Wildtiere in den Allgäuer Bergen im Überblick

Auf einer Allgäuer Bergwiese lohnt es sich, stehen zu bleiben und den Blick über die Felsen schweifen zu lassen, denn die Aussichten sind gut auf eine der vier großen Gestalten der Alpentierwelt: Steinbock, Gämse, Murmeltier und Steinadler. Die vier teilen sich den Berg nach Höhenlage, Gelände und Jahreszeit. Das Murmeltier lebt in Erdbauten ab etwa 1.500 Metern Höhe, die Gämse hält sich meist oberhalb der Waldgrenze auf, der Steinbock steigt noch höher in die Felsen, und der Steinadler kreist über allen dreien.

Die Geschichte dieser Tiere ist unterschiedlich verlaufen. Der Steinbock stand vor der Ausrottung und wurde mühsam zurückgebracht, das Murmeltier verbringt rund die Hälfte des Jahres schlafend unter der Erde, die Gämse bleibt auch im Winter aktiv, und der Steinadler baut seinen Horst an Felswänden. Alle vier gehören zu einem eng verwobenen Gefüge: Der Adler jagt Murmeltiere und Schneehasen, die Gämse weidet auf den Hängen unterhalb der Felsen, und der Steinbock nutzt die steilen Südhänge, auf denen der Schnee im Winter nicht liegen bleibt. Die folgenden Abschnitte stellen die Tiere der Reihe nach vor und vergleichen am Ende ihre Lebensräume und Gewohnheiten.

Der Steinbock zwischen Ausrottung und Rückkehr

Der Alpensteinbock ist das imposanteste Tier der Allgäuer Felsen. Männchen werden knapp einen Meter hoch und bis zu 110 Kilogramm schwer, die Weibchen bringen es auf etwa 45 Kilogramm. Die Hörner der Böcke erreichen bis zu einem Meter Länge und wiegen bis zu 2,5 Kilogramm, das sind rund zwei Prozent des Körpergewichts. An den Ringen lässt sich das Alter ablesen, denn jeder Ring steht für einen überstandenen Winter. Steinböcke werden etwa 15 bis 18 Jahre alt.

Dass es sie überhaupt noch gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Körperteile der Tiere galten als Medizin, und die Jagd drückte den Bestand so weit, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur noch rund 100 Tiere im italienischen Gran Paradiso lebten. Ab 1821 stand die Art unter dem Schutz des Hauses Savoyen, und bis zum Ende des Jahrhunderts wuchs der Bestand auf etwa 3.000 Tiere, das Dreißigfache. Danach folgten Auswilderungsprogramme in mehreren Ländern. In Deutschland begann die Rückkehr 1936 bei Berchtesgaden. Heute gibt es hierzulande fünf Vorkommen, darunter eines in den Allgäuer Alpen, und in Bayern leben schätzungsweise 800 Steinböcke. Im Sommer ziehen sie durch felsiges Gelände mit Rasenflecken, im Winter bevorzugen sie steile Südhänge zwischen 1.600 und 2.800 Metern, die nicht dauerhaft unter Schnee liegen.

Gämse und Murmeltier im Jahreslauf

Die Gämse lebt überwiegend oberhalb der Waldgrenze und klettert über steile Felswände, weil sie von Fels zu Fels springt. Im Winter bleibt sie aktiv, zieht allerdings in tiefere Lagen, wo sie Nahrung findet. Ein extrem dichtes Haarkleid und eine Fettschicht schützen sie vor der Kälte. Im Hochwinter trifft der Beobachter Gämsen deshalb häufig weiter unten an, und nicht im Hochgebirge, wie viele vermuten.

Das Murmeltier hat eine andere Strategie. Es bewohnt Baue mit unterirdischen Gängen und ist ungefähr von April bis September aktiv. Das sind rund sechs Monate, die andere Hälfte des Jahres verbringt das Tier im Bau und überwintert im Winterschlaf, um Energie zu sparen. Während Gämse und Steinbock den Winter im Freien überstehen, verschwindet das Murmeltier vollständig aus dem Blickfeld. Zu sehen sind die Tiere meist auf grasigen Hängen, wo sie am Bau sitzen und die Umgebung beobachten. Droht von oben Gefahr, warnen sie ihre Artgenossen mit lauten Pfiffen, und die ganze Kolonie verschwindet in den Gängen. Im Sommer lohnt ein ruhiger Blick auf Wiesen oberhalb der Waldgrenze, denn dort fressen Murmeltiere Gräser und Kräuter und legen Vorräte an Körperfett an.

Der Steinadler über den Felswänden

Der Steinadler ist der größte Greifvogel der Alpen und ein Jäger der offenen und halboffenen Gelände. Seine Nahrung besteht unter anderem aus Murmeltieren und Schneehasen, und diese Beziehung macht ihn zum Gegenspieler jener Tiere, die am Hang ihre Warnpfiffe ausstoßen. Den Horst baut er an Felswänden, und beim Sturzflug erreicht er Geschwindigkeiten von bis zu 125 Kilometern pro Stunde.

