Der Pfiff ist laut, schrill und kommt scheinbar aus dem Nichts, und wer ihn auf einer Alpwiese oberhalb der Waldgrenze hört, sucht vergeblich nach der Quelle, bis ein braunes Tier aufrecht neben einem Erdloch auftaucht. Das Alpenmurmeltier ist in den Allgäuer Bergen ein Bewohner der Matten, die oberhalb der Baumgrenze liegen, und es trägt den Ruf eines Tieres, das sechs oder sieben Monate durchschläft, ohne sich zu rühren. Die verbreitete Annahme lautet, ein Murmeltier schlafe den ganzen Winter wie tot, verbrauche dabei kaum Kraft und wache erst im Frühjahr auf. Diese Annahme ist halb richtig und halb falsch, und gerade die falsche Hälfte ist spannend, denn sie handelt von einem der härtesten Überlebenstricks unter den Säugetieren der Alpen. Das Murmeltier senkt seinen Stoffwechsel in einem Maß, das für ein Tier von der Größe einer Hauskatze unglaublich wirkt, und es wacht dennoch mehrfach auf. Es lebt in Familienverbänden, die im Winter eng zusammenrücken, und es nutzt die Gemeinschaft als Heizung. Dazu kommen alte Geschichten, die Naturforscher über Jahrhunderte weitergaben, vom Heutransport auf dem Rücken eines Artgenossen bis zum Heilfett aus dem Bau. Was davon stimmt, lässt sich heute recht gut beantworten.

Warum sich das Bild vom Dauerschläfer hält
Schon der Name erzählt eine Geschichte. Das Wort Murmeltier geht auf eine ältere Form zurück, die mit dem lateinischen Ausdruck für Bergmaus zusammenhängt, und im Volksmund heißt das Tier in den Alpen auch Mungg, Munggen oder Mankei, je nach Tal. Ein Hirte, der im Herbst die Alpe verließ und im Frühjahr wiederkam, fand die Wiesen leer, die Baue verstopft und die Tiere verschwunden. Dass sie unter der Erde schliefen, lag nahe, und der Schluss, sie täten es ohne Unterbrechung, ebenso. Die alten Naturgeschichten schmückten das aus. Gelehrte der frühen Neuzeit schrieben, Murmeltiere trügen im Herbst Heu in den Bau, indem ein Tier sich flach hinlege, Gras auf den Bauch geladen bekomme und von einem anderen am Schwanz zum Eingang gezogen werde. Die Erzählung hält sich in alpinen Sagen und Kinderbüchern bis heute. Als Bild ist sie hübsch, als Tatsachenbericht falsch: Murmeltiere schleppen Gras tatsächlich in die Schlafkammer, doch sie tragen es im Maul, eine Handvoll nach der anderen. Auch die Vorstellung vom Tier, das wochenlang wie tot daliegt, stammt aus Beobachtungen am Bau, in dem tatsächlich kein Laut zu hören ist. Die Wirklichkeit ist komplizierter, und sie wurde erst mit Messfühlern geklärt, die man in Winterquartieren von Murmeltieren einsetzte.
Was die Messung zeigt
Ein erwachsenes Alpenmurmeltier wiegt im Herbst etwa vier bis fünf Kilogramm, im Frühjahr deutlich weniger. Während des Winterschlafs sinkt die Körpertemperatur von rund 37 Grad auf wenige Grad über dem Gefrierpunkt, Messungen nennen Werte zwischen fünf und acht Grad. Der Herzschlag fällt von etwa 120 Schlägen pro Minute im aktiven Zustand auf nur noch etwa fünf, die Atmung von rund zwanzig Zügen auf wenige pro Minute. Zum Vergleich ergibt sich eine einfache Rechnung: Bei 120 Schlägen pro Minute schlägt das Herz an einem Sommertag 172.800 Mal, bei fünf Schlägen im Winterschlaf nur 7.200 Mal, also rund vierundzwanzigmal weniger. Der Energiebedarf sinkt in ähnlichem Umfang. Ein Kilogramm Körperfett enthält rund 9.000 Kilokalorien, und verteilt auf etwa 200 Tage ergibt das rechnerisch 45 Kilokalorien pro Tag, ein Bruchteil dessen, was ein aktives Tier benötigt. Tatsächlich verliert ein Murmeltier im Lauf des Winters ein Fünftel bis ein Viertel seines Gewichts, also etwa ein Kilogramm, und das reicht aus, weil der Stoffwechsel nahezu stillsteht. Der überraschende Teil kommt jetzt: Der Schlaf ist nicht durchgehend. In Abständen von mehreren Tagen bis Wochen heizt das Tier seinen Körper auf Normaltemperatur hoch, bleibt einige Stunden wach und sinkt dann wieder ab. Dieses Aufwachen kostet einen großen Teil der Energie des ganzen Winters, und warum es nötig ist, erklärt die Forschung bis heute nicht abschließend.
