Carl Hirnbein und der Käse, der das Allgäu veränderte

Ein Bauernsohn aus dem Weiler Wilhams bei Missen treibt 1824 als Hirte eine Rinderherde nach Oberitalien und kommt mit einer Idee zurück, die das Allgäu verändert: Milch lässt sich zu Käse machen, den man über weite Strecken verkaufen kann. Carl Hirnbein, geboren am 27. Januar 1807 und gestorben am 13. April 1871 in Weitnau, gilt deshalb als einer der wichtigsten Agrarreformer der Region. Auf ihn gehen zwar nicht alle Neuerungen zurück, die ihm zugeschrieben werden, doch kaum jemand im Oberallgäu des 19. Jahrhunderts verband Viehhandel, Käsereien, Almwirtschaft und sogar den frühen Fremdenverkehr so beharrlich miteinander. Was von diesem Mann belegt ist und was sich mit der Zeit zur Legende verdichtet hat, lässt sich anhand der Lebensdaten recht gut trennen.

Wichtig ist der Blick auf die Ausgangslage. Im frühen 19. Jahrhundert lebte die Landwirtschaft zwischen Immenstadt, Sonthofen und Kempten vom Vieh, aber der Absatz war schmal. Butter und einfacher Hartkäse für den Eigenbedarf und den nächsten Markt, dazu der Verkauf von Jungvieh, mehr trug die Wirtschaft kaum. Genau in diese Lücke stieß Hirnbein, und der Weg dorthin begann nicht in einer Käserei, sondern auf den Saumpfaden über die Alpen.

1807 bis 1824 vom Hof in Wilhams auf die Passwege

Hirnbein wuchs als ältestes Kind von Johann Hirnbein und Franziska, geborene Eldracher, in Wilhams auf, heute ein Ortsteil von Missen-Wilhams. Nach der Volksschule im Dorf besuchte er von 1819 bis 1821 die Höhere Bürgerschule in Kempten, eine für einen Bauernsohn dieser Zeit ungewöhnlich lange Ausbildung. Dazu kamen Privatstunden in Architekturzeichnen und Italienisch. Die Sprache sollte sich als nützlich erweisen, denn der Vater handelte mit Vieh und Käse und unterhielt Beziehungen nach Süden.

Es folgte eine kaufmännische Lehre in Rovereto im heutigen Trentino, einer Handelsstadt an der Etsch, in der Waren zwischen Italien und dem Norden umgeschlagen wurden. 1824 begleitete der Siebzehnjährige als Hirte einen Rindertransport nach Oberitalien, und in den folgenden Jahren trieb er selbst drei bis vier Mal im Jahr Herden über die Alpen. Schon ein Blick auf die Strapazen erklärt den späteren Erfolg: mehrere Wochen auf Passwegen, Futter und Quartier für Dutzende Tiere, Zahlungen in fremder Währung und Verhandlungen mit Händlern, die jeden Preis drückten. In diesen Jahren lernte Hirnbein, wie Märkte funktionieren, und er sah, welche Käsesorten im Süden und Westen begehrt waren, während das Allgäu sie nicht herstellte.

1827 bis 1837 Emmentaler und Limburger

Der Vater führte die Firma ab 1830 mit dem Teilhaber Alois Rädler weiter, sie hieß nun Hirnbein und Rädler. Zu diesem Zeitpunkt lief im Allgäu bereits ein Versuch mit Schweizer Käse. 1827 hatte Josef Aurel Stadler den Schweizer Johann Althaus als Käser angestellt, und mit ihm gelang die Herstellung von Emmentaler in befriedigender Qualität. Dieser Erfolg gehört zur Vorgeschichte, an der Hirnbein anknüpfte, die er aber nicht allein geschaffen hat.

Seine eigene Spur ist der Weichkäse. 1829 reiste er in die Gegend um Limburg im heutigen Belgien, um die Herstellung des Limburger Käses zu studieren. Der erste Versuch in Oberwilhams fiel wenig befriedigend aus, also schickte er Allgäuer Burschen zur Ausbildung ins Limburgische. 1837 verfasste der Buchhalter Wilhelm Ditt eine Anleitung in zehn Punkten, die unter anderem Öfen in den Beizkellern vorsah, damit die Rinde die richtige Reife bekam. Der bis dahin verbreitete Backsteinkäse wurde innerhalb weniger Jahre fast vollständig von Limburger und Romadur verdrängt. Hirnbein betrieb zeitweise 20 bis 30 eigene Betriebe und schloss Lieferverträge mit zahlreichen Bauern, die ihm ihre Milch verkauften. Aus Galtalpen für trockenstehendes Jungvieh machte er Sennberge, auf denen gemolken und gekäst wurde, was deren Wert deutlich steigerte.

1836 und der Streit um den Geruch

Ein Eintrag der Lebensgeschichte wirkt heute komisch und war damals ernst gemeint. 1836 forderte der Magistrat in Kempten, den Käsehandel einzuschränken, weil die gereiften Weichkäse in der Stadt schlicht stanken. Limburger entsteht durch Rotschmiere auf der Rinde, und was Kenner lieben, trieb die Nachbarn der Lagerkeller zur Verzweiflung. Der Streit zeigt, wie schnell die neue Branche gewachsen war: Wo vorher eine Handvoll Bauern ihren Käse selbst verkauften, standen jetzt Lagerhäuser mitten in der Stadt.

