Allgäuer Krautkrapfen selbst gemacht Schritt für Schritt

Gerollt wie ein Strudel, in Scheiben geschnitten und dicht an dicht in einer Pfanne gegart: Krautkrapfen sind gefüllte Nudelteigschnecken, die im Allgäu mit Sauerkraut und Speck zu den bodenständigsten Gerichten gehören. Der Name führt in die Irre, denn mit Krapfen im Sinne von Schmalzgebäck haben sie wenig gemein. Gemeint sind Scheiben aus dünn ausgerolltem Teig, die erst angebraten und dann in Brühe gegart werden, bis die Unterseite knusprig und die Oberseite weich ist. Das Rezept ist in Kempten ebenso bekannt wie im übrigen Schwaben, und doch unterscheiden sich die Varianten in Teigmenge, Scheibenbreite und Garzeit. Die Fassung aus Kempten kommt mit 300 Gramm Mehl aus, die schwäbische Variante braucht 500 Gramm und schneidet breitere Scheiben. Hier steht die Kemptener Grundform, ergänzt um die Handgriffe, an denen das Gericht gelingt oder misslingt. Die Zubereitung lässt sich an einem Nachmittag vorbereiten und am Abend fertigstellen, weil der Teig ruhen und die Füllung auskühlen muss. Der Aufwand verteilt sich also auf mehrere Etappen, von denen keine schwierig ist, die aber in der richtigen Reihenfolge ablaufen müssen. Ein Rezept für Kässpatzen steht bereits im Beitrag über die Allgäuer Kässpatzen.

Zutaten für vier Portionen

Die Mengen reichen für etwa 12 Scheiben, das sind drei pro Portion bei vier Personen. Die Füllung braucht rohes Sauerkraut, kein vorgegartes aus dem Beutel, weil das Kraut im Topf Brühe aufnimmt und dabei weich wird. Der Speck sollte durchwachsen sein, damit er Fett in die Füllung abgibt, ohne zu trocknen.

  • Teig: 300 g Mehl, 2 Eier, 3 EL Wasser, 1 Prise Salz
  • Füllung: 500 g rohes Sauerkraut, 250 g Brühe, 1 Lorbeerblatt, 100 g Speck, 1 Zwiebel, Salz
  • Zum Garen: 50 g Butter, Brühe zum Aufgießen, Öl zum Anbraten
  • Zum Servieren: Zwiebeln in Butter geschmolzen, Schnittlauch

Eine Pfanne mit hohem Rand oder ein flacher Topf mit Deckel ist nötig, dazu ein sauberes Küchentuch zum Aufrollen und ein Nudelholz. Das Tuch ersetzt Backpapier, weil der dünne Teig daran nicht klebt und sich mitsamt der Füllung sauber einrollen lässt. Ein Nudelholz mit glatter Oberfläche reicht aus. Wegen der Größe des Rechtecks empfiehlt sich eine freie Arbeitsfläche von mindestens 60 mal 60 Zentimetern, denn der Teig lässt sich nicht in Teilen ausrollen und später zusammenfügen, ohne dass Nähte aufplatzen. Die Zwiebel für die Füllung gehört fein gewürfelt in die Füllung, die geschmolzenen Zwiebeln zum Servieren dagegen in Ringen, damit sie als Beilage erkennbar bleiben. Dass Butter und nicht Öl im Topf steht, verleiht den Krapfen die goldene Kruste, weil die Milchbestandteile der Butter beim Anbraten bräunen und dem Gericht seinen nussigen Geschmack geben.

Der Ablauf Schritt für Schritt

Die Reihenfolge entscheidet über das Gelingen, weil Füllung und Teig unterschiedlich lange brauchen. Zuerst entsteht die Füllung, denn sie muss abkühlen, während der Teig ruht. Erst wenn beide Teile bereitliegen, beginnt das Formen. Beim Aufrollen hilft das Tuch: Es wird an einer Kante angehoben und zieht den Teig gleichmäßig nach, sodass keine Luftblasen eingeschlossen werden. Die Rolle sollte fest, aber nicht gequetscht sein, damit die Scheiben ihre Form behalten und die Füllung nicht seitlich austritt. Geschnitten wird mit einem scharfen, dünnen Messer, das nicht drückt, sondern sägt. Wird die Rolle vorher zehn Minuten kühl gestellt, lässt sie sich noch sauberer teilen, weil Teig und Füllung dann fester aneinanderhaften. Die Endstücke der Rolle sind meist schmaler und ohne Füllung an der Kante; sie werden ebenfalls mitgegart und dienen als Kostprobe für den Koch. Beim Setzen in die Pfanne zeigt die Schnittfläche nach oben, damit die Füllung nicht herausfällt und die Spiralen erkennbar bleiben. Mit einem Pfannenwender lassen sich die Scheiben einzeln aufnehmen, ohne dass die Spirale auseinandergezogen wird. Am Rand der Pfanne bräunen sie schneller als in der Mitte, weshalb ein Platztausch nach der Hälfte der Bratzeit für gleichmäßige Farbe sorgt.

  1. Zwiebel und Speck würfeln und in etwas Öl andünsten, bis der Speck Fett abgibt.
  2. Sauerkraut zugeben, mit 250 g Brühe aufgießen, das Lorbeerblatt einlegen und 45 Minuten köcheln lassen. Danach abkühlen lassen, bis die Füllung kalt ist.
  3. Mehl, Eier, Wasser und Salz zu einem festen Teig kneten, mit Öl bestreichen und eine Stunde zugedeckt ruhen lassen.
  4. Den Teig auf bemehltem Tuch zu einem Rechteck von etwa 40 mal 50 Zentimetern ausrollen, rund 2 Millimeter dick.
  5. Die kalte Füllung gleichmäßig verteilen, mithilfe des Tuchs von der langen Seite her aufrollen und in 4 Zentimeter breite Streifen schneiden.
  6. Butter in der Pfanne erhitzen, die Krapfen aufrecht und dicht nebeneinander anbraten, mit Brühe angießen, zudecken und etwa 30 Minuten garen.
  7. Mit geschmolzenen Zwiebeln und Schnittlauch servieren.

Zeiten und Maße im Überblick

Der Zeitplan ergibt sich aus zwei Abläufen, die gleichzeitig laufen und sich nur an einer Stelle berühren, nämlich beim Formen. Teig und Füllung entstehen parallel, erst zum Formen kommen beide zusammen. Wird um 14 Uhr mit Füllung und Teig begonnen, sind beide gegen 15 Uhr 30 bereit, geformt sind die Krapfen eine Viertelstunde später, und gegen 16 Uhr 30 stehen sie gegart auf dem Tisch. Die Rechnung zur Scheibenzahl geht so: Ein Rechteck von 40 mal 50 Zentimetern, von der 50 Zentimeter langen Seite her aufgerollt, ergibt eine Rolle von 50 Zentimetern Länge. Geteilt durch 4 Zentimeter Scheibenbreite entstehen 12 Scheiben mit einem Rest von 2 Zentimetern.

ArbeitsschrittDauerMerkmal
Füllung köcheln45 MinutenKraut weich, Brühe fast eingekocht
Füllung auskühlen30 bis 45 MinutenFüllung kalt, sonst weicht der Teig auf
Teig ruhen60 MinutenTeig elastisch, lässt sich dünn ausrollen
Ausrollen und Formen15 Minutenetwa 2 Millimeter dick, 12 Scheiben
Anbraten8 bis 10 MinutenUnterseite goldbraun
Garen mit Deckel30 MinutenBrühe etwa 2 Zentimeter hoch

Zusammengerechnet vergehen rund 140 Minuten, wenn Füllung und Teig parallel entstehen, und rund 200 Minuten, wenn beides nacheinander gemacht wird. Der Unterschied von einer Stunde entsteht allein durch das Ruhen des Teigs, das sich mit dem Auskühlen der Füllung überlappen lässt. Eine am Vortag gekochte Füllung spart die gesamte Anlaufzeit, denn kaltes Kraut aus dem Kühlschrank kann sofort auf den Teig. Außerdem zieht das Aroma von Speck und Lorbeer über Nacht durch und macht die Füllung runder im Geschmack.

Fehlerquellen und Abweichungen von Ort zu Ort

Der häufigste Fehler betrifft die Temperatur der Füllung. Warmes Kraut gibt Dampf ab und weicht den dünnen Teig an der Innenseite auf, sodass die Scheiben beim Schneiden zerfallen. Die Füllung muss kalt sein, bevor sie auf den Teig kommt. Ein zweiter Fehler liegt in der Teigdicke: Wird der Teig dicker als 3 Millimeter ausgerollt, bleibt er im Kern fest, weil die Brühe nicht durchdringt. Auch die Pfanne spielt eine Rolle. Sind die Scheiben zu locker gesetzt, kippen sie beim Angießen um, und die Schnecken öffnen sich.

Die schwäbische Fassung zeigt, wie stark ein Rezept von Ort zu Ort abweicht. Diese Fassung arbeitet mit 500 Gramm Mehl und 125 Milliliter Wasser, würzt das Kraut mit Nelke, Wacholderbeere und Kümmel, köchelt die Füllung nur 20 Minuten und schneidet 5 bis 6 Zentimeter breite Scheiben. Beim Garen steht die Brühe dort etwa 3 Zentimeter hoch. Die Kemptener Grundform lässt sich darin wiedererkennen, nämlich als dasselbe Gericht in einer kräftigeren, würzigeren Auslegung. Beide Wege führen zu Krapfen, die außen Biss und innen Saft haben, und beide schmecken mit einem grünen Salat am besten, der die Säure des Krauts ausgleicht.

Heimweh als Krankheit und der Ruf der Alpen

Ein Soldat, dem der Urlaub verweigert wurde, soll im 17. Jahrhundert innerhalb einer Stunde gestorben sein, und zwar an Heimweh. Was nach einer Schauergeschichte klingt, stand tatsächlich in einem deutschen Anekdotenbuch von 1645. Das Wort Heimweh war damals neu, und es tauchte zuerst im Umfeld von Söldnern aus den Schweizer Bergen auf, die im Dienst des französischen Königs standen. Ärzte nahmen die Klage ernst und erhoben sie zur Krankheit mit Namen, Symptomen und Heilmitteln. Dass ein Gefühl der Sehnsucht nach den Bergen und dem Zuhause einmal als lebensgefährlich galt, wirkt heute fremd. Es lohnt sich dennoch, die Geschichte nachzuzeichnen, denn sie erklärt, warum die Alpen bis heute als Gegend gelten, nach der sich Menschen zurücksehnen. Das gilt auch für das Allgäu, in dem Almen, Glocken und der Wechsel der Jahreszeiten ein Bild von Heimat prägen, das weit über die Region hinausreicht. Wie aus einem Wort der Soldatensprache ein medizinischer Begriff wurde und wie die Wissenschaft ihn später wieder verwarf, lässt sich in wenigen Etappen erzählen, und jede dieser Etappen hat ihre eigene Pointe, die mit dem Bild der Berge zu tun hat.

1645 und der erste Todesfall in den Büchern

Der Begriff Heimweh entstand vor rund 400 Jahren in französischsprachigen Texten und wurde dann ins Deutsche übernommen, wo er sich rasch einbürgerte. Sprachforscher verbinden ihn mit Schweizer Söldnern in französischem Kriegsdienst, die fern der Heimat in Garnisonen lagen. Der Soldat aus dem Anekdotenbuch von 1645 starb der Erzählung nach in Nizza, kurz nachdem ihm der Urlaub abgeschlagen worden war. Ob sich der Vorfall so zutrug, lässt sich nicht prüfen. Wichtig ist, dass die Zeitgenossen ihn für glaubhaft hielten und weitererzählten, denn aus dem Glauben an solche Fälle wuchs die Bereitschaft, das Leiden ernsthaft zu untersuchen.

