käseschritt um mehrere Minuten, und genau dort entscheidet sich, ob die Suppe glatt wird. Die Tabelle fasst Richtwerte zusammen, mit denen die Gesamtzeit von rund 17 Minuten erreicht wird.

SchrittHitze und ZeitErkennungszeichen
Mehlschwitzemittel, etwa 2 MinutenMehl duftet, bleibt hell
Ablöschen mit Weinmittel, etwa 1 Minuteglatte Masse ohne Klumpen
Brühe und Sahnemittel, etwa 4 Minutenleichtes Aufkochen, dünner Film
Käse einrührenklein, etwa 8 MinutenKäse verschwindet, Suppe wird cremig
Ziehen lassenaus, etwa 2 MinutenOberfläche glatt, keine Fäden

Für mehr als vier Portionen wird mit einem Faktor gerechnet. Für sechs Portionen gilt das Eineinhalbfache: 90 Gramm Butter, 60 Gramm Mehl, 150 Milliliter Wein, 600 Milliliter Sahne, 750 Milliliter Brühe, 600 Gramm Bergkäse und 300 Gramm Emmentaler. Die Zeit wächst dabei kaum, nur der Käse braucht im größeren Topf etwas länger zum Schmelzen. Für zwei Portionen reicht die Hälfte, wobei sich 20 Gramm Mehl schlecht abwiegen lassen und ein gehäufter Esslöffel genügt. Beim Vergrößern bleibt nur der Topf ein Thema: Er braucht eine größere Fläche, damit die Hitze gleichmäßig verteilt wird und der Käse nicht am Rand ansetzt. Die Gesamtzeit bleibt dennoch nahe bei 17 Minuten, weil Mehlschwitze und Aufkochen kaum länger dauern.

Typische Fehler und wie sie sich vermeiden lassen

Der erste Fehler ist die Hitze. Bei zu viel Hitze gibt Käse Fett ab und wird fadenziehend, und ein Aufkochen nach dem Einrühren zerstört die cremige Bindung. Muss die Suppe warmbleiben, kommt sie vom Herd und rührt vor dem Servieren kurz durch. Aufwärmen am nächsten Tag gelingt nur bei kleiner Hitze und mit einem Schuss Milch.

Abwandlungen ändern am Grundablauf nichts, solange die Hitze klein bleibt:

  • Bier statt Wein gibt eine herbere Note und passt zu Bergkäse.
  • Ein Teil Sennalpkäse im Mix macht die Suppe aromatischer und würziger.
  • Geröstete Zwiebelringe statt Croutons bringen eine süßliche Knusprigkeit.

Der zweite Fehler ist zu viel Salz. Der gereifte Bergkäse ist von sich aus kräftig im Geschmack, und Rinderkraftbrühe aus dem Glas ebenfalls. Gewürzt wird deshalb erst nach der Käsezugabe, und zwar mit Pfeffer. Der dritte Fehler betrifft das Mehl: Fehlt es oder wird es zu spärlich dosiert, fließt die Suppe dünn, und der geschmolzene Käse setzt sich am Boden ab. Mit 40 Gramm Mehl auf 1000 Milliliter Flüssigkeit bleibt die Suppe sämig, ohne mehlig zu schmecken.

Gereicht wird die Suppe mit Croutons und Schnittlauch serviert, und zwar sofort, solange die Oberfläche glatt ist. Ein Löffel geröstete Zwiebeln passt als Beilage dazu. Als Hauptgericht passt ein Stück kräftiges Brot, als Vorspeise genügt eine kleine Tasse. Mit den Kässpatzen verbindet die Suppe ein Gedanke: aus wenigen Zutaten und viel Käse eine ganze Mahlzeit zu machen.

Warum es in Oberstdorf im Sommer am meisten regnet

In Oberstdorf fallen im Juli 198 und im August 201 Millimeter Niederschlag, und damit mehr als in jedem Wintermonat. Das widerspricht dem Bild, das die meisten vom Ort haben: tief verschneite Dächer, Skispringer, Langläufer auf gespurten Loipen. Hinter diesem Bild steckt keine Täuschung, denn wer im Winter dort war, hat den Schnee wirklich gesehen, und das Bild erzählt nur einen Teil der Geschichte. Es geht um Schnee, und Schnee ist eine Sache der Tage und der Schneehöhe. Wasser dagegen ist eine Sache der Menge, und die Menge fällt im Sommer.

Der Widerspruch löst sich auf, sobald zwei Größen auseinandergehalten werden, die im Gespräch über das Wetter durcheinandergeraten: die Menge an Schneetagen und die Summe des Wassers, das vom Himmel kommt. Der Ort liegt auf rund 813 Metern, die Messstation etwas tiefer auf 806 Metern, und die Berge im Süden erreichen fast 2650 Meter. Dazwischen entscheidet die Luft, wann und wie viel sie abgibt. Das Tal liegt zudem im Schutz hoher Gipfel, die Wolken festhalten und Regen verstärken. Die Werte der folgenden Abschnitte sind Mittelwerte aus langen Reihen und beschreiben ein typisches Jahr, kein bestimmtes.

Warum der Winter so nass wirkt

Der Eindruck vom Schneeort entsteht aus der Häufigkeit. Im Mittel zählt die Station etwa 113 Tage im Jahr mit mindestens einem Zentimeter Schnee. Davon entfallen allein auf den Januar rund 27 Tage, auf den Februar knapp 25 und auf den Dezember knapp 23. Zusammen sind das etwa 75 der 113 Tage, also zwei Drittel. Kalt genug für Schnee ist es im Tal also vor allem von Dezember bis Februar, und in diesen drei Monaten bildet sich das Bild, das sich später in Prospekten wiederfindet. Von Juni bis September ist Schnee im Tal dagegen eine Ausnahme. Im Januar angereist, erlebt der Gast fast an jedem Tag Schnee, und diese Erinnerung prägt sich ein.

Schnee hat zudem einen optischen Vorteil gegenüber Regen. Ein Millimeter Wasser bildet eine unauffällige Pfütze, in Schnee verwandelt wächst daraus ein Zentimeter oder mehr, der wochenlang liegen bleibt. Als Faustregel entspricht ein Zentimeter Neuschnee etwa einem Millimeter Wasser, bei lockerem Pulver nur der Hälfte, bei nassem und schwerem Schnee dem Doppelten. Ein Regenguss von zwanzig Millimetern ist nach einer Stunde im Bach verschwunden, ein Schneefall mit zwanzig Zentimetern dagegen prägt die Landschaft eine Woche lang. Das Auge speichert, was liegen bleibt, nicht, was abfließt.

Hinzu kommt der Wintersport. Die Wettbewerbe in der Skisprungarena und die Loipen verbinden den Ort mit dem Schnee, selbst wenn im selben Jahr der August mehr Wasser bringt als der Januar. Eine Geschichte, die Gäste von Oberstdorf mitnehmen, handelt von Schnee. Wie sich Wintersport und Ort miteinander verknüpften, schildert der Beitrag Warum Oberstdorf als Wintersportort so bekannt wurde.

Was die Messreihen tatsächlich zeigen

Der Jahresdurchschnitt liegt je nach Messzeitraum bei etwa 1670 bis 1800 Millimetern. Wären die Niederschläge gleichmäßig verteilt, kämen auf jeden Monat rund 139 Millimeter. Juli und August liegen mit 198 und 201 Millimetern um gut 42 und fast 45 Prozent über diesem Wert. Beide Zahlen lassen sich nachrechnen: 198 minus 139 ergibt 59, und 59 geteilt durch 139 sind 0,42. Zusammen bringen die zwei Sommermonate etwa 400 Millimeter, ein knappes Viertel des Jahres.

Ein Millimeter Niederschlag entspricht einem Liter auf den Quadratmeter. Im August fallen also rund 201 Liter auf jeden Quadratmeter, das sind zwanzig gefüllte Zehnliter-Eimer. Auf einen Hektar gerechnet kommen 2010 Kubikmeter zusammen. Im Jahresverlauf summiert sich der Wert auf mehr als anderthalb Kubikmeter je Quadratmeter.

Ebenso unterstreicht die Häufigkeit von Niederschlagstagen das Bild. An durchschnittlich 197 Tagen fällt mindestens ein Zehntel Millimeter, also an mehr als jedem zweiten Tag. Es regnet oder schneit in Oberstdorf deshalb viel öfter, als es trocken bleibt, und die mittlere Menge je Niederschlagstag beträgt nur etwa 8 bis 9 Millimeter. Das Wasser kommt in vielen kleinen Portionen, im Sommer allerdings mit einem Schwerpunkt auf kräftigen Schauern und Gewittern.

Der Stau und die Sommerschauer

Für die Menge sorgt die Lage am Alpenrand. Strömt feuchte Luft aus Nordwest gegen die Berge, muss sie aufsteigen. Von Oberstdorf bis zum Gipfel des Nebelhorns, der auf 2224 Metern liegt, sind es gut 1400 Höhenmeter. Beim Aufstieg kühlt die Luft ab, kann weniger Wasserdampf halten und gibt den Überschuss als Wolken und Niederschlag ab. Den Mechanismus, bei dem die Luft dann auf der Leeseite absinkt und sich erwärmt, beschreibt der Beitrag Föhn im Allgäu ausführlich.

Im Sommer kommt ein zweiter Antrieb dazu. Die Sonne heizt die Talhänge auf, warme Luft steigt auf, und über den Gipfeln bilden sich Quellwolken, die sich am Nachmittag zu Gewittern auftürmen. Diese Schauer sind örtlich begrenzt, aber ergiebig. Ein einziges Gewitter kann binnen einer Stunde zehn bis zwanzig Millimeter bringen, während ein Wintertag mit Dauerschnee dafür einen ganzen Tag braucht. Sommerniederschlag fällt dadurch in wenigen heftigen Episoden, Winterniederschlag in vielen leichten.

Warme Luft kann außerdem mehr Wasserdampf aufnehmen als kalte, bei 20 Grad rund viermal so viel wie bei null Grad. Mehr Dampf bedeutet mehr Regenwasser, das beim Aufsteigen wieder abgegeben werden kann. Der Sommer ist damit wegen der Gewitter und zugleich wegen seiner feuchteren Luft die nasseste Jahreszeit am Alpenrand. Der Winter wiederum ist die Jahreszeit, in der das Wasser als Schnee am längsten im Blick bleibt.

