Die Breitachklamm bei Oberstdorf ist eine Felsschlucht von rund 2,5 Kilometern Länge, deren Wände etwa 150 Meter in die Tiefe reichen, und sie gilt als eine der tiefsten Felsschluchten Mitteleuropas. Der Rundweg dauert rund anderthalb Stunden, führt über Stege, durch Tunnel und an Wasserfällen vorbei und beginnt entweder am unteren Eingang bei Tiefenbach oder am oberen an der Walserschanz. Im Winter hängen Eisvorhänge und Eiszapfen von den Wänden, die weit über Kopfhöhe reichen, und im Sommer bleibt es zwischen den Wänden deutlich kühler als im Tal.
So eindrucksvoll die Szenerie wirkt, so jung ist die Geschichte ihrer Erschließung. Noch vor gut hundert Jahren war die Schlucht für Besucher unzugänglich, erst 1905 öffnete sie sich für den Fremdenverkehr. Heute ist sie eines der bekanntesten Naturdenkmäler im Oberallgäu und ein Ziel, das sich bei jedem Wetter lohnt, bei Regen sogar noch eindrucksvoller, weil das Wasser dann lauter und kräftiger tost. Hinter dem Bild aus Fels, Gischt und Licht steckt eine lange Erdgeschichte, eine überschaubare Rechnung und der Einsatz einiger Männer, die am Anfang des 20. Jahrhunderts daran glaubten, aus einem unzugänglichen Einschnitt einen Besucherweg zu machen.
Wie die Breitach den Fels durchschnitt
Die Klamm gehört zu den jüngsten Landschaftsformen der Allgäuer Alpen. Während der Würm-Eiszeit schoben sich mächtige Gletscher durch die Täler und trugen dabei weiches Gestein ab, doch der harte Fels blieb stehen. Als die Gletscher vor rund 10.000 Jahren abschmolzen, suchte sich die Breitach ihren Weg durch genau diese verbliebene Barriere. Das Wasser fraß sich Stück für Stück in den Fels, erst als schmale Rinne, dann als tiefer Einschnitt, und es tut das bis heute.
In der Schneeschmelze und nach starken Regenfällen führt die Breitach viel Wasser, und dann wirken die Kräfte am stärksten: Das Geröll, das der Fluss mit sich trägt, schleift die Wände glatt, rundet Kanten ab und vertieft das Bett. Auf den Stegen lässt sich das an den glatt geschliffenen Wänden und an den Kolken ablesen, jenen runden Becken, in denen das Wasser wirbelt. Die Schlucht ist deshalb nie fertig. Jedes Hochwasser verändert sie ein kleines Stück, und gelegentlich lösen sich auch größere Felspartien. Ein Fluss, der sich in hartes Gestein einarbeitet, braucht Gefälle, Wassermenge und Geröll als Schleifmittel, und alle drei sind hier in reichem Maß vorhanden.
Eine Rechnung zur Geschwindigkeit der Erosion
- Die Wände der Klamm sind etwa 150 Meter tief.
- Seit dem Rückzug der Gletscher sind rund 10.000 Jahre vergangen.
- 150 Meter geteilt durch 10.000 Jahre ergeben 0,015 Meter je Jahr.
- Das entspricht im Mittel etwa 1,5 Zentimetern pro Jahr, also rund 15 Zentimetern in zehn Jahren und gut anderthalb Metern in einem Jahrhundert.
Der Wert von anderthalb Zentimetern im Jahr klingt winzig, zeigt aber, wie schnell Wasser Fels bewegen kann, wenn es genug Zeit bekommt. Ein Gang durch die Klamm führt im Grunde durch eine Zeitreihe von vielen tausend Jahren. Über ein Jahrhundert hinweg ergibt sich so ein Abtrag, den kein Besucher mit bloßem Auge bemerkt, über Jahrtausende dagegen eine Schlucht. Dabei ist der Durchschnitt nur ein Rechenwert. In Wirklichkeit arbeitet sich das Wasser in Schüben voran: Ruhige Jahre ohne messbare Veränderung wechseln mit Ereignissen, bei denen eine Hochwasserwelle oder ein Felssturz binnen weniger Stunden mehr bewegt als sonst in Jahrzehnten.
