Die Höfats bei Oberstdorf und ihre steilen Grashänge

Die Höfats bei Oberstdorf trägt Grashänge, deren Neigung im 19. Jahrhundert mit 70 bis 82 Grad geschätzt wurde. Zum Vergleich: Eine Treppe im Wohnhaus steigt mit etwa 35 Grad, eine Skipiste gilt ab 40 Grad als sehr steil, und eine Hauswand steht bei 90 Grad. Dass auf einem solchen Hang überhaupt Gras wächst, wirkt wie ein Widerspruch, und dass an ihm über Jahrhunderte Ziegen weideten, wie ein Kunststück. Der 2258 Meter hohe Berg in den Allgäuer Alpen trennt das Oytal vom Dietersbachtal und ist unter Bergfreunden weniger durch seine Höhe als durch seine Form bekannt: ein Kamm aus Gras, aus dem Felszacken ragen. Die Steilheitsangaben stammen aus Berichten des 19. Jahrhunderts und sind Schätzungen, keine Vermessungen. Dr. Groß beschrieb 1858 Neigungen von 70 bis 80 Grad, Hermann von Barth nannte am Westgipfel 80 bis 82 Grad, ein Berliner Bergfreund namens Maschke sprach von nie weniger als 60 Grad und einer steilsten Stelle von 79 Grad. Die Messmethoden waren unterschiedlich, die Beschreibungen stammen von Bergsteigern, Ärzten und Naturforschern, und ohne moderne Geräte lässt sich Steilheit am Hang nur schwer abschätzen. Auch bei vorsichtiger Lesart bleibt die Höfats ein Berg mit außergewöhnlich steilen Grashängen. Zwischen 60 und 82 Grad liegt die Spanne der historischen Angaben für die Grashänge der Höfats, ein Unterschied von 22 Grad, der zeigt, wie ungenau die Schätzungen sind. Selbst der unterste Wert, 60 Grad, übertrifft jede Skipiste im Allgäu um ein Vielfaches an Steilheit.

Felsiger Berggipfel mit steilen grünen Grasflanken unter blauem Himmel

Aus welchem Gestein die Höfats besteht

Der Berg besteht aus grauen Aptychenkalken des jüngeren Juras. Darüber liegen kieselreiche, rote Hornsteinkalke, die dem Roten Loch seine Farbe geben. Unter den Hornsteinen tritt Lias Fleckenmergel als Sockel hervor. Die Aptychenschichten bilden die Zacken, etwa die Höfatsnadel, und die scharfen Grate, während die weicheren Mergel verwittern und Boden liefern. Diese Schichtung erklärt das Bild: oben die Zacken aus widerstandsfähigem Kalk, darunter die Hänge aus Mergel, auf denen Gras Fuß fasst. Die rote Farbe im Roten Loch stammt vom kieselreichen Hornsteinkalk, der im Kontrast zum grauen Aptychenkalk auffällt. Der Wechsel harter und weicher Schichten erklärt, warum die Höfats als Zackenkamm gebaut ist und nicht als glatter Gipfel.

Das Gestein gilt an einigen Stellen als mürbe und unzuverlässig. Der Boden ist deshalb dünn und lose, das Gras hält ihn zusammen. Das Wurzelwerk dürfte wie ein Netz wirken, das Geröll und Erde festhält, und erklärt vermutlich, warum die Hänge nicht abrutschen. Zu lange Trockenheit hat die gegenteilige Wirkung, sie macht den Boden bröselig. Der Berg lebt also von einem Gleichgewicht zwischen Feuchtigkeit und Wurzeln, das sich nicht beliebig verschieben lässt. Die Höfats trennt zusammen mit dem Rauheck und kleineren Gipfeln das Oytal vom Dietersbachtal.

