Von Oberstdorf nach Ulm fällt das Gelände nur um gut 340 Meter, und trotzdem summieren sich auf dem Iller Radweg rund 1.145 Höhenmeter bergauf. Wie passt das zusammen? Der Weg folgt dem Fluss über 146 Kilometer, und weil er nicht stur am Wasser bleibt, sondern Dämme, Terrassenkanten und Ortsdurchfahrten mitnimmt, verteilen sich die Höhenmeter auf viele kleine Rampen. Entlang der Fahrtrichtung nach Norden geht es dennoch fast durchweg leicht bergab, ein Umstand, der den Radweg zu einer der entspanntesten Fernrouten im Allgäu und in Oberschwaben macht. Hinzu kommt, dass die Strecke ohne große Planung zu bewältigen ist: Es gibt keine Pässe, keine Tunnel und keine Abschnitte, die sich nur mit Spezialausrüstung befahren lassen, und wo der Weg einmal vom Fluss abweicht, bleibt er auf wenig befahrenen Nebenstraßen.
Gestartet wird am Bahnhof Oberstdorf, Ziel ist Ulm, wo die Iller oberhalb von Neu-Ulm in die Donau mündet. Dazwischen liegen Kempten, ein Abstecher nach Memmingen, Kraftwerke, Auwälder und Wallfahrtskirchen. Die Route eignet sich für drei Tagesetappen mit jeweils rund 46 bis 52 Kilometern, für Wochenendtouren in einzelnen Abschnitten und für Familien mit Kindern ab dem Grundschulalter.
Von Oberstdorf zum Illerursprung und nach Kempten
Die erste Etappe misst 45,9 Kilometer und führt von Oberstdorf nach Kempten. Kurz hinter Oberstdorf liegt der Ort, der der Iller ihren Namen gibt: Am Illerursprung vereinigen sich Breitach, Stillach und Trettach zu einem Fluss. Eine Skulptur des Künstlers Walter Kalot erinnert an diese Stelle, im Hintergrund erscheint die Burgkirche von Schöllang. Die drei Quellflüsse haben unterschiedliche Herkunft: Die Breitach kommt aus dem Kleinwalsertal in Österreich und durchfließt zuvor die Breitachklamm, Stillach und Trettach entspringen in Bayern.
Auf diesem Stück liegen 224 Höhenmeter Aufstieg und 367 Höhenmeter Abstieg, der Weg fällt also in der Summe um etwa 143 Meter. Zu den Höhepunkten gehört die Fahrt vor der Allgäuer Bergkulisse, später folgen Sonthofen und Immenstadt, an denen die Bahn als Anschluss für einzelne Teilstücke dient. Vor Kempten steigt der Weg an einer Stelle merklich an, danach öffnet sich das Illertal, und die Altstadt von Kempten taucht auf. Die Stadt war schon zur Römerzeit als Cambodunum ein wichtiger Ort, und bereits damals wurde von hier aus Holz auf der Iller geflößt. Die Iller gilt als der erste bedeutende Donauzufluss für die Holzflößerei, und die Stadt am Fluss profitierte vom Handel mit Stämmen aus den Bergen.
Kempten bis Memmingen mit den meisten Höhenmetern
Die zweite Etappe über 48,7 Kilometer ist die anspruchsvollste. 629 Höhenmeter bergauf und 721 bergab zeigen, dass der Weg hier ständig auf und ab führt. Zwischen Dietmannsried und Illerbeuren verläuft er abseits des Flusses auf wenig befahrenen Landstraßen, anschließend folgt er wieder dem Wasser. Unterwegs liegen Altusried, Bad Grönenbach mit seinem Schloss und das Dorf Martinszell, wo der Radweg ohnehin auf der linken Flussseite verläuft, sodass hier keine Wahl getroffen werden muss. Bei Krugzell führt die linke Flussseite an den Wallfahrtskirchen Maria Schnee in Legau und Maria Steinbach vorbei, auf der rechten Seite bleibt der Weg näher am Schloss von Bad Grönenbach.
