Funkenfeuer im Allgäu und der Mythos vom heidnischen Brauch

Der Funken im Allgäu soll angeblich ein Überrest germanischer Frühlingsfeste sein, bei dem der Winter samt Hexe im Feuer endet. Das klingt stimmig, hält einer Prüfung aber schlecht stand. Die älteste greifbare Nachricht über einen Brauch mit brennender Holzscheibe stammt aus dem Jahr 1090, die Hexenpuppe auf der Spitze lässt sich erst im 19. Jahrhundert fassen, und aus germanischer Zeit gibt es dazu keinen einzigen Beleg. Trotzdem lodern am ersten Sonntag nach Aschermittwoch in Allgäuer Dörfern, in Vorarlberg, im Schwarzwald und rund um den Bodensee die Feuer. Im Jahr 2027 fällt dieser Funkensonntag auf den 14. Februar, weil Ostern am 28. März liegt und der Sonntag Invocavit sechs Wochen davor zu finden ist. Hinter dem Datum steckt keine Sonnenwende und keine Tag und Nachtgleiche, sondern der Kirchenkalender, und genau das ist der erste Hinweis darauf, wo der Brauch wirklich herkommt. Den Funken zu verstehen heißt deshalb weniger, in Mythen zu graben, als alte Kalender, Brandberichte und Dorfordnungen zu lesen. Genau dort liegen die Antworten auf die Fragen, warum der Brauch gerade an diesem Sonntag stattfindet, warum eine Hexe oben sitzt und warum ein Knall über Glück oder Pech des Jahres entscheidet.

Woher die Geschichte vom heidnischen Feuer kommt

Die Erzählung vom uralten Kultfeuer stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Damals suchten Gelehrte in allem Ländlichen die Reste einer vorchristlichen Religion und deuteten Feuer, Scheiben und Strohpuppen als Winteraustreibung. Josef Thaler schrieb 1798 in diesem Sinn, und noch 1921 vertrat Franz Josef Fischer ähnliche Ansichten. Solche Deutungen waren bequem, denn sie ließen sich weder beweisen noch widerlegen, und sie passten zum Wunsch, in den Alpen eine Welt zu finden, die älter ist als jede Kirche. Hinzu kam die Hexe. Eine verbrannte Frauenfigur weckt fast zwangsläufig den Gedanken an die Hexenverfolgung der frühen Neuzeit, und so verschmolzen zwei Geschichten zu einer, obwohl sie nichts miteinander zu tun haben. Ein weiterer Grund für die Zähigkeit des Mythos liegt in der Form des Brauchs selbst. Ein hoher Holzstoß, entzündet bei einbrechender Dunkelheit, wirkt zeitlos. Vor einem brennenden Turm aus Fichtenstämmen fragt kaum jemand nach der Aktenlage. Dazu trugen Vereine bei, die das eigene Fest gern mit einer möglichst alten Herkunft schmückten, und Reiseberichte, die das Bild vom heidnischen Feuer weitertrugen. So wurde aus einer Vermutung eine Gewissheit, die in Prospekten bis heute überlebt.

Was die Belege tatsächlich zeigen

Die frühesten Quellen sind nüchtern. Aus dem Kloster Lorsch ist ein Brandbericht von 1090 erhalten, wonach junge Männer am Abend des 21. März eine brennende Holzscheibe warfen und damit das Kloster in Brand setzten. Das ist ein Bericht über ein Unglück und keine Beschreibung eines Festes, doch er zeigt, dass Scheibenschlagen damals bekannt war. Danach klafft eine Lücke bis ins 15. Jahrhundert, aus dem Basel Belege liefert, gefolgt von Luzern, Bregenz und Innsbruck im 16. und 17. Jahrhundert. Zwischen der Nachricht von 1090 und der ersten Hexenpuppe liegen rund 800 Jahre, in denen von einer Figur auf dem Holzstoß nirgends die Rede ist.

Wichtiger als jede Einzelquelle ist der Zusammenhang mit der Fastnacht. Seit der Synode von Benevent im Jahr 1091 beginnt die Fastenzeit mit dem Aschermittwoch, doch der Feuertermin blieb am Sonntag danach hängen. Die heutige Brauchtumsforschung sieht den Funken deshalb als Schlusspunkt der alemannischen Fastnacht, also als Ende der Fleischzeit und als Auftakt der Fastenzeit. Passend dazu heißt der Tag in Vorarlberg Küachlisonntag oder Holepfannsonntag, weil dort Schmalzgebäck aus der Pfanne auf den Tisch kommt. Eine Hexe als Sinnbild von Fastnachtsübermut passt in dieses Bild besser als jede Göttin.

Wie ein Funken entsteht und warum er knallt

Der Aufbau folgt in vielen Orten einem festen Zeitplan, der sich über wenige Tage zieht. Am Faschingsdienstag wird die Funkentanne geschlagen, am Samstag vor dem Funkensonntag beginnt der Aufbau. Um den Stamm legen die Helfer Reisig, alte Christbäume, Transportgestelle und Restholz, und in manchen Gemeinden kommt ein Gerüst aus Fichtenstämmen hinzu. Die Hexe sitzt zuletzt auf der Spitze, eine lebensgroße Figur aus Stoff, die im Allgäu und in Vorarlberg gern mit Schwarzpulver gefüllt wird. Dass dieser Brauch eine praktische Seite hat, zeigt der Blick in den Hof: Früher wanderte beim Frühjahrsputz von Haus und Wiese alles Brennbare in den Stoß, und was an Weihnachtsgrün übrig blieb, erst recht.

