Warum in Alpensagen so viele Berge und Schätze vorkommen

In kaum einer Landschaft stehen so viele Sagen auf so wenig Raum wie in den Alpen, und fast alle handeln von Bergen. Ein Hirt, der seine Alpe verflucht, ein Zwerg, der einen Schatz im Fels hütet, ein Heer von Toten, das in Sturmnächten über den Grat zieht: Die Bergwelt liefert den Stoff, aus dem Erzähler über Jahrhunderte ihre Geschichten spannen. Der Grund liegt weniger in der Fantasie einzelner Dichter als in der Lebenslage der Menschen. Im Gebirge sind Menschen Naturkräften ausgesetzt, die sich nicht berechnen lassen, und sie brauchen Erklärungen für das, was Wissen noch nicht erklärte.

Eine Sage ist deshalb mehr als Unterhaltung. Die Sage ist die Antwort einer Gemeinschaft auf die Frage, warum ein Fels so aussieht, warum es im Gebirge plötzlich stürmt oder warum an einer Stelle einst Reichtum lag. Sagen im strengen Sinn berichten von angeblich wirklichen Ereignissen an benennbaren Orten, im Unterschied zum Märchen, das ohne Ortsangabe in einer erfundenen Welt spielt.

Gesammelt wurden die Erzählungen vor allem im neunzehnten Jahrhundert, als Forscher und Lehrer begannen, mündliche Überlieferung aufzuschreiben. Die Brüder Grimm gaben ihre Deutschen Sagen in zwei Bänden in den Jahren 1816 und 1818 heraus, und regionale Sammler folgten in den Alpentälern. Was dabei festgehalten wurde, war schon damals Rest einer älteren Erzählkultur. Der folgende Text erklärt, nach welchem Prinzip Berge zu Bühnen der Sagen wurden, welche Naturerscheinungen sich hinter den bekannten Motiven verbergen und wie sich diese Erkenntnis auf die Lektüre alpiner Sagen anwenden lässt. Er erfindet dabei keine neuen Geschichten, sondern ordnet vorhandene Überlieferung ein, und wo es mehrere Deutungen gibt, werden sie als Deutungen benannt.

Felswand über einem Bergwald mit Nebelschwaden im Tal

Das Prinzip hinter der Sage

Das Erzählmuster alpiner Sagen folgt einer einfachen Logik: Etwas Auffälliges in der Landschaft wird mit einer Ursache verknüpft, die Menschen verstehen, nämlich mit einem Verhalten. Ein Felsblock liegt mitten auf der Wiese, und die Sage erklärt, dass ihn ein Riese oder der Teufel dort fallen ließ. Eine Weide ist unter Eis begraben, und die Sage berichtet von Hirten, die Brot und Milch verschwendeten und dafür bestraft wurden. Beide Beispiele verwandeln einen natürlichen Vorgang in eine Moralgeschichte, und das macht sie so erinnerbar. Ein Geröllfeld ist eine Tatsache, ein verfluchter Hirt ist eine Geschichte, die sich am Feuer erzählen lässt.

Dahinter steht ein weiteres Prinzip, nämlich Warnung durch Erzählung. In einer Welt ohne Wetterbericht und Geologie prägte sich ein Gebot wie den Almfrieden zu wahren oder Nahrung zu achten eher durch eine Strafgeschichte ein als durch eine Regel. Orte, an denen Sagen spielen, tragen sprechende Namen, wie Teufelsstein, Hexenwand oder Schatzberg, und diese Namen stützen die Erzählung, weil sie dem Zuhörer das Bild gleich mitliefern. Ob zuerst der Name oder zuerst die Geschichte da war, lässt sich meist nicht klären. In manchen Fällen entstand die Sage wohl aus dem Namen, in anderen gab sie ihm erst die Bedeutung, und die Forschung bewertet viele Fälle unterschiedlich.

Motive und Naturerscheinungen im Überblick

Die bekanntesten Motive der Alpensagen lassen sich mit Naturerscheinungen in Verbindung bringen, die in den Bergen tatsächlich auftreten. Die folgende Übersicht stellt fünf verbreitete Motive vor und nennt, was sich nach heutiger Deutung dahinter verbergen kann. Es handelt sich um Deutungen und nicht um bewiesene Ursachen, denn niemand kann sagen, was die ersten Erzähler im Sinn hatten.

Die Tabelle zeigt aber, dass die Sagen selten aus dem Nichts kommen. Der Fluch über eine Alpe passt zu Gletscherständen, die im Lauf der Jahrhunderte mal wuchsen, mal schrumpften, und zu Felsstürzen, die Weiden unter Geröll begruben. Die Rede von Schätzen im Berg passt zu einer Region, in der Eisenerz, Bergkristall und seltene Mineralien tatsächlich gewonnen wurden. Das Wilde Heer, das in den Rauhnächten durch die Luft zieht, erinnert an Föhnstürme, die im Winter ohne Vorwarnung über die Grate fegen. Wie der Föhn entsteht und warum er so plötzlich einsetzt, erklärt der Artikel über den Föhn im Allgäu. Eine alte Erzählgemeinschaft, die nachts in der Stube saß und den Sturm im Kamin hörte, brauchte ein Bild für die Gewalt draußen, und ein Zug der Toten über die Grate war ein Bild, das sich einprägte. Auch die Irrlichter und Moorgeister haben eine Grundlage, denn in Mooren entstehen Gase, die unter bestimmten Bedingungen schwach leuchten können, und wer nachts am Moorrand unterwegs war, sah tatsächlich Lichter, die verschwanden, sobald er näher kam.

Motiv der SageMögliche Naturerscheinung dahinterVerbreitung
Verfluchte Alpe unter EisGletscher, die vorstießen, und Felsstürze über WeidenHochgebirge, bekanntes Beispiel Übergossene Alm am Hochkönig in Salzburg
Schatz im BergErzabbau, Bergkristalle, Goldwäsche in BächenAlpenweit, im Allgäu mit den Venedigern verbunden
Wildes HeerFöhn und Sturmnächte im WinterIm gesamten Alpenraum und weit darüber hinaus
Irrlichter und MoorgeisterLeuchterscheinungen über Sumpfgas in MoorenMoore im Voralpenland
Teufelsstein und RiesenwurfFindlinge der Eiszeit, Reste von BergstürzenAlpen und Voralpenland

Was das Beispiel der Venediger zeigt

Am anschaulichsten wird das Prinzip an den Venedigersagen, die in vielen Alpentälern erzählt wurden. Die Erzählungen handeln von Fremden aus Venedig, die geheimnisvoll in die Berge zogen, Erze und Steine sammelten und mit reicher Beute zurückkehrten. Dahinter liegen echte Vorgänge, denn Händler und Bergleute aus dem Süden suchten im Mittelalter und in der frühen Neuzeit tatsächlich Metalle und Edelsteine in den Alpen, und die Ortsansässigen erlebten sie als Fremde mit einem Wissen, das ihnen verschlossen blieb. Aus dem Mangel an Verständnis entstand die Sage vom Berggeist, der Schätze hütet, und vom Zwerg, der dem Glücklichen den Weg zeigt. Für das Allgäu ist der Beitrag über das Venedigermännle und den Mythos vom Grüntengold aufschlussreich, weil er zeigt, wie sich Erzgeschichte und Erzählung vermischten, und der Artikel über Eisenerz am Grünten liefert die Fakten zum tatsächlichen Bergbau. Beide Texte ergänzen sich, denn der eine sammelt die Überlieferung, der andere die belegte Geschichte, und erst der Vergleich zeigt, welche Teile der Sage ein wahrer Kern tragen kann. Das Beispiel macht deutlich, wie nahe Sage und Geschichte beieinanderliegen: Die Erzählung bewahrt eine Erinnerung an einen Vorgang, der aus den Urkunden fast verschwunden ist, doch sie verzerrt Personen, Zeiten und Zahlen, bis kaum etwas Prüfbares bleibt.

Sagen lesen mit dem Wissen um die Natur

Eine alpine Sage lässt sich auf drei Ebenen lesen. Auf der ersten Ebene steht die Handlung, die Geschichte von Schuld und Strafe, von Gier und Belohnung. Auf der zweiten Ebene steht die Landschaft, denn jede Sage hat einen Schauplatz, der sich auf einer Wanderung aufsuchen lässt. Die dritte Ebene ist die Naturerscheinung, von der die Erzählung ausging, und hier hilft Wissen aus Geologie, Klimakunde und Geschichte. Eine Sage um einen Findling gewinnt, wenn bekannt ist, dass die Gletscher der Eiszeit Gesteinsblöcke über weite Strecken ins Vorland trugen, und dass diese Blöcke in manchen Gegenden des Allgäus heute noch einzeln in Wiesen liegen. Eine Geschichte vom Moorgeist wird greifbarer, wenn die Entstehung von Mooren und ihre Gase bekannt sind.

Die Verbindung beider Ebenen nimmt der Sage nichts von ihrem Zauber, sie verbindet sie mit der Wirklichkeit. Zugleich zeigt sie, warum die Sagen im Alpenraum so ähnlich klingen, denn Berge, Wetter und Wirtschaftsweise glichen sich von Tal zu Tal, und die Erzähler schöpften aus demselben Vorrat an Bildern. Ein Vergleich verschiedener Täler zeigt, wie dieselbe Grundgeschichte an einem anderen Ort ihren eigenen Namen und ihre eigene Pointe bekommt. Ob ein Fluch eine Alpe oder ein Heer die Rauhnacht betrifft, ist dabei weniger wichtig als die Beobachtung, dass sich die Motive wiederholen. Diese Wiederholung ist ein Befund für Forscher, denn sie deutet auf gemeinsame Erfahrungen der Alpenbewohner hin und nicht auf einen einzigen Erfinder.

  • Eine Sage hat einen Schauplatz, den Wanderer aufsuchen können, und ein Märchen kennt keinen solchen Ort.
  • Hinter vielen Motiven stehen Naturerscheinungen wie Gletscher, Föhn, Findlinge oder Moorgase, doch diese Verbindung ist eine Deutung.
  • Ortsnamen wie Teufelsstein oder Hexenwand stützen die Erzählung, ob Name oder Geschichte zuerst da war, bleibt meist offen.
  • Gesammelt wurden viele Sagen im neunzehnten Jahrhundert, und was heute gedruckt vorliegt, ist ein Ausschnitt der früheren mündlichen Vielfalt.

Schneeschuhwandern im Oberallgäu und wie die Schuhe tragen

Ein Schneeschuh trägt, weil er das Gewicht auf eine Fläche verteilt, die drei- bis viermal so groß ist wie die Sohle eines Wanderstiefels, und genau diese einfache Rechnung entscheidet, ob ein Schritt im Pulverschnee bis zum Knie einsinkt oder an der Oberfläche bleibt. Im Oberallgäu liegt von Dezember bis in den März in den Tälern und auf den Almböden meist genug Schnee für das Gerät, und die weiten Flächen abseits der Loipen und Skipisten laden zum Gehen ein. Schneeschuhwandern ist leise, braucht außer dem Gerät selbst keine Technik und lässt sich nach einer Viertelstunde Übung erlernen.

Der Artikel erklärt, was vor der ersten Tour bereitliegen muss, welche Größe zu welchem Körpergewicht passt, wie der Ablauf einer Tour aussieht und welcher Fehler am häufigsten zu müden Beinen und enttäuschten Anfängern führt. Dazu kommt ein Aspekt, der in vielen Tourenbeschreibungen fehlt: das Winterleben der Tiere im Wald, deren Ruhe durch unbedachte Wege gestört werden kann. Schneeschuhe sind keine Erfindung des Wintertourismus. Ähnliche Rahmen aus Holz und Rohhaut tragen Jäger in Nordamerika und Nordasien seit Jahrtausenden, und der heutige Schneeschuh aus Aluminium oder Kunststoff mit Stahlkrallen ist die Weiterentwicklung eines uralten Prinzips.

Zwei rote Schneeschuhe mit Bindung liegen auf festem Schnee

Material für die erste Tour im Oberallgäu

Die Ausrüstung für eine Schneeschuhtour ist überschaubar, doch jedes Stück erfüllt eine feste Aufgabe. Entscheidend sind die Schneeschuhe selbst, die sich in vielen Sportgeschäften der Region vor dem Kauf ausleihen lassen. Dazu gehören knöchelhohe, wasserdichte Winterwanderschuhe mit steifer Sohle, denn der Schuh wird über die Bindung fest mit dem Rahmen verbunden und muss Kräfte übertragen. Teleskopstöcke mit breiten Tellern helfen beim Gleichgewicht und entlasten Knie und Rücken im Anstieg, und Gamaschen verhindern, dass Schnee in den Schuh dringt. Kleidung nach dem Zwiebelprinzip ist wichtig, weil das Gehen im tiefen Schnee den Körper stark erwärmt, während die Pausen schnell auskühlen. Die Sonnenbrille ist kein Luxus, denn die Schneefläche wirft einen großen Teil der Strahlung zurück, und schon nach wenigen Stunden Tageslicht auf Höhen über tausend Metern kann das Auge gereizt sein. Ein Rucksack mit etwa zwanzig Litern Volumen reicht für eine Tagestour, und die Ersatzschicht gehört nach ganz unten, damit sie trocken bleibt. Der Preis fürs Ausleihen ist gering im Vergleich zu einem Fehlkauf, denn Größe und Bindungssystem lassen sich erst nach einer Tour wirklich beurteilen. Die Route wird am Vorabend geprüft, denn Länge und Höhenunterschied sind im Schnee schwerer einzuschätzen als im Sommer, und jeder Kilometer dauert länger als gedacht. Die Liste fasst zusammen, was in den Rucksack gehört.

