Warum in Alpensagen so viele Berge und Schätze vorkommen

In kaum einer Landschaft stehen so viele Sagen auf so wenig Raum wie in den Alpen, und fast alle handeln von Bergen. Ein Hirt, der seine Alpe verflucht, ein Zwerg, der einen Schatz im Fels hütet, ein Heer von Toten, das in Sturmnächten über den Grat zieht: Die Bergwelt liefert den Stoff, aus dem Erzähler über Jahrhunderte ihre Geschichten spannen. Der Grund liegt weniger in der Fantasie einzelner Dichter als in der Lebenslage der Menschen. Im Gebirge sind Menschen Naturkräften ausgesetzt, die sich nicht berechnen lassen, und sie brauchen Erklärungen für das, was Wissen noch nicht erklärte.

Eine Sage ist deshalb mehr als Unterhaltung. Die Sage ist die Antwort einer Gemeinschaft auf die Frage, warum ein Fels so aussieht, warum es im Gebirge plötzlich stürmt oder warum an einer Stelle einst Reichtum lag. Sagen im strengen Sinn berichten von angeblich wirklichen Ereignissen an benennbaren Orten, im Unterschied zum Märchen, das ohne Ortsangabe in einer erfundenen Welt spielt.

Gesammelt wurden die Erzählungen vor allem im neunzehnten Jahrhundert, als Forscher und Lehrer begannen, mündliche Überlieferung aufzuschreiben. Die Brüder Grimm gaben ihre Deutschen Sagen in zwei Bänden in den Jahren 1816 und 1818 heraus, und regionale Sammler folgten in den Alpentälern. Was dabei festgehalten wurde, war schon damals Rest einer älteren Erzählkultur. Der folgende Text erklärt, nach welchem Prinzip Berge zu Bühnen der Sagen wurden, welche Naturerscheinungen sich hinter den bekannten Motiven verbergen und wie sich diese Erkenntnis auf die Lektüre alpiner Sagen anwenden lässt. Er erfindet dabei keine neuen Geschichten, sondern ordnet vorhandene Überlieferung ein, und wo es mehrere Deutungen gibt, werden sie als Deutungen benannt.

Felswand über einem Bergwald mit Nebelschwaden im Tal

Das Prinzip hinter der Sage

Das Erzählmuster alpiner Sagen folgt einer einfachen Logik: Etwas Auffälliges in der Landschaft wird mit einer Ursache verknüpft, die Menschen verstehen, nämlich mit einem Verhalten. Ein Felsblock liegt mitten auf der Wiese, und die Sage erklärt, dass ihn ein Riese oder der Teufel dort fallen ließ. Eine Weide ist unter Eis begraben, und die Sage berichtet von Hirten, die Brot und Milch verschwendeten und dafür bestraft wurden. Beide Beispiele verwandeln einen natürlichen Vorgang in eine Moralgeschichte, und das macht sie so erinnerbar. Ein Geröllfeld ist eine Tatsache, ein verfluchter Hirt ist eine Geschichte, die sich am Feuer erzählen lässt.

Dahinter steht ein weiteres Prinzip, nämlich Warnung durch Erzählung. In einer Welt ohne Wetterbericht und Geologie prägte sich ein Gebot wie den Almfrieden zu wahren oder Nahrung zu achten eher durch eine Strafgeschichte ein als durch eine Regel. Orte, an denen Sagen spielen, tragen sprechende Namen, wie Teufelsstein, Hexenwand oder Schatzberg, und diese Namen stützen die Erzählung, weil sie dem Zuhörer das Bild gleich mitliefern. Ob zuerst der Name oder zuerst die Geschichte da war, lässt sich meist nicht klären. In manchen Fällen entstand die Sage wohl aus dem Namen, in anderen gab sie ihm erst die Bedeutung, und die Forschung bewertet viele Fälle unterschiedlich.

Motive und Naturerscheinungen im Überblick

Die bekanntesten Motive der Alpensagen lassen sich mit Naturerscheinungen in Verbindung bringen, die in den Bergen tatsächlich auftreten. Die folgende Übersicht stellt fünf verbreitete Motive vor und nennt, was sich nach heutiger Deutung dahinter verbergen kann. Es handelt sich um Deutungen und nicht um bewiesene Ursachen, denn niemand kann sagen, was die ersten Erzähler im Sinn hatten.

Die Tabelle zeigt aber, dass die Sagen selten aus dem Nichts kommen. Der Fluch über eine Alpe passt zu Gletscherständen, die im Lauf der Jahrhunderte mal wuchsen, mal schrumpften, und zu Felsstürzen, die Weiden unter Geröll begruben. Die Rede von Schätzen im Berg passt zu einer Region, in der Eisenerz, Bergkristall und seltene Mineralien tatsächlich gewonnen wurden. Das Wilde Heer, das in den Rauhnächten durch die Luft zieht, erinnert an Föhnstürme, die im Winter ohne Vorwarnung über die Grate fegen. Wie der Föhn entsteht und warum er so plötzlich einsetzt, erklärt der Artikel über den Föhn im Allgäu. Eine alte Erzählgemeinschaft, die nachts in der Stube saß und den Sturm im Kamin hörte, brauchte ein Bild für die Gewalt draußen, und ein Zug der Toten über die Grate war ein Bild, das sich einprägte. Auch die Irrlichter und Moorgeister haben eine Grundlage, denn in Mooren entstehen Gase, die unter bestimmten Bedingungen schwach leuchten können, und wer nachts am Moorrand unterwegs war, sah tatsächlich Lichter, die verschwanden, sobald er näher kam.