  1. Faschingsdienstag: Die Funkentanne wird geschlagen.
  2. Samstag vor dem Funkensonntag: Der Aufbau des Stoßes beginnt.
  3. Sonntag am Tag: Kinder zünden in manchen Orten einen kleinen Funken an.
  4. Sonntag bei Einbruch der Dunkelheit: Das Hauptfeuer wird entzündet.
  5. Sonntag danach: Fiel der Stoß vorher um, wird die Hexe nachträglich begraben.

Der Knall ist mehr als Effekt. Erreichen die Flammen die Hexe und sie platzt, gilt das als gutes Zeichen für das Jahr. Fällt der Stoß vorher um, deuten ihn die Älteren als schlechtes Vorzeichen, und die Hexe wird am Sonntag darauf nachträglich begraben. Auch der Himmel spielt mit. Ein Sternenhimmel in dieser Nacht verspricht der Bauernregel nach eine gute Kirschenernte, und lange Eiszapfen am Haus kündigen eine lange Flachsernte an. Hintergrund dieser Regeln ist die Beobachtung, dass wolkenloser Himmel im Februar Frost bringt, der Knospen bremst und späte Blüten vor Frühfrösten bewahrt.

Rekorde, Verbote und neue Beliebtheit

Die Geschichte des Brauchs verlief alles andere als geradlinig. Die Aufklärung drängte ihn zurück, und nach dem Ersten Weltkrieg ging er stark zurück, in einigen Jahren war er wegen Holzmangels sogar verboten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte vor allem in Vorarlberg eine Wiederbelebung ein, bei der sich Funkenzünfte gründeten und die Türme immer höher wuchsen. Gaißau erreichte im Jahr 2000 eine Höhe von 41 Metern, und 2019 baute Lustenau einen Funken von 60,64 Metern, der den früheren Rekord von 47 Metern aus dem norwegischen Ålesund übertraf. Seit 2010 steht der Vorarlberger Funken auf der österreichischen Liste des immateriellen Kulturerbes, was dem Brauch dort eine Art amtlichen Rang verleiht. Im Allgäu bleibt er dagegen eine Sache der einzelnen Dörfer, Vereine und Jugendgruppen, und genau das macht ihn so unterschiedlich: Hier brennt ein schlichter Holzhaufen auf der Wiese, dort ein schlanker Turm, dessen Bau Wochen dauert.

Wie viel Holz in solch einem Turm steckt, lässt sich grob überschlagen. Ein Stamm von 30 Metern Länge und 40 Zentimetern mittlerem Durchmesser hat ein Volumen von etwa 3,8 Kubikmetern, denn die Querschnittsfläche beträgt rund 0,126 Quadratmeter und wird mit der Länge multipliziert. Das ergibt bei 500 Kilogramm Trockenmasse je Kubikmeter fast zwei Tonnen allein für den Mittelpfosten. Dazu kommt ein Mehrfaches an Beiwerk, was erklärt, warum Gemeinden Genehmigungen, Brandwachen und Abstände regeln.

Was an der alten Erzählung trotzdem stimmt

Ganz falsch lag die ältere Forschung nicht. Einiges an ihrer Sicht hat sich bestätigt, und manches verdient auch heute Respekt. Der Brauch wurde nur an der falschen Stelle verankert, nämlich in einer erfundenen Urzeit statt im Kirchenjahr und im Dorfleben des Mittelalters. Vier Punkte halten der Prüfung stand:

  • Feuer zum Ende des Winters sind in vielen Kulturen belegt, und der Funken fügt sich in eine breite Gruppe von Frühjahrsbräuchen ein, zu der auch das Scheibenschlagen zählt.
  • Der Zeitpunkt vor Frühlingsbeginn passt zu einer Landwirtschaft, die im Februar Vorräte zählte und Platz für die Aussaat schaffte.
  • Der gemeinschaftliche Aufbau stärkt Dörfer und Vereine, was erklärt, warum der Brauch Kriege, Verbote und Moden überstand.
  • Die Hexenfigur ist jung, der Gedanke an Reinigung und Neubeginn dagegen sehr alt.

Auch die Namen erzählen davon. Funken, Holepfann, Küachli und Alte Fastnacht stammen alle aus der Sprache des bäuerlichen Jahres und nicht aus einer Götterwelt, und in jedem steckt ein Hinweis auf Essen, Feuer oder Kalender. Dass der Brauch heute wieder wächst, liegt weniger an altem Glauben als an der Freude, im Winter etwas gemeinsam zu bauen und anzuzünden. Das Feuer wärmt, der Knall der Hexe ruft Staunen hervor, und beim Heimgehen duftet es nach Rauch und frisch gebackenem Schmalzgebäck.

Am Feuer zeigt sich heute deshalb kein germanischer Kult, sondern ein Stück Fastnachtsgeschichte, das Dörfer über Jahrhunderte immer wieder neu zusammengesetzt haben. Mit dem Wissen um die Herkunft lässt sich auch das Dorfjahr besser einordnen: Der zweite große Termin im Brauchtumskalender ist der Viehscheid, bei dem das Vieh von den Alpen ins Tal zieht.