Der südlichste Punkt Deutschlands ist kein Gipfel, kein Ort und auch kein Kreuz, sondern ein Grenzstein mit der Nummer 147 am Haldenwanger Eck in der Gemeinde Oberstdorf. Er steht auf 1883 Metern Höhe, etwa 17 Kilometer südwestlich des Ortskerns, und markiert das Dreiländereck von Bayern, Tirol und Vorarlberg. Am Stein selbst gibt es weder Aussichtsplattform noch Parkplatz, denn der Punkt ist nur über eine Bergtour zu erreichen, und die Zufahrtsstraße dürfen motorisierte Fahrzeuge nur von Anwohnern benutzt werden. Der Stein liegt damit 1079 Meter unter dem Gipfel der Zugspitze, die als höchster Punkt Deutschlands 2962 Meter misst, und beide Extreme liegen in Bayern.
Auf den ersten Blick wirkt die Frage nach dem südlichsten Punkt eindeutig. Beim Nachlesen tauchen jedoch mehrere Zahlen, mehrere Steine und zwei Namen auf, die sich überlagern. Das Haldenwanger Eck wird mit 1931 Metern angegeben, der Grenzstein mit 1883, und der Biberkopf mit 2599 Metern wird gelegentlich als südlichster Punkt bezeichnet, obwohl er weiter im Norden liegt. Wie sich diese Angaben ordnen lassen und was der Weg zum Stein tatsächlich verlangt, zeigt der Blick auf Grenzsteine, Koordinaten und Tourenzeiten.

Eck, Stein und Berg im Vergleich
Der Name Haldenwanger Eck bezeichnet eher das Gebiet zwischen dem Haldenwanger Kopf und dem Gehrner Berg als einen einzelnen Punkt. Er leitet sich aus den althochdeutschen Wörtern halda für Abhang und wang für Gefilde ab und hat mit der Gemeinde Haldenwang nichts zu tun. Die Anhöhe selbst misst 1931 Meter und trägt den Grenzstein 149. Wenige hundert Meter südöstlich liegt auf 1883 Metern der Grenzstein 147, an dem tatsächlich die südlichste Stelle Deutschlands liegt.
Der Stein 148 steht an der Ecke, wo die Grenze etwa rechtwinklig abbiegt. Zwischen Anhöhe und Stein liegen 48 Höhenmeter, und genau diese Differenz erklärt, warum in Beschreibungen mal 1931 und mal 1883 Meter stehen. Der Stein selbst ist eine Granitsäule, die 1986 auf Initiative des Landes Vorarlberg errichtet wurde und den alten Grenzstein von 1844 ersetzte.
Der historische Stein wurde gesichert und dem Bayerischen Landesvermessungsamt übergeben. Zwischen beiden Steinen liegen 142 Jahre. Der Biberkopf, den manche Beschreibungen als südlichsten Punkt führen, liegt rund 110 Meter weiter nördlich und überragt den Stein um 716 Meter, weil er 2599 Meter hoch ist. Als Gipfel ist er auffälliger, als Grenzpunkt aber nachrangig.
Die vier Ecken Deutschlands im Zahlenvergleich
Das Eck ist einer von vier Extrempunkten, die das Staatsgebiet umschließen.
Die Lage lässt sich an Breiten und Längen ablesen.
| Richtung | Ort | Lage |
|---|---|---|
| Norden | Ellenbogen bei List auf Sylt | 55 Grad 3 Minuten Nord |
| Süden | Grenzstein 147 am Haldenwanger Eck | 47 Grad 16 Minuten Nord |
| Westen | Isenbruch bei Selfkant in Nordrhein Westfalen | 5 Grad 52 Minuten Ost |
| Osten | Neißeaue im Landkreis Görlitz | 15 Grad 3 Minuten Ost |
Beim Norden gibt es mehrere Antworten: Der Ellenbogen ist der nördlichste Landpunkt, die Seegrenze bei Sylt liegt auf 55 Grad 5 Minuten noch weiter nördlich, und auf dem Festland ist es der Rickelsbüller Koog bei 54 Grad 54 Minuten. Der Süden ist dagegen mit dem Stein eindeutig bestimmt, es gibt keine Seegrenze und keine Festlandsvariante. Aus den Werten der Tabelle lässt sich die Ausdehnung des Landes überschlagen. Zwischen dem Ellenbogen und dem Eck liegen knapp 7,8 Breitengrade, und ein Breitengrad entspricht rund 111 Kilometern, was gut 865 Kilometer in Nord Süd Richtung ergibt. In West Ost Richtung beträgt der Unterschied etwa 9,2 Längengrade, die auf 51 Grad Nord je rund 70 Kilometer messen, also gut 640 Kilometer. Deutschland ist damit gut 220 Kilometer länger als breit. Der tiefste Punkt liegt bei Neuendorf nahe Wilster mit minus 3,54 Metern, der höchste auf der Zugspitze mit 2962 Metern; die Höhendifferenz zwischen dem tiefsten und dem höchsten Punkt beträgt damit rund 2966 Meter.
Rechenbeispiel zu Weg und Tempo
Der Weg zum Stein lässt sich auf zwei Arten angehen, und die Zahlen unterscheiden sich stark. Die Rundwanderung ab dem Parkplatz Jägeralp Express bei Hochkrumbach nahe Warth in Vorarlberg misst 15,35 Kilometer, die Gehzeit wird mit gut fünf Stunden angegeben, und der höchste Punkt ist die Obere Hirschgehrenalpe auf 1911 Metern. Die Tour ab Oberstdorf über Birgsau, Buchrainer Alpe, Speicherhütte und Trifthütte ist als Rad und Bergtour mit 37,3 Kilometern und sieben Stunden beschrieben. Die Wanderung wird als schwer eingestuft, der Wegzustand dagegen als gut.
