Die Geschichte Oberstdorfs von 1141 bis zum Kurort

Oberstdorf ist heute ein Urlaubsort mit Bahnen, Schanzen und einem Zentrum, in dem Gäste durch autofreie Straßen schlendern. Dass der Ort so aussieht, wie er aussieht, hat mit einem einzigen Tag im Mai 1865 zu tun, an dem ein Großfeuer mehr als 140 Häuser zerstörte. Vorher war Oberstdorf ein Bergdorf mit Bauernhäusern, einem Markt, einer Kirche und einem Rathaus, geprägt von Holzbauten und engen Gassen. Danach kam 1888 die Eisenbahn, und der Weg vom abgelegenen Dorf zum Kurort und Wintersportzentrum begann.

Die Geschichte des Ortes reicht weit zurück. Schon in der Steinzeit und in römischer Zeit war das Gebiet besiedelt, nach dem Abzug der Römer im dritten Jahrhundert zogen germanische Gruppen ein, die später Alemannen genannt wurden. Eine Urkunde von 1141 nennt Oberstdorf zum ersten Mal, und zwar zusammen mit der Weihe der ersten Pfarrkirche. Ab dann lassen sich Rechte, Bauten, Brände und Feste Jahr für Jahr verfolgen, und das Bild einer Gemeinde entsteht, die sich immer wieder neu aufgestellt hat. Die folgenden Abschnitte gehen die Jahrhunderte der Reihe nach durch und zeigen, welche Ereignisse den Ort bis heute prägen.

1141 bis 1495 vom Dorf zum Markt

Mit der ersten Nennung im Jahr 1141 beginnt die schriftliche Geschichte. In diese Zeit fällt auch die erste Weihe der Pfarrkirche. Das Leben im Dorf war bäuerlich geprägt. Landwirtschaft und Viehzucht bildeten die Grundlage, und die Höfe lagen verstreut im Talboden und an den Hängen. Doch schon im 15. Jahrhundert entstanden Einrichtungen, die auf eine wachsende Gemeinde hinweisen: 1476 sind ein Tanzhaus und ein Dorfgericht belegt, 1483 wird der Lindenacker erwähnt, der vermutlich der Platz der alten Gerichtslinde war.

Einen großen Sprung brachte das Jahr 1495. König Maximilian verlieh Oberstdorf das Marktrecht und die hohe Gerichtsbarkeit. Für die Menschen hatte das ganz praktische Folgen: Die Bewohner mussten damit nicht mehr rund 15 Kilometer nach Sonthofen gehen, wenn sie Waren brauchten, die sie nicht selbst herstellen konnten. Der Markt machte den Ort zum Mittelpunkt des Tals. Wenige Jahre später, 1518, wurde in Tiefenbach ein Bad an einer Schwefelquelle errichtet, Ursprung des späteren Kurwesens. Zwischen der ersten Nennung und dem Marktrecht liegen 354 Jahre, zwischen Marktrecht und Bad nur 23. Die Entwicklung beschleunigte sich also, sobald der Ort Rechte und Handel erhalten hatte.

Zeitleiste der wichtigsten Jahre

  1. 1141: erste urkundliche Nennung
  2. 1495: Marktrecht durch König Maximilian
  3. 1518: Bad an der Schwefelquelle in Tiefenbach
  4. 1619: Bau des Alten Rathauses
  5. 1634 bis 1638: Pest und danach eine Kapelle für die Vierzehn Nothelfer
  6. 1669: Brand in der Windgasse
  7. 1865: Großfeuer vom 6. Mai
  8. 1888: Eröffnung der Bahnlinie
  9. 1950: erster Sprung auf der Heini-Klopfer-Skiflugschanze

