Wandern rund um Oberstdorf im Vergleich

Beim Wandern rund um Oberstdorf stehen zwei Arten von Touren zur Auswahl: flache Talwanderungen, die sich in einem Tag ohne große Anstrengung gehen lassen, und Touren mit deutlichem Aufstieg, bei denen die Höhenmeter über die Dauer entscheiden. Über 200 Kilometer Wander und Radwege verteilen sich auf drei Höhenlagen, vom Talboden bis zu den Graten. Dieser Vergleich stellt fünf Touren gegenüber, die sich anhand von Zahlen einordnen lassen, und zeigt, welche Strecke zu welchem Tag passt.

Der Unterschied liegt häufig nicht in der Länge, sondern im Tempo, das die Strecke zulässt. Ein ebener Talweg erlaubt ein Gehtempo von drei Kilometern pro Stunde, ein steiler Pfad fällt auf deutlich weniger. Die Tabelle weiter unten macht das erkennbar: Die Tour mit den meisten Kilometern ist nicht die mit der steilsten Steigung, und die kürzeste Strecke ist nicht die schnellste. Wanderzeiten in Führern gelten für gesunde, trittsichere Gäste mit leichtem Gepäck und lassen sich durch Pausen, Fotostopps, Einkehr und Rast am Gipfel leicht verdoppeln, vor allem an schönen Tagen. Für die Planung zählt deshalb eine Reserve, vor allem mit Kindern im Gepäck oder bei wechselhaftem Wetter.

Talwanderungen im Trettachtal und im Oytal

Das Trettachtal führt über rund 15 Kilometer und etwa 233 Höhenmeter in rund fünf Stunden durch eine leicht begehbare Landschaft. Unterwegs liegen Einkehrstationen, und als Ziel gilt der Christlessee. Die Tour passt zu Familien und zu allen, die einen Tag ohne Gipfelanstieg wünschen. Der gleichmäßige Anstieg erlaubt es, das Tempo konstant zu halten und die Kräfte einzuteilen, und die Länge von 15 Kilometern ist mit der Gehzeit von fünf Stunden gut zu schaffen. Dafür braucht es allerdings Ausdauer, denn die Strecke zieht sich, und die Rückkehr mit Bus oder zu Fuß gehört zur Tagesplanung.

Das Oytal ist ein Seitental mit Wald und Felswänden. Eine Wanderung von rund 10 Kilometern Länge und etwa 230 Höhenmetern ist in rund dreieinhalb Stunden zu schaffen, und der Weg ist das ganze Jahr über begehbar. Für mehr Strecke lässt sich die Tour zum Stuibenfall oder in Richtung Höfats verlängern. Beide Täler haben ein Merkmal gemeinsam, das Familien schätzen: Die Steigung bleibt gleichmäßig, und auch Kinder und ungeübte Wanderer kommen gut voran. Die Höhenunterschiede von 233 und 230 Metern liegen fast gleichauf, doch das Oytal ist um ein Drittel kürzer und fordert damit mehr Steigung je Kilometer.

Aufstiege zum Gaisalpsee und zum Fellhorngrat

Zum Unteren Gaisalpsee geht es von Reichenbach aus bergauf. Die Tour ist mit 8,6 Kilometern deutlich kürzer als das Trettachtal, dafür liegen 660 Höhenmeter vor den Wandernden, und die Tour gilt als mittelschwer. Die Gehzeit beträgt rund vier Stunden, und feste Schuhe sowie Trittsicherheit gehören zur Ausrüstung. Der See am Ende des Aufstiegs belohnt die Mühe mit einem Blick in die Allgäuer Bergwelt und lädt zur Rast ein, bevor der Abstieg beginnt. Der Weg zurück nach Reichenbach verlangt noch einmal Aufmerksamkeit, weil müde Beine auf steilen Passagen schneller ausrutschen.

Der Fellhorngrat verläuft über rund 6 Kilometer, in etwa drei Stunden, an der Grenze zwischen Bayern und Vorarlberg. Rund 700 Höhenmeter sind zu bewältigen, ein Wert, der sich mit einer Bahnfahrt zum Ausgangspunkt verringern lässt. Am Engenkopf führt ein Rundweg von rund 3,7 Kilometern bei der Breitachklamm vorbei. Zwei Stunden Gehzeit für 3,7 Kilometer bedeuten ein Tempo von weniger als zwei Kilometern pro Stunde, denn 189 Höhenmeter und ein feuchter Boden bremsen den Schritt. Mit festen Schuhen gelingt die Runde trotzdem gut, und der Weg führt abseits der stark besuchten Route durch die Klamm.

