Gipfelkreuze in den Alpen und wie sie auf den Berg kamen

Auf fast jedem nennenswerten Gipfel der Ostalpen steht ein Kreuz, und selten fragt jemand, wie es dorthin kam. Allein in Österreich sind es wohl viertausend, im gesamten Alpenraum könnten es um die zehntausend sein, wobei die Schätzungen weit auseinandergehen, weil viele Kreuze in keiner Liste stehen. Ein Holzkreuz auf einem Grat im Oberallgäu ist damit Teil einer Masse, die sich kaum zählen lässt. Es trägt Handwerk, Glauben, Heimatgefühl und manchmal auch Streit in sich, und seine Geschichte beginnt weit vor der Zeit, in der Bergsteigen ein Freizeitvergnügen wurde.

Verbreitet ist die Annahme, die Kreuze seien so alt wie das Christentum in den Bergen. Das stimmt nur zum Teil. Frühe Belege gibt es, doch der Großteil der heutigen Kreuze ist jung, und ein einzelnes Kreuz überlebt selten länger als zwei Jahrzehnte. Wie aus Wetterzeichen, Grenzmarken und Dankeszeichen das Gipfelkreuz wurde, das heute jeder kennt, erzählen einige Jahreszahlen, einige Gewichte und eine Debatte, die bis heute nicht beendet ist. Auch im Oberallgäu gilt, was für die übrigen Ostalpen gilt: Ein Kreuz auf dem Berg ist ein Gemeinschaftswerk, das in Vereinen und Gemeinden beschlossen wird.

Goldenes Kreuz auf einem Felsgipfel vor blauem Himmel mit Wolken und Bergketten

Vom Wetterkreuz zum Zeichen auf dem Gipfel

Je nach Quelle beginnt die Geschichte schon im dreizehnten Jahrhundert. Als frühes Kreuz gilt das Confin Kreuz auf der Malser Haide in Südtirol, das als Grenzmarkierung diente. Als frühes Beispiel eines christlich gemeinten Gipfelkreuzes nennt der Alpenverein den Mont Aiguille: 1492 stieg dort Antoine de Ville mit rund einem Dutzend Begleitern auf das Plateau, und es wurden drei Kreuze aufgestellt. Zwischen den beiden Angaben besteht ein Widerspruch, der sich mit den vorhandenen Angaben nicht auflösen lässt, und deshalb bleibt offen, welches Kreuz als erstes gelten darf. Größere Bedeutung bekam die religiöse Symbolik wohl erst im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648, als vermehrt Holzkreuze aufgestellt wurden. Gebaut waren sie meist aus Ästen, die vor Ort zu finden waren, und sie sollten Unwetter, Sturm und Hagel von den Tälern fernhalten. Deshalb hießen sie Wetterkreuze. Der Krieg dauerte 30 Jahre, und die Kreuze dieser Zeit waren Zeugnisse einer Epoche, in der das Wetter über Ernte und Überleben entschied. Auf manchen Wetterbergen fanden Gebetsrituale statt, um mildes Wetter zu erbitten. Zu dieser Zeit waren die Gipfelkreuze entfernte Verwandte der Wegkreuze aus den Tälern, die weiter den Berg hinaufgewandert waren.

Warum die Ostalpen mehr Kreuze tragen als die Westalpen

Dass ein Gipfel in den Französischen Alpen früh ein Kreuz bekam, ist eher die Ausnahme. Im Westen des Gebirges, in der Schweiz, in Frankreich und in Italien, haben reformierte Traditionen mehr Gewicht, darunter die der Waldenser, und religiöse Symbole stehen dort seltener auf Bergen. Die Ostalpen in Österreich, Bayern und Südtirol sind dagegen katholisch geprägt, und dort hat das Kreuz auf dem Gipfel seine Heimat gefunden. Bei grob 4000 Kreuzen in Österreich und etwa 10.000 im ganzen Gebirge entfallen rechnerisch rund 40 Prozent auf ein einziges Land, und die übrigen 6000 Kreuze verteilen sich auf alle anderen Länder und Gebirgsteile. Im 18. Jahrhundert setzten Adelige zunächst Fahnenmasten auf die Gipfel, um den Erfolg ihrer Besteigung zu zeigen. Die Antwort, die zu den Gemeinschaften der Täler besser passte, war das Kreuz. Aus dem persönlichen Gipfelzeichen wurde ein gemeinsames Zeichen, das Vereine und Pfarreien pflegten, und das Kreuz verband Gipfelerfolg, Glauben und Wetterschutz in einer einzigen Form. Im Allgäu, dessen Berge zu den Ostalpen zählen, gilt dasselbe, und das Muster ist über die Bundesländergrenzen hinweg gleich: Die Gemeinschaft stellt das Kreuz auf, die Gemeinschaft erneuert es.

  1. 1492 Drei Kreuze auf dem Mont Aiguille
  2. 1618 bis 1648 Mehr Holzkreuze im Dreißigjährigen Krieg
  3. 1799 Kreuz auf dem Kleinglockner
  4. 1800 Erste Besteigung des Großglockners
  5. 1851 Vergoldetes Kreuz auf der Zugspitze
  6. Anfang 2024 Denkmalschutz für das Kreuz am Großglockner

Gewichte und Teile bekannter Kreuze

Ein Gipfelkreuz muss tragbar sein, und wie das gelang, zeigen Zahlen zu einigen berühmten Beispielen.

Am Großglockner stand 1799 ein provisorisches Kreuz auf dem Kleinglockner, ein Jahr bevor der Hauptgipfel bestiegen wurde.

Es gilt wohl als das erste Kreuz im Ostalpenraum, doch diese Aussage trifft der Alpenverein nur vorsichtig.

