Die Heini Klopfer Skiflugschanze und der schiefe Turm

Am 2. Februar 1950 stellten sich drei Männer auf einen frisch gebauten Holzturm am Hang oberhalb von Oberstdorf, und der Erbauer sprang als Erster. Heini Klopfer landete bei 90 Metern, Toni Brutscher folgte mit 112, Sepp Weiler mit 115 Metern. Nach heutigen Maßstäben wäre das ein Trainingssprung auf einer Normalschanze, damals war es der Beweis, dass die Anlage trug. Keine vier Wochen später flog ein Österreicher mit 124 Metern den ersten offiziellen Weltrekord auf dieser Schanze. Insgesamt wurden hier im Lauf der Jahrzehnte 21 Weltrekorde aufgestellt, und jeder davon markiert einen Abschnitt der Baugeschichte, weil die Schanze nach den Weiten der Springer ausgerichtet wurde und nicht umgekehrt.

Seither hat sich der Berg kaum verändert, die Schanze dagegen immer wieder. Aus dem Holzgerüst von 1949 wurde ein freistehender Betonturm, aus einer Anlage mit einem Konstruktionspunkt bei 120 Metern eine Schanze, auf der heute weit über 200 Meter geflogen wird. Die Heini Klopfer Skiflugschanze ist ein Bauwerk, das sich dem Fortschritt der Sportler angepasst hat, und jede Umbauphase erzählt, wie sich das Skifliegen verändert hat: schneller, weiter, höher, und immer ein Stück riskanter für die Planer, die sicherstellen müssen, dass Landungen noch im Auslauf enden.

1949 und 1950, ein Holzturm in fünf Monaten

Gebaut wurde ab Juli 1949, am 10. Dezember war der Turm fertig. Fünf Monate Bauzeit für eine Flugschanze sind erstaunlich knapp, zumal der Entwurf aus der Hand eines einzelnen Mannes stammte. In Oberstdorf wurde zuvor erwogen, die vorhandene Schattenbergschanze zu vergrößern, am Ende fiel die Entscheidung für einen Neubau, dessen Berechnungspunkt auf 120 Meter gelegt wurde. Den Namen hat die Schanze von ihrem Planer: Heini Klopfer war Skispringer und Architekt, später beriet er als Sprungfachmann des internationalen Skiverbands bei rund 250 Schanzen in aller Welt. Er starb 1968 im Alter von nur 50 Jahren.

Die offizielle Eröffnung fiel in die Flugwoche vom 28. Februar bis zum 5. März 1950. Innerhalb dieser sechs Tage gab es gleich drei Weltrekorde: 124 Meter durch den Österreicher Willi Gantschnigg am ersten Tag, 127 Meter durch Sepp Weiler am 2. März und 135 Meter durch den Schweden Dan Netzell am 3. März. Zwischen Gantschnigg und Netzell wuchs die Bestweite binnen drei Tagen um elf Meter. Die Zuschauerzahlen waren gewaltig, schon bei der zweiten Flugwoche im Jahr 1951 sollen mehr als 120.000 Besucher den Hang besucht haben.

1951 bis 1964, die Jahre der Weltrekorde

In den fünfziger und frühen sechziger Jahren wurde in Oberstdorf in unregelmäßigen Abständen eine Flugwoche ausgetragen, jeweils mit fortlaufender Nummer. 1951 flog der Finne Tauno Luiro 139 Meter, 1952 brach schlechtes Wetter die dritte Woche ab, ohne dass Ergebnisse gewertet wurden. 1955 gewann Hemmo Silvennoinen, 1958 und 1961 setzte sich Helmut Recknagel aus der DDR durch, und an den Schlusstagen der Flugwochen 1958 und 1961 standen jeweils rund 50.000 Zuschauer am Hang. Am 24. Februar 1961 sprang der Jugoslawe Jože Šlibar 141 Meter, und im Februar 1964 gab es auf der Schanze ein Rekordduell: Am 15. Februar landete der Tschechoslowake Dalibor Motejlek bei 142 Metern, einen Tag später stand der Italiener Nilo Zandanel bei 144 Metern.