  • Schneeschuhe mit Steighilfe unter der Ferse, passend zum Körpergewicht
  • Winterwanderschuhe, wasserdicht und knöchelhoch
  • Teleskopstöcke mit Schneetellern
  • Gamaschen oder lange Hosen, die über den Schuhrand reichen
  • Handschuhe zum Wechseln, Mütze, Sonnenbrille
  • Heißes Getränk, Sitzunterlage und eine kleine Mahlzeit
  • Tourenbeschreibung oder Karte samt Reservebatterie für das Telefon

Welche Größe zu welchem Gewicht gehört

Ob ein Schneeschuh trägt, hängt vom Gewicht ab, das er tragen muss, und zwar einschließlich Rucksack und Kleidung. Ein Beispiel zeigt die Zusammenhänge. Bei einem Körpergewicht von 80 Kilogramm und zehn Kilogramm Gepäck lasten 90 Kilogramm auf den Füßen, und während eines Schrittes steht das ganze Gewicht kurz auf nur einem Fuß. Ein Wanderstiefel hat eine Auflagefläche von etwa 300 Quadratzentimetern, damit entsteht ein Druck von rund 0,3 Kilogramm pro Quadratzentimeter, in der Einheit der Physik etwa 29 Kilopascal. Ein Schneeschuh mit etwa 1.000 Quadratzentimetern verteilt dieselbe Last auf mehr als das Dreifache, und der Druck sinkt auf 0,09 Kilogramm pro Quadratzentimeter oder rund neun Kilopascal. Frischer Pulverschnee mit einer Dichte von 50 bis 100 Kilogramm pro Kubikmeter hält nur sehr wenig aus, deshalb sinkt der Stiefel tief ein, der Schneeschuh aber nur wenige Zentimeter. Die Länge des Rahmens ist ein Kompromiss, denn ein größerer Schuh trägt besser, wirkt aber im Wald und im Steilgelände sperrig. Die folgende Tabelle zeigt typische Größenstaffelungen. Die Werte unterscheiden sich je nach Hersteller und dienen nur der Orientierung, und die Angaben auf dem Etikett des gewählten Modells haben Vorrang. Aus der Tabelle lässt sich ablesen, dass Kinder und leichte Erwachsene mit kurzen Rahmen gut zurechtkommen, während schwere Rucksäcke die Größe nach oben treiben. Bei Zweifeln wählt die Erfahrung die größere Stufe für Tiefschnee und die kleinere für Wald und Pfade, denn ein kurzer Rahmen verhakt sich weniger an Wurzeln und Ästen.

Gewicht mit GepäckRahmenlängeTypischer Einsatz
bis 60 Kilogrammetwa 48 bis 53 ZentimeterKinder und leichte Erwachsene, Wald und Wiese
60 bis 80 Kilogrammetwa 53 bis 58 ZentimeterStandardgröße für Tagestouren
80 bis 100 Kilogrammetwa 58 bis 64 ZentimeterTiefschnee und längere Touren mit Rucksack
über 100 Kilogrammetwa 64 bis 70 ZentimeterGroße Modelle mit Schwanz für Pulverschnee

Der Ablauf einer Tour Schritt für Schritt

Der Ablauf einer Schneeschuhtour unterscheidet sich vom Sommerwandern weniger, als viele erwarten, doch einige Handgriffe sind neu. Zuerst wird das Gerät angelegt, noch bevor die erste Steigung beginnt, denn auf einer Schneefläche geht das im Stehen nur mühsam. Danach folgt eine Gehweise, die etwas breitbeiniger ausfällt, damit die Rahmen sich nicht berühren und nicht aneinander stoßen. Das Tempo liegt deutlich unter dem Sommertempo: Im tiefen Schnee sind zwei bis drei Kilometer pro Stunde ein guter Richtwert, und im Anstieg gelten etwa 200 bis 300 Höhenmeter pro Stunde. Ein gedrosseltes Tempo am Anfang hält die Tour länger am Laufen, denn Schwitzen im Anstieg und Auskühlen in der Pause sind die beiden großen Kräftefresser.

  1. Schneeschuhe anlegen, Bindung festziehen und die Riemen prüfen.
  2. Stöcke auf Körperhöhe einstellen und im Gelände leicht nach hinten setzen.
  3. Bergauf die Steighilfe unter der Ferse hochklappen und mit kurzen Schritten gehen.
  4. Bergab die Steighilfe herunterklappen, die Knie beugen und den Körper leicht nach hinten lehnen.
  5. Nach etwa einer Stunde eine Pause einlegen, bevor der Körper auskühlt.
  6. Am Ziel die Schuhe ablegen, trocknen lassen und die Krallen von Schnee befreien.

Bergab gehen Anfänger meist zu vorsichtig, und das ermüdet die Oberschenkel. Mit leicht gebeugten Knien und gleichmäßigen Schritten rutschen die Krallen weniger, und das Gewicht verteilt sich besser. Im Steilhang wird quer und im Zickzack gegangen, damit die Rahmen nicht verkanten. Beim Stolpern, weil ein Rahmen den anderen streift, sind die Beine meist zu eng gesetzt. Nach der Tour gehören die Schuhe trocken gelagert und die Bindungen von Eis befreit, sonst frieren die Riemen am nächsten Morgen fest.

Der häufigste Fehler und das Winterleben im Wald

Der häufigste Fehler ist ein zu kleiner Schneeschuh in Kombination mit zu hohem Tempo. In zu kurzen Rahmen sinkt der Fuß im Pulverschnee dennoch tief ein, die Beine werden zu hoch gehoben, und der Kraftverbrauch steigt deutlich. Der zweite Fehler liegt im Gelände: Anfänger wählen gern die kürzeste Linie durch den Wald, weil der Schnee dort scheinbar fest ist. Dort leben jedoch Tiere, die im Winter mit wenig Energie auskommen müssen. Das Birkhuhn gräbt sich in Schneehöhlen ein, um der Kälte zu entgehen, und jede Störung zwingt es zum Auffliegen, was Energie kostet, die es bis zum Frühjahr nicht ersetzen kann. Auch Rehe, Rotwild und Gämsen zehren im Winter von ihren Reserven, und wiederholtes Aufschrecken schwächt sie. Wildruhezonen und markierte Routen sind eingerichtet worden, um solche Störungen zu verringern, und wer auf den Wegen bleibt, schont die Reserven der Tiere.

  • Zu kleine Rahmen im Pulverschnee, die trotzdem tief einsinken.
  • Eine Route quer durch den Jungwald, wo Tiere ihre Winterruhe halten.
  • Zu dicke Kleidung am Anfang, die im Anstieg durchnässt und in der Pause auskühlt.

Touren auf breiten Wegen und offenen Flächen bringen meist das bessere Erlebnis, denn dort ist die Aussicht weiter und der Schnee gleichmäßiger. Eine Tagestour von zwei bis drei Stunden reicht für den Einstieg völlig aus. Mit Kraft für mehr findet sich im Beitrag über das Langlaufen in Oberstdorf eine zweite Art, den Winter in Bewegung zu erleben, und die Landschaft der Täler vom Schneeschuh aus unterscheidet sich vom Blick aus der Loipe deutlich, weil der Schneeschuh dorthin führt, wo keine Spur gespurt ist.

Das Murmeltier im Allgäu und der Mythos vom Dauerschläfer

Der Pfiff ist laut, schrill und kommt scheinbar aus dem Nichts, und wer ihn auf einer Alpwiese oberhalb der Waldgrenze hört, sucht vergeblich nach der Quelle, bis ein braunes Tier aufrecht neben einem Erdloch auftaucht. Das Alpenmurmeltier ist in den Allgäuer Bergen ein Bewohner der Matten, die oberhalb der Baumgrenze liegen, und es trägt den Ruf eines Tieres, das sechs oder sieben Monate durchschläft, ohne sich zu rühren. Die verbreitete Annahme lautet, ein Murmeltier schlafe den ganzen Winter wie tot, verbrauche dabei kaum Kraft und wache erst im Frühjahr auf. Diese Annahme ist halb richtig und halb falsch, und gerade die falsche Hälfte ist spannend, denn sie handelt von einem der härtesten Überlebenstricks unter den Säugetieren der Alpen. Das Murmeltier senkt seinen Stoffwechsel in einem Maß, das für ein Tier von der Größe einer Hauskatze unglaublich wirkt, und es wacht dennoch mehrfach auf. Es lebt in Familienverbänden, die im Winter eng zusammenrücken, und es nutzt die Gemeinschaft als Heizung. Dazu kommen alte Geschichten, die Naturforscher über Jahrhunderte weitergaben, vom Heutransport auf dem Rücken eines Artgenossen bis zum Heilfett aus dem Bau. Was davon stimmt, lässt sich heute recht gut beantworten.

Alpenmurmeltier sitzt aufmerksam in einer blühenden Bergwiese

Warum sich das Bild vom Dauerschläfer hält

Schon der Name erzählt eine Geschichte. Das Wort Murmeltier geht auf eine ältere Form zurück, die mit dem lateinischen Ausdruck für Bergmaus zusammenhängt, und im Volksmund heißt das Tier in den Alpen auch Mungg, Munggen oder Mankei, je nach Tal. Ein Hirte, der im Herbst die Alpe verließ und im Frühjahr wiederkam, fand die Wiesen leer, die Baue verstopft und die Tiere verschwunden. Dass sie unter der Erde schliefen, lag nahe, und der Schluss, sie täten es ohne Unterbrechung, ebenso. Die alten Naturgeschichten schmückten das aus. Gelehrte der frühen Neuzeit schrieben, Murmeltiere trügen im Herbst Heu in den Bau, indem ein Tier sich flach hinlege, Gras auf den Bauch geladen bekomme und von einem anderen am Schwanz zum Eingang gezogen werde. Die Erzählung hält sich in alpinen Sagen und Kinderbüchern bis heute. Als Bild ist sie hübsch, als Tatsachenbericht falsch: Murmeltiere schleppen Gras tatsächlich in die Schlafkammer, doch sie tragen es im Maul, eine Handvoll nach der anderen. Auch die Vorstellung vom Tier, das wochenlang wie tot daliegt, stammt aus Beobachtungen am Bau, in dem tatsächlich kein Laut zu hören ist. Die Wirklichkeit ist komplizierter, und sie wurde erst mit Messfühlern geklärt, die man in Winterquartieren von Murmeltieren einsetzte.

Was die Messung zeigt

Ein erwachsenes Alpenmurmeltier wiegt im Herbst etwa vier bis fünf Kilogramm, im Frühjahr deutlich weniger. Während des Winterschlafs sinkt die Körpertemperatur von rund 37 Grad auf wenige Grad über dem Gefrierpunkt, Messungen nennen Werte zwischen fünf und acht Grad. Der Herzschlag fällt von etwa 120 Schlägen pro Minute im aktiven Zustand auf nur noch etwa fünf, die Atmung von rund zwanzig Zügen auf wenige pro Minute. Zum Vergleich ergibt sich eine einfache Rechnung: Bei 120 Schlägen pro Minute schlägt das Herz an einem Sommertag 172.800 Mal, bei fünf Schlägen im Winterschlaf nur 7.200 Mal, also rund vierundzwanzigmal weniger. Der Energiebedarf sinkt in ähnlichem Umfang. Ein Kilogramm Körperfett enthält rund 9.000 Kilokalorien, und verteilt auf etwa 200 Tage ergibt das rechnerisch 45 Kilokalorien pro Tag, ein Bruchteil dessen, was ein aktives Tier benötigt. Tatsächlich verliert ein Murmeltier im Lauf des Winters ein Fünftel bis ein Viertel seines Gewichts, also etwa ein Kilogramm, und das reicht aus, weil der Stoffwechsel nahezu stillsteht. Der überraschende Teil kommt jetzt: Der Schlaf ist nicht durchgehend. In Abständen von mehreren Tagen bis Wochen heizt das Tier seinen Körper auf Normaltemperatur hoch, bleibt einige Stunden wach und sinkt dann wieder ab. Dieses Aufwachen kostet einen großen Teil der Energie des ganzen Winters, und warum es nötig ist, erklärt die Forschung bis heute nicht abschließend.

Warum die Familie im Winter zählt

Ein einzelnes Tier von vier Kilogramm kühlt in einem kalten Bau schneller aus, als es sich erwärmen kann, und die kleinste Zahl entscheidet über den Winter. Deshalb leben Murmeltiere in Familienverbänden von meist zwei bis zwanzig Tieren, im Durchschnitt eher zehn. Im Herbst ziehen sie in den tiefen Winterbau, der mehrere Meter unter der Oberfläche liegt, verschließen die Eingänge mit einem Pfropfen aus Erde, Steinen und Gras und kuscheln sich in der Schlafkammer zusammen. Die Körper der Tiere wärmen einander, und die Kammer, die mit Heu ausgepolstert ist, hält die Temperatur deutlich über der Außenluft. Jungtiere, die erst im Sommer geboren wurden, haben es am schwersten, denn sie müssen im ersten Herbst genug Fett ansetzen. Die erwachsenen Tiere, die nicht selbst Junge führen, halten sie im Bau warm, ein Verhalten, das Forscher als Hilfe der Gemeinschaft beschreiben. Ein Winter mit wenig Schnee kann für die Familie gefährlicher werden als ein kalter, weil der Schnee den Bau wie eine Decke isoliert und der Boden sonst tiefer durchfriert. Auch das erklärt, warum Murmeltiere gerade dort leben, wo sich im Winter verlässlich eine dicke Schneeschicht bildet, und warum sie in manchen Tälern verschwanden, als Klima und Nutzung sich änderten.

