Das Kleinwalsertal als Tal zwischen zwei Staaten

Ein österreichisches Tal, das sich nur über Deutschland erreichen lässt, in dem bis 2002 die Deutsche Mark galt und dessen Orte zwei Postleitzahlen tragen: Das Kleinwalsertal gehört politisch zu Vorarlberg, praktisch aber hängt es an Oberstdorf. Der Grund liegt im Gelände. Das Tal der Breitach öffnet sich nach Norden, hinüber ins Oberallgäu, während hohe Kämme es vom übrigen Vorarlberg abschneiden. Der Widderstein mit 2.533 Metern und der Hohe Ifen mit 2.230 Metern stehen als Eckpfeiler an den Rändern. Die einzige öffentliche Straße, die Kleinwalsertalstraße, führt von Oberstdorf nach Süden und endet in Baad, ein Straßenanschluss ins restliche Vorarlberg fehlt.

Aus dieser Lage ergibt sich eine Doppelrolle für alle Einwohner, die sich im täglichen Leben zeigt, vom Telefonnetz bis zum Briefkasten. Beide Staaten haben im Tal Spuren hinterlassen. Ein Vergleich dessen, was auf der einen und was auf der anderen Seite gilt, erklärt, wie ein Tal mit knapp 5.000 Einwohnern zu seinem Sonderstatus kam und was davon geblieben ist. Das Wort klein im Namen dient dabei der Unterscheidung vom Großen Walsertal, einem anderen Tal in Vorarlberg, das ebenfalls von Walsern besiedelt wurde.

Dächer von Oberstdorf rund um den spitzen Kirchturm vor bewaldeten Hängen

Was österreichisch ist

Verwaltung und Staatsangehörigkeit sind österreichisch. Die Gemeinde Mittelberg liegt im Land Vorarlberg, ihre Ortsteile reichen vom Eingang des Tals bis zu dessen Ende:

  • Riezlern am Talbeginn nahe der Grenze bei Oberstdorf.
  • Hirschegg und Mittelberg im mittleren Talabschnitt.
  • Baad am Ende der Straße.

Dazu gilt: Steuern fließen nach Österreich, und die Kennzahlen des Tals sind ebenfalls österreichisch: rund 97 Quadratkilometer Fläche bei etwa 4.900 Einwohnern. Die Besiedlung geht auf die Walser zurück, ein Volk aus dem Wallis in der heutigen Schweiz, das im 13. Jahrhundert in die Hochtäler der Alpen zog. Die Spuren der Zuwanderer sind im Tal bis heute zu finden, an den Siedlungsformen mit weit verstreuten Höfen ebenso wie an der Sprache, die vom Alemannischen der Nachbarschaft abweicht.

Die Mundart der Walser unterscheidet sich vom Allgäuer Dialekt der Nachbarn in Oberstdorf, auch wenn beide Gruppen sich seit Jahrhunderten kennen und miteinander Handel trieben. Der Beitrag über den Allgäuer Dialekt beschreibt, warum es keine einheitliche Mundart gibt, und das Kleinwalsertal zählt zu den Regionen, in denen sich das sehr deutlich zeigt. Politisch jedoch ist die Zugehörigkeit eindeutig, daran ändert auch der Zollanschluss nichts, was die Frage der Ausnahmen so spannend macht, denn gerade die Verwaltung, die Schulen und das Landesrecht bilden den Rahmen, in dem sich alle Sonderregeln bewegen.

Gegenüberstellung in Zahlen

MerkmalÖsterreichische SeiteDeutsche Seite
Postleitzahl Riezlern699187567
Postleitzahl Hirschegg699287568
Postleitzahl Mittelberg699387569
Telefonvorwahl05517, weiterhin gültig08329, seit 1. Juli 2003 abgeschafft
Zahlungsmittel bis 2001Schilling im übrigen ÖsterreichDeutsche Mark im Tal

Die Tabelle fasst das Wesentliche zusammen und zeigt, wo das Doppelsystem noch heute zu erkennen ist, nämlich bei den Zahlen auf dem Briefumschlag und beim Telefon. Die deutschen Postleitzahlen sollten ursprünglich zum 31. Dezember 2006 entfallen, blieben nach Protesten aber erhalten. Das zeigt, wie sehr sich die Menschen im Tal an die Doppelstruktur gewöhnt hatten. Der Eintrag zum Zahlungsmittel zeigt den eigentlichen Kern: Die Bewohner lebten über Jahrzehnte in einer österreichischen Gemeinde mit deutscher Währung, was Preise, Löhne und Handel prägte. Rechnungen wurden in Mark geschrieben, Behördenpost kam auf österreichischen Formularen. Im Jahr 2002 verschwand dieser Unterschied mit dem Euro, der in beiden Staaten galt. Für die Betriebe im Tal bedeutete das zugleich das Ende von Umrechnungsfragen bei Lieferungen und Löhnen, auch wenn Steuern, Abgaben und Verwaltungsvorschriften weiterhin dem österreichischen Recht folgen. Die Umstellung war für das Tal damit einfacher als für andere Regionen, denn die Menschen kannten den Umgang mit Währungen im Doppelpack bereits. Geblieben ist ein Wirtschaftsraum, in dem Händler, Gastwirte und Vermieter selbstverständlich über die Grenze hinweg arbeiten und Lieferanten aus dem Oberallgäu den Hauptteil der Versorgung stellen.

  1. 1891: Das Tal wird deutsches Zollausschlussgebiet.
  2. Nach dem Ersten Weltkrieg: Die Regelung wird wiederhergestellt.
  3. 1945: Ein Vertrag zwischen Österreich und der Bundesrepublik bestätigt sie erneut.
  4. 1995 bis 2002: EU Beitritt, Schengen und Euro beenden den Sonderstatus.

Was deutsch geworden ist

Seit 1891 gilt das Tal als Zollausschlussgebiet und gehört zum deutschen Wirtschaftsgebiet. Die Regelung wurde nach dem Ersten Weltkrieg wiederhergestellt und 1945 durch einen Vertrag zwischen der Republik Österreich und der Bundesrepublik Deutschland erneut bestätigt. Von 1891 bis 1995 bestand eine Zollunion mit freier Grenze, bis Österreich der Europäischen Union beitrat. Das Schengener Abkommen folgte 1997, der Euro kam 2002, und mit diesen Schritten verlor der Sonderstatus an Bedeutung.

Praktisch bedeutete der Zollanschluss, dass Waren aus Deutschland ohne Grenzkontrolle ins Tal kamen und die Deutsche Mark das Zahlungsmittel war. Steuern wurden zwar an das österreichische Finanzamt gezahlt, aber in Deutscher Mark. Auf den Postämtern gab es zwei Stempel, einen österreichischen und einen deutschen, und für Briefe galt eine Sonderregelung: Post nach Österreich wurde mit österreichischem Inlandstarif befördert, Post nach Deutschland mit deutschem. Für die Einheimischen war das normal, für Besucher aus dem Rest Österreichs erstaunlich. Der Weg von Oberstdorf hinein folgt der Breitach, deren Schlucht der Beitrag über die Breitachklamm vorstellt, und das Wasser des Tals fließt bei Oberstdorf mit Stillach und Trettach zur Iller zusammen, es verlässt das Tal also in dieselbe Richtung wie der Verkehr.

Was nach 1995 blieb und was sich änderte

Mit dem Beitritt zur EU, dem Wegfall der Grenzkontrollen und dem Euro hat der Sonderstatus an praktischer Bedeutung verloren, weil Grenze und Währung jetzt für beide Länder gleich sind. Der Wandel lässt sich in einem Satz fassen: 104 Jahre Zollanschluss von 1891 bis 1995, dann weitere sieben Jahre bis zum Euro, und seitdem ein Tal, das rechtlich gewöhnlicher geworden ist als je zuvor. Das Tal ist heute ein Ferienziel für Wanderer und Wintersportler mit Bergbahnen, Wanderwegen und Wintersportorten, dessen Lage zwischen den Staaten sich eher in Details zeigt als in Regelwerken. Die Verkehrsanbindung nach Norden ist dabei der wichtigste Punkt: Eine Straße ins übrige Vorarlberg fehlt, und wer von hier nach Bregenz oder Feldkirch will, fährt zunächst durch Bayern. Das prägt Einkäufe, Arztbesuche und Schulwege der Bewohner. Geblieben sind die Geografie und die Spuren der Geschichte, die sich in drei Punkten zusammenfassen lassen: Die Straße von Oberstdorf bleibt die einzige öffentliche Verbindung, ein Anschluss an Vorarlberg im Süden fehlt, sodass das Tal ein Beispiel für eine praktische Exklave ist. Postleitzahlen beider Länder sind weiterhin nebeneinander gültig. Und die Verkehrsverbindungen laufen über Oberstdorf, weil die Straße ins Tal dort beginnt.

Grenzen nach Talform

Wie Oberstdorf selbst als Ziel wahrgenommen wird, steht im Beitrag über das Reiseziel am Südrand Deutschlands. Der Blick ins Kleinwalsertal zeigt, dass Grenzen in den Alpen eher nach Tälern als nach Karten verlaufen: Wasserscheiden, Kämme und Passwege bestimmten, wer mit wem Handel trieb, und Verträge schrieben fest, was die Geografie ohnehin vorgab. Ein Zollausschluss war damit weniger eine Laune der Diplomatie als eine Anerkennung der Verhältnisse, die das Gebirge seit Jahrhunderten schuf. Dass sich der Verkehr nach Norden richtete, hatte schon vor 1891 mit den Verkehrswegen zu tun: Märkte, Ärzte und Weiterverkehr lagen im Allgäu, nicht jenseits der Kämme im Vorarlberg. Daran schloss die Wirtschaftspolitik nur an. Auch deshalb blieb die Regelung über politische Umbrüche hinweg bestehen und musste nach 1918 und nach 1945 lediglich bestätigt werden, statt neu erfunden zu werden. Heute erinnert das Tal daran, dass Staatsgrenzen sich nach Gebirgen richten müssen, wenn sie Bestand haben sollen, und dass eine Straße, eine Währung oder eine Postleitzahl mehr über die Zugehörigkeit eines Ortes sagen können als jede Linie auf der Karte. Dieser Gedanke reicht weit über das Kleinwalsertal hinaus und gilt für viele Täler im Alpenraum.

Die Nebelhornbahn in Oberstdorf und ihre Geschichte seit 1930

Am 10. Juni 1930 setzte sich in Oberstdorf eine Bahn in Bewegung, die ihren Betreibern als längste Personenseilbahn der Welt galt, und fuhr zum ersten Mal auf das Nebelhorn. Heute erreichen Fahrgäste in wenigen Minuten die 2.224 Meter hohe Bergstation und bewegen sich auf einer Strecke, deren Geschichte fast neunzig Jahre umfasst und die in dieser Zeit mehrfach komplett neu gebaut wurde. Die heutige Anlage hat mit der ersten außer dem Streckenverlauf wenig gemeinsam, doch die Abfolge der Umbauten erzählt, wie sich der Bergtourismus im Oberallgäu vom Abenteuer für wenige zum Massenverkehr entwickelte.

Der Weg dorthin begann nicht mit Stahlseilen, sondern mit Kapital. 1927 entstand die Nebelhornbahn AG mit einem Grundkapital von 600.000 Reichsmark, ein beträchtlicher Betrag in einem Dorf, dessen Wirtschaft von der Landwirtschaft und einem noch jungen Fremdenverkehr lebte. 1928 begann der Bau, und nur zwei Jahre später lief die Bahn. Die schnelle Umsetzung zeigt, wie sehr der Ort auf eine Bahn setzte, die Gäste auch bei kürzerem Aufenthalt ins Hochgebirge bringen konnte. Wirtschaftlich verlief der Start allerdings holprig: 1932 wurde das Kapital im Verhältnis 20 zu 1 auf 40.600 Reichsmark herabgesetzt und anschließend auf 105.000 Reichsmark erhöht, eine Sanierung, die in die Zeit der Weltwirtschaftskrise fiel. Erst 1934, mit mehr als 150.000 Fahrgästen in einem Jahr, schüttete die Gesellschaft zum ersten Mal eine Dividende aus, sechs Prozent.