Zwischen den ersten Probesprüngen und Zandanels Weite liegen 54 Meter, verteilt auf 14 Jahre. Das entspricht etwa vier Metern pro Jahr, ein Tempo, das später deutlich langsamer wurde, weil Anlauf, Schanzentisch und Ausrüstung bereits ausgereift waren. Dicht gedrängt kamen die Rekorde vor allem am Anfang, als Tisch, Anlauf und Hang noch unausgereizt waren, später hing jeder weitere Meter stärker von Material und Flugtechnik ab als vom Berg.

1973, der schiefe Turm aus Spannbeton

Vor der Skiflug Weltmeisterschaft 1973 wurde der Holzturm aus Sicherheitsgründen abgerissen. An seine Stelle trat ein Turm aus vorgespanntem Leichtbeton, entworfen von dem Architekten Claus-Peter Horle. Der Konstruktionspunkt lag nun bei 165 Metern. Das Besondere an dem Bauwerk ist seine Statik: Der Turm steht frei und wird nur auf Höhe des Schanzentisches mit Felsankern im Berg gehalten, der Rest ragt ohne Stütze aus dem Hang. In Oberstdorf trägt er deshalb den Spitznamen schiefer Turm, und in der Tat wirkt der Anlaufturm von weitem wie ein gekippter Finger über dem Hang.

Die Maße sind beeindruckend: Der Turm ist 72 Meter hoch, die Anlaufbahn misst 113 Meter. Im Inneren liegen Wärme und Wachsräume, Toiletten und ein Kiosk, ein Schrägaufzug bringt bis zu elf Springer samt Sprungski nach oben. Auf der Plattform finden etwa hundert Menschen Platz. Vorgespannt heißt dabei, dass Stahlseile den Beton dauerhaft unter Druck setzen, sodass er Zugkräfte aushält, die ein gewöhnlicher Beton nicht tragen würde. Der Betonbau hat die Schanze aus der Epoche des Holzgerüsts in die der dauerhaften Sportbauten geführt, und er bestimmt bis heute das Bild von Oberstdorf auch wenn sich das Innere seitdem mehrfach verändert hat.

  1. 1949: Baubeginn im Juli, Fertigstellung des Holzturms am 10. Dezember.
  2. 1950: Probesprünge am 2. Februar, Flugwoche mit dem ersten offiziellen Weltrekord von 124 Metern.
  3. 1964: Der Italiener Nilo Zandanel erreicht 144 Meter, die letzte Rekordweite der Holzära.
  4. 1973: Der Holzturm wird aus Sicherheitsgründen abgerissen, der Betonturm entsteht.
  5. 1980: Der Konstruktionspunkt rückt durch Aushub am Aufsprunghang auf 182 Meter.
  6. 2008: Flutlichtanlage und größerer Aufwärmraum vor der Skiflug Weltmeisterschaft.
  7. 2016 und 2017: Generalsanierung, Neueröffnung am 2. Februar 2017.
  8. 2017: Der Weltverband setzt die Hillsize im Sommer auf 235 Meter herauf.

1980 bis 2008, immer wieder angepasst

Die Entwicklung der Weiten zwang zu laufenden Eingriffen. Vor dem Winter 1980 wurde der Aufsprunghang ausgehoben, damit der Konstruktionspunkt von 165 auf 182 Meter rücken konnte. 1986 wurde das Funktionsgebäude neu errichtet, vor der Weltmeisterschaft 1998 lag der Konstruktionspunkt bei 185 Metern. Zehn Jahre später folgte die nächste Runde: Vor der Skiflug Weltmeisterschaft 2008 wurde eine Flutlichtanlage für 1,1 Millionen Euro installiert, der Anlauf nach neuen Sicherheitsvorgaben angepasst und der Aufwärmraum vergrößert.