Solche Berichte verbreiteten sich schnell, weil die Söldnerheere dieser Zeit in ganz Europa unterwegs waren und Nachrichten von Garnison zu Garnison reisten. Für Befehlshaber war die Sache nicht bloß ein menschliches, es war ebenso ein praktisches Problem: Ein Soldat, der vor Sehnsucht verstummte oder davonlief, fehlte in der Truppe. Das Leiden bekam im Volksmund bald einen Beinamen und wurde Schweizerkrankheit genannt, obwohl es keineswegs auf die Schweiz beschränkt war. Zwischen dem Anekdotenbuch und der ersten ärztlichen Abhandlung liegen nur 43 Jahre, in denen aus einer Erzählung ein Fall für die Medizin wurde.

1688 und die Erfindung der Nostalgie

  1. 1645: Ein Anekdotenbuch berichtet von einem Soldaten, der an Heimweh gestorben sein soll.
  2. 1688: Johannes Hofer prägt den Begriff Nostalgie und erklärt das Leiden zur Krankheit.
  3. Frühes 18. Jahrhundert: Der Zürcher Gelehrte Johann Jakob Scheuchzer führt das Leiden auf die Luftverhältnisse im Flachland zurück.
  4. 18. und 19. Jahrhundert: Die Begeisterung für die Alpen wächst, und Komponisten machen Heimweh zum Thema ihrer Werke.
  5. Gegenwart: Heimweh gilt als verbreitetes, nicht tödliches Gefühl; die alten Erklärungen sind widerlegt.

Den Schritt von der Anekdote zur Diagnose vollzog 1688 der Arzt Johannes Hofer aus Mülhausen im Elsass in einer Basler Doktorarbeit. Er bildete aus zwei griechischen Wörtern, nostos für die Heimkehr und algos für den Schmerz, den Fachbegriff Nostalgie. Als Krankheitszeichen nannte er Traurigkeit, unruhigen Schlaf, Fieber, Verdauungsbeschwerden und Gewichtsverlust. Die Ursache vermutete er in einem Leiden des Gehirns, und als Heilmittel galt die Heimkehr. Aus heutiger Sicht erinnert die Liste an eine Depression, doch dieser Begriff stand der Medizin des 17. Jahrhunderts nicht zur Verfügung. Bemerkenswert bleibt, dass Hofer den Sitz des Leidens im Kopf suchte und nicht im Blut, wie es spätere Erklärungen taten. Hofers Wortschöpfung hat das Leiden, das er beschrieb, überlebt: Nostalgie bezeichnet heute die wehmütige Rückschau auf Vergangenes, nicht mehr die Sehnsucht nach einem Ort. Aus dem Schmerz der Heimkehr ist ein Gefühl der Zeit geworden, ein Wort, das heute ebenso für alte Schallplatten wie für Kindheitsorte steht. Die Zeitleiste fasst die Stationen zusammen, die Heimweh vom Soldatengerücht bis zum alltäglichen Gefühl durchlief. Zwischen erster Erwähnung und heutigem Verständnis liegen rund 380 Jahre, in denen sich die Deutung mehrfach drehte: erst Gerücht, dann Krankheit, schließlich Gefühl. Jede Station veränderte außerdem den Blick auf die Berge, aus denen die Betroffenen stammten.

Die Bergluft als Erklärung und die Heilmittel

Johann Jakob Scheuchzer vertrat eine eigene Theorie. Nach seiner Auffassung litten die Schweizer im Flachland unter dem höheren Luftdruck, der das Blut verdicke. Menschen, die Berghöhen gewohnt seien, könnten im Tiefland nicht gesund bleiben, und das einzige Heilmittel sei die Rückkehr ins Gebirge. Die Idee klang plausibel, weil sie eine Beobachtung aufgriff: Betroffene genasen daheim rasch, und die Erklärung mit Luft und Blut passte zur Medizin der Zeit, die Körpersäfte für die Grundlage der Gesundheit hielt. Dass die Ursache seelischer Natur war, schloss die damalige Medizin aus, denn Gefühle galten nicht als Auslöser körperlicher Krankheiten.

Die Behandlungen reichten von der Beurlaubung bis zu Verfahren, die heute abenteuerlich erscheinen. Salpeter und Schießpulver sollten die Blutgefäße erweitern, damit das verdickte Blut besser floss. Zugleich verboten Behörden unter Soldaten den Kuhreihen, ein altes Hirtenlied aus den Schweizer Bergen, weil sein Klang die Sehnsucht auslösen und zur Fahnenflucht treiben sollte. Dass ein Lied als Gefahr galt, zeigt, wie eng Musik und Heimatgefühl damals gedacht wurden, und es erklärt, warum Alpenlieder später zum Inbegriff der Sehnsucht aufstiegen. Die Hirtenkultur, aus der solche Lieder stammen, wird im Beitrag über das Sennalpe im Allgäu beschrieben.

Von der Diagnose zum Gefühl

Die Karriere der Krankheit endete nicht, weil Ärzte sie heilten, sondern weil das Bild der Alpen sich wandelte. Aus dem gefährlichen Gebirge wurde ein Sehnsuchtsort, und die wachsende Begeisterung für die Berge machte Heimweh zu einem beliebten Motiv der Kunst. Komponisten griffen es auf und verarbeiteten es in ihren Werken, und das Wort wurde weit über die Medizin hinaus bekannt. Eine tödliche Krankheit ist Heimweh längst nicht mehr, und die alten Erklärungen von Blut, Luftdruck und Gehirnleiden gelten als widerlegt. Sprachforscher weisen darauf hin, dass jeder Mensch, der seinen Wohnort verlässt, dieses Ziehen kennt.

Wie tief diese Verbindung zwischen Landschaft und Zugehörigkeit reicht, zeigt der Blick auf ein Ereignis wie den Viehscheid. Er folgt einem Ablauf, der Jahr für Jahr wiederkehrt, und gerade solche festen Abläufe tragen das Gefühl von Zugehörigkeit. Heimat hängt, so lässt sich aus der Wortgeschichte schließen, weniger an einem Ort als an dem, was an diesem Ort verlässlich wiederkehrt: an Geräuschen, Jahreszeiten, Handgriffen. Damit erklärt sich auch, weshalb das Heimweh der Söldner im 17. Jahrhundert so ernst genommen wurde. Es ging nicht um eine Landschaft allein, sondern um einen ganzen Rhythmus des Lebens, der in der Garnison fehlte.

Föhn im Allgäu und warum er die Luft aufheizt

Im November 2000 zeigte das Thermometer in Brannenburg im bayerischen Inntal am Abend 22 Grad und am nächsten Morgen minus 3 Grad. Dazwischen lag das Ende einer Föhnlage. So schnell kann sich die Luft am Nordrand der Alpen erwärmen, wenn ein Südwind über den Hauptkamm weht und auf der Nordseite absinkt. Der Kern der Erklärung ist eine Differenz: Absinkende trockene Luft wird pro 100 Höhenmeter um rund ein Grad wärmer, während aufsteigende Luft in der Wolke nur um etwa 0,6 Grad je 100 Meter kühler wird. Aus diesem Unterschied entstehen die milden Tage im Spätherbst und Winter, die im Allgäu mit dem Wort Föhn verbunden sind. Dazu gehören weit entfernte Berge in fast übertriebener Schärfe und ein Himmel, an dem sich Wolkenwände aufbauen und im nächsten Moment auflösen. Das Wort selbst geht auf das lateinische favonius zurück, den Namen eines milden Westwindes, und gelangte über das Rätoromanische ins Althochdeutsche. Ursprünglich bezeichnete es den winterlichen Südwind, der nördlich der Alpen Tauwetter bringt. Heute steht es für ein ganzes Bündel von Erscheinungen, die Meteorologen genau unterscheiden: für den Wind, für die Temperaturen und für die Wolken, die ihn begleiten.

Warum absinkende Luft sich erwärmt

Luft ist ein Gas, und ein Gas erwärmt sich, wenn es zusammengedrückt wird. Sinkt ein Luftpaket aus großer Höhe ins Tal, wächst der Druck um das Paket, es schrumpft, und die Energie der Bewegung wird zu Wärme. Das geschieht ohne Heizquelle, allein durch die Höhendifferenz. In trockener Luft beträgt die Erwärmung rund ein Grad je 100 Meter. Steigt die Luft dagegen auf und kühlt sich ab, bis Wasserdampf zu Tröpfchen kondensiert, wird dabei Wärme freigesetzt, die den Temperaturverlust bremst. Innerhalb der Wolke sinkt die Temperatur deshalb langsamer als in der trockenen Umgebung. Regnet oder schneit es auf der Südseite des Gebirges ab, geht das Wasser verloren, und auf der Nordseite sinkt trockene Luft ab, die sich mit dem vollen Grad je 100 Meter erwärmt. Die Bilanz fällt dadurch auf der Nordseite deutlich wärmer aus als vor dem Aufstieg.

Die Forschung hat dieses Lehrbuchbild inzwischen ergänzt. Ein Teil der Föhnluft stammt gar nicht vom Fuß der Südseite, sondern aus größerer Höhe und strömt durch tief eingeschnittene Pässe nach Norden, während sich die kühle Luft davor als Schicht am Gebirge staut. Die Wärme entsteht dann vor allem durch das Absinken, weniger durch Kondensation. Beide Erklärungen schließen einander nicht aus, sie gelten je nach Wetterlage in unterschiedlichem Maß. Als Auslöser dienen meist langsam ziehende Tiefs über dem Nordatlantik, die an ihrer Vorderseite südwestliche bis südliche Luft nach Norden lenken.

Eine Beispielrechnung für Oberstdorf

Ein Rechenbeispiel macht den Unterschied greifbar. Angenommen, Luft mit 10 Grad strömt auf 1000 Metern Höhe südlich des Alpenhauptkamms nach Norden und steigt an einem 3000 Meter hohen Kamm auf. Die Wolkenbildung beginne bei 1600 Metern. Der Weg des Luftpakets bis Oberstdorf, dessen Ortsmitte auf 843 Metern liegt, lässt sich in vier Schritten nachrechnen. Es handelt sich um ein Modell mit runden Annahmen und nur einem einzigen Luftpaket, echte Föhnlagen verlaufen unregelmäßiger, doch die Größenordnung deckt sich mit den Messungen.

  1. Von 1000 auf 1600 Meter steigt die Luft trocken auf. Die Temperatur fällt um 1 Grad je 100 Meter, insgesamt um 6 Grad, auf 4 Grad.
  2. Von 1600 bis 3000 Meter, das sind 1400 Meter, kühlt sich die feuchte Luft um 0,6 Grad pro 100 Meter ab, in der Summe um 8,4 Grad, und erreicht am Kamm minus 4,4 Grad.
  3. Die Wolke regnet sich aus, die Luft überquert den Kamm und sinkt trocken ab. Bis Oberstdorf liegen 2157 Meter, die Erwärmung beträgt 21,6 Grad.
  4. Minus 4,4 Grad plus 21,6 Grad ergibt 17,2 Grad in Oberstdorf, obwohl die Luft im Süden mit nur 10 Grad startete.

