Ein Mädchen heißt im Oberallgäu Feel, der Kopf heißt Grind, und der Almabtrieb trägt je nach Tal drei verschiedene Namen. Das klingt nach einem einzigen Allgäuer Dialekt mit ein paar hübschen Eigenheiten. Tatsächlich handelt es sich um ein Bündel von Mundarten, die an einer Sprachgrenze aufeinandertreffen. Diese Grenze trennt das Alemannische vom Schwäbischen und verläuft mitten durch die Region, nicht an ihrem Rand. Der Satz, im Allgäu werde Schwäbisch gesprochen, trifft für Kempten und das Unterallgäu eher zu als für Oberstdorf. Umgekehrt klingt die Mundart südlich von Immenstadt für Ohren aus Stuttgart oder Ulm fremd, obwohl das Oberallgäu zum selben bayerischen Regierungsbezirk Schwaben gehört wie Augsburg. Genau darin liegt die Quelle vieler Missverständnisse: Ein Verwaltungsname wie Schwaben oder ein Landschaftsname wie Allgäu sagt wenig darüber, wie Menschen vor Ort tatsächlich sprechen. Die Sprachwissenschaft zieht ihre Linien nach Lauten, Wortformen und Wortschatz, und diese Linien kümmern sich weder um Landkreisgrenzen noch um das Landesgrenzschild zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Soll herausgefunden werden, wie sich ein Oberstdorfer von einem Kemptener unterscheidet, bleibt nur der Weg über einzelne Wörter und Laute. Die lange Reihe von Beispielen reicht vom Wort für Mädchen bis zum Wort für stur, und jedes davon markiert auf seine Art eine kleine Grenze.
Woher die Annahme vom einen Dialekt kommt
Dass ein einheitlicher Allgäuer Dialekt vermutet wird, hat mehrere Gründe. Der Name Allgäu bezeichnet eine Landschaft, die weder an einem Landkreis noch an einem Bundesland endet. Die Landschaft reicht vom Oberallgäu über Kempten und das Ostallgäu bis in den Westen nach Wangen und Isny, die zu Baden-Württemberg gehören. Das Vertrauen auf den Namen weckt die Erwartung an eine Sprache, die so groß ist wie die Landschaft selbst. Hinzu kommt der Blick von außen. Für Hörer aus Norddeutschland klingt alles zwischen Bodensee und Lech nach Süden, und aus dieser Entfernung verschwimmen Unterschiede, die vor Ort sofort auffallen.
Auch die Sprachgeschichte trägt zur Verwirrung bei. Das Schwäbische gilt in der Sprachwissenschaft als enger Verwandter des Alemannischen, beide stammen aus derselben Dialektgruppe. Die Unterschiede liegen in Einzelheiten, doch genau diese Einzelheiten markieren eine Grenze, die von Ort zu Ort verschieden verlaufen kann. Das Alemannische südlich von Immenstadt und im Westallgäu bis Wangen und Isny wird als Niederalemannisch eingeordnet. Der Norden des Oberallgäus mit Kempten, das Unterallgäu mit Memmingen und das Ostallgäu mit Kaufbeuren werden von vielen Sprachforschern dem Schwäbischen zugerechnet. Mundartlisten führen diese Gegenden dennoch häufig unter dem Sammelnamen Allgäuerisch, weshalb die Zuordnung je nach Lehrmeinung verschieden ausfällt.
Was einzelne Wörter über die Herkunft verraten
| Hochdeutsch | Oberallgäu | Ostallgäu | Westallgäu |
|---|---|---|---|
| Almabtrieb | Viehscheid | Alpabtrieb | Fehrschoid |
| Mädchen | Feel | Feel | Schputl oder Feel |
| Junge | Büe | Bue | Bue |
| Kopf | Grind | Grend | Grind |
| Jungrind | ledigs Väe | Schumpe | Schump |
| Kamm | Schträäl | Schträäl | Schrääla |
| stur | gschterrgrindig | gschterrgrendeg | oigagrindig |
| immer | allat | allat | allat oder allbot |
Am deutlichsten werden die Unterschiede an Wörtern des täglichen Lebens, wie die Gegenüberstellung der drei Mundartgebiete zeigt. Die Schreibweise schwankt, weil Mundart keine feste Rechtschreibung besitzt. Die Tabelle gibt daher Lautungen wieder, nicht amtliche Formen.
