Föhn im Allgäu und warum er die Luft aufheizt

Im November 2000 zeigte das Thermometer in Brannenburg im bayerischen Inntal am Abend 22 Grad und am nächsten Morgen minus 3 Grad. Dazwischen lag das Ende einer Föhnlage. So schnell kann sich die Luft am Nordrand der Alpen erwärmen, wenn ein Südwind über den Hauptkamm weht und auf der Nordseite absinkt. Der Kern der Erklärung ist eine Differenz: Absinkende trockene Luft wird pro 100 Höhenmeter um rund ein Grad wärmer, während aufsteigende Luft in der Wolke nur um etwa 0,6 Grad je 100 Meter kühler wird. Aus diesem Unterschied entstehen die milden Tage im Spätherbst und Winter, die im Allgäu mit dem Wort Föhn verbunden sind. Dazu gehören weit entfernte Berge in fast übertriebener Schärfe und ein Himmel, an dem sich Wolkenwände aufbauen und im nächsten Moment auflösen. Das Wort selbst geht auf das lateinische favonius zurück, den Namen eines milden Westwindes, und gelangte über das Rätoromanische ins Althochdeutsche. Ursprünglich bezeichnete es den winterlichen Südwind, der nördlich der Alpen Tauwetter bringt. Heute steht es für ein ganzes Bündel von Erscheinungen, die Meteorologen genau unterscheiden: für den Wind, für die Temperaturen und für die Wolken, die ihn begleiten.

Warum absinkende Luft sich erwärmt

Luft ist ein Gas, und ein Gas erwärmt sich, wenn es zusammengedrückt wird. Sinkt ein Luftpaket aus großer Höhe ins Tal, wächst der Druck um das Paket, es schrumpft, und die Energie der Bewegung wird zu Wärme. Das geschieht ohne Heizquelle, allein durch die Höhendifferenz. In trockener Luft beträgt die Erwärmung rund ein Grad je 100 Meter. Steigt die Luft dagegen auf und kühlt sich ab, bis Wasserdampf zu Tröpfchen kondensiert, wird dabei Wärme freigesetzt, die den Temperaturverlust bremst. Innerhalb der Wolke sinkt die Temperatur deshalb langsamer als in der trockenen Umgebung. Regnet oder schneit es auf der Südseite des Gebirges ab, geht das Wasser verloren, und auf der Nordseite sinkt trockene Luft ab, die sich mit dem vollen Grad je 100 Meter erwärmt. Die Bilanz fällt dadurch auf der Nordseite deutlich wärmer aus als vor dem Aufstieg.

Die Forschung hat dieses Lehrbuchbild inzwischen ergänzt. Ein Teil der Föhnluft stammt gar nicht vom Fuß der Südseite, sondern aus größerer Höhe und strömt durch tief eingeschnittene Pässe nach Norden, während sich die kühle Luft davor als Schicht am Gebirge staut. Die Wärme entsteht dann vor allem durch das Absinken, weniger durch Kondensation. Beide Erklärungen schließen einander nicht aus, sie gelten je nach Wetterlage in unterschiedlichem Maß. Als Auslöser dienen meist langsam ziehende Tiefs über dem Nordatlantik, die an ihrer Vorderseite südwestliche bis südliche Luft nach Norden lenken.

Eine Beispielrechnung für Oberstdorf

Ein Rechenbeispiel macht den Unterschied greifbar. Angenommen, Luft mit 10 Grad strömt auf 1000 Metern Höhe südlich des Alpenhauptkamms nach Norden und steigt an einem 3000 Meter hohen Kamm auf. Die Wolkenbildung beginne bei 1600 Metern. Der Weg des Luftpakets bis Oberstdorf, dessen Ortsmitte auf 843 Metern liegt, lässt sich in vier Schritten nachrechnen. Es handelt sich um ein Modell mit runden Annahmen und nur einem einzigen Luftpaket, echte Föhnlagen verlaufen unregelmäßiger, doch die Größenordnung deckt sich mit den Messungen.