Bemerkenswert ist, wie wenig Spielraum eine Flugschanze bei Umbauten hat. Der Hang ist vorgegeben, der Auslauf endet im Tal, und jeder Meter, den der Konstruktionspunkt nach unten rückt, muss durch Aushub, Verlängerung oder Verlegung des Tisches ausgeglichen werden. Dass die Schanze dennoch 1973, 1998 und 2008 Weltmeisterschaften ausrichten konnte, verdankt sie der Hartnäckigkeit der Betreiber und den Planern, die jedes Mal ein Stück Hang abtrugen, ohne den Turm anzutasten. Zwischen 1973 und 1998 verlängerte sich der Konstruktionspunkt auf diese Weise um 20 Meter von 165 auf 185, und jeder dieser Meter bedeutete bewegte Erde, neue Böschungen und eine frisch berechnete Landekurve. Dass der Hang das Wachstum mitmachte, ist keine Selbstverständlichkeit, denn Aushub in dieser Größe verändert auch Böschungen und das Fundament des Auslaufs.

2016 bis 2018, die Schanze wächst über sich hinaus

Die jüngste Generalsanierung kostete rund 11,7 Millionen Euro. Der Schanzentisch rückte um 7 Meter zurück und um 5 Meter nach oben, die Hillsize stieg von 213 auf 225 Meter, der Konstruktionspunkt liegt seither bei 200 Metern. Eröffnet wurde die erneuerte Anlage am 2. Februar 2017, auf den Tag genau 67 Jahre nach den ersten Probesprüngen von Klopfer, Brutscher und Weiler. Karl Geiger weihte sie mit 184 Metern ein, 60 Meter weiter als der erste Weltrekord von 1950. Zusammengerechnet stieg die Hillsize beim Umbau und im Anschluss von 213 auf 235 Meter, ein Zuwachs von 22 Metern.

Im Sommer 2017 geschah etwas, das Planer selten erleben: Beim Weltcup waren einzelne Springer über die gerade vergrößerte Hillsize von 225 Metern hinausgeflogen, der Weltverband setzte sie daraufhin auf 235 Meter herauf. Die Hillsize ist die Weite, ab der die Landung nicht mehr sicher im flachen Teil des Hangs liegt, der Konstruktionspunkt dagegen markiert die Marke, an der die Weitenpunkte der Wertung beginnen. Landungen jenseits dieser Marke treffen auf einen Bereich, den der Hang nicht mehr abfedert. Mit der Hillsize von 235 Metern gehört die Heini Klopfer Skiflugschanze zu den größten Anlagen, auf denen Skifliegen überhaupt möglich ist, und 2018 fand dort zum vierten Mal die Skiflug Weltmeisterschaft statt, nach 1973, 1998 und 2008.

Was die Schanze für Oberstdorf bedeutet

Für Oberstdorf war der Bau der Skiflugschanze ein Standortfaktor, der das Dorf in die Reihe der Wintersportorte hob. Die Flugwochen der fünfziger Jahre brachten Zehntausende Zuschauer nach Oberstdorf und machten den Namen Oberstdorf weit über die Alpen hinaus bekannt, wie auch der Beitrag über den Wintersportruf von Oberstdorf schildert. Die Schanze ist damit mehr als ein Sportbauwerk, sie trägt die Handschrift eines Mannes, der den Ort mit einem Werk verband, das sich über viele Länder erstreckte, und sie hat über Generationen Trainer, Techniker und Zuschauer an denselben Hang geführt: Der Turm erzählt von einem Dorf, das nach dem Krieg seinen Platz zwischen Landwirtschaft und Fremdenverkehr suchte. Der Weg von drei Springern auf einem Holzgerüst bis zu einer Anlage mit Schrägaufzug und Flutlicht lässt sich an Rekordweiten und Bauabschnitten nachzeichnen, und er zeigt, dass jede Erneuerung auch eine Antwort auf den Mut der Springer war. Skiflugschanzen bilden weltweit eine kleine Gruppe, deren Mitglieder sich an einer Hand abzählen lassen. Die Skiflug Weltmeisterschaften 1973, 1998, 2008 und 2018 sowie die frühen Flugwochen machen sie zu einem Ort, an dem sich Sportgeschichte in Beton, Hang und Zahlen nachlesen lässt, ohne dass ein Wort darüber gesprochen werden müsste.