Wo die Vorstellung vom Schneeort stimmt

Ganz falsch ist das Bild nicht. Für die Temperatur und die Schneedecke gilt, was die Postkarte verspricht, und einige Zahlen belegen es. Der Jahresmittelwert der Temperatur liegt bei etwa 7 Grad, im Januar bei minus 2,5 Grad und im Juli bei 16,4 Grad. Der Rekord nach unten liegt bei minus 32 Grad im Februar, der Rekord nach oben bei 35,6 Grad im Juli. Die Spanne von fast 68 Grad zwischen beiden Extremen zeigt, wie unterschiedlich beide Jahreshälften sind.

Wo der Ruf als Schneeort gilt, lässt sich in drei Punkten zusammenfassen:

  • Die Zahl der Schneetage ist im Winter hoch, mit rund 27 Tagen im Januar der Spitzenwert des Jahres.
  • Schnee bleibt liegen und prägt das Bild, auch wenn die Wassermenge im Sommer größer ist.
  • Von Juni bis September fällt im Tal praktisch kein Schnee, während der Niederschlag seinen Höhepunkt erreicht.

Die Gegend ist deshalb beides: ein Schneeort im Winter und ein Wasserort im Sommer. Die Urlaubsplanung kann sich auf beides einstellen. Auch Bäche und Wasserfälle des Tals führen nach den Sommerschauern viel Wasser, weil die Schmelze im Gebirge und der Regen zusammenwirken. Der Satz vom regenreichen Sommer ist damit kein Widerspruch zum Schneeort, sondern seine zweite Hälfte. Beim Lesen von Wetterdaten lohnt deshalb immer die Frage, ob von Tagen, von Wassermengen oder von Schneehöhen die Rede ist, denn jede dieser Größen erzählt eine andere Jahreszeit als Hauptdarsteller. Die Tage gehören dem Winter, die Menge dem Sommer, und die Schneehöhe wächst nur in den Monaten, in denen Niederschlag und Frost zusammentreffen, also vor allem im Hochwinter. Zum Rest des Jahres gehört außerdem der Blick auf die Gesamtlage, die der Beitrag Oberstdorf als südlichstes Reiseziel Deutschlands beschreibt.

Bergheuen bei Oberstdorf und die Arbeit am steilen Hang

Ende Juli, vor Sonnenaufgang, verlässt eine Gruppe von Männern den Ort und geht talein, mit Sensen, Rechen, Seilen und Proviant auf dem Rücken. Der Weg führt ins Oytal und weiter hinauf bis über die Baumgrenze, wo Gras die einzige Pflanzendecke bildet, die in der Steilheit hält. Dort liegen die Bergwiesen, die einmal im Jahr gemäht wurden und deren Heu im Winter für das Vieh im Tal gebraucht wurde. Mehrere Tage blieb die Gruppe oben, schlief im Zelt oder früher in einer Hütte aus hinaufgetragenen Brettern und kehrte erst zurück, wenn alles Heu zu Bündeln geschnürt und ins Tal geschafft war.

Diese Arbeit hieß Bergheuen oder Wildheuen, und sie bestimmte über Jahrhunderte das Sommerende bei Oberstdorf. Die Gemeinde zählt rund 9300 Einwohner und erstreckt sich über 230 Quadratkilometer, sie ist damit die drittgrößte Gemeinde Bayerns. Ein erheblicher Teil dieser Fläche liegt in Höhen, in denen an Landwirtschaft im üblichen Sinn nicht zu denken ist. Dennoch wurde jede Fläche genutzt, die Gras trug und sich irgendwie erreichen ließ. Wie das Heuen ablief und warum der Aufwand lohnte, beschreibt der folgende Text, der keine Gefahrenlehre sein will, sondern eine Beschreibung einer Arbeit, die kaum noch jemand kennt.

Wie eine Bergwiese zu ihren Mähern kam

Die steilen Flächen gehörten häufig nicht den einzelnen Höfen, sondern der Gemeinde. Landwirte pachteten sie für ein Jahr oder länger und durften dort mähen. Das System sicherte, dass auch kleine Betriebe an Futter kamen, die im Tal nur wenige Wiesen besaßen. Die Gemeinde blieb dabei Eigentümerin, und die Bauern bekamen das Recht zur Mahd auf Zeit, so wie sie auch Weiderechte auf den Alpen kannten.

Die Wiesen lagen meist über der Waldgrenze, die in den Allgäuer Alpen grob bei 1700 bis 1800 Metern verläuft. Dort wächst ein anderes Gras als im Tal. Es ist kürzer, durchsetzt mit Kräutern, und weil es nur einmal im Jahr geschnitten wird, kann es die Samen ausreifen lassen und damit die Wiese erhalten. Landwirte schätzten dieses Heu, weil es als nahrhaft galt und im Winter die Milch der Kühe bei knappem Futter stützte. Ein Stück Bergwiese bedeutete einen zusätzlichen Vorrat, der unabhängig von den Talwiesen anfiel.

Grasberge wie die Höfats zeigen, wie steil die Hänge im Oberallgäu sein können, auf denen Gras gedeiht. Der Berg ragt bis auf 2259 Meter, hat vier schmale Gipfel und Flanken, an denen Gras bis in die Gipfelregion wächst. Dass in solchem Gelände eine Wiese zur Ernte taugt, überrascht jeden, der es zum ersten Mal sieht. Die Steilheit ist zugleich der Grund, warum Maschinen dort nie ankamen und Handarbeit bis ins zwanzigste Jahrhundert die einzige Methode blieb.

Sense, Wetzstein und eine Handvoll Proviant

Das Gepäck bestand aus wenigen, aber unverzichtbaren Dingen. Aufgezählt wird es hier als Liste, weil jede Position eine eigene Aufgabe hatte:

  • Eine kurzblättrige Sense, die auf Steilhängen handlicher ist als das lange Blatt der Talwiesen.
  • Ein Wetzstein und ein Dengelstock samt Hammer, mit dem die Schneide immer wieder dünn geschlagen wurde.
  • Rechen und Gabeln aus Holz zum Wenden und Bündeln.
  • Seile und Holzringe, mit denen die großen Bündel geschnürt wurden.
  • Steigeisen für die Füße und eine Pfanne für das Essen.
  • Mehl, Schmalz, Salz, Käse, Brot und Zwiebeln, dazu wild wachsender Schnittlauch.

Die Verpflegung war schlicht: Mehl, Schmalz, Käse, Brot und Zwiebeln ließen sich leicht tragen und machten satt, und die Pfanne war die ganze Küche. Früher trugen die Männer die Bretter für eine Hütte mit hinauf und bauten sie an der gleichen Stelle wieder auf, über Jahre hinweg, bis von der Hütte nur noch die Steine blieben. Später ersetzte ein leichtes Zelt die Hütte, was die Last deutlich verringerte. Jedes Stück Ausrüstung musste mehrere Stunden Aufstieg im Oytal überstehen, und was fehlte, ließ sich oben nicht ersetzen. Deshalb wurde vor dem Aufbruch genau überlegt, was mitkam, und was zu schwer oder entbehrlich war, blieb im Tal zurück.

Die Sense hielt nicht lange scharf. Auf dem steinigen Grund musste die Schneide nach jedem Streifen nachgeschärft werden, im Wechsel zwischen Wetzstein und Dengelstock. Das Klopfen des Hammers gehörte zum Geräusch dieser Tage, ebenso das Schaben des Steins am Stahl. Am Rhythmus ließ sich der erfahrene Mäher erkennen: Eine Sense, die zu selten nachgezogen wurde, kostete mehr Zeit, als der Schnitt einbrachte.

Vom Schnitt zum Schober

Der Ablauf folgte einer festen Reihenfolge, die sich in einer Handvoll Schritten erzählen lässt:

  1. Mähen in schmalen Streifen quer zum Hang, von unten nach oben fortschreitend.
  2. Wenden und trocknen lassen, solange die Sonne scheint.
  3. Das trockene Heu zu großen Bündeln raffen und mit Seilen und Holzringen schnüren.
  4. Die Bündel auf dem Rücken mit einem Stirnband talwärts tragen.
  5. Am Lagerplatz zu einem runden Schober aufschichten, an einer Stelle, wo kaum Lawinen zu erwarten sind.

Der Schober blieb den Sommer und Herbst über stehen, manchmal bis zum ersten Schnee. Erst dann wurde das Heu im Winter auf Schlitten ins Tal gebracht, wenn die Wege vereist und glatt waren. Der Zeitpunkt hatte einen Grund: Auf gefrorenem Boden und mit Schnee unter den Kufen ließ sich ein Schlitten mit viel Heu leichter ziehen als ein Wagen auf einem Sommerweg. Dieser späte Transport erklärt, weshalb die Mäher beim Standort des Schobers so genau auf Hanglage und Lawinenzüge achteten: Ein verlorener Schober bedeutete einen verlorenen Vorrat für das Vieh.

Zwischen den Arbeitsgängen blieb wenig Zeit für Ruhe, und die Tage oben waren lang, vom ersten Licht bis zur Dämmerung. Das Wetter bestimmte jeden Tag, und ein plötzlicher Regenguss konnte das gemähte Gras zu Boden drücken und das Trocknen um Tage verschieben. Steinschlag aus den Hängen oberhalb und das Gewicht der Bündel auf dem Rücken verlangten bei jedem Schritt Aufmerksamkeit. Dennoch war die Arbeit selten allein, denn der Trupp teilte Hütte, Feuer und Verpflegung, und gemeinsame Arbeit machte den schweren Tag leichter.

Warum der Aufwand lohnte

Heute nachgerechnet, ergibt sich eine unwirtschaftliche Bilanz: mehrere Tage Fußweg, schwere Lasten, Handarbeit, und am Ende ein Heu, das sich im Tal mit einem Bruchteil des Aufwands ernten ließe. Die Rechnung früherer Zeiten sah anders aus. Der Winter dauerte lang, der Futtervorrat war knapp, und jeder zusätzliche Heuwagen entschied darüber, wie viele Tiere durch die kalten Monate kamen. Ein Tier mehr im Stall bedeutete Milch, Käse und Fleisch, damit das Überleben des Hofes.

Dazu kam, dass Zeit im Spätsommer weniger knapp war als im Frühsommer. Wenn die Talwiesen gemäht und die Tiere von der Alpe zurück waren, hatten die Männer Hände frei. Das Bergheu verteilte die Arbeit des Jahres auf eine Zeit, in der sonst Leerlauf geherrscht hätte. Hinzu kam der gute Ruf des Heus: Es galt als sehr kräuterreich und als nahrhaftes Futter für die Wintermonate.

