Der Grünten, der als Wächter des Allgäus gilt, war nicht immer nur ein Aussichtsberg. Mehr als vierhundert Jahre lang holten Bergleute an seinen Hängen Eisenerz aus dem Fels, und die ersten Bergwerke tauchen 1471 in den schriftlichen Überlieferungen auf. Auf den Wiesen bei Burgberg liegt unter dem Boden ein Netz aus Stollen, die erst 1946 und 1947 zugesprengt wurden. Das Eisen vom Grünten wurde am Fuß des Berges verhüttet, in einem Schmelzofen an der Starzlach, der 1607 errichtet und erst 1863 endgültig ausgeblasen wurde. Der Bergbau am Grünten gehört damit zu den ältesten und langlebigsten Gewerben der Gegend, und er prägte Wald, Wege und Siedlungen stärker, als der ruhige Gipfel vermuten lässt.
Der Berg liegt bei Burgberg im Landkreis Oberallgäu, an der Grenze zu Rettenberg, etwa 5,5 Kilometer nordöstlich von Sonthofen, und zählt zu den nördlichsten Bergen der Allgäuer Alpen. Sein Hauptgipfel, das Übelhorn, misst 1737,9 Meter. Diese Lage am Alpenrand, in der sich Erzvorkommen, Wasserkraft aus der Starzlach und ein großer Waldbestand begegneten, machte den Ort für ein Hüttenwesen im Kleinen brauchbar.

Wie der Bergbau am Grünten begann
Die Bergwerke am Grünten werden 1471 zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Gefunden wurden die Erzadern von Knappen aus Schwaz in Tirol, also von Bergleuten aus einem der bedeutendsten Bergbauzentren des damaligen Alpenraums. Dass ausgerechnet Fachleute aus Schwaz im Allgäu nach Erz suchten, ist ein Hinweis darauf, wie weit sich Wissen über Gesteinsschichten und Abbautechnik im 15. Jahrhundert verbreitete. Bergleute zogen dorthin, wo ihre Kenntnis gebraucht wurde, und brachten Geräte, Fachwörter und Arbeitsweisen mit. Schwaz war im 15. und 16. Jahrhundert vor allem als Zentrum des Silber- und Kupferbergbaus bekannt, und wer dort gelernt hatte, Gänge zu erkennen und Stollen sicher zu treiben, besaß ein Wissen, das in vielen Revieren gefragt war. Im Allgäu fanden die Knappen allerdings kein Silber, sondern Eisen, ein Metall mit anderen Anforderungen an Ofen und Brennstoff.
Vom Stollen zum Ofen
Der Abbau selbst war Handarbeit. Knappen trieben Stollen in den Berg, folgten den Erzadern und brachten das Gestein ans Tageslicht. Anschließend musste das Erz zu einem Ofen transportiert werden, der Eisen aus dem Gestein schmelzen konnte. Das war am Berg selbst kaum möglich, denn ein Hüttenbetrieb brauchte Wasser, Platz und Holz. Das Erz musste also über Pfade und Fahrwege von den Stollenmündungen zum Ofen gelangen. Der Weg des Erzes führte deshalb ins Tal, und mit ihm entstanden Wege, Fuhrwerke und Arbeitsplätze rund um den Berg. Schmiede, Fuhrleute und Köhler arbeiteten dem Bergbau zu, und jeder dieser Berufe war auf den anderen angewiesen: Ohne Kohle kein Eisen, ohne Fuhrwerk keine Kohle am Ofen, ohne Schmied kein Gerät aus dem fertigen Metall. So wuchs aus einzelnen Stollen ein Gewerbe, das Familien über Generationen ernährte und das Dorfleben im Umfeld des Grünten bestimmte.
Eine Rechnung mit Jahreszahlen
Wie lange der Bergbau am Grünten dauerte, lässt sich aus wenigen Daten nachrechnen. Die Jahreszahlen stammen aus Überlieferungen zum Berg und sind in dieser Reihenfolge zu lesen: erste Erwähnung der Bergwerke, Bau des Schmelzofens, Ende des Ofens, Sprengung der Stollen. Aus den Abständen ergibt sich ein Bild davon, wie lange das Gewerbe die Gegend beschäftigte. Eine Generation wird dabei mit rund 30 Jahren angesetzt.
- Die Bergwerke werden 1471 erstmals schriftlich erwähnt, der Schmelzofen an der Starzlach entsteht 1607: 1607 minus 1471 ergibt 136 Jahre.
- Der Ofen wird 1863 endgültig ausgeblasen: 1863 minus 1607 ergibt 256 Jahre Betrieb.
- Der Abbau reicht von 1471 bis ins späte 19. Jahrhundert: Bei einem Ende um 1880 wären das etwa 410 Jahre.
- Die Stollen werden 1946 und 1947 zugesprengt: Von 1863 bis 1947 sind es rund 84 Jahre ohne Hüttenbetrieb.
Diese Zahlen zeigen zwei Dinge. Erstens liegen zwischen der ersten Erwähnung der Bergwerke und dem Bau des Ofens mehr als 130 Jahre, eine Zeit, über die sich aus den Jahreszahlen allein nichts Näheres sagen lässt. Zweitens überdauerte der Ofen mehr als zweieinhalb Jahrhunderte, eine Zeitspanne, die ungefähr acht Generationen entspricht, wenn eine Generation mit rund 30 Jahren gerechnet wird. Ein Handwerk, das so lange währte, hinterlässt Spuren in Flurnamen, Wegen und Erinnerungen. Dass die Stollen erst Mitte des vorigen Jahrhunderts verschlossen wurden, zeigt zudem, wie lange die Spuren des Bergbaus im Gelände erkennbar blieben.