Der Gewinn von 7,2 Grad lässt sich zerlegen. In der Wolke wurde die Luft über 1400 Meter um 0,4 Grad je 100 Meter weniger abgekühlt, als sie beim Abstieg erwärmt wird, das macht 5,6 Grad. Dazu kommen 1,6 Grad, weil das Ziel 157 Meter tiefer liegt als der Start. Die Summe stimmt mit dem Ergebnis überein. Im Gegenzug heißt das auch: Fällt auf der Südseite kein Niederschlag, bleibt die Differenz aus, und die Luft kommt auf gleicher Höhe wieder mit ihrer Ausgangstemperatur an. Ohne Wolkenbildung gibt es keinen Föhn im klassischen Sinn. Die Rechnung lässt sich mit anderen Starthöhen und Kammhöhen wiederholen; jede Variante zeigt, dass ein höherer Kamm mit mehr Wolkenstrecke den Gewinn vergrößert.

Wo die einfache Regel nicht gilt

Die Rechnung beschreibt einen Modellfall, und der Südföhn weicht in der Natur an mehreren Stellen davon ab. Föhn gilt als warmer Wind, kann aber trotzdem Kälte nicht verdrängen, wenn bodennahe Kaltluft im Tal liegen bleibt. Dann erreicht die Strömung den Talgrund nicht, und die milde Luft gleitet über die kalte hinweg. Im Winter kann es bei solchen Inversionslagen im Talgrund frostig bleiben, während weiter oben bereits Tauwetter herrscht. Die Unterschiede zur Umgebung betragen bei echten Föhnlagen deutlich mehr als 10 Grad, und binnen Stunden sind Schwankungen von bis zu 25 Grad möglich, wie das Beispiel aus dem Inntal zeigt. Nicht jeder Wind aus Süden ist deshalb ein Föhn, und nicht jede milde Phase geht auf ihn zurück. Wetterkarten zeigen die Lage am deutlichsten: Liegt ein Tief über den Britischen Inseln und strömt Südwestluft gegen die Alpen, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Föhnlage stark an. Ob die Luft tatsächlich bis Oberstdorf durchgreift, entscheidet sich an der Schichtung der Luft im Tal, und genau diese Schichtung lässt sich von außen schwer abschätzen. Messstationen im Tal und auf dem Berg liefern dafür den entscheidenden Vergleich, weil der Temperaturunterschied zwischen beiden anzeigt, ob die Strömung den Talgrund erreicht.

  • Auf der Alpensüdseite heißt der entgegengesetzte Wind Nordföhn, der meist nach einer Kaltfront aus Westen auftritt und im Norden Regen bringt.
  • Föhnluft trägt wenig Schwebteilchen, daher wirken ferne Berge näher, und die wechselnde Dichte der Luftschichten beugt das Licht.
  • Die Schneeschmelze beschleunigt sich im Winter und Frühjahr, weil trockene, warme Luft die Schneedecke rasch abbaut.

Die Wolken verraten den Föhn

Am Himmel lässt sich eine Föhnlage Stunden vor dem ersten warmen Hauch erkennen. Über dem Kamm steht die Föhnmauer, eine Wolkenwand, die nicht davonzieht, weil die Luft dort ständig neu kondensiert und auf der Leeseite wieder verdunstet. Dahinter öffnet sich das Föhnfenster, ein nahezu wolkenfreier Streifen, den die trockene Luft freiräumt. Bei genügend Feuchte bilden sich über den Bergen linsenförmige Wolken, der Altocumulus lenticularis, im Volksmund auch Föhnfische genannt. Diese Wolken stehen scheinbar still, obwohl der Wind mit hoher Geschwindigkeit hindurchbläst, denn sie markieren den Kamm einer Welle in der Luftströmung, einer sogenannten Leewelle. Segelflieger nutzen solche Wellen, um in kurzer Zeit sehr hoch zu steigen, weil die Luft auf der Vorderseite der Welle stetig aufwärts getragen wird. Die Linsenform entsteht, weil sich die Luft am Wellenberg abkühlt und Wasser kondensiert, im Wellental verdunstet es sofort wieder.

Das Zusammenspiel dieser Zeichen erklärt, warum Föhn so auffällt, selbst für Menschen, die sonst wenig auf das Wetter achten: Die Wolkenwand im Süden, die plötzliche Wärme und die Fernsicht gehören zusammen und treten gemeinsam auf. Der Wetterwechsel danach folgt meist rasch, denn die Föhnlage steht in der Regel vor einer Kaltfront, die sie beendet.

Allgäuer Dialekt und warum es keinen einheitlichen gibt

Ein Mädchen heißt im Oberallgäu Feel, der Kopf heißt Grind, und der Almabtrieb trägt je nach Tal drei verschiedene Namen. Das klingt nach einem einzigen Allgäuer Dialekt mit ein paar hübschen Eigenheiten. Tatsächlich handelt es sich um ein Bündel von Mundarten, die an einer Sprachgrenze aufeinandertreffen. Diese Grenze trennt das Alemannische vom Schwäbischen und verläuft mitten durch die Region, nicht an ihrem Rand. Der Satz, im Allgäu werde Schwäbisch gesprochen, trifft für Kempten und das Unterallgäu eher zu als für Oberstdorf. Umgekehrt klingt die Mundart südlich von Immenstadt für Ohren aus Stuttgart oder Ulm fremd, obwohl das Oberallgäu zum selben bayerischen Regierungsbezirk Schwaben gehört wie Augsburg. Genau darin liegt die Quelle vieler Missverständnisse: Ein Verwaltungsname wie Schwaben oder ein Landschaftsname wie Allgäu sagt wenig darüber, wie Menschen vor Ort tatsächlich sprechen. Die Sprachwissenschaft zieht ihre Linien nach Lauten, Wortformen und Wortschatz, und diese Linien kümmern sich weder um Landkreisgrenzen noch um das Landesgrenzschild zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Soll herausgefunden werden, wie sich ein Oberstdorfer von einem Kemptener unterscheidet, bleibt nur der Weg über einzelne Wörter und Laute. Die lange Reihe von Beispielen reicht vom Wort für Mädchen bis zum Wort für stur, und jedes davon markiert auf seine Art eine kleine Grenze.

Woher die Annahme vom einen Dialekt kommt

Dass ein einheitlicher Allgäuer Dialekt vermutet wird, hat mehrere Gründe. Der Name Allgäu bezeichnet eine Landschaft, die weder an einem Landkreis noch an einem Bundesland endet. Die Landschaft reicht vom Oberallgäu über Kempten und das Ostallgäu bis in den Westen nach Wangen und Isny, die zu Baden-Württemberg gehören. Das Vertrauen auf den Namen weckt die Erwartung an eine Sprache, die so groß ist wie die Landschaft selbst. Hinzu kommt der Blick von außen. Für Hörer aus Norddeutschland klingt alles zwischen Bodensee und Lech nach Süden, und aus dieser Entfernung verschwimmen Unterschiede, die vor Ort sofort auffallen.

Auch die Sprachgeschichte trägt zur Verwirrung bei. Das Schwäbische gilt in der Sprachwissenschaft als enger Verwandter des Alemannischen, beide stammen aus derselben Dialektgruppe. Die Unterschiede liegen in Einzelheiten, doch genau diese Einzelheiten markieren eine Grenze, die von Ort zu Ort verschieden verlaufen kann. Das Alemannische südlich von Immenstadt und im Westallgäu bis Wangen und Isny wird als Niederalemannisch eingeordnet. Der Norden des Oberallgäus mit Kempten, das Unterallgäu mit Memmingen und das Ostallgäu mit Kaufbeuren werden von vielen Sprachforschern dem Schwäbischen zugerechnet. Mundartlisten führen diese Gegenden dennoch häufig unter dem Sammelnamen Allgäuerisch, weshalb die Zuordnung je nach Lehrmeinung verschieden ausfällt.

Was einzelne Wörter über die Herkunft verraten

HochdeutschOberallgäuOstallgäuWestallgäu
AlmabtriebViehscheidAlpabtriebFehrschoid
MädchenFeelFeelSchputl oder Feel
JungeBüeBueBue
KopfGrindGrendGrind
Jungrindledigs VäeSchumpeSchump
KammSchträälSchträälSchrääla
sturgschterrgrindiggschterrgrendegoigagrindig
immerallatallatallat oder allbot

Am deutlichsten werden die Unterschiede an Wörtern des täglichen Lebens, wie die Gegenüberstellung der drei Mundartgebiete zeigt. Die Schreibweise schwankt, weil Mundart keine feste Rechtschreibung besitzt. Die Tabelle gibt daher Lautungen wieder, nicht amtliche Formen.

Auffällig ist, wie stark sich ein und dasselbe Fest in der Benennung aufspaltet. Der Viehscheid im Oberallgäu, der Alpabtrieb im Osten und der Fehrschoid im Westen beschreiben dasselbe Ereignis, nämlich die Rückkehr des Almviehs ins Tal. Wie dieses Ereignis abläuft, lässt sich im Text zum Viehscheid nachlesen. Sprachlich spannend ist außerdem das Wort Grind für den Kopf: Es steckt auch in gschterrgrindig, dem sturen Menschen, und in oigagrindig, dem eigensinnigen. Mundartwörter bilden also Familien, die in jedem Gebiet leicht anders ausfallen. Beim Jungrind trennen sich die Gebiete am weitesten, denn ledigs Väe im Oberallgäu und Schump im Westen haben außer der Bedeutung kaum etwas gemeinsam. Ein Wort aus dem Süden, in Kempten benutzt, wird dort verstanden und erntet trotzdem gelegentlich ein Schmunzeln. Wörter wandern zwar mit den Menschen, behalten aber ihre Lautung, und genau daran lässt sich ihre Herkunft ablesen. Auch Kinderwörter folgen dem Muster: Der Junge heißt im Oberallgäu Büe mit Umlaut, in den anderen beiden Regionen Bue ohne Umlaut, und ein einziger Laut genügt, um die Gegend zu erkennen. Dazu kommt die Betonung, die zwischen Tal und Tal wechselt und sich in keiner Tabelle abbilden lässt.

Der Hörtest mit drei Wörtern

Für Sprachforscher ist die bekannteste Trennlinie des Allgäus nach einem Wort benannt: die Wiib-Weib-Linie. Die Linie unterscheidet, ob das Wort Weib in der Mundart ähnlich wie Wiib mit langem i klingt oder mit dem Zwielaut wie im Schriftdeutschen. Südlich der Linie, im alemannischen Teil, bleibt das alte lange i erhalten, nördlich davon setzt sich der Zwielaut durch. Die Linie verläuft ungefähr über Wangen, Isny und Weitnau. Zwei weitere Wörter ergänzen den Test. Im Argental heißt das Haus Hus mit langem u, und jemand, der zur Beichte geht, geht bichta. Nördlich der Linie lauten die Formen Haus und Beichten, also so, wie sie auch das Schriftdeutsche kennt. Drei Wörter genügen also, um eine Mundart grob zu verorten: Weib, Haus, beichten. Die Entfernungen sind dabei überschaubar. Zwischen Oberstdorf und Kempten liegen nur etwa 70 Straßenkilometer, und trotzdem lässt sich auf dieser Strecke ein Wechsel der Lautung hören. Die Grenze ist dabei kein scharfer Strich, sondern ein Übergangsstreifen, in dem Sprecher beide Formen kennen und je nach Gesprächspartner wechseln. Ein Dorf nahe der Linie kann deshalb Wörter aus beiden Welten verwenden, was Mundartforscher beim Sammeln regelmäßig vor Rätsel stellt.

