Der Alpensalamander im Allgäu und sein Name Reagamändle

Auf einem nassen Waldweg im Oberallgäu liegt nach dem Regen ein schwarzes, glänzendes Tier, kaum länger als ein Finger und unbeeindruckt von nahenden Schritten. In der Mundart heißt es Reagamändle, das Regenmännlein, und der Name verrät, wann es sich zeigt: bei Regen oder kurz danach, meist zwischen Mai und Oktober. Gemeint ist der Alpensalamander, ein Lurch, der in Deutschland nur in den nördlichen Kalkalpen, im bayerischen Voralpenland und in der Adelegg im Südosten Baden-Württembergs vorkommt. Zum Lurch des Jahres 2026 wurde er gewählt, und das hat einen guten Grund: Kaum ein anderes heimisches Tier verbindet so viel Unscheinbarkeit mit so viel Aufwand. Er ist zudem ein Amphibium und kein Reptil, auch wenn er im Volksmund häufig mit Echsen in einen Topf geworfen wird. Auffällig ist nicht seine Farbe, sondern seine Art, Nachwuchs zu bekommen. Das Weibchen trägt die Jungen mindestens zwei Jahre aus, in den höchsten Lagen nach manchen Angaben bis zu vier Jahre, und bringt am Ende zwei fertig entwickelte Tiere zur Welt, die sofort an Land laufen. Eine so lange Tragzeit gilt als eine der längsten unter allen Wirbeltieren. Während der Feuersalamander im Tal seine Larven in einen Bach setzt, braucht der Alpensalamander überhaupt kein Gewässer, und genau das erlaubt ihm ein Leben in Höhen, in denen andere Lurche längst aufgeben.

Zwei Junge aus fünfzig Eizellen

Im Körper des Weibchens reifen etwa 40 bis 50 Eizellen heran, doch nur zwei davon entwickeln sich weiter. Die übrigen dienen als Nahrung: Die beiden Embryonen zehren zuerst vom Dotter der Geschwister und danach von Gewebe der Mutter. Der Nachwuchs wird also nicht zusammen mit vielen Geschwistern ins Leben geschickt, sondern in einem aufwendigen Verfahren zu zwei kräftigen Jungen herangezogen.

Die Neugeborenen messen 40 bis 55 Millimeter. Bei einer Mutter von zwölf bis fünfzehn Zentimetern Länge ergibt das ein Verhältnis von gut einem Viertel bis knapp der Hälfte der Körperlänge, ein Wert, der bei Lurchen ungewöhnlich hoch ist.

Die naheliegende Erklärung dafür liegt im Gelände. In Kalkgebirgen versickert Wasser rasch, Tümpel und ruhige Bachstellen sind rar, und die kalte Jahreszeit dauert lang. Larven, die erst im Wasser heranwachsen müssten, hätten dort kaum eine Chance. Ein Jungtier dagegen, das nach Jahren im Mutterleib fertig geboren wird, kann sofort Nahrung suchen und sich verstecken. Auch das Verhältnis von Aufwand und Ertrag ist ungewöhnlich: Aus etwa fünfzig Anlagen gehen zwei Tiere hervor, das ist ein Fünfundzwanzigstel. Der Preis dieser Strategie ist ein sehr geringer Nachwuchs pro Jahr, und das macht jede einzelne Population empfindlich gegenüber Verlusten.

Zahlen und Merkmale im Vergleich mit dem Feuersalamander

MerkmalAlpensalamanderFeuersalamander
Färbungdurchgehend pechschwarzschwarz mit gelben Flecken oder Streifen
Längemeist 12 bis 15 Zentimetermeist 15 bis 20 Zentimeter
Nachwuchszwei fertige Junge an LandLarven, die im Bach abgesetzt werden
Tragzeitzwei bis vier Jahrerund neun Monate
Höhenlage in Deutschlandetwa 600 bis 2.100 Metermeist unter 1.000 Meter
Bedarf an GewässernkeinesQuellbäche für die Larven

Beim ersten schwarzen Salamander im Wald liegt der Gedanke an den gelb gezeichneten Verwandten nahe. Dabei trennen die beiden Arten weit mehr als die Farbe. Das Gesamtareal des Alpensalamanders reicht vom Rhonetal bis nach Slowenien und endet etwa 50 Kilometer vor Wien, ein schmaler Streifen entlang der Alpen, in dem er an Felshängen, in Bergwäldern und auf Almweiden lebt. Die Weibchen sind etwas größer als die Männchen. Welche Unterschiede sonst bestehen, zeigt die vorangestellte Gegenüberstellung, in der auch der Verwandte aus dem Tal vorkommt, den viele Wanderer aus dem Mittelgebirge kennen.