Hirnbein ließ sich davon nicht bremsen, zumal die Nachfrage aus den Städten im Norden und Westen stetig wuchs und der Eisenbahnbau die Absatzwege später weiter öffnete. Er verlagerte Teile des Geschäfts, hatte weitere Standorte in Stuttgart und Mannheim und lieferte seine Ware dorthin, wo sie bezahlt wurde. Für die Bauern bedeutete das, ein Jahr nach dem anderen, einen sicheren Abnehmer ihrer Milch, und genau das trug dazu bei, dass die Milchwirtschaft im Allgäu im Lauf des Jahrhunderts zum Rückgrat der Region wurde. Wie heute auf den Sennalpen gekäst wird, beschreibt der Beitrag über den Bergkäse und seine Herstellung, das Leben dort der Text über die Älpler auf der Sennalpe.

Die belegten Stationen des Lebens lassen sich so ordnen:

  1. 1807: Geburt in Wilhams, ältestes Kind eines Viehhändlers.
  2. 1819 bis 1821: Höhere Bürgerschule in Kempten.
  3. 1824: erste Reise als Hirte mit einem Rindertransport nach Oberitalien.
  4. 1829: Studienreise zur Limburger Käserei in Belgien.
  5. 1836: Der Magistrat von Kempten fordert wegen der Geruchsbelästigung eine Einschränkung des Käsehandels.
  6. 1840: Heirat mit Anna Maria Heim aus Weiler.
  7. 1852: Bau des Grüntenhauses.
  8. 1871: Tod an einem typhösen Fieber.

1852 und das erste Hotel in den Allgäuer Alpen

Dass Hirnbein auch im Tourismus einen Platz in den Geschichtsbüchern hat, überrascht zunächst. 1852 ließ er auf dem Grünten, dem markanten Berg bei Sonthofen, das Grüntenhaus errichten, das erste Hotel in diesem Teil der Alpen. Er war außerdem Initiator des ersten Fremdenverkehrsprospekts für das Allgäu. Die Überlegung lag nahe, denn Reisende der Biedermeierzeit begannen, die Berge nicht mehr nur als Hindernis zu sehen. Wem damals eine Sennalpe gehörte, der hatte Milch, Käse, Brot und Holz für den Ofen vor Ort, es fehlten lediglich Betten und ein Dach, das auch bei Regen Gäste hielt. Daher gilt: Wem ein Berg mit eigener Alpwirtschaft gehört, kann Städtern, die auf der Suche nach frischer Luft und Aussicht waren, Milch, Käse und ein Bett verkaufen. Das Haus auf dem Grünten steht noch, wird heute aber nur als einfache Wanderhütte betrieben. Der Grünten gilt wegen seiner freistehenden Lage am Rand der Allgäuer Alpen als Aussichtsberg mit weitem Blick bis ins Alpenvorland, was Städter anzog.

Daneben kaufte er um die Jahrhundertmitte die Immlersche Brauerei in Weitnau und machte sie zur Hirnbein Brauerei, und er saß in der zweiten Kammer des Bayerischen Landtags. In einer Person trafen sich Stall, Käsekeller, Bierbrauerei und Parlament, was für das Allgäu der Zeit außergewöhnlich war.

Was von Hirnbein bleibt

Am 13. April 1871 starb Hirnbein in Weitnau an einem typhösen Fieber. Von seinen sechs Kindern erreichten nur Josepha und Johann Baptist das Erwachsenenalter. Sein Schwiegersohn Josef Widmann, Baurat und Jahrgang 1833, führte die Agrarreform im Allgäu weiter und gründete den Milchwirtschaftlichen Verein sowie die Allgäuer Herdebuchgesellschaft, womit die Zucht auf eine geordnete Grundlage kam. Ein Herdebuch hält Abstammung und Leistung der Tiere fest, damit Züchter Stiere und Kühe nach nachprüfbaren Eigenschaften auswählen können und nicht nach dem Augenschein. Mehr zur Rinderrasse, die diese Arbeit prägte, steht im Beitrag über das Allgäuer Braunvieh.

Straßen in Kempten, Sonthofen, Immenstadt und Wangen tragen seinen Namen, in Missen-Wilhams erinnern ein Museum und ein Informationswanderweg nach Weitnau an ihn, und der Schriftsteller Peter Dörfler nannte ihn in einer Trilogie der Jahre 1934 bis 1936 den Patriarchen des Allgäus. 2011 erschien ein Dokumentarfilm über den Allgäu Pionier. Dass sein Name bis heute auf Straßenschildern steht, spricht für nachhaltigen Einfluss auf die Region zwischen Kempten und den Bergen. Bei aller Verehrung bleibt die nüchterne Bilanz: Hirnbein war ein Unternehmer, der vorhandene Ideen konsequent im großen Maßstab umsetzte, und gerade das machte ihn für die Region so folgenreich.