Die Aufgaben im Sommer beschreibt der Beitrag Das Leben der Älpler; er zeigt, wie das Vieh die Höhe nutzte, während Bergheuer das Gras für den Winter sicherten. Wie die Dörfer ihre Flächen im Lauf der Jahrhunderte neu ordneten, erklärt der Beitrag zur Vereinödung.

Was vom Bergheuen geblieben ist

Mit dem Wandel der Landwirtschaft sind die Bergheuer seltener geworden. Kleine Betriebe gaben auf, Futter wurde zugekauft, Maschinen erleichterten die Arbeit im Tal, und die Zahl der Menschen, die das Heuen in der Höhe noch kannten, schrumpfte. Geblieben sind Wiesen, die bei Wanderungen im Oytal und an anderen Hängen zu erkennen sind: auffallend gleichmäßig bewachsene Flächen oberhalb des Waldes, an denen noch alte Hüttenplätze liegen. Wo die Mahd ausbleibt, wächst Gestrüpp ein, und die Fläche verändert langsam das Gesicht.

Damit verbindet sich eine Frage der Landschaft. Die Bergmähder prägen das Bild der Hänge und halten die Artenvielfalt der Kräuter, die ohne Schnitt verschwinden würde. Diese Wirkung blieb von den Bergheuern unbeabsichtigt, aber sie ist bis heute spürbar. Für die Geschichte der Menschen im Oytal sind die alten Hüttenplätze die greifbarsten Zeugen.

Der Gedanke an das Bergheuen verändert auch den Blick auf die Hänge. Aus der Ferne wirken sie wie bloße Kulisse, aus der Nähe tragen sie Spuren menschlicher Arbeit: gepflegte Streifen, Steinhaufen, Reste von Schobern. Mit dem Wissen, wie das Heu einst gemacht wurde, ist darin nicht mehr bloß Wiese zu sehen, sondern der Rest eines Jahreskreises, der Dorf und Berg miteinander verband.

Das Kleinwalsertal als Tal zwischen zwei Staaten

Ein österreichisches Tal, das sich nur über Deutschland erreichen lässt, in dem bis 2002 die Deutsche Mark galt und dessen Orte zwei Postleitzahlen tragen: Das Kleinwalsertal gehört politisch zu Vorarlberg, praktisch aber hängt es an Oberstdorf. Der Grund liegt im Gelände. Das Tal der Breitach öffnet sich nach Norden, hinüber ins Oberallgäu, während hohe Kämme es vom übrigen Vorarlberg abschneiden. Der Widderstein mit 2.533 Metern und der Hohe Ifen mit 2.230 Metern stehen als Eckpfeiler an den Rändern. Die einzige öffentliche Straße, die Kleinwalsertalstraße, führt von Oberstdorf nach Süden und endet in Baad, ein Straßenanschluss ins restliche Vorarlberg fehlt.

Aus dieser Lage ergibt sich eine Doppelrolle für alle Einwohner, die sich im täglichen Leben zeigt, vom Telefonnetz bis zum Briefkasten. Beide Staaten haben im Tal Spuren hinterlassen. Ein Vergleich dessen, was auf der einen und was auf der anderen Seite gilt, erklärt, wie ein Tal mit knapp 5.000 Einwohnern zu seinem Sonderstatus kam und was davon geblieben ist. Das Wort klein im Namen dient dabei der Unterscheidung vom Großen Walsertal, einem anderen Tal in Vorarlberg, das ebenfalls von Walsern besiedelt wurde.

Was österreichisch ist

Verwaltung und Staatsangehörigkeit sind österreichisch. Die Gemeinde Mittelberg liegt im Land Vorarlberg, ihre Ortsteile reichen vom Eingang des Tals bis zu dessen Ende:

  • Riezlern am Talbeginn nahe der Grenze bei Oberstdorf.
  • Hirschegg und Mittelberg im mittleren Talabschnitt.
  • Baad am Ende der Straße.

Dazu gilt: Steuern fließen nach Österreich, und die Kennzahlen des Tals sind ebenfalls österreichisch: rund 97 Quadratkilometer Fläche bei etwa 4.900 Einwohnern. Die Besiedlung geht auf die Walser zurück, ein Volk aus dem Wallis in der heutigen Schweiz, das im 13. Jahrhundert in die Hochtäler der Alpen zog. Die Spuren der Zuwanderer sind im Tal bis heute zu finden, an den Siedlungsformen mit weit verstreuten Höfen ebenso wie an der Sprache, die vom Alemannischen der Nachbarschaft abweicht.

Die Mundart der Walser unterscheidet sich vom Allgäuer Dialekt der Nachbarn in Oberstdorf, auch wenn beide Gruppen sich seit Jahrhunderten kennen und miteinander Handel trieben. Der Beitrag über den Allgäuer Dialekt beschreibt, warum es keine einheitliche Mundart gibt, und das Kleinwalsertal zählt zu den Regionen, in denen sich das sehr deutlich zeigt. Politisch jedoch ist die Zugehörigkeit eindeutig, daran ändert auch der Zollanschluss nichts, was die Frage der Ausnahmen so spannend macht, denn gerade die Verwaltung, die Schulen und das Landesrecht bilden den Rahmen, in dem sich alle Sonderregeln bewegen.

Gegenüberstellung in Zahlen

MerkmalÖsterreichische SeiteDeutsche Seite
Postleitzahl Riezlern699187567
Postleitzahl Hirschegg699287568
Postleitzahl Mittelberg699387569
Telefonvorwahl05517, weiterhin gültig08329, seit 1. Juli 2003 abgeschafft
Zahlungsmittel bis 2001Schilling im übrigen ÖsterreichDeutsche Mark im Tal

Die Tabelle fasst das Wesentliche zusammen und zeigt, wo das Doppelsystem noch heute zu erkennen ist, nämlich bei den Zahlen auf dem Briefumschlag und beim Telefon. Die deutschen Postleitzahlen sollten ursprünglich zum 31. Dezember 2006 entfallen, blieben nach Protesten aber erhalten. Das zeigt, wie sehr sich die Menschen im Tal an die Doppelstruktur gewöhnt hatten. Der Eintrag zum Zahlungsmittel zeigt den eigentlichen Kern: Die Bewohner lebten über Jahrzehnte in einer österreichischen Gemeinde mit deutscher Währung, was Preise, Löhne und Handel prägte. Rechnungen wurden in Mark geschrieben, Behördenpost kam auf österreichischen Formularen. Im Jahr 2002 verschwand dieser Unterschied mit dem Euro, der in beiden Staaten galt. Für die Betriebe im Tal bedeutete das zugleich das Ende von Umrechnungsfragen bei Lieferungen und Löhnen, auch wenn Steuern, Abgaben und Verwaltungsvorschriften weiterhin dem österreichischen Recht folgen. Die Umstellung war für das Tal damit einfacher als für andere Regionen, denn die Menschen kannten den Umgang mit Währungen im Doppelpack bereits. Geblieben ist ein Wirtschaftsraum, in dem Händler, Gastwirte und Vermieter selbstverständlich über die Grenze hinweg arbeiten und Lieferanten aus dem Oberallgäu den Hauptteil der Versorgung stellen.

  1. 1891: Das Tal wird deutsches Zollausschlussgebiet.
  2. Nach dem Ersten Weltkrieg: Die Regelung wird wiederhergestellt.
  3. 1945: Ein Vertrag zwischen Österreich und der Bundesrepublik bestätigt sie erneut.
  4. 1995 bis 2002: EU Beitritt, Schengen und Euro beenden den Sonderstatus.

Was deutsch geworden ist

Seit 1891 gilt das Tal als Zollausschlussgebiet und gehört zum deutschen Wirtschaftsgebiet. Die Regelung wurde nach dem Ersten Weltkrieg wiederhergestellt und 1945 durch einen Vertrag zwischen der Republik Österreich und der Bundesrepublik Deutschland erneut bestätigt. Von 1891 bis 1995 bestand eine Zollunion mit freier Grenze, bis Österreich der Europäischen Union beitrat. Das Schengener Abkommen folgte 1997, der Euro kam 2002, und mit diesen Schritten verlor der Sonderstatus an Bedeutung.

Praktisch bedeutete der Zollanschluss, dass Waren aus Deutschland ohne Grenzkontrolle ins Tal kamen und die Deutsche Mark das Zahlungsmittel war. Steuern wurden zwar an das österreichische Finanzamt gezahlt, aber in Deutscher Mark. Auf den Postämtern gab es zwei Stempel, einen österreichischen und einen deutschen, und für Briefe galt eine Sonderregelung: Post nach Österreich wurde mit österreichischem Inlandstarif befördert, Post nach Deutschland mit deutschem. Für die Einheimischen war das normal, für Besucher aus dem Rest Österreichs erstaunlich. Der Weg von Oberstdorf hinein folgt der Breitach, deren Schlucht der Beitrag über die Breitachklamm vorstellt, und das Wasser des Tals fließt bei Oberstdorf mit Stillach und Trettach zur Iller zusammen, es verlässt das Tal also in dieselbe Richtung wie der Verkehr.

Was nach 1995 blieb und was sich änderte

Mit dem Beitritt zur EU, dem Wegfall der Grenzkontrollen und dem Euro hat der Sonderstatus an praktischer Bedeutung verloren, weil Grenze und Währung jetzt für beide Länder gleich sind. Der Wandel lässt sich in einem Satz fassen: 104 Jahre Zollanschluss von 1891 bis 1995, dann weitere sieben Jahre bis zum Euro, und seitdem ein Tal, das rechtlich gewöhnlicher geworden ist als je zuvor. Das Tal ist heute ein Ferienziel für Wanderer und Wintersportler mit Bergbahnen, Wanderwegen und Wintersportorten, dessen Lage zwischen den Staaten sich eher in Details zeigt als in Regelwerken. Die Verkehrsanbindung nach Norden ist dabei der wichtigste Punkt: Eine Straße ins übrige Vorarlberg fehlt, und wer von hier nach Bregenz oder Feldkirch will, fährt zunächst durch Bayern. Das prägt Einkäufe, Arztbesuche und Schulwege der Bewohner. Geblieben sind die Geografie und die Spuren der Geschichte, die sich in drei Punkten zusammenfassen lassen: Die Straße von Oberstdorf bleibt die einzige öffentliche Verbindung, ein Anschluss an Vorarlberg im Süden fehlt, sodass das Tal ein Beispiel für eine praktische Exklave ist. Postleitzahlen beider Länder sind weiterhin nebeneinander gültig. Und die Verkehrsverbindungen laufen über Oberstdorf, weil die Straße ins Tal dort beginnt.