Die Tragzeit fällt am stärksten ins Gewicht: Beim Alpensalamander ist sie mindestens doppelt so lang wie beim Feuersalamander und kann ein Vielfaches davon erreichen, nämlich mehr als das Fünffache. Zwei Drittel der bayerischen Fundorte liegen oberhalb von 1.000 Metern, im Allgäu ist die Art in den Kalkgegenden der Allgäuer Alpen und der Vorberge zu finden, und zwar vor allem dort, wo schattige Wälder mit Blockwerk und Moos durchsetzt sind. Verwechslungen sind zudem selten, denn gelbe Zeichnung fehlt dem Alpensalamander vollständig. Ein einfarbig schwarzes Tier in Höhenlagen über 1.000 Metern gehört fast sicher zu dieser Art.

Wo und wann er sich zeigt

  • Feuchtes Wetter, am besten während oder kurz nach Regen.
  • Die Monate Mai bis Oktober.
  • Kalkgebiete vom Voralpenland bis in die Hochlagen oberhalb der Baumgrenze.
  • Schattige Wälder mit Totholz, Moos, Blockwerk oder Latschengebüsch.

Tagsüber sitzt der Alpensalamander versteckt unter Totholz, Steinen und Moos, aktiv wird er in feuchter, kühler Witterung. Die Nahrung besteht aus Schnecken, Regenwürmern, Spinnen, Asseln und kleinen Insekten, alles, was sich am Waldboden erwischen lässt.

Die schwarze Haut erfüllt zwei Aufgaben zugleich. Zum einen nimmt sie Sonnenwärme auf, was in kalten Hochlagen den Kreislauf in Gang hält, zum anderen macht sie das Tier auf dunklem Boden schwer erkennbar. Wo Latschenkiefern, Bergmischwald und Blockhalden aneinandergrenzen, ist die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung am größten. Sicher ist sie nie, denn selbst in guten Lebensräumen bleiben die meisten Tiere unter ihrer Deckung. Auf einem Regenspaziergang Richtung Oytal, Stillachtal oder in die Hindelanger Berge stehen die Aussichten auf ein Reagamändle am besten. In Oberbayern heißt es Regenmanndl, in Berchtesgaden Bergmandl, drei Namen für dasselbe Tier, und alle drei verweisen auf Regen oder Berg. Auf Forstwegen ist es dann leicht zu übersehen und zugleich in Gefahr, denn die Tiere laufen quer über den Weg und flüchten nicht schnell. Dass sie nach dem Regen die Wege queren, hat einen Grund: Der nasse Boden erlaubt ihnen, weite Strecken zurückzulegen, ohne auszutrocknen, und die Beute ist dann ebenfalls unterwegs. Bei Trockenheit ziehen sie sich dagegen tief in Spalten zurück und sind wochenlang kaum zu finden. Die Suche hängt daher stark vom Wetter ab.

Gefährdung durch Räder und Klima

Auf den Roten Listen Deutschlands und Bayerns gilt die Art als nicht gefährdet, in der EU steht sie dennoch im Anhang IV der Habitatrichtlinie und ist streng geschützt. Der nationale Bericht von 2025 stuft den Erhaltungszustand als ungünstig ein, vor allem wegen der Erwärmung, die feuchte Lebensräume austrocknet. Hinzu kommt der Verkehr: Auf Forststraßen sterben bei nassem Wetter viele Tiere unter Rädern, vor allem unter denen schneller Elektrofahrräder. Der Hautpilz Bsal, der in den Niederlanden und in Belgien ganze Feuersalamanderbestände ausgelöscht hat, wurde beim Alpensalamander bisher nicht nachgewiesen. Das gilt als Glück, denn bei einer Art mit zwei Jungen pro Geburt und mehrjähriger Tragzeit ließe sich ein Verlust über Jahrzehnte nicht ausgleichen. Selbst ein leichter Rückgang der Geburtenzahl wirkt sich so über viele Jahre aus.

Einfache Verhaltensweisen schützen die Tiere, ohne dass jemand auf eine Wanderung verzichten müsste. Bei Regen auf Forstwegen langsamer zu fahren oder abzusteigen, hilft ebenso wie das Liegenlassen von Totholz und Steinen, die als Tagesversteck dienen. Gefundene Tiere sollten weder angefasst noch versetzt werden. Beobachtungen aus dem Allgäu können örtlichen Naturschutzstellen gemeldet werden. Die Maßnahmen kosten nur Aufmerksamkeit und ein wenig Zeit, und sie helfen auch anderen Waldbewohnern, die bei Nässe die Wege queren, etwa Bergmolchen, Kröten und Schnecken.

Mehr über die großen Tiere derselben Berge steht im Beitrag über Wildtiere in den Allgäuer Bergen im Überblick.