Bad Hindelang im Oberallgäu und seine lange Geschichte

Zwischen dem Talgrund bei der Ostrach und dem Gipfel des Hochvogel liegen im Gemeindegebiet von Bad Hindelang 1812 Höhenmeter. Der tiefste Punkt befindet sich mit 780 Metern an der Ostrachbrücke bei Reckenberg, der höchste mit 2592 Metern auf dem Grenzgipfel zu Tirol, und der Hauptort selbst liegt auf 825 Metern. Mehr als 80 Prozent der Fläche stehen unter Landschafts oder Naturschutz, was erklärt, warum hier weder Hochhäuser noch Industrie das Bild bestimmen. Als Kurort allein ist der Ort nur unvollständig beschrieben, denn dahinter steckt eine lange Geschichte: Bad Hindelang war Markt an einer Salzstraße, Schmiedeort für Spieße und Piken und Gestütsstandort, bevor im 20. Jahrhundert der Fremdenverkehr das Sagen übernahm. Der Beitrag geht diese Stationen der Reihe nach durch und zeigt, warum das Dorf heute zu den vielseitigsten Orten des Oberallgäus zählt, gleichzeitig aber nichts mit dem Trubel eines Wintersportzentrums gemein hat. Dazu gehören ein Gelände mit Tälern, Passstraße und Bergen, ein Handwerk, das seit dem 16. Jahrhundert überlebt hat, und zwölf Ortsteile, die sich über Höhen zwischen 780 und mehr als 1100 Metern verteilen. Zwischen dem tiefsten Punkt und dem Hochvogel liegt damit ein Höhenunterschied, wie ihn kaum eine andere Gemeinde in Bayern aufweist, und jede Höhenstufe hat ihre eigene Geschichte.

Stelle im GemeindegebietHöhe über dem MeerAbstand zum tiefsten Punkt
Ostrachbrücke bei Reckenberg780 m0 m
Hauptort Bad Hindelang825 m45 m
Oberjoch1136 m356 m
Hochvogel2592 m1812 m

1150 bis 1540 vom Rittersitz zum Markt an der Jochstraße

Die früheste Spur führt ins Jahr 1150, als die Herren von Hundilanc in Urkunden auftauchen, eine Ritterfamilie, die dem Ort den Namen gab. Aus dem Namen wurde später Hindelang, und bis zum Jahr 2002 hieß die Gemeinde schlicht so. Im Spätmittelalter wuchs die Bedeutung des Ostrachtals, weil dort ein Übergang nach Tirol lag. Der Bischof von Augsburg verlieh 1429 das Marktrecht, womit der Ort Märkte abhalten durfte und aus einer bäuerlichen Siedlung zu einem Platz mit Handel und Handwerk wurde. Ein solcher Titel veränderte das Gefüge eines Ortes, weil er Rechte und Pflichten gegenüber dem Landesherrn festlegte.

Wirtschaftlich zählte der Weg über das Joch. Über diese Strecke lief unter anderem der Salzhandel, weshalb sie in der Geschichtsschreibung als Teil der Salzstraße gilt, und wer sie besaß oder ausbaute, verdiente daran. Die Grafen von Montfort bauten deshalb 1540 die Route zur Straße aus, was den Fuhrverkehr erleichterte und dem Ort Einnahmen sicherte. Im Jahr 1529 hatten bereits die Fugger ein Gestüt im Tal eingerichtet, ein Hinweis darauf, dass sich selbst das Augsburger Handelshaus für die Weiden und Almen interessierte. Aus einem Weiler mit Rittersitz war binnen vier Jahrhunderten ein Handelsplatz geworden, den Händler und Fuhrleute gut kannten.

Eisen und Piken im Ostrachtal

Im 16. Jahrhundert entwickelte sich neben dem Handel ein zweites Standbein. Im oberen Ostrachtal wurde Eisenerz abgebaut, und das Wasser des Baches trieb Hammerwerke an, in denen Schmiede Spieße, Piken und Hellebarden herstellten. Zwischen 1520 und 1524 gingen Lieferungen von nahezu 20000 Landsknechtspießen an die Heere der Zeit. Verteilt auf rund fünf Jahre entspricht das etwa 4000 Stück pro Jahr oder elf Stück an jedem Kalendertag, eine Menge, die ohne wassergetriebene Hämmer kaum zu schaffen war. Wasser, Holzkohle aus den Wäldern und Erz aus dem Berg lagen im Tal dicht beieinander, und genau diese Dreiheit erklärt den Standort. Hinzu kommt das Gefälle, denn nur wo Wasser genug Kraft entwickelt, lässt sich ein schwerer Hammer antreiben.