Warum die Familie im Winter zählt
Ein einzelnes Tier von vier Kilogramm kühlt in einem kalten Bau schneller aus, als es sich erwärmen kann, und die kleinste Zahl entscheidet über den Winter. Deshalb leben Murmeltiere in Familienverbänden von meist zwei bis zwanzig Tieren, im Durchschnitt eher zehn. Im Herbst ziehen sie in den tiefen Winterbau, der mehrere Meter unter der Oberfläche liegt, verschließen die Eingänge mit einem Pfropfen aus Erde, Steinen und Gras und kuscheln sich in der Schlafkammer zusammen. Die Körper der Tiere wärmen einander, und die Kammer, die mit Heu ausgepolstert ist, hält die Temperatur deutlich über der Außenluft. Jungtiere, die erst im Sommer geboren wurden, haben es am schwersten, denn sie müssen im ersten Herbst genug Fett ansetzen. Die erwachsenen Tiere, die nicht selbst Junge führen, halten sie im Bau warm, ein Verhalten, das Forscher als Hilfe der Gemeinschaft beschreiben. Ein Winter mit wenig Schnee kann für die Familie gefährlicher werden als ein kalter, weil der Schnee den Bau wie eine Decke isoliert und der Boden sonst tiefer durchfriert. Auch das erklärt, warum Murmeltiere gerade dort leben, wo sich im Winter verlässlich eine dicke Schneeschicht bildet, und warum sie in manchen Tälern verschwanden, als Klima und Nutzung sich änderten.
Der Pfiff im Gelände als praktischer Test
Im Sommer lässt sich an einem Hang mit Murmeltieren die Behauptung vom ahnungslosen Schläfer selbst prüfen. Die Tiere sind aufmerksam, und aus einer Gruppe steht fast immer einer als Wache aufrecht auf einem Stein oder einem Erdhügel. Sobald ein Steinadler über den Grat zieht oder ein Hund auf die Wiese läuft, ertönt der Pfiff, und binnen Sekunden ist die Wiese leer, weil jedes Tier in sein nächstes Loch geflüchtet ist. Die Rufe sind nicht einheitlich: Forscher unterscheiden einen langen, gleichmäßigen Pfiff für Luftfeinde, die sich schnell nähern, und kürzere, abgehackte Rufe, wenn ein Feind am Boden unterwegs ist. Aus dem Pfiff lässt sich also herauslesen, woher die Gefahr kommt. Zugleich liefert der Beobachtungsposten einen Hinweis auf die Größe der Familie, denn wo viele Löcher liegen und mehrere Tiere gleichzeitig fressen, ist der Verband groß. Am besten gelingt die Beobachtung aus einigem Abstand, mit einem Fernglas und ohne Hund, denn jede Störung verkürzt die Fresszeit, die das Tier zum Anlegen der Fettreserven braucht. Im Sommer frisst ein Murmeltier Kräuter, Gräser und Blüten der Alpenmatten und legt Tag für Tag Reserven an, die später den Winter tragen müssen. Ein Tier, das im August täglich einige Stunden an der Oberfläche verbringt, nimmt in dieser Zeit mehr als ein Kilogramm zu, und jede Unterbrechung am Hang kostet einen kleinen Teil davon. Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle: In den frühen Morgenstunden und am späten Nachmittag sind die Tiere am aktivsten, mittags ziehen sie sich bei Hitze häufig zurück, weil das dichte Fell Wärme staut.
Der wahre Kern der alten Geschichten
So viel an den Erzählungen falsch ist, an einigen Punkten trifft der Volksmund ins Schwarze. Das Murmeltier ist ein Wesen, das den Winter mit List und Gemeinschaft übersteht, und die alten Beobachter sahen mehr, als sie erklären konnten. Die Geschichten sind deshalb keine bloßen Märchen, sondern Beobachtungen, die bei der Weitergabe ausgeschmückt wurden. Ein Teil davon lässt sich Punkt für Punkt prüfen, und das Ergebnis fällt unterschiedlich aus, wie die folgende Liste zeigt.
- Das Heu im Bau gibt es wirklich: Die Tiere tragen Gras in die Schlafkammer, nur eben nicht auf einem Fuhrwerk aus Artgenossen.
- Der Pfiff hat einen echten Sinn: Er warnt die Familie und unterscheidet Gefahren aus der Luft von Gefahren am Boden.
- Der Winterschlaf ist so tief, wie die Erzählungen sagen: Mit etwa fünf Herzschlägen pro Minute sinkt der Puls auf einen Bruchteil des Sommerwerts.
- Das Fett war tatsächlich begehrt: Murmeltierfett gehörte lange zur Volksmedizin der Alpen, auch wenn eine Wirkung nie belegt wurde.
Aus dem Zusammenspiel dieser Punkte ergibt sich ein Bild, das mit dem Dauerschläfer wenig zu tun hat: ein soziales, wachsames Tier, das im Sommer arbeitet, im Winter mit dem Stoffwechsel haushaltet und die ganze Zeit von seiner Familie abhängt. Dass die Volkserzählung daraus einen schläfrigen Sonderling machte, sagt mehr über die Menschen als über die Tiere. Für Wanderer in den Allgäuer Alpen bedeutet das vor allem einen Perspektivwechsel: Der Pfiff ist keine Beschwerde über den Besucher, sondern ein Organisationsruf einer Gemeinschaft, die ihren Bestand sichern will, und das Tier am Erdloch ist ein Familienmitglied im Dienst. Mit diesem Wissen sieht die Wiese anders aus, und der Weg bleibt der beste Platz. Weitere Arten der Region stellt der Überblick zu den Wildtieren der Berge vor, und ein Beispiel für eine Tierart mit ebenso eigener Überlebensstrategie liefert der Beitrag über den Alpensalamander.