Strecke, Dauer und Höhenmeter im Vergleich

TourStreckeGehzeitHöhenmeter
Trettachtal15 km5 Stunden233 m
Oytal10 km3,5 Stunden230 m
Unterer Gaisalpsee8,6 km4 Stunden660 m
Fellhorngrat6 km3 Stunden700 m
Engenkopf bei der Breitachklamm3,7 km2 Stunden189 m

Aus den Zahlen ergibt sich ein Tempoprofil. Im Trettachtal liegt das Mittel bei 3,0 Kilometern pro Stunde, im Oytal bei knapp 2,9. Am Gaisalpsee sinkt es auf etwa 2,15, am Fellhorngrat auf 2,0 und am Engenkopf auf rund 1,85 Kilometer pro Stunde. Die Höhenmeter prägen die Dauer also stärker als die Länge. Der Gaisalpsee ist rund 40 Prozent kürzer als das Trettachtal, dauert aber nur eine Stunde weniger, weil 660 Höhenmeter dazukommen. Noch deutlicher wird der Effekt am Fellhorngrat: Er ist nur 6 Kilometer lang und dauert dennoch drei Stunden, 40 Prozent weniger Zeit als das Trettachtal bei 60 Prozent weniger Strecke. Beim Vergleich von Höhenmetern und Kilometern zeigt sich, warum kurze Touren anstrengender sein können als lange. Am Fellhorngrat kommen auf einen Kilometer rund 117 Höhenmeter, im Trettachtal nur gut 15.

Für eigene Planungen taugt eine Faustregel: Auf ebenem Gelände etwa drei Kilometer je Stunde rechnen und für jede hundert Höhenmeter einen Zuschlag einplanen, der Rest ergibt sich aus Pausen. Diese Werte sind Richtgrößen, die vom Wetter, vom Gepäck und vom Tempo der Gruppe abhängen. Die Tabelle dient als Maßstab für den ersten Tag, und nach der ersten Tour zeigt sich schnell, ob die eigene Geschwindigkeit darüber oder darunter liegt.

Welche Tour zu welchem Tag passt

  • Familie mit Kindern: Trettachtal oder Oytal, gleichmäßige Steigung, Einkehr unterwegs
  • Kurze Zeit am Nachmittag: Engenkopf bei der Breitachklamm, zwei Stunden, gutes Schuhwerk nötig
  • Wenig Gepäck, viel Natur: Oytal, ganzjährig begehbar, mit Verlängerung zum Stuibenfall
  • Kondition und Trittsicherheit vorhanden: Gaisalpsee ab Reichenbach
  • Gipfelblick mit Grenzlage: Fellhorngrat zwischen Bayern und Vorarlberg

Die Auswahl hängt am Ende von drei Dingen ab: der verfügbaren Zeit, dem Wetter und der eigenen Kondition. Bei unsicherem Wetter sind die Talwege die bessere Wahl, weil sie sich bei Regen abkürzen lassen. Bei stabilem Hochdruck lohnt sich der Aufstieg zum Grat, und im Herbst sind die ruhigeren Wege am Engenkopf oder im Oytal eine gute Alternative. Bei einem Aufenthalt von mehreren Tagen passt eine Talwanderung zum Einlaufen, am zweiten Tag folgt ein Aufstieg. Regenjacke, Wasser und ein Blick auf den Wetterbericht gehören unabhängig von der Strecke in jeden Rucksack, denn das Wetter am Alpenrand wechselt schnell und kann einen sonnigen Morgen in einen nassen Nachmittag verwandeln. Auf höheren Touren kommt eine warme Schicht dazu, weil es am Grat auch im Sommer kühl und windig sein kann. Bei Unsicherheit empfiehlt es sich, die Tour abzukürzen, statt ein Gewitter oder einen Wetterumschwung zu riskieren, und früh umzukehren. Eine Tagestour sollte so geplant sein, dass die Rückkehr vor Einbruch der Dämmerung gelingt, auch wenn Pausen länger dauern als gedacht. Für die Rückfahrt zum Ausgangsort lohnt ein Blick in den Fahrplan der Busse, damit der Tag nicht an der Haltestelle endet.