Zur Schwierigkeit gibt es damit zwei Antworten: Die Wege sind in Ordnung, aber die Länge von mehr als fünf Stunden Gehzeit und der Anstieg machen den Anspruch aus. Zu den Bergen am Weg zählen der Haldenwanger Kopf mit 2002 Metern, die Widdersteine und der Schrofenpass mit 1689 Metern, und von der Oberstdorfer Seite aus ist unterwegs die Trettachspitze zu sehen. Die Rundwanderung führt von Warth aus über die Trifthütte und den Schrofenpass und bleibt dabei auf einer Höhe, die nirgends in die Region der großen Gipfel reicht, denn der höchste Punkt liegt bei 1911 Metern.
- Rundwanderung ab Hochkrumbach: 15,35 Kilometer durch 5 Stunden 8 Minuten ergeben ein Tempo von rund 3 Kilometern pro Stunde.
- Tour ab Oberstdorf: 37,3 Kilometer durch 7 Stunden ergeben rund 5,3 Kilometer pro Stunde, weil ein Teil der Strecke mit dem Rad zurückgelegt wird.
- Streckenvergleich: Die Tour ab Oberstdorf ist mit 37,3 Kilometern rund zweieinhalbmal so lang wie die Wanderung mit 15,35 Kilometern.
- Zeitvergleich: Bei 3 Kilometern pro Stunde würden die 37,3 Kilometer zu Fuß rund 12,4 Stunden dauern, die Radetappen sparen demnach rechnerisch mehr als fünf Stunden.
- Höhenunterschied: Von der Hirschgehrenalpe mit 1911 Metern zum Stein mit 1883 Metern geht es 28 Meter bergab.
Grenzfälle bei Lage und Zugang
Bei den Angaben zum Eck widersprechen sich die Quellen an mehreren Stellen, und nicht alle Widersprüche lassen sich auflösen. Das beginnt bei der Zuordnung zum Gebirge: Das Eck liegt in den Allgäuer Alpen, im Quellgebiet des Rappenalpenbachs, der Oberlauf der Stillach ist, während eine Kartenangabe es auf ein Blatt der Lechtaler Alpen legt, nämlich auf die Alpenvereinskarte mit dem Titel Lechtaler Alpen, Arlberggebiet. Ein Kartenblatt ordnet also anders zu, als es die Gebirgsgliederung tut. Die Trifthütte, die früher Haldenwanger Hütte hieß, liegt auf 1742 Metern etwa 400 Meter südsüdwestlich, gilt aber als südlichstes Gebäude Deutschlands. Die Zufahrtsstraße zum Gebiet ist für den allgemeinen Verkehr gesperrt, nur Anwohner dürfen sie mit Fahrzeugen benutzen. Ein Auto bringt Besucher deshalb nur bis zum Beginn der Wege, den Rest legen sie zu Fuß oder mit dem Rad zurück. Das gilt sowohl für den Anstieg aus dem Stillachtal als auch für die Variante über Vorarlberg. Als Variante des Namens kommt auch Haldenwanger Egg vor, die Bezeichnung Eck ist aber die gebräuchliche. Die Pfade von der deutschen Seite gelten dagegen als selten begangen und nur teilweise gepflegt.
- Der südlichste Punkt ist ein Grenzstein und kein Gipfel, die Höhe von 1883 Metern gehört zum Stein, die von 1931 zur Anhöhe.
- Die Pfade zum Eck werden selten begangen und sind nur teilweise präpariert und markiert, eine topografische Karte wird empfohlen.
- Ob der Grenzstein 147 oder die Anhöhe als Eck bezeichnet wird, hängt von der Quelle ab.
- Der Name Haldenwanger Eck gehört zur Gemeinde Oberstdorf im Landkreis Oberallgäu.
Warum der Punkt trotzdem ein Ziel ist
Dass Wanderer 15 oder sogar 37 Kilometer auf sich nehmen, um einen Stein zu sehen, liegt am Reiz der Grenze. Ein Punkt, der in einer Liste von Extremen steht, übt eine Anziehung aus, die ein Gipfel mit gleicher Höhe nicht hätte. Der Reiz liegt auch im Zahlenspiel: Wer den Stein erreicht, steht am Süden eines Landes, das von dort bis zum Ellenbogen auf Sylt gut 865 Kilometer misst. Hinzu kommt die Lage im Quellgebiet des Rappenalpenbachs, abseits der großen Bahnen, wo der Allgäuer Hauptkamm den Horizont bestimmt.
Die Nachbarschaft zu Österreich zeigt sich hier im Kleinen: Der Ausgangspunkt der Rundwanderung liegt bei Warth jenseits der Grenze. Im weiteren Umfeld liegen das Geißhorn mit 2366 Metern, rund zwei Kilometer nördlich, und den Biberkopf mit 2599 Metern, vier Kilometer östlich. Beide überragen den Stein deutlich, das Geißhorn um 483 Meter und der Biberkopf um 716 Meter. Mehr über das Tal auf der anderen Seite der Berge steht im Beitrag über das Kleinwalsertal als Tal zwischen zwei Staaten, und der Ort mit der südlichsten Lage ist in Oberstdorf als südlichstes Reiseziel beschrieben.