Wo der Kern der Annahme stimmt

Ganz falsch liegt die Vorstellung vom einen Allgäuer Dialekt nicht, denn es gibt Gemeinsamkeiten, die über die Grenzlinien hinweg bestehen. Die Landschaft prägt den Wortschatz, und wo Alpwirtschaft, Vieh und Käse zum Leben gehören, tragen die Wörter dafür in vielen Tälern verwandte Wurzeln, auch wenn die Lautung wechselt. Dazu kommt, dass Dialektsprecher aus dem Allgäu einander meist problemlos verstehen, selbst wenn einzelne Wörter fremd klingen. Die Unterschiede wirken deshalb eher wie Färbungen innerhalb einer Sprachfamilie als wie Sprachbarrieren, und genau das macht den Sammelnamen Allgäuerisch im täglichen Sprachgebrauch brauchbar, auch wenn er für die Forschung zu grob bleibt. Vier Beobachtungen belegen die Gemeinsamkeiten:

  • Das Wort allat für immer kommt in allen drei Mundartregionen vor.
  • Die Wurzel Grind steckt in den Mundartwörtern für Sturheit im Oberallgäu, im Ostallgäu und im Westallgäu gleichermaßen.
  • Fast jede Gemeinde besitzt Wörter, die schon im Nachbardorf anders lauten und sich deshalb als Ortszeichen eignen.
  • Kinderwörter wie Büe und Bue unterscheiden sich häufig nur in einem einzigen Laut.

Auch die Mundart selbst verändert sich, ohne dass ein Beschluss dahintersteht. Wörter für Dinge, die aus dem täglichen Leben verschwinden, gehen mit ihnen verloren, während neue Wörter aus dem Hochdeutschen nachrücken. Viele Kinder wachsen heute mit Hochdeutsch auf, und Heimatpfleger warnen, aus dem Dialekt könne eine Museumssprache werden, wenn niemand ihn im täglichen Gespräch weitergibt. Das macht das Sammeln der Wörter dringlicher, als ein Wortvergleich zunächst vermuten lässt, und erklärt, warum Mundartwörterbücher einzelner Orte, etwa zur Oberstdorfer Mundart, ihren Wert behalten. In solchen Bänden stehen keine Rechtschreibregeln, sondern gesammelte Lautungen, die nirgendwo sonst festgehalten sind.

Was kaum jemand über Oberstdorf weiß

Der südlichste ganzjährig bewohnte Ort Deutschlands besteht heute aus einem einzigen bewohnten Haus, einem Berggasthof im Stillachtal. Solche Einzelheiten liegen in Oberstdorf an vielen Stellen versteckt: Hinter bekannten Namen stehen Tatsachen, die in keinem Prospekt vorkommen. Der Mann, nach dem die Skiflugschanze benannt ist, baute die Sprunganlagen für gleich fünf Olympische Winterspiele. Der Aufzug an der Schanze fährt nicht senkrecht, sondern schräg hinauf, und ein Sturz von 1970 ging als Sinnbild der Niederlage durch die Fernsehsender der Welt.

Oberstdorf zählt rund 9.300 Einwohner und wird gern an Zahlen gemessen, an Gipfelhöhen, Sprungweiten und Gehzeiten. Hinter diesen Werten stehen Menschen und Entscheidungen, die den Ort geformt haben. Jahreszahlen, Höhen und Wege lassen sich prüfen, und sie zeichnen das Bild einer Gemeinde, die mehr enthält als Postkartenmotive. Manche Fakten stehen in keiner Zeitleiste, weil sie zu klein sind, andere sind so groß, dass sie auf Plakaten stehen und trotzdem kaum jemand bemerkt, was sie bedeuten. Die vier Schauplätze, um die es hier geht, liegen alle in derselben Gemeinde, und keiner steht für eine Rangfolge, denn jede Geschichte lässt sich für sich erzählen.

Einödsbach, der Weiler am Ende der Straße

Rund zehn Kilometer südlich des Ortskerns, im Stillachtal, liegt Einödsbach. Die Höhe liegt bei gut 1.100 Metern, genaue Angaben schwanken von Quelle zu Quelle. Für einen Ort mit Dauerbewohnern ist das eine Höhe, auf der der Winter früh beginnt und spät endet. Früher standen dort drei Häuser, die das ganze Jahr bewohnt waren, und in der Katharinenkapelle fanden regelmäßig Gottesdienste statt, heute ist es still geworden, denn nur der Berggasthof ist noch bewohnt. Die Geschichte des Weilers lässt sich in wenigen Daten zusammenfassen, die bei einer Handvoll Häusern erstaunlich klingen.

  • Anfang des 16. Jahrhunderts erstmals schriftlich erwähnt, damals drei Häuser und eine Kapelle
  • 1808 selbstständige Gemeinde
  • Heute ist nur noch der Berggasthof bewohnt
  • Der Gasthof ist seit rund 150 Jahren in Familienbesitz

Der Weg dorthin gehört zur Besonderheit, denn wer nach Einödsbach will, muss den Motor abstellen und gehen. Autos enden am Parkplatz der Fellhornbahn, von dort fährt ein Bus nach Birgsau, und den Rest erledigen Besucher zu Fuß: Etwa eine Stunde dauert der Marsch durch das Stillachtal. Von Einödsbach führen Wege weiter durch das Bacherloch zum Waltenberger Haus auf 2.084 Metern, die Wanderung dauert rund dreieinhalb Stunden. Bei einem Höhenunterschied von knapp 1.000 Metern ergibt das einen Anstieg von etwas weniger als 280 Metern in der Stunde, denn 971 geteilt durch 3,5 ergibt diesen Wert.

Heini Klopfer, der Mann hinter den Schanzen

Auf dem Schild der Skiflugschanze steht ein Name, den nur wenige einordnen können. Heinrich Klopfer wurde am 3. April 1918 geboren und starb am 18. November 1968 in Oberstdorf, er wurde also 50 Jahre alt. Als Skispringer scheiterte er mit 17 Jahren an der Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 1936. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete er mit Sepp Weiler und Toni Brutscher das Oberstdorf Jumping Trio und wandte sich dem Schanzenbau zu. Als Architekt entwarf oder beriet er bei mehr als 250 Schanzen und gestaltete die Rekonstruktion der Holmenkollbakken in Oslo, der traditionsreichen Schanze der norwegischen Hauptstadt.

Am meisten fällt auf, wie viele Spiele Klopfer begleitete: Er entwarf alle Olympiaschanzen von 1960 bis 1976, das sind die Winterspiele von 1960, 1964, 1968, 1972 und 1976, also fünf Stück in 16 Jahren. Beim Internationalen Skiverband war er technischer Kommissar für Skispringen, und die Skiflugschanze in Oberstdorf trägt seit 1970 seinen Namen, zwei Jahre nach seinem Tod. Ein Architekt, der fünf Olympiaden mit Schanzen versorgte, prägte ein Vierteljahrhundert des Skisports, vom Wiederaufbau nach 1945 bis zu den Spielen der Siebzigerjahre. Wie stark er das Skispringen formte, zeigt sich weniger in Preisen als in Anlagen, die bis heute genutzt werden.

Der Schrägaufzug und ein Sturz mit Folgen

Die Skiflugschanze hat eine Eigenheit, die auf Fotos leicht untergeht: Ein diagonales Aufzugssystem führt Besucher bis zur Spitze der Anlage. Die Fahrt verläuft also nicht senkrecht wie in einem gewöhnlichen Lift, sondern schräg den Hang hinauf. Von Oberstdorf aus sind es etwa sieben Kilometer bis zur Anlage, und die schräge Fahrt vermittelt vom ersten Meter an, wie steil eine Schanze gebaut ist. Der Blick von oben zeigt, wie lang der Weg vom Absprung bis zum Aufsprung wirkt, auch wenn Springer ihn in wenigen Sekunden zurücklegen.

Zur Geschichte der Schanze gehört außerdem ein Sturz, den ein Millionenpublikum kennt, ohne zu wissen, wo er geschah. 1970 stürzte der Springer Vinko Bogataj bei einem Sprung, und die Aufnahmen liefen in der amerikanischen Sendung Wide World of Sports unter dem Titel The Agony of Defeat, was sich mit Qual der Niederlage übersetzen lässt. Der Titel wurde zu einem feststehenden Begriff für das Scheitern im Sport. Das Jahr 1970 ist zugleich das Jahr, in dem die Anlage den Namen von Heini Klopfer erhielt, und beide Ereignisse hängen so in der Geschichte der Schanze eng beieinander.

Eis, Sommer und der Schrofenpass

Der Eindruck vom reinen Schneeort übersieht, dass im Eiskunstlaufzentrum das ganze Jahr gearbeitet wird. Die Nebelhorn Trophy, ein jährlicher Wettbewerb im Eiskunstlauf, trägt den Namen des Berges über dem Ort in die Welt. Im Mai findet in Oberstdorf einer der beiden Wettbewerbe der Internationalen Eislaufunion für Erwachsene statt, bei denen die Teilnehmer mindestens 28 Jahre alt sein müssen. Ein Bergort, der im Frühjahr einen Wettkampf für Erwachsene ausrichtet, passt schlecht zum Bild vom reinen Winterort und gut zu einer Gemeinde, die ihre Termine über das ganze Jahr verteilt. Das Eis liegt unter Dach, die Termine liegen dort, wo draußen noch Schnee liegt oder bereits Wiesen grünen.

Auch für Radfahrer ist Oberstdorf ein Ausgangspunkt: Mountainbiker starten hier ihre Transalp-Tour über den Schrofenpass. Einödsbach, Schanze und Eisbahn liegen damit in derselben Gemeinde, in der auch die Radfahrer aufbrechen, und die Radroute beginnt in einem Ort, der zugleich Schauplatz von Weltcup und Tournee ist. Der Ort ist größer, als ein einzelnes Bild zeigen kann, und seine Überraschungen liegen häufig nur wenige Kilometer vom Marktplatz entfernt, auf einem Weg, einem Aufzug oder einer Eisfläche. Die Gegend im Sommer, im Winter und im Frühjahr zu erleben, zeigt jedes Mal ein anderes Oberstdorf.

Warum Oberstdorf als Wintersportort so bekannt wurde

Kaum ein anderer Ort in Deutschland vereint eine Tournee-Schanze, eine Skiflugschanze und ein Zentrum für Eiskunstlauf an einer Stelle, und genau darin liegt die kürzeste Antwort auf die Frage, wie ein Ort mit rund 9.300 Einwohnern zum Begriff werden konnte. Jeweils im Dezember vor Neujahr findet auf der Schattenbergschanze, einer Großschanze, der erste Teil der Vierschanzentournee statt. Dazu kamen drei Nordische Ski-Weltmeisterschaften in den Jahren 1987, 2005 und 2021, mehrere Etappen der Tour de Ski und drei Junioren-Weltmeisterschaften im Eiskunstlauf.

Bekannt wurde Oberstdorf damit über Bilder, die Jahr für Jahr in Fernsehen und Zeitungen auftauchen: Springer im Flug über dem Schanzentisch, Läufer im Schnee, Eiskunstläufer auf der Bahn. Der Begriff Bekanntheit lässt sich dabei an drei Dingen festmachen: an Terminen, an Anlagen und an Bildern. Keines dieser Ereignisse allein hätte den Namen so verbreitet, erst die Mischung aus mehreren Sportarten mit regelmäßigen Terminen hat ihn zu einem festen Begriff gemacht. Wie diese Mischung aufgebaut ist, welche Grenzen der Winterruf hat, wie sich die Häufigkeit der Großereignisse berechnen lässt und warum die Anlagen stetig wachsen, behandeln die folgenden Abschnitte der Reihe nach.