Die Rechnung erklärt auch, warum die Schlucht so schmal geblieben ist. Das Wasser hat sich fast ausschließlich nach unten gearbeitet und kaum zur Seite. Das harte Gestein der Wände gibt nur langsam nach, das Bett dagegen wird vom Geröll ständig weiter ausgeschliffen. So entstanden die engen, senkrechten Wände, zwischen denen der Weg meist nur wenige Meter breit ist. Der Weg führt deshalb über Stege, die an der Wand befestigt sind, mit Blick auf der einen Seite in die Tiefe und auf der anderen an den Felsen hinauf, während das Rauschen jede Unterhaltung übertönt.
Zu welcher Jahreszeit die Klamm sich lohnt
Die Klamm lässt sich zu jeder Jahreszeit begehen, aber jede Jahreszeit zeigt eine andere Seite. Im Sommer ist die Schlucht mit ihrer Kühle ein angenehmes Ziel an heißen Tagen, im Herbst färbt sich das Laub an den Rändern, im Winter wirken die Eisformationen wie Skulpturen. Feste Schuhe sind in jedem Fall nötig, weil die Stege nass und glatt sind. Tropfwasser von den Wänden macht eine leichte Jacke auch im Hochsommer sinnvoll. Kinder profitieren von festem Schuhwerk und einer Hand zum Festhalten, und wer mit Kinderwagen unterwegs ist, sollte vorab nachfragen, ob der Weg dafür passt. Die Tunnel sind kurz, aber niedrig und feucht, was bei der Wahl der Kleidung bedacht werden will.
- Sommer: Das Wasser kühlt die Luft in der Schlucht spürbar ab, die Wände spenden Schatten.
- Regenwetter: Mehr Wasser macht die Klamm lauter und eindrucksvoller, die Stege sind jedoch feucht und rutschig.
- Winter: Eiszapfen, Eisvorhänge und erstarrte Wasserfälle prägen das Bild.
- Zwei Eingänge: Tiefenbach unten, Walserschanz oben, beide lassen sich von Oberstdorf aus erreichen.
- Öffnungszeiten und Eintritt ändern sich, deshalb vorher beim Betreiber nachsehen.
Gegen Menschenmengen helfen die frühen Morgenstunden oder ein Tag mit wechselhaftem Wetter. Eine ruhigere Ergänzung ist der Rundweg am Engenkopf, der etwa 3,7 Kilometer lang ist, rund 190 Höhenmeter überwindet und in etwa zwei Stunden zu schaffen ist. Er führt an der Klamm vorbei und lässt sich mit dem Besuch der Schlucht zu einem ganzen Tagesausflug verbinden. Öffnungszeiten und Eintrittspreise ändern sich, deshalb gehört ein Blick auf die Seite des Betreibers zur Planung.
Von der ersten Sprengung bis zum Felssturz
Die Erschließung der Breitachklamm ist eng mit einem Namen verbunden: Pfarrer Johannes Schiebel aus Tiefenbach trieb das Projekt zu Beginn des 20. Jahrhunderts voran. Er unterstützte die Gründung des Breitachklammvereins, 1904 folgte die erste Sprengung, und am 4. Juli 1905 wurde die Klamm für Besucher geöffnet. Der Andrang war enorm: 1922 zählte die Schlucht bereits über 100.000 Besucher in einem Jahr. Für eine Schlucht mit schmalen Stegen war das eine große Herausforderung, denn der Weg musste sicher gebaut und regelmäßig gewartet werden.
Ein Einschnitt in der Geschichte war der Felssturz im September 1995. Gestein riegelte die Schlucht ab und staute die Breitach, bis das Wasser im März 1996 den Damm durchbrach. Die Schäden lagen bei rund 300.000 DM, die Anlagen wurden wieder aufgebaut. Aus den Erfahrungen der Folgejahre entstand eine moderne Anlage. Ein neues Eingangsgebäude bei Tiefenbach öffnete 2004, ein Jahr später folgte die Bergschau am Eingang. Das Beispiel von 1995 zeigt, dass der Fels auch heute nicht ruht und die Klamm ein lebendiger Ort bleibt, an dem Wasser und Stein weiter ihre Arbeit tun, ob die Stege gerade geöffnet sind oder nicht. Von der Erdgeschichte im Fels bis zur Besucherzahl von 1922 reicht der Bogen, den ein einziger Gang durch die Schlucht umspannt.