Gipfelkreuz auf einem Felsgrat mit Blick hinunter auf Oberstdorf und die Täler

Wie die Bahn gebaut war und wie sie wuchs

Die erste Anlage bestand aus Sektionen. Unten ging es vom Ort zur Seealpe, einer Mittelstation, von der aus die zweite Strecke zur Bergstation führte. Der Berg selbst gibt den Rahmen vor. Das Nebelhorn erhebt sich südlich von Oberstdorf, und zwischen Talstation und Gipfel liegen rund 1.400 Meter Höhenunterschied, die sich nur mit einer Aufteilung in Etappen bewältigen ließen. Mit diesem Aufbau ließ sich eine Höhendifferenz überwinden, die ein einziges Seilfeld technisch nicht bewältigt hätte, und er sollte die Bahn für Jahrzehnte prägen. 1954 wurden beide Sektionen unabhängig voneinander, mit einem neuen Antrieb an der Seealpe und einer Geschwindigkeit von sechs Metern pro Sekunde.

Zwischen den Fahrten wuchs auch das Umfeld. 1936 entstand die Berghütte Höfatsblick, später folgten ein Panoramarestaurant und Skilifte, darunter 1949 der erste Schlepplift am Nebelhorn. Der Weg vom Verkehrsmittel für Sommerfrischler zum Winterziel führte also über Liftanlagen, die das Gelände nutzten, das die Bahn erschloss. Auch die Rechtsform spielte eine Rolle: 1975 verzichtete der Freistaat Bayern auf sein Heimfallrecht, sodass die Gesellschaft für den geplanten Neubau Kapital aufnehmen und auf 3.465.000 D-Mark erhöhen konnte. Im Sommer wie im Winter bildete die Bergbahn jedoch das Rückgrat, an dem sich alles andere festmachte, und ohne die Fahrgäste der Bahn wäre keine dieser Anlagen ausgelastet gewesen.

Einschnitte zwischen 1945 und 1976

Nicht alles verlief geradlinig, wie diese Daten zeigen, die den Betrieb unterbrachen oder beendeten:

  1. 2. Mai 1945: Die Besatzungstruppen stellen den Betrieb ein.
  2. 1946: Die Bahn fährt wieder für die Öffentlichkeit, im selben Jahr brennt es auf der Seealpe.
  3. 24. Februar 1970: Eine Lawine richtet an der Seealpe erhebliche Sachschäden an.
  4. 11. Oktober 1976: Die alte Bahn stellt nach fast einem halben Jahrhundert den Betrieb ein.

Für den Betrieb der alten Bahn bedeutete das letzte Jahrzehnt einen Spagat zwischen Weiterbetrieb und Neubauplanung, der Betreiber und Personal über Jahre forderte. Die Anlage lief mit dem Stand der Modernisierungen der 1950er Jahre, während daneben die Pläne für den Ersatz entstanden. Die Unterbrechungen blieben kurz im Verhältnis zur Gesamtlaufzeit, was für die Robustheit der Anlage und der Organisation spricht. Zwischen den Ereignissen lagen jeweils Jahre des Normalbetriebs, in denen vor allem Wartung und schrittweise Modernisierung anstanden. Die Lawine von 1970 betraf die Mittelstation, die Seealpe, und nicht die Strecke selbst. Später entstand dort ein Trainingszentrum für Lawinenkunde. Der Betrieb nach 1945 zeigt zudem, wie eng die Bahn mit den politischen Verhältnissen verknüpft war: Mit dem Einmarsch der Besatzungstruppen ruhte der Verkehr nur wenige Monate, bereits 1946 konnten wieder Fahrgäste befördert werden, und noch 1949 entstand am Berg die erste Skiliftanlage, womit der Wintersport auf der Bergseite wieder Fuß fasste. Die Stilllegung von 1976 war dagegen geplant, weil der Neubau schon feststand und nicht mehr auf die alte Technik gesetzt werden sollte.

Der Neubau von 1977

Gebaut worden war schon vorher an der Umgebung: 1956 kam der Sessellift zum Koblat hinzu, 1967 begann der Bau der Sesselbahn vom Koblat zum Gipfel, die am 31. Januar 1968 eröffnet wurde. Der Neubau der Hauptbahn folgte binnen weniger Monaten, wie die Eröffnungsdaten zeigen: Am 19. März 1977 öffnete die neue untere Sektion, am 8. Mai die zweite. Die Kapazität von nun 600 Personen pro Stunde lag mehr als doppelt so hoch wie zuvor. Damit hatte sich die Bahn auf den Massenverkehr eingestellt, der in den Folgejahren dazukam, und 1981 kam mit dem Schlepplift am Koblat eine Anlage für 1.300 Personen pro Stunde hinzu. Die Bahn deckte damit nicht mehr nur den Aufstieg ab, sondern verband sich mit Liften zu einem Netz, in dem Gäste mehrere Höhenlagen nacheinander erreichten. Am 23. Dezember 1985 öffnete zusätzlich der Sonngehren Doppelsessellift, der zwischen 1.660 und 1.930 Metern verkehrt. Gäste aus dem Tal hatten nun mehrere Wege nach oben, und die Verteilung auf Bahnen und Lifte entlastete die Hauptstrecke an Spitzentagen spürbar. Geschichten über den Ort selbst erzählt der Beitrag zur Geschichte Oberstdorfs, und wie der Wintersport den Ruf des Ortes prägte, steht im Text über Oberstdorfs Bekanntheit.

Zahlen und Größenordnungen im Überblick

JahrEreignisGrößenordnung
1927Gründung der Nebelhornbahn AG600.000 Reichsmark Kapital
1934Erste Dividende nach der Sanierungüber 150.000 Fahrgäste im Jahr
1951Ausbau der AnlageKapazität von 92 auf 210 Personen pro Stunde
1969Zehnmillionster Fahrgast39 Jahre nach der Eröffnung
1977Neubau der beiden Sektionen600 Personen pro Stunde
1991Gipfelbahn mit GroßkabinenKabinen für 30 Personen, 500 Personen pro Stunde

Aus der Tabelle lässt sich einiges herauslesen. Zwischen 1951 und 1977 verdreifachte sich die Förderleistung der Hauptstrecke fast, von 210 auf 600 Personen pro Stunde, und über die gesamte Zeit seit 1930 stieg die Stundenleistung gegenüber den anfänglichen 92 Personen auf das 6,5fache. Ein Tag mit acht Betriebsstunden brachte anfangs also höchstens 736 Menschen auf den Berg, ab 1977 waren es 4.800. Bis 2005 stieg die Gesamtzahl der Fahrgäste auf rund 17 Millionen, im Mittel etwa 227.000 pro Jahr über fünfundsiebzig Jahre. Nach dem Zehnmillionsten 1969 dauerte es 36 Jahre, bis die nächsten sieben Millionen zusammenkamen. Dass die Zahl der Fahrgäste nicht stärker stieg, als die Kapazität wuchs, liegt an der Verteilung über das Jahr: Eine Bahn, die im Frühjahr und Herbst wegen Wartung und Wetter pausiert, erreicht ihre Höchstleistung nur an wenigen Tagen. Die Stundenwerte der Tabelle sind deshalb Obergrenzen und keine Tagesdurchschnitte. Spitzenwerte entstehen an Wintertagen mit Neuschnee und in den Sommerferien, wenn viele Gäste gleichzeitig hinauf wollen, während an Regentagen ganze Kabinenreihen leer fahren. Aus diesem Grund planen Betreiber die Anlage auf die Spitze hin, obwohl der Durchschnitt weit darunter liegt.

Von der Gipfelbahn 1991 bis zur Erneuerung 2021

Die jüngere Geschichte bestand aus Einzelschritten. 1991 wurde die Gipfelbahn mit Kabinen für 30 Personen fertig, am 19. Dezember war die offizielle Eröffnung. 1995 riss man die alte Strecke von der Seealpe zur Bergstation ab und gestaltete die Bergstation um. 2003 und 2004 entstand ein Trainingszentrum für Lawinenkunde, 2008 ein Speicherteich von knapp 50.000 Kubikmetern für die Beschneiung. 2015 reichte die Beschneiung vom Höfatsblick bis zum Gipfel, 2016 entstand eine neue Gipfelstation mit Restaurant und ein Nordwandweg.

Anfang der 1990er Jahre wurde damit die Technik der Gipfelstrecke auf den Stand der Zeit gebracht, und die Bahn hatte nun drei Abschnitte mit jeweils eigener Bauart. Der Rückblick zeigt, wie viel Technik in einer Bahn steckt, die den Besuchern nur als kurze Fahrt vorkommt: Seile, Antriebe, Stützen und Stationen werden in Abständen von Jahrzehnten erneuert, weil Material ermüdet und Vorschriften sich ändern. Nach mehr als neunzig Betriebsjahren begann 2020 eine umfassende Erneuerung, im Mai 2021 öffnete die erneuerte Anlage. Wenn die Bahn seit 1930 Gäste in die Höhe bringt, erfüllt sie damit weiterhin die Aufgabe, für die 1927 die Aktiengesellschaft gegründet wurde. Wichtige Merkmale der Entwicklung lassen sich so festhalten:

  • Jede Erneuerung steigerte Förderleistung und Komfort, von 92 Personen pro Stunde zu Beginn bis zu Kabinen für 30 Personen auf der Gipfelstrecke.
  • Zusatzangebote wie Hütten, Lifte und Restaurants kamen nach der Bahn und profitierten von den Fahrgästen, die sie brachte.
  • Kriegsende, Brand und Lawine unterbrachen den Betrieb, hielten die Entwicklung aber nicht auf.

Das Allgäuer Braunvieh und der Mythos von der einen Rasse

Braune Kühe auf der Weide gelten im Allgäu als selbstverständlich, und die verbreitete Annahme lautet: Braunvieh ist Braunvieh, egal ob es auf einer Wiese bei Oberstdorf steht oder in Wisconsin. Tatsächlich haben die Tiere im Allgäu und die Kühe der amerikanischen Brown Swiss Zucht nur noch die gemeinsame Herkunft, und ihre Wege trennten sich vor mehr als anderthalb Jahrhunderten. Das Original Braunvieh, wie es im Allgäu gehalten wird, ist eine alte Doppelnutzungsrasse, die sowohl Milch als auch Fleisch liefert, und gilt als die am längsten eingeführte Rinderrasse der Region. Dass im Allgäu überhaupt eine Milchwirtschaft entstand, hängt eng mit diesen Tieren zusammen.

Hinter der Frage steckt mehr als Genetik. Um zu verstehen, warum der Bergkäse so schmeckt, wie er schmeckt, und warum die Alpen bis in große Höhen bestoßen werden, muss die Kuh in den Blick nehmen, die dort läuft. Rasse, Landschaft und Handwerk haben sich gegenseitig geformt. Dabei lassen sich Mythen und Tatsachen gut auseinanderhalten, wenn die Geschichte der Tiere von Anfang an verfolgt wird, von den Klosterställen der Schweiz bis zu den Zuchtverbänden der Gegenwart und den Weiden unterhalb der Allgäuer Gipfel.

Braune Kuh mit Ohrmarken und Glocke auf einer Bergweide vor nebligen Bergen

Woher die Annahme vom einen Braunvieh kommt

Die Verwirrung beginnt bei der gemeinsamen Wurzel. Die Zucht des Braunviehs begann vor rund 600 Jahren im Kloster Einsiedeln in der Zentralschweiz. Die Mönche führten über mehrere Jahrhunderte genaue Aufzeichnungen und Tagebücher zu ihren Zuchtgrundsätzen, was für die damalige Zeit ungewöhnlich war. Von dort verbreiteten sich die Tiere in die Ostschweiz und in die Nachbarregionen, nach Vorarlberg, Tirol und ins Allgäu.

Zwischen 1869 und 1880 wurden Braunviehrinder aus der Schweiz in die Vereinigten Staaten ausgeführt. Dort wählte man sie ausschließlich nach der Milchleistung aus, und aus ihnen entstand das amerikanische Brown Swiss. Nach Europa kamen diese Linien später zurück. Ab dem Jahr 1967 setzten Züchter verstärkt Stiere der Brown Swiss ein, was die Milchmenge steigerte, die Tiere größer und früher reif machte, aber auch einiges an Muskulatur und Robustheit kostete. Im Stall kann man heute also eine Kuh antreffen, die weitgehend dem alten Typ entspricht, oder eine, die zu großen Teilen Brown Swiss Blut führt. Von außen lässt sich das für Laien kaum entscheiden, und deshalb hält sich der Glaube an eine einzige, unveränderte Rasse so zäh. Die wichtigsten Stationen der Rassegeschichte stehen hier in der Reihenfolge, in der sie belegt sind:

  1. Etwa 15. Jahrhundert: Beginn der Zucht im Kloster Einsiedeln.
  2. 1869 bis 1880: Ausfuhr von Braunvieh in die USA, Grundlage der Brown Swiss.
  3. Ab 1967: verstärkter Einsatz von Brown Swiss Stieren in Europa.
  4. 1980er Jahre: Gründung von Erhaltungszuchtvereinen in Deutschland und Österreich.

