Kempten im Allgäu und die römische Stadt Cambodunum

Kempten gehört zu den Städten, die den Titel der ältesten Stadt Deutschlands für sich beanspruchen, neben Trier und einigen weiteren Orten am Rhein und an der Donau. Der Streit lässt sich nicht entscheiden, weil er von der Definition einer Stadt abhängt, doch ein Datum liegt fest: Der Geograf Strabon, der um die Zeitenwende schrieb, nennt im Gebiet der Vindeliker einen Ort namens Kambodunon. Dieser Name lebt im heutigen Kempten fort. Mit etwa 70.000 Einwohnern ist Kempten die größte Stadt des Allgäus, eine kreisfreie Stadt an der Iller, in der römische Mauerreste, ein Klosterbezirk der Fürstäbte und die Barockkirche St. Lorenz auf engem Raum zusammenstehen. Das Allgäu der Berge um Oberstdorf bekommt hier ein Gegenstück, die Stadtseite der Region. Die Geschichte Kemptens lässt sich an vier Epochen ablesen, und jede hat im Stadtbild Spuren hinterlassen, die ein Besucher an einem einzigen Tag aufsuchen kann. Die Römer legten Straßen und Tempel an, die Mönche schufen ein geistliches Zentrum, die Bürger erkämpften sich ihre Freiheit, und die Fürstäbte bauten nach dem Dreißigjährigen Krieg eine Residenz, die bis heute das Stadtbild prägt. Dazwischen liegen Brände, Plünderungen und eine Teilung der Stadt in zwei Gemeinwesen, die sich über Jahrhunderte gegenüberstanden. Genau diese Brüche machen den Besuch lohnend, denn nirgends im Allgäu lässt sich so anschaulich nachvollziehen, wie sich Macht, Glaube und Handel in einer Voralpenstadt abgewechselt haben.

Ruhig fließende Iller zwischen Bäumen und Häusern unter blauem Himmel

Cambodunum als römische Siedlung am Fluss

Nachdem römische Truppen im Jahr 15 vor Christus das Alpenvorland erobert hatten, entstand an der Iller eine Siedlung, die den keltischen Namen weiterführte und als Cambodunum bekannt wurde. Die Lage war klug gewählt. Der Fluss lieferte Wasser und Transportweg, die Hänge am linken Ufer boten trockenen Baugrund, und die Straßen, die vom Süden her über die Alpenpässe kamen, liefen in dieser Gegend zusammen. In den Jahrzehnten nach der Gründung wuchs ein Ort mit rechtwinkligem Straßennetz heran, mit Wohnhäusern, Werkstätten und öffentlichen Bauten. Hölzerne Häuser wichen im Lauf der Zeit Steinbauten, was in römischen Provinzstädten ein Zeichen wachsender Bedeutung war. Mehrfach zerstörten Brände Teile der Siedlung, und jedes Mal wurde sie wieder aufgebaut, ein Hinweis darauf, wie wertvoll der Standort war. Im Archäologischen Park Cambodunum sind heute die Grundmauern und rekonstruierte Teile eines gallorömischen Tempelbezirks sowie die Reste großer Thermen zu sehen, deren Ausmaße auf eine große, wohlhabende Stadt schließen lassen. Besucher erkennen dort, wie groß die Stadt war und wie selbstverständlich Badekultur, Götterverehrung und Handel zusammengehörten. Dass solche Anlagen im Allgäu stehen, überrascht viele, die römische Geschichte eher mit dem Rhein verbinden. Die römische Zeit endete in Kempten nicht abrupt. Im dritten Jahrhundert häuften sich Einfälle germanischer Gruppen, die offene Stadt am Fluss wurde unsicher, und die Bewohner zogen sich allmählich auf die Höhe am gegenüberliegenden Ufer zurück, wo eine Befestigung entstand.