Drei Bühnen auf engem Raum

Die erste Bühne ist die Schattenbergschanze, die als Großschanze den Auftakt der Vierschanzentournee ausrichtet. Weil das Springen jedes Jahr vor Neujahr stattfindet, bildet es einen festen Punkt im Kalender, auf den Fans, Springer und Veranstalter zuarbeiten, weil hier die Tournee beginnt. Die zweite Bühne liegt rund sieben Kilometer südlich des Ortes: die Heini-Klopfer-Skiflugschanze, eine von nur fünf Anlagen weltweit, auf denen Skifliegen möglich ist. Der Hillrekord steht bei 242,5 Metern, aufgestellt von Domen Prevc am 20. März 2022 im Weltcup.

Die dritte Bühne ist die Eisfläche. Das Eiskunstlaufzentrum verfügt über drei überdachte Eisbahnen und gilt unter europäischen Läufern als beliebtes Trainingsziel, und Oberstdorf war Gastgeber von drei Junioren-Weltmeisterschaften, 1982, 2000 und 2007. Zwölf Mal fanden außerdem die Deutschen Meisterschaften im Eiskunstlauf hier statt. Wintersport im Freien, auf der Schanze und auf dem Eis: Diese Schauplätze liegen in einer einzigen Gemeinde, und jeder bringt eigene Zuschauer mit, die den Namen des Ortes in ihren Kreisen weitertragen. Hinzu kommt die Tour de Ski, von der mehrere Etappen in Oberstdorf stattfanden, und all diese Termine ergeben zusammen ein Jahresprogramm im Winter, das weit über einen einzelnen Wettkampf hinausgeht.

Wo der Ruf des Winters an Grenzen stößt

Die Winterbilder erzählen nur einen Teil der Geschichte. Ein Ort, der vor allem als Sportstätte bekannt ist, muss im Sommer anders auftreten, und das gelingt Oberstdorf mit Bergen, Tälern und Wanderwegen. Wie hoch die Gipfel über dem Ort aufragen, rechnet der Beitrag über Oberstdorf als südlichstes Reiseziel Deutschlands vor, und die Schlucht der Breitach beschreibt der Text über die Breitachklamm bei Oberstdorf. Auch ohne Wettkampf finden Besucher also Gründe für eine Reise. Ein Ort mit so engem Winterprofil muss die übrigen Monate eigens füllen, und ohne Bahnen, Wege und Täler bliebe von Mai bis Oktober wenig, was Gäste anzieht und länger im Ort hält.

  • Der Tournee-Auftakt dauert nur wenige Tage im Jahr, danach ziehen die Springer weiter
  • Die Skiflugschanze steht außerhalb des Ortskerns, etwa sieben Kilometer entfernt
  • Die Weltmeisterschaften folgen im Abstand von 16 bis 18 Jahren, dazwischen tragen Weltcup und Tournee den Namen
  • Im Sommer fehlen Wettbewerbe dieser Größe, dann tragen Wandern und Bergbahnen den Ruf

Dass der Ruf im Sommer von anderen Dingen getragen wird, zeigen die drei Bahnen des Ortes: die Nebelhornbahn, die auf einen Gipfel von 2.224 Metern führt, die Fellhornbahn mit einer Mittelstation am Schlappoldsee und die Söllereckbahn bei Kornau. Auf den Wegen darunter beginnen Touren, die der Beitrag über das Wandern rund um Oberstdorf in fünf Beispielen vergleicht. Der Winter liefert die Schlagzeilen, der Sommer die Ruhe, und beide Jahreszeiten zusammen halten den Namen im Gespräch.

Sechs Großereignisse in 39 Jahren

Wie dicht die Folge der Ereignisse ist, lässt sich einfach errechnen. Zählt man die sechs Weltmeisterschaften zusammen, die Oberstdorf seit 1982 ausgerichtet hat, ergibt sich ein Rhythmus, der zeigt, dass der Ort nie lange aus den Sportberichten verschwand. Dabei sind die Tournee-Auftakte jedes Jahres und die Weltcup-Wettbewerbe noch gar nicht eingerechnet, weil sie sich ohnehin Jahr für Jahr wiederholen und den Durchschnitt weiter verdichten würden.

  1. Großereignisse auflisten: Eiskunstlauf Junioren 1982, 2000, 2007 und Nordische Ski-Weltmeisterschaften 1987, 2005, 2021
  2. Zeitspanne bestimmen: von 1982 bis 2021 sind es 39 Jahre
  3. Zahl der Ereignisse zählen: sechs
  4. Teilen: 39 geteilt durch 6 ergibt 6,5 Jahre im Durchschnitt zwischen zwei Ereignissen

Ein Blick auf die Weltmeisterschaften im Nordischen Skisport zeigt einen gleichmäßigeren Abstand: Von 1987 bis 2005 vergingen 18 Jahre, von 2005 bis 2021 nur 16. Ein Veranstalter, der alle 16 bis 18 Jahre eine Weltmeisterschaft ausrichtet, hat Anlagen, die laufend modernisiert werden müssen, und Zuschauer, die bei jeder neuen Austragung auf vertrautes Terrain treffen. Auch das trägt zur Bekanntheit bei, denn wer den Ort einmal im Fernsehen gesehen hat, erkennt ihn Jahre später wieder. Seit der letzten Weltmeisterschaft von 2021 sind im Jahr 2026 fünf Jahre vergangen. Rechnet man die jährlichen Tournee-Auftakte hinzu, kommen in der Spanne von 1982 bis 2021 etwa 40 weitere Wettkämpfe zusammen, auf jedes der sechs Großereignisse also im Schnitt mehr als sechs reguläre Springen.

Warum Schanzen wachsen und Namen bleiben

Dass Oberstdorf als Wintersportort im Gedächtnis bleibt, hat auch mit der Technik zu tun, die ständig mitwächst. Die Skiflugschanze begann 1950 als Holzschanze, die heutige Anlage stammt aus den Jahren 1972 und 1973. Danach wurde sie mehrfach umgebaut, 1997, 2007 und zuletzt 2016 und 2017. Frühere Fassungen kamen auf Kritische Punkte von 144, 165, 182 und 185 Metern, die heutige liegt bei 200 Metern. Das sind 56 Meter mehr als bei der kleinsten der genannten Fassungen, gerechnet 200 minus 144, also ein Plus von knapp 39 Prozent.

Beim letzten Umbau wurde der Absprung um sieben Meter nach hinten und fünf Meter nach oben verlegt, die Hillsize liegt heute bei 235 Metern. Der Rekord von 242,5 Metern liegt 42,5 Meter hinter dem Kritischen Punkt von 200 Metern, und er zeigt, wie weit sich die Technik von der Holzschanze der Anfangsjahre entfernt hat. Die Anfänge stehen im Beitrag zur Geschichte Oberstdorfs von 1141 bis zum Kurort, der 1950 als Jahr des ersten Sprungs nennt. Dass ein Ort diese Entwicklung über sieben Jahrzehnte begleitet, macht ihn für Veranstalter verlässlich. Die Bilder aus Oberstdorf zeigen jedes Mal Anlagen, die dem Stand der Zeit entsprechen.

So entsteht Allgäuer Bergkäse Schritt für Schritt

Ein Laib Allgäuer Bergkäse wiegt zwischen 15 und 50 Kilogramm, und seine Herstellung beginnt mit einer Grenze, die sich leicht übersehen lässt: Die Milch darf vor dem Zusatz des Labs nicht über 40 Grad erwärmt werden. Alles Weitere folgt Schritt für Schritt einem Rhythmus, der sich über Generationen eingespielt hat, vom Rühren des Bruchs über das Pressen bis zur Reife im Keller. Der Name ist als geschützte Ursprungsbezeichnung (g.U.) eingetragen, und die zugehörige Beschreibung legt fest, was im Laib stecken muss. Dazu zählen eine Reifezeit von mindestens vier Monaten, ein Trockenmassegehalt von mindestens 62 Prozent und die Vollfettstufe mit 45 bis 49 Prozent Fett.

Im Regal treffen Käufer auf zwei verwandte Namen, die beide aus dem Allgäu stammen: Bergkäse und Sennalpkäse. Beide sind Hartkäse aus Rohmilch, beide reifen als runde Laibe mit Rinde, doch sie entstehen an verschiedenen Orten und nach verschiedenen Vorgaben. Die Schritte im Kupferkessel, die dieser Text nachzeichnet, sind für den Sennalpkäse sehr genau beschrieben, weil dort jeder Handgriff vor Ort geschieht. Der Weg von der Milch zum Laib lässt sich damit gut nachvollziehen, und die Zahlen zeigen, wie viel Genauigkeit in einem Stück Käse steckt, das auf dem Brett schlicht aussieht.

Vom Kupferkessel bis zur Presse

Die Beschreibung des Sennalpkäses hält die Handgriffe im Kessel in Zahlen fest. Der erste Wert ist die Wärme: Die Milch wird auf etwa 32 Grad gebracht, danach gerinnt sie mit Lab in 30 bis 60 Minuten. Aus der geronnenen Masse entsteht der Bruch, der ein bis zwei Stunden gerührt und dabei weiter erhitzt wird. Die Endtemperatur liegt zwischen 47 und 53 Grad, beim Brennen sind es mindestens 52 Grad. Für das Lab sind Naturlab und Milchsäurekulturen erlaubt, gentechnisch gewonnenes Kälberlab ist es nicht. Das Pressen im Holzdeckel und das mehrfache Wenden formen den Laib und treiben Molke aus dem Teig.

  1. Milch im Kupferkessel auf etwa 32 Grad erwärmen
  2. Lab zugeben und 30 bis 60 Minuten gerinnen lassen
  3. Bruch ein bis zwei Stunden rühren und auf 47 bis 53 Grad erhitzen
  4. Bruch im Tuch in die runde Form heben und etwa 2 Minuten mit der flachen Hand drücken
  5. Mit Holzdeckel pressen, nach etwa 10 Minuten zum ersten Mal wenden
  6. Am selben Tag drei bis sechs Mal wenden, jedes Mal mit frischem Tuch
  7. Am Folgetag bis zu drei Tage ins Salzbad legen

Aus diesen Angaben lässt sich ein Tempo errechnen. Vom Erwärmen bei 32 Grad bis zur Endtemperatur von 47 bis 53 Grad liegen 15 bis 21 Grad Unterschied. Verteilt auf ein bis zwei Stunden steigt die Temperatur im Kessel um 0,125 Grad je Minute im langsamsten und 0,35 Grad je Minute im schnellsten Fall, denn 15 geteilt durch 120 und 21 geteilt durch 60 ergeben diese Werte. Das Rühren und das Erhitzen müssen also im Gleichschritt laufen, und der Senn stellt die Hitze unter dem Kessel auf die Milch ein.

Bergkäse und Sennalpkäse im Unterschied

Der Bergkäse entsteht in Käsereien innerhalb eines weit gezogenen Gebiets: Es umfasst die Landkreise Lindau, Oberallgäu, Ostallgäu, Unterallgäu, Ravensburg und den Bodenseekreis sowie die Städte Kaufbeuren, Kempten und Memmingen. Die Milch ist roh und stammt aus diesem Gebiet. Für das Erwärmen vor dem Labzusatz gilt die Obergrenze von 40 Grad, und der Käse reift mindestens vier Monate. Die Beschreibung spricht von Käsereimilch, die nach den Regeln der Milchlieferung für Emmentaler Käsereien gesammelt wird. Die Löcher im Teig sind erbsengroß und sitzen spärlich bis gelegentlich.