Der Pfiff im Gelände als praktischer Test

Im Sommer lässt sich an einem Hang mit Murmeltieren die Behauptung vom ahnungslosen Schläfer selbst prüfen. Die Tiere sind aufmerksam, und aus einer Gruppe steht fast immer einer als Wache aufrecht auf einem Stein oder einem Erdhügel. Sobald ein Steinadler über den Grat zieht oder ein Hund auf die Wiese läuft, ertönt der Pfiff, und binnen Sekunden ist die Wiese leer, weil jedes Tier in sein nächstes Loch geflüchtet ist. Die Rufe sind nicht einheitlich: Forscher unterscheiden einen langen, gleichmäßigen Pfiff für Luftfeinde, die sich schnell nähern, und kürzere, abgehackte Rufe, wenn ein Feind am Boden unterwegs ist. Aus dem Pfiff lässt sich also herauslesen, woher die Gefahr kommt. Zugleich liefert der Beobachtungsposten einen Hinweis auf die Größe der Familie, denn wo viele Löcher liegen und mehrere Tiere gleichzeitig fressen, ist der Verband groß. Am besten gelingt die Beobachtung aus einigem Abstand, mit einem Fernglas und ohne Hund, denn jede Störung verkürzt die Fresszeit, die das Tier zum Anlegen der Fettreserven braucht. Im Sommer frisst ein Murmeltier Kräuter, Gräser und Blüten der Alpenmatten und legt Tag für Tag Reserven an, die später den Winter tragen müssen. Ein Tier, das im August täglich einige Stunden an der Oberfläche verbringt, nimmt in dieser Zeit mehr als ein Kilogramm zu, und jede Unterbrechung am Hang kostet einen kleinen Teil davon. Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle: In den frühen Morgenstunden und am späten Nachmittag sind die Tiere am aktivsten, mittags ziehen sie sich bei Hitze häufig zurück, weil das dichte Fell Wärme staut.

Der wahre Kern der alten Geschichten

So viel an den Erzählungen falsch ist, an einigen Punkten trifft der Volksmund ins Schwarze. Das Murmeltier ist ein Wesen, das den Winter mit List und Gemeinschaft übersteht, und die alten Beobachter sahen mehr, als sie erklären konnten. Die Geschichten sind deshalb keine bloßen Märchen, sondern Beobachtungen, die bei der Weitergabe ausgeschmückt wurden. Ein Teil davon lässt sich Punkt für Punkt prüfen, und das Ergebnis fällt unterschiedlich aus, wie die folgende Liste zeigt.

  • Das Heu im Bau gibt es wirklich: Die Tiere tragen Gras in die Schlafkammer, nur eben nicht auf einem Fuhrwerk aus Artgenossen.
  • Der Pfiff hat einen echten Sinn: Er warnt die Familie und unterscheidet Gefahren aus der Luft von Gefahren am Boden.
  • Der Winterschlaf ist so tief, wie die Erzählungen sagen: Mit etwa fünf Herzschlägen pro Minute sinkt der Puls auf einen Bruchteil des Sommerwerts.
  • Das Fett war tatsächlich begehrt: Murmeltierfett gehörte lange zur Volksmedizin der Alpen, auch wenn eine Wirkung nie belegt wurde.

Aus dem Zusammenspiel dieser Punkte ergibt sich ein Bild, das mit dem Dauerschläfer wenig zu tun hat: ein soziales, wachsames Tier, das im Sommer arbeitet, im Winter mit dem Stoffwechsel haushaltet und die ganze Zeit von seiner Familie abhängt. Dass die Volkserzählung daraus einen schläfrigen Sonderling machte, sagt mehr über die Menschen als über die Tiere. Für Wanderer in den Allgäuer Alpen bedeutet das vor allem einen Perspektivwechsel: Der Pfiff ist keine Beschwerde über den Besucher, sondern ein Organisationsruf einer Gemeinschaft, die ihren Bestand sichern will, und das Tier am Erdloch ist ein Familienmitglied im Dienst. Mit diesem Wissen sieht die Wiese anders aus, und der Weg bleibt der beste Platz. Weitere Arten der Region stellt der Überblick zu den Wildtieren der Berge vor, und ein Beispiel für eine Tierart mit ebenso eigener Überlebensstrategie liefert der Beitrag über den Alpensalamander.

Kempten im Allgäu und die römische Stadt Cambodunum

Kempten gehört zu den Städten, die den Titel der ältesten Stadt Deutschlands für sich beanspruchen, neben Trier und einigen weiteren Orten am Rhein und an der Donau. Der Streit lässt sich nicht entscheiden, weil er von der Definition einer Stadt abhängt, doch ein Datum liegt fest: Der Geograf Strabon, der um die Zeitenwende schrieb, nennt im Gebiet der Vindeliker einen Ort namens Kambodunon. Dieser Name lebt im heutigen Kempten fort. Mit etwa 70.000 Einwohnern ist Kempten die größte Stadt des Allgäus, eine kreisfreie Stadt an der Iller, in der römische Mauerreste, ein Klosterbezirk der Fürstäbte und die Barockkirche St. Lorenz auf engem Raum zusammenstehen. Das Allgäu der Berge um Oberstdorf bekommt hier ein Gegenstück, die Stadtseite der Region. Die Geschichte Kemptens lässt sich an vier Epochen ablesen, und jede hat im Stadtbild Spuren hinterlassen, die ein Besucher an einem einzigen Tag aufsuchen kann. Die Römer legten Straßen und Tempel an, die Mönche schufen ein geistliches Zentrum, die Bürger erkämpften sich ihre Freiheit, und die Fürstäbte bauten nach dem Dreißigjährigen Krieg eine Residenz, die bis heute das Stadtbild prägt. Dazwischen liegen Brände, Plünderungen und eine Teilung der Stadt in zwei Gemeinwesen, die sich über Jahrhunderte gegenüberstanden. Genau diese Brüche machen den Besuch lohnend, denn nirgends im Allgäu lässt sich so anschaulich nachvollziehen, wie sich Macht, Glaube und Handel in einer Voralpenstadt abgewechselt haben.

Ruhig fließende Iller zwischen Bäumen und Häusern unter blauem Himmel

Cambodunum als römische Siedlung am Fluss

Nachdem römische Truppen im Jahr 15 vor Christus das Alpenvorland erobert hatten, entstand an der Iller eine Siedlung, die den keltischen Namen weiterführte und als Cambodunum bekannt wurde. Die Lage war klug gewählt. Der Fluss lieferte Wasser und Transportweg, die Hänge am linken Ufer boten trockenen Baugrund, und die Straßen, die vom Süden her über die Alpenpässe kamen, liefen in dieser Gegend zusammen. In den Jahrzehnten nach der Gründung wuchs ein Ort mit rechtwinkligem Straßennetz heran, mit Wohnhäusern, Werkstätten und öffentlichen Bauten. Hölzerne Häuser wichen im Lauf der Zeit Steinbauten, was in römischen Provinzstädten ein Zeichen wachsender Bedeutung war. Mehrfach zerstörten Brände Teile der Siedlung, und jedes Mal wurde sie wieder aufgebaut, ein Hinweis darauf, wie wertvoll der Standort war. Im Archäologischen Park Cambodunum sind heute die Grundmauern und rekonstruierte Teile eines gallorömischen Tempelbezirks sowie die Reste großer Thermen zu sehen, deren Ausmaße auf eine große, wohlhabende Stadt schließen lassen. Besucher erkennen dort, wie groß die Stadt war und wie selbstverständlich Badekultur, Götterverehrung und Handel zusammengehörten. Dass solche Anlagen im Allgäu stehen, überrascht viele, die römische Geschichte eher mit dem Rhein verbinden. Die römische Zeit endete in Kempten nicht abrupt. Im dritten Jahrhundert häuften sich Einfälle germanischer Gruppen, die offene Stadt am Fluss wurde unsicher, und die Bewohner zogen sich allmählich auf die Höhe am gegenüberliegenden Ufer zurück, wo eine Befestigung entstand.

Vom Rückzug auf den Burghügel zum Kloster

Die spätantike Befestigung auf dem Hügel am rechten Illerufer, der heute Burghalde heißt, war klein, aber leicht zu verteidigen. Die Anlage hielt den Namen des Ortes über die unruhigen Jahrhunderte der Völkerwanderung am Leben, in denen von einer städtischen Kultur wenig übrig blieb. Aus schriftlichen Quellen lässt sich der Verlauf dieser Zeit nur lückenhaft rekonstruieren, Archäologen schließen die Lücken mit Funden aus Gräbern und Siedlungsresten. Im achten Jahrhundert begann dann eine neue Epoche, denn in dieser Zeit wurde ein Benediktinerkloster gegründet, das später zur Fürstabtei Kempten aufstieg. Klöster waren im frühen Mittelalter weit mehr als Orte des Gebets. Mönche rodeten Wald, legten Felder an, schrieben Urkunden und verwalteten Land, und rund um das Kloster entstand ein Ort, der Handwerker und Händler anzog. Der Abt wurde mit den Jahrhunderten zum Landesherrn, im vierzehnten Jahrhundert stieg er in den Rang eines Reichsfürsten auf, und das Stift besaß Dörfer, Wälder und Alpen weit ins Allgäu hinein. Die Folgen sind bis heute spürbar, denn die Klosterherrschaft prägte die Landwirtschaft der Umgebung und trug dazu bei, dass die Milch- und Almwirtschaft im Allgäu früh eine feste Ordnung bekam. Für die Wurzeln der Allgäuer Käsekultur ist die Fürstabtei ein wichtiger Baustein, und die Entwicklung der Milchwirtschaft lässt sich im Artikel über Carl Hirnbein und den Käse, der das Allgäu veränderte weiterverfolgen.

Stiftsstadt und Reichsstadt als zwei Welten

Das Besondere an Kempten war über lange Zeit seine Teilung. Neben der Stiftsstadt der Äbte entwickelte sich die Stadt der Bürger, die sich im Jahr 1289 die Reichsfreiheit sicherten und fortan unmittelbar dem Kaiser unterstanden. Zwei Gemeinwesen lagen damit nebeneinander, getrennt durch Zuständigkeiten, Abgaben und Kirchen. Mit der Reformation verschärfte sich der Gegensatz, denn die Reichsstadt wurde evangelisch, während die Stiftsstadt katholisch blieb. Die Bürger hielten ihre eigene Kirche, die Äbte ihre Klosterkirche, und beide Seiten bewachten ihre Rechte mit Misstrauen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde Kempten schwer getroffen: Die Stadt wurde mehrfach besetzt, geplündert und teilweise zerstört, die Bevölkerung nahm stark ab. Dass nach dem Krieg ausgerechnet das Stift den ersten großen Kirchenneubau im Reich beschloss, wirkt wie ein Zeichen des Anspruchs. Die Doppelstadt blieb bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bestehen, als der Umbruch der napoleonischen Zeit beide Herrschaften beendete. Das Fürststift wurde 1802 aufgelöst und fiel an Bayern, später schlossen sich die beiden Städte zu einer einzigen zusammen. Der Gang vom Rathausplatz zur Residenz führt heute über eine ehemalige Grenze, die niemand mehr bemerkt, weil kein Schild und kein Zaun an sie erinnert.

Eine Zeitleiste für den Rundgang

Die Daten dieser Stadt reichen über zwei Jahrtausende, und wer sie nebeneinanderlegt, sieht, wie unterschiedlich die Epochen lange waren. Die römische Zeit dauerte rund drei Jahrhunderte, die Herrschaft der Äbte mehr als ein Jahrtausend, die Teilung in zwei Städte mehr als ein halbes Jahrtausend. Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Stationen zusammen und dient als Wegweiser für den Besuch vor Ort, denn fast jede Jahreszahl ist an einem Bauwerk oder Fundplatz greifbar. Ein Rundgang, der mit dem Archäologischen Park beginnt und mit der Residenz endet, geht die Geschichte in der richtigen Reihenfolge ab und braucht dafür einen halben Tag, einschließlich der Wege zwischen den Stationen am linken und rechten Illerufer. Dabei fällt auf, dass die jüngeren Epochen dichter aufeinander folgen als die älteren: Zwischen der Reichsfreiheit und dem Ende des Fürststifts liegen gut fünfhundert Jahre, zwischen Klostergründung und Reichsfreiheit rund fünfhundert, und die Römerzeit wirkt dagegen wie ein eigenes, abgeschlossenes Kapitel. Dieses Gefälle erklärt, warum der Archäologische Park etwas abseits der Altstadt liegt und warum die Geschichte der Stadt in mehreren Museen und Bauwerken erzählt wird statt an einem einzigen Ort.

  1. Um 15 vor Christus: Eroberung des Alpenvorlands, Beginn der römischen Siedlung am Fluss.
  2. Erstes bis drittes Jahrhundert: Ausbau zur Stadt mit Tempelbezirk und Thermen.
  3. Drittes Jahrhundert: Rückzug auf den Hügel am rechten Illerufer.
  4. Achtes Jahrhundert: Gründung des Benediktinerklosters.
  5. 1289: Die Bürger erhalten die Reichsfreiheit.
  6. 1652 bis 1666: Bau der Stiftskirche St. Lorenz durch Michael Beer.
  7. 1802: Das Fürststift fällt an Bayern, die Doppelstadt verliert ihre Teilung.