Die Liste zeigt, dass der Weg zur reinen Milchkuh keine Zwangsläufigkeit war, sondern eine Folge von Zuchtentscheidungen, die sich rückgängig machen lassen, auch wenn dafür Jahrzehnte nötig sind.

Was Maße und Milch über die alte Rasse zeigen

Ein Blick auf die Zahlen trennt die Typen. Die Grundmaße des Original Braunviehs stehen in der folgenden Aufstellung.

  • Kuh: rund 700 Kilogramm bei 135 bis 145 Zentimetern Widerristhöhe.
  • Stier: 1.000 bis 1.100 Kilogramm bei 140 bis 160 Zentimetern Widerristhöhe.

Die Zahlen wirken nüchtern, bedeuten aber viel für den Betrieb: Ein Tier dieser Größe frisst weniger als eine schwere Hochleistungskuh, trägt sich mit Weidegras und Heu und belastet den Almboden weniger. Im Vergleich zu Linien mit viel Brown Swiss Anteil sind die Tiere niedriger, haben kräftigere Muskeln und bringen bessere Fleischleistung, geben dafür aber weniger Milch. Für das Braunvieh insgesamt werden je nach Lage Jahresleistungen zwischen etwa 7.200 Litern in Bergregionen und weit über 10.000 Litern in Hochleistungsställen genannt, bei einem Eiweißgehalt von 3,5 bis 4,5 Prozent. Die alte Rasse bleibt im unteren Bereich dieser Spanne.

Eine Beispielrechnung zeigt, warum gerade das für Käse kein Nachteil sein muss. Angenommen, ein Betrieb hält 20 Kühe mit je 5.000 Litern im Jahr, dann kommen 100.000 Liter zusammen. Für ein Kilogramm Hartkäse werden grob zehn Liter Milch gebraucht, es entstünden also rund 10.000 Kilogramm Käse. Zwanzig Hochleistungskühe mit 8.000 Litern ergäben 160.000 Liter, aber auch deutlich mehr Futterbedarf, den das Berggras allein nicht deckt. Die Rechnung hängt von Annahmen ab, sie macht jedoch deutlich, dass für Alpbetriebe weniger Milch pro Kuh nicht automatisch weniger Ertrag bedeutet.

Der Test am Tier und im Stall

Wie lässt sich im Stall erkennen, was vor einem steht? Eindeutig ist nur der Blick in das Herdebuch, das Abstammung und Linien festhält. Alles andere bleibt Annäherung, die ein geübtes Auge zwar schärfen, aber nie ersetzen kann, und genau darin liegt der Reiz der Frage für Züchter. Äußere Hinweise sind schwächer, aber vorhanden. Beim Original Braunvieh sind die Hörner hell mit dunkler Spitze, das Fell reicht von grau bis braun, Ohren und Maul sind heller gezeichnet. Das Gesamtbild wirkt kompakter und etwas robuster als bei den hochgezüchteten Milchtypen. Nüchtern betrachtet gilt dabei jedoch eine Einschränkung: Farbe und Hornform kommen auch bei Kreuzungstieren vor, sodass ein schöner Kopf allein nichts beweist. Gewissheit geben nur Papiere und der Zuchtverband. Zuchtverbände führen die Tiere mit Ohrmarke und Abstammungsnachweis, und wer ein Herdebuchtier kauft, erhält Angaben zu Mutter, Vater und Leistungsprüfungen. Bei Tieren ohne diese Unterlagen bleibt nur die Schätzung nach Körperbau, Farbe und Charakter, die bei Mischformen schnell trügt. Selbst Züchter greifen deshalb auf Papiere statt auf Augenmaß zurück, sobald es um Verkauf oder Zuchtwahl geht, denn ein einziger Fehlgriff beim Stier wirkt sich über viele Kälbergenerationen aus und lässt sich nur langsam wieder korrigieren.

Eignung für das Gelände

Wichtiger als das Aussehen ist die Eignung für das Gelände. Die Tiere steigen im Sommer auf die Alpen, laufen täglich lange Strecken auf steilem Grund und kommen mit einfachem Futter aus. Der Weg auf die Sommerweide ist im Beitrag über den Viehscheid beschrieben, die Tätigkeit oben im Text über die Arbeit auf der Sennalpe. Ein Test, den Praktiker anwenden, ist schlicht die Frage nach der Kondition am Ende der Saison, wie ein Tier nach dem Almsommer aussieht: gesund, mit gutem Fell und stabilem Gewicht, oder ausgezehrt. Auf der Alpe zählt zudem, wie ruhig sich eine Herde führen lässt, ob die Kühe Rangordnungen halten und wie sie auf Wetterumschwünge reagieren. Ein Tier, das bei Nebel und Regen die Nerven verliert, kostet Zeit und Kraft, weshalb Sennen auf das Temperament achten. Solche Eigenschaften stehen in keinem Zuchtbuch, entscheiden aber über den Sommer, und sie lassen sich nur durch Beobachtung über mehrere Jahre beurteilen. Beim längeren Zusehen im Stall oder auf der Weide fallen Unterschiede im Gang, in der Futteraufnahme und im Umgang der Tiere miteinander auf, die in keiner Tabelle stehen.

Wo der Kern der Geschichte stimmt

Ganz falsch ist die Annahme nicht, denn das Braunvieh bildet tatsächlich die Grundlage der Allgäuer Milchwirtschaft. Es gilt als die älteste fest etablierte Rinderrasse der Region und ist einer der Gründe dafür, dass das Allgäu zur Milchregion wurde. Die Käsemacher des 19. Jahrhunderts, unter ihnen Carl Hirnbein, arbeiteten mit dieser Milch. Mehrere Eigenschaften machen sie bis heute wertvoll, und sie erklären, warum Betriebe im Gebirge an der alten Rasse festhalten, obwohl Hochleistungslinien auf dem Papier mehr Milch liefern. Zu den Gründen zählen:

  • Die Milch enthält einen Anteil an Kappa Kasein, ein Eiweiß, das für die Käseherstellung eine Rolle spielt.
  • Die Rasse ist als Doppelnutzungsrasse für Milch und Fleisch unter extensiven Bedingungen brauchbar, der Fleischansatz gilt als zart, saftig und von feiner Marmorierung.
  • Die Tiere sind an Berglage und raues Klima angepasst, weshalb sie auf der Alpe bleiben können, wo Hochleistungskühe schnell an Grenzen stoßen.

In den 1980er Jahren gründeten Züchter in Deutschland und Österreich eigene Vereinigungen, um das Original Braunvieh zu erhalten. Die Rasse steht in der Arche des Geschmacks der Stiftung Slow Food, und eine regionale Initiative, vom bayerischen Landwirtschaftsministerium unterstützt, fördert die Vermarktung von Milch und Fleisch. Damit hat sich eine Kuh, die lange im Schatten der Hochleistungslinien stand, eine neue Rolle erarbeitet. Der Erhalt hat auch einen praktischen Hintergrund: Je weniger genetische Vielfalt im Stall steht, desto größer ist das Risiko, dass sich Schwächen durchsetzen, und eine Rasse mit eigener Linie erhält die Auswahl für spätere Zuchtziele. Dazu kommt, dass sich Herkunft und Haltung für Käser und Wirte als Verkaufsargument nutzen lassen.

Carl Hirnbein und der Käse, der das Allgäu veränderte

Ein Bauernsohn aus dem Weiler Wilhams bei Missen treibt 1824 als Hirte eine Rinderherde nach Oberitalien und kommt mit einer Idee zurück, die das Allgäu verändert: Milch lässt sich zu Käse machen, den man über weite Strecken verkaufen kann. Carl Hirnbein, geboren am 27. Januar 1807 und gestorben am 13. April 1871 in Weitnau, gilt deshalb als einer der wichtigsten Agrarreformer der Region. Auf ihn gehen zwar nicht alle Neuerungen zurück, die ihm zugeschrieben werden, doch kaum jemand im Oberallgäu des 19. Jahrhunderts verband Viehhandel, Käsereien, Almwirtschaft und sogar den frühen Fremdenverkehr so beharrlich miteinander. Was von diesem Mann belegt ist und was sich mit der Zeit zur Legende verdichtet hat, lässt sich anhand der Lebensdaten recht gut trennen.

Wichtig ist der Blick auf die Ausgangslage. Im frühen 19. Jahrhundert lebte die Landwirtschaft zwischen Immenstadt, Sonthofen und Kempten vom Vieh, aber der Absatz war schmal. Butter und einfacher Hartkäse für den Eigenbedarf und den nächsten Markt, dazu der Verkauf von Jungvieh, mehr trug die Wirtschaft kaum. Genau in diese Lücke stieß Hirnbein, und der Weg dorthin begann nicht in einer Käserei, sondern auf den Saumpfaden über die Alpen.

Grüne Alpweide und bewaldete Täler unter Wolken in den Allgäuer Alpen

1807 bis 1824 vom Hof in Wilhams auf die Passwege

Hirnbein wuchs als ältestes Kind von Johann Hirnbein und Franziska, geborene Eldracher, in Wilhams auf, heute ein Ortsteil von Missen-Wilhams. Nach der Volksschule im Dorf besuchte er von 1819 bis 1821 die Höhere Bürgerschule in Kempten, eine für einen Bauernsohn dieser Zeit ungewöhnlich lange Ausbildung. Dazu kamen Privatstunden in Architekturzeichnen und Italienisch. Die Sprache sollte sich als nützlich erweisen, denn der Vater handelte mit Vieh und Käse und unterhielt Beziehungen nach Süden.

Es folgte eine kaufmännische Lehre in Rovereto im heutigen Trentino, einer Handelsstadt an der Etsch, in der Waren zwischen Italien und dem Norden umgeschlagen wurden. 1824 begleitete der Siebzehnjährige als Hirte einen Rindertransport nach Oberitalien, und in den folgenden Jahren trieb er selbst drei bis vier Mal im Jahr Herden über die Alpen. Schon ein Blick auf die Strapazen erklärt den späteren Erfolg: mehrere Wochen auf Passwegen, Futter und Quartier für Dutzende Tiere, Zahlungen in fremder Währung und Verhandlungen mit Händlern, die jeden Preis drückten. In diesen Jahren lernte Hirnbein, wie Märkte funktionieren, und er sah, welche Käsesorten im Süden und Westen begehrt waren, während das Allgäu sie nicht herstellte.

1827 bis 1837 Emmentaler und Limburger

Der Vater führte die Firma ab 1830 mit dem Teilhaber Alois Rädler weiter, sie hieß nun Hirnbein und Rädler. Zu diesem Zeitpunkt lief im Allgäu bereits ein Versuch mit Schweizer Käse. 1827 hatte Josef Aurel Stadler den Schweizer Johann Althaus als Käser angestellt, und mit ihm gelang die Herstellung von Emmentaler in befriedigender Qualität. Dieser Erfolg gehört zur Vorgeschichte, an der Hirnbein anknüpfte, die er aber nicht allein geschaffen hat.

Seine eigene Spur ist der Weichkäse. 1829 reiste er in die Gegend um Limburg im heutigen Belgien, um die Herstellung des Limburger Käses zu studieren. Der erste Versuch in Oberwilhams fiel wenig befriedigend aus, also schickte er Allgäuer Burschen zur Ausbildung ins Limburgische. 1837 verfasste der Buchhalter Wilhelm Ditt eine Anleitung in zehn Punkten, die unter anderem Öfen in den Beizkellern vorsah, damit die Rinde die richtige Reife bekam. Der bis dahin verbreitete Backsteinkäse wurde innerhalb weniger Jahre fast vollständig von Limburger und Romadur verdrängt. Hirnbein betrieb zeitweise 20 bis 30 eigene Betriebe und schloss Lieferverträge mit zahlreichen Bauern, die ihm ihre Milch verkauften. Aus Galtalpen für trockenstehendes Jungvieh machte er Sennberge, auf denen gemolken und gekäst wurde, was deren Wert deutlich steigerte.