Der Sennalpkäse dagegen darf nur auf Sennalpen in den Landkreisen Ostallgäu, Oberallgäu und Lindau entstehen, auf Alpen oberhalb von 800 Metern. Er wird handwerklich hergestellt, die Milch stammt von Braunvieh oder Kreuzungen und kommt ausschließlich von der eigenen Alpe, morgens und abends gemolken. Produziert wird nur in der Weidesaison zwischen Mai und Oktober, also in höchstens 180 Tagen, und die Tiere stehen mindestens 80 Tage oben. Heu ist erlaubt, Silage und Gärheu sind es nicht. Das Gebiet ist deutlich kleiner als beim Bergkäse. Wie eine solche Alpe aussieht und wer dort arbeitet, beschreibt der Artikel über das Leben der Älpler auf einer Allgäuer Sennalpe.

Zahlen aus den Beschreibungen im Vergleich

Bergkäse und Sennalpkäse folgen bei Gewicht, Reifung und Zusammensetzung ähnlichen Grundsätzen, aber nicht denselben Werten. Der Bergkäse ist der schwerere und länger gereifte Laib, der Sennalpkäse bleibt leichter und reift je nach Gewicht drei oder vier Monate. Beim Sennalpkäse hängt der Mindestgehalt an Trockenmasse vom Alter ab: Junger Käse von 5 bis 15 Kilogramm kommt nach drei Monaten auf mindestens 55 Prozent, gereifter Käse über 15 Kilogramm nach vier Monaten auf mindestens 62 Prozent. Der Laib selbst hat bei 30 bis 70 Zentimetern Durchmesser eine Höhe von bis zu 15 Zentimetern. Beim Bergkäse fällt auf, dass die Beschreibung die Vollfettstufe mit einer Spanne von 45 bis 49 Prozent nennt, beim Sennalpkäse dagegen nur einen Mindestwert. Die Zahlen unten stellen beide Käse nebeneinander, damit sich Gewicht, Reife und Inhalt auf einen Blick vergleichen lassen.

AngabeAllgäuer BergkäseAllgäuer Sennalpkäse
Laibgewicht15 bis 50 kg5 bis 35 kg
Reifezeitmindestens 4 Monate3 Monate bis 15 kg, 4 Monate darüber
Trockenmassemindestens 62 %mindestens 55 % jung, 62 % gereift
FettVollfettstufe, 45 bis 49 %mindestens 45 % in der Trockenmasse
HerstellungsortKäserei im Allgäu und UmlandSennalpe ab 800 m

Ein Rechenbeispiel macht die Werte greifbar. Ein gereifter Laib von 20 Kilogramm enthält bei 62 Prozent Trockenmasse mindestens 12,4 Kilogramm feste Bestandteile, denn 20 mal 0,62 ergibt diesen Wert. Der Rest, höchstens 7,6 Kilogramm, ist Wasser. Von der Trockenmasse müssen mindestens 45 Prozent Fett sein, also 12,4 mal 0,45 gleich 5,58 Kilogramm. Ein einziger Laib trägt damit gut fünfeinhalb Kilogramm Milchfett in sich. Bei einem schweren Laib von 35 Kilogramm, dem Höchstgewicht des Sennalpkäses, wären es bei denselben Mindestwerten 35 mal 0,62 mal 0,45, also rund 9,8 Kilogramm Fett.

Wie lange ein Laib im Keller liegt

Nach dem Salzbad zieht der Käse in den Keller um. Für den Sennalpkäse ist ein kühler Keller mit zehn bis fünfzehn Grad und hoher Luftfeuchtigkeit vorgeschrieben. Die Laibe werden regelmäßig gewaschen, gepflegt und mit Salzwasser abgerieben, damit sich eine feste Rinde bildet. Rotschmiere-Kulturen sind erlaubt, andere Zusätze außer Salz nicht. Mit jeder Woche im Keller wird die Rinde fester, der Teig verliert Wasser und der Geschmack gewinnt an Kraft. Die Kellerarbeit gehört zu den Aufgaben, die kaum jemand mitbekommt: Während der Bruch im Kessel Aufmerksamkeit verlangt, verlangt der Laib im Keller Geduld und tägliche Pflege.

Die Reifezeit entscheidet, wann ein Käse auf den Tisch kommt. Wird Anfang Juni auf der Alpe gekäst und vier Monate gereift, steht Anfang Oktober ein vollreifer Laib bereit, gerade rechtzeitig zum Abtrieb, den der Beitrag über den Viehscheid im Allgäu beschreibt. Ein Käse vom Spätsommer reift dagegen im Winter im Keller weiter, und die Älpler verkaufen ihn später. Wie lange ein Laib am Ende reift, hängt also vom Gewicht, vom Keller und vom Kalender ab. Die Mindestwerte aus den Beschreibungen, vier Monate für schwere und drei Monate für leichtere Laibe, bilden die Untergrenze, nach oben ist Platz.

Das Leben der Älpler auf einer Allgäuer Sennalpe

Von unten betrachtet wirkt eine Sennalpe wie eine Hütte mit Kühen davor, und genau dieser Eindruck täuscht. Dahinter arbeitet ein kleiner Betrieb, der in wenigen Sommermonaten Milch gewinnt, Käse kocht, Butter rührt, Weiden pflegt und Tiere betreut. Auf den Alpen der Hörnerdörfer im Oberallgäu beginnt die Sömmerung in den tieferen Lagen schon Mitte Mai, auf den höheren Alpen meist erst im Juni, wenn der Schnee verschwunden ist und das Gras hoch genug steht. Bis zum Viehscheid im Herbst vergehen rund 100 Tage Arbeit, und der Tag der Heimkehr, den das Dorf feiert, ist nur das Ende dieser langen Zeit.

Die Menschen dort oben heißen Älpler, der Chef der Käserei trägt den Titel Senn. Eine Stechuhr gibt es nicht, einen Ersatz bei Wetterumschwung ebenso wenig. Das Vieh gehört meist nicht den Älplern: Der Alpmeister verteilt die Tiere der Bauern so auf die Alpen, dass jede Alpe richtig besetzt ist, und am Ende des Sommers sollen alle gesund ins Tal zurückkehren. Eine Kuh, meist vom Allgäuer Braunvieh, wiegt etwa sieben Doppelzentner. Eine Herde von 40 Milchkühen bringt damit rund 28 Tonnen auf die Waage, rechnerisch 40 mal 0,7 Tonnen. Was auf einer Sennalpe von früh bis spät geschieht, wie zwei Alpen im Zahlenvergleich dastehen und warum sich der Milchbetrieb in der Höhe zurückzieht, erklären die folgenden Abschnitte.

Was auf einer Sennalpe zu tun ist

Das Herz einer Sennalpe ist die Milch. Gemolken wird morgens und abends, und bei den Sennalpen mit geschützter Herkunft stammt die Milch ausschließlich von der eigenen Alpe. Die Abendmilch wird in der Regel abgerahmt, der abgeschöpfte Rahm bildet das Rohmaterial für die Butter. Der Rest wandert in den Kupferkessel, wo der Senn aus der Milch Käse kocht. Auf der Alpe Schattwald im Rohrmoostal geschieht das noch auf offenem Feuer, und die Molke, die dabei übrig bleibt, geht an die Schweine. Aus den Schweinen entstehen später Wurst und Schinken, ein kleiner Kreislauf, in dem fast nichts verloren geht.

  • Rinder hüten und die Herde über die Weiden verteilen
  • Kühe melken, Käse kochen und Butter machen
  • Weidezäune bauen und Unkraut jäten, damit die Lichtweiden offen bleiben
  • Schweine mit Molke füttern
  • Wanderer mit Brotzeit, Kaffee und Kuchen versorgen

Diese Aufgaben laufen nebeneinander her und lassen sich nicht verschieben. Das Wetter folgt keinem Plan: Matsch, Kälte und Gewitter gehören zum Bergsommer, und wer allein oben ist, trifft Entscheidungen ohne Rückfrage. Auf kleinen Alpen teilt sich meist eine Familie die Arbeit, auf größeren kommen Hirten und Helfer dazu. Die Arbeit im Kessel richtet sich nach der Milch, die Pflege der Weiden nach der Jahreszeit, und die Betreuung der Tiere hört nie auf, solange sie oben stehen. Eine Sennalpe mit geschützter Herkunft muss zudem bei der Landwirtschaftsverwaltung in Kempten und beim Alpwirtschaftlichen Verein im Allgäu angemeldet sein, damit der Käse später nachvollziehbar bleibt.

Zwei Allgäuer Sennalpen im Zahlenvergleich

Wie unterschiedlich Sennalpen ausfallen, zeigen zwei Beispiele aus den Hörnerdörfern. Die Alpe Ornach bei Bolsterlang liegt auf 1.390 Metern und gehört mit 40 Milchkühen auf 70 Hektar Alpfläche zu den kleineren Betrieben. Rund 600 Liter Milch kommen dort pro Tag zusammen, die zu Bergkäse, Schnittkäse, Kräuterkäse und Butter verarbeitet werden. Teilt sich die Tagesmenge durch die Zahl der Kühe, ergeben sich 15 Liter je Kuh. Anders sieht es auf der Alpe Schattwald bei Obermaiselstein aus: Die Alpe liegt tiefer, auf 1.050 Metern, ist mit 150 Hektar mehr als doppelt so groß und beherbergt rund 250 Jungrinder, die sogenannten Schumpen, dazu nur neun Milchkühe.

AngabeAlpe OrnachAlpe Schattwald
Höhe1.390 m1.050 m
Alpfläche70 ha150 ha
Tiere40 Milchküherund 250 Jungrinder und 9 Milchkühe
Fläche je Tier1,75 ha je Milchkuhetwa 0,58 ha je Tier
ErzeugnisseBergkäse, Schnittkäse, Kräuterkäse, ButterBerg und Alpkäse, Weichkäse, Butter

Die beiden Alpen zeigen zwei Typen. Ornach ist eine Milchalpe mit 1,75 Hektar Weidefläche je Kuh, denn 70 geteilt durch 40 ergibt diesen Wert. Auf Schattwald kommen bei 259 Tieren insgesamt nur gut ein halbes Hektar auf jedes Tier, 150 geteilt durch 259 ergibt 0,58. Der Käse entsteht auf beiden Alpen im Kessel, und die Älpler pflegen ihn von Hand. Die Alpe Schattwald ist seit dem Jahr 1498 als Alpe belegt, dort wird also seit über einem halben Jahrtausend gealpt, gerechnet 2026 minus 1498 gleich 528 Jahre. Zu Fuß dauert der Weg zur Alpe Schattwald entlang der Starzlach etwa eineinviertel Stunden, nach Ornach führt von Bolsterlang ein Aufstieg von ungefähr einer Stunde.

Weshalb immer weniger Alpen Milchkühe tragen

Eine Sennalpe mit eigener Käserei verlangt viele Hände und feste Gebäude, deshalb haben sich in den vergangenen Jahrzehnten die Betriebe verändert. Im bayerischen Alpenraum stellen Besitzer Milchviehalpen zunehmend auf Galtvieh um, also auf Tiere ohne Milch. Das spart Personal, hat aber Folgen: Wo weniger Menschen oben sind, leidet die Weidepflege, und die Wiesen verlieren mit der Zeit an Qualität. Hinzu kommen die Kosten. Berglandwirtschaft hat höhere Investitionen, kleinere Betriebsgrößen und mühsamere Arbeit als im Flachland, und viele Alpen kommen ohne öffentliche Förderung nicht aus. In Bayern fließen dafür jährlich Millionen Euro, der Wegebau wird mit bis zu 70 Prozent der förderfähigen Kosten gestützt.