Für den gesamten Alpenbogen werden etwa 1.300 Brutpaare geschätzt, das ist für ein so großes Gebirge eine überschaubare Zahl. Entsprechend selten ist die Begegnung. Für die Beobachtung eines Adlers braucht es Geduld, ein Fernglas und einen Platz mit freiem Blick auf Felswände und Hänge. Am besten gelingt das an sonnigen Tagen, wenn warme Aufwinde den Vogel nach oben tragen und er ohne Flügelschlag kreisen kann. Von Weitem lässt sich der Steinadler an seiner Größe, den breiten Flügeln und dem ruhigen, gleitenden Flug erkennen. Er jagt nicht überall im Gebirge gleichmäßig, sondern kehrt in sein Revier zurück, das er über Jahre nutzt. Die Zahl der Brutpaare macht deutlich, wie viel Raum ein Greifvogel dieser Größe benötigt und wie sehr er von einem gesunden Bestand an Beutetieren abhängt.

Vier Tiere im Vergleich

TierLebensraumWinterBesonderheit
SteinbockSteile Felshänge bis 3.500 MeterSonnige Südhänge ohne DauerschneeHörner bis 1 Meter, Alter an den Ringen ablesbar
GämseÜberwiegend oberhalb der WaldgrenzeAktiv, zieht in tiefere LagenSpringt von Fels zu Fels
MurmeltierBaue oberhalb von etwa 1.500 MeternWinterschlaf im BauAktiv von April bis September
SteinadlerOffenes und halboffenes Gelände, Horst an FelswändenBleibt im RevierBis 125 km/h, etwa 1.300 Brutpaare im Alpenraum

Die Gegenüberstellung zeigt, dass jedes Tier eine eigene Antwort auf den Winter gefunden hat. Der Steinbock sucht die Sonnenhänge, die Gämse wandert abwärts, das Murmeltier verschwindet im Bau, und der Steinadler bleibt in seinem Revier und jagt weiter. Dazu passt der Größenvergleich: Ein Steinbock wiegt mit 110 Kilogramm mehr als das Doppelte der Weibchen, die mit rund 45 Kilogramm auskommen, das Verhältnis liegt bei etwa 2,4 zu 1. Beim Murmeltier entspricht ein halbes Jahr Aktivität der Zeit, in der Gras und Kräuter wachsen. Dasselbe Prinzip gilt für alle vier Arten: Der Winter bestimmt, wie viel Raum und Nahrung zur Verfügung stehen, und jede Art hat eine eigene Antwort darauf gefunden. Die Zahlen aus der Tabelle lassen sich leicht merken: ein Meter Hornlänge, ein halbes Jahr Aktivität, 125 Kilometer pro Stunde und rund 1.300 Brutpaare. Dieser Vergleich macht verständlich, warum die Tiere nicht gleichzeitig am selben Ort zu sehen sind. Steinbock und Murmeltier trennt die Höhenlage, Gämse und Steinbock teilen sich Fels und Hang, und der Adler überspannt als Jäger beide Lebensräume. So ergibt sich über das ganze Jahr ein wechselndes Bild, das sich mit jeder Jahreszeit neu zusammensetzt.

Beobachten ohne zu stören

Gute Beobachtungen entstehen aus Abstand und Ruhe. Das gilt für Anfänger ebenso wie für erfahrene Naturfreunde, die schon viele Jahre in den Bergen unterwegs sind. Die Tiere reagieren auf Menschen sensibel, und im Winter zählt jede Flucht, weil sie Energie kostet, die später fehlt. Ein Fernglas ersetzt die Nähe, und feste Wege helfen dabei, Brut- und Ruheplätze zu schonen. Hunde gehören an die Leine, weil sie auf Wild wie ein Jäger wirken und Tiere in Panik versetzen können. Für Sommerbeobachtungen eignen sich die ruhigen Stunden am Morgen und am Abend, denn zur Mittagszeit sind Wege und Hänge häufig stark besucht. Fotografen sollten eher Brennweite mitnehmen als Nähe suchen, und ein Rucksack mit warmer Kleidung gehört dazu, weil das Warten auf dem Berg auskühlt. Jede Beobachtung verläuft anders, und das Warten gehört zum Reiz dieser Tage. Ein Notizbuch hilft, Ort, Uhrzeit und Verhalten festzuhalten, und mit der Zeit entsteht ein Gespür dafür, wann welches Tier an welchem Hang zu erwarten ist. Murmeltiere sind dafür die dankbarsten Beobachtungsobjekte, weil sie sich verlässlich an ihren Bauen aufhalten und lange zu sehen sein, solange der Beobachter still bleibt. Steinböcke dagegen wirken scheu und verschwinden rasch im Fels, wenn ihnen jemand zu nahe kommt.

  • Murmeltiere zeigen sich im Sommer auf grasigen Hängen in mittleren und höheren Lagen.
  • Steinböcke bleiben meist über 2.000 Metern und suchen im Winter Südhänge auf.
  • Gämsen sind im Sommer im Fels und im Winter in tieferen Lagen zu finden.
  • Steinadler zeigen sich an warmen Tagen mit Aufwinden über Felswänden.
  • Fernglas und Abstand halten die Störung für die Tiere gering.