Motiv der SageMögliche Naturerscheinung dahinterVerbreitung
Verfluchte Alpe unter EisGletscher, die vorstießen, und Felsstürze über WeidenHochgebirge, bekanntes Beispiel Übergossene Alm am Hochkönig in Salzburg
Schatz im BergErzabbau, Bergkristalle, Goldwäsche in BächenAlpenweit, im Allgäu mit den Venedigern verbunden
Wildes HeerFöhn und Sturmnächte im WinterIm gesamten Alpenraum und weit darüber hinaus
Irrlichter und MoorgeisterLeuchterscheinungen über Sumpfgas in MoorenMoore im Voralpenland
Teufelsstein und RiesenwurfFindlinge der Eiszeit, Reste von BergstürzenAlpen und Voralpenland

Was das Beispiel der Venediger zeigt

Am anschaulichsten wird das Prinzip an den Venedigersagen, die in vielen Alpentälern erzählt wurden. Die Erzählungen handeln von Fremden aus Venedig, die geheimnisvoll in die Berge zogen, Erze und Steine sammelten und mit reicher Beute zurückkehrten. Dahinter liegen echte Vorgänge, denn Händler und Bergleute aus dem Süden suchten im Mittelalter und in der frühen Neuzeit tatsächlich Metalle und Edelsteine in den Alpen, und die Ortsansässigen erlebten sie als Fremde mit einem Wissen, das ihnen verschlossen blieb. Aus dem Mangel an Verständnis entstand die Sage vom Berggeist, der Schätze hütet, und vom Zwerg, der dem Glücklichen den Weg zeigt. Für das Allgäu ist der Beitrag über das Venedigermännle und den Mythos vom Grüntengold aufschlussreich, weil er zeigt, wie sich Erzgeschichte und Erzählung vermischten, und der Artikel über Eisenerz am Grünten liefert die Fakten zum tatsächlichen Bergbau. Beide Texte ergänzen sich, denn der eine sammelt die Überlieferung, der andere die belegte Geschichte, und erst der Vergleich zeigt, welche Teile der Sage ein wahrer Kern tragen kann. Das Beispiel macht deutlich, wie nahe Sage und Geschichte beieinanderliegen: Die Erzählung bewahrt eine Erinnerung an einen Vorgang, der aus den Urkunden fast verschwunden ist, doch sie verzerrt Personen, Zeiten und Zahlen, bis kaum etwas Prüfbares bleibt.

Sagen lesen mit dem Wissen um die Natur

Eine alpine Sage lässt sich auf drei Ebenen lesen. Auf der ersten Ebene steht die Handlung, die Geschichte von Schuld und Strafe, von Gier und Belohnung. Auf der zweiten Ebene steht die Landschaft, denn jede Sage hat einen Schauplatz, der sich auf einer Wanderung aufsuchen lässt. Die dritte Ebene ist die Naturerscheinung, von der die Erzählung ausging, und hier hilft Wissen aus Geologie, Klimakunde und Geschichte. Eine Sage um einen Findling gewinnt, wenn bekannt ist, dass die Gletscher der Eiszeit Gesteinsblöcke über weite Strecken ins Vorland trugen, und dass diese Blöcke in manchen Gegenden des Allgäus heute noch einzeln in Wiesen liegen. Eine Geschichte vom Moorgeist wird greifbarer, wenn die Entstehung von Mooren und ihre Gase bekannt sind.

Die Verbindung beider Ebenen nimmt der Sage nichts von ihrem Zauber, sie verbindet sie mit der Wirklichkeit. Zugleich zeigt sie, warum die Sagen im Alpenraum so ähnlich klingen, denn Berge, Wetter und Wirtschaftsweise glichen sich von Tal zu Tal, und die Erzähler schöpften aus demselben Vorrat an Bildern. Ein Vergleich verschiedener Täler zeigt, wie dieselbe Grundgeschichte an einem anderen Ort ihren eigenen Namen und ihre eigene Pointe bekommt. Ob ein Fluch eine Alpe oder ein Heer die Rauhnacht betrifft, ist dabei weniger wichtig als die Beobachtung, dass sich die Motive wiederholen. Diese Wiederholung ist ein Befund für Forscher, denn sie deutet auf gemeinsame Erfahrungen der Alpenbewohner hin und nicht auf einen einzigen Erfinder.

  • Eine Sage hat einen Schauplatz, den Wanderer aufsuchen können, und ein Märchen kennt keinen solchen Ort.
  • Hinter vielen Motiven stehen Naturerscheinungen wie Gletscher, Föhn, Findlinge oder Moorgase, doch diese Verbindung ist eine Deutung.
  • Ortsnamen wie Teufelsstein oder Hexenwand stützen die Erzählung, ob Name oder Geschichte zuerst da war, bleibt meist offen.
  • Gesammelt wurden viele Sagen im neunzehnten Jahrhundert, und was heute gedruckt vorliegt, ist ein Ausschnitt der früheren mündlichen Vielfalt.