Die Stadt Memmingen liegt rund sechs Kilometer abseits des Radwegs und wird als Abstecher angefahren. Ein weiteres Ziel in der Nähe ist die Kartause Buxheim mit dem Kartäuser See. Die Iller selbst ist auf diesem Abschnitt der Fluss, der sich von den Gebirgsschottern des Oberlaufs zum ruhigen Strom des Flachlands wandelt. Dass diese Etappe die meisten Höhenmeter besitzt, ergibt sich aus den Zahlen der Strecke: Mit 629 Metern Aufstieg liegt sie fast dreimal so hoch wie die erste Etappe mit 224 Metern.
Die Etappen in Zahlen
Die Summen in der Tabelle sind aus den Einzelwerten berechnet, die Streckenangaben unterscheiden sich je nach Führung des Weges um wenige hundert Meter.
| Etappe | Länge | Aufstieg | Abstieg |
|---|---|---|---|
| Oberstdorf bis Kempten | 45,9 km | 224 m | 367 m |
| Kempten bis Memmingen | 48,7 km | 629 m | 721 m |
| Memmingen bis Ulm | 51,6 km | 285 m | 379 m |
| Summe der drei Etappen | 146,2 km | 1.138 m | 1.467 m |
Die Differenz zwischen Abstieg und Aufstieg beträgt 329 Meter, nahe dem tatsächlichen Höhenunterschied zwischen Oberstdorf und Ulm. Das mittlere Gefälle liegt bei etwa 2,3 Metern pro Kilometer, das entspricht rund 0,23 Prozent und ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Bemerkenswert ist, dass der höchste Punkt bei 809 Metern liegt und der tiefste bei 469, das Verhältnis zwischen Gefälle und Höhenmetern aber so ungünstig ausfällt: Auf einen Meter Nettogefälle kommen knapp dreieinhalb Meter Aufstieg.
Je Etappe fällt der Weg netto unterschiedlich stark: im ersten Abschnitt um 143 Meter, im zweiten um 92 und im dritten um 94. Nach der Anstrengung geordnet ergibt sich eine andere Reihenfolge als nach der Länge. Die längste Etappe nach Ulm mit 51,6 Kilometern ist die flachste, die mittlere mit 48,7 Kilometern die anstrengendste. Auf einen Kilometer entfallen im zweiten Abschnitt knapp 13 Meter Aufstieg, im dritten nur 5,5 und im ersten rund 4,9, das ist ein Unterschied um mehr als das Zweieinhalbfache. Für die Planung einer Tagesetappe zählt dieser Wert mehr als die Streckenlänge, weil kurze Rampen auf Schotter mehr Kraft kosten als dieselbe Strecke auf Asphalt.
Memmingen bis Ulm, der gezähmte Fluss
Die dritte Etappe misst 51,6 Kilometer und ist die flachste: 285 Meter Aufstieg, 379 Meter Abstieg. Hier ist die Iller kein Gebirgsfluss mehr, und auch das Gelände ändert sich merklich. Zwischen Memmingen und Ulm wurde sie ab 1859 begradigt, die Arbeiten waren 1893 abgeschlossen. Der Lauf verkürzte sich dabei von 67,15 auf 56,6 Kilometer, das sind 10,55 Kilometer weniger, und das Gefälle stieg von 1,77 auf 2,15 Promille. Die Folge war, dass sich der Fluss ab etwa 1926 tiefer in sein Bett eingrub, bei Regglisweiler um rund 3,5 Meter, was das Grundwasser sinken ließ.
Seit 1996 bremsen Sohlrampen und Wehre diese Entwicklung, und auf diesem Abschnitt lässt sich nachvollziehen, wie ein Fluss, der über Jahrzehnte begradigt wurde, allmählich wieder Raum zurückbekommt. Das Projekt agile Iller soll mit 59 Einzelmaßnahmen Seitenarme wiederherstellen, Auen anbinden und Hindernisse für wandernde Fische entfernen.
Am Weg liegen Kraftwerke wie in Aitrach, der Iller Auwald bei Illertissen mit Lehrtafeln zur Natur und schließlich Ulm, wo der Radweg endet. Vom Ziel aus schließen der Donauradweg und mehrere weitere Fernrouten an. Die Staustufen und Kanäle der Kraftwerke bestimmen einen Teil der Streckenführung, weil der Weg Wehre und Seitenkanäle umgehen muss.