1836 und der Streit um den Geruch

Ein Eintrag der Lebensgeschichte wirkt heute komisch und war damals ernst gemeint. 1836 forderte der Magistrat in Kempten, den Käsehandel einzuschränken, weil die gereiften Weichkäse in der Stadt schlicht stanken. Limburger entsteht durch Rotschmiere auf der Rinde, und was Kenner lieben, trieb die Nachbarn der Lagerkeller zur Verzweiflung. Der Streit zeigt, wie schnell die neue Branche gewachsen war: Wo vorher eine Handvoll Bauern ihren Käse selbst verkauften, standen jetzt Lagerhäuser mitten in der Stadt.

Hirnbein ließ sich davon nicht bremsen, zumal die Nachfrage aus den Städten im Norden und Westen stetig wuchs und der Eisenbahnbau die Absatzwege später weiter öffnete. Er verlagerte Teile des Geschäfts, hatte weitere Standorte in Stuttgart und Mannheim und lieferte seine Ware dorthin, wo sie bezahlt wurde. Für die Bauern bedeutete das, ein Jahr nach dem anderen, einen sicheren Abnehmer ihrer Milch, und genau das trug dazu bei, dass die Milchwirtschaft im Allgäu im Lauf des Jahrhunderts zum Rückgrat der Region wurde. Wie heute auf den Sennalpen gekäst wird, beschreibt der Beitrag über den Bergkäse und seine Herstellung, das Leben dort der Text über die Älpler auf der Sennalpe.

Die belegten Stationen des Lebens lassen sich so ordnen:

  1. 1807: Geburt in Wilhams, ältestes Kind eines Viehhändlers.
  2. 1819 bis 1821: Höhere Bürgerschule in Kempten.
  3. 1824: erste Reise als Hirte mit einem Rindertransport nach Oberitalien.
  4. 1829: Studienreise zur Limburger Käserei in Belgien.
  5. 1836: Der Magistrat von Kempten fordert wegen der Geruchsbelästigung eine Einschränkung des Käsehandels.
  6. 1840: Heirat mit Anna Maria Heim aus Weiler.
  7. 1852: Bau des Grüntenhauses.
  8. 1871: Tod an einem typhösen Fieber.

1852 und das erste Hotel in den Allgäuer Alpen

Dass Hirnbein auch im Tourismus einen Platz in den Geschichtsbüchern hat, überrascht zunächst. 1852 ließ er auf dem Grünten, dem markanten Berg bei Sonthofen, das Grüntenhaus errichten, das erste Hotel in diesem Teil der Alpen. Er war außerdem Initiator des ersten Fremdenverkehrsprospekts für das Allgäu. Die Überlegung lag nahe, denn Reisende der Biedermeierzeit begannen, die Berge nicht mehr nur als Hindernis zu sehen. Wem damals eine Sennalpe gehörte, der hatte Milch, Käse, Brot und Holz für den Ofen vor Ort, es fehlten lediglich Betten und ein Dach, das auch bei Regen Gäste hielt. Daher gilt: Wem ein Berg mit eigener Alpwirtschaft gehört, kann Städtern, die auf der Suche nach frischer Luft und Aussicht waren, Milch, Käse und ein Bett verkaufen. Das Haus auf dem Grünten steht noch, wird heute aber nur als einfache Wanderhütte betrieben. Der Grünten gilt wegen seiner freistehenden Lage am Rand der Allgäuer Alpen als Aussichtsberg mit weitem Blick bis ins Alpenvorland, was Städter anzog.

Daneben kaufte er um die Jahrhundertmitte die Immlersche Brauerei in Weitnau und machte sie zur Hirnbein Brauerei, und er saß in der zweiten Kammer des Bayerischen Landtags. In einer Person trafen sich Stall, Käsekeller, Bierbrauerei und Parlament, was für das Allgäu der Zeit außergewöhnlich war.

Was von Hirnbein bleibt

Am 13. April 1871 starb Hirnbein in Weitnau an einem typhösen Fieber. Von seinen sechs Kindern erreichten nur Josepha und Johann Baptist das Erwachsenenalter. Sein Schwiegersohn Josef Widmann, Baurat und Jahrgang 1833, führte die Agrarreform im Allgäu weiter und gründete den Milchwirtschaftlichen Verein sowie die Allgäuer Herdebuchgesellschaft, womit die Zucht auf eine geordnete Grundlage kam. Ein Herdebuch hält Abstammung und Leistung der Tiere fest, damit Züchter Stiere und Kühe nach nachprüfbaren Eigenschaften auswählen können und nicht nach dem Augenschein. Mehr zur Rinderrasse, die diese Arbeit prägte, steht im Beitrag über das Allgäuer Braunvieh.

Straßen in Kempten, Sonthofen, Immenstadt und Wangen tragen seinen Namen, in Missen-Wilhams erinnern ein Museum und ein Informationswanderweg nach Weitnau an ihn, und der Schriftsteller Peter Dörfler nannte ihn in einer Trilogie der Jahre 1934 bis 1936 den Patriarchen des Allgäus. 2011 erschien ein Dokumentarfilm über den Allgäu Pionier. Dass sein Name bis heute auf Straßenschildern steht, spricht für nachhaltigen Einfluss auf die Region zwischen Kempten und den Bergen. Bei aller Verehrung bleibt die nüchterne Bilanz: Hirnbein war ein Unternehmer, der vorhandene Ideen konsequent im großen Maßstab umsetzte, und gerade das machte ihn für die Region so folgenreich.

Der Alpensalamander im Allgäu und sein Name Reagamändle

Auf einem nassen Waldweg im Oberallgäu liegt nach dem Regen ein schwarzes, glänzendes Tier, kaum länger als ein Finger und unbeeindruckt von nahenden Schritten. In der Mundart heißt es Reagamändle, das Regenmännlein, und der Name verrät, wann es sich zeigt: bei Regen oder kurz danach, meist zwischen Mai und Oktober. Gemeint ist der Alpensalamander, ein Lurch, der in Deutschland nur in den nördlichen Kalkalpen, im bayerischen Voralpenland und in der Adelegg im Südosten Baden-Württembergs vorkommt. Zum Lurch des Jahres 2026 wurde er gewählt, und das hat einen guten Grund: Kaum ein anderes heimisches Tier verbindet so viel Unscheinbarkeit mit so viel Aufwand. Er ist zudem ein Amphibium und kein Reptil, auch wenn er im Volksmund häufig mit Echsen in einen Topf geworfen wird. Auffällig ist nicht seine Farbe, sondern seine Art, Nachwuchs zu bekommen. Das Weibchen trägt die Jungen mindestens zwei Jahre aus, in den höchsten Lagen nach manchen Angaben bis zu vier Jahre, und bringt am Ende zwei fertig entwickelte Tiere zur Welt, die sofort an Land laufen. Eine so lange Tragzeit gilt als eine der längsten unter allen Wirbeltieren. Während der Feuersalamander im Tal seine Larven in einen Bach setzt, braucht der Alpensalamander überhaupt kein Gewässer, und genau das erlaubt ihm ein Leben in Höhen, in denen andere Lurche längst aufgeben.

Zwei Junge aus fünfzig Eizellen

Im Körper des Weibchens reifen etwa 40 bis 50 Eizellen heran, doch nur zwei davon entwickeln sich weiter. Die übrigen dienen als Nahrung: Die beiden Embryonen zehren zuerst vom Dotter der Geschwister und danach von Gewebe der Mutter. Der Nachwuchs wird also nicht zusammen mit vielen Geschwistern ins Leben geschickt, sondern in einem aufwendigen Verfahren zu zwei kräftigen Jungen herangezogen.

Die Neugeborenen messen 40 bis 55 Millimeter. Bei einer Mutter von zwölf bis fünfzehn Zentimetern Länge ergibt das ein Verhältnis von gut einem Viertel bis knapp der Hälfte der Körperlänge, ein Wert, der bei Lurchen ungewöhnlich hoch ist.

Die naheliegende Erklärung dafür liegt im Gelände. In Kalkgebirgen versickert Wasser rasch, Tümpel und ruhige Bachstellen sind rar, und die kalte Jahreszeit dauert lang. Larven, die erst im Wasser heranwachsen müssten, hätten dort kaum eine Chance. Ein Jungtier dagegen, das nach Jahren im Mutterleib fertig geboren wird, kann sofort Nahrung suchen und sich verstecken. Auch das Verhältnis von Aufwand und Ertrag ist ungewöhnlich: Aus etwa fünfzig Anlagen gehen zwei Tiere hervor, das ist ein Fünfundzwanzigstel. Der Preis dieser Strategie ist ein sehr geringer Nachwuchs pro Jahr, und das macht jede einzelne Population empfindlich gegenüber Verlusten.

Zahlen und Merkmale im Vergleich mit dem Feuersalamander

MerkmalAlpensalamanderFeuersalamander
Färbungdurchgehend pechschwarzschwarz mit gelben Flecken oder Streifen
Längemeist 12 bis 15 Zentimetermeist 15 bis 20 Zentimeter
Nachwuchszwei fertige Junge an LandLarven, die im Bach abgesetzt werden
Tragzeitzwei bis vier Jahrerund neun Monate
Höhenlage in Deutschlandetwa 600 bis 2.100 Metermeist unter 1.000 Meter
Bedarf an GewässernkeinesQuellbäche für die Larven

Beim ersten schwarzen Salamander im Wald liegt der Gedanke an den gelb gezeichneten Verwandten nahe. Dabei trennen die beiden Arten weit mehr als die Farbe. Das Gesamtareal des Alpensalamanders reicht vom Rhonetal bis nach Slowenien und endet etwa 50 Kilometer vor Wien, ein schmaler Streifen entlang der Alpen, in dem er an Felshängen, in Bergwäldern und auf Almweiden lebt. Die Weibchen sind etwas größer als die Männchen. Welche Unterschiede sonst bestehen, zeigt die vorangestellte Gegenüberstellung, in der auch der Verwandte aus dem Tal vorkommt, den viele Wanderer aus dem Mittelgebirge kennen.

Die Tragzeit fällt am stärksten ins Gewicht: Beim Alpensalamander ist sie mindestens doppelt so lang wie beim Feuersalamander und kann ein Vielfaches davon erreichen, nämlich mehr als das Fünffache. Zwei Drittel der bayerischen Fundorte liegen oberhalb von 1.000 Metern, im Allgäu ist die Art in den Kalkgegenden der Allgäuer Alpen und der Vorberge zu finden, und zwar vor allem dort, wo schattige Wälder mit Blockwerk und Moos durchsetzt sind. Verwechslungen sind zudem selten, denn gelbe Zeichnung fehlt dem Alpensalamander vollständig. Ein einfarbig schwarzes Tier in Höhenlagen über 1.000 Metern gehört fast sicher zu dieser Art.

Wo und wann er sich zeigt

  • Feuchtes Wetter, am besten während oder kurz nach Regen.
  • Die Monate Mai bis Oktober.
  • Kalkgebiete vom Voralpenland bis in die Hochlagen oberhalb der Baumgrenze.
  • Schattige Wälder mit Totholz, Moos, Blockwerk oder Latschengebüsch.

Tagsüber sitzt der Alpensalamander versteckt unter Totholz, Steinen und Moos, aktiv wird er in feuchter, kühler Witterung. Die Nahrung besteht aus Schnecken, Regenwürmern, Spinnen, Asseln und kleinen Insekten, alles, was sich am Waldboden erwischen lässt.

Die schwarze Haut erfüllt zwei Aufgaben zugleich. Zum einen nimmt sie Sonnenwärme auf, was in kalten Hochlagen den Kreislauf in Gang hält, zum anderen macht sie das Tier auf dunklem Boden schwer erkennbar. Wo Latschenkiefern, Bergmischwald und Blockhalden aneinandergrenzen, ist die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung am größten. Sicher ist sie nie, denn selbst in guten Lebensräumen bleiben die meisten Tiere unter ihrer Deckung. Auf einem Regenspaziergang Richtung Oytal, Stillachtal oder in die Hindelanger Berge stehen die Aussichten auf ein Reagamändle am besten. In Oberbayern heißt es Regenmanndl, in Berchtesgaden Bergmandl, drei Namen für dasselbe Tier, und alle drei verweisen auf Regen oder Berg. Auf Forstwegen ist es dann leicht zu übersehen und zugleich in Gefahr, denn die Tiere laufen quer über den Weg und flüchten nicht schnell. Dass sie nach dem Regen die Wege queren, hat einen Grund: Der nasse Boden erlaubt ihnen, weite Strecken zurückzulegen, ohne auszutrocknen, und die Beute ist dann ebenfalls unterwegs. Bei Trockenheit ziehen sie sich dagegen tief in Spalten zurück und sind wochenlang kaum zu finden. Die Suche hängt daher stark vom Wetter ab.