Diese Jahreszahlen sind Eckpunkte, hinter denen weitere Ereignisse stehen. Hinzu kommt manches, das in keiner Zeitleiste auftaucht. Auch dunkle Kapitel gehören dazu: Im 16. Jahrhundert wurde in Oberstdorf der Hirte Chonrad Stoeckhlin wegen Hexerei angeklagt und 1587 hingerichtet, und während der Reformation fasste die Täuferbewegung in der Gegend Fuß, deren Anhänger verfolgt wurden. Protestanten wurden über Jahrhunderte nicht geduldet, der erste evangelische Gottesdienst für Kurgäste fand erst 1873 statt. Das Beispiel zeigt, wie sehr der Tourismus den Ort öffnete: Mit den Kurgästen kamen Menschen anderer Konfession, und die Gemeinde musste mit ihnen leben. 1942 entstand schließlich eine eigene evangelische Pfarrgemeinde, und 1971 richtete die katholische Pfarrei eine dauerhafte Seelsorge für Gäste ein. 1814 etwa richtete der Staat am Zollhäusle eine Zollstation ein, die den Handel mit dem Kleinwalsertal regelte und bis 1890 bestand. 1856 ließ Prinz Luitpold ein Jagdhaus erbauen, ein Zeichen dafür, dass die Berge um Oberstdorf schon vor der Bahn Besucher aus der Oberschicht anzogen. Die Liste verrät außerdem, wie dicht die schriftlich festgehaltenen Ereignisse im 19. und 20. Jahrhundert aufeinanderfolgen, während im Mittelalter häufig Jahrhunderte zwischen zwei Daten liegen.

Pest, Feuer und Wiederaufbau im 17. Jahrhundert

Das 17. Jahrhundert brachte Schrecken und Neubau. 1634 forderte die Pest in der Pfarrei Oberstdorf rund 700 Tote. Als die Seuche endete, wurde 1638 die Kapelle der Vierzehn Nothelfer errichtet, und 1643 entstand der Loretoweg mit zehn Stationen. Beide Bauten hängen mit dem Gelübde nach der Seuche zusammen und zeigen, wie stark der Glaube das Leben der Menschen bestimmte.

Schon 1619 hatte der Ort ein Altes Rathaus erhalten, das den Anspruch der Marktgemeinde unterstrich. 1669 zerstörte ein Brand in der Windgasse 20 Anwesen, die bis Ende des Jahrhunderts wieder aufgebaut waren. Feuer gehörte zur Geschichte der Holzbauten, in denen Küchenherde und Heustöcke eng beieinander standen. Dass der Ort sich nach jedem Brand erholte, zeigt seine wirtschaftliche Stärke. Das Bergdorf Gerstruben im Dietersbachtal blieb von der Pest verschont. 1735 entstand der Kreuzgang an der Kirche, 1803 das Schulhaus, das heute als Rathaus dient. Aus dieser Zeit stammen mehrere Bauten, die den Ortskern bis heute prägen. Das Dorf wuchs in kleinen Schritten, und jeder Neubau fügte der Ortsmitte einen weiteren Baustein hinzu. Kirche, Kapellen, Gericht und Markt bildeten ein Gefüge, in dem sich das Leben der Gemeinde Tag für Tag abspielte, vom Sonntagsgottesdienst bis zum Markttag.

6. Mai 1865 der Ort brennt

Das Großfeuer vom 6. Mai 1865 ist der tiefste Einschnitt in der Ortsgeschichte. Von 308 Häusern wurden 146 zerstört, das sind rund 47 Prozent, außerdem Kirche und Rathaus. Als einziges größeres Gebäude überstand das Köcherlehaus aus dem 17. Jahrhundert die Flammen, in dem heute das Heimatmuseum untergebracht ist.

Der Wiederaufbau ging zügig voran, obwohl der Verlust groß war. Schon 1866 und 1867 wurde die Kirche neu errichtet und erweitert, und auch das zerstörte Rathaus bekam einen Nachfolger. Das Ortsbild wurde damit neu geprägt. Im Zentrum stehen deshalb überwiegend Bauten aus der Zeit nach 1865, zwischen denen einzelne ältere Häuser erhalten blieben. Für ein Dorf von gut 300 Häusern bedeutete der Verlust fast der Hälfte, dass die gesamte Gemeinde zusammenrücken musste und viele Familien für Monate bei Nachbarn oder Verwandten unterkamen. Die Katastrophe wurde zur Grundlage des modernen Ortsbildes. Wo vorher Holzhäuser dicht an dicht standen, entstand ein Zentrum, das Gäste später als offen und gepflegt empfanden, und der Wandel hatte Folgen für Gewerbe, Gastwirtschaft und Handwerk. Dass der Ort nach 1865 nicht aufgab, sondern in wenigen Jahren Kirche und Schulhaus neu errichtete, zeugt vom Willen der Bewohner, in ihrem Tal zu bleiben.