Auch das Wetter verändert die Rechnung. Das Gras beginnt in den Bayerischen Alpen etwa drei Wochen früher zu wachsen als in den 1960er Jahren, und Sommertrockenheit zwang in den Jahren 2003 und 2015 manche Alpen zum vorzeitigen Abtrieb. Für Sennalpen mit geschützter Herkunft gelten feste Anforderungen: mindestens 80 Weidetage zwischen Mai und Oktober, mindestens 5 Hektar Lichtweide und ein Bestand von mindestens 10 Großvieheinheiten. Silage ist dort verboten, es gibt nur frisches Gras und Heu. Diese Regeln halten die Qualität hoch, verkleinern aber den Kreis der Alpen, die den Titel tragen dürfen.

Was den Beruf des Älplers ausmacht

Älpler zu sein, hat wenig mit Aussteigen zu tun. Es bedeutet Pflichtgefühl gegenüber Tieren, Menschen und einer Kulturlandschaft, die ohne Beweidung zuwachsen würde. Die offenen Lichtweiden und die artenreichen Wiesen entstehen nur, solange Rinder dort grasen und jemand Zäune baut, Unkraut jätet und die Tiere im Blick behält. Das Ergebnis wirkt von unten wie Natur, ist aber Handarbeit, die jedes Jahr neu geleistet werden muss. Der Alpsommer endet mit dem Viehscheid, doch die Folgen der Arbeit bleiben: offene Hänge, gepflegte Wege, Käse im Keller.

Der Beruf verlangt eine Mischung aus Landwirt, Käser, Gastgeber und Wetterkundigem, und er lässt sich meist nur auf Zeit ausüben. Im Herbst liegt hinter den Älplern, was kaum ein anderer Sommerjob verlangt: lange Zeit allein, Verantwortung für fremde Tiere und Entscheidungen bei jedem Wetter, die sich nicht weiterreichen lassen. Im Sommer 2022 konnten zwei Gäste im Programm Senn auf Zeit jeweils fünf Tage Älplerleben im Naturpark Nagelfluhkette erleben, bei allen Arbeiten mithelfen und ein Tagebuch führen. Das Ergebnis solcher Tage ist meist dasselbe: Ein Alpsommer hat mit Urlaub wenig gemein, er besteht aus Arbeit im Rhythmus der Tiere.

Vergessene Orte im Allgäu am Beispiel Gerstruben

Zwischen Oberstdorf und den Gipfeln der Allgäuer Alpen liegt ein Dorf, das lange Zeit fast aus der Welt gefallen war. Gerstruben sitzt auf rund 1.150 Metern im Dietersbachtal, etwa 340 Meter höher als der Ort Oberstdorf, und gilt als eine der höchstgelegenen Dauersiedlungen Deutschlands. Von der Straße aus ist es nicht zu sehen, und im Winter schnitt der Schnee die Bewohner wochenlang vom Tal ab. Heute stehen dort Holzhäuser, die bis zu 500 Jahre alt sind, dazu eine weiße Marienkapelle, die im 17. Jahrhundert entstand. Ein vergessener Ort im strengen Sinn ist Gerstruben nicht, denn Wanderer besuchen es jedes Jahr. Vergessen ist eher die Geschichte, die hinter den Häusern steht: eine Siedlung von Bauern, die aus dem Kleinwalsertal einwanderten, ein Kauf durch eine Stromfirma, die ein Kraftwerk bauen wollte, ein Jagdgebiet und schließlich die Rückgabe an die Gemeinde. Für Interessierte an solchen Spuren ist Gerstruben ein gut erhaltenes Beispiel dafür, wie sich ein Bergdorf über Jahrhunderte gehalten hat, auch wenn es mehrfach den Besitzer wechselte und die Bewohner den Ort verließen. Hier geht es um die Geschichte der Siedlung und um das, was Besucher heute dort erwartet.

Wie ein Bergdorf auf 1.150 Metern entstand

Die erste urkundliche Erwähnung von Gerstruben stammt aus dem Jahr 1361. Mündliche Überlieferung nennt sogar das Jahr 893 und behauptet, die Siedlung sei älter als Oberstdorf, doch das lässt sich nicht belegen. Gesichert ist, dass im 15. Jahrhundert Walser Familien aus dem Kleinwalsertal zuzogen, deren Nachfahren bis 1892 im Dorf lebten. Der Name enthält das Wort Gerste und deutet auf frühen Ackerbau hin, auch wenn die Höhenlage Landwirtschaft nur eingeschränkt zuließ. Die Häuser verraten ihre Herkunft. Die Gebäude mit den Nummern 2 und 4 entstanden 1619 und 1626, vermutlich an älteren Stellen, und ihre Bauweise folgt Walser Vorbildern. Mehrere Häuser stehen heute unter Denkmalschutz und stammen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, dazu kommt die Marienkapelle aus dem 17. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert findet sich in den Akten ein Konrad Hindelang als Ammann, also als Vorsteher der Gemeinschaft, und 1544 führt eine Steuerliste alle Bewohner als Abgabepflichtige des Hochstifts auf. Die Bauern lebten von Viehzucht und Milchwirtschaft auf kleinen gerodeten Flächen und steilen Wiesen, die sich nicht beweiden ließen. Diese Mischung aus Selbstversorgung und Viehhaltung prägte das Leben im Dorf, und die Bauern waren auf die Gemeinschaft angewiesen.

Winter, Seuche und ein Sägewerk

Das Leben in Gerstruben war hart. Im Winter blieb das Dorf häufig wochenlang unerreichbar, und Vorräte mussten vorher besorgt werden. Während der Pest im Jahr 1634 starben im Kirchspiel Oberstdorf rund 700 Menschen, aber die Bewohner von Gerstruben blieben verschont.

Ob die Abgeschiedenheit dabei eine Rolle spielte, lässt sich nicht belegen, doch die Lage hoch im Seitental macht das denkbar.

Ende des 19. Jahrhunderts bestand die Siedlung aus etwa zehn Häusern und einer abseits gelegenen Hofstelle, getrennt durch den Dietersbach. Elf Familien lebten dort. Die Familien hatten 1846 am Bach ein Sägewerk gebaut, und 1866 stellten sie einen Antrag, die Zufahrt zu verlegen, weil der Weg zum Dorf beschwerlich war. Der Kostenvoranschlag lag bei 1.985 Gulden, die Gemeinde gab 1882 einen Zuschuss von 700 Mark, den Rest trugen sieben Besitzer gemeinsam. Solche Zahlen zeigen, wie viel Mühe es kostete, ein Dorf an einer steilen Talflanke an das Netz der Wege anzubinden. Erzählt wird außerdem, dass 1858 König Maximilian II. unerkannt zu Gast gewesen sei und Milch erhalten habe, eine Überlieferung, die sich nicht überprüfen lässt, aber zum Bild des gastfreundlichen Bergdorfs passt.

1892 der Verkauf und das Jagdrevier

Das Jahr 1892 markiert das Ende der Walser Dauersiedlung. Die letzten Besitzer verkauften ihre Anwesen an Käufer aus Kempten, die mit einem Stromunternehmen zusammenhingen. Geplant war ein Stausee mit Kraftwerk im Hölltobel, doch das Vorhaben scheiterte, der Bau kam nie zustande. Dadurch blieben die Bauernhäuser erhalten, die sonst vielleicht abgerissen worden wären, und das Dorf behielt sein Gesicht. Der Plan eines Kraftwerks hätte das Tal verändert, denn ein Stausee wäre auf Flächen entstanden, auf denen zuvor Wiesen und Höfe lagen.

1896 ging das Tal an die Familie Heyl zu Herrnsheim aus Worms, die es als Jagdgebiet nutzte.

Um 1920 war das Revier durch weitere Alpflächen auf rund 2.600 Hektar angewachsen. Der Gasthof blieb in Betrieb, ein Reiseführer von 1912 führt ihn noch unter dem alten Namen auf. Am 7. Mai 1953 verkaufte die Erbin das Gelände an den Verein der ehemaligen Rechtler, und das Dorf kam damit zurück an die Oberstdorfer. Der alte Gasthof wurde im selben Jahr durch ein neues Haus ersetzt. Zwischen dem Verkauf 1892 und der Rückgabe 1953 liegen 61 Jahre, in denen Gerstruben anderen Eigentümern gehörte. Heute sind die erhaltenen Häuser geschützt, und eines davon, das Jakobehüs, dient als kleines Museum.

JahrEreignisFolge für das Dorf
1361Erste urkundliche NennungBelegte Siedlung im Dietersbachtal
1619 und 1626Bau der Häuser Nummer 2 und 4Walser Bauweise bis heute erhalten
1634Pest im KirchspielGerstruben bleibt verschont
1846Sägewerk am DietersbachEigene Holzverarbeitung im Dorf
1892Verkauf der Anwesen nach KemptenEnde der Walser Dauersiedlung
1896Übernahme durch eine Familie aus WormsTal wird Jagdrevier
1953Rückkehr in Oberstdorfer HandSchutz und Pflege der Häuser

Gerstruben besuchen

Die klassische Wanderung beginnt in Oberstdorf. Auf rund 13,8 Kilometern sind 370 Höhenmeter zu überwinden, die Gehzeit liegt bei etwa vier Stunden, und der Weg gilt als mäßig anspruchsvoll. Der Anstieg zum Dorf selbst über die Gerstruber Steige umfasst etwa 150 Höhenmeter. Unterwegs liegt der Christlessee auf rund 916 Metern. Im Dorf lassen sich die alten Holzhäuser auf Steinsockeln und die Kapelle ansehen, ein Gasthaus mit regionaler Küche gibt es ebenfalls.

Zum Verständnis der Ortsgeschichte gehört Zeit für die Details: die dunklen Holzwände, die Steinsockel und die kleinen Fenster erzählen von den Bedürfnissen der Bewohner. Das Museum im Jakobehüs öffnet nur in bestimmten Monaten und Zeiten, deshalb lohnt vorab eine Nachfrage bei der Tourist Information. Im Dorf selbst herrscht Ruhe, und die Häuser stehen in einer Lage, die Besuchern den Eindruck gibt, in eine frühere Zeit versetzt zu werden. Bei einer Planung nur für Aufstieg und Einkehr gerät leicht aus dem Blick, dass die Siedlung selbst das eigentliche Ziel ist. Der Weg durch das Tal eignet sich auch als Halbtagestour, wenn der Rückweg nicht über den gleichen Pfad führt. Für den Rückweg kommen der gleiche Pfad oder Varianten durch das Tobel in Frage.

  • Gehzeit: etwa vier Stunden ab Oberstdorf
  • Höhenunterschied: gesamt 370 Meter, letzter Anstieg rund 150 Meter
  • Besichtigung: Holzhäuser, Marienkapelle und Jakobehüs, Öffnungszeiten vorher erfragen
  • Ausrüstung: feste Schuhe und Regenschutz

Die Geschichte Oberstdorfs von 1141 bis zum Kurort

Oberstdorf ist heute ein Urlaubsort mit Bahnen, Schanzen und einem Zentrum, in dem Gäste durch autofreie Straßen schlendern. Dass der Ort so aussieht, wie er aussieht, hat mit einem einzigen Tag im Mai 1865 zu tun, an dem ein Großfeuer mehr als 140 Häuser zerstörte. Vorher war Oberstdorf ein Bergdorf mit Bauernhäusern, einem Markt, einer Kirche und einem Rathaus, geprägt von Holzbauten und engen Gassen. Danach kam 1888 die Eisenbahn, und der Weg vom abgelegenen Dorf zum Kurort und Wintersportzentrum begann.

