Die Vereinödung im Allgäu und der Umbau der Dörfer

Auf einer Fahrt durch das Westallgäu fallen Höfe auf, die mitten in ihren Wiesen stehen, einzeln, weit voneinander entfernt, jeder von eigenem Grün umgeben. Dieses Bild wirkt uralt, ist aber das Ergebnis einer Umwälzung, die im 16. Jahrhundert begann und 1770 per Verordnung zur Regel wurde: der Vereinödung. Dabei wurden die Äcker und Wiesen eines Dorfes neu verteilt, sodass jeder Bauer seine Flächen an einem Stück erhielt, und viele Höfe zogen aus dem Dorfkern hinaus auf das eigene Land. Aus Haufendörfern wurden Einzelhöfe, aus gemeinsamem Wirtschaften wurde Eigenverantwortung. Kaum eine andere Maßnahme hat das Aussehen des Allgäus so stark geprägt, und kaum eine ist heute so selbstverständlich geworden, dass niemand mehr nach ihrem Anfang fragt. Der Name leitet sich von der Einöde ab, einem Einzelhof ohne Nachbarn, und er trifft die Sache genau. Ein Bauer, der zuvor Dutzende schmale Streifen über die Flur verteilt besaß, hatte nach der Teilung ein zusammenhängendes Stück rund ums Haus. Die Wege zu den Äckern verkürzten sich, das Vieh stand auf der Weide vor dem Stall, und niemand konnte mehr vorschreiben, wann gesät oder gemäht wurde.

Das Dorf im Mittelalter mit gemeinsamem Feldzwang

Vor der Vereinödung lagen die Häuser eines Dorfes dicht beieinander, und die Felder zogen sich in schmalen Streifen um den Ort. Jeder Bauer besaß viele kleine Stücke, verstreut über die ganze Flur, weil Erbteilungen und Tausch die Besitzverhältnisse zerlegt hatten. Bewirtschaftet wurde nach der Dreifelderwirtschaft: Auf einem Teil der Flur wuchs im Herbst gesäte Winterfrucht, auf einem zweiten im Frühjahr gesäte Sommerfrucht, der dritte lag brach. Weil die Streifen nur über die der Nachbarn zu erreichen waren, musste das ganze Dorf im Gleichschritt arbeiten, vom Pflügen bis zur Ernte. Dieser Flurzwang war bequem für das Gemeinwesen und lästig für den Einzelnen, denn wer früher säen oder anders wirtschaften wollte, durfte es nicht. Im Allgäu kam hinzu, dass Grünland und Viehhaltung wichtiger wurden als der Ackerbau. Das Vieh brauchte Weide in Hofnähe, doch die Wiesen lagen weit entfernt, zersplittert und mit gemeinsamen Nutzungsrechten verflochten. Die Beteiligten wussten um den Nachteil. Als einzelne Gemeinden begannen, ihre Fluren zu ordnen, folgten andere bald nach, und aus dem Wunsch weniger Bauern entstand eine Welle, die im 16. Jahrhundert im Fürststift Kempten ihren Anfang nahm.

Zeitleiste von der ersten Teilung bis zum Käsekessel

Von den ersten Teilungen bis zum Siegeszug des Käses vergingen mehr als zwei Jahrhunderte, in denen sich Zuständigkeiten, Herrschaften und Wirtschaftsweisen mehrfach änderten. Die wichtigsten Stationen lassen sich nach Jahren ordnen, wobei für das 16. Jahrhundert kein genaueres Datum belegt ist.

  1. 16. Jahrhundert: Bauern im Gebiet des Fürststifts Kempten teilen ihre Fluren aus eigenem Antrieb neu auf, die sogenannte Kemptener Periode.
  2. Die Welle breitet sich bis in das Oberamt Saulgau aus.
  3. 1770: Kaiserin Maria Theresia ordnet die Vereinödung für alle Erblande an, auch für das damals vorarlbergische Westallgäu.
  4. 1771: In Lindenberg ist das Verfahren abgeschlossen.
  5. 1779: Das Oberamt Bregenz erlaubt dem Kronenwirt, sein vereinödetes Anwesen zu teilen.
  6. Nach 1827: Auf den großen Wiesen entstehen Käsereien nach Schweizer Art, in denen Emmentaler hergestellt wird.

Die Zeitleiste lässt zwei Abschnitte erkennen. Zuerst kam die freiwillige Phase, getragen von den Bauern selbst, dann die verordnete, durchgeführt vom Kreisamt Bregenz. Aus der freiwilligen Neuordnung wurde ein Verwaltungsvorgang mit Protokollen, Messungen und amtlicher Bestätigung durch die Ortsvorsteher. Die Verordnung von 1770 machte damit aus einer Bewegung von unten ein Programm von oben. Das Westallgäu gehörte zu dieser Zeit zu Vorarlberg und damit zu den österreichischen Erblanden, weshalb nicht Kempten, sondern Bregenz die Durchführung überwachte. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam die Gegend zu Bayern. Die Unterschiede in der Herrschaft erklären, warum die Vereinödung im einen Gebiet langsam und aus eigenem Antrieb wuchs und im anderen innerhalb weniger Jahre per Erlass abgewickelt wurde. Dass beide Wege zum selben Ergebnis führten, spricht für den Nutzen, den die Betroffenen darin sahen, auch wenn nicht jeder Einzelne zufrieden war und mancher Hof an einem Platz landete, den er sich nicht ausgesucht hätte.

