Bergheuen bei Oberstdorf und die Arbeit am steilen Hang

Ende Juli, vor Sonnenaufgang, verlässt eine Gruppe von Männern den Ort und geht talein, mit Sensen, Rechen, Seilen und Proviant auf dem Rücken. Der Weg führt ins Oytal und weiter hinauf bis über die Baumgrenze, wo Gras die einzige Pflanzendecke bildet, die in der Steilheit hält. Dort liegen die Bergwiesen, die einmal im Jahr gemäht wurden und deren Heu im Winter für das Vieh im Tal gebraucht wurde. Mehrere Tage blieb die Gruppe oben, schlief im Zelt oder früher in einer Hütte aus hinaufgetragenen Brettern und kehrte erst zurück, wenn alles Heu zu Bündeln geschnürt und ins Tal geschafft war.

Diese Arbeit hieß Bergheuen oder Wildheuen, und sie bestimmte über Jahrhunderte das Sommerende bei Oberstdorf. Die Gemeinde zählt rund 9300 Einwohner und erstreckt sich über 230 Quadratkilometer, sie ist damit die drittgrößte Gemeinde Bayerns. Ein erheblicher Teil dieser Fläche liegt in Höhen, in denen an Landwirtschaft im üblichen Sinn nicht zu denken ist. Dennoch wurde jede Fläche genutzt, die Gras trug und sich irgendwie erreichen ließ. Wie das Heuen ablief und warum der Aufwand lohnte, beschreibt der folgende Text, der keine Gefahrenlehre sein will, sondern eine Beschreibung einer Arbeit, die kaum noch jemand kennt.

Wie eine Bergwiese zu ihren Mähern kam

Die steilen Flächen gehörten häufig nicht den einzelnen Höfen, sondern der Gemeinde. Landwirte pachteten sie für ein Jahr oder länger und durften dort mähen. Das System sicherte, dass auch kleine Betriebe an Futter kamen, die im Tal nur wenige Wiesen besaßen. Die Gemeinde blieb dabei Eigentümerin, und die Bauern bekamen das Recht zur Mahd auf Zeit, so wie sie auch Weiderechte auf den Alpen kannten.

Die Wiesen lagen meist über der Waldgrenze, die in den Allgäuer Alpen grob bei 1700 bis 1800 Metern verläuft. Dort wächst ein anderes Gras als im Tal. Es ist kürzer, durchsetzt mit Kräutern, und weil es nur einmal im Jahr geschnitten wird, kann es die Samen ausreifen lassen und damit die Wiese erhalten. Landwirte schätzten dieses Heu, weil es als nahrhaft galt und im Winter die Milch der Kühe bei knappem Futter stützte. Ein Stück Bergwiese bedeutete einen zusätzlichen Vorrat, der unabhängig von den Talwiesen anfiel.

Grasberge wie die Höfats zeigen, wie steil die Hänge im Oberallgäu sein können, auf denen Gras gedeiht. Der Berg ragt bis auf 2259 Meter, hat vier schmale Gipfel und Flanken, an denen Gras bis in die Gipfelregion wächst. Dass in solchem Gelände eine Wiese zur Ernte taugt, überrascht jeden, der es zum ersten Mal sieht. Die Steilheit ist zugleich der Grund, warum Maschinen dort nie ankamen und Handarbeit bis ins zwanzigste Jahrhundert die einzige Methode blieb.

Sense, Wetzstein und eine Handvoll Proviant

Das Gepäck bestand aus wenigen, aber unverzichtbaren Dingen. Aufgezählt wird es hier als Liste, weil jede Position eine eigene Aufgabe hatte:

  • Eine kurzblättrige Sense, die auf Steilhängen handlicher ist als das lange Blatt der Talwiesen.
  • Ein Wetzstein und ein Dengelstock samt Hammer, mit dem die Schneide immer wieder dünn geschlagen wurde.
  • Rechen und Gabeln aus Holz zum Wenden und Bündeln.
  • Seile und Holzringe, mit denen die großen Bündel geschnürt wurden.
  • Steigeisen für die Füße und eine Pfanne für das Essen.
  • Mehl, Schmalz, Salz, Käse, Brot und Zwiebeln, dazu wild wachsender Schnittlauch.

Die Verpflegung war schlicht: Mehl, Schmalz, Käse, Brot und Zwiebeln ließen sich leicht tragen und machten satt, und die Pfanne war die ganze Küche. Früher trugen die Männer die Bretter für eine Hütte mit hinauf und bauten sie an der gleichen Stelle wieder auf, über Jahre hinweg, bis von der Hütte nur noch die Steine blieben. Später ersetzte ein leichtes Zelt die Hütte, was die Last deutlich verringerte. Jedes Stück Ausrüstung musste mehrere Stunden Aufstieg im Oytal überstehen, und was fehlte, ließ sich oben nicht ersetzen. Deshalb wurde vor dem Aufbruch genau überlegt, was mitkam, und was zu schwer oder entbehrlich war, blieb im Tal zurück.

Die Sense hielt nicht lange scharf. Auf dem steinigen Grund musste die Schneide nach jedem Streifen nachgeschärft werden, im Wechsel zwischen Wetzstein und Dengelstock. Das Klopfen des Hammers gehörte zum Geräusch dieser Tage, ebenso das Schaben des Steins am Stahl. Am Rhythmus ließ sich der erfahrene Mäher erkennen: Eine Sense, die zu selten nachgezogen wurde, kostete mehr Zeit, als der Schnitt einbrachte.