Oberstdorf als südlichstes Reiseziel Deutschlands

Oberstdorf liegt als südlichste Gemeinde Deutschlands auf 815 Metern Höhe im Oberallgäu und hat etwas mehr als 9.000 Einwohner, bringt aber eine Fläche von fast 230 Quadratkilometern mit. Auf jeden Einwohner kommen damit rechnerisch rund zweieinhalb Hektar, und der größte Teil davon besteht aus Bergwald, Almen und Gipfeln. Es leben also nur etwa 40 Menschen auf einem Quadratkilometer, und die Dichte liegt weit unter der eines Stadtgebiets. Der Ort ist von sieben Tälern umgeben, darunter Trettachtal, Stillachtal und Oytal, und hat sich aus einem Bauerndorf zu einem Urlaubsziel mit Bahnen, Sprungschanzen und Kuranlagen entwickelt.

Ob Oberstdorf das richtige Reiseziel ist, hängt weniger von Prospekten als von drei Fragen ab: Wie viel Höhe soll es sein, welche Jahreszeit steht an und wie viel Betrieb darf der Ort haben. Die Größe der Gemeinde sorgt dafür, dass sich Gäste verteilen, denn zwischen dem Ortskern und den Gipfeln liegen Wälder, Täler und Almen, in denen sich der Betrieb deutlich beruhigt. Die Zahlen zu Lage, Bergen, Klima und Geschichte, die auf den folgenden Zeilen stehen, helfen dabei, die Reise nach den eigenen Vorlieben zu planen und Erwartungen an Wetter, Strecken und Höhenmeter zu prüfen.

Lage, Größe und Geschichte des Ortes

Der Ort wurde im Jahr 1141 erstmals erwähnt, 1495 erhielt er von König Maximilian das Marktrecht. Schon 1518 wurde in Tiefenbach eine Schwefelquelle als Bad genutzt, ein früher Vorläufer des heutigen Kurbetriebs. Zur Gemeinde gehören neben dem Hauptort die Ortsteile Kornau, Reichenbach, Rubi, Schöllang und Tiefenbach, die ihren dörflichen Charakter zwischen Wiesen und Wald bewahrt haben, und jeder von ihnen hat eigene Wege, Wiesen und Hofstellen. Aus fast 900 Jahren Ortsgeschichte ist ein Gemeinwesen entstanden, das Landwirtschaft, Kur und Wintersport miteinander verbindet.

Zum Aufenthalt vor Ort passt, dass das Zentrum weitgehend autofrei ist und sich zu Fuß erkunden lässt. Von München sind es rund 169 Kilometer, die Anreise führt größtenteils über die Autobahn. Der südlichste Punkt des deutschen Staatsgebiets liegt in der Nähe, rund 17 Kilometer südwestlich am Haldenwanger Eck. Für Gäste ohne eigenes Auto bleibt vieles in Reichweite, weil die Bahnen und Talwanderwege im Ort selbst beginnen und weitere Ziele mit Bussen erreichbar sind. Das erleichtert vor allem Familien und Gruppen die Planung, denn Parkplatzsuche und Fahrten entfallen weitgehend. Auch die Entfernung zu den Ortsteilen ist gering, sodass sich ein Tag ohne Auto gut gestalten lässt. Zurück im Ortskern, finden Gäste dort Cafés, Geschäfte und Wirtshäuser mit regionaler Küche, die den Tag abrunden.

Berge und Bahnen als Maßstab für die Höhe

Drei Bahnen bringen Gäste in die Höhe: die Nebelhornbahn, die Fellhornbahn und die Söllereckbahn. Die Nebelhornbahn führt zum Gipfel auf 2.224 Metern, die Fellhornbahn erreicht mit dem Fellhorn 2.038 Meter. Die Gipfel der Umgebung zeigen, wie stark das Gelände ansteigt. Gemessen an der Höhe des Ortes von 815 Metern ergeben sich folgende Unterschiede. Die Rechnung ist einfach, denn von der Gipfelhöhe wird die Ortshöhe abgezogen, und sie zeigt, wie viel Höhe zwischen Ortskern und Gipfelkreuz liegt. Beim Wandern entsprechen tausend Höhenmeter einem mehrstündigen Aufstieg, und die Bahnen ersparen den größten Teil davon, ohne dass die Aussicht darunter leidet.