Gipfel und Höhen im Überblick

Die Höfats hat mehrere Gipfel, deren Namen umstritten sind. Der Alpenvereinsführer von 2004 schlägt Nordwestgipfel und Südostgipfel vor, in der Literatur sind weiterhin Westgipfel und Ostgipfel gebräuchlich. Die Höhenangaben schwanken je nach Karte um einen oder zwei Meter, die folgende Übersicht stützt sich auf die Alpenvereinskarte Allgäuer Alpen West. Der Höhenunterschied zwischen dem höchsten Punkt und der Scharte beträgt 51 Meter, ein Wert, der zeigt, wie dicht die Gipfel beieinanderstehen und wie schmal der Grat ist. Zwischen Ostgipfel und Westgipfel liegt nur ein Meter Höhenunterschied, auf einem Kamm, der so schmal ist, dass die Gipfel einzeln erstiegen werden. Die Zahlen unterscheiden sich je nach Karte um ein bis zwei Meter, und auch die Zählung der Gipfel schwankt in den Beschreibungen zwischen vier Spitzen und einem zusammenhängenden Kamm. Bei einem Berg aus Gras und Fels verändert sich der höchste Punkt außerdem durch Erosion und durch Messfehler, sodass eine Differenz von einem Meter keine Aussage über die tatsächliche Rangfolge erlaubt. Die Lage zwischen Oytal und Dietersbachtal verleiht dem Berg Ausgangspunkte auf mehreren Seiten: Die Käseralpe führt zum Nordostgrat und zur Südostwand, die Rauhenhalsalpe zu den Nordwänden, Gerstruben zur Westseite.

PunktHöheHinweis
Ostgipfel2258 merstmals 1891 vom Älpelesattel bestiegen
Zweiter Gipfel2258 mgilt als Hauptgipfel
Westgipfel2257 mschon vor 1848 von Einheimischen bestiegen
Mittelgipfel2257 merste Besteigung 1891
Höfatsscharte2207 mEinschnitt zwischen den Gipfeln

Ziegen, Gerstruben und die Geschichte der Weide

Bis ins 19. Jahrhundert wurden die steilen Grasflanken im unteren Bereich von Gerstruben aus bewirtschaftet. Die untere Höfats diente über Jahrhunderte als Ziegenweide, ein Enddatum nennen die Beschreibungen nicht. Gerstruben ist eine alte Walsersiedlung, über die der Beitrag zu den vergessenen Orten im Allgäu mehr erzählt. Ziegen kommen im Steilgelände besser zurecht als Rinder, die Hänge ließen sich also nutzen, wo Wiese und Weide sonst knapp waren. Die Beschreibungen nennen Ziegen als Weidetiere der unteren Höfats. Dass die Bewohner die Höfats trotz der Steilheit bewirtschafteten, zeigt, wie knapp die Flächen in den Tälern waren. Die Weide an solchen Hängen war Handarbeit und kostete Zeit, gemessen am Ertrag, den ein Hang von 60 Grad Neigung liefert.

Einheimische aus Gerstruben haben den Westgipfel nach den überlieferten Berichten schon vor 1848 bestiegen, genannt wird kein Name. Die erste touristische Besteigung gelang 1848 dem Botaniker Otto Sendtner und wurde erst 1853 bekannt. Zwischen dem Zeitpunkt der Besteigung durch Einheimische und der ersten Bekanntmachung liegen mindestens fünf Jahre, ein Beispiel dafür, wie das Wissen der Anwohner jahrelang unbeachtet blieb, bis Fremde es aufschrieben. Der Ostgipfel folgte am 28. Juli 1891, bestiegen von H. Kranzfelder und L. Stritzel. Von Sendtners Besteigung bis zu dieser Ostgipfel Besteigung vergingen 43 Jahre, in denen der Westgipfel längst bekannt war. Die Angaben zum Ausgangspunkt der Besteigung von 1848 widersprechen sich in der Literatur, Gerstruben und Gufel werden genannt. Das zeigt, wie schwer sich selbst gut dokumentierte Erstbesteigungen im Rückblick einordnen lassen. Die Daten 1848, 1853 und 1891 dienen als Eckpunkte.

Woher der Name kommt

Die Herkunft des Namens ist nicht vollständig geklärt. Früher galt die Deutung als die Hoffärtige als verbreitet, sie wurde 1951 als gewagt bezeichnet. August Kübler leitete den Namen 1909 von einem Partizip des Verbs heben ab, was Thaddäus Steiner in einer Dissertation von 1972 widerlegte. Steiner schlug später vor, der Name gehe auf Höchatz zurück, eine hochgelegene Weide, denn Atz bedeutet in der Walsermundart Weide. Die Deutung gilt als wahrscheinlich, bewiesen ist sie nicht. Bei Flurnamen arbeiten Sprachforscher häufig mit solchen Wahrscheinlichkeiten, weil schriftliche Belege fehlen. Die Bedeutung hochgelegene Weide passt jedenfalls zu einem Berg mit Grashängen.