Vom Schnitt zum Schober

Der Ablauf folgte einer festen Reihenfolge, die sich in einer Handvoll Schritten erzählen lässt:

  1. Mähen in schmalen Streifen quer zum Hang, von unten nach oben fortschreitend.
  2. Wenden und trocknen lassen, solange die Sonne scheint.
  3. Das trockene Heu zu großen Bündeln raffen und mit Seilen und Holzringen schnüren.
  4. Die Bündel auf dem Rücken mit einem Stirnband talwärts tragen.
  5. Am Lagerplatz zu einem runden Schober aufschichten, an einer Stelle, wo kaum Lawinen zu erwarten sind.

Der Schober blieb den Sommer und Herbst über stehen, manchmal bis zum ersten Schnee. Erst dann wurde das Heu im Winter auf Schlitten ins Tal gebracht, wenn die Wege vereist und glatt waren. Der Zeitpunkt hatte einen Grund: Auf gefrorenem Boden und mit Schnee unter den Kufen ließ sich ein Schlitten mit viel Heu leichter ziehen als ein Wagen auf einem Sommerweg. Dieser späte Transport erklärt, weshalb die Mäher beim Standort des Schobers so genau auf Hanglage und Lawinenzüge achteten: Ein verlorener Schober bedeutete einen verlorenen Vorrat für das Vieh.

Zwischen den Arbeitsgängen blieb wenig Zeit für Ruhe, und die Tage oben waren lang, vom ersten Licht bis zur Dämmerung. Das Wetter bestimmte jeden Tag, und ein plötzlicher Regenguss konnte das gemähte Gras zu Boden drücken und das Trocknen um Tage verschieben. Steinschlag aus den Hängen oberhalb und das Gewicht der Bündel auf dem Rücken verlangten bei jedem Schritt Aufmerksamkeit. Dennoch war die Arbeit selten allein, denn der Trupp teilte Hütte, Feuer und Verpflegung, und gemeinsame Arbeit machte den schweren Tag leichter.

Warum der Aufwand lohnte

Heute nachgerechnet, ergibt sich eine unwirtschaftliche Bilanz: mehrere Tage Fußweg, schwere Lasten, Handarbeit, und am Ende ein Heu, das sich im Tal mit einem Bruchteil des Aufwands ernten ließe. Die Rechnung früherer Zeiten sah anders aus. Der Winter dauerte lang, der Futtervorrat war knapp, und jeder zusätzliche Heuwagen entschied darüber, wie viele Tiere durch die kalten Monate kamen. Ein Tier mehr im Stall bedeutete Milch, Käse und Fleisch, damit das Überleben des Hofes.

Dazu kam, dass Zeit im Spätsommer weniger knapp war als im Frühsommer. Wenn die Talwiesen gemäht und die Tiere von der Alpe zurück waren, hatten die Männer Hände frei. Das Bergheu verteilte die Arbeit des Jahres auf eine Zeit, in der sonst Leerlauf geherrscht hätte. Hinzu kam der gute Ruf des Heus: Es galt als sehr kräuterreich und als nahrhaftes Futter für die Wintermonate.

Die Aufgaben im Sommer beschreibt der Beitrag Das Leben der Älpler; er zeigt, wie das Vieh die Höhe nutzte, während Bergheuer das Gras für den Winter sicherten. Wie die Dörfer ihre Flächen im Lauf der Jahrhunderte neu ordneten, erklärt der Beitrag zur Vereinödung.

Was vom Bergheuen geblieben ist

Mit dem Wandel der Landwirtschaft sind die Bergheuer seltener geworden. Kleine Betriebe gaben auf, Futter wurde zugekauft, Maschinen erleichterten die Arbeit im Tal, und die Zahl der Menschen, die das Heuen in der Höhe noch kannten, schrumpfte. Geblieben sind Wiesen, die bei Wanderungen im Oytal und an anderen Hängen zu erkennen sind: auffallend gleichmäßig bewachsene Flächen oberhalb des Waldes, an denen noch alte Hüttenplätze liegen. Wo die Mahd ausbleibt, wächst Gestrüpp ein, und die Fläche verändert langsam das Gesicht.

Damit verbindet sich eine Frage der Landschaft. Die Bergmähder prägen das Bild der Hänge und halten die Artenvielfalt der Kräuter, die ohne Schnitt verschwinden würde. Diese Wirkung blieb von den Bergheuern unbeabsichtigt, aber sie ist bis heute spürbar. Für die Geschichte der Menschen im Oytal sind die alten Hüttenplätze die greifbarsten Zeugen.

Der Gedanke an das Bergheuen verändert auch den Blick auf die Hänge. Aus der Ferne wirken sie wie bloße Kulisse, aus der Nähe tragen sie Spuren menschlicher Arbeit: gepflegte Streifen, Steinhaufen, Reste von Schobern. Mit dem Wissen, wie das Heu einst gemacht wurde, ist darin nicht mehr bloß Wiese zu sehen, sondern der Rest eines Jahreskreises, der Dorf und Berg miteinander verband.