Gefährdung durch Räder und Klima

Auf den Roten Listen Deutschlands und Bayerns gilt die Art als nicht gefährdet, in der EU steht sie dennoch im Anhang IV der Habitatrichtlinie und ist streng geschützt. Der nationale Bericht von 2025 stuft den Erhaltungszustand als ungünstig ein, vor allem wegen der Erwärmung, die feuchte Lebensräume austrocknet. Hinzu kommt der Verkehr: Auf Forststraßen sterben bei nassem Wetter viele Tiere unter Rädern, vor allem unter denen schneller Elektrofahrräder. Der Hautpilz Bsal, der in den Niederlanden und in Belgien ganze Feuersalamanderbestände ausgelöscht hat, wurde beim Alpensalamander bisher nicht nachgewiesen. Das gilt als Glück, denn bei einer Art mit zwei Jungen pro Geburt und mehrjähriger Tragzeit ließe sich ein Verlust über Jahrzehnte nicht ausgleichen. Selbst ein leichter Rückgang der Geburtenzahl wirkt sich so über viele Jahre aus.

Einfache Verhaltensweisen schützen die Tiere, ohne dass jemand auf eine Wanderung verzichten müsste. Bei Regen auf Forstwegen langsamer zu fahren oder abzusteigen, hilft ebenso wie das Liegenlassen von Totholz und Steinen, die als Tagesversteck dienen. Gefundene Tiere sollten weder angefasst noch versetzt werden. Beobachtungen aus dem Allgäu können örtlichen Naturschutzstellen gemeldet werden. Die Maßnahmen kosten nur Aufmerksamkeit und ein wenig Zeit, und sie helfen auch anderen Waldbewohnern, die bei Nässe die Wege queren, etwa Bergmolchen, Kröten und Schnecken.

Mehr über die großen Tiere derselben Berge steht im Beitrag über Wildtiere in den Allgäuer Bergen im Überblick.

Die Sturmannshöhle bei Obermaiselstein und das Eis aus der Eiszeit

Im tiefsten Punkt der Sturmannshöhle bei Obermaiselstein lag über Jahrzehnte etwa ein Kubikmeter Eis, und die Pollenanalyse ergab ein Alter von rund 20.000 Jahren. Dieses Eis stammte demnach aus der letzten Eiszeit, als Gletscher die Täler am Alpenrand füllten. Inzwischen ist es vollständig geschmolzen, ein Verlust, der sich in wenigen Jahren vollzog und den Besuchern nur noch als Erzählung bleibt. Die Höhle selbst liegt auf 978 Metern Höhe oberhalb des Dorfes, hält sich bei etwa 4 Grad Celsius und erstreckt sich über rund 460 Meter Länge und 74 Meter Höhenunterschied. Der Name geht auf das mittelalterliche Wort Sturmatz zurück, das Lärm oder Tosen bedeutet, eine von mehreren Deutungen, die plausibel klingt, weil im Inneren ein Höhlenbach rauscht. Die Temperatur bleibt über das Jahr nahezu gleich: Im Hochsommer ist es im Berg nicht wärmer als im Winter, und das macht die Höhle zu einem Archiv, in dem sich Spuren der Eiszeit länger hielten als an jedem Hang draußen. Auch die Lage trägt dazu bei, denn der Eingang öffnet sich im Kalkfels oberhalb von Obermaiselstein im Oberallgäu, geschützt vor Sonne und Wind.

Eine Kaltfalle ohne unteren Eingang

Dass sich Eis über 20.000 Jahre halten konnte, liegt an der Bauweise der Höhle. Die Höhle besitzt keinen unteren Eingang, sondern nur eine Öffnung am oberen Ende. Kalte Winterluft ist schwerer als warme und sinkt in den Schlund hinab, wo sie sich sammelt wie Wasser in einem Trog. Die wärmere Sommerluft dagegen bleibt oben und dringt kaum nach unten, weil sie leichter ist. So entsteht eine Kaltfalle, in der es im tiefsten Teil dauerhaft kälter ist als draußen. Erst die Erwärmung der letzten Jahrzehnte hat diesen Mechanismus überfordert.

Das Gestein erklärt die Form. Die Höhle liegt im Schrattenkalk, einem fossilreichen Kalkstein aus der Kreidezeit. Bei der Auffaltung der Alpen wurden diese Schichten um etwas mehr als 90 Grad gekippt, sie stehen also senkrecht. Das Wasser folgte einer solchen Schichtgrenze und löste den Kalk zu einem schmalen, hohen Gang, einer Spaltenhöhle. Anders als viele Höhlen verdankt sie ihre Gestalt nicht einer Störung der Erdkruste, sondern dem Verlauf der Schichten selbst. Im Inneren fließt ein Bach, dessen hinterer, untergetauchter Teil bis heute unerforscht ist. Eine Fledermauskolonie lebt in der Höhle nicht, es ist also vor allem das Wasser, das hier arbeitet.

Wie viel Wasser durch die Höhle fließt

  1. Ein Färbeversuch hat gezeigt, dass das Wasser in der Fellbachsursprungshöhle wieder austritt. Die Quelle schüttet im Mittel etwa 15 Liter pro Sekunde, bei 4 bis 6 Grad.
  2. 15 Liter pro Sekunde mal 60 ergeben 900 Liter pro Minute.
  3. 900 Liter mal 60 ergeben 54.000 Liter pro Stunde, also 54 Kubikmeter.
  4. 54 Kubikmeter mal 24 ergeben 1.296 Kubikmeter pro Tag.
  5. 1.296 Kubikmeter mal 365 ergeben 473.040 Kubikmeter pro Jahr.
  6. Ein olympisches Schwimmbecken fasst rund 2.500 Kubikmeter, das Jahresvolumen entspricht demnach etwa 190 Becken.

Zum Vergleich dient das Eis: Ein Kubikmeter wiegt bei einer Dichte von rund 917 Kilogramm je Kubikmeter fast eine Tonne. Die Quelle liefert an einem einzigen Tag das 1.296fache dieses Volumens. Der Eisklotz war also ein winziges Überbleibsel und kein Speicher. Ein Alter von 20.000 Jahren bedeutet zudem, dass die Eisbildung um das Jahr 18.000 vor Christus einsetzte, in der Zeit des letzten Kältemaximums. Die Zahl von 15 Litern ist ein Mittelwert und verdeckt die Schwankungen im Jahreslauf: In der Schneeschmelze fließt ein Vielfaches, im Spätwinter deutlich weniger. Für die Rechnung genügt der Durchschnitt, weil er die Größenordnung zeigt, und die liegt bei knapp einer halben Million Kubikmeter im Jahr, eine Menge, die den Berg über Jahrtausende ausgewaschen hat und ihn weiterhin formt. Mit bloßem Auge ist davon nur wenig zu erkennen: Das Wasser arbeitet im Verborgenen, löst Kalk Korn für Korn und trägt ihn hinaus, sodass der Gang jedes Jahr um einen kaum messbaren Betrag weiter wird. Über Zeiträume von Zehntausenden Jahren, in denen sich Eiszeiten und Warmzeiten abwechselten, summiert sich das zu einem Hohlraum, der sich durch 74 Höhenmeter zieht.

Was sich nicht sicher sagen lässt

Die Höhle zählt zu den bekanntesten Zielen der Gegend und ist doch in mehreren Punkten ungeklärt. Zahlen und Geschichten über sie widersprechen sich teilweise oder gelten nur als Deutung.

Die Unterscheidung ist nützlich, weil Beschreibungen in Prospekten, Führungen und Erzählungen vor Ort nicht immer dasselbe meinen und weil ein Detail, das vielfach wiederholt wird, deshalb noch nicht belegt ist. Fünf Punkte verdienen den Vorbehalt, und bei jedem lässt sich genau sagen, was gesichert ist und was nicht. Gesichert sind die Lage, die Temperatur, die Jahreszahlen der Erschließung und der Weg des Wassers durch den Berg, das Übrige beruht auf Deutung oder auf Einzelmessungen.

  • Die Länge wird in Veröffentlichungen unterschiedlich angegeben, je nachdem, ob die gesamte erkundete Strecke oder nur der Teil zählt, den die Führung zeigt.
  • Der hintere Teil des Höhlenbachs ist untergetaucht und bisher nicht erforscht, ein Tauchversuch im Höhlensee fand 1965 statt.
  • Die Herkunft des Namens Sturmatz ist eine Deutung, kein bewiesener Befund.
  • Das Alter des Eises beruht auf einer Pollenanalyse, einem mittelbaren Verfahren, das Schichten anhand eingeschlossener Blütenstaubkörner einordnet.
  • Die Frage, wer als Erster den Höhlenfluss erreichte, wird unterschiedlich überliefert: Genannt werden der Lehrer Franz Xaver Epplen und Hans Rietzler.

Auch beim Eis bleibt ein Rest Unsicherheit. Pollen im Eis verraten, welche Pflanzen damals in der Umgebung blühten, und erlauben eine Einordnung in die Zeit, doch ein Kubikmeter ist wenig Material, und die Datierung gilt für diesen Rest, nicht für die ganze Höhle. Die Höhle selbst ist sehr viel älter als das Eis, denn die Spalte im Kalkstein musste lange vor der Eiszeit bestehen, damit sich darin überhaupt etwas ablagern konnte. Das Eis war ein später Gast in einem alten Gang. Von den kleinen Schatzsuchern, die in der Höhle wohnen sollen, erzählen die Überlieferungen von Berggeistern und Venedigermännle.

Von den ersten Versuchen bis zur Eröffnung 1905

Der erste schriftlich belegte Versuch, die Höhle zu betreten, stammt von 1815. Ein Dr. Geiger scheiterte damals an den Schächten. 1854 erkundete ein Dr. Gross die Höhle, 1877 bauten Dr. J. Oertel und Mitglieder des Alpenvereins einen Weg samt Stegen und Leitern. Eine weitere Erkundung folgte 1886, und 1904 ging der Lehrer Epplen bis zum Höhlensee. Im Jahr darauf gründete sich der Höhlenbauverein, der die Erschließung vorantrieb, und am 23. Juli 1905 wurde die Höhle für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Besucherzahlen zeigen, wie sehr sich der Ort veränderte. Im Jahr 1906 kamen rund 3.000 Menschen, 2003 waren es etwa 45.000, 2023 rund 50.000, das Sechzehn- bis Siebzehnfache innerhalb von 117 Jahren. Die Beleuchtung war zuerst elektrisch und ist heute auf LED umgestellt, am Ende der Führung taucht farbiges Licht den Gang in andere Töne. Eine solche Entwicklung ist für eine Höhle ungewöhnlich, denn jeder Besucher bringt Wärme, Atemluft und Licht mit, und all das wirkt auf ein Gleichgewicht ein, das über Jahrtausende stabil war. Vom Dorf aus führt ein Fußweg von etwa einer halben Stunde zur Höhle auf dem Haubenegg. Öffnungszeiten und Eintrittspreise ändern sich und gehören vor einem Besuch bei den Betreibern der Höhle nachgeprüft.

Heinrich von Kempten und der Kaiser im Badezuber

Ein Ritter springt nackt aus dem Badezuber, greift nach Schwert und Schild und rettet den Kaiser, der ihn zehn Jahre zuvor vom Hof gejagt hat. Diese Szene gilt vielen als Allgäuer Sage, weil der Held Heinrich von Kempten heißt und der Name an die Stadt im Allgäu erinnert. Tatsächlich ist die Geschichte keine Volkssage im strengen Sinn, sondern ein mittelalterliches Gedicht mit bekanntem Verfasser. Konrad von Würzburg, geboren um 1235, gestorben 1287 und ab etwa 1260 vor allem in Basel und Straßburg tätig, schrieb sie in rund 770 Versen auf. Der Unterschied ist mehr als Haarspalterei. Eine Sage entsteht anonym, wandert über Generationen von Mund zu Mund und bleibt an einem Ort haften, an einem Berg, einem See oder einer Ruine. Ein Gedicht dagegen hat einen Dichter, einen Widmungsträger und eine feste Textgestalt, die sich in Handschriften nachweisen lässt. Hier kommt beides zusammen: Der Text ist Dichtung, sein Held trägt einen Allgäuer Namen, und Sagensammlungen haben die Erzählung dem Allgäu zugeschlagen, in einer gängigen Online-Sammlung steht sie sogar an erster Stelle. Die Spur zurückzuverfolgen führt allerdings weder auf eine Alpe noch an ein Herdfeuer, sondern an einen Kaiserhof, in lateinische Chroniken und in die Schreibstuben des 13. Jahrhunderts.