  1. Von 1000 auf 1600 Meter steigt die Luft trocken auf. Die Temperatur fällt um 1 Grad je 100 Meter, insgesamt um 6 Grad, auf 4 Grad.
  2. Von 1600 bis 3000 Meter, das sind 1400 Meter, kühlt sich die feuchte Luft um 0,6 Grad pro 100 Meter ab, in der Summe um 8,4 Grad, und erreicht am Kamm minus 4,4 Grad.
  3. Die Wolke regnet sich aus, die Luft überquert den Kamm und sinkt trocken ab. Bis Oberstdorf liegen 2157 Meter, die Erwärmung beträgt 21,6 Grad.
  4. Minus 4,4 Grad plus 21,6 Grad ergibt 17,2 Grad in Oberstdorf, obwohl die Luft im Süden mit nur 10 Grad startete.

Der Gewinn von 7,2 Grad lässt sich zerlegen. In der Wolke wurde die Luft über 1400 Meter um 0,4 Grad je 100 Meter weniger abgekühlt, als sie beim Abstieg erwärmt wird, das macht 5,6 Grad. Dazu kommen 1,6 Grad, weil das Ziel 157 Meter tiefer liegt als der Start. Die Summe stimmt mit dem Ergebnis überein. Im Gegenzug heißt das auch: Fällt auf der Südseite kein Niederschlag, bleibt die Differenz aus, und die Luft kommt auf gleicher Höhe wieder mit ihrer Ausgangstemperatur an. Ohne Wolkenbildung gibt es keinen Föhn im klassischen Sinn. Die Rechnung lässt sich mit anderen Starthöhen und Kammhöhen wiederholen; jede Variante zeigt, dass ein höherer Kamm mit mehr Wolkenstrecke den Gewinn vergrößert.

Wo die einfache Regel nicht gilt

Die Rechnung beschreibt einen Modellfall, und der Südföhn weicht in der Natur an mehreren Stellen davon ab. Föhn gilt als warmer Wind, kann aber trotzdem Kälte nicht verdrängen, wenn bodennahe Kaltluft im Tal liegen bleibt. Dann erreicht die Strömung den Talgrund nicht, und die milde Luft gleitet über die kalte hinweg. Im Winter kann es bei solchen Inversionslagen im Talgrund frostig bleiben, während weiter oben bereits Tauwetter herrscht. Die Unterschiede zur Umgebung betragen bei echten Föhnlagen deutlich mehr als 10 Grad, und binnen Stunden sind Schwankungen von bis zu 25 Grad möglich, wie das Beispiel aus dem Inntal zeigt. Nicht jeder Wind aus Süden ist deshalb ein Föhn, und nicht jede milde Phase geht auf ihn zurück. Wetterkarten zeigen die Lage am deutlichsten: Liegt ein Tief über den Britischen Inseln und strömt Südwestluft gegen die Alpen, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Föhnlage stark an. Ob die Luft tatsächlich bis Oberstdorf durchgreift, entscheidet sich an der Schichtung der Luft im Tal, und genau diese Schichtung lässt sich von außen schwer abschätzen. Messstationen im Tal und auf dem Berg liefern dafür den entscheidenden Vergleich, weil der Temperaturunterschied zwischen beiden anzeigt, ob die Strömung den Talgrund erreicht.

  • Auf der Alpensüdseite heißt der entgegengesetzte Wind Nordföhn, der meist nach einer Kaltfront aus Westen auftritt und im Norden Regen bringt.
  • Föhnluft trägt wenig Schwebteilchen, daher wirken ferne Berge näher, und die wechselnde Dichte der Luftschichten beugt das Licht.
  • Die Schneeschmelze beschleunigt sich im Winter und Frühjahr, weil trockene, warme Luft die Schneedecke rasch abbaut.