Grenzen nach Talform

Wie Oberstdorf selbst als Ziel wahrgenommen wird, steht im Beitrag über das Reiseziel am Südrand Deutschlands. Der Blick ins Kleinwalsertal zeigt, dass Grenzen in den Alpen eher nach Tälern als nach Karten verlaufen: Wasserscheiden, Kämme und Passwege bestimmten, wer mit wem Handel trieb, und Verträge schrieben fest, was die Geografie ohnehin vorgab. Ein Zollausschluss war damit weniger eine Laune der Diplomatie als eine Anerkennung der Verhältnisse, die das Gebirge seit Jahrhunderten schuf. Dass sich der Verkehr nach Norden richtete, hatte schon vor 1891 mit den Verkehrswegen zu tun: Märkte, Ärzte und Weiterverkehr lagen im Allgäu, nicht jenseits der Kämme im Vorarlberg. Daran schloss die Wirtschaftspolitik nur an. Auch deshalb blieb die Regelung über politische Umbrüche hinweg bestehen und musste nach 1918 und nach 1945 lediglich bestätigt werden, statt neu erfunden zu werden. Heute erinnert das Tal daran, dass Staatsgrenzen sich nach Gebirgen richten müssen, wenn sie Bestand haben sollen, und dass eine Straße, eine Währung oder eine Postleitzahl mehr über die Zugehörigkeit eines Ortes sagen können als jede Linie auf der Karte. Dieser Gedanke reicht weit über das Kleinwalsertal hinaus und gilt für viele Täler im Alpenraum.

Die Nebelhornbahn in Oberstdorf und ihre Geschichte seit 1930

Am 10. Juni 1930 setzte sich in Oberstdorf eine Bahn in Bewegung, die ihren Betreibern als längste Personenseilbahn der Welt galt, und fuhr zum ersten Mal auf das Nebelhorn. Heute erreichen Fahrgäste in wenigen Minuten die 2.224 Meter hohe Bergstation und bewegen sich auf einer Strecke, deren Geschichte fast neunzig Jahre umfasst und die in dieser Zeit mehrfach komplett neu gebaut wurde. Die heutige Anlage hat mit der ersten außer dem Streckenverlauf wenig gemeinsam, doch die Abfolge der Umbauten erzählt, wie sich der Bergtourismus im Oberallgäu vom Abenteuer für wenige zum Massenverkehr entwickelte.

Der Weg dorthin begann nicht mit Stahlseilen, sondern mit Kapital. 1927 entstand die Nebelhornbahn AG mit einem Grundkapital von 600.000 Reichsmark, ein beträchtlicher Betrag in einem Dorf, dessen Wirtschaft von der Landwirtschaft und einem noch jungen Fremdenverkehr lebte. 1928 begann der Bau, und nur zwei Jahre später lief die Bahn. Die schnelle Umsetzung zeigt, wie sehr der Ort auf eine Bahn setzte, die Gäste auch bei kürzerem Aufenthalt ins Hochgebirge bringen konnte. Wirtschaftlich verlief der Start allerdings holprig: 1932 wurde das Kapital im Verhältnis 20 zu 1 auf 40.600 Reichsmark herabgesetzt und anschließend auf 105.000 Reichsmark erhöht, eine Sanierung, die in die Zeit der Weltwirtschaftskrise fiel. Erst 1934, mit mehr als 150.000 Fahrgästen in einem Jahr, schüttete die Gesellschaft zum ersten Mal eine Dividende aus, sechs Prozent.

Wie die Bahn gebaut war und wie sie wuchs

Die erste Anlage bestand aus Sektionen. Unten ging es vom Ort zur Seealpe, einer Mittelstation, von der aus die zweite Strecke zur Bergstation führte. Der Berg selbst gibt den Rahmen vor. Das Nebelhorn erhebt sich südlich von Oberstdorf, und zwischen Talstation und Gipfel liegen rund 1.400 Meter Höhenunterschied, die sich nur mit einer Aufteilung in Etappen bewältigen ließen. Mit diesem Aufbau ließ sich eine Höhendifferenz überwinden, die ein einziges Seilfeld technisch nicht bewältigt hätte, und er sollte die Bahn für Jahrzehnte prägen. 1954 wurden beide Sektionen unabhängig voneinander, mit einem neuen Antrieb an der Seealpe und einer Geschwindigkeit von sechs Metern pro Sekunde.

Zwischen den Fahrten wuchs auch das Umfeld. 1936 entstand die Berghütte Höfatsblick, später folgten ein Panoramarestaurant und Skilifte, darunter 1949 der erste Schlepplift am Nebelhorn. Der Weg vom Verkehrsmittel für Sommerfrischler zum Winterziel führte also über Liftanlagen, die das Gelände nutzten, das die Bahn erschloss. Auch die Rechtsform spielte eine Rolle: 1975 verzichtete der Freistaat Bayern auf sein Heimfallrecht, sodass die Gesellschaft für den geplanten Neubau Kapital aufnehmen und auf 3.465.000 D-Mark erhöhen konnte. Im Sommer wie im Winter bildete die Bergbahn jedoch das Rückgrat, an dem sich alles andere festmachte, und ohne die Fahrgäste der Bahn wäre keine dieser Anlagen ausgelastet gewesen.

Einschnitte zwischen 1945 und 1976

Nicht alles verlief geradlinig, wie diese Daten zeigen, die den Betrieb unterbrachen oder beendeten:

  1. 2. Mai 1945: Die Besatzungstruppen stellen den Betrieb ein.
  2. 1946: Die Bahn fährt wieder für die Öffentlichkeit, im selben Jahr brennt es auf der Seealpe.
  3. 24. Februar 1970: Eine Lawine richtet an der Seealpe erhebliche Sachschäden an.
  4. 11. Oktober 1976: Die alte Bahn stellt nach fast einem halben Jahrhundert den Betrieb ein.

Für den Betrieb der alten Bahn bedeutete das letzte Jahrzehnt einen Spagat zwischen Weiterbetrieb und Neubauplanung, der Betreiber und Personal über Jahre forderte. Die Anlage lief mit dem Stand der Modernisierungen der 1950er Jahre, während daneben die Pläne für den Ersatz entstanden. Die Unterbrechungen blieben kurz im Verhältnis zur Gesamtlaufzeit, was für die Robustheit der Anlage und der Organisation spricht. Zwischen den Ereignissen lagen jeweils Jahre des Normalbetriebs, in denen vor allem Wartung und schrittweise Modernisierung anstanden. Die Lawine von 1970 betraf die Mittelstation, die Seealpe, und nicht die Strecke selbst. Später entstand dort ein Trainingszentrum für Lawinenkunde. Der Betrieb nach 1945 zeigt zudem, wie eng die Bahn mit den politischen Verhältnissen verknüpft war: Mit dem Einmarsch der Besatzungstruppen ruhte der Verkehr nur wenige Monate, bereits 1946 konnten wieder Fahrgäste befördert werden, und noch 1949 entstand am Berg die erste Skiliftanlage, womit der Wintersport auf der Bergseite wieder Fuß fasste. Die Stilllegung von 1976 war dagegen geplant, weil der Neubau schon feststand und nicht mehr auf die alte Technik gesetzt werden sollte.

Der Neubau von 1977

Gebaut worden war schon vorher an der Umgebung: 1956 kam der Sessellift zum Koblat hinzu, 1967 begann der Bau der Sesselbahn vom Koblat zum Gipfel, die am 31. Januar 1968 eröffnet wurde. Der Neubau der Hauptbahn folgte binnen weniger Monaten, wie die Eröffnungsdaten zeigen: Am 19. März 1977 öffnete die neue untere Sektion, am 8. Mai die zweite. Die Kapazität von nun 600 Personen pro Stunde lag mehr als doppelt so hoch wie zuvor. Damit hatte sich die Bahn auf den Massenverkehr eingestellt, der in den Folgejahren dazukam, und 1981 kam mit dem Schlepplift am Koblat eine Anlage für 1.300 Personen pro Stunde hinzu. Die Bahn deckte damit nicht mehr nur den Aufstieg ab, sondern verband sich mit Liften zu einem Netz, in dem Gäste mehrere Höhenlagen nacheinander erreichten. Am 23. Dezember 1985 öffnete zusätzlich der Sonngehren Doppelsessellift, der zwischen 1.660 und 1.930 Metern verkehrt. Gäste aus dem Tal hatten nun mehrere Wege nach oben, und die Verteilung auf Bahnen und Lifte entlastete die Hauptstrecke an Spitzentagen spürbar. Geschichten über den Ort selbst erzählt der Beitrag zur Geschichte Oberstdorfs, und wie der Wintersport den Ruf des Ortes prägte, steht im Text über Oberstdorfs Bekanntheit.

Zahlen und Größenordnungen im Überblick

JahrEreignisGrößenordnung
1927Gründung der Nebelhornbahn AG600.000 Reichsmark Kapital
1934Erste Dividende nach der Sanierungüber 150.000 Fahrgäste im Jahr
1951Ausbau der AnlageKapazität von 92 auf 210 Personen pro Stunde
1969Zehnmillionster Fahrgast39 Jahre nach der Eröffnung
1977Neubau der beiden Sektionen600 Personen pro Stunde
1991Gipfelbahn mit GroßkabinenKabinen für 30 Personen, 500 Personen pro Stunde

Aus der Tabelle lässt sich einiges herauslesen. Zwischen 1951 und 1977 verdreifachte sich die Förderleistung der Hauptstrecke fast, von 210 auf 600 Personen pro Stunde, und über die gesamte Zeit seit 1930 stieg die Stundenleistung gegenüber den anfänglichen 92 Personen auf das 6,5fache. Ein Tag mit acht Betriebsstunden brachte anfangs also höchstens 736 Menschen auf den Berg, ab 1977 waren es 4.800. Bis 2005 stieg die Gesamtzahl der Fahrgäste auf rund 17 Millionen, im Mittel etwa 227.000 pro Jahr über fünfundsiebzig Jahre. Nach dem Zehnmillionsten 1969 dauerte es 36 Jahre, bis die nächsten sieben Millionen zusammenkamen. Dass die Zahl der Fahrgäste nicht stärker stieg, als die Kapazität wuchs, liegt an der Verteilung über das Jahr: Eine Bahn, die im Frühjahr und Herbst wegen Wartung und Wetter pausiert, erreicht ihre Höchstleistung nur an wenigen Tagen. Die Stundenwerte der Tabelle sind deshalb Obergrenzen und keine Tagesdurchschnitte. Spitzenwerte entstehen an Wintertagen mit Neuschnee und in den Sommerferien, wenn viele Gäste gleichzeitig hinauf wollen, während an Regentagen ganze Kabinenreihen leer fahren. Aus diesem Grund planen Betreiber die Anlage auf die Spitze hin, obwohl der Durchschnitt weit darunter liegt.