Bahn, Kur und Sport ab 1888

1888 erreichte die Eisenbahn Oberstdorf und beendete die Abgeschiedenheit. Der Ort entwickelte sich zum Urlaubsziel, weil Gäste nun bequem anreisen konnten: 1873 gab es schon einen ersten evangelischen Gottesdienst für Kurgäste, 1899 eröffnete das Parkhotel Prinz Luitpold, und 1905 entstand die evangelische Christuskirche. 1925 wurde der Lindenacker zum Kurpark, und 1962 öffnete das Kurhaus.

Parallel wuchs der Wintersport. 1925 wurde die Skisprunganlage eröffnet, 1950 folgte die Heini-Klopfer-Skiflugschanze, deren erster Sprung am 2. Februar 1950 stattfand. Nordische Skiweltmeisterschaften kamen 1987, 2005 und 2021, und 1970 ging ein Sturz des Skifliegers Vinko Bogataj um die Welt. Zwischen dem Bahnanschluss und der letzten Weltmeisterschaft liegen 133 Jahre, in denen aus einem Bergdorf ein internationales Ziel wurde. Auch die Literatur fand den Ort: Die Schriftstellerin Gertrud von Le Fort lebte ab 1925 in Oberstdorf und blieb dort bis zu ihrem Tod. Im Zweiten Weltkrieg diente das Gebirge der Ausbildung von Gebirgsjägern, und am Kriegsende waren französische und marokkanische Truppen im Ort stationiert. Nach 1945 setzte sich der Aufstieg zum Urlaubs- und Wintersportort fort, mit Kurhaus, Schanzen und Bahnen als Wahrzeichen, die das Bild des Ortes heute bestimmen.

Was die Geschichte für den Ort heute bedeutet

Die Geschichte bleibt in Oberstdorf greifbar, und wer sie sucht, findet sie an vielen Stellen. Das Heimatmuseum zeigt in den Räumen eines Bauernhauses das Leben und Arbeiten im 19. Jahrhundert, die Alpwirtschaft und den Tourismus. Das Alte Rathaus und die Pfarrkirche stehen im Zentrum, und mehrere Ortsteile tragen eigene alte Namen, darunter Schöllang und Tiefenbach. Mit den Jahreszahlen im Kopf lässt sich der Ort wie ein Buch lesen: Das Marktrecht stammt von 1495, die Kirche in ihrer heutigen Form von 1866, die Schanzen gehören zum 20. Jahrhundert.

Zugleich ist die Entwicklung nicht abgeschlossen. Der Ort liegt mit 815 Metern am südlichsten Rand Deutschlands, hat 9.289 Einwohner und verbindet Landwirtschaft, Kur und Sport miteinander. Von der ersten Nennung 1141 bis heute sind 885 Jahre vergangen, und in dieser Zeitspanne hat der Ort mehrfach neu angefangen: nach Pest, nach Bränden, nach der Anbindung an die Bahn und nach dem Siegeszug des Wintersports. Dieser Wandel erklärt, warum alte Bauernhäuser, Kurhotels und Schanzen heute nebeneinander stehen. Das Heimatmuseum ist seit 1932 im Köcherlehaus untergebracht. Dass Oberstdorf trotz Bränden, Seuchen und Umbrüchen seinen Platz behauptet hat, liegt an der Lage zwischen Tal und Bergen, die immer wieder neue Aufgaben stellte und neue Besucher anzog.

Wann brannte Oberstdorf ab?
Das große Feuer brach am 6. Mai 1865 aus und vernichtete fast die Hälfte der Häuser sowie Kirche und Rathaus. Der Wiederaufbau der Kirche folgte in den beiden Jahren danach.
Seit wann ist Oberstdorf mit der Bahn erreichbar?
Die Bahnlinie wurde 1888 eröffnet. Die Linie beendete die Abgeschiedenheit des Ortes und machte ihn zu einem Urlaubsziel.