Barock im Stadtbild von St. Lorenz bis zur Residenz

Die Stiftskirche St. Lorenz gilt als der erste große Kirchenneubau in Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg. Gebaut wurde sie zwischen 1652 und 1666 nach Plänen des aus Vorarlberg stammenden Baumeisters Michael Beer, und sie zeigt in ihrer Anlage mit mächtiger Kuppel, ausgewogenem Innenraum und strengen Proportionen den Übergang von der Spätrenaissance zum Barock. Der Besucher bemerkt im Inneren die helle, weite Raumwirkung, die sich deutlich von gotischen Kirchen des Allgäus unterscheidet. Nebenan steht die Residenz der Fürstäbte, deren Prunkräume aus dem achtzehnten Jahrhundert mit Stuck, Deckengemälden und Möbeln den Anspruch eines geistlichen Landesherrn ausdrücken. Der Rundgang verbindet sich gut mit einem Gang durch die Altstadt, in der Bürgerhäuser, Brunnen und Gassen die Reichsstadt erkennen lassen, und mit einem Aufstieg zur Burghalde, von der aus der Blick über Dächer, Iller und Berge reicht. Für eine Reise ins Allgäu eignet sich Kempten als Auftakt, denn von hier führt die Strecke durch das Illertal weiter Richtung Immenstadt, Sonthofen und Oberstdorf. Die Entfernung bis Oberstdorf beträgt gut vierzig Kilometer, und die Bahnstrecke folgt demselben Tal. Kempten verbindet damit zwei Eindrücke des Allgäus, die Bergwelt im Süden und die Kulturlandschaft der Städte im Norden, und ergänzt das Bild, das Orte wie Bad Hindelang mit seiner langen Geschichte zeichnen.

Was Kempten heute ausmacht

Heute ist Kempten ein Hochschul-, Verwaltungs- und Einkaufszentrum für das ganze Allgäu und zugleich ein Ort, der seine Geschichte nicht versteckt. Der Archäologische Park, die Museen, die Residenz und die Kirchen bilden zusammen ein Geschichtsangebot, das für ein Wochenende reicht. Im Sommer prägt die Allgäuer Festwoche das Stadtleben, eine große Messe mit Festbetrieb, und im Winter wirken die engen Gassen mit ihren Giebelhäusern fast mittelalterlich. Eine besondere Rolle spielt die Iller, die Kempten durchfließt und die vor der Regulierung des neunzehnten Jahrhunderts ein wilder Fluss mit wechselnden Läufen war. Heute säumen Radwege das Ufer, und der Iller Radweg beginnt oder endet in dieser Region, wie der Beitrag über den Iller Radweg von Oberstdorf nach Ulm zeigt. Der Reiz der Stadt liegt in dieser Mischung. Die Wege zwischen den Sehenswürdigkeiten sind kurz, die Gassen der Altstadt lassen sich gut zu Fuß erkunden, und wer einen zweiten Tag einplant, findet im Umland Burgen, Weiler und Moorlandschaften, die das Bild abrunden. Zugleich ist Kempten ein Beispiel dafür, dass ein Reiseziel im Allgäu nicht an der Schneegrenze beginnen muss. Nach dem Besuch der römischen Therme erscheint die Fürstabtei verständlicher, und wer die Fürstabtei kennt, erkennt in der Landschaft das Werk der Klöster. Kempten ist deshalb kein Nebenschauplatz der Berge, sondern der Ort, an dem sich erklärt, warum das Allgäu so aussieht, wie es aussieht.

Die Höfats bei Oberstdorf und ihre steilen Grashänge

Die Höfats bei Oberstdorf trägt Grashänge, deren Neigung im 19. Jahrhundert mit 70 bis 82 Grad geschätzt wurde. Zum Vergleich: Eine Treppe im Wohnhaus steigt mit etwa 35 Grad, eine Skipiste gilt ab 40 Grad als sehr steil, und eine Hauswand steht bei 90 Grad. Dass auf einem solchen Hang überhaupt Gras wächst, wirkt wie ein Widerspruch, und dass an ihm über Jahrhunderte Ziegen weideten, wie ein Kunststück. Der 2258 Meter hohe Berg in den Allgäuer Alpen trennt das Oytal vom Dietersbachtal und ist unter Bergfreunden weniger durch seine Höhe als durch seine Form bekannt: ein Kamm aus Gras, aus dem Felszacken ragen. Die Steilheitsangaben stammen aus Berichten des 19. Jahrhunderts und sind Schätzungen, keine Vermessungen. Dr. Groß beschrieb 1858 Neigungen von 70 bis 80 Grad, Hermann von Barth nannte am Westgipfel 80 bis 82 Grad, ein Berliner Bergfreund namens Maschke sprach von nie weniger als 60 Grad und einer steilsten Stelle von 79 Grad. Die Messmethoden waren unterschiedlich, die Beschreibungen stammen von Bergsteigern, Ärzten und Naturforschern, und ohne moderne Geräte lässt sich Steilheit am Hang nur schwer abschätzen. Auch bei vorsichtiger Lesart bleibt die Höfats ein Berg mit außergewöhnlich steilen Grashängen. Zwischen 60 und 82 Grad liegt die Spanne der historischen Angaben für die Grashänge der Höfats, ein Unterschied von 22 Grad, der zeigt, wie ungenau die Schätzungen sind. Selbst der unterste Wert, 60 Grad, übertrifft jede Skipiste im Allgäu um ein Vielfaches an Steilheit.

Felsiger Berggipfel mit steilen grünen Grasflanken unter blauem Himmel

Aus welchem Gestein die Höfats besteht

Der Berg besteht aus grauen Aptychenkalken des jüngeren Juras. Darüber liegen kieselreiche, rote Hornsteinkalke, die dem Roten Loch seine Farbe geben. Unter den Hornsteinen tritt Lias Fleckenmergel als Sockel hervor. Die Aptychenschichten bilden die Zacken, etwa die Höfatsnadel, und die scharfen Grate, während die weicheren Mergel verwittern und Boden liefern. Diese Schichtung erklärt das Bild: oben die Zacken aus widerstandsfähigem Kalk, darunter die Hänge aus Mergel, auf denen Gras Fuß fasst. Die rote Farbe im Roten Loch stammt vom kieselreichen Hornsteinkalk, der im Kontrast zum grauen Aptychenkalk auffällt. Der Wechsel harter und weicher Schichten erklärt, warum die Höfats als Zackenkamm gebaut ist und nicht als glatter Gipfel.

Das Gestein gilt an einigen Stellen als mürbe und unzuverlässig. Der Boden ist deshalb dünn und lose, das Gras hält ihn zusammen. Das Wurzelwerk dürfte wie ein Netz wirken, das Geröll und Erde festhält, und erklärt vermutlich, warum die Hänge nicht abrutschen. Zu lange Trockenheit hat die gegenteilige Wirkung, sie macht den Boden bröselig. Der Berg lebt also von einem Gleichgewicht zwischen Feuchtigkeit und Wurzeln, das sich nicht beliebig verschieben lässt. Die Höfats trennt zusammen mit dem Rauheck und kleineren Gipfeln das Oytal vom Dietersbachtal.

Gipfel und Höhen im Überblick

Die Höfats hat mehrere Gipfel, deren Namen umstritten sind. Der Alpenvereinsführer von 2004 schlägt Nordwestgipfel und Südostgipfel vor, in der Literatur sind weiterhin Westgipfel und Ostgipfel gebräuchlich. Die Höhenangaben schwanken je nach Karte um einen oder zwei Meter, die folgende Übersicht stützt sich auf die Alpenvereinskarte Allgäuer Alpen West. Der Höhenunterschied zwischen dem höchsten Punkt und der Scharte beträgt 51 Meter, ein Wert, der zeigt, wie dicht die Gipfel beieinanderstehen und wie schmal der Grat ist. Zwischen Ostgipfel und Westgipfel liegt nur ein Meter Höhenunterschied, auf einem Kamm, der so schmal ist, dass die Gipfel einzeln erstiegen werden. Die Zahlen unterscheiden sich je nach Karte um ein bis zwei Meter, und auch die Zählung der Gipfel schwankt in den Beschreibungen zwischen vier Spitzen und einem zusammenhängenden Kamm. Bei einem Berg aus Gras und Fels verändert sich der höchste Punkt außerdem durch Erosion und durch Messfehler, sodass eine Differenz von einem Meter keine Aussage über die tatsächliche Rangfolge erlaubt. Die Lage zwischen Oytal und Dietersbachtal verleiht dem Berg Ausgangspunkte auf mehreren Seiten: Die Käseralpe führt zum Nordostgrat und zur Südostwand, die Rauhenhalsalpe zu den Nordwänden, Gerstruben zur Westseite.

PunktHöheHinweis
Ostgipfel2258 merstmals 1891 vom Älpelesattel bestiegen
Zweiter Gipfel2258 mgilt als Hauptgipfel
Westgipfel2257 mschon vor 1848 von Einheimischen bestiegen
Mittelgipfel2257 merste Besteigung 1891
Höfatsscharte2207 mEinschnitt zwischen den Gipfeln

Ziegen, Gerstruben und die Geschichte der Weide

Bis ins 19. Jahrhundert wurden die steilen Grasflanken im unteren Bereich von Gerstruben aus bewirtschaftet. Die untere Höfats diente über Jahrhunderte als Ziegenweide, ein Enddatum nennen die Beschreibungen nicht. Gerstruben ist eine alte Walsersiedlung, über die der Beitrag zu den vergessenen Orten im Allgäu mehr erzählt. Ziegen kommen im Steilgelände besser zurecht als Rinder, die Hänge ließen sich also nutzen, wo Wiese und Weide sonst knapp waren. Die Beschreibungen nennen Ziegen als Weidetiere der unteren Höfats. Dass die Bewohner die Höfats trotz der Steilheit bewirtschafteten, zeigt, wie knapp die Flächen in den Tälern waren. Die Weide an solchen Hängen war Handarbeit und kostete Zeit, gemessen am Ertrag, den ein Hang von 60 Grad Neigung liefert.

Einheimische aus Gerstruben haben den Westgipfel nach den überlieferten Berichten schon vor 1848 bestiegen, genannt wird kein Name. Die erste touristische Besteigung gelang 1848 dem Botaniker Otto Sendtner und wurde erst 1853 bekannt. Zwischen dem Zeitpunkt der Besteigung durch Einheimische und der ersten Bekanntmachung liegen mindestens fünf Jahre, ein Beispiel dafür, wie das Wissen der Anwohner jahrelang unbeachtet blieb, bis Fremde es aufschrieben. Der Ostgipfel folgte am 28. Juli 1891, bestiegen von H. Kranzfelder und L. Stritzel. Von Sendtners Besteigung bis zu dieser Ostgipfel Besteigung vergingen 43 Jahre, in denen der Westgipfel längst bekannt war. Die Angaben zum Ausgangspunkt der Besteigung von 1848 widersprechen sich in der Literatur, Gerstruben und Gufel werden genannt. Das zeigt, wie schwer sich selbst gut dokumentierte Erstbesteigungen im Rückblick einordnen lassen. Die Daten 1848, 1853 und 1891 dienen als Eckpunkte.

Woher der Name kommt

Die Herkunft des Namens ist nicht vollständig geklärt. Früher galt die Deutung als die Hoffärtige als verbreitet, sie wurde 1951 als gewagt bezeichnet. August Kübler leitete den Namen 1909 von einem Partizip des Verbs heben ab, was Thaddäus Steiner in einer Dissertation von 1972 widerlegte. Steiner schlug später vor, der Name gehe auf Höchatz zurück, eine hochgelegene Weide, denn Atz bedeutet in der Walsermundart Weide. Die Deutung gilt als wahrscheinlich, bewiesen ist sie nicht. Bei Flurnamen arbeiten Sprachforscher häufig mit solchen Wahrscheinlichkeiten, weil schriftliche Belege fehlen. Die Bedeutung hochgelegene Weide passt jedenfalls zu einem Berg mit Grashängen.

Der Name passt zur Geschichte der Ziegenweide, denn Weide und Höhe sind seine beiden Bestandteile. Der Vorschlag der Hoffärtigen dagegen, der vom stolzen Aussehen des Berges ausging, wurde mit der Zeit verworfen, weil er sprachlich nicht trägt. Wenn eine Weide den Berg benennt, zeigt das, wie stark die Nutzung den Ort prägte, und die Walser, die aus dem Wallis kamen und in den Allgäuer Hochtälern siedelten, brachten ihre Mundart mit. Das erklärt, warum ein Berg im Oberallgäu einen Namen trägt, dessen Wurzel im Walserdeutschen liegt.

Wege auf den Berg und was die Zahlen sagen

Die Besteigung wird nach der Alpenvereinsskala bewertet. Der Normalweg von Osten führt ab dem Älpelesattel über den Südsüdostgrat und wird mit UIAA II angegeben, die Gehzeit liegt bei etwa 1 Stunde 15. Der westliche Normalweg ab Gerstruben, genannt Durch die Wanne, ist ebenfalls UIAA II und dauert rund 3 Stunden 15. Die Überschreitung von West nach Ost wird mit UIAA III und etwa einer Stunde angesetzt, der Südwestgrat ab Gerstruben mit UIAA IV und rund fünf Stunden. Die Nordwände gehören mit UIAA V bis VI zu den schwierigen Kletterrouten des Gebiets, die Gerade Nordwand des Zweiten Gipfels dauert etwa zehn Stunden.

Die Stufen sagen mehr über die Beschaffenheit des Berges als über die Länge. Die Ostroute ist mit gut einer Stunde sehr kurz, doch sie führt über schräge Felsplatten und steile Grasflanken, die im Abstieg schwieriger sind als im Aufstieg. Früher wurden Steigeisen empfohlen, auf den leichteren Anstiegen sind sie heute nicht mehr üblich, feste Bergschuhe gehören aber zur Ausrüstung. Nasse oder vereiste Hänge verwandeln den Berg in ein Gelände, das mit Eistouren in den Zentralalpen verglichen wird. Trockene Tage gelten deshalb als Voraussetzung, zu lange Trockenheit macht den Boden allerdings bröselig.

