Im März 1525 trafen sich in Memmingen rund fünfzig Vertreter dreier Bauernhaufen und einigten sich auf ein Papier, das binnen zwei Monaten 25.000 Mal gedruckt wurde. Für ein Jahrhundert ohne Zeitungen und Telefone ist das eine erstaunliche Zahl. Zwölf Forderungen standen darin, und sie gelten bis heute als eine der frühesten niedergeschriebenen Forderungen nach Freiheitsrechten in Europa. Der Allgäuer Haufen war einer der Träger dieser Vereinigung. Was als Versammlung auf Wiesen und in Dorfwirtschaften begann, endete im Juli 1525 mit brennenden Höfen, Gefangenen in einer Kirche und Hinrichtungen.
Der Bauernkrieg im Allgäu dauerte nur wenige Monate, und doch zeigt er, wie eng Herrschaft, Glaube und tägliches Leben in einer Landschaft aus Dörfern, Klöstern und Fürststiften verflochten waren. Vorausgegangen war ein Druck, der sich über Jahre aufgebaut hatte. Im Gebiet des Fürststifts Kempten lebten viele Bauern in Abhängigkeit vom Stift und mussten Abgaben leisten. Aus dieser Lage erwuchs eine Bewegung, die sich auf eigene Versammlungen, Ausschüsse und schließlich ein überregionales Bündnis stützte.
Das Fürststift und seine Untertanen vor 1525
Das Stift Kempten war nicht irgendeine Grundherrschaft, sondern ein Fürststift mit weltlicher Macht über ein weites Gebiet, geführt von einem Fürstabt. Im Jahr 1525 stand Sebastian von Breitenstein an der Spitze, der das Amt von 1523 bis 1536 innehatte. Seine Untertanen waren Bauern, die Land vom Stift bewirtschafteten und dafür Abgaben und Dienste schuldeten. Über Streitigkeiten dieser Art wurde im Allgäu schon lange gerungen, und lange vor 1525 hatten sich Bauern der Stiftslande versammelt, um ihre Beschwerden vorzubringen. Der Weg führte so über Jahrzehnte von einzelnen Versammlungen zu einer Bewegung. Eine dieser Versammlungen fand bereits 1491 vor dem Stift unter Jörg Hug aus Untrasried statt.
Als die Reformation neue Vorstellungen von Gewissen und Gleichheit vor Gott verbreitete, bekamen die alten Beschwerden eine religiöse Begründung. Das Evangelium wurde zum Maßstab, an dem sich Abgaben und Herrschaftsrechte messen lassen sollten. Diese Verbindung von sozialer Not und biblischer Berufung gab der Bewegung ihre Wucht, denn sie erlaubte es, Forderungen nicht als Auflehnung, sondern als Rückkehr zu einer gerechten Ordnung zu formulieren. Je mehr Prediger in Städten wie Memmingen diesen Gedanken aufgriffen, desto breiter wurde der Kreis derer, die sich angesprochen fühlten.
Januar bis März 1525 der Haufen formiert sich
Im Januar 1525 ging es Schlag auf Schlag. In Obergünzburg fand eine Versammlung statt, danach in Leubas bei Kempten unter Führung von Jörg Schmid, und im Februar traf sich in Sonthofen eine große Menge, verstärkt von Landsknechten, also bezahlten Söldnern. Am 4. März bildete sich in Kempten ein Ausschuss, und zum Hauptmann des Allgäuer Haufens wurde Walther Bach von Oy.
Ein Haufen war kein Heer im modernen Sinn, sondern ein Zusammenschluss bewaffneter Bauern, die sich nach Landschaften gliederten. Neben dem Allgäuer Haufen standen der Baltringer Haufen und der Bodensee-Haufen, benannt nach ihren Herkunftsregionen. Aus lokalen Zusammenschlüssen entwickelte sich so ein Bündnis, das Landschaftsgrenzen überschritt.