Von der Gipfelbahn 1991 bis zur Erneuerung 2021

Die jüngere Geschichte bestand aus Einzelschritten. 1991 wurde die Gipfelbahn mit Kabinen für 30 Personen fertig, am 19. Dezember war die offizielle Eröffnung. 1995 riss man die alte Strecke von der Seealpe zur Bergstation ab und gestaltete die Bergstation um. 2003 und 2004 entstand ein Trainingszentrum für Lawinenkunde, 2008 ein Speicherteich von knapp 50.000 Kubikmetern für die Beschneiung. 2015 reichte die Beschneiung vom Höfatsblick bis zum Gipfel, 2016 entstand eine neue Gipfelstation mit Restaurant und ein Nordwandweg.

Anfang der 1990er Jahre wurde damit die Technik der Gipfelstrecke auf den Stand der Zeit gebracht, und die Bahn hatte nun drei Abschnitte mit jeweils eigener Bauart. Der Rückblick zeigt, wie viel Technik in einer Bahn steckt, die den Besuchern nur als kurze Fahrt vorkommt: Seile, Antriebe, Stützen und Stationen werden in Abständen von Jahrzehnten erneuert, weil Material ermüdet und Vorschriften sich ändern. Nach mehr als neunzig Betriebsjahren begann 2020 eine umfassende Erneuerung, im Mai 2021 öffnete die erneuerte Anlage. Wenn die Bahn seit 1930 Gäste in die Höhe bringt, erfüllt sie damit weiterhin die Aufgabe, für die 1927 die Aktiengesellschaft gegründet wurde. Wichtige Merkmale der Entwicklung lassen sich so festhalten:

  • Jede Erneuerung steigerte Förderleistung und Komfort, von 92 Personen pro Stunde zu Beginn bis zu Kabinen für 30 Personen auf der Gipfelstrecke.
  • Zusatzangebote wie Hütten, Lifte und Restaurants kamen nach der Bahn und profitierten von den Fahrgästen, die sie brachte.
  • Kriegsende, Brand und Lawine unterbrachen den Betrieb, hielten die Entwicklung aber nicht auf.

Das Allgäuer Braunvieh und der Mythos von der einen Rasse

Braune Kühe auf der Weide gelten im Allgäu als selbstverständlich, und die verbreitete Annahme lautet: Braunvieh ist Braunvieh, egal ob es auf einer Wiese bei Oberstdorf steht oder in Wisconsin. Tatsächlich haben die Tiere im Allgäu und die Kühe der amerikanischen Brown Swiss Zucht nur noch die gemeinsame Herkunft, und ihre Wege trennten sich vor mehr als anderthalb Jahrhunderten. Das Original Braunvieh, wie es im Allgäu gehalten wird, ist eine alte Doppelnutzungsrasse, die sowohl Milch als auch Fleisch liefert, und gilt als die am längsten eingeführte Rinderrasse der Region. Dass im Allgäu überhaupt eine Milchwirtschaft entstand, hängt eng mit diesen Tieren zusammen.

Hinter der Frage steckt mehr als Genetik. Um zu verstehen, warum der Bergkäse so schmeckt, wie er schmeckt, und warum die Alpen bis in große Höhen bestoßen werden, muss die Kuh in den Blick nehmen, die dort läuft. Rasse, Landschaft und Handwerk haben sich gegenseitig geformt. Dabei lassen sich Mythen und Tatsachen gut auseinanderhalten, wenn die Geschichte der Tiere von Anfang an verfolgt wird, von den Klosterställen der Schweiz bis zu den Zuchtverbänden der Gegenwart und den Weiden unterhalb der Allgäuer Gipfel.

Woher die Annahme vom einen Braunvieh kommt

Die Verwirrung beginnt bei der gemeinsamen Wurzel. Die Zucht des Braunviehs begann vor rund 600 Jahren im Kloster Einsiedeln in der Zentralschweiz. Die Mönche führten über mehrere Jahrhunderte genaue Aufzeichnungen und Tagebücher zu ihren Zuchtgrundsätzen, was für die damalige Zeit ungewöhnlich war. Von dort verbreiteten sich die Tiere in die Ostschweiz und in die Nachbarregionen, nach Vorarlberg, Tirol und ins Allgäu.

Zwischen 1869 und 1880 wurden Braunviehrinder aus der Schweiz in die Vereinigten Staaten ausgeführt. Dort wählte man sie ausschließlich nach der Milchleistung aus, und aus ihnen entstand das amerikanische Brown Swiss. Nach Europa kamen diese Linien später zurück. Ab dem Jahr 1967 setzten Züchter verstärkt Stiere der Brown Swiss ein, was die Milchmenge steigerte, die Tiere größer und früher reif machte, aber auch einiges an Muskulatur und Robustheit kostete. Im Stall kann man heute also eine Kuh antreffen, die weitgehend dem alten Typ entspricht, oder eine, die zu großen Teilen Brown Swiss Blut führt. Von außen lässt sich das für Laien kaum entscheiden, und deshalb hält sich der Glaube an eine einzige, unveränderte Rasse so zäh. Die wichtigsten Stationen der Rassegeschichte stehen hier in der Reihenfolge, in der sie belegt sind:

  1. Etwa 15. Jahrhundert: Beginn der Zucht im Kloster Einsiedeln.
  2. 1869 bis 1880: Ausfuhr von Braunvieh in die USA, Grundlage der Brown Swiss.
  3. Ab 1967: verstärkter Einsatz von Brown Swiss Stieren in Europa.
  4. 1980er Jahre: Gründung von Erhaltungszuchtvereinen in Deutschland und Österreich.

Die Liste zeigt, dass der Weg zur reinen Milchkuh keine Zwangsläufigkeit war, sondern eine Folge von Zuchtentscheidungen, die sich rückgängig machen lassen, auch wenn dafür Jahrzehnte nötig sind.

Was Maße und Milch über die alte Rasse zeigen

Ein Blick auf die Zahlen trennt die Typen. Die Grundmaße des Original Braunviehs stehen in der folgenden Aufstellung.

  • Kuh: rund 700 Kilogramm bei 135 bis 145 Zentimetern Widerristhöhe.
  • Stier: 1.000 bis 1.100 Kilogramm bei 140 bis 160 Zentimetern Widerristhöhe.

Die Zahlen wirken nüchtern, bedeuten aber viel für den Betrieb: Ein Tier dieser Größe frisst weniger als eine schwere Hochleistungskuh, trägt sich mit Weidegras und Heu und belastet den Almboden weniger. Im Vergleich zu Linien mit viel Brown Swiss Anteil sind die Tiere niedriger, haben kräftigere Muskeln und bringen bessere Fleischleistung, geben dafür aber weniger Milch. Für das Braunvieh insgesamt werden je nach Lage Jahresleistungen zwischen etwa 7.200 Litern in Bergregionen und weit über 10.000 Litern in Hochleistungsställen genannt, bei einem Eiweißgehalt von 3,5 bis 4,5 Prozent. Die alte Rasse bleibt im unteren Bereich dieser Spanne.

Eine Beispielrechnung zeigt, warum gerade das für Käse kein Nachteil sein muss. Angenommen, ein Betrieb hält 20 Kühe mit je 5.000 Litern im Jahr, dann kommen 100.000 Liter zusammen. Für ein Kilogramm Hartkäse werden grob zehn Liter Milch gebraucht, es entstünden also rund 10.000 Kilogramm Käse. Zwanzig Hochleistungskühe mit 8.000 Litern ergäben 160.000 Liter, aber auch deutlich mehr Futterbedarf, den das Berggras allein nicht deckt. Die Rechnung hängt von Annahmen ab, sie macht jedoch deutlich, dass für Alpbetriebe weniger Milch pro Kuh nicht automatisch weniger Ertrag bedeutet.

Der Test am Tier und im Stall

Wie lässt sich im Stall erkennen, was vor einem steht? Eindeutig ist nur der Blick in das Herdebuch, das Abstammung und Linien festhält. Alles andere bleibt Annäherung, die ein geübtes Auge zwar schärfen, aber nie ersetzen kann, und genau darin liegt der Reiz der Frage für Züchter. Äußere Hinweise sind schwächer, aber vorhanden. Beim Original Braunvieh sind die Hörner hell mit dunkler Spitze, das Fell reicht von grau bis braun, Ohren und Maul sind heller gezeichnet. Das Gesamtbild wirkt kompakter und etwas robuster als bei den hochgezüchteten Milchtypen. Nüchtern betrachtet gilt dabei jedoch eine Einschränkung: Farbe und Hornform kommen auch bei Kreuzungstieren vor, sodass ein schöner Kopf allein nichts beweist. Gewissheit geben nur Papiere und der Zuchtverband. Zuchtverbände führen die Tiere mit Ohrmarke und Abstammungsnachweis, und wer ein Herdebuchtier kauft, erhält Angaben zu Mutter, Vater und Leistungsprüfungen. Bei Tieren ohne diese Unterlagen bleibt nur die Schätzung nach Körperbau, Farbe und Charakter, die bei Mischformen schnell trügt. Selbst Züchter greifen deshalb auf Papiere statt auf Augenmaß zurück, sobald es um Verkauf oder Zuchtwahl geht, denn ein einziger Fehlgriff beim Stier wirkt sich über viele Kälbergenerationen aus und lässt sich nur langsam wieder korrigieren.

