Kräuterbuschen zu Maria Himmelfahrt und die Zahl der Kräuter

Am 15. August, dem Fest Mariä Aufnahme in den Himmel, füllen sich in vielen Pfarrkirchen Bayerns die Bänke mit Sträußen, und das gilt auch für das katholisch geprägte Allgäu. Es sind keine Blumensträuße im Sinne des Floristen, sondern Bündel aus Wiesenblumen, Heilpflanzen und ein paar Getreideähren, die der Priester nach der Messe mit Weihwasser besprengt. Der Kräuterbuschen hängt an einer Zahl, über die selten gesprochen wird: Wie viele Pflanzen gehören eigentlich hinein, und wer hat diese Zahl einmal bestimmt?

Die Antwort fällt von Pfarrei zu Pfarrei und von Familie zu Familie anders aus. Überliefert sind sieben, neun, zwölf, siebenundsiebzig und sogar neunundneunzig Kräuter. Gemeinsam ist allen Angaben, dass keine Zahl zufällig gewählt wurde. Jede trägt eine Deutung mit sich, und diese Deutungen erzählen mehr über den Brauch als jede Bindeanleitung. Dahinter liegt eine ältere Schicht als das Kirchenjahr: Der Termin fällt in das Ende der Hundstage, in jene Wochen, in denen Heilpflanzen nach altem Verständnis die größte Wirkung entfalteten. Das Marienfest hat sich über Jahrhunderte mit diesem bäuerlichen Erntegedanken verbunden, und heraus kam ein Brauch, der Glauben, Pflanzenheilkunde und Hauswirtschaft in einem Bündel vereint.

Wie aus einem Marienfest ein Kräuterfest wurde

Die Westkirche feiert den 15. August seit dem 7. Jahrhundert als Marienfest. Die Lehre von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel wurde allerdings erst am 1. November 1950 von Papst Pius XII. als Dogma verkündet, der Brauch mit den Kräutern ist also erheblich älter als die päpstliche Festlegung. Eine fromme Legende erklärt ihn: Als die Apostel das Grab Marias öffneten, fanden sie statt des Leichnams Blumen und wohlriechende Kräuter. Diese Erzählung ist biblisch nicht belegt, sie wurde im Mittelalter weitergetragen und lieferte das Bild, das den Strauß mit dem Fest verknüpfte.

Daneben steht die bäuerliche Zeitrechnung. Gesammelt wird traditionell von der Sommersonnwende am 21. Juni bis zum Festtag, das sind rund 55 Tage, in denen die Wiesen am blütenreichsten sind. An den 15. August schloss sich außerdem der sogenannte Frauendreißiger an, die dreißig Tage bis zum 14. September, die als reich gesegnete Zeit für Kräuter, Wurzeln und die Ernte galten. Kräuter aus dieser Spanne galten als kräftiger. Ob sich Heilwirkungen tatsächlich nach dem Kalender richten, lässt sich nicht belegen, der Rhythmus aber hat Sinn: Mitte August stehen die meisten Arten in voller Blüte, und bis zum Viehscheid im September bleibt Zeit, den Vorrat zu trocknen.

Sieben, neun oder neunundneunzig Kräuter und was die Zahlen bedeuten

Die Sieben ist die heute verbreitetste Zahl und erinnert an die sieben Schöpfungstage und die sieben Sakramente, und sie lässt sich ohne Mühe auf einer Sommerwiese zusammenbekommen. Die Neun steht für die Dreifaltigkeit, dreimal drei, die Zwölf für die Apostel und die Stämme Israels. Die alte Angabe von siebenundsiebzig oder neunundneunzig Pflanzen ist eher als Hinweis auf Fülle zu verstehen, denn niemand findet auf einem Wiesenstreifen tatsächlich neunundneunzig verschiedene Arten, die gerade blühen. Festgehalten wird nur, dass die Zahl eine magische sein soll, ungerade und bedeutungsvoll.

Welche Arten hineinkommen, unterscheidet sich je nach Gegend und Höhenlage. In den Allgäuer Tälern wachsen andere Pflanzen als im Voralpenland, auf der Alpe fehlen manche Arten ganz. Wichtig sind vor allem jene, deren Heilwirkung bekannt ist. Eine typische Auswahl samt ihrer früheren Verwendung steht weiter unten im Abschnitt über den Heilwert.

Dass die Zahl überhaupt zählt, hat einen praktischen Grund. Beim Sammeln nach fester Zahl durchstreift der Sammler die Wiese nach Arten, statt einfach eine Handvoll Blumen abzureißen, und lernt dabei Pflanzen kennen, die sonst übersehen werden. Die Zählregel war in der Landbevölkerung damit zugleich Pflanzenkunde: Kinder wurden mit auf die Wiese genommen und lernten Namen, Standorte und Eigenschaften der Kräuter kennen, die sie den Rest des Jahres brauchten.

Die Königskerze in der Mitte und der Aufbau des Straußes

Beim Binden gilt eine einfache Statik. In die Mitte kommt die Königskerze, die mit ihrem hohen, fast mannshohen Blütenstand über alle anderen Pflanzen hinausragt. Um sie legen sich Schafgarbe, Johanniskraut und Kamille, außen folgen kleinere Blüten und Gräser. Garten- und Feldblumen dürfen dazukommen, ebenso ein paar Ähren, die an die Ernte erinnern. Zusammengehalten wird der Strauß mit Bast oder Schnur, häufig kommt ein farbiges Band darum.