Was der Ofen verbrauchte
Die Eisenschmelze hatte einen Hunger, den der Wald zu spüren bekam: Holz. Für das Verhütten von Erz wurde Holzkohle gebraucht, und für Holzkohle mussten Köhler große Mengen Holz in Meilern verschwelen. Der Bedarf war so groß, dass Holzmangel zu einem Dauerproblem der Hüttenwerke wurde. Eine der Deutungen des Bergnamens verweist genau darauf: Der Name Grünten soll von Grind stammen, im Dialekt ein Wort für Glatzkopf, und er würde dann an kahle Hänge erinnern, deren Bäume in die Meiler gewandert waren. Gesichert ist diese Herleitung nicht, sie bleibt eine Deutung unter mehreren.
Der Zusammenhang leuchtet dennoch ein, denn Eisenerzeugung und Waldnutzung hingen eng zusammen. Wo ein Ofen 256 Jahre lang brannte, mussten die Bestände in der Umgebung über Jahrhunderte als Brennstofflager dienen. Die Landschaft, die heute als grüner Berg mit Wiesen und Wald erscheint, war damals ein Arbeitsplatz, an dem Rauch aus Meilern aufstieg und Fuhrwerke Holz und Kohle bewegten.
Was sich nicht genau sagen lässt
Schriftliche Erwähnungen entstehen häufig dort, wo Rechte, Abgaben oder Streit geregelt werden. Deshalb markiert die Jahreszahl 1471 zunächst den Zeitpunkt einer Beurkundung und nicht zwingend den Beginn des Bergbaus. Ob die Knappen aus Schwaz schon Jahre zuvor am Berg arbeiteten, wird aus der Jahreszahl nicht ersichtlich. Ebenso wenig steht fest, wie viele Menschen gleichzeitig im Berg und am Ofen arbeiteten oder wie viel Eisen im Jahr entstand. Für ein Gewerbe, das mehr als vier Jahrhunderte währte, sind das große Lücken, und sie lassen sich nur mit Zurückhaltung füllen. Vier Punkte lassen sich deshalb nicht belegen:
- Die genaue Menge an gefördertem Erz lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht beziffern, deshalb fehlt sie hier.
- Das Ende des Abbaus wird mit dem späten 19. Jahrhundert angegeben, ein genaues Jahr bleibt offen, weshalb die Rechnung oben mit einem Näherungswert arbeitet.
- Die Herleitung des Namens Grünten von Grind ist eine Deutung, kein Beleg.
- Ob die Erzadern vor 1471 bereits bekannt waren, ist nicht überliefert, die erste Erwähnung ist lediglich die früheste, die sich schriftlich fassen lässt.
Solche Lücken gehören zur Geschichte kleiner Reviere, und sie zu benennen gehört zur Ehrlichkeit eines Berichts über eine Zeit, aus der kaum Zahlen erhalten sind. Aus einem Gewerbe, das vor Jahrhunderten blühte, bleiben meist nur wenige Urkunden, ein paar Flurnamen und Reste im Gelände. Was erhalten ist, lässt sich ordnen, aber nicht ergänzen, ohne Erfundenes hinzuzufügen.
Vom Bergwerk zum Aussichtsberg
Nach dem Ende des Hüttenbetriebs wurde der Berg mehr und mehr zum Ziel von Besuchern. Kaiser Maximilian I. soll den Grünten Anfang des 16. Jahrhunderts bezwungen haben, und 1773 ließ sich Fürstbischof Clemens Wenzeslaus in einem Tragsessel von 56 Bauern hinauftragen, ein Aufstieg, der damals als Ereignis galt. Der letzte Wolf der Gegend wurde 1827 am Grünten erlegt. Auf der Hochwartspitze steht seit 1951 ein 94,5 Meter hoher Sendeturm, und am Gipfel steht ein Gebirgsjägerdenkmal von 1924.
Heute führen Wanderwege über den Berg, und seit 2006 erinnert eine Erzgruben-Erlebniswelt mit einem Schaustollen an die Zeit, als der Grünten ein Bergwerksberg war. Auf dem Berg bewegen sich Gäste in einer Landschaft, die von drei Epochen geprägt wurde: der Zeit der Knappen, der Zeit der Hirten und Sennen und der Zeit der Aussichtsgäste. Von jeder Epoche ist etwas geblieben, und der Name Wächter des Allgäus gilt für alle drei. Die wichtigsten Angaben zum Berg stehen in dieser Übersicht:
| Angabe | Wert | Einordnung |
|---|---|---|
| Höhe des Hauptgipfels Übelhorn | 1737,9 m | Gipfel am Nordrand der Allgäuer Alpen |
| Entfernung zu Sonthofen | etwa 5,5 km | Luftlinie nach Südwesten |
| Sendeturm auf der Hochwartspitze | 94,5 m Höhe, seit 1951 | Standort auf 1670 m |
| Aufstieg von Clemens Wenzeslaus | 1773, getragen von 56 Bauern | früher Besuch eines Fürsten |
| Schmelzofen an der Starzlach | 1607 bis 1863 | 256 Jahre Betrieb |