Woher die Annahme einer Allgäuer Volkssage kommt

Drei Gründe machen die Verwechslung leicht. Erstens der Name: Ein Ritter, der sich nach einer Stadt nennt, wirkt wie ein Mann aus der Region, und Kempten zählt zu den ältesten Städten im Allgäu. Zweitens die Form der Erzählung, die kurz und bildhaft ist und eine Pointe hat, genau wie die Geschichten, die sonst an Allgäuer Bergen haften. Der Kaiser schwört bei seinem Bart, der Ritter packt ebendiesen Bart, und am Ende steht eine Versöhnung, die jeder Zuhörer sofort versteht. Drittens die Sammeltätigkeit späterer Zeiten, denn wer Sagen einer Landschaft zusammentrug, nahm gern alles auf, was einen Ortsnamen enthielt, und trennte selten sauber zwischen mündlicher Überlieferung und Literatur. Hinzu kommt ein Mechanismus, den die Volkskunde gut kennt: Eine literarische Erzählung kann in den Volksmund zurückfließen. Dichtungen des Mittelalters wurden vorgelesen, später gedruckt, später nacherzählt, und irgendwann erinnerte sich niemand mehr an den Dichter, nur noch an die Geschichte. Aus dem Gedicht wird dann eine Erzählung ohne Verfasser, die aussieht wie eine Sage. Ob das beim Ritter aus Kempten tatsächlich geschah, lässt sich aus den erhaltenen Zeugnissen nicht belegen. Belegbar ist nur der Weg in die andere Richtung, von der Schrift zur Sammlung.

Was die Handschriften tatsächlich zeigen

  1. Um 1191 steht in Gottfrieds von Viterbo Pantheon eine lateinische Erzählung über einen Vorfall unter Kaiser Otto I., der von 912 bis 973 lebte.
  2. Konrad von Würzburg erweitert den Stoff ab etwa 1260 zu einer höfischen Erzählung mit Widmung an den Propst des Straßburger Doms.
  3. Handschriften des Gedichts entstehen in den folgenden Jahrhunderten, sechs davon enthalten den vollständigen Text.
  4. Edward Schröder legt zwischen 1925 und 1930 die maßgebliche Ausgabe vor.

Zwischen dem Vorfall und Konrads Fassung liegen demnach rund drei Jahrhunderte, und die Welt, die das Gedicht schildert, ist die des Hochmittelalters, nicht die des zehnten Jahrhunderts. Erhalten sind die vollständigen Fassungen unter anderem in Heidelberg, Innsbruck und Wien sowie im Codex Bodmer bei Genf, Fragmente in London enthalten nur die letzten Verse, 764 bis 770. Das ist eine Überlieferungslage, wie sie für höfische Literatur typisch ist, und sie unterscheidet sich grundlegend von der einer Sage, von der es meist keine einzige Urfassung gibt.

Die Handlung lässt sich in wenigen Zügen wiedergeben. Beim Osterfest in Bamberg schlägt der kaiserliche Truchsess einen jungen Herzogssohn blutig, weil dieser sich vor dem Essen ein Stück Brot genommen hat. Heinrich von Kempten, der Erzieher des Jungen, erschlägt den Truchsess. Dann bedroht er den Kaiser mit dem Messer, packt ihn am Bart und würgt ihn. Otto gewährt freies Geleit, verbannt den Ritter aber vom Hof. Zehn Jahre später liegt der Kaiser vor einer italienischen Stadt im Feld. Heinrich, der ihm aus dem Weg gehen will, badet in einem Zuber vor seinem Zelt, sieht Aufständische auf den Kaiser zustürmen und springt nackt heraus. Der Kaiser will den unbekannten Retter belohnen, erfährt dessen Namen, verzeiht und verleiht ihm ein Lehen.

Fünf Merkmale für die Unterscheidung von Sage und Dichtung

Eine Erzählung einzuordnen gelingt mit fünf Fragen. Gibt es einen genannten Verfasser? Bei Konrad ja, bei einer Sage fast nie. Gibt es eine feste Textform in Handschriften, mit Versen, Reimen und Widmung? Beim Gedicht ja. Ist die Erzählung an einen Ort gebunden, der noch heute im Gelände zu finden ist? Bei Sagen vom Schrecksee, vom Gottesacker oder vom Säuling stimmt das, bei Heinrich nicht, denn dessen Schauplätze sind Bamberg und eine namenlose Stadt in Italien. Hat die Erzählung eine ausdrückliche Lehre? Konrads Text endet mit einer Mahnung zu Tapferkeit und rechtem Rittertum, Sagen deuten dagegen meist nur an. Und wie stark weichen die Fassungen voneinander ab? Sagen existieren in vielen mündlichen Varianten, ein Gedicht in einer Textgestalt mit geringen Abweichungen zwischen den Abschriften. Auf den Ritter aus Kempten angewendet, ergibt der Test vier Merkmale der Dichtung und kein einziges einer ortsgebundenen Volkssage. Dass die Erzählung dennoch in Sagenbüchern steht, sagt mehr über die Sammler als über den Stoff. Echte Überlieferungen aus den Allgäuer Bergen schildert der Beitrag Sagen aus dem Allgäu und ihre Schauplätze, dort lässt sich der Unterschied an Beispielen nachvollziehen.

Was an der Zuordnung zum Allgäu berechtigt ist

Ganz falsch liegt die Zuordnung nicht. Der Name bindet die Figur tatsächlich an die Stadt, und die Geschichte hat Spuren in der Region hinterlassen, weil sie dort aufgegriffen und weitererzählt wurde. Auch inhaltlich passt sie zu einem Muster, das in den Bergen vertraut ist: Ein Mächtiger verliert die Beherrschung, ein Untergebener erträgt es nicht, am Ende gewinnt die Treue über die Strenge. Weil das Motiv so allgemein menschlich ist, konnte es von einem Hof am Oberrhein bis in eine Sagensammlung über das Allgäu wandern, ohne seine Wirkung zu verlieren. Fragwürdig ist allein der Ursprung, nicht die Geschichte selbst. Die Erzählung bleibt ein gutes Beispiel dafür, wie Literatur und Volksüberlieferung einander durchdringen und warum der Blick in die Handschrift manchmal mehr verrät als der Blick ins Gelände. Bei der Suche nach Spuren des Ritters in Kempten findet sich der Name, aber kein Ort der Handlung, und genau das spricht für eine Dichtung, die durch viele Hände gewandert ist. Vier Punkte halten den berechtigten Teil der Annahme fest.

  • Der Ritter trägt den Namen einer Allgäuer Stadt, und diese Verbindung ist im Text selbst verankert.
  • Die Erzählung ist in Sagensammlungen zum Allgäu gelandet und gehört damit zur Rezeptionsgeschichte der Region.
  • Das Motiv von der Versöhnung nach einem Gewaltausbruch kehrt in vielen alpenländischen Überlieferungen wieder.
  • Ob der Kern auf einen wirklichen Vorfall unter Otto I. zurückgeht, bleibt offen und sollte weder behauptet noch ausgeschlossen werden.

Eine saubere Formulierung lautet deshalb: eine mittelalterliche Rittererzählung mit Allgäuer Namen, überliefert in Handschriften und später in Sagenbüchern der Region verzeichnet.

Die Vereinödung im Allgäu und der Umbau der Dörfer

Auf einer Fahrt durch das Westallgäu fallen Höfe auf, die mitten in ihren Wiesen stehen, einzeln, weit voneinander entfernt, jeder von eigenem Grün umgeben. Dieses Bild wirkt uralt, ist aber das Ergebnis einer Umwälzung, die im 16. Jahrhundert begann und 1770 per Verordnung zur Regel wurde: der Vereinödung. Dabei wurden die Äcker und Wiesen eines Dorfes neu verteilt, sodass jeder Bauer seine Flächen an einem Stück erhielt, und viele Höfe zogen aus dem Dorfkern hinaus auf das eigene Land. Aus Haufendörfern wurden Einzelhöfe, aus gemeinsamem Wirtschaften wurde Eigenverantwortung. Kaum eine andere Maßnahme hat das Aussehen des Allgäus so stark geprägt, und kaum eine ist heute so selbstverständlich geworden, dass niemand mehr nach ihrem Anfang fragt. Der Name leitet sich von der Einöde ab, einem Einzelhof ohne Nachbarn, und er trifft die Sache genau. Ein Bauer, der zuvor Dutzende schmale Streifen über die Flur verteilt besaß, hatte nach der Teilung ein zusammenhängendes Stück rund ums Haus. Die Wege zu den Äckern verkürzten sich, das Vieh stand auf der Weide vor dem Stall, und niemand konnte mehr vorschreiben, wann gesät oder gemäht wurde.

Das Dorf im Mittelalter mit gemeinsamem Feldzwang

Vor der Vereinödung lagen die Häuser eines Dorfes dicht beieinander, und die Felder zogen sich in schmalen Streifen um den Ort. Jeder Bauer besaß viele kleine Stücke, verstreut über die ganze Flur, weil Erbteilungen und Tausch die Besitzverhältnisse zerlegt hatten. Bewirtschaftet wurde nach der Dreifelderwirtschaft: Auf einem Teil der Flur wuchs im Herbst gesäte Winterfrucht, auf einem zweiten im Frühjahr gesäte Sommerfrucht, der dritte lag brach. Weil die Streifen nur über die der Nachbarn zu erreichen waren, musste das ganze Dorf im Gleichschritt arbeiten, vom Pflügen bis zur Ernte. Dieser Flurzwang war bequem für das Gemeinwesen und lästig für den Einzelnen, denn wer früher säen oder anders wirtschaften wollte, durfte es nicht. Im Allgäu kam hinzu, dass Grünland und Viehhaltung wichtiger wurden als der Ackerbau. Das Vieh brauchte Weide in Hofnähe, doch die Wiesen lagen weit entfernt, zersplittert und mit gemeinsamen Nutzungsrechten verflochten. Die Beteiligten wussten um den Nachteil. Als einzelne Gemeinden begannen, ihre Fluren zu ordnen, folgten andere bald nach, und aus dem Wunsch weniger Bauern entstand eine Welle, die im 16. Jahrhundert im Fürststift Kempten ihren Anfang nahm.

Zeitleiste von der ersten Teilung bis zum Käsekessel

Von den ersten Teilungen bis zum Siegeszug des Käses vergingen mehr als zwei Jahrhunderte, in denen sich Zuständigkeiten, Herrschaften und Wirtschaftsweisen mehrfach änderten. Die wichtigsten Stationen lassen sich nach Jahren ordnen, wobei für das 16. Jahrhundert kein genaueres Datum belegt ist.

  1. 16. Jahrhundert: Bauern im Gebiet des Fürststifts Kempten teilen ihre Fluren aus eigenem Antrieb neu auf, die sogenannte Kemptener Periode.
  2. Die Welle breitet sich bis in das Oberamt Saulgau aus.
  3. 1770: Kaiserin Maria Theresia ordnet die Vereinödung für alle Erblande an, auch für das damals vorarlbergische Westallgäu.
  4. 1771: In Lindenberg ist das Verfahren abgeschlossen.
  5. 1779: Das Oberamt Bregenz erlaubt dem Kronenwirt, sein vereinödetes Anwesen zu teilen.
  6. Nach 1827: Auf den großen Wiesen entstehen Käsereien nach Schweizer Art, in denen Emmentaler hergestellt wird.

Die Zeitleiste lässt zwei Abschnitte erkennen. Zuerst kam die freiwillige Phase, getragen von den Bauern selbst, dann die verordnete, durchgeführt vom Kreisamt Bregenz. Aus der freiwilligen Neuordnung wurde ein Verwaltungsvorgang mit Protokollen, Messungen und amtlicher Bestätigung durch die Ortsvorsteher. Die Verordnung von 1770 machte damit aus einer Bewegung von unten ein Programm von oben. Das Westallgäu gehörte zu dieser Zeit zu Vorarlberg und damit zu den österreichischen Erblanden, weshalb nicht Kempten, sondern Bregenz die Durchführung überwachte. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam die Gegend zu Bayern. Die Unterschiede in der Herrschaft erklären, warum die Vereinödung im einen Gebiet langsam und aus eigenem Antrieb wuchs und im anderen innerhalb weniger Jahre per Erlass abgewickelt wurde. Dass beide Wege zum selben Ergebnis führten, spricht für den Nutzen, den die Betroffenen darin sahen, auch wenn nicht jeder Einzelne zufrieden war und mancher Hof an einem Platz landete, den er sich nicht ausgesucht hätte.