KreuzOrtAngabe
KaiserkreuzGroßglockner, 3798 Meter60 eiserne Teile, zusammen etwa 300 Kilogramm
Original von 1851Zugspitze28 Einzelteile, von Beginn an vergoldet
HolzpietàSchönfeldspitzeHolz, vom Bildhauer Anton Thuswalder
HeldenkreuzCaraiman Spitze, Karpaten39,5 Meter samt Fundament, größtes Gipfelkreuz der Welt

Beim Kaiserkreuz am Großglockner lohnt eine Rechnung. Jedes der 60 Bauteile wiegt höchstens 16 Kilogramm. Wären alle Teile so schwer gewesen, hätte das Kreuz 960 Kilogramm gewogen, tatsächlich sind es etwa 300 und damit knapp ein Drittel davon. Im Mittel wiegt ein Teil also 5 Kilogramm, und die meisten sind deutlich leichter als das Maximum, was für den Aufstieg zu Fuß ausschlaggebend war. Zwischen der Besteigung des Großglockners 1800 und dem Zugspitzkreuz von 1851 liegen 51 Jahre. Auf der Zugspitze, die 2962 Meter erreicht und damit 836 Meter niedriger liegt als der Glockner, wurden 1851 insgesamt 28 Teile getragen. Beide Kreuze entstanden ohne Hubschrauber, und der Weg in die Höhe war reine Muskelarbeit. Rechnerisch hätten vier Träger je 75 Kilogramm tragen müssen, um die 300 Kilogramm des Glockner Kreuzes in einem Zug nach oben zu bringen, bei zehn Trägern wären es 30 Kilogramm pro Person gewesen. Die Holzpietà auf der Schönfeldspitze zeigt außerdem, dass nicht alle Gipfelzeichen schlichte Kreuze sind. Das erklärt, warum die Kreuze in so viele kleine Teile zerlegt wurden, und warum sich der Aufstieg mit einem Kreuz im Gepäck überhaupt bewältigen ließ.

Pflege der Kreuze und die Zahl der Neuaufstellungen

Aufsteller sind Sektionen des Alpenvereins, Burschenvereine, Kirchengemeinden und Privatinitiativen. Meist gilt ein Gewohnheitsrecht: Die Gruppe, die das letzte Kreuz aufgestellt hat, sorgt auch dafür, dass ein neues hinaufkommt; Angaben zu Kosten und Zuständigkeiten fehlen in den vorliegenden Darstellungen. Rauhe Witterung in den Bergen nagt am Holz, deshalb wird ein Gipfelkreuz im Normalfall alle zehn bis zwanzig Jahre ausgetauscht.

Über ein Jahrhundert gerechnet braucht ein einzelner Gipfel also fünf bis zehn Kreuze, und ein Kreuz, das seit 1950 an derselben Stelle steht, ist heute mindestens das vierte, womöglich das achte seiner Reihe. Für die geschätzten 4000 Kreuze in Österreich bedeutet das rechnerisch 200 bis 400 neue Kreuze pro Jahr, wenn alle regelmäßig erneuert würden. Beim Mittelwert von 15 Jahren sind es etwa 267 Kreuze im Jahr, also mehr als fünf in jeder Woche.

Viele wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aufgestellt, häufig aus Dank für die Heimkehr. Mit dem Hubschrauber wurde der Transport später einfacher, und es entstand ein Wettbewerb um größere und aufwendigere Kreuze. Das Kreuz am Großglockner steht seit Anfang 2024 unter Denkmalschutz, als erstes, höchstes und bislang einziges denkmalgeschütztes Gipfelkreuz Österreichs.

Streit um das Kreuz und was es über Heimat verrät

Nicht alle sehen das Kreuz gleich. Reinhold Messner kritisierte 2016, die Berge sollten nicht zu religiösen Zwecken möbliert werden. Im Sommer 2016 wurden mehrere Gipfelkreuze in der Gegend um Bad Tölz schwer beschädigt, und im November desselben Jahres wurde das neue Kreuz auf dem Schafreuter weniger als zwei Monate nach der Aufstellung umgesägt.

Für viele Mitglieder des Alpenvereins ist das Kreuz dagegen eher Kulturgut als religiöses Symbol, und an manchen Kreuzen hängen tibetische Gebetsfahnen, was der Alpenverein nicht als Konflikt bezeichnet. In Tirol wurden Kreuze nach der Teilung Südtirols zeitweise mit anti italienischen Botschaften versehen, ein Beispiel dafür, wie schnell ein Zeichen für andere Zwecke gebraucht wird. Die genannten Vorfälle stammen aus einem einzigen Jahr, doch sie zeigen, wie viel Gefühl an einem Stück Holz hängt.

Der Streit zeigt, dass ein Gipfelkreuz mehr ist als eine Wegmarke. Es steht für Orientierung, für Dank und für die Frage, wem ein Berg gehört, und diese Fragen werden von Gemeinde zu Gemeinde verschieden beantwortet. Für den Blick am Gipfel gibt es einige Punkte, die den Eindruck verändern.

  • Das Alter eines Kreuzes ist meist gering, denn Holz hält nur zehn bis zwanzig Jahre.
  • Die Zahl der Kreuze lässt sich nur schätzen, weil viele nirgends erfasst sind.
  • Ein aufgestelltes Kreuz verpflichtet die Aufsteller über Jahrzehnte.
  • Der Denkmalschutz am Großglockner zeigt, dass ein Kreuz als Kulturgut gelten kann.

Zur Frage, wie Heimat entsteht, passt der Beitrag über Heimweh als Krankheit und den Ruf der Alpen, und dass auch Berge ihre Zeichen im Landstrich hinterlassen, zeigt die Geschichte vom Bergbau am Grünten.