Eignung für das Gelände

Wichtiger als das Aussehen ist die Eignung für das Gelände. Die Tiere steigen im Sommer auf die Alpen, laufen täglich lange Strecken auf steilem Grund und kommen mit einfachem Futter aus. Der Weg auf die Sommerweide ist im Beitrag über den Viehscheid beschrieben, die Tätigkeit oben im Text über die Arbeit auf der Sennalpe. Ein Test, den Praktiker anwenden, ist schlicht die Frage nach der Kondition am Ende der Saison, wie ein Tier nach dem Almsommer aussieht: gesund, mit gutem Fell und stabilem Gewicht, oder ausgezehrt. Auf der Alpe zählt zudem, wie ruhig sich eine Herde führen lässt, ob die Kühe Rangordnungen halten und wie sie auf Wetterumschwünge reagieren. Ein Tier, das bei Nebel und Regen die Nerven verliert, kostet Zeit und Kraft, weshalb Sennen auf das Temperament achten. Solche Eigenschaften stehen in keinem Zuchtbuch, entscheiden aber über den Sommer, und sie lassen sich nur durch Beobachtung über mehrere Jahre beurteilen. Beim längeren Zusehen im Stall oder auf der Weide fallen Unterschiede im Gang, in der Futteraufnahme und im Umgang der Tiere miteinander auf, die in keiner Tabelle stehen.

Wo der Kern der Geschichte stimmt

Ganz falsch ist die Annahme nicht, denn das Braunvieh bildet tatsächlich die Grundlage der Allgäuer Milchwirtschaft. Es gilt als die älteste fest etablierte Rinderrasse der Region und ist einer der Gründe dafür, dass das Allgäu zur Milchregion wurde. Die Käsemacher des 19. Jahrhunderts, unter ihnen Carl Hirnbein, arbeiteten mit dieser Milch. Mehrere Eigenschaften machen sie bis heute wertvoll, und sie erklären, warum Betriebe im Gebirge an der alten Rasse festhalten, obwohl Hochleistungslinien auf dem Papier mehr Milch liefern. Zu den Gründen zählen:

  • Die Milch enthält einen Anteil an Kappa Kasein, ein Eiweiß, das für die Käseherstellung eine Rolle spielt.
  • Die Rasse ist als Doppelnutzungsrasse für Milch und Fleisch unter extensiven Bedingungen brauchbar, der Fleischansatz gilt als zart, saftig und von feiner Marmorierung.
  • Die Tiere sind an Berglage und raues Klima angepasst, weshalb sie auf der Alpe bleiben können, wo Hochleistungskühe schnell an Grenzen stoßen.

In den 1980er Jahren gründeten Züchter in Deutschland und Österreich eigene Vereinigungen, um das Original Braunvieh zu erhalten. Die Rasse steht in der Arche des Geschmacks der Stiftung Slow Food, und eine regionale Initiative, vom bayerischen Landwirtschaftsministerium unterstützt, fördert die Vermarktung von Milch und Fleisch. Damit hat sich eine Kuh, die lange im Schatten der Hochleistungslinien stand, eine neue Rolle erarbeitet. Der Erhalt hat auch einen praktischen Hintergrund: Je weniger genetische Vielfalt im Stall steht, desto größer ist das Risiko, dass sich Schwächen durchsetzen, und eine Rasse mit eigener Linie erhält die Auswahl für spätere Zuchtziele. Dazu kommt, dass sich Herkunft und Haltung für Käser und Wirte als Verkaufsargument nutzen lassen.

Carl Hirnbein und der Käse, der das Allgäu veränderte

Ein Bauernsohn aus dem Weiler Wilhams bei Missen treibt 1824 als Hirte eine Rinderherde nach Oberitalien und kommt mit einer Idee zurück, die das Allgäu verändert: Milch lässt sich zu Käse machen, den man über weite Strecken verkaufen kann. Carl Hirnbein, geboren am 27. Januar 1807 und gestorben am 13. April 1871 in Weitnau, gilt deshalb als einer der wichtigsten Agrarreformer der Region. Auf ihn gehen zwar nicht alle Neuerungen zurück, die ihm zugeschrieben werden, doch kaum jemand im Oberallgäu des 19. Jahrhunderts verband Viehhandel, Käsereien, Almwirtschaft und sogar den frühen Fremdenverkehr so beharrlich miteinander. Was von diesem Mann belegt ist und was sich mit der Zeit zur Legende verdichtet hat, lässt sich anhand der Lebensdaten recht gut trennen.

Wichtig ist der Blick auf die Ausgangslage. Im frühen 19. Jahrhundert lebte die Landwirtschaft zwischen Immenstadt, Sonthofen und Kempten vom Vieh, aber der Absatz war schmal. Butter und einfacher Hartkäse für den Eigenbedarf und den nächsten Markt, dazu der Verkauf von Jungvieh, mehr trug die Wirtschaft kaum. Genau in diese Lücke stieß Hirnbein, und der Weg dorthin begann nicht in einer Käserei, sondern auf den Saumpfaden über die Alpen.

1807 bis 1824 vom Hof in Wilhams auf die Passwege

Hirnbein wuchs als ältestes Kind von Johann Hirnbein und Franziska, geborene Eldracher, in Wilhams auf, heute ein Ortsteil von Missen-Wilhams. Nach der Volksschule im Dorf besuchte er von 1819 bis 1821 die Höhere Bürgerschule in Kempten, eine für einen Bauernsohn dieser Zeit ungewöhnlich lange Ausbildung. Dazu kamen Privatstunden in Architekturzeichnen und Italienisch. Die Sprache sollte sich als nützlich erweisen, denn der Vater handelte mit Vieh und Käse und unterhielt Beziehungen nach Süden.

Es folgte eine kaufmännische Lehre in Rovereto im heutigen Trentino, einer Handelsstadt an der Etsch, in der Waren zwischen Italien und dem Norden umgeschlagen wurden. 1824 begleitete der Siebzehnjährige als Hirte einen Rindertransport nach Oberitalien, und in den folgenden Jahren trieb er selbst drei bis vier Mal im Jahr Herden über die Alpen. Schon ein Blick auf die Strapazen erklärt den späteren Erfolg: mehrere Wochen auf Passwegen, Futter und Quartier für Dutzende Tiere, Zahlungen in fremder Währung und Verhandlungen mit Händlern, die jeden Preis drückten. In diesen Jahren lernte Hirnbein, wie Märkte funktionieren, und er sah, welche Käsesorten im Süden und Westen begehrt waren, während das Allgäu sie nicht herstellte.

1827 bis 1837 Emmentaler und Limburger

Der Vater führte die Firma ab 1830 mit dem Teilhaber Alois Rädler weiter, sie hieß nun Hirnbein und Rädler. Zu diesem Zeitpunkt lief im Allgäu bereits ein Versuch mit Schweizer Käse. 1827 hatte Josef Aurel Stadler den Schweizer Johann Althaus als Käser angestellt, und mit ihm gelang die Herstellung von Emmentaler in befriedigender Qualität. Dieser Erfolg gehört zur Vorgeschichte, an der Hirnbein anknüpfte, die er aber nicht allein geschaffen hat.

Seine eigene Spur ist der Weichkäse. 1829 reiste er in die Gegend um Limburg im heutigen Belgien, um die Herstellung des Limburger Käses zu studieren. Der erste Versuch in Oberwilhams fiel wenig befriedigend aus, also schickte er Allgäuer Burschen zur Ausbildung ins Limburgische. 1837 verfasste der Buchhalter Wilhelm Ditt eine Anleitung in zehn Punkten, die unter anderem Öfen in den Beizkellern vorsah, damit die Rinde die richtige Reife bekam. Der bis dahin verbreitete Backsteinkäse wurde innerhalb weniger Jahre fast vollständig von Limburger und Romadur verdrängt. Hirnbein betrieb zeitweise 20 bis 30 eigene Betriebe und schloss Lieferverträge mit zahlreichen Bauern, die ihm ihre Milch verkauften. Aus Galtalpen für trockenstehendes Jungvieh machte er Sennberge, auf denen gemolken und gekäst wurde, was deren Wert deutlich steigerte.

1836 und der Streit um den Geruch

Ein Eintrag der Lebensgeschichte wirkt heute komisch und war damals ernst gemeint. 1836 forderte der Magistrat in Kempten, den Käsehandel einzuschränken, weil die gereiften Weichkäse in der Stadt schlicht stanken. Limburger entsteht durch Rotschmiere auf der Rinde, und was Kenner lieben, trieb die Nachbarn der Lagerkeller zur Verzweiflung. Der Streit zeigt, wie schnell die neue Branche gewachsen war: Wo vorher eine Handvoll Bauern ihren Käse selbst verkauften, standen jetzt Lagerhäuser mitten in der Stadt.

Hirnbein ließ sich davon nicht bremsen, zumal die Nachfrage aus den Städten im Norden und Westen stetig wuchs und der Eisenbahnbau die Absatzwege später weiter öffnete. Er verlagerte Teile des Geschäfts, hatte weitere Standorte in Stuttgart und Mannheim und lieferte seine Ware dorthin, wo sie bezahlt wurde. Für die Bauern bedeutete das, ein Jahr nach dem anderen, einen sicheren Abnehmer ihrer Milch, und genau das trug dazu bei, dass die Milchwirtschaft im Allgäu im Lauf des Jahrhunderts zum Rückgrat der Region wurde. Wie heute auf den Sennalpen gekäst wird, beschreibt der Beitrag über den Bergkäse und seine Herstellung, das Leben dort der Text über die Älpler auf der Sennalpe.

Die belegten Stationen des Lebens lassen sich so ordnen:

  1. 1807: Geburt in Wilhams, ältestes Kind eines Viehhändlers.
  2. 1819 bis 1821: Höhere Bürgerschule in Kempten.
  3. 1824: erste Reise als Hirte mit einem Rindertransport nach Oberitalien.
  4. 1829: Studienreise zur Limburger Käserei in Belgien.
  5. 1836: Der Magistrat von Kempten fordert wegen der Geruchsbelästigung eine Einschränkung des Käsehandels.
  6. 1840: Heirat mit Anna Maria Heim aus Weiler.
  7. 1852: Bau des Grüntenhauses.
  8. 1871: Tod an einem typhösen Fieber.

1852 und das erste Hotel in den Allgäuer Alpen

Dass Hirnbein auch im Tourismus einen Platz in den Geschichtsbüchern hat, überrascht zunächst. 1852 ließ er auf dem Grünten, dem markanten Berg bei Sonthofen, das Grüntenhaus errichten, das erste Hotel in diesem Teil der Alpen. Er war außerdem Initiator des ersten Fremdenverkehrsprospekts für das Allgäu. Die Überlegung lag nahe, denn Reisende der Biedermeierzeit begannen, die Berge nicht mehr nur als Hindernis zu sehen. Wem damals eine Sennalpe gehörte, der hatte Milch, Käse, Brot und Holz für den Ofen vor Ort, es fehlten lediglich Betten und ein Dach, das auch bei Regen Gäste hielt. Daher gilt: Wem ein Berg mit eigener Alpwirtschaft gehört, kann Städtern, die auf der Suche nach frischer Luft und Aussicht waren, Milch, Käse und ein Bett verkaufen. Das Haus auf dem Grünten steht noch, wird heute aber nur als einfache Wanderhütte betrieben. Der Grünten gilt wegen seiner freistehenden Lage am Rand der Allgäuer Alpen als Aussichtsberg mit weitem Blick bis ins Alpenvorland, was Städter anzog.