GipfelHöheUnterschied zum Ort
Fellhorn2.038 m1.223 m
Nebelhorn2.224 m1.409 m
Höfats2.259 m1.444 m
Trettachspitze2.595 m1.780 m
Mädelegabel2.645 m1.830 m
Großer Krottenkopf2.656 m1.841 m

Der Große Krottenkopf ist der höchste Berg der Allgäuer Alpen, doch auch das Nebelhorn und das Fellhorn überragen den Ort um mehr als tausend Meter. Für die Reiseplanung folgt daraus eine einfache Faustregel: Gäste, die Höhenmeter scheuen, nutzen eine Bahn und starten dort oben, Bewegungsfreudige gehen von Oberstdorf aus talaufwärts. Das Wegenetz von mehr als 200 Kilometern reicht vom Talboden bis in die Gipfelregion. Beide Bahnen fahren je nach Saison nur zu bestimmten Zeiten, weshalb ein Blick auf den Fahrplan vor dem Ausflug zur Planung gehört.

Winter, Eis und Skisprung

Im Winter zeigt der Ort seine sportliche Seite. Auf der Schattenbergschanze findet der Auftakt der Vierschanzentournee statt, und die Heini-Klopfer-Skiflugschanze, rund sieben Kilometer südlich gelegen, zählt zu den größten Skiflugschanzen der Welt. Oberstdorf war Schauplatz der Nordischen Ski-Weltmeisterschaften 1987, 2005 und 2021. Auch die Nebelhorn Trophy, ein internationaler Eiskunstlauf-Wettbewerb, trägt den Namen des Hausbergs.

Die Schanzen prägen das Ortsbild und den Veranstaltungskalender. Zum Jahreswechsel richtet sich der Blick von Skisprungfans auf den Auftakt der Vierschanzentournee, die ihren Namen den vier Austragungsorten verdankt, und die Weltmeisterschaften brachten Wettkämpfe in Langlauf, Skispringen und Nordischer Kombination in den Ort. Für Urlauber ohne Wettkampfambitionen bleiben die Skigebiete an den Bergen rund um den Ort, dazu Winterwanderwege und Loipen. Das Klima trägt dazu bei: Etwa 113 Tage im Jahr liegt Schnee, das entspricht knapp einem Drittel des Jahres, denn 113 geteilt durch 365 ergibt gut 31 Prozent. Für Schneesicherheit passt der Zeitraum zwischen Dezember und Februar, und eine frühe Buchung lohnt sich, weil die Wettkämpfe am Jahresende und die Ferientermine viele Gäste in den Ort bringen. Die Schanzenanlagen sind auch außerhalb der Wettkämpfe ein Ausflugsziel, denn von den Zuschauerrängen aus lässt sich nachvollziehen, welche Weiten die Springer erreichen.

Jahreszeit und Klima als Entscheidungshilfe

Das Klima macht Oberstdorf zu einem niederschlagsreichen Ort. Am Stationswert in 806 Metern Höhe fallen im Jahresschnitt rund 1.669 Millimeter Niederschlag, und die Jahresmitteltemperatur liegt bei 7,0 Grad. Die Alpen stauen die feuchten Luftmassen aus Nordwest, deshalb regnet und schneit es am Alpenrand deutlich mehr als im Flachland, und der Wasserreichtum zeigt sich an Bächen, Wasserfällen und der Breitach. Für den Urlaub heißt das, ein Ausweichprogramm einzuplanen: Die Breitachklamm wirkt bei viel Wasser eindrucksvoller, und Talwanderungen bleiben auch bei bedecktem Himmel reizvoll.

  • Sommer: Wandern in drei Höhenlagen, kühle Schluchten wie die Breitachklamm
  • Herbst: Viehscheid in Schöllang, weite Fernsicht, ruhigere Wege
  • Winter: Skifahren, Langlauf, Winterwandern, Skisprungwettbewerbe
  • Frühling: Schneeschmelze, höhere Lagen noch lange schneebedeckt
  • Ohne Auto: Zentrum und Talwanderwege lassen sich zu Fuß und mit dem Bus nutzen

Die Reisezeit entscheidet über das Programm. Der Sommer eignet sich für Gipfeltouren und lange Talwanderungen, der Herbst bringt Almabtriebe und stabile Sichtverhältnisse, der Winter Schnee und Sport. Mit 7,0 Grad Jahresmittel liegt der Ort deutlich kühler als das Tiefland, und die Schneefallgrenze reicht im Winter regelmäßig bis in den Talboden. Im Frühjahr liegt in den Höhenlagen noch Schnee, während im Talboden schon Wanderwege freiwerden. Bei freier Wahl empfiehlt sich für die Hauptsaison eine frühe Planung, für ruhigere Tage der Wechsel auf den Herbst oder das späte Frühjahr. Auf diese Weise bleibt der südlichste Ort Deutschlands ein Ziel, das sich in jeder Jahreszeit anders zeigt.