Der Name passt zur Geschichte der Ziegenweide, denn Weide und Höhe sind seine beiden Bestandteile. Der Vorschlag der Hoffärtigen dagegen, der vom stolzen Aussehen des Berges ausging, wurde mit der Zeit verworfen, weil er sprachlich nicht trägt. Wenn eine Weide den Berg benennt, zeigt das, wie stark die Nutzung den Ort prägte, und die Walser, die aus dem Wallis kamen und in den Allgäuer Hochtälern siedelten, brachten ihre Mundart mit. Das erklärt, warum ein Berg im Oberallgäu einen Namen trägt, dessen Wurzel im Walserdeutschen liegt.

Wege auf den Berg und was die Zahlen sagen

Die Besteigung wird nach der Alpenvereinsskala bewertet. Der Normalweg von Osten führt ab dem Älpelesattel über den Südsüdostgrat und wird mit UIAA II angegeben, die Gehzeit liegt bei etwa 1 Stunde 15. Der westliche Normalweg ab Gerstruben, genannt Durch die Wanne, ist ebenfalls UIAA II und dauert rund 3 Stunden 15. Die Überschreitung von West nach Ost wird mit UIAA III und etwa einer Stunde angesetzt, der Südwestgrat ab Gerstruben mit UIAA IV und rund fünf Stunden. Die Nordwände gehören mit UIAA V bis VI zu den schwierigen Kletterrouten des Gebiets, die Gerade Nordwand des Zweiten Gipfels dauert etwa zehn Stunden.

Die Stufen sagen mehr über die Beschaffenheit des Berges als über die Länge. Die Ostroute ist mit gut einer Stunde sehr kurz, doch sie führt über schräge Felsplatten und steile Grasflanken, die im Abstieg schwieriger sind als im Aufstieg. Früher wurden Steigeisen empfohlen, auf den leichteren Anstiegen sind sie heute nicht mehr üblich, feste Bergschuhe gehören aber zur Ausrüstung. Nasse oder vereiste Hänge verwandeln den Berg in ein Gelände, das mit Eistouren in den Zentralalpen verglichen wird. Trockene Tage gelten deshalb als Voraussetzung, zu lange Trockenheit macht den Boden allerdings bröselig.

Pflanzenschutz und das Edelweiß

Die Höfats ist seit 1911 Pflanzenschutzgebiet und seit 1959 Naturschutzgebiet. Der Kieselgehalt des Gesteins führt zu einer großen Artenvielfalt, genannt werden Enzian, Aurikel, Anemone, Edelraute, Federgras und Straußglockenblume. Das Edelweiß wurde Anfang des 20. Jahrhunderts fast ausgerottet. Während der Inflation 1923 pflückten Sammler die Blüten für den Verkauf an Touristen, Mitte der 1920er Jahre war nur noch ein Zehntel des Bestands von 1900 vorhanden. Den Weg der Pflanze beschreibt der Beitrag zum Edelweiß im Allgäu aus anderer Sicht.

Ab 1935 stand im Sommer ein Zeltposten der Bergwacht am Berg, 1969 kam eine Biwakschachtel dazu. Anfang der 1970er Jahre erreichten die Bestände wieder 80 Prozent des Standes von 1900. Der Posten ist seit 2007 nicht mehr besetzt, weil sich die Bestände erholt haben. Von 1935 bis 2007 liegen 72 Jahre, in denen Sommer für Sommer jemand am Berg wachte. Das ist ein seltenes Beispiel dafür, dass ein Schutzkonzept sein Ziel erreicht hat. Der Rückgang auf ein Zehntel und die Erholung auf 80 Prozent zeigen, wie stark eine einzelne Pflanzenart vom Verhalten der Menschen abhängt, innerhalb von wenigen Jahrzehnten in beide Richtungen. Die Zahlen sind Prozentwerte des Bestands von 1900, nicht gezählte Pflanzen.

  • Höhe: 2258 Meter am Hauptgipfel
  • Gestein: Aptychenkalk, Hornsteinkalk, Fleckenmergel
  • Schutz: Pflanzenschutzgebiet seit 1911, Naturschutzgebiet seit 1959
  • Weide: Ziegen über Jahrhunderte, bewirtschaftet von Gerstruben aus
  • Name: vermutlich von Höchatz, hochgelegene Weide