Sagen unterscheiden sich von Märchen durch einen festen Ort. Eine Sage hängt an einem bestimmten Berg, an einem See oder einer Wiese, und die Erzählung erklärt, was die Menschen sich auf andere Weise nicht erklären konnten: warum ein Stein so daliegt, warum eine Alpe verödet ist oder woher ein Name kommt. Im Allgäu sind solche Geschichten über Generationen mündlich weitergegeben worden, und viele von ihnen haften bis heute an Gipfeln, Seen und Tälern, die Wanderer kennen.
Die bekanntesten Überlieferungen stammen aus den Bergen rund um Hochvogel, Grünten und Säuling, aus dem Hintersteiner Tal und aus dem Kleinwalsertal. Dort treten Berggeister, kleine Schatzsucher, Wilde Fräulein, ein Ungeheuer im See und der Teufel höchstpersönlich auf. Wichtig ist der Unterschied zwischen Überlieferung und Tatsache: Eine Sage berichtet nichts, was sich nachprüfen ließe, sie spiegelt Ängste, Hoffnungen und Sorgen des täglichen Lebens der Menschen, die sie erzählten. Aus diesem Grund lohnt es sich, die Orte zu kennen, an denen die Geschichten spielen, denn das Gelände liefert den Schlüssel zum Verständnis. Die folgenden Abschnitte erzählen die Überlieferungen in knapper Form und ordnen ein, was dahinterstecken könnte. Auf diese Weise bleibt erkennbar, was Überlieferung ist und was geologische oder geschichtliche Tatsache.
Wozu im Gebirge Sagen erzählt wurden
Menschen in den Bergen hingen von Dingen ab, die er nicht beeinflussen konnte: Wetter, Lawinen, Steinschlag, Futter und Wasser. Eine Sage ordnet diese Unsicherheit, indem sie dem Unerklärlichen eine Gestalt gibt. Ein Berggeist verursacht den Steinschlag, ein Fluch lässt die Weide verdorren, ein Teufel wirft Felsen ins Tal. Solche Bilder machen Naturereignisse erzählbar und damit weniger bedrohlich.
Zugleich dienten die Geschichten der Gemeinschaft. Die Erzählungen hielten fest, wo ein Platz als heikel galt, welches Verhalten als gutes Benehmen zählte und wem Hochmut oder Härte zum Verhängnis wurde. Die Allgäuer Überlieferungen zeigen dabei ein auffälliges Muster: Viele Figuren sind nicht durchweg böse. Die kleinen Schatzsucher am Grünten gelten als harmlos, die Wilden Fräulein als fleißig und hilfsbereit, und selbst der Teufel scheitert in der Sage meist an seinem eigenen Ungeschick. Diese Mischung aus Furcht und Humor erklärt, warum die Geschichten so lange lebendig geblieben sind. Erzählt wurde am Herd, auf der Alpe und beim Hüten erzählt, und jede Generation formte die Details ein wenig um. Das Ergebnis sind Varianten, die sich im Namen eines Berges, im Ausgang oder in der Zahl der Beteiligten unterscheiden und doch als dieselbe Geschichte erkennbar bleiben. Sammler haben später versucht, diese Fassungen festzuhalten, ohne ihnen den Reiz zu nehmen.
Sieben Schauplätze im Überblick
| Schauplatz | Gestalt oder Motiv | Was die Erzählung deutet |
|---|---|---|
| Hochvogel | Berggeist, ein Venedigermännle mit bösen Absichten | Bergbau und Gefahr im Fels |
| Grünten | Venedigermännle und ein Goldbrünnle | Schatzsuche und verborgener Reichtum |
| Sturmannshöhle bei Obermaiselstein | Kleine Schatzsucher | Höhlen als Wohnorte der Männle |
| Wildfräuleinstein im Hintersteiner Tal | Wilde Fräulein | Fleißige, gute Wesen in abgelegenen Tälern |
| Schrecksee im Hintersteiner Tal | Odin und ein Ungeheuer | Tiefe und Unheimlichkeit eines Bergsees |
| Säuling | Hexen und Teufel | Hexenwahn und Steinwurf |
| Gottesacker im Kleinwalsertal | Fluch eines Bettlers | Karstlandschaft statt Weide |
Die Tabelle zeigt, dass sich die Motive wiederholen: Reichtum im Berg, Wesen in der Wildnis und Strafe für Hartherzigkeit. Hochvogel und Grünten gehören zu den Gipfeln des Oberallgäus, der Grünten ragt mit 1.738 Metern am nördlichen Rand der Allgäuer Alpen auf, der Hochvogel erreicht 2.593 Meter an der Grenze zu Tirol. Der Säuling steht mit 2.047 Metern bei Füssen im Ostallgäu, was zeigt, dass die Überlieferungen nicht an die Grenzen des Oberallgäus gebunden sind. Die Sagen wandern mit den Erzählern von Tal zu Tal und werden dabei dem Ort angepasst, an dem sie gerade erzählt werden. Der Grünten ist ein Berg mit Wanderwegen und Aussicht, und die Frage nach dem Goldbrünnle führt zu einer Erzählung statt zu einer Quelle. Genau das macht die Schauplätze für Spaziergänger reizvoll: Das Gelände bleibt gewöhnlich, die Geschichte verleiht ihm einen zweiten Boden. Hochvogel, Grünten und Säuling lassen sich zu Fuß erreichen, der Gottesacker liegt auf dem Weg durch das Kleinwalsertal, und der Schrecksee ist Ziel einer Bergtour im Hintersteiner Tal. Mit der Sage im Kopf sieht der Besucher das Gelände mit anderen Augen. Zugleich bleiben die Orte reale Landschaften, auf denen Hirten das Vieh weiden ließen und auf denen Bergsteiger heute ihre Touren planen.