Daneben kaufte er um die Jahrhundertmitte die Immlersche Brauerei in Weitnau und machte sie zur Hirnbein Brauerei, und er saß in der zweiten Kammer des Bayerischen Landtags. In einer Person trafen sich Stall, Käsekeller, Bierbrauerei und Parlament, was für das Allgäu der Zeit außergewöhnlich war.

Was von Hirnbein bleibt

Am 13. April 1871 starb Hirnbein in Weitnau an einem typhösen Fieber. Von seinen sechs Kindern erreichten nur Josepha und Johann Baptist das Erwachsenenalter. Sein Schwiegersohn Josef Widmann, Baurat und Jahrgang 1833, führte die Agrarreform im Allgäu weiter und gründete den Milchwirtschaftlichen Verein sowie die Allgäuer Herdebuchgesellschaft, womit die Zucht auf eine geordnete Grundlage kam. Ein Herdebuch hält Abstammung und Leistung der Tiere fest, damit Züchter Stiere und Kühe nach nachprüfbaren Eigenschaften auswählen können und nicht nach dem Augenschein. Mehr zur Rinderrasse, die diese Arbeit prägte, steht im Beitrag über das Allgäuer Braunvieh.

Straßen in Kempten, Sonthofen, Immenstadt und Wangen tragen seinen Namen, in Missen-Wilhams erinnern ein Museum und ein Informationswanderweg nach Weitnau an ihn, und der Schriftsteller Peter Dörfler nannte ihn in einer Trilogie der Jahre 1934 bis 1936 den Patriarchen des Allgäus. 2011 erschien ein Dokumentarfilm über den Allgäu Pionier. Dass sein Name bis heute auf Straßenschildern steht, spricht für nachhaltigen Einfluss auf die Region zwischen Kempten und den Bergen. Bei aller Verehrung bleibt die nüchterne Bilanz: Hirnbein war ein Unternehmer, der vorhandene Ideen konsequent im großen Maßstab umsetzte, und gerade das machte ihn für die Region so folgenreich.

Der Alpensalamander im Allgäu und sein Name Reagamändle

Auf einem nassen Waldweg im Oberallgäu liegt nach dem Regen ein schwarzes, glänzendes Tier, kaum länger als ein Finger und unbeeindruckt von nahenden Schritten. In der Mundart heißt es Reagamändle, das Regenmännlein, und der Name verrät, wann es sich zeigt: bei Regen oder kurz danach, meist zwischen Mai und Oktober. Gemeint ist der Alpensalamander, ein Lurch, der in Deutschland nur in den nördlichen Kalkalpen, im bayerischen Voralpenland und in der Adelegg im Südosten Baden-Württembergs vorkommt. Zum Lurch des Jahres 2026 wurde er gewählt, und das hat einen guten Grund: Kaum ein anderes heimisches Tier verbindet so viel Unscheinbarkeit mit so viel Aufwand. Er ist zudem ein Amphibium und kein Reptil, auch wenn er im Volksmund häufig mit Echsen in einen Topf geworfen wird. Auffällig ist nicht seine Farbe, sondern seine Art, Nachwuchs zu bekommen. Das Weibchen trägt die Jungen mindestens zwei Jahre aus, in den höchsten Lagen nach manchen Angaben bis zu vier Jahre, und bringt am Ende zwei fertig entwickelte Tiere zur Welt, die sofort an Land laufen. Eine so lange Tragzeit gilt als eine der längsten unter allen Wirbeltieren. Während der Feuersalamander im Tal seine Larven in einen Bach setzt, braucht der Alpensalamander überhaupt kein Gewässer, und genau das erlaubt ihm ein Leben in Höhen, in denen andere Lurche längst aufgeben.

Zwei Junge aus fünfzig Eizellen

Im Körper des Weibchens reifen etwa 40 bis 50 Eizellen heran, doch nur zwei davon entwickeln sich weiter. Die übrigen dienen als Nahrung: Die beiden Embryonen zehren zuerst vom Dotter der Geschwister und danach von Gewebe der Mutter. Der Nachwuchs wird also nicht zusammen mit vielen Geschwistern ins Leben geschickt, sondern in einem aufwendigen Verfahren zu zwei kräftigen Jungen herangezogen.

Die Neugeborenen messen 40 bis 55 Millimeter. Bei einer Mutter von zwölf bis fünfzehn Zentimetern Länge ergibt das ein Verhältnis von gut einem Viertel bis knapp der Hälfte der Körperlänge, ein Wert, der bei Lurchen ungewöhnlich hoch ist.

Die naheliegende Erklärung dafür liegt im Gelände. In Kalkgebirgen versickert Wasser rasch, Tümpel und ruhige Bachstellen sind rar, und die kalte Jahreszeit dauert lang. Larven, die erst im Wasser heranwachsen müssten, hätten dort kaum eine Chance. Ein Jungtier dagegen, das nach Jahren im Mutterleib fertig geboren wird, kann sofort Nahrung suchen und sich verstecken. Auch das Verhältnis von Aufwand und Ertrag ist ungewöhnlich: Aus etwa fünfzig Anlagen gehen zwei Tiere hervor, das ist ein Fünfundzwanzigstel. Der Preis dieser Strategie ist ein sehr geringer Nachwuchs pro Jahr, und das macht jede einzelne Population empfindlich gegenüber Verlusten.

Zahlen und Merkmale im Vergleich mit dem Feuersalamander

MerkmalAlpensalamanderFeuersalamander
Färbungdurchgehend pechschwarzschwarz mit gelben Flecken oder Streifen
Längemeist 12 bis 15 Zentimetermeist 15 bis 20 Zentimeter
Nachwuchszwei fertige Junge an LandLarven, die im Bach abgesetzt werden
Tragzeitzwei bis vier Jahrerund neun Monate
Höhenlage in Deutschlandetwa 600 bis 2.100 Metermeist unter 1.000 Meter
Bedarf an GewässernkeinesQuellbäche für die Larven

Beim ersten schwarzen Salamander im Wald liegt der Gedanke an den gelb gezeichneten Verwandten nahe. Dabei trennen die beiden Arten weit mehr als die Farbe. Das Gesamtareal des Alpensalamanders reicht vom Rhonetal bis nach Slowenien und endet etwa 50 Kilometer vor Wien, ein schmaler Streifen entlang der Alpen, in dem er an Felshängen, in Bergwäldern und auf Almweiden lebt. Die Weibchen sind etwas größer als die Männchen. Welche Unterschiede sonst bestehen, zeigt die vorangestellte Gegenüberstellung, in der auch der Verwandte aus dem Tal vorkommt, den viele Wanderer aus dem Mittelgebirge kennen.

Die Tragzeit fällt am stärksten ins Gewicht: Beim Alpensalamander ist sie mindestens doppelt so lang wie beim Feuersalamander und kann ein Vielfaches davon erreichen, nämlich mehr als das Fünffache. Zwei Drittel der bayerischen Fundorte liegen oberhalb von 1.000 Metern, im Allgäu ist die Art in den Kalkgegenden der Allgäuer Alpen und der Vorberge zu finden, und zwar vor allem dort, wo schattige Wälder mit Blockwerk und Moos durchsetzt sind. Verwechslungen sind zudem selten, denn gelbe Zeichnung fehlt dem Alpensalamander vollständig. Ein einfarbig schwarzes Tier in Höhenlagen über 1.000 Metern gehört fast sicher zu dieser Art.

Wo und wann er sich zeigt

  • Feuchtes Wetter, am besten während oder kurz nach Regen.
  • Die Monate Mai bis Oktober.
  • Kalkgebiete vom Voralpenland bis in die Hochlagen oberhalb der Baumgrenze.
  • Schattige Wälder mit Totholz, Moos, Blockwerk oder Latschengebüsch.

Tagsüber sitzt der Alpensalamander versteckt unter Totholz, Steinen und Moos, aktiv wird er in feuchter, kühler Witterung. Die Nahrung besteht aus Schnecken, Regenwürmern, Spinnen, Asseln und kleinen Insekten, alles, was sich am Waldboden erwischen lässt.

Die schwarze Haut erfüllt zwei Aufgaben zugleich. Zum einen nimmt sie Sonnenwärme auf, was in kalten Hochlagen den Kreislauf in Gang hält, zum anderen macht sie das Tier auf dunklem Boden schwer erkennbar. Wo Latschenkiefern, Bergmischwald und Blockhalden aneinandergrenzen, ist die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung am größten. Sicher ist sie nie, denn selbst in guten Lebensräumen bleiben die meisten Tiere unter ihrer Deckung. Auf einem Regenspaziergang Richtung Oytal, Stillachtal oder in die Hindelanger Berge stehen die Aussichten auf ein Reagamändle am besten. In Oberbayern heißt es Regenmanndl, in Berchtesgaden Bergmandl, drei Namen für dasselbe Tier, und alle drei verweisen auf Regen oder Berg. Auf Forstwegen ist es dann leicht zu übersehen und zugleich in Gefahr, denn die Tiere laufen quer über den Weg und flüchten nicht schnell. Dass sie nach dem Regen die Wege queren, hat einen Grund: Der nasse Boden erlaubt ihnen, weite Strecken zurückzulegen, ohne auszutrocknen, und die Beute ist dann ebenfalls unterwegs. Bei Trockenheit ziehen sie sich dagegen tief in Spalten zurück und sind wochenlang kaum zu finden. Die Suche hängt daher stark vom Wetter ab.

Gefährdung durch Räder und Klima

Auf den Roten Listen Deutschlands und Bayerns gilt die Art als nicht gefährdet, in der EU steht sie dennoch im Anhang IV der Habitatrichtlinie und ist streng geschützt. Der nationale Bericht von 2025 stuft den Erhaltungszustand als ungünstig ein, vor allem wegen der Erwärmung, die feuchte Lebensräume austrocknet. Hinzu kommt der Verkehr: Auf Forststraßen sterben bei nassem Wetter viele Tiere unter Rädern, vor allem unter denen schneller Elektrofahrräder. Der Hautpilz Bsal, der in den Niederlanden und in Belgien ganze Feuersalamanderbestände ausgelöscht hat, wurde beim Alpensalamander bisher nicht nachgewiesen. Das gilt als Glück, denn bei einer Art mit zwei Jungen pro Geburt und mehrjähriger Tragzeit ließe sich ein Verlust über Jahrzehnte nicht ausgleichen. Selbst ein leichter Rückgang der Geburtenzahl wirkt sich so über viele Jahre aus.