Am 23. Januar stieß in Leubas Jörg Täuber aus Heising als Verbündeter dazu, und Jörg Schmid wurde zu einer zentralen Gestalt der Landschaft. Die Zahl der Beteiligten war beträchtlich. Bei der Versammlung in Sonthofen am 14. Februar kamen zwischen 7000 und 9000 Mann zusammen, ein Vielfaches der Einwohner mancher Märkte der Gegend.
Zwölf Artikel und die Kraft des Drucks
Am 6. März 1525 kamen rund 50 Vertreter der drei Haufen in Memmingen zusammen und gründeten die Christliche Vereinigung. Schon am 15. März hatte es ein weiteres Treffen gegeben, ehe am 20. März der Durchbruch gelang. Am 20. März wurden dort die Zwölf Artikel und eine Bundesordnung beschlossen. Als Schriftführer wirkte Sebastian Lotzer, als Verfasser der Artikel gelten er und möglicherweise der Prediger Christoph Schappeler, die Zuschreibung ist unter Fachleuten allerdings umstritten.
Zu den Forderungen gehörten:
- Gemeinden sollen ihre Pfarrer selbst wählen dürfen.
- Abgaben und Dienste sollen gemildert werden.
- Strafen sollen nicht mehr nach Willkür verhängt werden.
Das Besondere war der Druck: In zwei Monaten erschienen 25.000 Exemplare, damit überall im Land bekannt wurde, wofür die Bauern standen. Ein Papier, das in Wirtshäusern vorgelesen und von Hand zu Hand gereicht wurde, erreichte auch Menschen, die selbst nicht lesen konnten. Zugleich war das Programm ein Dokument des Ausgleichs. Die Verfasser beriefen sich auf das Evangelium und erklärten sich bereit, jede Forderung fallen zu lassen, die sich durch die Heilige Schrift widerlegen ließe. So wurde aus einer Beschwerdeliste ein Argument, das Gelehrte und Prediger ernst nehmen mussten.
April 1525 die Plünderung des Fürststifts
Während in Memmingen verhandelt wurde, besetzten Bauern das Stift. Am Karfreitag, dem 2. April 1525, begann die Belagerung der Burg Liebenthann, und am 9. April ergab sich der Fürstabt vor dem Kemptener Rat. Neben dem Fürststift bestand in Kempten eine Reichsstadt mit eigenem Rat, und das Nebeneinander von Stiftsstadt und Reichsstadt machte die Lage vor Ort unübersichtlich. Jörg Schmid erhielt für seine Dienste 300 Gulden, zwei Pferde und Bettzeug. Das Fürststift wurde geplündert. Kirchengerät und andere Wertsachen im Wert von 60.000 Gulden wurden unter 140 Pfarrgemeinden verteilt, und der Abtstab ging für gerade einmal 50 Gulden weg, ein Preis, der den Bruch mit der alten Ordnung deutlicher macht als jede Rede.
Für die Aufständischen war das ein Höhepunkt, zugleich aber der Moment, in dem ihre Lage gefährlicher wurde. Die Plünderung eines Fürststifts war ein Angriff auf geistliche und weltliche Macht zugleich, und die Gegner reagierten. Der Schwäbische Bund, ein Zusammenschluss von Fürsten und Städten, stellte ein Heer unter Georg Truchseß von Waldburg auf. Am 4. April 1525 besiegte dieser bei Leipheim an der Donau einen Bauernhaufen, über tausend Bauern kamen ums Leben. Der Schlag zeigte, wie ungleich die Kräfte verteilt waren, denn den Bauern fehlten Reiterei, Geschütze und erfahrene Befehlshaber.
Juli 1525 Rückzug und Niederlage
Im Mai wechselte das Kommando. Walther Bach von Oy wurde am 10. Mai abgesetzt, und Paulin Probst von Ettwiesen übernahm die Führung. Die Stimmung unter den Bauern war uneinheitlich, ein Teil wollte kämpfen, ein anderer verhandeln, und der Weingartner Vertrag mit dem Schwäbischen Bund sorgte für Unsicherheit, denn einige sahen sich an ihn gebunden, andere nicht.