Pflanzenschutz und das Edelweiß

Die Höfats ist seit 1911 Pflanzenschutzgebiet und seit 1959 Naturschutzgebiet. Der Kieselgehalt des Gesteins führt zu einer großen Artenvielfalt, genannt werden Enzian, Aurikel, Anemone, Edelraute, Federgras und Straußglockenblume. Das Edelweiß wurde Anfang des 20. Jahrhunderts fast ausgerottet. Während der Inflation 1923 pflückten Sammler die Blüten für den Verkauf an Touristen, Mitte der 1920er Jahre war nur noch ein Zehntel des Bestands von 1900 vorhanden. Den Weg der Pflanze beschreibt der Beitrag zum Edelweiß im Allgäu aus anderer Sicht.

Ab 1935 stand im Sommer ein Zeltposten der Bergwacht am Berg, 1969 kam eine Biwakschachtel dazu. Anfang der 1970er Jahre erreichten die Bestände wieder 80 Prozent des Standes von 1900. Der Posten ist seit 2007 nicht mehr besetzt, weil sich die Bestände erholt haben. Von 1935 bis 2007 liegen 72 Jahre, in denen Sommer für Sommer jemand am Berg wachte. Das ist ein seltenes Beispiel dafür, dass ein Schutzkonzept sein Ziel erreicht hat. Der Rückgang auf ein Zehntel und die Erholung auf 80 Prozent zeigen, wie stark eine einzelne Pflanzenart vom Verhalten der Menschen abhängt, innerhalb von wenigen Jahrzehnten in beide Richtungen. Die Zahlen sind Prozentwerte des Bestands von 1900, nicht gezählte Pflanzen.

  • Höhe: 2258 Meter am Hauptgipfel
  • Gestein: Aptychenkalk, Hornsteinkalk, Fleckenmergel
  • Schutz: Pflanzenschutzgebiet seit 1911, Naturschutzgebiet seit 1959
  • Weide: Ziegen über Jahrhunderte, bewirtschaftet von Gerstruben aus
  • Name: vermutlich von Höchatz, hochgelegene Weide

Der Freibergsee bei Oberstdorf und sein See ohne Abfluss

Der Freibergsee südlich von Oberstdorf hat keinen oberirdischen Abfluss, und die Herkunft seines Wassers gilt als nicht ganz geklärt. Er liegt auf rund 930 Metern Höhe, ist bis zu 25 Meter tief und erwärmt sich im Sommer auf bis zu 25 Grad. Zwei Angaben zur Fläche stehen nebeneinander, 18 und 27 Hektar, beide aus gedruckten und online verbreiteten Beschreibungen. Der See ist damit ein Ziel, das auf den ersten Blick einfach wirkt und bei näherem Hinsehen Fragen aufwirft, die sich nicht in einem Satz beantworten lassen. Dieser Text sortiert, was belegt ist, was sich widerspricht und was für einen Besuch wichtig ist.

Die Lage macht den See reizvoll. Er sitzt in einer Mulde am Fuß des Freibergs, im Süden ragt die Heini Klopfer Skiflugschanze über die Bäume, und dahinter beginnt das Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen. Die Anreise führt nicht mit dem Auto bis ans Ufer, sondern auf Schusters Rappen, per Fahrrad oder mit dem Ortsbus. Das verändert den Charakter des Ausflugs, denn zwischen Parkplatz und Wasser liegen etwa eine halbe Stunde Weg und rund 160 Höhenmeter. Der See gehört dem Oberallgäu, genauer dem Gebiet südlich des Ortskerns von Oberstdorf, und ist damit ein Ziel im Stillachtal.

Bergsee zwischen frisch belaubten Bäumen mit Skiflugschanze und Schneebergen im Hintergrund

Wie der See entstand und wohin das Wasser fließt

Das Seebecken geht auf die Eiszeit zurück. Der Stillachgletscher hat vor mehr als 10.000 Jahren eine Mulde aus dem Gestein am Freiberg geschürft, nach seinem Rückzug füllte Schmelzwasser die Senke. Ein Bergsturz oder eine Endmoräne als Sperre wird in den gängigen Beschreibungen nicht genannt, die Entstehung folgt also dem Muster eines Gletscherbeckens, das nach dem Abschmelzen Wasser hält. Gletscher hobeln beim Vorrücken Vertiefungen in den Untergrund, wo das Gestein weicher oder stärker zerklüftet ist. Nach dem Eisrückzug bleibt dann eine Wanne zurück. Für den Freibergsee heißt das: Die Form des Beckens, mit bis zu 25 Metern Tiefe auf wenigen Hundert Metern Länge, ist ein Abdruck des Eises, nicht des Wassers. Das Eis ist längst verschwunden, die Mulde blieb.

Ungewöhnlich ist die Wasserbilanz. Der See hat keinen oberirdischen Abfluss. Das Wasser versickert vermutlich durch Spalten im Untergrund, die Zufuhr kommt aus kleinen oberirdischen Rinnsalen und vermutlich aus Quellen am Seegrund. Dass die Herkunft nicht vollständig geklärt ist, steht in den Beschreibungen ausdrücklich. Ein See ohne Abfluss wäre ohne Nachschub binnen kurzer Zeit leer oder würde überlaufen, also muss ein Gleichgewicht herrschen, auch wenn der genaue Weg unbekannt ist. Ähnliche Fragen nach unterirdischem Wasser stellen sich auf dem Gottesackerplateau, wo Regen im Kalk verschwindet.

Zwischen 18 und 27 Hektar

Die beiden Größenangaben im Vergleich zeigen das Dilemma. 18 Hektar entsprechen etwa 25 Fußballfeldern, 27 Hektar rund 38. Die Differenz von 9 Hektar ist groß, bei einem Seeumfang von mehreren Kilometern entspricht sie einem Streifen von mehreren Dutzend Metern Breite rund um das Ufer. Für die Abweichung gibt es plausible Erklärungen: Eine Zahl kann nur den Wasserspiegel meinen, die andere die Fläche samt Uferzone, vielleicht auch Flachwasser und Wiese. Welche Angabe stimmt, lässt sich aus den veröffentlichten Beschreibungen nicht ableiten, deshalb bleibt es bei der Spanne. Ein Vergleich hilft bei der Einschätzung: Der nahe Große Alpsee bei Immenstadt ist mit rund 2,4 Quadratkilometern deutlich größer, der Freibergsee zählt also zu den kleineren Seen des Allgäus, trotz der beiden Angaben. Die Tiefe von 25 Metern ist dagegen nur einmal genannt. Bei 18 Hektar Fläche ergibt eine angenommene mittlere Tiefe von 10 Metern ein Volumen von etwa 1,8 Millionen Kubikmetern, genug für gut 700 olympische Schwimmbecken zu je 2.500 Kubikmetern. Das ist eine Überschlagsrechnung, kein gemessener Wert, sie zeigt aber, wie viel Wasser im Becken steht und warum eine Erwärmung auf 25 Grad im Sommer bemerkenswert ist. Das Wasser braucht dafür viele sonnige Tage, denn die Masse speichert Wärme träge.

Baden, Boot und Naturschutz am Ufer

Am Freibergsee ist ein Naturbad eingerichtet, mit Liegewiese, Kinderbecken, Spielplatz, einem Sprungturm von drei Metern und einem Floß. Es gibt ein Restaurant, ein Strandcafé und einen Bootsverleih für Ruder und Tretboote. Das Wasser ist damit der Teil, der durch Schutzvorgaben begrenzt wird: Außerhalb der Badeanlage darf nicht gebadet werden, Stand Up Paddling ist aus Naturschutzgründen nicht gestattet, und Hunde sind im Naturbad nicht zugelassen. Der See liegt im Landschaftsschutzgebiet Freibergsee, die Wasserqualität wird regelmäßig geprüft. Der See dient außerdem Fischarten, Wasservögeln und Amphibien als Lebensraum, einzelne Arten werden in den Beschreibungen nicht aufgeführt. Daher gilt die Beschränkung auf das Naturbad: Ruhige Uferzonen sind für Vögel und Amphibien wichtig, und ein Ufer ohne Badebetrieb bleibt für sie nutzbar.

Über den Titel wird häufig gesprochen. Der See wird als höchstgelegener Badesee Deutschlands bezeichnet, anderswo als größter und höchstgelegener Badesee im Allgäu. Beide Aussagen lassen sich nicht ohne Weiteres prüfen, denn es gibt in den bayerischen und österreichischen Bergen etliche höher gelegene Seen, in denen sich baden lässt. Für belastbare Zahlen bleibt es bei der Höhe von rund 930 Metern. Das liegt gut 100 Meter über dem Ortskern von Oberstdorf, der bei etwa 800 Metern liegt.

Wege zum See und ihre Zeiten

Die kürzeste Verbindung beginnt am Parkplatz Renksteg. Von dort sind es etwa 30 Minuten und 160 Höhenmeter. Ab der Ziegelbachbrücke dauert der Weg rund 45 Minuten, von Kornau über das Naturfreundehaus und den Edmund Probst Weg etwa 1 Stunde 20. Von der Bergstation der Söllereckbahn führt ein Abstieg über die Hochleite in ungefähr 35 Minuten zum Wasser. Mit dem Mountainbike dauert die Fahrt ab Oberstdorf über Schwand ungefähr eine Stunde. Die Zufahrt über Schwand ist für den öffentlichen Verkehr gesperrt, mit dem Rad ist sie erlaubt. Eine Rundtour wird mit knapp drei Stunden, rund 9,6 Kilometern und 190 Höhenmetern angegeben und gilt als leicht. Aus der Ortsmitte ist der See in etwa einer Stunde zu erreichen, vom Haltepunkt des Ortsbusses sind es nur gut zehn Minuten zu Fuß. Das Verhältnis zeigt, dass die Höhenmeter wenig ins Gewicht fallen, wohl aber die Länge. Im Sommer fährt ein Lift zur Aussichtsplattform der Skiflugschanze, von dort führt eine Sesselbahn in rund 30 Minuten zum See. Mehr über die Schanze steht im Beitrag zur Heini Klopfer Skiflugschanze, die laut Beschreibung aktuell die viertgrößte der Welt ist.

Entscheidungshilfe für den Ausflug

Ob der Freibergsee ein Ziel für einen halben oder einen ganzen Tag ist, hängt vom Wetter, von der Jahreszeit und vom Vorhaben ab. Als Badeziel funktioniert er im Hochsommer, als Spaziergang eher im ganzen Sommerhalbjahr. Die Wassertemperatur von bis zu 25 Grad wird nur an warmen Tagen erreicht, im Frühsommer liegt sie darunter, und ein Bergsee auf 930 Metern kühlt nach Regentagen rasch aus. Öffnungszeiten und Preise von Naturbad und Gastronomie ändern sich und werden deshalb hier nicht genannt, sie stehen vor Ort und bei der Tourist Information. Die folgenden Punkte fassen die belegten Rahmenbedingungen zusammen. Für Ausflüge mit Kindern passt der kurze Weg ab Renksteg, für Bewegungsfreudige die Runde um den See oder der Zugang über die Söllereckbahn und die Hochleite. Wichtig ist, genug Zeit für den Rückweg einzuplanen, denn am Ufer vergeht sie schneller als gedacht.

  • Anfahrt: Ortsbus oder Parkplatz Renksteg, anschließend per pedes oder mit dem Rad
  • Zeit: 30 Minuten ab Renksteg, etwa eine Stunde aus dem Ortskern
  • Baden: nur im eingerichteten Naturbad, nicht am übrigen Ufer
  • Hunde: im Naturbad nicht erlaubt
  • Paddeln: aus Naturschutzgründen nicht gestattet
  • Kombination: Rundweg um den See oder Weg zur Skiflugschanze

Zahlenfreunde können bei einem Besuch prüfen, was in diesem Text widersprüchlich blieb. Ein Gang um den Uferweg mit Schrittzähler liefert zumindest einen Anhaltspunkt für den Umfang und damit für die Größe des Sees, und der Blick auf das Wasser zeigt, wie sich Spiegel und Uferlinie je nach Jahreszeit verschieben.

Das Klausentreiben im Oberallgäu und seine drei Nächte

Wenn in Sonthofen am 5. und 6. Dezember hunderte Gestalten in Fell und mit Kuhglocken an der Hüfte durch die abgesperrte Fußgängerzone ziehen, hört die Stadt sie lange vor dem ersten Anblick. Im Jahr 2015 waren es dort 160 Klausen und 120 Bärbele, dazu bis zu 8.000 Zuschauer an einem einzigen Abend. Das Klausentreiben gehört zu den lautesten Bräuchen im Oberallgäu. Es zieht sich über drei Nächte, beginnt am 4. Dezember, dem Tag der heiligen Barbara, und endet am Nikolaustag. Das Ziel lässt sich in einem Satz sagen: Böse Wintergeister sollen vertrieben werden, indem die Läufer noch furchterregender auftreten als diese. Mit dem Nikolaus, wie ihn Kinder kennen, hat das wenig zu tun. Die Klausen tragen Fell von Kopf bis Fuß, auf dem Kopf Hörner, an der Hüfte schwere Kuhschellen. Die Läufer rennen und schlagen auf den Boden, schwingen Ruten und Peitschen und lassen nur wenige Schritte Abstand zum Publikum. Die Bärbele dagegen, junge Frauen in Fetzengewändern und als alte Hexen vermummt, fegen mit Besen symbolisch Schmutziges aus dem Weg. Beide Gruppen gehören zum selben Verein, doch sie haben einen anderen Auftritt, einen anderen Abend und eine andere Rolle im Brauch.

