Die Sturmannshöhle bei Obermaiselstein und das Eis aus der Eiszeit

Im tiefsten Punkt der Sturmannshöhle bei Obermaiselstein lag über Jahrzehnte etwa ein Kubikmeter Eis, und die Pollenanalyse ergab ein Alter von rund 20.000 Jahren. Dieses Eis stammte demnach aus der letzten Eiszeit, als Gletscher die Täler am Alpenrand füllten. Inzwischen ist es vollständig geschmolzen, ein Verlust, der sich in wenigen Jahren vollzog und den Besuchern nur noch als Erzählung bleibt. Die Höhle selbst liegt auf 978 Metern Höhe oberhalb des Dorfes, hält sich bei etwa 4 Grad Celsius und erstreckt sich über rund 460 Meter Länge und 74 Meter Höhenunterschied. Der Name geht auf das mittelalterliche Wort Sturmatz zurück, das Lärm oder Tosen bedeutet, eine von mehreren Deutungen, die plausibel klingt, weil im Inneren ein Höhlenbach rauscht. Die Temperatur bleibt über das Jahr nahezu gleich: Im Hochsommer ist es im Berg nicht wärmer als im Winter, und das macht die Höhle zu einem Archiv, in dem sich Spuren der Eiszeit länger hielten als an jedem Hang draußen. Auch die Lage trägt dazu bei, denn der Eingang öffnet sich im Kalkfels oberhalb von Obermaiselstein im Oberallgäu, geschützt vor Sonne und Wind.

Eine Kaltfalle ohne unteren Eingang

Dass sich Eis über 20.000 Jahre halten konnte, liegt an der Bauweise der Höhle. Die Höhle besitzt keinen unteren Eingang, sondern nur eine Öffnung am oberen Ende. Kalte Winterluft ist schwerer als warme und sinkt in den Schlund hinab, wo sie sich sammelt wie Wasser in einem Trog. Die wärmere Sommerluft dagegen bleibt oben und dringt kaum nach unten, weil sie leichter ist. So entsteht eine Kaltfalle, in der es im tiefsten Teil dauerhaft kälter ist als draußen. Erst die Erwärmung der letzten Jahrzehnte hat diesen Mechanismus überfordert.

Das Gestein erklärt die Form. Die Höhle liegt im Schrattenkalk, einem fossilreichen Kalkstein aus der Kreidezeit. Bei der Auffaltung der Alpen wurden diese Schichten um etwas mehr als 90 Grad gekippt, sie stehen also senkrecht. Das Wasser folgte einer solchen Schichtgrenze und löste den Kalk zu einem schmalen, hohen Gang, einer Spaltenhöhle. Anders als viele Höhlen verdankt sie ihre Gestalt nicht einer Störung der Erdkruste, sondern dem Verlauf der Schichten selbst. Im Inneren fließt ein Bach, dessen hinterer, untergetauchter Teil bis heute unerforscht ist. Eine Fledermauskolonie lebt in der Höhle nicht, es ist also vor allem das Wasser, das hier arbeitet.

Wie viel Wasser durch die Höhle fließt

  1. Ein Färbeversuch hat gezeigt, dass das Wasser in der Fellbachsursprungshöhle wieder austritt. Die Quelle schüttet im Mittel etwa 15 Liter pro Sekunde, bei 4 bis 6 Grad.
  2. 15 Liter pro Sekunde mal 60 ergeben 900 Liter pro Minute.
  3. 900 Liter mal 60 ergeben 54.000 Liter pro Stunde, also 54 Kubikmeter.
  4. 54 Kubikmeter mal 24 ergeben 1.296 Kubikmeter pro Tag.
  5. 1.296 Kubikmeter mal 365 ergeben 473.040 Kubikmeter pro Jahr.
  6. Ein olympisches Schwimmbecken fasst rund 2.500 Kubikmeter, das Jahresvolumen entspricht demnach etwa 190 Becken.

Zum Vergleich dient das Eis: Ein Kubikmeter wiegt bei einer Dichte von rund 917 Kilogramm je Kubikmeter fast eine Tonne. Die Quelle liefert an einem einzigen Tag das 1.296fache dieses Volumens. Der Eisklotz war also ein winziges Überbleibsel und kein Speicher. Ein Alter von 20.000 Jahren bedeutet zudem, dass die Eisbildung um das Jahr 18.000 vor Christus einsetzte, in der Zeit des letzten Kältemaximums. Die Zahl von 15 Litern ist ein Mittelwert und verdeckt die Schwankungen im Jahreslauf: In der Schneeschmelze fließt ein Vielfaches, im Spätwinter deutlich weniger. Für die Rechnung genügt der Durchschnitt, weil er die Größenordnung zeigt, und die liegt bei knapp einer halben Million Kubikmeter im Jahr, eine Menge, die den Berg über Jahrtausende ausgewaschen hat und ihn weiterhin formt. Mit bloßem Auge ist davon nur wenig zu erkennen: Das Wasser arbeitet im Verborgenen, löst Kalk Korn für Korn und trägt ihn hinaus, sodass der Gang jedes Jahr um einen kaum messbaren Betrag weiter wird. Über Zeiträume von Zehntausenden Jahren, in denen sich Eiszeiten und Warmzeiten abwechselten, summiert sich das zu einem Hohlraum, der sich durch 74 Höhenmeter zieht.

