Ein Stein, der mehr wert ist als der ganze Ochse: So lautet der Kern einer Geschichte vom Grünten. Ein Älpler wirft einen Stein nach seinem Tier, und ein kleines Männlein aus dem Berg ruft ihm zu, der Wurf habe das Tier an Wert übertroffen. Der Stein war demnach Gold. In den Sagen des Allgäus taucht immer wieder dieses Männlein auf, das als Venedigermännle bekannt ist. Es gräbt im Berg, hütet Schätze, schickt Hirten in die Irre oder belohnt sie, ohne dass jemand erklären könnte, warum.
Die verbreitete Annahme lautet, hinter solchen Erzählungen stecke ein wahrer Kern: Fremde Goldsucher aus Venedig hätten tatsächlich in den Allgäuer Bergen geschürft, und der Volksmund habe sie zu Berggeistern gemacht. Das klingt plausibel, und manches daran stimmt, doch bei näherem Hinsehen liegt am Grünten kein Gold, sondern Eisenerz. Was die Geschichte also tatsächlich erzählt, lässt sich nur im Vergleich mit dem Berg selbst beurteilen. Aus diesem Vergleich ergibt sich ein anderes Bild als das vom einfachen Goldrausch, und es führt zu der Frage, was Menschen in einem Berg suchten, der ihnen Arbeit, Holzbedarf und Rauch ins Tal brachte. Die Antwort liegt zwischen Sage und Urkunde, und sie beginnt mit einem Blick auf die drei Orte, an denen das Männlein erzählt wird.

Wo das Venedigermännle im Allgäu auftaucht
Überliefert ist das Männlein an mehreren Orten, die sich auf der Karte weit auseinander finden. Vom Hochvogel, der mit 2593 Metern zu den höchsten Gipfeln der Allgäuer Alpen zählt, erzählt eine Sage von einem Berggeist, der als Venedigermännle im Berg arbeitet, aber nichts Gutes im Sinn hat. Vom Grünten, der mit rund 1738 Metern deutlich niedriger liegt, stammt die Geschichte vom Goldbrünnle und dem Stein. Und bei der Sturmannshöhle nahe Obermaiselstein wird berichtet, dass Venedigermännle dort auf Schatzsuche gewesen seien. Auffällig ist, dass der Charakter des Männleins wechselt. Am Hochvogel ist es bedrohlich, am Grünten eher großzügig, wenn auch unabsichtlich. Eine feste Gestalt hat es nicht, und das ist typisch für Sagen: Erzählt werden sie an bestimmten Orten, und jede Gegend färbt die Figur ein. Dazu kommt, dass die Erzählungen mündlich weitergegeben wurden, mit allen Abweichungen, die dabei entstehen. Entscheidend ist ein gemeinsames Muster, das sich in vielen Alpentälern wiederfindet. Ein Fremder, der in der Sprache oder Herkunft nicht zu den Einheimischen gehört, sucht in einem Berg nach Wertvollem, und der Berg gibt entweder nichts her oder gibt viel mehr, als jemand ahnt.
Das Goldbrünnle am Grünten
Die Geschichte vom Goldbrünnle ist kurz erzählt. Im Grünten, so heißt es, fließe irgendwo ein Brünnle, in dem Gold liege. Ein Älpler griff nach einem Stein und warf ihn seinem Ochsen nach.
Daraufhin trat ein Venedigermännle auf und machte ihm bittere Vorwürfe: Der Stein, den er eben weggeworfen habe, sei mehr wert als der ganze Ochse. Die Szene lebt von der Umkehrung und von einer zu späten Einsicht: Der Berg schenkt etwas, und der Mensch erkennt es erst, als es zu spät ist. Was der Älpler daraufhin tat, erzählt die Überlieferung nicht, und gerade dieses offene Ende lässt den Verlust des Steins größer wirken. Gelesen werden kann die Sage als Warnung, Dinge nicht gedankenlos wegzuwerfen.
Ebenso passt eine Deutung als Spott auf die Gier, denn der Älpler jammert um einen Stein, den er gar nicht kannte. Dass solche Geschichten bis heute erzählt werden, liegt weniger am Gold als an dem Gedanken, dass der gewöhnliche Boden unter den Füßen etwas Außergewöhnliches verbergen könnte. Beim Wort Grünten fällt den meisten die Aussicht ein, nicht das Innere des Berges, und genau dort setzt die Sage an.
Was am Grünten tatsächlich im Berg lag
Das Innere des Grünten war kein Goldversteck, sondern ein Erzlager. Schon 1471 sind Bergwerke am Berg schriftlich bezeugt, das Eisen wurde in einem Ofen an der Starzlach verhüttet, der 1607 errichtet und 1863 endgültig stillgelegt wurde. Zwischen Errichtung und Ende liegen 256 Jahre. Die Stollen unter den Wiesen bei Burgberg wurden erst 1946 und 1947 zugesprengt. Mehr als vierhundert Jahre Bergbau haben demnach tatsächlich Spuren im Berg hinterlassen, und unter manchen Wiesen verläuft ein Netz aus Gängen. Mehr dazu im Beitrag über das Eisenerz am Grünten. Zwischen der Sage und dieser Geschichte liegt ein Unterschied, den ein Blick auf die Gegenüberstellung zeigt.