1770 und 1771 am Beispiel Lindenberg

Wie tief der Eingriff reichte, zeigt Lindenberg. Pfarrer Johann Joseph Wettach hielt 1770 in einem Seelenbeschrieb fest, dass die Pfarrei 151 Häuser und 787 Einwohner hatte, 667 Erwachsene und 120 Kinder. Das ergibt im Schnitt gut fünf Menschen pro Haus. Im Dorf Lindenberg selbst bestanden 56 Höfe. Vereinödet wurden 34 davon, und von diesen 34 zog die große Mehrheit hinaus: 28 Höfe, also genau die Hälfte aller Höfe im Dorf, wurden auf das neue Land ausgesiedelt. Rechnerisch bedeutet das, dass von je zehn vereinödeten Höfen etwa acht ihren Platz im Dorf verließen und zwei dort stehen blieben.

Die kleinen Söldnerhäuser blieben unberührt, denn ihre Flächen waren so gering, dass sich eine Zusammenlegung nicht lohnte. Bekannte frühere Aussiedlerhöfe tragen bis heute Namen wie Lindenhof, Fehrhof und Geßlerhof. Aus dem geschlossenen Dorf wurde ein Ort mit weit verteilten Höfen, und die Zahl der Nachbarn, die in Rufweite lebten, sank mit einem Schlag. Für die Familien bedeutete das einen tiefen Einschnitt. Ein ausgesiedelter Bauer musste auf dem zugeteilten Land ein neues Haus samt Stall errichten, mitunter weit von Kirche und Wirtshaus entfernt. Der Bauer, der blieb, hatte zwar kein Haus zu bauen, gab aber Boden und Einfluss an die Nachbarn ab. Beide Seiten stritten um die Einstufung der Böden, denn davon hing ab, wie viel Fläche am Ende zustand.

Schuh, Rute und Juchert beim Messen und Teilen

Geteilt wurde nach Maß und nach Wert. Zwei Schuh galten als ein Schritt, zehn Schuh als eine Rute, und eine Juchert umfasste 600 Quadratruten. Eine Winterfur entsprach etwa zwei Juchert. Rechnet man mit einem Schuh von rund 30 Zentimetern, was von Landschaft zu Landschaft abwich, ergibt eine Rute etwa drei Meter und eine Quadratrute etwa neun Quadratmeter. Eine Juchert wäre dann etwa 5.400 Quadratmeter groß, etwas mehr als ein halber Hektar, und eine Winterfur entsprechend rund ein Hektar. Das sind Näherungswerte, aber sie zeigen die Größenordnung der Parzellen, die zusammengelegt wurden. Gleich große Flächen waren nicht gleich viel wert. Die Bonität bemaß man nach dem geschätzten Reinertrag in Gulden je Flächeneinheit, und Grundstücke nahe am Dorfkern galten als wertvoller als solche am Rand. Der Hof, der aus der Ortsmitte hinauszog, erhielt im Tausch mehr Fläche. So entstand ein Ausgleich, der Streit nicht verhinderte, aber in geordnete Bahnen lenkte. Die Bonität zeigt zugleich, warum Quadratmeter allein nichts aussagten: Bei gleicher Fläche konnte die Ernte stark schwanken, je nach Lage, Feuchte und Boden, und deshalb zählte der erwartete Ertrag in Gulden und nicht die Fläche. Die Protokolle hielt der Ortsvorsteher amtlich fest, damit niemand später das Ergebnis anfechten konnte.

Was die Vereinödung dem Allgäu bis heute hinterlassen hat

Die neuen Besitzverhältnisse wirkten bis in die Familie hinein. Ein vereinödetes Anwesen durfte nur als Ganzes vererbt oder verkauft werden, in Lindenberg erbte meist der jüngste Sohn. Das verhinderte die Zersplitterung, die den Bauern zuvor zugesetzt hatte. Die großen Wiesen am Hof begünstigten die Milchwirtschaft, und mit den Käsereien nach 1827 entstand jener Wirtschaftszweig, für den das Allgäu bis heute bekannt ist. Auch das Landschaftsbild stammt aus dieser Zeit: verstreute Höfe und Wege, die von der Straße zu einem einzigen Haus führen. Selbst die Straßenführung folgt vielerorts den damals gezogenen Grenzen der Parzellen. Ein Hof auf freiem Feld steht damit für eine Entscheidung des 18. Jahrhunderts, die Erbfolge, Wirtschaftsform und Ortsbild bis in die Gegenwart bestimmt.

Es gab auch Verluste. Der Preis für diese Neuordnung war hoch, und er wurde nicht von allen gleich getragen. Die Zersiedelung machte Wege lang, Schulen und Kirchen schwer erreichbar, und der enge Zusammenhalt des Dorfes lockerte sich, weil Nachbarschaftshilfe bei Ernte und Schlachtung nun weite Wege bedeutete. Wie ein Hof im Gebirge überlebte, zeigt der Beitrag über die Arbeit auf einer Sennalpe, und die Geschichte einer abgelegenen Siedlung erzählt Gerstruben.