Auffällig ist, wie stark sich ein und dasselbe Fest in der Benennung aufspaltet. Der Viehscheid im Oberallgäu, der Alpabtrieb im Osten und der Fehrschoid im Westen beschreiben dasselbe Ereignis, nämlich die Rückkehr des Almviehs ins Tal. Wie dieses Ereignis abläuft, lässt sich im Text zum Viehscheid nachlesen. Sprachlich spannend ist außerdem das Wort Grind für den Kopf: Es steckt auch in gschterrgrindig, dem sturen Menschen, und in oigagrindig, dem eigensinnigen. Mundartwörter bilden also Familien, die in jedem Gebiet leicht anders ausfallen. Beim Jungrind trennen sich die Gebiete am weitesten, denn ledigs Väe im Oberallgäu und Schump im Westen haben außer der Bedeutung kaum etwas gemeinsam. Ein Wort aus dem Süden, in Kempten benutzt, wird dort verstanden und erntet trotzdem gelegentlich ein Schmunzeln. Wörter wandern zwar mit den Menschen, behalten aber ihre Lautung, und genau daran lässt sich ihre Herkunft ablesen. Auch Kinderwörter folgen dem Muster: Der Junge heißt im Oberallgäu Büe mit Umlaut, in den anderen beiden Regionen Bue ohne Umlaut, und ein einziger Laut genügt, um die Gegend zu erkennen. Dazu kommt die Betonung, die zwischen Tal und Tal wechselt und sich in keiner Tabelle abbilden lässt.
Der Hörtest mit drei Wörtern
Für Sprachforscher ist die bekannteste Trennlinie des Allgäus nach einem Wort benannt: die Wiib-Weib-Linie. Die Linie unterscheidet, ob das Wort Weib in der Mundart ähnlich wie Wiib mit langem i klingt oder mit dem Zwielaut wie im Schriftdeutschen. Südlich der Linie, im alemannischen Teil, bleibt das alte lange i erhalten, nördlich davon setzt sich der Zwielaut durch. Die Linie verläuft ungefähr über Wangen, Isny und Weitnau. Zwei weitere Wörter ergänzen den Test. Im Argental heißt das Haus Hus mit langem u, und jemand, der zur Beichte geht, geht bichta. Nördlich der Linie lauten die Formen Haus und Beichten, also so, wie sie auch das Schriftdeutsche kennt. Drei Wörter genügen also, um eine Mundart grob zu verorten: Weib, Haus, beichten. Die Entfernungen sind dabei überschaubar. Zwischen Oberstdorf und Kempten liegen nur etwa 70 Straßenkilometer, und trotzdem lässt sich auf dieser Strecke ein Wechsel der Lautung hören. Die Grenze ist dabei kein scharfer Strich, sondern ein Übergangsstreifen, in dem Sprecher beide Formen kennen und je nach Gesprächspartner wechseln. Ein Dorf nahe der Linie kann deshalb Wörter aus beiden Welten verwenden, was Mundartforscher beim Sammeln regelmäßig vor Rätsel stellt.
Wo der Kern der Annahme stimmt
Ganz falsch liegt die Vorstellung vom einen Allgäuer Dialekt nicht, denn es gibt Gemeinsamkeiten, die über die Grenzlinien hinweg bestehen. Die Landschaft prägt den Wortschatz, und wo Alpwirtschaft, Vieh und Käse zum Leben gehören, tragen die Wörter dafür in vielen Tälern verwandte Wurzeln, auch wenn die Lautung wechselt. Dazu kommt, dass Dialektsprecher aus dem Allgäu einander meist problemlos verstehen, selbst wenn einzelne Wörter fremd klingen. Die Unterschiede wirken deshalb eher wie Färbungen innerhalb einer Sprachfamilie als wie Sprachbarrieren, und genau das macht den Sammelnamen Allgäuerisch im täglichen Sprachgebrauch brauchbar, auch wenn er für die Forschung zu grob bleibt. Vier Beobachtungen belegen die Gemeinsamkeiten:
- Das Wort allat für immer kommt in allen drei Mundartregionen vor.
- Die Wurzel Grind steckt in den Mundartwörtern für Sturheit im Oberallgäu, im Ostallgäu und im Westallgäu gleichermaßen.
- Fast jede Gemeinde besitzt Wörter, die schon im Nachbardorf anders lauten und sich deshalb als Ortszeichen eignen.
- Kinderwörter wie Büe und Bue unterscheiden sich häufig nur in einem einzigen Laut.
Auch die Mundart selbst verändert sich, ohne dass ein Beschluss dahintersteht. Wörter für Dinge, die aus dem täglichen Leben verschwinden, gehen mit ihnen verloren, während neue Wörter aus dem Hochdeutschen nachrücken. Viele Kinder wachsen heute mit Hochdeutsch auf, und Heimatpfleger warnen, aus dem Dialekt könne eine Museumssprache werden, wenn niemand ihn im täglichen Gespräch weitergibt. Das macht das Sammeln der Wörter dringlicher, als ein Wortvergleich zunächst vermuten lässt, und erklärt, warum Mundartwörterbücher einzelner Orte, etwa zur Oberstdorfer Mundart, ihren Wert behalten. In solchen Bänden stehen keine Rechtschreibregeln, sondern gesammelte Lautungen, die nirgendwo sonst festgehalten sind.