Die Wolken verraten den Föhn

Am Himmel lässt sich eine Föhnlage Stunden vor dem ersten warmen Hauch erkennen. Über dem Kamm steht die Föhnmauer, eine Wolkenwand, die nicht davonzieht, weil die Luft dort ständig neu kondensiert und auf der Leeseite wieder verdunstet. Dahinter öffnet sich das Föhnfenster, ein nahezu wolkenfreier Streifen, den die trockene Luft freiräumt. Bei genügend Feuchte bilden sich über den Bergen linsenförmige Wolken, der Altocumulus lenticularis, im Volksmund auch Föhnfische genannt. Diese Wolken stehen scheinbar still, obwohl der Wind mit hoher Geschwindigkeit hindurchbläst, denn sie markieren den Kamm einer Welle in der Luftströmung, einer sogenannten Leewelle. Segelflieger nutzen solche Wellen, um in kurzer Zeit sehr hoch zu steigen, weil die Luft auf der Vorderseite der Welle stetig aufwärts getragen wird. Die Linsenform entsteht, weil sich die Luft am Wellenberg abkühlt und Wasser kondensiert, im Wellental verdunstet es sofort wieder.

Das Zusammenspiel dieser Zeichen erklärt, warum Föhn so auffällt, selbst für Menschen, die sonst wenig auf das Wetter achten: Die Wolkenwand im Süden, die plötzliche Wärme und die Fernsicht gehören zusammen und treten gemeinsam auf. Der Wetterwechsel danach folgt meist rasch, denn die Föhnlage steht in der Regel vor einer Kaltfront, die sie beendet.

Vergessene Orte im Allgäu am Beispiel Gerstruben

Zwischen Oberstdorf und den Gipfeln der Allgäuer Alpen liegt ein Dorf, das lange Zeit fast aus der Welt gefallen war. Gerstruben sitzt auf rund 1.150 Metern im Dietersbachtal, etwa 340 Meter höher als der Ort Oberstdorf, und gilt als eine der höchstgelegenen Dauersiedlungen Deutschlands. Von der Straße aus ist es nicht zu sehen, und im Winter schnitt der Schnee die Bewohner wochenlang vom Tal ab. Heute stehen dort Holzhäuser, die bis zu 500 Jahre alt sind, dazu eine weiße Marienkapelle, die im 17. Jahrhundert entstand. Ein vergessener Ort im strengen Sinn ist Gerstruben nicht, denn Wanderer besuchen es jedes Jahr. Vergessen ist eher die Geschichte, die hinter den Häusern steht: eine Siedlung von Bauern, die aus dem Kleinwalsertal einwanderten, ein Kauf durch eine Stromfirma, die ein Kraftwerk bauen wollte, ein Jagdgebiet und schließlich die Rückgabe an die Gemeinde. Für Interessierte an solchen Spuren ist Gerstruben ein gut erhaltenes Beispiel dafür, wie sich ein Bergdorf über Jahrhunderte gehalten hat, auch wenn es mehrfach den Besitzer wechselte und die Bewohner den Ort verließen. Hier geht es um die Geschichte der Siedlung und um das, was Besucher heute dort erwartet.

Wie ein Bergdorf auf 1.150 Metern entstand

Die erste urkundliche Erwähnung von Gerstruben stammt aus dem Jahr 1361. Mündliche Überlieferung nennt sogar das Jahr 893 und behauptet, die Siedlung sei älter als Oberstdorf, doch das lässt sich nicht belegen. Gesichert ist, dass im 15. Jahrhundert Walser Familien aus dem Kleinwalsertal zuzogen, deren Nachfahren bis 1892 im Dorf lebten. Der Name enthält das Wort Gerste und deutet auf frühen Ackerbau hin, auch wenn die Höhenlage Landwirtschaft nur eingeschränkt zuließ. Die Häuser verraten ihre Herkunft. Die Gebäude mit den Nummern 2 und 4 entstanden 1619 und 1626, vermutlich an älteren Stellen, und ihre Bauweise folgt Walser Vorbildern. Mehrere Häuser stehen heute unter Denkmalschutz und stammen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, dazu kommt die Marienkapelle aus dem 17. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert findet sich in den Akten ein Konrad Hindelang als Ammann, also als Vorsteher der Gemeinschaft, und 1544 führt eine Steuerliste alle Bewohner als Abgabepflichtige des Hochstifts auf. Die Bauern lebten von Viehzucht und Milchwirtschaft auf kleinen gerodeten Flächen und steilen Wiesen, die sich nicht beweiden ließen. Diese Mischung aus Selbstversorgung und Viehhaltung prägte das Leben im Dorf, und die Bauern waren auf die Gemeinschaft angewiesen.