Ein Fluss mit Namen aus keltischer Zeit
Neben dem Weg läuft ein Fluss mit langer Geschichte. Der Name Iller taucht im Jahr 769 als Gaubezeichnung Hilargowe auf, 1059 steht Ilara in den Urkunden. Die Namensdeutung ist umstritten: Wahrscheinlich geht er auf ein keltisches Wort zurück, das ungefähr die treibende Kraft meint, eine andere Herleitung führt auf ilara, hastig, zurück. Ältere Deutungen, die an das lateinische hilaris, heiter, anknüpften, gelten als überholt. Gesichert ist nur, dass der Name sehr alt ist.
Als Grenze spielte die Iller lange eine Rolle. Gegen Ende der Römerzeit, vom späten 3. Jahrhundert bis etwa 488, lief entlang ihres Laufs ein Teil des Donau Iller Rhein Limes, und bis zur Aufhebung des Bistums Konstanz im Jahr 1821 trennte der Fluss weitgehend die Diözesen Konstanz und Augsburg. Heute bildet er im unteren Abschnitt die Grenze zwischen Bayern und Baden Württemberg. Wie wild der Fluss sein konnte, zeigt das Hochwasser vom 13. und 14. Juni 1910, das bei Memmingen die Brücke von Egelsee zerstörte. Der 1917 angelegte Illerkanal und die dreizehn Laufwasserkraftwerke zähmten die Iller später weitgehend, das Einzugsgebiet des Flusses umfasst 2.152 Quadratkilometer, und im Mittel führt sie mehr Wasser zur Donau als die Donau selbst bis zum Zusammenfluss, nämlich knapp 71 gegenüber 53 Kubikmetern je Sekunde.
Boden, Beschilderung und was vorher zu klären ist
Der Belag besteht überwiegend aus geschotterten Dammwegen, die über weite Strecken nicht asphaltiert sind. Das macht die Route ruhig und bei trockenem Wetter angenehm zu fahren, denn Autoverkehr gibt es kaum, nur gelegentlich Fahrzeuge der Land und Forstwirtschaft sowie der Wasserwirtschaft. Es hat aber Folgen für die Wahl des Rades: Rennräder und Handbikes kommen auf dem Schotter nicht uneingeschränkt zurecht, Trekkingräder und Elektroräder passen besser. Mit Kindern und Gepäck ist das Tempo auf Schotter niedriger als auf Teer. Nach starkem Regen oder bei Hochwasser entstehen Pfützen und mancherorts Sperrungen, asphaltierte Alternativen sind in der Regel vorhanden. Der Weg wurde 2016 für 135.000 Euro neu beschildert und hergerichtet und ist seitdem in beide Richtungen durchgehend markiert, an vielen Stellen mit gelben Schildern unmittelbar am Ufer. Wegen der Überschwemmungsgefahr und der wechselnden Flussseiten lohnt ein Blick auf die Karte, bevor die Tour beginnt, denn an mehreren Stellen steht die Wahl zwischen dem linken und dem rechten Ufer offen, und je nach Wahl liegen andere Sehenswürdigkeiten am Weg.
Vor der Tour lohnt es sich, einige Punkte zu klären, die Dauer und Anstrengung bestimmen und sich bei der Planung nicht übergehen lassen:
- Die Fahrtrichtung von Süd nach Nord spart Kraft, weil das Gelände in dieser Richtung leicht abfällt.
- Bahnstationen entlang der Strecken Kempten Neu-Ulm, Buchloe Lindau und Immenstadt Oberstdorf erlauben es, einzelne Etappen als Tagesausflug zu fahren.
- Auf den ersten Kilometern ab dem Illerursprung läuft der Europäische Fernwanderweg E5 auf derselben Trasse, Rücksicht auf Fußgänger ist hier gefragt.
- Zwischen Senden und Ulm deckt sich der Weg weitgehend mit dem Main Donau Bodensee Weg des Schwäbischen Albvereins.
- Kinder ab etwa acht Jahren kommen auf den Dammwegen gut zurecht.