Beleuchtetes Bergdorf in der Winternacht

Drei Nächte mit zwei Rollen

Die Reihenfolge ist fest. Am 4. Dezember laufen die Bärbele, an den beiden folgenden Abenden die Klausen. In Sonthofen dauert der offizielle Teil von 20 bis 22 Uhr, danach ziehen die Klausen von Wirtshaus zu Wirtshaus. Der Brauch ist in Dörfern des Oberallgäus zu Hause, auch außerhalb der Kreisstadt Sonthofen und ihrer Fußgängerzone, jeder Ort pflegt seine Fassung mit eigenem Verein und eigenen Masken. Schriftliche Belege für die ältesten Läufe gibt es kaum, die Überlieferung stützt sich auf mündliche Weitergabe und auf die Vereine, die den Ablauf seit Langem festhalten. Die Bärbele verteilen mancherorts Äpfel, Nüsse und Kekse und schlagen mit Ruten, bevorzugt nach jungen Männern. Das Fegen mit dem Besen steht dabei sinnbildlich für das Wegkehren von Schmutzigem und Unanständigem. Die Klausen treten rauer auf, mit Peitschen und Ruten. Weil dabei viel Bewegung entsteht, achten in Sonthofen drei erfahrene Vereinsmitglieder, die sogenannten Senior Klausen, darauf, dass nicht zu grob zugeschlagen wird. Der Abstand zur Absperrung schützt Zuschauer, Kinder und ältere Gäste. So bleibt der Brauch ein Spektakel, das auf Regeln gebaut ist und doch den Schrecken der Gestalten behält.

  • Termine: 4. Dezember Bärbele, 5. und 6. Dezember Klausen
  • Mitglieder: unverheiratete Männer von 16 bis 26 Jahren als Klausen, Frauen als Bärbele
  • Kostüm: Fell, Hörner, Kuhglocke, selbst genäht, bis 25 Kilogramm
  • Deutung: Vertreiben böser Wintergeister durch Lärm und Schrecken
  • Alter: häufig mit 1.000 Jahren angegeben, belegt ist das nicht

Das Häs und seine Maße

Das Kostüm heißt Häs und wird von den Vereinsmitgliedern selbst gefertigt, nach den Vorgaben des Vereins. Die Grundidee ist ein Fell vom Kopf bis zu den Füßen, die Kuhglocke sitzt an der Hüfte, auf dem Kopf stehen Hörner. Aus Versicherungsgründen ist nur eine Spitze erlaubt. Die Masken entstehen in Sonthofen aus Motorrad oder Skihelmen, die mit Fell bezogen und mit Kuhhörnern bestückt werden, teils mit Styropor vergrößert, damit die Hörner mächtiger wirken. Das Nähen dauert zwei bis drei Wochen, das Gewicht des gesamten Häs erreicht bis zu 25 Kilogramm. Was das bedeutet, zeigt ein Vergleich. Ein gefüllter Tagesrucksack wiegt acht bis zehn Kilogramm, das Häs bringt also zweieinhalb bis dreimal so viel auf die Waage, und das bei Lauf und Schlagbewegungen über zwei Stunden. Mitglied werden können unverheiratete Männer zwischen 16 und 26 Jahren, Frauen laufen als Bärbele im selben Verein. Der Mitgliederstand ist laut Berichten aus Sonthofen um 30 Prozent gewachsen, der Brauch zieht also mehr junge Leute an, nicht weniger. Dass Fell, Hörner und Helm von Hand entstehen, bindet die Läufer zusätzlich an ihren Verein, denn jedes Häs ist ein Einzelstück.

Zahlen zum Klausentreiben in Sonthofen

Die folgende Übersicht fasst die belegten Größen zusammen. Die Übersicht zeigt, dass hinter dem Spektakel ein Verein mit fester Organisation steht. Die Zahlen stammen aus Sonthofen, in kleineren Orten fallen sie anders aus. Rechnerisch trugen die 160 Klausen von 2015 zusammen bis zu 4.000 Kilogramm Häs durch die Straßen, gerechnet mit dem Höchstgewicht von 25 Kilogramm je Kostüm. Das sind vier Tonnen, verteilt auf einen Zug von 160 Läufern. Bei einem Durchschnitt von 20 Kilogramm je Häs bleiben es immer noch 3.200 Kilogramm. Bemerkenswert ist das Verhältnis von Läufern zu Zuschauern: Auf jeden der 280 Läufer kamen 2015 an einem Abend im Schnitt 25 bis 29 Zuschauer, je nachdem, ob die untere oder obere Schätzung gilt. Die Stadt hat rund 20.000 Einwohner, an einem Klausenabend halten sich in der Fußgängerzone also zeitweise bis zu 40 Prozent der Einwohnerzahl auf, auch wenn viele Besucher von auswärts kommen. Ein Vergleich zeigt die Dimension: Die Zahl der Zuschauer an einem Abend liegt bei einem Vielfachen der Teilnehmer, und die Strecke durch die Fußgängerzone muss diesen Andrang tragen, ohne dass Läufer und Publikum einander in die Quere kommen.

GrößeWertAnmerkung
Klausen 2015160männliche Vereinsmitglieder
Bärbele 2015120Frauen im selben Verein
Zuschauer je Abend7.000 bis 8.000bei etwa 20.000 Einwohnern der Stadt
Gewicht des Häsbis 25 kggesamtes Kostüm
Nähzeit2 bis 3 WochenEigenanfertigung
Altersspanne der Klausen16 bis 26 Jahreunverheiratet

Keltisches Erbe oder jüngerer Brauch

Häufig heißt es, das Klausentreiben sei etwa 1.000 Jahre alt und gehe auf keltische Bräuche zurück. Die Zahl taucht in Berichten immer wieder auf, doch eine lückenlose Überlieferung über ein Jahrtausend lässt sich nicht nachweisen. Kelten haben im Alpenvorland tatsächlich gelebt, ein belegter Zusammenhang zwischen ihren Winterfesten und dem Brauch in Sonthofen fehlt. Wahrscheinlicher ist ein langes Wachsen: ältere Vorstellungen von Dämonen im Winter, später die Heiligenfeste im Dezember, schließlich die Vereine, die den Lauf in feste Formen brachten. Die Zeitangabe von 1.000 Jahren bleibt deshalb eine Schätzung. Auch der Name hilft bei der Einordnung: Klaus ist die Kurzform von Nikolaus, die Gestalt steht also in der Tradition des Heiligen vom 6. Dezember, wurde aber im Volksbrauch ins Wilde gewendet. Mit der Verehrung des Bischofs, der Kindern Gaben bringt, teilt das Klausentreiben nur den Kalendertag.

Lärm gegen Geister kennt der gesamte Alpenraum. Schellen, Glocken und Peitschen sind dafür seit Jahrhunderten in Gebrauch. Die Krampusläufe in Bayern und Österreich fallen ebenfalls auf den 5. Dezember, die Perchtenläufe liegen eher in den Raunächten um den Jahreswechsel, und im schweizerischen Küssnacht am Rigi zieht das Klausjagen am Abend des 5. Dezember durch den Ort. Gemeinsam ist allen die Verbindung von Lärm, Verkleidung und Winterzeit. Unterschiede liegen in den Figuren: Der Krampus gilt als Begleiter des Nikolaus und trägt meist eine geschnitzte Holzmaske, der Allgäuer Klaus dagegen ist selbst die Hauptfigur und trägt Fell und Glocke. Auch die Stimmung weicht ab, denn das Allgäuer Klausentreiben setzt weniger auf Schaubilder als auf Lauf und Klang. Dass im Allgäu Kuhglocken zum Einsatz kommen, passt zur Viehwirtschaft der Gegend, die auch den Viehscheid prägt.

Was der Brauch heute bedeutet

Für die Läufer ist das Klausentreiben ein Vereinsjahr, an dessen Ende die drei Nächte im Dezember stehen. Das Häs muss gebaut, repariert und angepasst werden, neue Mitglieder brauchen Kostüm und Einweisung, und die Rollenverteilung zwischen Klausen und Bärbele will jedes Jahr neu abgestimmt sein, damit der Ablauf der drei Nächte stimmt. Für die Orte ist es ein Termin, der Besucher anzieht und dem Winter eine feste Mitte gibt. Die Absperrung der Fußgängerzone, der Abstand zu den Zuschauern und die Regel mit der einzelnen Hornspitze zeigen, dass ein alter Brauch in einer modernen Stadt funktioniert, weil er geregelt wird. Das nimmt ihm nicht das Raue, es macht den Lärm für Tausende Menschen möglich. Im Kalender dieses Jahres fallen die drei Nächte auf Freitag, Samstag und Sonntag, der Brauch richtet sich aber nach dem Datum und nicht nach dem Wochentag, wie jedes Heiligenfest. Das gibt dem Winter im Oberallgäu eine feste Mitte, die sich nicht verschiebt, auch wenn Termine im Ort um das Klausentreiben herum geplant werden. Der Klang prägt den Eindruck: Dutzende Glocken, die im Gleichschritt ausschlagen und einen Rhythmus ergeben, den kein anderer Brauch im Jahr hervorbringt.

Dinnete aus dem Allgäu und der Teig, der über Nacht reift

Zwei veröffentlichte Rezepte für dieselbe Dinnete trennen elf Stunden Teigruhe, gut 30 Grad im Ofen und eine Backzeit, die sich fast verdoppelt. Das eine verlangt eine Stunde Geduld, das andere einen halben Tag im kühlen Vorratsraum. Beide führen zu einem dünnen, am Rand knusprigen Hefefladen mit Sauerrahm, und beide gelten als Dinnete, je nach Schreibweise auch Dinnette oder Dinnede. Woher der Name stammt, lässt sich nicht sicher sagen. Eine häufig genannte Deutung leitet ihn vom schwäbischen und alemannischen Wort für dünn ab, belegt ist das nicht. Sicher ist der Charakter des Gerichts: ein flacher Fladen aus wenigen Zutaten, der in Minuten gebacken ist und in Scheiben geschnitten warm auf den Tisch kommt. Der Unterschied zwischen kurzer und langer Teigführung lässt sich in Zahlen fassen. Der Weg über Nacht schmeckt aromatischer, weil die Hefe langsam arbeitet und im Teig Säuren und Aromastoffe entstehen. Die Stunde Ruhe reicht für einen lockeren, aber milderen Fladen. Als Grundlage dient hier eine Mischform: 500 Gramm Mehl, 310 Milliliter Wasser, ein paar Gramm Hefe und eine Ruhezeit von acht bis zwölf Stunden. Die Mengen ergeben acht Fladen, die zusammen vier Personen satt machen, wenn ein Salat dazukommt.

Flammkuchen mit Speck backt über offenem Feuer im Ofen

Zutaten und Material für acht Fladen

Das Mehl bestimmt den Biss. Weizenmehl der Type 550 liefert einen elastischen Teig, der sich dünn ausrollen lässt. Eines der erwähnten Rezepte mischt Dinkelmehl und Weizenschrot unter, das gibt dem Fladen einen nussigen Ton, macht den Teig aber weniger dehnbar. Für den ersten Versuch bleibt es beim reinen Weizenmehl. Die Wassermenge von 310 Milliliter auf 500 Gramm Mehl entspricht 62 Prozent, ein Teig, der nach dem Kneten noch gut zusammenhält und beim Ausrollen nicht klebt. Mehr Wasser macht den Fladen luftiger, verlangt aber geübte Hände und reichlich Mehl auf der Arbeitsfläche. Weniger Wasser, etwa 280 Milliliter, ergibt einen festen Teig, der sich zäh zurückzieht und dem Rollholz widersteht. Die Hefe stammt am besten frisch aus dem Würfel, Trockenhefe gelingt ebenso, benötigt aber nur ein Drittel der Menge, hier also gut 1,5 Gramm. Als Belag gehört Sauerrahm oder Schmand auf den Fladen, dazu Zwiebel und etwas Würziges. Die Menge reicht für alle acht Stücke, ein gehäufter Esslöffel Rahm pro Fladen genügt, denn der Belag soll dünn bleiben. Ein heißes Backblech oder ein Backstein verbessert das Ergebnis stärker als jede Zutat, weil der Boden sofort Hitze bekommt und knusprig wird.

  • 500 g Weizenmehl Type 550 und 10 g Salz
  • 5 g frische Hefe, in 310 ml kaltem Wasser aufgelöst
  • 200 g Sauerrahm oder Schmand, eine Prise Salz und Pfeffer
  • 2 mittlere Zwiebeln oder 8 Frühlingszwiebeln
  • 100 g Speckwürfel und 100 g geriebener Bergkäse nach Belieben
  • 1 TL Kümmel oder Korianderkörner, im Mörser angedrückt
  • ein Blech oder ein Backstein, der mit aufgeheizt wird

Der Ablauf von der Schüssel bis zum Ofen

Zuerst werden Mehl, Salz und das Hefewasser etwa fünf Minuten geknetet, bis sich der Teig von der Schüssel löst. Er ruht dann abgedeckt bei Zimmertemperatur eine halbe Stunde und wandert anschließend in einen kühlen Raum, nicht in den Kühlschrank. Bei 15 bis 18 Grad, etwa in Keller oder Speisekammer, arbeitet die Hefe gleichmäßig, im Kühlschrank bliebe der Teig nach zwölf Stunden fast unverändert. Am nächsten Tag hat er sich ungefähr verdoppelt und ist von kleinen Blasen durchzogen.