Der Aufbau folgt einer Logik von innen nach außen. Die Königskerze gibt dem Strauß seine Höhe und sorgt dafür, dass er auch in einer Menge von Sträußen erkennbar bleibt. Zugleich ist die Königskerze die Pflanze, die von der Mitte aus die kräftigste Wirkung entfalten soll. Gebunden wird in Spiralen: Jedes neue Kraut wird schräg an den Stiel gelegt, nachdem es um eine Vierteldrehung gedreht wurde, so entsteht ein runder Strauß, bei dem alle Stiele an einer Stelle zusammenlaufen. Wichtig ist, nur die Blüten und obersten Blätter zu verwenden und die unteren Blätter am Stiel zu entfernen, weil sie unter der Schnur faulen würden. Am Vorabend gepflückt und über Nacht in kühles Wasser gestellt, hält der Buschen bis zum Morgen des Festes frisch.

Was nach der Weihe mit dem Buschen geschieht

Das Weihwasser macht aus dem Strauß einen Hausschutz. Daheim bekommt er einen festen Platz, meist im Herrgottswinkel, am Hauseingang oder auf dem Esstisch. Dort bleibt er hängen, bis er getrocknet ist, und danach beginnt seine zweite Laufbahn, denn getrocknete Kräuter wurden früher keineswegs weggeworfen. Getrocknet wanderten sie in Futter, Räucherwerk und Hausmittel.

Der Weg des Buschens durch das bäuerliche Jahr lässt sich in einzelne Verwendungen aufteilen. Manche Familien halten bis heute daran fest, andere nur noch an einzelnen Teilen. Unterschiedlich ist auch der Zeitpunkt des Austauschs, denn die Sorgfalt, mit der ein Strauß aufbewahrt wird, hängt vom Haus ab: Mancherorts wird der alte Strauß erst ersetzt, wenn der neue geweiht ist, sodass nie ein Jahr ohne Buschen im Haus vergeht. Die Weihe selbst findet je nach Pfarrei am Vorabend, nach der Frühmesse oder im Festgottesdienst statt, und die Sträuße werden dabei meist vor den Altar gelegt oder in der Hand gehalten, während der Priester durch die Reihen geht und mit dem Weihwedel segnet. Die wichtigsten Verwendungen im Überblick, wie sie in bäuerlichen Familien des Alpenraums überliefert sind:

  • Bei aufziehenden Gewittern kam der Buschen mit der Blüte nach unten in den Dachboden, als Schutz vor Blitzschlag, oder einzelne trockene Kräuter wurden ins Herdfeuer geworfen.
  • Vor dem Auftrieb auf die Alpe wurden Blätter und Blüten unter das Futter der Tiere gemischt, damit das Vieh gesund über den Sommer kam.
  • Zerrieben und auf Feldern verstreut, sollten die Kräuter für eine gute Ernte sorgen.
  • In den Rauhnächten räucherten Familien Haus und Stall mit den Kräutern, gemischt mit Weihrauch.
  • Unter dem Kopfkissen soll der Buschen Glück in Liebe und Kindersegen bringen.

Ein verblühter, alter Buschen wird nicht in den Müll gegeben, sondern verbrannt oder im Garten ausgestreut.

Was ein geweihter Strauß als Heilmittel taugt

Das Weihwasser verändert die Inhaltsstoffe nicht, ein geweihter Strauß hat also keine andere Wirkung als ein ungeweihter. Das ist kein Einwand gegen den Brauch, der ohnehin vom Segen und nicht vom Pharmakologischen lebt. Für Tee aus den getrockneten Kräutern gelten allerdings einige Einschränkungen. Kamille und Schafgarbe sind als milde Teekräuter bekannt, die Blüten der Königskerze werden seit Langem für Hustentee getrocknet. Johanniskraut dagegen ist als Arzneipflanze nicht harmlos, weil es die Wirkung mancher Medikamente abschwächen kann, darunter bestimmte Verhütungsmittel. Baldrianwurzeln stecken ohnehin selten im Strauß, weil sie im Boden bleiben.

PflanzeBlüht etwaTraditionelle Verwendung
KönigskerzeJuli bis SeptemberBlüten für Hustentee, Mittelpunkt des Straußes
JohanniskrautJuni bis AugustRotöl für die Haut, Tee
SchafgarbeJuni bis OktoberWundkraut, Bittertee
KamilleMai bis SeptemberTee bei Magenbeschwerden, Dampfbad
BaldrianJuni bis AugustWurzel für Beruhigungstee
DostJuli bis Septemberwilder Majoran, Würze und Tee

Wichtig ist auch der Standort der Pflanzen. Kräuter vom Straßenrand oder aus Wiesen, die gedüngt wurden, eignen sich weniger für Tee als Pflanzen von ungedüngten Böschungen und Magerwiesen. Zum Trocknen werden die Büschel kopfüber an einem luftigen, schattigen Ort aufgehängt, damit die Blüten nicht ausbleichen und die ätherischen Öle erhalten bleiben. Nach etwa zwei bis drei Wochen rascheln die Blätter, dann können sie abgezupft und in Papiertüten oder Gläsern aufbewahrt werden. Einen Jahresvorrat deckt ein einzelner Strauß allerdings nicht, er reicht für einige Tassen, und der Rest dient dem, wofür er gedacht ist: als Zeichen des Dankes für den Sommer.