Was sich nicht sicher sagen lässt

Die Höhle zählt zu den bekanntesten Zielen der Gegend und ist doch in mehreren Punkten ungeklärt. Zahlen und Geschichten über sie widersprechen sich teilweise oder gelten nur als Deutung.

Die Unterscheidung ist nützlich, weil Beschreibungen in Prospekten, Führungen und Erzählungen vor Ort nicht immer dasselbe meinen und weil ein Detail, das vielfach wiederholt wird, deshalb noch nicht belegt ist. Fünf Punkte verdienen den Vorbehalt, und bei jedem lässt sich genau sagen, was gesichert ist und was nicht. Gesichert sind die Lage, die Temperatur, die Jahreszahlen der Erschließung und der Weg des Wassers durch den Berg, das Übrige beruht auf Deutung oder auf Einzelmessungen.

  • Die Länge wird in Veröffentlichungen unterschiedlich angegeben, je nachdem, ob die gesamte erkundete Strecke oder nur der Teil zählt, den die Führung zeigt.
  • Der hintere Teil des Höhlenbachs ist untergetaucht und bisher nicht erforscht, ein Tauchversuch im Höhlensee fand 1965 statt.
  • Die Herkunft des Namens Sturmatz ist eine Deutung, kein bewiesener Befund.
  • Das Alter des Eises beruht auf einer Pollenanalyse, einem mittelbaren Verfahren, das Schichten anhand eingeschlossener Blütenstaubkörner einordnet.
  • Die Frage, wer als Erster den Höhlenfluss erreichte, wird unterschiedlich überliefert: Genannt werden der Lehrer Franz Xaver Epplen und Hans Rietzler.

Auch beim Eis bleibt ein Rest Unsicherheit. Pollen im Eis verraten, welche Pflanzen damals in der Umgebung blühten, und erlauben eine Einordnung in die Zeit, doch ein Kubikmeter ist wenig Material, und die Datierung gilt für diesen Rest, nicht für die ganze Höhle. Die Höhle selbst ist sehr viel älter als das Eis, denn die Spalte im Kalkstein musste lange vor der Eiszeit bestehen, damit sich darin überhaupt etwas ablagern konnte. Das Eis war ein später Gast in einem alten Gang. Von den kleinen Schatzsuchern, die in der Höhle wohnen sollen, erzählen die Überlieferungen von Berggeistern und Venedigermännle.

Von den ersten Versuchen bis zur Eröffnung 1905

Der erste schriftlich belegte Versuch, die Höhle zu betreten, stammt von 1815. Ein Dr. Geiger scheiterte damals an den Schächten. 1854 erkundete ein Dr. Gross die Höhle, 1877 bauten Dr. J. Oertel und Mitglieder des Alpenvereins einen Weg samt Stegen und Leitern. Eine weitere Erkundung folgte 1886, und 1904 ging der Lehrer Epplen bis zum Höhlensee. Im Jahr darauf gründete sich der Höhlenbauverein, der die Erschließung vorantrieb, und am 23. Juli 1905 wurde die Höhle für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Besucherzahlen zeigen, wie sehr sich der Ort veränderte. Im Jahr 1906 kamen rund 3.000 Menschen, 2003 waren es etwa 45.000, 2023 rund 50.000, das Sechzehn- bis Siebzehnfache innerhalb von 117 Jahren. Die Beleuchtung war zuerst elektrisch und ist heute auf LED umgestellt, am Ende der Führung taucht farbiges Licht den Gang in andere Töne. Eine solche Entwicklung ist für eine Höhle ungewöhnlich, denn jeder Besucher bringt Wärme, Atemluft und Licht mit, und all das wirkt auf ein Gleichgewicht ein, das über Jahrtausende stabil war. Vom Dorf aus führt ein Fußweg von etwa einer halben Stunde zur Höhle auf dem Haubenegg. Öffnungszeiten und Eintrittspreise ändern sich und gehören vor einem Besuch bei den Betreibern der Höhle nachgeprüft.