Die Geschichte des Ortes reicht weit zurück. Schon in der Steinzeit und in römischer Zeit war das Gebiet besiedelt, nach dem Abzug der Römer im dritten Jahrhundert zogen germanische Gruppen ein, die später Alemannen genannt wurden. Eine Urkunde von 1141 nennt Oberstdorf zum ersten Mal, und zwar zusammen mit der Weihe der ersten Pfarrkirche. Ab dann lassen sich Rechte, Bauten, Brände und Feste Jahr für Jahr verfolgen, und das Bild einer Gemeinde entsteht, die sich immer wieder neu aufgestellt hat. Die folgenden Abschnitte gehen die Jahrhunderte der Reihe nach durch und zeigen, welche Ereignisse den Ort bis heute prägen.

1141 bis 1495 vom Dorf zum Markt

Mit der ersten Nennung im Jahr 1141 beginnt die schriftliche Geschichte. In diese Zeit fällt auch die erste Weihe der Pfarrkirche. Das Leben im Dorf war bäuerlich geprägt. Landwirtschaft und Viehzucht bildeten die Grundlage, und die Höfe lagen verstreut im Talboden und an den Hängen. Doch schon im 15. Jahrhundert entstanden Einrichtungen, die auf eine wachsende Gemeinde hinweisen: 1476 sind ein Tanzhaus und ein Dorfgericht belegt, 1483 wird der Lindenacker erwähnt, der vermutlich der Platz der alten Gerichtslinde war.

Einen großen Sprung brachte das Jahr 1495. König Maximilian verlieh Oberstdorf das Marktrecht und die hohe Gerichtsbarkeit. Für die Menschen hatte das ganz praktische Folgen: Die Bewohner mussten damit nicht mehr rund 15 Kilometer nach Sonthofen gehen, wenn sie Waren brauchten, die sie nicht selbst herstellen konnten. Der Markt machte den Ort zum Mittelpunkt des Tals. Wenige Jahre später, 1518, wurde in Tiefenbach ein Bad an einer Schwefelquelle errichtet, Ursprung des späteren Kurwesens. Zwischen der ersten Nennung und dem Marktrecht liegen 354 Jahre, zwischen Marktrecht und Bad nur 23. Die Entwicklung beschleunigte sich also, sobald der Ort Rechte und Handel erhalten hatte.

Zeitleiste der wichtigsten Jahre

  1. 1141: erste urkundliche Nennung
  2. 1495: Marktrecht durch König Maximilian
  3. 1518: Bad an der Schwefelquelle in Tiefenbach
  4. 1619: Bau des Alten Rathauses
  5. 1634 bis 1638: Pest und danach eine Kapelle für die Vierzehn Nothelfer
  6. 1669: Brand in der Windgasse
  7. 1865: Großfeuer vom 6. Mai
  8. 1888: Eröffnung der Bahnlinie
  9. 1950: erster Sprung auf der Heini-Klopfer-Skiflugschanze

Diese Jahreszahlen sind Eckpunkte, hinter denen weitere Ereignisse stehen. Hinzu kommt manches, das in keiner Zeitleiste auftaucht. Auch dunkle Kapitel gehören dazu: Im 16. Jahrhundert wurde in Oberstdorf der Hirte Chonrad Stoeckhlin wegen Hexerei angeklagt und 1587 hingerichtet, und während der Reformation fasste die Täuferbewegung in der Gegend Fuß, deren Anhänger verfolgt wurden. Protestanten wurden über Jahrhunderte nicht geduldet, der erste evangelische Gottesdienst für Kurgäste fand erst 1873 statt. Das Beispiel zeigt, wie sehr der Tourismus den Ort öffnete: Mit den Kurgästen kamen Menschen anderer Konfession, und die Gemeinde musste mit ihnen leben. 1942 entstand schließlich eine eigene evangelische Pfarrgemeinde, und 1971 richtete die katholische Pfarrei eine dauerhafte Seelsorge für Gäste ein. 1814 etwa richtete der Staat am Zollhäusle eine Zollstation ein, die den Handel mit dem Kleinwalsertal regelte und bis 1890 bestand. 1856 ließ Prinz Luitpold ein Jagdhaus erbauen, ein Zeichen dafür, dass die Berge um Oberstdorf schon vor der Bahn Besucher aus der Oberschicht anzogen. Die Liste verrät außerdem, wie dicht die schriftlich festgehaltenen Ereignisse im 19. und 20. Jahrhundert aufeinanderfolgen, während im Mittelalter häufig Jahrhunderte zwischen zwei Daten liegen.

Pest, Feuer und Wiederaufbau im 17. Jahrhundert

Das 17. Jahrhundert brachte Schrecken und Neubau. 1634 forderte die Pest in der Pfarrei Oberstdorf rund 700 Tote. Als die Seuche endete, wurde 1638 die Kapelle der Vierzehn Nothelfer errichtet, und 1643 entstand der Loretoweg mit zehn Stationen. Beide Bauten hängen mit dem Gelübde nach der Seuche zusammen und zeigen, wie stark der Glaube das Leben der Menschen bestimmte.

Schon 1619 hatte der Ort ein Altes Rathaus erhalten, das den Anspruch der Marktgemeinde unterstrich. 1669 zerstörte ein Brand in der Windgasse 20 Anwesen, die bis Ende des Jahrhunderts wieder aufgebaut waren. Feuer gehörte zur Geschichte der Holzbauten, in denen Küchenherde und Heustöcke eng beieinander standen. Dass der Ort sich nach jedem Brand erholte, zeigt seine wirtschaftliche Stärke. Das Bergdorf Gerstruben im Dietersbachtal blieb von der Pest verschont. 1735 entstand der Kreuzgang an der Kirche, 1803 das Schulhaus, das heute als Rathaus dient. Aus dieser Zeit stammen mehrere Bauten, die den Ortskern bis heute prägen. Das Dorf wuchs in kleinen Schritten, und jeder Neubau fügte der Ortsmitte einen weiteren Baustein hinzu. Kirche, Kapellen, Gericht und Markt bildeten ein Gefüge, in dem sich das Leben der Gemeinde Tag für Tag abspielte, vom Sonntagsgottesdienst bis zum Markttag.

6. Mai 1865 der Ort brennt

Das Großfeuer vom 6. Mai 1865 ist der tiefste Einschnitt in der Ortsgeschichte. Von 308 Häusern wurden 146 zerstört, das sind rund 47 Prozent, außerdem Kirche und Rathaus. Als einziges größeres Gebäude überstand das Köcherlehaus aus dem 17. Jahrhundert die Flammen, in dem heute das Heimatmuseum untergebracht ist.

Der Wiederaufbau ging zügig voran, obwohl der Verlust groß war. Schon 1866 und 1867 wurde die Kirche neu errichtet und erweitert, und auch das zerstörte Rathaus bekam einen Nachfolger. Das Ortsbild wurde damit neu geprägt. Im Zentrum stehen deshalb überwiegend Bauten aus der Zeit nach 1865, zwischen denen einzelne ältere Häuser erhalten blieben. Für ein Dorf von gut 300 Häusern bedeutete der Verlust fast der Hälfte, dass die gesamte Gemeinde zusammenrücken musste und viele Familien für Monate bei Nachbarn oder Verwandten unterkamen. Die Katastrophe wurde zur Grundlage des modernen Ortsbildes. Wo vorher Holzhäuser dicht an dicht standen, entstand ein Zentrum, das Gäste später als offen und gepflegt empfanden, und der Wandel hatte Folgen für Gewerbe, Gastwirtschaft und Handwerk. Dass der Ort nach 1865 nicht aufgab, sondern in wenigen Jahren Kirche und Schulhaus neu errichtete, zeugt vom Willen der Bewohner, in ihrem Tal zu bleiben.

Bahn, Kur und Sport ab 1888

1888 erreichte die Eisenbahn Oberstdorf und beendete die Abgeschiedenheit. Der Ort entwickelte sich zum Urlaubsziel, weil Gäste nun bequem anreisen konnten: 1873 gab es schon einen ersten evangelischen Gottesdienst für Kurgäste, 1899 eröffnete das Parkhotel Prinz Luitpold, und 1905 entstand die evangelische Christuskirche. 1925 wurde der Lindenacker zum Kurpark, und 1962 öffnete das Kurhaus.

Parallel wuchs der Wintersport. 1925 wurde die Skisprunganlage eröffnet, 1950 folgte die Heini-Klopfer-Skiflugschanze, deren erster Sprung am 2. Februar 1950 stattfand. Nordische Skiweltmeisterschaften kamen 1987, 2005 und 2021, und 1970 ging ein Sturz des Skifliegers Vinko Bogataj um die Welt. Zwischen dem Bahnanschluss und der letzten Weltmeisterschaft liegen 133 Jahre, in denen aus einem Bergdorf ein internationales Ziel wurde. Auch die Literatur fand den Ort: Die Schriftstellerin Gertrud von Le Fort lebte ab 1925 in Oberstdorf und blieb dort bis zu ihrem Tod. Im Zweiten Weltkrieg diente das Gebirge der Ausbildung von Gebirgsjägern, und am Kriegsende waren französische und marokkanische Truppen im Ort stationiert. Nach 1945 setzte sich der Aufstieg zum Urlaubs- und Wintersportort fort, mit Kurhaus, Schanzen und Bahnen als Wahrzeichen, die das Bild des Ortes heute bestimmen.

Was die Geschichte für den Ort heute bedeutet

Die Geschichte bleibt in Oberstdorf greifbar, und wer sie sucht, findet sie an vielen Stellen. Das Heimatmuseum zeigt in den Räumen eines Bauernhauses das Leben und Arbeiten im 19. Jahrhundert, die Alpwirtschaft und den Tourismus. Das Alte Rathaus und die Pfarrkirche stehen im Zentrum, und mehrere Ortsteile tragen eigene alte Namen, darunter Schöllang und Tiefenbach. Mit den Jahreszahlen im Kopf lässt sich der Ort wie ein Buch lesen: Das Marktrecht stammt von 1495, die Kirche in ihrer heutigen Form von 1866, die Schanzen gehören zum 20. Jahrhundert.

Zugleich ist die Entwicklung nicht abgeschlossen. Der Ort liegt mit 815 Metern am südlichsten Rand Deutschlands, hat 9.289 Einwohner und verbindet Landwirtschaft, Kur und Sport miteinander. Von der ersten Nennung 1141 bis heute sind 885 Jahre vergangen, und in dieser Zeitspanne hat der Ort mehrfach neu angefangen: nach Pest, nach Bränden, nach der Anbindung an die Bahn und nach dem Siegeszug des Wintersports. Dieser Wandel erklärt, warum alte Bauernhäuser, Kurhotels und Schanzen heute nebeneinander stehen. Das Heimatmuseum ist seit 1932 im Köcherlehaus untergebracht. Dass Oberstdorf trotz Bränden, Seuchen und Umbrüchen seinen Platz behauptet hat, liegt an der Lage zwischen Tal und Bergen, die immer wieder neue Aufgaben stellte und neue Besucher anzog.

Wann brannte Oberstdorf ab?
Das große Feuer brach am 6. Mai 1865 aus und vernichtete fast die Hälfte der Häuser sowie Kirche und Rathaus. Der Wiederaufbau der Kirche folgte in den beiden Jahren danach.
Seit wann ist Oberstdorf mit der Bahn erreichbar?
Die Bahnlinie wurde 1888 eröffnet. Die Linie beendete die Abgeschiedenheit des Ortes und machte ihn zu einem Urlaubsziel.