Winter, Seuche und ein Sägewerk

Das Leben in Gerstruben war hart. Im Winter blieb das Dorf häufig wochenlang unerreichbar, und Vorräte mussten vorher besorgt werden. Während der Pest im Jahr 1634 starben im Kirchspiel Oberstdorf rund 700 Menschen, aber die Bewohner von Gerstruben blieben verschont.

Ob die Abgeschiedenheit dabei eine Rolle spielte, lässt sich nicht belegen, doch die Lage hoch im Seitental macht das denkbar.

Ende des 19. Jahrhunderts bestand die Siedlung aus etwa zehn Häusern und einer abseits gelegenen Hofstelle, getrennt durch den Dietersbach. Elf Familien lebten dort. Die Familien hatten 1846 am Bach ein Sägewerk gebaut, und 1866 stellten sie einen Antrag, die Zufahrt zu verlegen, weil der Weg zum Dorf beschwerlich war. Der Kostenvoranschlag lag bei 1.985 Gulden, die Gemeinde gab 1882 einen Zuschuss von 700 Mark, den Rest trugen sieben Besitzer gemeinsam. Solche Zahlen zeigen, wie viel Mühe es kostete, ein Dorf an einer steilen Talflanke an das Netz der Wege anzubinden. Erzählt wird außerdem, dass 1858 König Maximilian II. unerkannt zu Gast gewesen sei und Milch erhalten habe, eine Überlieferung, die sich nicht überprüfen lässt, aber zum Bild des gastfreundlichen Bergdorfs passt.

1892 der Verkauf und das Jagdrevier

Das Jahr 1892 markiert das Ende der Walser Dauersiedlung. Die letzten Besitzer verkauften ihre Anwesen an Käufer aus Kempten, die mit einem Stromunternehmen zusammenhingen. Geplant war ein Stausee mit Kraftwerk im Hölltobel, doch das Vorhaben scheiterte, der Bau kam nie zustande. Dadurch blieben die Bauernhäuser erhalten, die sonst vielleicht abgerissen worden wären, und das Dorf behielt sein Gesicht. Der Plan eines Kraftwerks hätte das Tal verändert, denn ein Stausee wäre auf Flächen entstanden, auf denen zuvor Wiesen und Höfe lagen.

1896 ging das Tal an die Familie Heyl zu Herrnsheim aus Worms, die es als Jagdgebiet nutzte.

Um 1920 war das Revier durch weitere Alpflächen auf rund 2.600 Hektar angewachsen. Der Gasthof blieb in Betrieb, ein Reiseführer von 1912 führt ihn noch unter dem alten Namen auf. Am 7. Mai 1953 verkaufte die Erbin das Gelände an den Verein der ehemaligen Rechtler, und das Dorf kam damit zurück an die Oberstdorfer. Der alte Gasthof wurde im selben Jahr durch ein neues Haus ersetzt. Zwischen dem Verkauf 1892 und der Rückgabe 1953 liegen 61 Jahre, in denen Gerstruben anderen Eigentümern gehörte. Heute sind die erhaltenen Häuser geschützt, und eines davon, das Jakobehüs, dient als kleines Museum.

JahrEreignisFolge für das Dorf
1361Erste urkundliche NennungBelegte Siedlung im Dietersbachtal
1619 und 1626Bau der Häuser Nummer 2 und 4Walser Bauweise bis heute erhalten
1634Pest im KirchspielGerstruben bleibt verschont
1846Sägewerk am DietersbachEigene Holzverarbeitung im Dorf
1892Verkauf der Anwesen nach KemptenEnde der Walser Dauersiedlung
1896Übernahme durch eine Familie aus WormsTal wird Jagdrevier
1953Rückkehr in Oberstdorfer HandSchutz und Pflege der Häuser