Einfache Verhaltensweisen schützen die Tiere, ohne dass jemand auf eine Wanderung verzichten müsste. Bei Regen auf Forstwegen langsamer zu fahren oder abzusteigen, hilft ebenso wie das Liegenlassen von Totholz und Steinen, die als Tagesversteck dienen. Gefundene Tiere sollten weder angefasst noch versetzt werden. Beobachtungen aus dem Allgäu können örtlichen Naturschutzstellen gemeldet werden. Die Maßnahmen kosten nur Aufmerksamkeit und ein wenig Zeit, und sie helfen auch anderen Waldbewohnern, die bei Nässe die Wege queren, etwa Bergmolchen, Kröten und Schnecken.

Mehr über die großen Tiere derselben Berge steht im Beitrag über Wildtiere in den Allgäuer Bergen im Überblick.

Die Sturmannshöhle bei Obermaiselstein und das Eis aus der Eiszeit

Im tiefsten Punkt der Sturmannshöhle bei Obermaiselstein lag über Jahrzehnte etwa ein Kubikmeter Eis, und die Pollenanalyse ergab ein Alter von rund 20.000 Jahren. Dieses Eis stammte demnach aus der letzten Eiszeit, als Gletscher die Täler am Alpenrand füllten. Inzwischen ist es vollständig geschmolzen, ein Verlust, der sich in wenigen Jahren vollzog und den Besuchern nur noch als Erzählung bleibt. Die Höhle selbst liegt auf 978 Metern Höhe oberhalb des Dorfes, hält sich bei etwa 4 Grad Celsius und erstreckt sich über rund 460 Meter Länge und 74 Meter Höhenunterschied. Der Name geht auf das mittelalterliche Wort Sturmatz zurück, das Lärm oder Tosen bedeutet, eine von mehreren Deutungen, die plausibel klingt, weil im Inneren ein Höhlenbach rauscht. Die Temperatur bleibt über das Jahr nahezu gleich: Im Hochsommer ist es im Berg nicht wärmer als im Winter, und das macht die Höhle zu einem Archiv, in dem sich Spuren der Eiszeit länger hielten als an jedem Hang draußen. Auch die Lage trägt dazu bei, denn der Eingang öffnet sich im Kalkfels oberhalb von Obermaiselstein im Oberallgäu, geschützt vor Sonne und Wind.

Eine Kaltfalle ohne unteren Eingang

Dass sich Eis über 20.000 Jahre halten konnte, liegt an der Bauweise der Höhle. Die Höhle besitzt keinen unteren Eingang, sondern nur eine Öffnung am oberen Ende. Kalte Winterluft ist schwerer als warme und sinkt in den Schlund hinab, wo sie sich sammelt wie Wasser in einem Trog. Die wärmere Sommerluft dagegen bleibt oben und dringt kaum nach unten, weil sie leichter ist. So entsteht eine Kaltfalle, in der es im tiefsten Teil dauerhaft kälter ist als draußen. Erst die Erwärmung der letzten Jahrzehnte hat diesen Mechanismus überfordert.

Das Gestein erklärt die Form. Die Höhle liegt im Schrattenkalk, einem fossilreichen Kalkstein aus der Kreidezeit. Bei der Auffaltung der Alpen wurden diese Schichten um etwas mehr als 90 Grad gekippt, sie stehen also senkrecht. Das Wasser folgte einer solchen Schichtgrenze und löste den Kalk zu einem schmalen, hohen Gang, einer Spaltenhöhle. Anders als viele Höhlen verdankt sie ihre Gestalt nicht einer Störung der Erdkruste, sondern dem Verlauf der Schichten selbst. Im Inneren fließt ein Bach, dessen hinterer, untergetauchter Teil bis heute unerforscht ist. Eine Fledermauskolonie lebt in der Höhle nicht, es ist also vor allem das Wasser, das hier arbeitet.

Wie viel Wasser durch die Höhle fließt

  1. Ein Färbeversuch hat gezeigt, dass das Wasser in der Fellbachsursprungshöhle wieder austritt. Die Quelle schüttet im Mittel etwa 15 Liter pro Sekunde, bei 4 bis 6 Grad.
  2. 15 Liter pro Sekunde mal 60 ergeben 900 Liter pro Minute.
  3. 900 Liter mal 60 ergeben 54.000 Liter pro Stunde, also 54 Kubikmeter.
  4. 54 Kubikmeter mal 24 ergeben 1.296 Kubikmeter pro Tag.
  5. 1.296 Kubikmeter mal 365 ergeben 473.040 Kubikmeter pro Jahr.
  6. Ein olympisches Schwimmbecken fasst rund 2.500 Kubikmeter, das Jahresvolumen entspricht demnach etwa 190 Becken.

Zum Vergleich dient das Eis: Ein Kubikmeter wiegt bei einer Dichte von rund 917 Kilogramm je Kubikmeter fast eine Tonne. Die Quelle liefert an einem einzigen Tag das 1.296fache dieses Volumens. Der Eisklotz war also ein winziges Überbleibsel und kein Speicher. Ein Alter von 20.000 Jahren bedeutet zudem, dass die Eisbildung um das Jahr 18.000 vor Christus einsetzte, in der Zeit des letzten Kältemaximums. Die Zahl von 15 Litern ist ein Mittelwert und verdeckt die Schwankungen im Jahreslauf: In der Schneeschmelze fließt ein Vielfaches, im Spätwinter deutlich weniger. Für die Rechnung genügt der Durchschnitt, weil er die Größenordnung zeigt, und die liegt bei knapp einer halben Million Kubikmeter im Jahr, eine Menge, die den Berg über Jahrtausende ausgewaschen hat und ihn weiterhin formt. Mit bloßem Auge ist davon nur wenig zu erkennen: Das Wasser arbeitet im Verborgenen, löst Kalk Korn für Korn und trägt ihn hinaus, sodass der Gang jedes Jahr um einen kaum messbaren Betrag weiter wird. Über Zeiträume von Zehntausenden Jahren, in denen sich Eiszeiten und Warmzeiten abwechselten, summiert sich das zu einem Hohlraum, der sich durch 74 Höhenmeter zieht.

Was sich nicht sicher sagen lässt

Die Höhle zählt zu den bekanntesten Zielen der Gegend und ist doch in mehreren Punkten ungeklärt. Zahlen und Geschichten über sie widersprechen sich teilweise oder gelten nur als Deutung.

Die Unterscheidung ist nützlich, weil Beschreibungen in Prospekten, Führungen und Erzählungen vor Ort nicht immer dasselbe meinen und weil ein Detail, das vielfach wiederholt wird, deshalb noch nicht belegt ist. Fünf Punkte verdienen den Vorbehalt, und bei jedem lässt sich genau sagen, was gesichert ist und was nicht. Gesichert sind die Lage, die Temperatur, die Jahreszahlen der Erschließung und der Weg des Wassers durch den Berg, das Übrige beruht auf Deutung oder auf Einzelmessungen.

  • Die Länge wird in Veröffentlichungen unterschiedlich angegeben, je nachdem, ob die gesamte erkundete Strecke oder nur der Teil zählt, den die Führung zeigt.
  • Der hintere Teil des Höhlenbachs ist untergetaucht und bisher nicht erforscht, ein Tauchversuch im Höhlensee fand 1965 statt.
  • Die Herkunft des Namens Sturmatz ist eine Deutung, kein bewiesener Befund.
  • Das Alter des Eises beruht auf einer Pollenanalyse, einem mittelbaren Verfahren, das Schichten anhand eingeschlossener Blütenstaubkörner einordnet.
  • Die Frage, wer als Erster den Höhlenfluss erreichte, wird unterschiedlich überliefert: Genannt werden der Lehrer Franz Xaver Epplen und Hans Rietzler.

Auch beim Eis bleibt ein Rest Unsicherheit. Pollen im Eis verraten, welche Pflanzen damals in der Umgebung blühten, und erlauben eine Einordnung in die Zeit, doch ein Kubikmeter ist wenig Material, und die Datierung gilt für diesen Rest, nicht für die ganze Höhle. Die Höhle selbst ist sehr viel älter als das Eis, denn die Spalte im Kalkstein musste lange vor der Eiszeit bestehen, damit sich darin überhaupt etwas ablagern konnte. Das Eis war ein später Gast in einem alten Gang. Von den kleinen Schatzsuchern, die in der Höhle wohnen sollen, erzählen die Überlieferungen von Berggeistern und Venedigermännle.

Von den ersten Versuchen bis zur Eröffnung 1905

Der erste schriftlich belegte Versuch, die Höhle zu betreten, stammt von 1815. Ein Dr. Geiger scheiterte damals an den Schächten. 1854 erkundete ein Dr. Gross die Höhle, 1877 bauten Dr. J. Oertel und Mitglieder des Alpenvereins einen Weg samt Stegen und Leitern. Eine weitere Erkundung folgte 1886, und 1904 ging der Lehrer Epplen bis zum Höhlensee. Im Jahr darauf gründete sich der Höhlenbauverein, der die Erschließung vorantrieb, und am 23. Juli 1905 wurde die Höhle für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Besucherzahlen zeigen, wie sehr sich der Ort veränderte. Im Jahr 1906 kamen rund 3.000 Menschen, 2003 waren es etwa 45.000, 2023 rund 50.000, das Sechzehn- bis Siebzehnfache innerhalb von 117 Jahren. Die Beleuchtung war zuerst elektrisch und ist heute auf LED umgestellt, am Ende der Führung taucht farbiges Licht den Gang in andere Töne. Eine solche Entwicklung ist für eine Höhle ungewöhnlich, denn jeder Besucher bringt Wärme, Atemluft und Licht mit, und all das wirkt auf ein Gleichgewicht ein, das über Jahrtausende stabil war. Vom Dorf aus führt ein Fußweg von etwa einer halben Stunde zur Höhle auf dem Haubenegg. Öffnungszeiten und Eintrittspreise ändern sich und gehören vor einem Besuch bei den Betreibern der Höhle nachgeprüft.