Die Breitachklamm bei Oberstdorf

Die Breitachklamm bei Oberstdorf ist eine Felsschlucht von rund 2,5 Kilometern Länge, deren Wände etwa 150 Meter in die Tiefe reichen, und sie gilt als eine der tiefsten Felsschluchten Mitteleuropas. Der Rundweg dauert rund anderthalb Stunden, führt über Stege, durch Tunnel und an Wasserfällen vorbei und beginnt entweder am unteren Eingang bei Tiefenbach oder am oberen an der Walserschanz. Im Winter hängen Eisvorhänge und Eiszapfen von den Wänden, die weit über Kopfhöhe reichen, und im Sommer bleibt es zwischen den Wänden deutlich kühler als im Tal.

So eindrucksvoll die Szenerie wirkt, so jung ist die Geschichte ihrer Erschließung. Noch vor gut hundert Jahren war die Schlucht für Besucher unzugänglich, erst 1905 öffnete sie sich für den Fremdenverkehr. Heute ist sie eines der bekanntesten Naturdenkmäler im Oberallgäu und ein Ziel, das sich bei jedem Wetter lohnt, bei Regen sogar noch eindrucksvoller, weil das Wasser dann lauter und kräftiger tost. Hinter dem Bild aus Fels, Gischt und Licht steckt eine lange Erdgeschichte, eine überschaubare Rechnung und der Einsatz einiger Männer, die am Anfang des 20. Jahrhunderts daran glaubten, aus einem unzugänglichen Einschnitt einen Besucherweg zu machen.

Wie die Breitach den Fels durchschnitt

Die Klamm gehört zu den jüngsten Landschaftsformen der Allgäuer Alpen. Während der Würm-Eiszeit schoben sich mächtige Gletscher durch die Täler und trugen dabei weiches Gestein ab, doch der harte Fels blieb stehen. Als die Gletscher vor rund 10.000 Jahren abschmolzen, suchte sich die Breitach ihren Weg durch genau diese verbliebene Barriere. Das Wasser fraß sich Stück für Stück in den Fels, erst als schmale Rinne, dann als tiefer Einschnitt, und es tut das bis heute.

In der Schneeschmelze und nach starken Regenfällen führt die Breitach viel Wasser, und dann wirken die Kräfte am stärksten: Das Geröll, das der Fluss mit sich trägt, schleift die Wände glatt, rundet Kanten ab und vertieft das Bett. Auf den Stegen lässt sich das an den glatt geschliffenen Wänden und an den Kolken ablesen, jenen runden Becken, in denen das Wasser wirbelt. Die Schlucht ist deshalb nie fertig. Jedes Hochwasser verändert sie ein kleines Stück, und gelegentlich lösen sich auch größere Felspartien. Ein Fluss, der sich in hartes Gestein einarbeitet, braucht Gefälle, Wassermenge und Geröll als Schleifmittel, und alle drei sind hier in reichem Maß vorhanden.

Eine Rechnung zur Geschwindigkeit der Erosion

  1. Die Wände der Klamm sind etwa 150 Meter tief.
  2. Seit dem Rückzug der Gletscher sind rund 10.000 Jahre vergangen.
  3. 150 Meter geteilt durch 10.000 Jahre ergeben 0,015 Meter je Jahr.
  4. Das entspricht im Mittel etwa 1,5 Zentimetern pro Jahr, also rund 15 Zentimetern in zehn Jahren und gut anderthalb Metern in einem Jahrhundert.

Der Wert von anderthalb Zentimetern im Jahr klingt winzig, zeigt aber, wie schnell Wasser Fels bewegen kann, wenn es genug Zeit bekommt. Ein Gang durch die Klamm führt im Grunde durch eine Zeitreihe von vielen tausend Jahren. Über ein Jahrhundert hinweg ergibt sich so ein Abtrag, den kein Besucher mit bloßem Auge bemerkt, über Jahrtausende dagegen eine Schlucht. Dabei ist der Durchschnitt nur ein Rechenwert. In Wirklichkeit arbeitet sich das Wasser in Schüben voran: Ruhige Jahre ohne messbare Veränderung wechseln mit Ereignissen, bei denen eine Hochwasserwelle oder ein Felssturz binnen weniger Stunden mehr bewegt als sonst in Jahrzehnten.