Der Teig wird in acht Stücke zu je etwa 100 Gramm geteilt. Das Gewicht lässt sich nachrechnen: 500 Gramm Mehl, 310 Gramm Wasser, 10 Gramm Salz und 5 Gramm Hefe ergeben rund 825 Gramm, geteilt durch acht sind es gut 103 Gramm. Jedes Stück wird auf wenig Mehl länglich ausgerollt, am besten bis es nur noch zwei bis drei Millimeter misst. Der Rand darf etwas dicker bleiben, er wölbt sich im Ofen und gibt dem Fladen Halt. Beim Ausrollen hilft es, den Teig immer wieder um eine Vierteldrehung zu wenden, damit die Form gleichmäßig länglich wird und nirgends Löcher entstehen. Reißt eine Stelle, wird sie mit einem Stück Teig vom Rand geflickt, ein kurzes Andrücken genügt. Der belegte Fladen darf nicht lange warten, denn der Rahm zieht sonst in den Teig und macht ihn schwer vom Papier lösbar. Dann wird der Rahm dünn bestrichen, die Zwiebel verteilt und alles mit Kümmel oder Koriander bestreut.

  1. Teig kneten und eine halbe Stunde bei Zimmertemperatur ruhen lassen.
  2. Acht bis zwölf Stunden an einem kühlen Platz gehen lassen, bis sich das Volumen verdoppelt hat.
  3. Ofen samt Blech auf die höchste Stufe vorheizen, mindestens 30 Minuten.
  4. Teig teilen, dünn ausrollen und mit Rahm und Zwiebel belegen.
  5. Fladen auf Backpapier ziehen und samt Papier auf das heiße Blech schieben.
  6. Nach dem Backen Pfeffer und frische grüne Zwiebelringe darüberstreuen.

Zeiten und Temperaturen im Überblick

Zwischen den beiden veröffentlichten Rezepten liegen Welten, und die Tabelle zeigt, warum beide funktionieren. Die kurze Variante gleicht fehlende Reifezeit durch mehr Hefe aus und bäckt bei geringerer Hitze länger. Die lange Variante setzt auf wenig Hefe, viel Zeit und einen sehr heißen Ofen. Die Mischform in diesem Text liegt dazwischen. Haushaltsöfen erreichen meist 250 Grad Ober und Unterhitze, die 280 Grad aus dem einen Rezept sind damit nur mit Pizzaofen oder Backstahl erreichbar. Der Ausgleich liegt in einer etwas längeren Backzeit von acht bis zehn Minuten. Mit Küchenwaage und Ofenthermometer lassen sich die Werte nachprüfen. Ein Backofen heizt sich bei Vorheizen auf Höchststufe in 15 bis 20 Minuten auf, das Blech braucht deutlich länger, 30 Minuten gelten als Minimum. Fladen auf einem kalten Blech brauchen zwei bis drei Minuten mehr und werden unten blass. Gelingt das Aufheizen nicht in dieser Zeit, hilft ein umgedrehtes Backblech, das auf der untersten Schiene mit vorheizt. Ein Fladen, der nach 12 Minuten noch hell ist, stand zu weit oben im Ofen oder hatte zu viel Rahm. Die Tabelle trennt außerdem Teigruhe und Hitze, weil beides einzeln stellbar ist: ein Teig kann nach einer Stunde im heißen Ofen gut gelingen und nach zwölf Stunden in einem lauwarmen Ofen blass bleiben. Beide Größen gehören zusammen betrachtet.

VarianteTeigruheOfenBackzeit
Kurz mit Weizenschrot1 Stunde warmstarke Hitze auf heißem Steinetwa 15 Minuten
Lang mit Frühlingszwiebeln8 bis 12 Stunden bei Kellertemperatur280 Grad, Umluft 250 Grad6 bis 8 Minuten
Mischform in diesem Text8 bis 12 Stunden kühl250 Grad im Haushaltsofen8 bis 10 Minuten
Ohne vorgeheiztes Blechbeliebig250 Grad ohne Aufheizzeit10 bis 12 Minuten

Warum Fladen zäh werden und wie Abweichungen schmecken

Die häufigste Fehlerquelle ist ein zu dicker oder zu nasser Belag. Rahm, der in Pfützen steht, dampft im Ofen und weicht den Teig von oben auf. Schmand enthält weniger Wasser als Sauerrahm und hält sich besser auf dem Fladen. Joghurt in der Rahmschicht, wie es eines der Rezepte vorsieht, muss mit etwas Mehl und Eiern gebunden werden, damit die Masse nicht läuft. Auch zu kalter Teig reißt beim Ausrollen, deshalb kommen die Portionen eine Viertelstunde vor dem Ausrollen aus dem kühlen Raum.

Weil der Belag wenig Platz beansprucht, wirkt jede Zutat stark. Zwiebeln sollten sehr fein geschnitten sein, sonst bleiben sie roh und kräftig im Geschmack. Speck wird vorher nicht ausgelassen, er gart im Ofen in der Rahmschicht. Als Abwandlungen sind Kartoffelscheiben mit Kraut und Käse bekannt, ebenso eine süße Fassung mit Apfel oder Birne. Frisch aus dem Ofen schmeckt der Fladen am besten, nach zehn Minuten Wartezeit verliert er seine Knusprigkeit und wird biegsam. Zur Dinnete passt ein einfacher Salat mit Essig und Öl, der Frische gegen den Rahm setzt. Ein verwandtes Gericht sind die Allgäuer Krautkrapfen mit einem weiteren Hefeteig mit Rahm und Kraut, der ebenso von wenigen Zutaten lebt.

Der südlichste Punkt Deutschlands am Haldenwanger Eck

Der südlichste Punkt Deutschlands ist kein Gipfel, kein Ort und auch kein Kreuz, sondern ein Grenzstein mit der Nummer 147 am Haldenwanger Eck in der Gemeinde Oberstdorf. Er steht auf 1883 Metern Höhe, etwa 17 Kilometer südwestlich des Ortskerns, und markiert das Dreiländereck von Bayern, Tirol und Vorarlberg. Am Stein selbst gibt es weder Aussichtsplattform noch Parkplatz, denn der Punkt ist nur über eine Bergtour zu erreichen, und die Zufahrtsstraße dürfen motorisierte Fahrzeuge nur von Anwohnern benutzt werden. Der Stein liegt damit 1079 Meter unter dem Gipfel der Zugspitze, die als höchster Punkt Deutschlands 2962 Meter misst, und beide Extreme liegen in Bayern.

Auf den ersten Blick wirkt die Frage nach dem südlichsten Punkt eindeutig. Beim Nachlesen tauchen jedoch mehrere Zahlen, mehrere Steine und zwei Namen auf, die sich überlagern. Das Haldenwanger Eck wird mit 1931 Metern angegeben, der Grenzstein mit 1883, und der Biberkopf mit 2599 Metern wird gelegentlich als südlichster Punkt bezeichnet, obwohl er weiter im Norden liegt. Wie sich diese Angaben ordnen lassen und was der Weg zum Stein tatsächlich verlangt, zeigt der Blick auf Grenzsteine, Koordinaten und Tourenzeiten.

Felsgrat mit Schneefeldern unter Wolken

Eck, Stein und Berg im Vergleich

Der Name Haldenwanger Eck bezeichnet eher das Gebiet zwischen dem Haldenwanger Kopf und dem Gehrner Berg als einen einzelnen Punkt. Er leitet sich aus den althochdeutschen Wörtern halda für Abhang und wang für Gefilde ab und hat mit der Gemeinde Haldenwang nichts zu tun. Die Anhöhe selbst misst 1931 Meter und trägt den Grenzstein 149. Wenige hundert Meter südöstlich liegt auf 1883 Metern der Grenzstein 147, an dem tatsächlich die südlichste Stelle Deutschlands liegt.

Der Stein 148 steht an der Ecke, wo die Grenze etwa rechtwinklig abbiegt. Zwischen Anhöhe und Stein liegen 48 Höhenmeter, und genau diese Differenz erklärt, warum in Beschreibungen mal 1931 und mal 1883 Meter stehen. Der Stein selbst ist eine Granitsäule, die 1986 auf Initiative des Landes Vorarlberg errichtet wurde und den alten Grenzstein von 1844 ersetzte.

Der historische Stein wurde gesichert und dem Bayerischen Landesvermessungsamt übergeben. Zwischen beiden Steinen liegen 142 Jahre. Der Biberkopf, den manche Beschreibungen als südlichsten Punkt führen, liegt rund 110 Meter weiter nördlich und überragt den Stein um 716 Meter, weil er 2599 Meter hoch ist. Als Gipfel ist er auffälliger, als Grenzpunkt aber nachrangig.

Die vier Ecken Deutschlands im Zahlenvergleich

Das Eck ist einer von vier Extrempunkten, die das Staatsgebiet umschließen.

Die Lage lässt sich an Breiten und Längen ablesen.

RichtungOrtLage
NordenEllenbogen bei List auf Sylt55 Grad 3 Minuten Nord
SüdenGrenzstein 147 am Haldenwanger Eck47 Grad 16 Minuten Nord
WestenIsenbruch bei Selfkant in Nordrhein Westfalen5 Grad 52 Minuten Ost
OstenNeißeaue im Landkreis Görlitz15 Grad 3 Minuten Ost

Beim Norden gibt es mehrere Antworten: Der Ellenbogen ist der nördlichste Landpunkt, die Seegrenze bei Sylt liegt auf 55 Grad 5 Minuten noch weiter nördlich, und auf dem Festland ist es der Rickelsbüller Koog bei 54 Grad 54 Minuten. Der Süden ist dagegen mit dem Stein eindeutig bestimmt, es gibt keine Seegrenze und keine Festlandsvariante. Aus den Werten der Tabelle lässt sich die Ausdehnung des Landes überschlagen. Zwischen dem Ellenbogen und dem Eck liegen knapp 7,8 Breitengrade, und ein Breitengrad entspricht rund 111 Kilometern, was gut 865 Kilometer in Nord Süd Richtung ergibt. In West Ost Richtung beträgt der Unterschied etwa 9,2 Längengrade, die auf 51 Grad Nord je rund 70 Kilometer messen, also gut 640 Kilometer. Deutschland ist damit gut 220 Kilometer länger als breit. Der tiefste Punkt liegt bei Neuendorf nahe Wilster mit minus 3,54 Metern, der höchste auf der Zugspitze mit 2962 Metern; die Höhendifferenz zwischen dem tiefsten und dem höchsten Punkt beträgt damit rund 2966 Meter.

Rechenbeispiel zu Weg und Tempo

Der Weg zum Stein lässt sich auf zwei Arten angehen, und die Zahlen unterscheiden sich stark. Die Rundwanderung ab dem Parkplatz Jägeralp Express bei Hochkrumbach nahe Warth in Vorarlberg misst 15,35 Kilometer, die Gehzeit wird mit gut fünf Stunden angegeben, und der höchste Punkt ist die Obere Hirschgehrenalpe auf 1911 Metern. Die Tour ab Oberstdorf über Birgsau, Buchrainer Alpe, Speicherhütte und Trifthütte ist als Rad und Bergtour mit 37,3 Kilometern und sieben Stunden beschrieben. Die Wanderung wird als schwer eingestuft, der Wegzustand dagegen als gut.

Zur Schwierigkeit gibt es damit zwei Antworten: Die Wege sind in Ordnung, aber die Länge von mehr als fünf Stunden Gehzeit und der Anstieg machen den Anspruch aus. Zu den Bergen am Weg zählen der Haldenwanger Kopf mit 2002 Metern, die Widdersteine und der Schrofenpass mit 1689 Metern, und von der Oberstdorfer Seite aus ist unterwegs die Trettachspitze zu sehen. Die Rundwanderung führt von Warth aus über die Trifthütte und den Schrofenpass und bleibt dabei auf einer Höhe, die nirgends in die Region der großen Gipfel reicht, denn der höchste Punkt liegt bei 1911 Metern.

  1. Rundwanderung ab Hochkrumbach: 15,35 Kilometer durch 5 Stunden 8 Minuten ergeben ein Tempo von rund 3 Kilometern pro Stunde.
  2. Tour ab Oberstdorf: 37,3 Kilometer durch 7 Stunden ergeben rund 5,3 Kilometer pro Stunde, weil ein Teil der Strecke mit dem Rad zurückgelegt wird.
  3. Streckenvergleich: Die Tour ab Oberstdorf ist mit 37,3 Kilometern rund zweieinhalbmal so lang wie die Wanderung mit 15,35 Kilometern.
  4. Zeitvergleich: Bei 3 Kilometern pro Stunde würden die 37,3 Kilometer zu Fuß rund 12,4 Stunden dauern, die Radetappen sparen demnach rechnerisch mehr als fünf Stunden.
  5. Höhenunterschied: Von der Hirschgehrenalpe mit 1911 Metern zum Stein mit 1883 Metern geht es 28 Meter bergab.

Grenzfälle bei Lage und Zugang

Bei den Angaben zum Eck widersprechen sich die Quellen an mehreren Stellen, und nicht alle Widersprüche lassen sich auflösen. Das beginnt bei der Zuordnung zum Gebirge: Das Eck liegt in den Allgäuer Alpen, im Quellgebiet des Rappenalpenbachs, der Oberlauf der Stillach ist, während eine Kartenangabe es auf ein Blatt der Lechtaler Alpen legt, nämlich auf die Alpenvereinskarte mit dem Titel Lechtaler Alpen, Arlberggebiet. Ein Kartenblatt ordnet also anders zu, als es die Gebirgsgliederung tut. Die Trifthütte, die früher Haldenwanger Hütte hieß, liegt auf 1742 Metern etwa 400 Meter südsüdwestlich, gilt aber als südlichstes Gebäude Deutschlands. Die Zufahrtsstraße zum Gebiet ist für den allgemeinen Verkehr gesperrt, nur Anwohner dürfen sie mit Fahrzeugen benutzen. Ein Auto bringt Besucher deshalb nur bis zum Beginn der Wege, den Rest legen sie zu Fuß oder mit dem Rad zurück. Das gilt sowohl für den Anstieg aus dem Stillachtal als auch für die Variante über Vorarlberg. Als Variante des Namens kommt auch Haldenwanger Egg vor, die Bezeichnung Eck ist aber die gebräuchliche. Die Pfade von der deutschen Seite gelten dagegen als selten begangen und nur teilweise gepflegt.