Drei der alten Hammerschmieden arbeiten bis heute. Statt Waffen entstehen dort heute schmiedeeiserne Pfannen, und das Handwerk ist eine der wenigen Verbindungen, die vom 16. Jahrhundert ungebrochen ins 21. reichen. Die Pfannen sind ein Beispiel dafür, wie ein Gewerbe seine Kundschaft wechseln kann, ohne seine Technik zu verlieren. Die landwirtschaftliche Seite dieser Berglandschaft steht in der in der Beschreibung des Älplerlebens, deren Tagesablauf mit dem Takt der Schmiedehämmer wenig gemeinsam hatte, aber dieselben Wasserläufe und Wälder nutzte.

  1. 1150: Die Herren von Hundilanc werden erstmals erwähnt.
  2. 1429: Der Bischof von Augsburg verleiht das Marktrecht.
  3. 1529: Die Fugger gründen ein Gestüt im Tal.
  4. 1540: Die Grafen von Montfort bauen die Jochroute zur Straße aus.
  5. 1660: Für den Fürstbischof entsteht das Jagdschloss, das heutige Rathaus.
  6. 1803: Die Säkularisation bringt die Gegend unter bayerische Herrschaft.
  7. 1823: Der Salztransport über den Pass endet.
  8. 1895 bis 1898: Die neue Jochstraße wird gebaut.
  9. 1900: Prinzregent Luitpold verleiht Oberdorf den Titel Bad.
  10. 1965: Anerkennung als Luftkurort und Kneippkurort.
  11. 2001 bis 2002: Die Gemeinde heißt fortan Bad Hindelang.

1660 bis 1900 vom Jagdschloss zum Heilbad

Das Jahr 1660 brachte ein Bauwerk, das noch heute das Ortsbild prägt: das Jagdschloss des Fürstbischofs von Augsburg, in dem später das Rathaus untergebracht wurde. Der geistliche Landesherr ließ es als Jagdsitz errichten, und das Gebäude steht für eine Zeit, in der die Berge zwar als Jagdrevier galten, aber noch nicht als Ziel für Erholungsreisende. Mit der Säkularisation 1803 fiel das Hochstift an Bayern, und für Hindelang begann eine Zeit der Neuordnung. Der Salzhandel verlor an Gewicht und endete über den Pass 1823 ganz.

Der Verkehr kehrte auf andere Weise zurück. Zwischen 1895 und 1898 entstand die neue Straße über das Joch, die mit ihren engen Kehren noch heute für ihre Windungen bekannt ist: Für die Passstraße nach Oberjoch, die B 308, werden 107 Kurven angegeben. Oberjoch selbst liegt auf 1136 Metern. Im Jahr 1900 verlieh Prinzregent Luitpold dem Ortsteil Oberdorf den Titel Bad. Damit begann der Weg vom Markt zum Gesundheitsstandort, der 1965 mit dem Kurortstatus seinen Abschluss fand. Beim Straßenbau und bei der Titelverleihung ging es um dieselbe Frage, nämlich wie ein abgelegenes Tal Anschluss an die Welt findet, und in beiden Fällen spielte der Landesherr eine Rolle: Der Prinzregent vergab Titel, ein Jahrhundert zuvor der Bischof das Marktrecht.

Was von der Geschichte heute zu erleben ist

Das 20. Jahrhundert machte aus der Gemeinde einen Kurort. 1965 wurde sie als Luftkurort und Kneippkurort anerkannt, und 2011 erhielt sie ein Gütesiegel für Allergikerfreundlichkeit. Die Einwohnerzahl stieg von 4718 im Jahr 1988 auf 5168 im Jahr 2018, ein Plus von 9,5 Prozent, liegt damit aber noch unter dem Höchststand von 5606 aus dem Jahr 1950, gerechnet auf das Gemeindegebiet von 1987. Die Gemeinde besteht aus zwölf Gemeindeteilen, darunter Hinterstein, Bad Oberdorf, Vorderhindelang, Oberjoch und Unterjoch, und jeder hat sein eigenes Gesicht, vom Hochtal bis zur Passhöhe.

Spuren der Geschichte sind leicht zu finden. Das Heimatmuseum in Bad Oberdorf und das Kutschenmuseum in Hinterstein erzählen von Handwerk und Verkehr, die Hammerschmieden von Eisen, und seit 1999 findet ein historisches Rennen für klassische Fahrzeuge auf der Jochpassstraße statt. Im Vergleich zu Oberstdorf geht es hier ruhiger zu, mit weniger Bahnen und weniger Nachtleben, dafür mit mehr Handwerk und Schutzgebiet. Hindelang gehört wie Oberstdorf zum Landkreis Oberallgäu, liegt aber im Ostrachtal und damit in einem anderen Talsystem. Der Zusatz Bad im Namen ist erst seit 2002 offiziell, hinter ihm steht ein Titel, der auf das Jahr 1900 zurückgeht.