Venedigermännle und die Wilden Fräulein
Am Grünten, so wird erzählt, fließt ein Goldbrünnle, dessen Zugang nur geschickte Männle finden. Diese Venedigermännle sind kleine, harmlose Wesen, die nach Schätzen suchen. Im Hintergrund steht eine historische Erfahrung: Im Alpenraum zogen Erzsucher umher, die man Venediger nannte, und ihre Geschichten haben sich in den Männle verewigt. Eine kleine Szene aus der Überlieferung zeigt die Eigenart dieser Wesen. Einen Stein, den ein Hirte einem Ochsen nachwarf, erklärten die Männle für wertvoller als das ganze Tier, weil sie das Gestein anders einschätzten als der Mensch. Auch die Sturmannshöhle bei Obermaiselstein gehört zu diesem Sagenkreis.
Am Hochvogel tritt dagegen ein Berggeist auf, eine Art Venedigermännle mit Bergbau und schlechten Absichten. Wesen derselben Gattung können also freundlich oder bedrohlich sein, je nach Berg und Erzähler. Im Hintersteiner Tal wiederum erzählt man von den Wilden Fräulein, am Wildfräuleinstein. Die Fräulein gelten als fleißig und gut, und hinter ihnen vermuten manche die keltische Bevölkerung, die sich in abgelegenen Tälern gehalten haben könnte. Am Schrecksee heißt es, Wotan habe seinen Hengst am Wildsee zurückgelassen, und ein Mann, der mit einem Stein die Tiefe des Sees messen wollte, sei von einem Ungeheuer bedroht worden, das ihn fressen wollte.
Der Gottesacker im Kleinwalsertal
Eine der eindringlichsten Sagen handelt vom Gottesacker im Kleinwalsertal. Älpler jagten einen Bettler davon, der daraufhin die Alpe verfluchte. Die Weide verödete, und heute zeigt sich dort ein weites Karstplateau mit zerklüfteten Kalkplatten. Die Geschichte ist eine Mahnung gegen Hartherzigkeit, und sie verknüpft eine sittliche Lehre mit einem Landschaftsbild, das jeder Wanderer vor Augen hat. Der Gottesacker gehört zu den auffälligsten Landschaftsformen der Region, und wer ihn überquert, bewegt sich über Kalkplatten, die wie aufgeschlagene Seiten eines Buches wirken. Die Erzählung nimmt diese Strenge auf und macht aus dem Gelände eine Strafe.
Das Plateau selbst hat eine nüchterne Erklärung. Karst entsteht, wenn Regenwasser Kalkstein löst und das Gestein Furchen, Spalten und Löcher bekommt. Auf solchen Flächen versickert das Wasser rasch, der Boden bleibt dünn, und eine Weide hat es schwer. Die Sage setzt an die Stelle dieses langsamen Vorgangs ein einzelnes Ereignis mit einer eindeutigen Ursache und einem Schuldigen. Dieser Gedanke lässt sich auf viele Überlieferungen übertragen: Wo die Natur langsam arbeitet, erzählen die Menschen von einem plötzlichen Eingriff, der leicht zu behalten ist und eine Lehre enthält. So wurde aus der Geologie eine Geschichte, die Kinder und Erwachsene verstehen konnten, ohne etwas über Gesteine zu wissen.
Hexen und Teufel auf dem Säuling
Das Gipfelplateau des Säulings heißt Hexabödle. Der Name allein verweist auf Hexen, und die Sage fügt den Teufel hinzu: Er soll von dort einen Stein nach Roßhaupten geschleudert haben, um die dortige Kirche zu zerstören. Der Stein verfehlte sein Ziel, und die Kirche blieb stehen, als sei nichts geschehen. Der Teufel erscheint in solchen Erzählungen häufig als jemand, der mit großem Aufwand wenig erreicht, und das macht die Geschichte auch heute noch unterhaltsam. Gleichzeitig dient der Steinwurf als Erklärung für Findlinge und Felsbrocken, die einzeln in der Landschaft liegen und sich nicht gleich einem Ursprung zuordnen lassen. Der Name Hexabödle hält die Erinnerung an die Erzählung bis heute am Gipfel fest.
Hinter den Hexen- und Teufelssagen steht ein ernster Hintergrund, der Hexenwahn der frühen Neuzeit. In Oberstdorf endete 1587 ein Hexenprozess gegen den Hirten Chonrad Stoeckhlin mit dessen Hinrichtung, ein belegter Fall, der zeigt, dass die Furcht vor Zauberei im Allgäu auch außerhalb der Erzählungen eine Rolle spielte. Die Sagen verwandeln diese Angst in Geschichten, bei denen am Ende meist die Kirche, das Dorf oder die Vernunft gewinnt. Beim Lesen empfiehlt es sich, beides zu trennen: die überlieferte Erzählung und den historischen Hintergrund, der ihre Entstehung begünstigt hat.
Als Merkmale einer echten Sage gelten der feste Ortsbezug mit Berg, See oder Stein, die mündliche Weitergabe, bei der sich Einzelheiten verändern, die Erklärung einer Eigenheit der Landschaft oder des Brauchs und eine Lehre, etwa gegen Habgier oder Hartherzigkeit. Als geschichtlicher Bericht gilt der Inhalt nicht.