Vergessene Orte im Allgäu am Beispiel Gerstruben

Zwischen Oberstdorf und den Gipfeln der Allgäuer Alpen liegt ein Dorf, das lange Zeit fast aus der Welt gefallen war. Gerstruben sitzt auf rund 1.150 Metern im Dietersbachtal, etwa 340 Meter höher als der Ort Oberstdorf, und gilt als eine der höchstgelegenen Dauersiedlungen Deutschlands. Von der Straße aus ist es nicht zu sehen, und im Winter schnitt der Schnee die Bewohner wochenlang vom Tal ab. Heute stehen dort Holzhäuser, die bis zu 500 Jahre alt sind, dazu eine weiße Marienkapelle, die im 17. Jahrhundert entstand. Ein vergessener Ort im strengen Sinn ist Gerstruben nicht, denn Wanderer besuchen es jedes Jahr. Vergessen ist eher die Geschichte, die hinter den Häusern steht: eine Siedlung von Bauern, die aus dem Kleinwalsertal einwanderten, ein Kauf durch eine Stromfirma, die ein Kraftwerk bauen wollte, ein Jagdgebiet und schließlich die Rückgabe an die Gemeinde. Für Interessierte an solchen Spuren ist Gerstruben ein gut erhaltenes Beispiel dafür, wie sich ein Bergdorf über Jahrhunderte gehalten hat, auch wenn es mehrfach den Besitzer wechselte und die Bewohner den Ort verließen. Hier geht es um die Geschichte der Siedlung und um das, was Besucher heute dort erwartet.

Wie ein Bergdorf auf 1.150 Metern entstand

Die erste urkundliche Erwähnung von Gerstruben stammt aus dem Jahr 1361. Mündliche Überlieferung nennt sogar das Jahr 893 und behauptet, die Siedlung sei älter als Oberstdorf, doch das lässt sich nicht belegen. Gesichert ist, dass im 15. Jahrhundert Walser Familien aus dem Kleinwalsertal zuzogen, deren Nachfahren bis 1892 im Dorf lebten. Der Name enthält das Wort Gerste und deutet auf frühen Ackerbau hin, auch wenn die Höhenlage Landwirtschaft nur eingeschränkt zuließ. Die Häuser verraten ihre Herkunft. Die Gebäude mit den Nummern 2 und 4 entstanden 1619 und 1626, vermutlich an älteren Stellen, und ihre Bauweise folgt Walser Vorbildern. Mehrere Häuser stehen heute unter Denkmalschutz und stammen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, dazu kommt die Marienkapelle aus dem 17. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert findet sich in den Akten ein Konrad Hindelang als Ammann, also als Vorsteher der Gemeinschaft, und 1544 führt eine Steuerliste alle Bewohner als Abgabepflichtige des Hochstifts auf. Die Bauern lebten von Viehzucht und Milchwirtschaft auf kleinen gerodeten Flächen und steilen Wiesen, die sich nicht beweiden ließen. Diese Mischung aus Selbstversorgung und Viehhaltung prägte das Leben im Dorf, und die Bauern waren auf die Gemeinschaft angewiesen.

Winter, Seuche und ein Sägewerk

Das Leben in Gerstruben war hart. Im Winter blieb das Dorf häufig wochenlang unerreichbar, und Vorräte mussten vorher besorgt werden. Während der Pest im Jahr 1634 starben im Kirchspiel Oberstdorf rund 700 Menschen, aber die Bewohner von Gerstruben blieben verschont.

Ob die Abgeschiedenheit dabei eine Rolle spielte, lässt sich nicht belegen, doch die Lage hoch im Seitental macht das denkbar.

Ende des 19. Jahrhunderts bestand die Siedlung aus etwa zehn Häusern und einer abseits gelegenen Hofstelle, getrennt durch den Dietersbach. Elf Familien lebten dort. Die Familien hatten 1846 am Bach ein Sägewerk gebaut, und 1866 stellten sie einen Antrag, die Zufahrt zu verlegen, weil der Weg zum Dorf beschwerlich war. Der Kostenvoranschlag lag bei 1.985 Gulden, die Gemeinde gab 1882 einen Zuschuss von 700 Mark, den Rest trugen sieben Besitzer gemeinsam. Solche Zahlen zeigen, wie viel Mühe es kostete, ein Dorf an einer steilen Talflanke an das Netz der Wege anzubinden. Erzählt wird außerdem, dass 1858 König Maximilian II. unerkannt zu Gast gewesen sei und Milch erhalten habe, eine Überlieferung, die sich nicht überprüfen lässt, aber zum Bild des gastfreundlichen Bergdorfs passt.