| Merkmal | Sage vom Goldbrünnle | Geschichte des Grünten |
|---|---|---|
| Metall | Gold im Wasser | Eisenerz im Fels |
| Zeit | unbestimmt | Bergwerke ab 1471, Stollen bis zur Sprengung nach dem Krieg |
| Verarbeitung | keine, ein Stein wird weggeworfen | Ofen an der Starzlach von 1607 bis 1863 |
| Beteiligte | ein Älpler und ein Männlein | Bergleute und Hüttenarbeiter |
- 1471 Erste schriftlich bezeugte Bergwerke am Grünten
- 1607 Bau des Schmelzofens an der Starzlach
- 1863 Der Ofen wird endgültig stillgelegt
- 1946 und 1947 Sprengung der alten Stollen bei Burgberg
Daraus ergibt sich eine Rechnung, die dem Männlein nicht gefällt: Von 1471 bis zur Sprengung der Stollen 1946 vergingen 475 Jahre, in denen Menschen im Grünten gruben. Wo so lange gearbeitet wird, bleiben Haufen aus Gestein, Hohlräume und Wege zurück, an die sich Erzählungen anlagern. In einer Gegend mit bekannten Hohlräumen im Berg gab es keinen Grund zu glauben, dort sei nichts. Dass aus Eisen in der Sage Gold wurde, folgt einer einfachen Logik: Geschichten sprechen von Wertvollem, nicht von Nützlichem.
Warum Sagen Fremde zu Schatzsuchern machen
Für die Verbindung zu Venedig gibt es mehrere Deutungen, und keine ist gesichert. Eine Deutung sieht in den Venedigern Erinnerungen an wandernde Erzsucher, die im Alpenraum nach Metallen und Edelsteinen suchten. Eine andere erklärt sie als Sagenfiguren, die nur den Namen einer weit entfernten, reichen Stadt tragen, weil Venedig im Volksmund für Handel und Reichtum stand. Für das Allgäu ist keine bestimmte Gruppe von Erzsuchern aus Venedig belegt, und beide Deutungen bleiben Vermutungen. Gesichert ist dagegen, dass die Sagenerzähler eine Erklärung für auffällige Stellen brauchten. Eine Höhle, ein Stollenmund, ein Fels mit ungewöhnlicher Farbe: Wo die Natur Rätsel aufgibt, entsteht rasch eine Figur, die dafür verantwortlich gemacht wird. Das Venedigermännle ist in diesem Sinn weniger ein Wesen als eine Antwort auf die Frage, warum in einem Berg Löcher sind. Und weil Bergbau tatsächlich stattgefunden hat, wirkt die Antwort glaubwürdig, auch wenn das Gold nie gefunden wurde. Dunkle Öffnungen im Wald zogen Geschichten an, die vor dem Hineingehen warnten und den Ort mit Bedeutung auflüden. Das gilt für Höhlen wie die bei Obermaiselstein ebenso wie für Gänge, die ein Bergwerk hinterlassen hat, und für den Berggeist am Hochvogel.
Wo der Kern der Sage stimmt
- Am Grünten wurde nachweislich über Jahrhunderte im Berg gegraben, nur eben nach Eisen und nicht nach Gold.
- Bei der Sturmannshöhle und am Hochvogel trifft die Figur auf Orte, an denen Hohlräume und Felsformen zu Erzählungen herausfordern.
- Das Motiv vom unbedachten Hirten, der einen Wert wegwirft, erscheint in mehreren Fassungen und ist weniger an Gold als an Menschen gebunden.
- Der Name Venedig bleibt eine Deutung und kein Beleg für eine bestimmte Gruppe von Erzsuchern.
Die Behauptung, hinter dem Venedigermännle stehe ein belegter Goldrausch im Allgäu, lässt sich nicht halten. Trotzdem steckt in den Geschichten mehr Wirklichkeit, als der Märchenton vermuten lässt. Der Blick auf Ort und Berg zeigt, wo sich Sage und Geschichte tatsächlich berühren. Fest steht, dass im Allgäu über Jahrhunderte Erz abgebaut wurde, dass Hohlräume im Fels zu Erzählungen anregten und dass die Figur des Männleins an mehreren Orten, aber nicht in einer einheitlichen Fassung überliefert ist. Fest steht ebenso, dass für Gold am Grünten kein Beleg bekannt ist. Vier Punkte fassen die Berührungsstellen zusammen. Eine Sage ernst zu nehmen, ohne sie zu überschätzen, heißt, etwas über die Menschen zu erfahren, die sie erzählten. Die Geschichten zeigen, wie die Bewohner der Täler ihre Berge sahen: als Orte voller Rätsel, die sich nicht ausschöpfen ließen, und dass sie dafür Figuren erfanden, die Mut machten, warnten oder lachten. Ein Erklärstück über Sagen ersetzt keine Wanderung, aber es hilft beim Lesen von Ortsnamen und Wegen, an denen solche Geschichten haften. Weitere Schauplätze stehen in der Übersicht über Allgäuer Sagen, und die Höhle im Süden des Landkreises steht im Beitrag über die Sturmannshöhle.