Gerstruben besuchen

Die klassische Wanderung beginnt in Oberstdorf. Auf rund 13,8 Kilometern sind 370 Höhenmeter zu überwinden, die Gehzeit liegt bei etwa vier Stunden, und der Weg gilt als mäßig anspruchsvoll. Der Anstieg zum Dorf selbst über die Gerstruber Steige umfasst etwa 150 Höhenmeter. Unterwegs liegt der Christlessee auf rund 916 Metern. Im Dorf lassen sich die alten Holzhäuser auf Steinsockeln und die Kapelle ansehen, ein Gasthaus mit regionaler Küche gibt es ebenfalls.

Zum Verständnis der Ortsgeschichte gehört Zeit für die Details: die dunklen Holzwände, die Steinsockel und die kleinen Fenster erzählen von den Bedürfnissen der Bewohner. Das Museum im Jakobehüs öffnet nur in bestimmten Monaten und Zeiten, deshalb lohnt vorab eine Nachfrage bei der Tourist Information. Im Dorf selbst herrscht Ruhe, und die Häuser stehen in einer Lage, die Besuchern den Eindruck gibt, in eine frühere Zeit versetzt zu werden. Bei einer Planung nur für Aufstieg und Einkehr gerät leicht aus dem Blick, dass die Siedlung selbst das eigentliche Ziel ist. Der Weg durch das Tal eignet sich auch als Halbtagestour, wenn der Rückweg nicht über den gleichen Pfad führt. Für den Rückweg kommen der gleiche Pfad oder Varianten durch das Tobel in Frage.

  • Gehzeit: etwa vier Stunden ab Oberstdorf
  • Höhenunterschied: gesamt 370 Meter, letzter Anstieg rund 150 Meter
  • Besichtigung: Holzhäuser, Marienkapelle und Jakobehüs, Öffnungszeiten vorher erfragen
  • Ausrüstung: feste Schuhe und Regenschutz

Wildtiere in den Allgäuer Bergen im Überblick

Auf einer Allgäuer Bergwiese lohnt es sich, stehen zu bleiben und den Blick über die Felsen schweifen zu lassen, denn die Aussichten sind gut auf eine der vier großen Gestalten der Alpentierwelt: Steinbock, Gämse, Murmeltier und Steinadler. Die vier teilen sich den Berg nach Höhenlage, Gelände und Jahreszeit. Das Murmeltier lebt in Erdbauten ab etwa 1.500 Metern Höhe, die Gämse hält sich meist oberhalb der Waldgrenze auf, der Steinbock steigt noch höher in die Felsen, und der Steinadler kreist über allen dreien.

Die Geschichte dieser Tiere ist unterschiedlich verlaufen. Der Steinbock stand vor der Ausrottung und wurde mühsam zurückgebracht, das Murmeltier verbringt rund die Hälfte des Jahres schlafend unter der Erde, die Gämse bleibt auch im Winter aktiv, und der Steinadler baut seinen Horst an Felswänden. Alle vier gehören zu einem eng verwobenen Gefüge: Der Adler jagt Murmeltiere und Schneehasen, die Gämse weidet auf den Hängen unterhalb der Felsen, und der Steinbock nutzt die steilen Südhänge, auf denen der Schnee im Winter nicht liegen bleibt. Die folgenden Abschnitte stellen die Tiere der Reihe nach vor und vergleichen am Ende ihre Lebensräume und Gewohnheiten.

Der Steinbock zwischen Ausrottung und Rückkehr

Der Alpensteinbock ist das imposanteste Tier der Allgäuer Felsen. Männchen werden knapp einen Meter hoch und bis zu 110 Kilogramm schwer, die Weibchen bringen es auf etwa 45 Kilogramm. Die Hörner der Böcke erreichen bis zu einem Meter Länge und wiegen bis zu 2,5 Kilogramm, das sind rund zwei Prozent des Körpergewichts. An den Ringen lässt sich das Alter ablesen, denn jeder Ring steht für einen überstandenen Winter. Steinböcke werden etwa 15 bis 18 Jahre alt.