1770 und 1771 am Beispiel Lindenberg

Wie tief der Eingriff reichte, zeigt Lindenberg. Pfarrer Johann Joseph Wettach hielt 1770 in einem Seelenbeschrieb fest, dass die Pfarrei 151 Häuser und 787 Einwohner hatte, 667 Erwachsene und 120 Kinder. Das ergibt im Schnitt gut fünf Menschen pro Haus. Im Dorf Lindenberg selbst bestanden 56 Höfe. Vereinödet wurden 34 davon, und von diesen 34 zog die große Mehrheit hinaus: 28 Höfe, also genau die Hälfte aller Höfe im Dorf, wurden auf das neue Land ausgesiedelt. Rechnerisch bedeutet das, dass von je zehn vereinödeten Höfen etwa acht ihren Platz im Dorf verließen und zwei dort stehen blieben.

Die kleinen Söldnerhäuser blieben unberührt, denn ihre Flächen waren so gering, dass sich eine Zusammenlegung nicht lohnte. Bekannte frühere Aussiedlerhöfe tragen bis heute Namen wie Lindenhof, Fehrhof und Geßlerhof. Aus dem geschlossenen Dorf wurde ein Ort mit weit verteilten Höfen, und die Zahl der Nachbarn, die in Rufweite lebten, sank mit einem Schlag. Für die Familien bedeutete das einen tiefen Einschnitt. Ein ausgesiedelter Bauer musste auf dem zugeteilten Land ein neues Haus samt Stall errichten, mitunter weit von Kirche und Wirtshaus entfernt. Der Bauer, der blieb, hatte zwar kein Haus zu bauen, gab aber Boden und Einfluss an die Nachbarn ab. Beide Seiten stritten um die Einstufung der Böden, denn davon hing ab, wie viel Fläche am Ende zustand.

Schuh, Rute und Juchert beim Messen und Teilen

Geteilt wurde nach Maß und nach Wert. Zwei Schuh galten als ein Schritt, zehn Schuh als eine Rute, und eine Juchert umfasste 600 Quadratruten. Eine Winterfur entsprach etwa zwei Juchert. Rechnet man mit einem Schuh von rund 30 Zentimetern, was von Landschaft zu Landschaft abwich, ergibt eine Rute etwa drei Meter und eine Quadratrute etwa neun Quadratmeter. Eine Juchert wäre dann etwa 5.400 Quadratmeter groß, etwas mehr als ein halber Hektar, und eine Winterfur entsprechend rund ein Hektar. Das sind Näherungswerte, aber sie zeigen die Größenordnung der Parzellen, die zusammengelegt wurden. Gleich große Flächen waren nicht gleich viel wert. Die Bonität bemaß man nach dem geschätzten Reinertrag in Gulden je Flächeneinheit, und Grundstücke nahe am Dorfkern galten als wertvoller als solche am Rand. Der Hof, der aus der Ortsmitte hinauszog, erhielt im Tausch mehr Fläche. So entstand ein Ausgleich, der Streit nicht verhinderte, aber in geordnete Bahnen lenkte. Die Bonität zeigt zugleich, warum Quadratmeter allein nichts aussagten: Bei gleicher Fläche konnte die Ernte stark schwanken, je nach Lage, Feuchte und Boden, und deshalb zählte der erwartete Ertrag in Gulden und nicht die Fläche. Die Protokolle hielt der Ortsvorsteher amtlich fest, damit niemand später das Ergebnis anfechten konnte.

Was die Vereinödung dem Allgäu bis heute hinterlassen hat

Die neuen Besitzverhältnisse wirkten bis in die Familie hinein. Ein vereinödetes Anwesen durfte nur als Ganzes vererbt oder verkauft werden, in Lindenberg erbte meist der jüngste Sohn. Das verhinderte die Zersplitterung, die den Bauern zuvor zugesetzt hatte. Die großen Wiesen am Hof begünstigten die Milchwirtschaft, und mit den Käsereien nach 1827 entstand jener Wirtschaftszweig, für den das Allgäu bis heute bekannt ist. Auch das Landschaftsbild stammt aus dieser Zeit: verstreute Höfe und Wege, die von der Straße zu einem einzigen Haus führen. Selbst die Straßenführung folgt vielerorts den damals gezogenen Grenzen der Parzellen. Ein Hof auf freiem Feld steht damit für eine Entscheidung des 18. Jahrhunderts, die Erbfolge, Wirtschaftsform und Ortsbild bis in die Gegenwart bestimmt.

Es gab auch Verluste. Der Preis für diese Neuordnung war hoch, und er wurde nicht von allen gleich getragen. Die Zersiedelung machte Wege lang, Schulen und Kirchen schwer erreichbar, und der enge Zusammenhalt des Dorfes lockerte sich, weil Nachbarschaftshilfe bei Ernte und Schlachtung nun weite Wege bedeutete. Wie ein Hof im Gebirge überlebte, zeigt der Beitrag über die Arbeit auf einer Sennalpe, und die Geschichte einer abgelegenen Siedlung erzählt Gerstruben.

Funkenfeuer im Allgäu und der Mythos vom heidnischen Brauch

Der Funken im Allgäu soll angeblich ein Überrest germanischer Frühlingsfeste sein, bei dem der Winter samt Hexe im Feuer endet. Das klingt stimmig, hält einer Prüfung aber schlecht stand. Die älteste greifbare Nachricht über einen Brauch mit brennender Holzscheibe stammt aus dem Jahr 1090, die Hexenpuppe auf der Spitze lässt sich erst im 19. Jahrhundert fassen, und aus germanischer Zeit gibt es dazu keinen einzigen Beleg. Trotzdem lodern am ersten Sonntag nach Aschermittwoch in Allgäuer Dörfern, in Vorarlberg, im Schwarzwald und rund um den Bodensee die Feuer. Im Jahr 2027 fällt dieser Funkensonntag auf den 14. Februar, weil Ostern am 28. März liegt und der Sonntag Invocavit sechs Wochen davor zu finden ist. Hinter dem Datum steckt keine Sonnenwende und keine Tag und Nachtgleiche, sondern der Kirchenkalender, und genau das ist der erste Hinweis darauf, wo der Brauch wirklich herkommt. Den Funken zu verstehen heißt deshalb weniger, in Mythen zu graben, als alte Kalender, Brandberichte und Dorfordnungen zu lesen. Genau dort liegen die Antworten auf die Fragen, warum der Brauch gerade an diesem Sonntag stattfindet, warum eine Hexe oben sitzt und warum ein Knall über Glück oder Pech des Jahres entscheidet.

Woher die Geschichte vom heidnischen Feuer kommt

Die Erzählung vom uralten Kultfeuer stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Damals suchten Gelehrte in allem Ländlichen die Reste einer vorchristlichen Religion und deuteten Feuer, Scheiben und Strohpuppen als Winteraustreibung. Josef Thaler schrieb 1798 in diesem Sinn, und noch 1921 vertrat Franz Josef Fischer ähnliche Ansichten. Solche Deutungen waren bequem, denn sie ließen sich weder beweisen noch widerlegen, und sie passten zum Wunsch, in den Alpen eine Welt zu finden, die älter ist als jede Kirche. Hinzu kam die Hexe. Eine verbrannte Frauenfigur weckt fast zwangsläufig den Gedanken an die Hexenverfolgung der frühen Neuzeit, und so verschmolzen zwei Geschichten zu einer, obwohl sie nichts miteinander zu tun haben. Ein weiterer Grund für die Zähigkeit des Mythos liegt in der Form des Brauchs selbst. Ein hoher Holzstoß, entzündet bei einbrechender Dunkelheit, wirkt zeitlos. Vor einem brennenden Turm aus Fichtenstämmen fragt kaum jemand nach der Aktenlage. Dazu trugen Vereine bei, die das eigene Fest gern mit einer möglichst alten Herkunft schmückten, und Reiseberichte, die das Bild vom heidnischen Feuer weitertrugen. So wurde aus einer Vermutung eine Gewissheit, die in Prospekten bis heute überlebt.

Was die Belege tatsächlich zeigen

Die frühesten Quellen sind nüchtern. Aus dem Kloster Lorsch ist ein Brandbericht von 1090 erhalten, wonach junge Männer am Abend des 21. März eine brennende Holzscheibe warfen und damit das Kloster in Brand setzten. Das ist ein Bericht über ein Unglück und keine Beschreibung eines Festes, doch er zeigt, dass Scheibenschlagen damals bekannt war. Danach klafft eine Lücke bis ins 15. Jahrhundert, aus dem Basel Belege liefert, gefolgt von Luzern, Bregenz und Innsbruck im 16. und 17. Jahrhundert. Zwischen der Nachricht von 1090 und der ersten Hexenpuppe liegen rund 800 Jahre, in denen von einer Figur auf dem Holzstoß nirgends die Rede ist.

Wichtiger als jede Einzelquelle ist der Zusammenhang mit der Fastnacht. Seit der Synode von Benevent im Jahr 1091 beginnt die Fastenzeit mit dem Aschermittwoch, doch der Feuertermin blieb am Sonntag danach hängen. Die heutige Brauchtumsforschung sieht den Funken deshalb als Schlusspunkt der alemannischen Fastnacht, also als Ende der Fleischzeit und als Auftakt der Fastenzeit. Passend dazu heißt der Tag in Vorarlberg Küachlisonntag oder Holepfannsonntag, weil dort Schmalzgebäck aus der Pfanne auf den Tisch kommt. Eine Hexe als Sinnbild von Fastnachtsübermut passt in dieses Bild besser als jede Göttin.

Wie ein Funken entsteht und warum er knallt

Der Aufbau folgt in vielen Orten einem festen Zeitplan, der sich über wenige Tage zieht. Am Faschingsdienstag wird die Funkentanne geschlagen, am Samstag vor dem Funkensonntag beginnt der Aufbau. Um den Stamm legen die Helfer Reisig, alte Christbäume, Transportgestelle und Restholz, und in manchen Gemeinden kommt ein Gerüst aus Fichtenstämmen hinzu. Die Hexe sitzt zuletzt auf der Spitze, eine lebensgroße Figur aus Stoff, die im Allgäu und in Vorarlberg gern mit Schwarzpulver gefüllt wird. Dass dieser Brauch eine praktische Seite hat, zeigt der Blick in den Hof: Früher wanderte beim Frühjahrsputz von Haus und Wiese alles Brennbare in den Stoß, und was an Weihnachtsgrün übrig blieb, erst recht.

  1. Faschingsdienstag: Die Funkentanne wird geschlagen.
  2. Samstag vor dem Funkensonntag: Der Aufbau des Stoßes beginnt.
  3. Sonntag am Tag: Kinder zünden in manchen Orten einen kleinen Funken an.
  4. Sonntag bei Einbruch der Dunkelheit: Das Hauptfeuer wird entzündet.
  5. Sonntag danach: Fiel der Stoß vorher um, wird die Hexe nachträglich begraben.

Der Knall ist mehr als Effekt. Erreichen die Flammen die Hexe und sie platzt, gilt das als gutes Zeichen für das Jahr. Fällt der Stoß vorher um, deuten ihn die Älteren als schlechtes Vorzeichen, und die Hexe wird am Sonntag darauf nachträglich begraben. Auch der Himmel spielt mit. Ein Sternenhimmel in dieser Nacht verspricht der Bauernregel nach eine gute Kirschenernte, und lange Eiszapfen am Haus kündigen eine lange Flachsernte an. Hintergrund dieser Regeln ist die Beobachtung, dass wolkenloser Himmel im Februar Frost bringt, der Knospen bremst und späte Blüten vor Frühfrösten bewahrt.

Rekorde, Verbote und neue Beliebtheit

Die Geschichte des Brauchs verlief alles andere als geradlinig. Die Aufklärung drängte ihn zurück, und nach dem Ersten Weltkrieg ging er stark zurück, in einigen Jahren war er wegen Holzmangels sogar verboten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte vor allem in Vorarlberg eine Wiederbelebung ein, bei der sich Funkenzünfte gründeten und die Türme immer höher wuchsen. Gaißau erreichte im Jahr 2000 eine Höhe von 41 Metern, und 2019 baute Lustenau einen Funken von 60,64 Metern, der den früheren Rekord von 47 Metern aus dem norwegischen Ålesund übertraf. Seit 2010 steht der Vorarlberger Funken auf der österreichischen Liste des immateriellen Kulturerbes, was dem Brauch dort eine Art amtlichen Rang verleiht. Im Allgäu bleibt er dagegen eine Sache der einzelnen Dörfer, Vereine und Jugendgruppen, und genau das macht ihn so unterschiedlich: Hier brennt ein schlichter Holzhaufen auf der Wiese, dort ein schlanker Turm, dessen Bau Wochen dauert.