Am 3. Juni zog Georg von Frundsberg in Füssen ein, und der Truchseß erhielt 3000 erfahrene Landsknechte. Wenige Wochen später stand er mit einem Heer vor den Allgäuer Bauern. In der Nacht auf den 15. Juli räumte Walther Bach von Oy seine Stellung, und der Rest des Haufens sammelte sich auf dem Kohlenberg bei Sulzberg. Der Truchseß ließ Leubas, Ursulasried, Leupolz und Betzigau niederbrennen, insgesamt 200 Bauernanwesen. Bei Durach kapitulierten die Bauern auf dem Duracher Feld, und die Sieger sperrten Rädelsführer in der Kirche ein. Zu den Zahlen des Jahres gehört auch ein Mangel: Im Juli fehlte es dem Haufen an Verpflegung und Munition, was die Standfestigkeit zusätzlich schwächte. Die wichtigsten Zahlen im Überblick:
| Ereignis | Datum | Zahl |
|---|---|---|
| Großversammlung in Sonthofen | 14. Februar 1525 | 7000 bis 9000 Mann |
| Gründung der Vereinigung in Memmingen | 6. März 1525 | rund 50 Vertreter |
| Druck der Zwölf Artikel | März bis Mai 1525 | 25.000 Exemplare |
| Plünderung des Fürststifts | April 1525 | 60.000 Gulden, 140 Pfarrgemeinden |
| Ankunft in Wolfertschwenden | 11. Juli 1525 | 6000 Landsknechte, 1500 Reiter |
| Bestrafung bei Durach | Juli 1525 | 70 Rädelsführer, 18 Enthauptungen |
Was von 1525 bleibt
Jörg Schmid floh nach Rankweil in Vorarlberg, wurde dort verraten, in Bludenz verhört und gefoltert. Am 21. Januar 1526 wurde er zusammen mit Conz Wirt zwischen Bregenz und Lochau an einer Eiche gehängt. Für die Beteiligten endete der Aufstand mit Härte, die Rädelsführer von Durach, 70 an der Zahl, hatten zuvor in der Kirche auf das Urteil gewartet, 18 von ihnen wurden gleich enthauptet.
Die Reihenfolge der wichtigsten Termine bis zum Ende der Geschichte lässt sich so festhalten:
- 9. Januar 1525: Obergünzburg, Versammlung der Bauern.
- 23. Januar 1525: Leubas, Treffen unter Jörg Schmid.
- 14. Februar 1525: Sonthofen, Großversammlung.
- 6. und 20. März 1525: Memmingen, Gründung der Vereinigung und Beschluss der Artikel.
- 2. und 9. April 1525: Kempten, Belagerung der Burg und Übergabe des Fürstabts.
- 11. und 15. Juli 1525: Wolfertschwenden und Kohlenberg, Entscheidung.
- 21. Januar 1526: Bregenz, Hinrichtung Jörg Schmids.
Als Erbe bleibt zweierlei. Die Zwölf Artikel gelten als Meilenstein der Freiheitsgeschichte, und im Allgäu erinnern Ortsnamen und Gedenkorte an die Männer, die sich in Memmingen für Gemeindefreiheit und gerechtere Abgaben einsetzten. Wie sich die Dörfer des Allgäus in den folgenden Jahrhunderten wandelten, erzählt der Beitrag über die Vereinödung im Allgäu. Ein Spaziergang durch die Gegend um Leubas führt heute an Feldern und Siedlungen vorbei, nicht an Kampfstätten, doch die Spuren von 1525 liegen in Dokumenten, Straßennamen und einer Haltung, die auf Mitsprache pocht. Naheliegend ist, dass gerade hier, wo Höfe weit auseinanderliegen und jede Gemeinde ihre eigenen Rechte hütete, der Gedanke an Selbstbestimmung Wurzeln schlug.