Dass es sie überhaupt noch gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Körperteile der Tiere galten als Medizin, und die Jagd drückte den Bestand so weit, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur noch rund 100 Tiere im italienischen Gran Paradiso lebten. Ab 1821 stand die Art unter dem Schutz des Hauses Savoyen, und bis zum Ende des Jahrhunderts wuchs der Bestand auf etwa 3.000 Tiere, das Dreißigfache. Danach folgten Auswilderungsprogramme in mehreren Ländern. In Deutschland begann die Rückkehr 1936 bei Berchtesgaden. Heute gibt es hierzulande fünf Vorkommen, darunter eines in den Allgäuer Alpen, und in Bayern leben schätzungsweise 800 Steinböcke. Im Sommer ziehen sie durch felsiges Gelände mit Rasenflecken, im Winter bevorzugen sie steile Südhänge zwischen 1.600 und 2.800 Metern, die nicht dauerhaft unter Schnee liegen.

Gämse und Murmeltier im Jahreslauf

Die Gämse lebt überwiegend oberhalb der Waldgrenze und klettert über steile Felswände, weil sie von Fels zu Fels springt. Im Winter bleibt sie aktiv, zieht allerdings in tiefere Lagen, wo sie Nahrung findet. Ein extrem dichtes Haarkleid und eine Fettschicht schützen sie vor der Kälte. Im Hochwinter trifft der Beobachter Gämsen deshalb häufig weiter unten an, und nicht im Hochgebirge, wie viele vermuten.

Das Murmeltier hat eine andere Strategie. Es bewohnt Baue mit unterirdischen Gängen und ist ungefähr von April bis September aktiv. Das sind rund sechs Monate, die andere Hälfte des Jahres verbringt das Tier im Bau und überwintert im Winterschlaf, um Energie zu sparen. Während Gämse und Steinbock den Winter im Freien überstehen, verschwindet das Murmeltier vollständig aus dem Blickfeld. Zu sehen sind die Tiere meist auf grasigen Hängen, wo sie am Bau sitzen und die Umgebung beobachten. Droht von oben Gefahr, warnen sie ihre Artgenossen mit lauten Pfiffen, und die ganze Kolonie verschwindet in den Gängen. Im Sommer lohnt ein ruhiger Blick auf Wiesen oberhalb der Waldgrenze, denn dort fressen Murmeltiere Gräser und Kräuter und legen Vorräte an Körperfett an.

Der Steinadler über den Felswänden

Der Steinadler ist der größte Greifvogel der Alpen und ein Jäger der offenen und halboffenen Gelände. Seine Nahrung besteht unter anderem aus Murmeltieren und Schneehasen, und diese Beziehung macht ihn zum Gegenspieler jener Tiere, die am Hang ihre Warnpfiffe ausstoßen. Den Horst baut er an Felswänden, und beim Sturzflug erreicht er Geschwindigkeiten von bis zu 125 Kilometern pro Stunde.

Für den gesamten Alpenbogen werden etwa 1.300 Brutpaare geschätzt, das ist für ein so großes Gebirge eine überschaubare Zahl. Entsprechend selten ist die Begegnung. Für die Beobachtung eines Adlers braucht es Geduld, ein Fernglas und einen Platz mit freiem Blick auf Felswände und Hänge. Am besten gelingt das an sonnigen Tagen, wenn warme Aufwinde den Vogel nach oben tragen und er ohne Flügelschlag kreisen kann. Von Weitem lässt sich der Steinadler an seiner Größe, den breiten Flügeln und dem ruhigen, gleitenden Flug erkennen. Er jagt nicht überall im Gebirge gleichmäßig, sondern kehrt in sein Revier zurück, das er über Jahre nutzt. Die Zahl der Brutpaare macht deutlich, wie viel Raum ein Greifvogel dieser Größe benötigt und wie sehr er von einem gesunden Bestand an Beutetieren abhängt.