Wie viel Holz in solch einem Turm steckt, lässt sich grob überschlagen. Ein Stamm von 30 Metern Länge und 40 Zentimetern mittlerem Durchmesser hat ein Volumen von etwa 3,8 Kubikmetern, denn die Querschnittsfläche beträgt rund 0,126 Quadratmeter und wird mit der Länge multipliziert. Das ergibt bei 500 Kilogramm Trockenmasse je Kubikmeter fast zwei Tonnen allein für den Mittelpfosten. Dazu kommt ein Mehrfaches an Beiwerk, was erklärt, warum Gemeinden Genehmigungen, Brandwachen und Abstände regeln.

Was an der alten Erzählung trotzdem stimmt

Ganz falsch lag die ältere Forschung nicht. Einiges an ihrer Sicht hat sich bestätigt, und manches verdient auch heute Respekt. Der Brauch wurde nur an der falschen Stelle verankert, nämlich in einer erfundenen Urzeit statt im Kirchenjahr und im Dorfleben des Mittelalters. Vier Punkte halten der Prüfung stand:

  • Feuer zum Ende des Winters sind in vielen Kulturen belegt, und der Funken fügt sich in eine breite Gruppe von Frühjahrsbräuchen ein, zu der auch das Scheibenschlagen zählt.
  • Der Zeitpunkt vor Frühlingsbeginn passt zu einer Landwirtschaft, die im Februar Vorräte zählte und Platz für die Aussaat schaffte.
  • Der gemeinschaftliche Aufbau stärkt Dörfer und Vereine, was erklärt, warum der Brauch Kriege, Verbote und Moden überstand.
  • Die Hexenfigur ist jung, der Gedanke an Reinigung und Neubeginn dagegen sehr alt.

Auch die Namen erzählen davon. Funken, Holepfann, Küachli und Alte Fastnacht stammen alle aus der Sprache des bäuerlichen Jahres und nicht aus einer Götterwelt, und in jedem steckt ein Hinweis auf Essen, Feuer oder Kalender. Dass der Brauch heute wieder wächst, liegt weniger an altem Glauben als an der Freude, im Winter etwas gemeinsam zu bauen und anzuzünden. Das Feuer wärmt, der Knall der Hexe ruft Staunen hervor, und beim Heimgehen duftet es nach Rauch und frisch gebackenem Schmalzgebäck.

Am Feuer zeigt sich heute deshalb kein germanischer Kult, sondern ein Stück Fastnachtsgeschichte, das Dörfer über Jahrhunderte immer wieder neu zusammengesetzt haben. Mit dem Wissen um die Herkunft lässt sich auch das Dorfjahr besser einordnen: Der zweite große Termin im Brauchtumskalender ist der Viehscheid, bei dem das Vieh von den Alpen ins Tal zieht.

Bad Hindelang im Oberallgäu und seine lange Geschichte

Zwischen dem Talgrund bei der Ostrach und dem Gipfel des Hochvogel liegen im Gemeindegebiet von Bad Hindelang 1812 Höhenmeter. Der tiefste Punkt befindet sich mit 780 Metern an der Ostrachbrücke bei Reckenberg, der höchste mit 2592 Metern auf dem Grenzgipfel zu Tirol, und der Hauptort selbst liegt auf 825 Metern. Mehr als 80 Prozent der Fläche stehen unter Landschafts oder Naturschutz, was erklärt, warum hier weder Hochhäuser noch Industrie das Bild bestimmen. Als Kurort allein ist der Ort nur unvollständig beschrieben, denn dahinter steckt eine lange Geschichte: Bad Hindelang war Markt an einer Salzstraße, Schmiedeort für Spieße und Piken und Gestütsstandort, bevor im 20. Jahrhundert der Fremdenverkehr das Sagen übernahm. Der Beitrag geht diese Stationen der Reihe nach durch und zeigt, warum das Dorf heute zu den vielseitigsten Orten des Oberallgäus zählt, gleichzeitig aber nichts mit dem Trubel eines Wintersportzentrums gemein hat. Dazu gehören ein Gelände mit Tälern, Passstraße und Bergen, ein Handwerk, das seit dem 16. Jahrhundert überlebt hat, und zwölf Ortsteile, die sich über Höhen zwischen 780 und mehr als 1100 Metern verteilen. Zwischen dem tiefsten Punkt und dem Hochvogel liegt damit ein Höhenunterschied, wie ihn kaum eine andere Gemeinde in Bayern aufweist, und jede Höhenstufe hat ihre eigene Geschichte.

Stelle im GemeindegebietHöhe über dem MeerAbstand zum tiefsten Punkt
Ostrachbrücke bei Reckenberg780 m0 m
Hauptort Bad Hindelang825 m45 m
Oberjoch1136 m356 m
Hochvogel2592 m1812 m

1150 bis 1540 vom Rittersitz zum Markt an der Jochstraße

Die früheste Spur führt ins Jahr 1150, als die Herren von Hundilanc in Urkunden auftauchen, eine Ritterfamilie, die dem Ort den Namen gab. Aus dem Namen wurde später Hindelang, und bis zum Jahr 2002 hieß die Gemeinde schlicht so. Im Spätmittelalter wuchs die Bedeutung des Ostrachtals, weil dort ein Übergang nach Tirol lag. Der Bischof von Augsburg verlieh 1429 das Marktrecht, womit der Ort Märkte abhalten durfte und aus einer bäuerlichen Siedlung zu einem Platz mit Handel und Handwerk wurde. Ein solcher Titel veränderte das Gefüge eines Ortes, weil er Rechte und Pflichten gegenüber dem Landesherrn festlegte.

Wirtschaftlich zählte der Weg über das Joch. Über diese Strecke lief unter anderem der Salzhandel, weshalb sie in der Geschichtsschreibung als Teil der Salzstraße gilt, und wer sie besaß oder ausbaute, verdiente daran. Die Grafen von Montfort bauten deshalb 1540 die Route zur Straße aus, was den Fuhrverkehr erleichterte und dem Ort Einnahmen sicherte. Im Jahr 1529 hatten bereits die Fugger ein Gestüt im Tal eingerichtet, ein Hinweis darauf, dass sich selbst das Augsburger Handelshaus für die Weiden und Almen interessierte. Aus einem Weiler mit Rittersitz war binnen vier Jahrhunderten ein Handelsplatz geworden, den Händler und Fuhrleute gut kannten.

Eisen und Piken im Ostrachtal

Im 16. Jahrhundert entwickelte sich neben dem Handel ein zweites Standbein. Im oberen Ostrachtal wurde Eisenerz abgebaut, und das Wasser des Baches trieb Hammerwerke an, in denen Schmiede Spieße, Piken und Hellebarden herstellten. Zwischen 1520 und 1524 gingen Lieferungen von nahezu 20000 Landsknechtspießen an die Heere der Zeit. Verteilt auf rund fünf Jahre entspricht das etwa 4000 Stück pro Jahr oder elf Stück an jedem Kalendertag, eine Menge, die ohne wassergetriebene Hämmer kaum zu schaffen war. Wasser, Holzkohle aus den Wäldern und Erz aus dem Berg lagen im Tal dicht beieinander, und genau diese Dreiheit erklärt den Standort. Hinzu kommt das Gefälle, denn nur wo Wasser genug Kraft entwickelt, lässt sich ein schwerer Hammer antreiben.

Drei der alten Hammerschmieden arbeiten bis heute. Statt Waffen entstehen dort heute schmiedeeiserne Pfannen, und das Handwerk ist eine der wenigen Verbindungen, die vom 16. Jahrhundert ungebrochen ins 21. reichen. Die Pfannen sind ein Beispiel dafür, wie ein Gewerbe seine Kundschaft wechseln kann, ohne seine Technik zu verlieren. Die landwirtschaftliche Seite dieser Berglandschaft steht in der in der Beschreibung des Älplerlebens, deren Tagesablauf mit dem Takt der Schmiedehämmer wenig gemeinsam hatte, aber dieselben Wasserläufe und Wälder nutzte.

  1. 1150: Die Herren von Hundilanc werden erstmals erwähnt.
  2. 1429: Der Bischof von Augsburg verleiht das Marktrecht.
  3. 1529: Die Fugger gründen ein Gestüt im Tal.
  4. 1540: Die Grafen von Montfort bauen die Jochroute zur Straße aus.
  5. 1660: Für den Fürstbischof entsteht das Jagdschloss, das heutige Rathaus.
  6. 1803: Die Säkularisation bringt die Gegend unter bayerische Herrschaft.
  7. 1823: Der Salztransport über den Pass endet.
  8. 1895 bis 1898: Die neue Jochstraße wird gebaut.
  9. 1900: Prinzregent Luitpold verleiht Oberdorf den Titel Bad.
  10. 1965: Anerkennung als Luftkurort und Kneippkurort.
  11. 2001 bis 2002: Die Gemeinde heißt fortan Bad Hindelang.

1660 bis 1900 vom Jagdschloss zum Heilbad

Das Jahr 1660 brachte ein Bauwerk, das noch heute das Ortsbild prägt: das Jagdschloss des Fürstbischofs von Augsburg, in dem später das Rathaus untergebracht wurde. Der geistliche Landesherr ließ es als Jagdsitz errichten, und das Gebäude steht für eine Zeit, in der die Berge zwar als Jagdrevier galten, aber noch nicht als Ziel für Erholungsreisende. Mit der Säkularisation 1803 fiel das Hochstift an Bayern, und für Hindelang begann eine Zeit der Neuordnung. Der Salzhandel verlor an Gewicht und endete über den Pass 1823 ganz.

Der Verkehr kehrte auf andere Weise zurück. Zwischen 1895 und 1898 entstand die neue Straße über das Joch, die mit ihren engen Kehren noch heute für ihre Windungen bekannt ist: Für die Passstraße nach Oberjoch, die B 308, werden 107 Kurven angegeben. Oberjoch selbst liegt auf 1136 Metern. Im Jahr 1900 verlieh Prinzregent Luitpold dem Ortsteil Oberdorf den Titel Bad. Damit begann der Weg vom Markt zum Gesundheitsstandort, der 1965 mit dem Kurortstatus seinen Abschluss fand. Beim Straßenbau und bei der Titelverleihung ging es um dieselbe Frage, nämlich wie ein abgelegenes Tal Anschluss an die Welt findet, und in beiden Fällen spielte der Landesherr eine Rolle: Der Prinzregent vergab Titel, ein Jahrhundert zuvor der Bischof das Marktrecht.

Was von der Geschichte heute zu erleben ist

Das 20. Jahrhundert machte aus der Gemeinde einen Kurort. 1965 wurde sie als Luftkurort und Kneippkurort anerkannt, und 2011 erhielt sie ein Gütesiegel für Allergikerfreundlichkeit. Die Einwohnerzahl stieg von 4718 im Jahr 1988 auf 5168 im Jahr 2018, ein Plus von 9,5 Prozent, liegt damit aber noch unter dem Höchststand von 5606 aus dem Jahr 1950, gerechnet auf das Gemeindegebiet von 1987. Die Gemeinde besteht aus zwölf Gemeindeteilen, darunter Hinterstein, Bad Oberdorf, Vorderhindelang, Oberjoch und Unterjoch, und jeder hat sein eigenes Gesicht, vom Hochtal bis zur Passhöhe.

Spuren der Geschichte sind leicht zu finden. Das Heimatmuseum in Bad Oberdorf und das Kutschenmuseum in Hinterstein erzählen von Handwerk und Verkehr, die Hammerschmieden von Eisen, und seit 1999 findet ein historisches Rennen für klassische Fahrzeuge auf der Jochpassstraße statt. Im Vergleich zu Oberstdorf geht es hier ruhiger zu, mit weniger Bahnen und weniger Nachtleben, dafür mit mehr Handwerk und Schutzgebiet. Hindelang gehört wie Oberstdorf zum Landkreis Oberallgäu, liegt aber im Ostrachtal und damit in einem anderen Talsystem. Der Zusatz Bad im Namen ist erst seit 2002 offiziell, hinter ihm steht ein Titel, der auf das Jahr 1900 zurückgeht.