Die Rechnung erklärt auch, warum die Schlucht so schmal geblieben ist. Das Wasser hat sich fast ausschließlich nach unten gearbeitet und kaum zur Seite. Das harte Gestein der Wände gibt nur langsam nach, das Bett dagegen wird vom Geröll ständig weiter ausgeschliffen. So entstanden die engen, senkrechten Wände, zwischen denen der Weg meist nur wenige Meter breit ist. Der Weg führt deshalb über Stege, die an der Wand befestigt sind, mit Blick auf der einen Seite in die Tiefe und auf der anderen an den Felsen hinauf, während das Rauschen jede Unterhaltung übertönt.

Zu welcher Jahreszeit die Klamm sich lohnt

Die Klamm lässt sich zu jeder Jahreszeit begehen, aber jede Jahreszeit zeigt eine andere Seite. Im Sommer ist die Schlucht mit ihrer Kühle ein angenehmes Ziel an heißen Tagen, im Herbst färbt sich das Laub an den Rändern, im Winter wirken die Eisformationen wie Skulpturen. Feste Schuhe sind in jedem Fall nötig, weil die Stege nass und glatt sind. Tropfwasser von den Wänden macht eine leichte Jacke auch im Hochsommer sinnvoll. Kinder profitieren von festem Schuhwerk und einer Hand zum Festhalten, und wer mit Kinderwagen unterwegs ist, sollte vorab nachfragen, ob der Weg dafür passt. Die Tunnel sind kurz, aber niedrig und feucht, was bei der Wahl der Kleidung bedacht werden will.

  • Sommer: Das Wasser kühlt die Luft in der Schlucht spürbar ab, die Wände spenden Schatten.
  • Regenwetter: Mehr Wasser macht die Klamm lauter und eindrucksvoller, die Stege sind jedoch feucht und rutschig.
  • Winter: Eiszapfen, Eisvorhänge und erstarrte Wasserfälle prägen das Bild.
  • Zwei Eingänge: Tiefenbach unten, Walserschanz oben, beide lassen sich von Oberstdorf aus erreichen.
  • Öffnungszeiten und Eintritt ändern sich, deshalb vorher beim Betreiber nachsehen.

Gegen Menschenmengen helfen die frühen Morgenstunden oder ein Tag mit wechselhaftem Wetter. Eine ruhigere Ergänzung ist der Rundweg am Engenkopf, der etwa 3,7 Kilometer lang ist, rund 190 Höhenmeter überwindet und in etwa zwei Stunden zu schaffen ist. Er führt an der Klamm vorbei und lässt sich mit dem Besuch der Schlucht zu einem ganzen Tagesausflug verbinden. Öffnungszeiten und Eintrittspreise ändern sich, deshalb gehört ein Blick auf die Seite des Betreibers zur Planung.

Von der ersten Sprengung bis zum Felssturz

Die Erschließung der Breitachklamm ist eng mit einem Namen verbunden: Pfarrer Johannes Schiebel aus Tiefenbach trieb das Projekt zu Beginn des 20. Jahrhunderts voran. Er unterstützte die Gründung des Breitachklammvereins, 1904 folgte die erste Sprengung, und am 4. Juli 1905 wurde die Klamm für Besucher geöffnet. Der Andrang war enorm: 1922 zählte die Schlucht bereits über 100.000 Besucher in einem Jahr. Für eine Schlucht mit schmalen Stegen war das eine große Herausforderung, denn der Weg musste sicher gebaut und regelmäßig gewartet werden.

Ein Einschnitt in der Geschichte war der Felssturz im September 1995. Gestein riegelte die Schlucht ab und staute die Breitach, bis das Wasser im März 1996 den Damm durchbrach. Die Schäden lagen bei rund 300.000 DM, die Anlagen wurden wieder aufgebaut. Aus den Erfahrungen der Folgejahre entstand eine moderne Anlage. Ein neues Eingangsgebäude bei Tiefenbach öffnete 2004, ein Jahr später folgte die Bergschau am Eingang. Das Beispiel von 1995 zeigt, dass der Fels auch heute nicht ruht und die Klamm ein lebendiger Ort bleibt, an dem Wasser und Stein weiter ihre Arbeit tun, ob die Stege gerade geöffnet sind oder nicht. Von der Erdgeschichte im Fels bis zur Besucherzahl von 1922 reicht der Bogen, den ein einziger Gang durch die Schlucht umspannt.