1892 der Verkauf und das Jagdrevier

Das Jahr 1892 markiert das Ende der Walser Dauersiedlung. Die letzten Besitzer verkauften ihre Anwesen an Käufer aus Kempten, die mit einem Stromunternehmen zusammenhingen. Geplant war ein Stausee mit Kraftwerk im Hölltobel, doch das Vorhaben scheiterte, der Bau kam nie zustande. Dadurch blieben die Bauernhäuser erhalten, die sonst vielleicht abgerissen worden wären, und das Dorf behielt sein Gesicht. Der Plan eines Kraftwerks hätte das Tal verändert, denn ein Stausee wäre auf Flächen entstanden, auf denen zuvor Wiesen und Höfe lagen.

1896 ging das Tal an die Familie Heyl zu Herrnsheim aus Worms, die es als Jagdgebiet nutzte.

Um 1920 war das Revier durch weitere Alpflächen auf rund 2.600 Hektar angewachsen. Der Gasthof blieb in Betrieb, ein Reiseführer von 1912 führt ihn noch unter dem alten Namen auf. Am 7. Mai 1953 verkaufte die Erbin das Gelände an den Verein der ehemaligen Rechtler, und das Dorf kam damit zurück an die Oberstdorfer. Der alte Gasthof wurde im selben Jahr durch ein neues Haus ersetzt. Zwischen dem Verkauf 1892 und der Rückgabe 1953 liegen 61 Jahre, in denen Gerstruben anderen Eigentümern gehörte. Heute sind die erhaltenen Häuser geschützt, und eines davon, das Jakobehüs, dient als kleines Museum.

JahrEreignisFolge für das Dorf
1361Erste urkundliche NennungBelegte Siedlung im Dietersbachtal
1619 und 1626Bau der Häuser Nummer 2 und 4Walser Bauweise bis heute erhalten
1634Pest im KirchspielGerstruben bleibt verschont
1846Sägewerk am DietersbachEigene Holzverarbeitung im Dorf
1892Verkauf der Anwesen nach KemptenEnde der Walser Dauersiedlung
1896Übernahme durch eine Familie aus WormsTal wird Jagdrevier
1953Rückkehr in Oberstdorfer HandSchutz und Pflege der Häuser

Gerstruben besuchen

Die klassische Wanderung beginnt in Oberstdorf. Auf rund 13,8 Kilometern sind 370 Höhenmeter zu überwinden, die Gehzeit liegt bei etwa vier Stunden, und der Weg gilt als mäßig anspruchsvoll. Der Anstieg zum Dorf selbst über die Gerstruber Steige umfasst etwa 150 Höhenmeter. Unterwegs liegt der Christlessee auf rund 916 Metern. Im Dorf lassen sich die alten Holzhäuser auf Steinsockeln und die Kapelle ansehen, ein Gasthaus mit regionaler Küche gibt es ebenfalls.

Zum Verständnis der Ortsgeschichte gehört Zeit für die Details: die dunklen Holzwände, die Steinsockel und die kleinen Fenster erzählen von den Bedürfnissen der Bewohner. Das Museum im Jakobehüs öffnet nur in bestimmten Monaten und Zeiten, deshalb lohnt vorab eine Nachfrage bei der Tourist Information. Im Dorf selbst herrscht Ruhe, und die Häuser stehen in einer Lage, die Besuchern den Eindruck gibt, in eine frühere Zeit versetzt zu werden. Bei einer Planung nur für Aufstieg und Einkehr gerät leicht aus dem Blick, dass die Siedlung selbst das eigentliche Ziel ist. Der Weg durch das Tal eignet sich auch als Halbtagestour, wenn der Rückweg nicht über den gleichen Pfad führt. Für den Rückweg kommen der gleiche Pfad oder Varianten durch das Tobel in Frage.

  • Gehzeit: etwa vier Stunden ab Oberstdorf
  • Höhenunterschied: gesamt 370 Meter, letzter Anstieg rund 150 Meter
  • Besichtigung: Holzhäuser, Marienkapelle und Jakobehüs, Öffnungszeiten vorher erfragen
  • Ausrüstung: feste Schuhe und Regenschutz