Vom Rückzug auf den Burghügel zum Kloster

Die spätantike Befestigung auf dem Hügel am rechten Illerufer, der heute Burghalde heißt, war klein, aber leicht zu verteidigen. Die Anlage hielt den Namen des Ortes über die unruhigen Jahrhunderte der Völkerwanderung am Leben, in denen von einer städtischen Kultur wenig übrig blieb. Aus schriftlichen Quellen lässt sich der Verlauf dieser Zeit nur lückenhaft rekonstruieren, Archäologen schließen die Lücken mit Funden aus Gräbern und Siedlungsresten. Im achten Jahrhundert begann dann eine neue Epoche, denn in dieser Zeit wurde ein Benediktinerkloster gegründet, das später zur Fürstabtei Kempten aufstieg. Klöster waren im frühen Mittelalter weit mehr als Orte des Gebets. Mönche rodeten Wald, legten Felder an, schrieben Urkunden und verwalteten Land, und rund um das Kloster entstand ein Ort, der Handwerker und Händler anzog. Der Abt wurde mit den Jahrhunderten zum Landesherrn, im vierzehnten Jahrhundert stieg er in den Rang eines Reichsfürsten auf, und das Stift besaß Dörfer, Wälder und Alpen weit ins Allgäu hinein. Die Folgen sind bis heute spürbar, denn die Klosterherrschaft prägte die Landwirtschaft der Umgebung und trug dazu bei, dass die Milch- und Almwirtschaft im Allgäu früh eine feste Ordnung bekam. Für die Wurzeln der Allgäuer Käsekultur ist die Fürstabtei ein wichtiger Baustein, und die Entwicklung der Milchwirtschaft lässt sich im Artikel über Carl Hirnbein und den Käse, der das Allgäu veränderte weiterverfolgen.

Stiftsstadt und Reichsstadt als zwei Welten

Das Besondere an Kempten war über lange Zeit seine Teilung. Neben der Stiftsstadt der Äbte entwickelte sich die Stadt der Bürger, die sich im Jahr 1289 die Reichsfreiheit sicherten und fortan unmittelbar dem Kaiser unterstanden. Zwei Gemeinwesen lagen damit nebeneinander, getrennt durch Zuständigkeiten, Abgaben und Kirchen. Mit der Reformation verschärfte sich der Gegensatz, denn die Reichsstadt wurde evangelisch, während die Stiftsstadt katholisch blieb. Die Bürger hielten ihre eigene Kirche, die Äbte ihre Klosterkirche, und beide Seiten bewachten ihre Rechte mit Misstrauen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde Kempten schwer getroffen: Die Stadt wurde mehrfach besetzt, geplündert und teilweise zerstört, die Bevölkerung nahm stark ab. Dass nach dem Krieg ausgerechnet das Stift den ersten großen Kirchenneubau im Reich beschloss, wirkt wie ein Zeichen des Anspruchs. Die Doppelstadt blieb bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bestehen, als der Umbruch der napoleonischen Zeit beide Herrschaften beendete. Das Fürststift wurde 1802 aufgelöst und fiel an Bayern, später schlossen sich die beiden Städte zu einer einzigen zusammen. Der Gang vom Rathausplatz zur Residenz führt heute über eine ehemalige Grenze, die niemand mehr bemerkt, weil kein Schild und kein Zaun an sie erinnert.

Eine Zeitleiste für den Rundgang

Die Daten dieser Stadt reichen über zwei Jahrtausende, und wer sie nebeneinanderlegt, sieht, wie unterschiedlich die Epochen lange waren. Die römische Zeit dauerte rund drei Jahrhunderte, die Herrschaft der Äbte mehr als ein Jahrtausend, die Teilung in zwei Städte mehr als ein halbes Jahrtausend. Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Stationen zusammen und dient als Wegweiser für den Besuch vor Ort, denn fast jede Jahreszahl ist an einem Bauwerk oder Fundplatz greifbar. Ein Rundgang, der mit dem Archäologischen Park beginnt und mit der Residenz endet, geht die Geschichte in der richtigen Reihenfolge ab und braucht dafür einen halben Tag, einschließlich der Wege zwischen den Stationen am linken und rechten Illerufer. Dabei fällt auf, dass die jüngeren Epochen dichter aufeinander folgen als die älteren: Zwischen der Reichsfreiheit und dem Ende des Fürststifts liegen gut fünfhundert Jahre, zwischen Klostergründung und Reichsfreiheit rund fünfhundert, und die Römerzeit wirkt dagegen wie ein eigenes, abgeschlossenes Kapitel. Dieses Gefälle erklärt, warum der Archäologische Park etwas abseits der Altstadt liegt und warum die Geschichte der Stadt in mehreren Museen und Bauwerken erzählt wird statt an einem einzigen Ort.