Vier Tiere im Vergleich

TierLebensraumWinterBesonderheit
SteinbockSteile Felshänge bis 3.500 MeterSonnige Südhänge ohne DauerschneeHörner bis 1 Meter, Alter an den Ringen ablesbar
GämseÜberwiegend oberhalb der WaldgrenzeAktiv, zieht in tiefere LagenSpringt von Fels zu Fels
MurmeltierBaue oberhalb von etwa 1.500 MeternWinterschlaf im BauAktiv von April bis September
SteinadlerOffenes und halboffenes Gelände, Horst an FelswändenBleibt im RevierBis 125 km/h, etwa 1.300 Brutpaare im Alpenraum

Die Gegenüberstellung zeigt, dass jedes Tier eine eigene Antwort auf den Winter gefunden hat. Der Steinbock sucht die Sonnenhänge, die Gämse wandert abwärts, das Murmeltier verschwindet im Bau, und der Steinadler bleibt in seinem Revier und jagt weiter. Dazu passt der Größenvergleich: Ein Steinbock wiegt mit 110 Kilogramm mehr als das Doppelte der Weibchen, die mit rund 45 Kilogramm auskommen, das Verhältnis liegt bei etwa 2,4 zu 1. Beim Murmeltier entspricht ein halbes Jahr Aktivität der Zeit, in der Gras und Kräuter wachsen. Dasselbe Prinzip gilt für alle vier Arten: Der Winter bestimmt, wie viel Raum und Nahrung zur Verfügung stehen, und jede Art hat eine eigene Antwort darauf gefunden. Die Zahlen aus der Tabelle lassen sich leicht merken: ein Meter Hornlänge, ein halbes Jahr Aktivität, 125 Kilometer pro Stunde und rund 1.300 Brutpaare. Dieser Vergleich macht verständlich, warum die Tiere nicht gleichzeitig am selben Ort zu sehen sind. Steinbock und Murmeltier trennt die Höhenlage, Gämse und Steinbock teilen sich Fels und Hang, und der Adler überspannt als Jäger beide Lebensräume. So ergibt sich über das ganze Jahr ein wechselndes Bild, das sich mit jeder Jahreszeit neu zusammensetzt.

Beobachten ohne zu stören

Gute Beobachtungen entstehen aus Abstand und Ruhe. Das gilt für Anfänger ebenso wie für erfahrene Naturfreunde, die schon viele Jahre in den Bergen unterwegs sind. Die Tiere reagieren auf Menschen sensibel, und im Winter zählt jede Flucht, weil sie Energie kostet, die später fehlt. Ein Fernglas ersetzt die Nähe, und feste Wege helfen dabei, Brut- und Ruheplätze zu schonen. Hunde gehören an die Leine, weil sie auf Wild wie ein Jäger wirken und Tiere in Panik versetzen können. Für Sommerbeobachtungen eignen sich die ruhigen Stunden am Morgen und am Abend, denn zur Mittagszeit sind Wege und Hänge häufig stark besucht. Fotografen sollten eher Brennweite mitnehmen als Nähe suchen, und ein Rucksack mit warmer Kleidung gehört dazu, weil das Warten auf dem Berg auskühlt. Jede Beobachtung verläuft anders, und das Warten gehört zum Reiz dieser Tage. Ein Notizbuch hilft, Ort, Uhrzeit und Verhalten festzuhalten, und mit der Zeit entsteht ein Gespür dafür, wann welches Tier an welchem Hang zu erwarten ist. Murmeltiere sind dafür die dankbarsten Beobachtungsobjekte, weil sie sich verlässlich an ihren Bauen aufhalten und lange zu sehen sein, solange der Beobachter still bleibt. Steinböcke dagegen wirken scheu und verschwinden rasch im Fels, wenn ihnen jemand zu nahe kommt.

  • Murmeltiere zeigen sich im Sommer auf grasigen Hängen in mittleren und höheren Lagen.
  • Steinböcke bleiben meist über 2.000 Metern und suchen im Winter Südhänge auf.
  • Gämsen sind im Sommer im Fels und im Winter in tieferen Lagen zu finden.
  • Steinadler zeigen sich an warmen Tagen mit Aufwinden über Felswänden.
  • Fernglas und Abstand halten die Störung für die Tiere gering.