  • Der südlichste Punkt ist ein Grenzstein und kein Gipfel, die Höhe von 1883 Metern gehört zum Stein, die von 1931 zur Anhöhe.
  • Die Pfade zum Eck werden selten begangen und sind nur teilweise präpariert und markiert, eine topografische Karte wird empfohlen.
  • Ob der Grenzstein 147 oder die Anhöhe als Eck bezeichnet wird, hängt von der Quelle ab.
  • Der Name Haldenwanger Eck gehört zur Gemeinde Oberstdorf im Landkreis Oberallgäu.

Warum der Punkt trotzdem ein Ziel ist

Dass Wanderer 15 oder sogar 37 Kilometer auf sich nehmen, um einen Stein zu sehen, liegt am Reiz der Grenze. Ein Punkt, der in einer Liste von Extremen steht, übt eine Anziehung aus, die ein Gipfel mit gleicher Höhe nicht hätte. Der Reiz liegt auch im Zahlenspiel: Wer den Stein erreicht, steht am Süden eines Landes, das von dort bis zum Ellenbogen auf Sylt gut 865 Kilometer misst. Hinzu kommt die Lage im Quellgebiet des Rappenalpenbachs, abseits der großen Bahnen, wo der Allgäuer Hauptkamm den Horizont bestimmt.

Die Nachbarschaft zu Österreich zeigt sich hier im Kleinen: Der Ausgangspunkt der Rundwanderung liegt bei Warth jenseits der Grenze. Im weiteren Umfeld liegen das Geißhorn mit 2366 Metern, rund zwei Kilometer nördlich, und den Biberkopf mit 2599 Metern, vier Kilometer östlich. Beide überragen den Stein deutlich, das Geißhorn um 483 Meter und der Biberkopf um 716 Meter. Mehr über das Tal auf der anderen Seite der Berge steht im Beitrag über das Kleinwalsertal als Tal zwischen zwei Staaten, und der Ort mit der südlichsten Lage ist in Oberstdorf als südlichstes Reiseziel beschrieben.

Gipfelkreuze in den Alpen und wie sie auf den Berg kamen

Auf fast jedem nennenswerten Gipfel der Ostalpen steht ein Kreuz, und selten fragt jemand, wie es dorthin kam. Allein in Österreich sind es wohl viertausend, im gesamten Alpenraum könnten es um die zehntausend sein, wobei die Schätzungen weit auseinandergehen, weil viele Kreuze in keiner Liste stehen. Ein Holzkreuz auf einem Grat im Oberallgäu ist damit Teil einer Masse, die sich kaum zählen lässt. Es trägt Handwerk, Glauben, Heimatgefühl und manchmal auch Streit in sich, und seine Geschichte beginnt weit vor der Zeit, in der Bergsteigen ein Freizeitvergnügen wurde.

Verbreitet ist die Annahme, die Kreuze seien so alt wie das Christentum in den Bergen. Das stimmt nur zum Teil. Frühe Belege gibt es, doch der Großteil der heutigen Kreuze ist jung, und ein einzelnes Kreuz überlebt selten länger als zwei Jahrzehnte. Wie aus Wetterzeichen, Grenzmarken und Dankeszeichen das Gipfelkreuz wurde, das heute jeder kennt, erzählen einige Jahreszahlen, einige Gewichte und eine Debatte, die bis heute nicht beendet ist. Auch im Oberallgäu gilt, was für die übrigen Ostalpen gilt: Ein Kreuz auf dem Berg ist ein Gemeinschaftswerk, das in Vereinen und Gemeinden beschlossen wird.

Goldenes Kreuz auf einem Felsgipfel vor blauem Himmel mit Wolken und Bergketten

Vom Wetterkreuz zum Zeichen auf dem Gipfel

Je nach Quelle beginnt die Geschichte schon im dreizehnten Jahrhundert. Als frühes Kreuz gilt das Confin Kreuz auf der Malser Haide in Südtirol, das als Grenzmarkierung diente. Als frühes Beispiel eines christlich gemeinten Gipfelkreuzes nennt der Alpenverein den Mont Aiguille: 1492 stieg dort Antoine de Ville mit rund einem Dutzend Begleitern auf das Plateau, und es wurden drei Kreuze aufgestellt. Zwischen den beiden Angaben besteht ein Widerspruch, der sich mit den vorhandenen Angaben nicht auflösen lässt, und deshalb bleibt offen, welches Kreuz als erstes gelten darf. Größere Bedeutung bekam die religiöse Symbolik wohl erst im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648, als vermehrt Holzkreuze aufgestellt wurden. Gebaut waren sie meist aus Ästen, die vor Ort zu finden waren, und sie sollten Unwetter, Sturm und Hagel von den Tälern fernhalten. Deshalb hießen sie Wetterkreuze. Der Krieg dauerte 30 Jahre, und die Kreuze dieser Zeit waren Zeugnisse einer Epoche, in der das Wetter über Ernte und Überleben entschied. Auf manchen Wetterbergen fanden Gebetsrituale statt, um mildes Wetter zu erbitten. Zu dieser Zeit waren die Gipfelkreuze entfernte Verwandte der Wegkreuze aus den Tälern, die weiter den Berg hinaufgewandert waren.

Warum die Ostalpen mehr Kreuze tragen als die Westalpen

Dass ein Gipfel in den Französischen Alpen früh ein Kreuz bekam, ist eher die Ausnahme. Im Westen des Gebirges, in der Schweiz, in Frankreich und in Italien, haben reformierte Traditionen mehr Gewicht, darunter die der Waldenser, und religiöse Symbole stehen dort seltener auf Bergen. Die Ostalpen in Österreich, Bayern und Südtirol sind dagegen katholisch geprägt, und dort hat das Kreuz auf dem Gipfel seine Heimat gefunden. Bei grob 4000 Kreuzen in Österreich und etwa 10.000 im ganzen Gebirge entfallen rechnerisch rund 40 Prozent auf ein einziges Land, und die übrigen 6000 Kreuze verteilen sich auf alle anderen Länder und Gebirgsteile. Im 18. Jahrhundert setzten Adelige zunächst Fahnenmasten auf die Gipfel, um den Erfolg ihrer Besteigung zu zeigen. Die Antwort, die zu den Gemeinschaften der Täler besser passte, war das Kreuz. Aus dem persönlichen Gipfelzeichen wurde ein gemeinsames Zeichen, das Vereine und Pfarreien pflegten, und das Kreuz verband Gipfelerfolg, Glauben und Wetterschutz in einer einzigen Form. Im Allgäu, dessen Berge zu den Ostalpen zählen, gilt dasselbe, und das Muster ist über die Bundesländergrenzen hinweg gleich: Die Gemeinschaft stellt das Kreuz auf, die Gemeinschaft erneuert es.

  1. 1492 Drei Kreuze auf dem Mont Aiguille
  2. 1618 bis 1648 Mehr Holzkreuze im Dreißigjährigen Krieg
  3. 1799 Kreuz auf dem Kleinglockner
  4. 1800 Erste Besteigung des Großglockners
  5. 1851 Vergoldetes Kreuz auf der Zugspitze
  6. Anfang 2024 Denkmalschutz für das Kreuz am Großglockner

Gewichte und Teile bekannter Kreuze

Ein Gipfelkreuz muss tragbar sein, und wie das gelang, zeigen Zahlen zu einigen berühmten Beispielen.

Am Großglockner stand 1799 ein provisorisches Kreuz auf dem Kleinglockner, ein Jahr bevor der Hauptgipfel bestiegen wurde.

Es gilt wohl als das erste Kreuz im Ostalpenraum, doch diese Aussage trifft der Alpenverein nur vorsichtig.

KreuzOrtAngabe
KaiserkreuzGroßglockner, 3798 Meter60 eiserne Teile, zusammen etwa 300 Kilogramm
Original von 1851Zugspitze28 Einzelteile, von Beginn an vergoldet
HolzpietàSchönfeldspitzeHolz, vom Bildhauer Anton Thuswalder
HeldenkreuzCaraiman Spitze, Karpaten39,5 Meter samt Fundament, größtes Gipfelkreuz der Welt

Beim Kaiserkreuz am Großglockner lohnt eine Rechnung. Jedes der 60 Bauteile wiegt höchstens 16 Kilogramm. Wären alle Teile so schwer gewesen, hätte das Kreuz 960 Kilogramm gewogen, tatsächlich sind es etwa 300 und damit knapp ein Drittel davon. Im Mittel wiegt ein Teil also 5 Kilogramm, und die meisten sind deutlich leichter als das Maximum, was für den Aufstieg zu Fuß ausschlaggebend war. Zwischen der Besteigung des Großglockners 1800 und dem Zugspitzkreuz von 1851 liegen 51 Jahre. Auf der Zugspitze, die 2962 Meter erreicht und damit 836 Meter niedriger liegt als der Glockner, wurden 1851 insgesamt 28 Teile getragen. Beide Kreuze entstanden ohne Hubschrauber, und der Weg in die Höhe war reine Muskelarbeit. Rechnerisch hätten vier Träger je 75 Kilogramm tragen müssen, um die 300 Kilogramm des Glockner Kreuzes in einem Zug nach oben zu bringen, bei zehn Trägern wären es 30 Kilogramm pro Person gewesen. Die Holzpietà auf der Schönfeldspitze zeigt außerdem, dass nicht alle Gipfelzeichen schlichte Kreuze sind. Das erklärt, warum die Kreuze in so viele kleine Teile zerlegt wurden, und warum sich der Aufstieg mit einem Kreuz im Gepäck überhaupt bewältigen ließ.

Pflege der Kreuze und die Zahl der Neuaufstellungen

Aufsteller sind Sektionen des Alpenvereins, Burschenvereine, Kirchengemeinden und Privatinitiativen. Meist gilt ein Gewohnheitsrecht: Die Gruppe, die das letzte Kreuz aufgestellt hat, sorgt auch dafür, dass ein neues hinaufkommt; Angaben zu Kosten und Zuständigkeiten fehlen in den vorliegenden Darstellungen. Rauhe Witterung in den Bergen nagt am Holz, deshalb wird ein Gipfelkreuz im Normalfall alle zehn bis zwanzig Jahre ausgetauscht.

Über ein Jahrhundert gerechnet braucht ein einzelner Gipfel also fünf bis zehn Kreuze, und ein Kreuz, das seit 1950 an derselben Stelle steht, ist heute mindestens das vierte, womöglich das achte seiner Reihe. Für die geschätzten 4000 Kreuze in Österreich bedeutet das rechnerisch 200 bis 400 neue Kreuze pro Jahr, wenn alle regelmäßig erneuert würden. Beim Mittelwert von 15 Jahren sind es etwa 267 Kreuze im Jahr, also mehr als fünf in jeder Woche.

Viele wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aufgestellt, häufig aus Dank für die Heimkehr. Mit dem Hubschrauber wurde der Transport später einfacher, und es entstand ein Wettbewerb um größere und aufwendigere Kreuze. Das Kreuz am Großglockner steht seit Anfang 2024 unter Denkmalschutz, als erstes, höchstes und bislang einziges denkmalgeschütztes Gipfelkreuz Österreichs.

Streit um das Kreuz und was es über Heimat verrät

Nicht alle sehen das Kreuz gleich. Reinhold Messner kritisierte 2016, die Berge sollten nicht zu religiösen Zwecken möbliert werden. Im Sommer 2016 wurden mehrere Gipfelkreuze in der Gegend um Bad Tölz schwer beschädigt, und im November desselben Jahres wurde das neue Kreuz auf dem Schafreuter weniger als zwei Monate nach der Aufstellung umgesägt.

Für viele Mitglieder des Alpenvereins ist das Kreuz dagegen eher Kulturgut als religiöses Symbol, und an manchen Kreuzen hängen tibetische Gebetsfahnen, was der Alpenverein nicht als Konflikt bezeichnet. In Tirol wurden Kreuze nach der Teilung Südtirols zeitweise mit anti italienischen Botschaften versehen, ein Beispiel dafür, wie schnell ein Zeichen für andere Zwecke gebraucht wird. Die genannten Vorfälle stammen aus einem einzigen Jahr, doch sie zeigen, wie viel Gefühl an einem Stück Holz hängt.

Der Streit zeigt, dass ein Gipfelkreuz mehr ist als eine Wegmarke. Es steht für Orientierung, für Dank und für die Frage, wem ein Berg gehört, und diese Fragen werden von Gemeinde zu Gemeinde verschieden beantwortet. Für den Blick am Gipfel gibt es einige Punkte, die den Eindruck verändern.

  • Das Alter eines Kreuzes ist meist gering, denn Holz hält nur zehn bis zwanzig Jahre.
  • Die Zahl der Kreuze lässt sich nur schätzen, weil viele nirgends erfasst sind.
  • Ein aufgestelltes Kreuz verpflichtet die Aufsteller über Jahrzehnte.
  • Der Denkmalschutz am Großglockner zeigt, dass ein Kreuz als Kulturgut gelten kann.

Zur Frage, wie Heimat entsteht, passt der Beitrag über Heimweh als Krankheit und den Ruf der Alpen, und dass auch Berge ihre Zeichen im Landstrich hinterlassen, zeigt die Geschichte vom Bergbau am Grünten.