  1. Um 15 vor Christus: Eroberung des Alpenvorlands, Beginn der römischen Siedlung am Fluss.
  2. Erstes bis drittes Jahrhundert: Ausbau zur Stadt mit Tempelbezirk und Thermen.
  3. Drittes Jahrhundert: Rückzug auf den Hügel am rechten Illerufer.
  4. Achtes Jahrhundert: Gründung des Benediktinerklosters.
  5. 1289: Die Bürger erhalten die Reichsfreiheit.
  6. 1652 bis 1666: Bau der Stiftskirche St. Lorenz durch Michael Beer.
  7. 1802: Das Fürststift fällt an Bayern, die Doppelstadt verliert ihre Teilung.

Barock im Stadtbild von St. Lorenz bis zur Residenz

Die Stiftskirche St. Lorenz gilt als der erste große Kirchenneubau in Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg. Gebaut wurde sie zwischen 1652 und 1666 nach Plänen des aus Vorarlberg stammenden Baumeisters Michael Beer, und sie zeigt in ihrer Anlage mit mächtiger Kuppel, ausgewogenem Innenraum und strengen Proportionen den Übergang von der Spätrenaissance zum Barock. Der Besucher bemerkt im Inneren die helle, weite Raumwirkung, die sich deutlich von gotischen Kirchen des Allgäus unterscheidet. Nebenan steht die Residenz der Fürstäbte, deren Prunkräume aus dem achtzehnten Jahrhundert mit Stuck, Deckengemälden und Möbeln den Anspruch eines geistlichen Landesherrn ausdrücken. Der Rundgang verbindet sich gut mit einem Gang durch die Altstadt, in der Bürgerhäuser, Brunnen und Gassen die Reichsstadt erkennen lassen, und mit einem Aufstieg zur Burghalde, von der aus der Blick über Dächer, Iller und Berge reicht. Für eine Reise ins Allgäu eignet sich Kempten als Auftakt, denn von hier führt die Strecke durch das Illertal weiter Richtung Immenstadt, Sonthofen und Oberstdorf. Die Entfernung bis Oberstdorf beträgt gut vierzig Kilometer, und die Bahnstrecke folgt demselben Tal. Kempten verbindet damit zwei Eindrücke des Allgäus, die Bergwelt im Süden und die Kulturlandschaft der Städte im Norden, und ergänzt das Bild, das Orte wie Bad Hindelang mit seiner langen Geschichte zeichnen.

Was Kempten heute ausmacht

Heute ist Kempten ein Hochschul-, Verwaltungs- und Einkaufszentrum für das ganze Allgäu und zugleich ein Ort, der seine Geschichte nicht versteckt. Der Archäologische Park, die Museen, die Residenz und die Kirchen bilden zusammen ein Geschichtsangebot, das für ein Wochenende reicht. Im Sommer prägt die Allgäuer Festwoche das Stadtleben, eine große Messe mit Festbetrieb, und im Winter wirken die engen Gassen mit ihren Giebelhäusern fast mittelalterlich. Eine besondere Rolle spielt die Iller, die Kempten durchfließt und die vor der Regulierung des neunzehnten Jahrhunderts ein wilder Fluss mit wechselnden Läufen war. Heute säumen Radwege das Ufer, und der Iller Radweg beginnt oder endet in dieser Region, wie der Beitrag über den Iller Radweg von Oberstdorf nach Ulm zeigt. Der Reiz der Stadt liegt in dieser Mischung. Die Wege zwischen den Sehenswürdigkeiten sind kurz, die Gassen der Altstadt lassen sich gut zu Fuß erkunden, und wer einen zweiten Tag einplant, findet im Umland Burgen, Weiler und Moorlandschaften, die das Bild abrunden. Zugleich ist Kempten ein Beispiel dafür, dass ein Reiseziel im Allgäu nicht an der Schneegrenze beginnen muss. Nach dem Besuch der römischen Therme erscheint die Fürstabtei verständlicher, und wer die Fürstabtei kennt, erkennt in der Landschaft das Werk der Klöster. Kempten ist deshalb kein Nebenschauplatz der Berge, sondern der Ort, an dem sich erklärt, warum das Allgäu so aussieht, wie es aussieht.