Auf der Karte sieht die Starzlach unscheinbar aus, ein schmaler blauer Faden am Fuß des Grünten bei Sonthofen. Im Gelände frisst sie sich durch eine Gesteinsfalle aus hartem Kalk, in der Wände eng zusammenrücken und das Wasser über Stufen springt. Der Bach, der oberhalb auf etwa 1070 Metern seinen Anfang nimmt, verliert bis zum Ortsteil Winkel auf 760 Metern rund 310 Höhenmeter und hatte genug Zeit, um sich eine Schlucht zu graben, die bis heute über schmale Stege begehbar ist. Dass dort ein Weg entlangführt, verdankt sich einem Baumeister aus Sonthofen und dem Jahr 1932. Fast ebenso erstaunlich ist, wie viel Erdgeschichte auf diesem kurzen Stück zu lesen ist.
Was die Starzlachklamm von anderen Schluchten im Allgäu unterscheidet, ist weniger die Größe als das Gestein. Hier steht kein reiner Fels aus Hauptdolomit an, sondern ein Kalk, in dem sich Reste von Meerestieren erhalten haben. Aus der Nähe betrachtet zeigen die Wände linsenförmige Einschlüsse, die Fossilien einzelliger Lebewesen sind. Mit etwas Geduld lassen sich auch die feinen Schichtfugen verfolgen, in denen das Gestein einst als Schlamm am Meeresboden lag. Wie so ein Bach in so hartem Material arbeitet, warum gerade hier und was zwischen Eiszeit und heutigem Steg passierte, lässt sich Schritt für Schritt erklären.
Wie ein Bach in den Fels sägt
Wasser allein schneidet keinen Kalk. Es arbeitet mit Material, das es selbst mitbringt: Sand, Kies und Gerölle. Wird ein Bach schneller, transportiert er größere Steine, und diese schleifen am Untergrund wie Schmirgelpapier. Die Starzlach hat dafür beste Voraussetzungen, denn das Gefälle ist steil, und in der letzten Eiszeit lieferte Schmelzwasser enorme Mengen, die das Tal schnell vertieften. Das Ergebnis ist ein enger Einschnitt, bei dem die Breite im Vergleich zur Tiefe klein bleibt, was als Klamm gilt und sich von einem breiteren Tobel unterscheidet.
Hinzu kommt eine Vorgabe aus dem Untergrund. Die Klamm folgt einer alten Schwächezone im Kern der Starzlach Mulde, einer Falte, die bei der Bildung der Alpen durch seitlichen Druck entstand. Entlang solcher Zonen sind Gesteinsschichten zerrüttet und lassen sich leichter ausräumen als geschlossener Fels. Dazu kommen die Strudelkolke: Gerölle geraten in einer Vertiefung in kreisende Bewegung und bohren sich wie Fräsen in den Boden. In der Klamm sind mehrere solcher glatt geschliffenen Töpfe zu finden, von der Größe einer Schüssel bis zu mannstiefen Becken. Wo das Wasser über eine Stufe stürzt, höhlt es zudem die Wand unter dem Wasserfall aus, bis der Überhang abbricht und die Stufe flussaufwärts wandert.
Die wichtigsten Zahlen im Überblick
Zahlen helfen, Größenordnungen zu greifen, ohne dass Messgeräte nötig wären, und in einer Klamm stammen sie aus Höhenlinien, aus Gesteinsschichten und aus der Baugeschichte. Die folgende Übersicht stellt zusammen, was sich über die Klamm gesichert sagen lässt, und ordnet jeden Wert ein.
| Angabe | Wert | Bedeutung |
|---|---|---|
| Quelle der Starzlach | etwa 1070 Meter | Ursprung zwischen Grünten und Wertacher Hörnle |
| Oberer Zugang Auf dem Ried | 985 Meter | Einstieg von der Alpe Topfen her |
| Unterer Zugang Winkel | 760 Meter | üblicher Ausgangspunkt bei Sonthofen |
| Wasserfall in der Klamm | über 12 Meter | Stufe, über die das Wasser in die Tiefe stürzt |
| Erzkalk | bis etwa 50 Meter dick | Gesteinspaket, das an der Wand zutage tritt |
| Erschließung | 1932 | Bau des Steigs durch Baumeister F. X. Ammann |
Aus den Höhenangaben ergibt sich eine einfache Rechnung. Von 985 Metern oben bis 760 Metern unten liegen 225 Höhenmeter zwischen den beiden Zugängen. Das entspricht rund 73 Prozent des gesamten Gefälles von 310 Metern zwischen Quelle und Winkel, die restlichen 85 Meter liegen im Gelände oberhalb des oberen Zugangs. Ein Gang von Winkel bis zum oberen Ende überwindet also höchstens diese 225 Meter, mehr als ein Ausflug auf einen Aussichtsturm, aber weit weniger als eine Bergtour. Auch die anderen Zahlen lassen sich bildhaft übersetzen. Ein Wasserfall von mehr als zwölf Metern entspricht der Höhe eines vierstöckigen Hauses, und der Erzkalk von bis zu 50 Metern Dicke hat die Länge einer Schwimmbahn im olympischen Becken. Gesteinspakete dieser Mächtigkeit brauchen Millionen Jahre, um sich am Meeresboden aufzubauen, während die Starzlach den Einschnitt in vergleichsweise kurzer Zeit schuf, nämlich seit dem Abschmelzen der Gletscher, also in einigen Jahrtausenden.
Muscheln, Krabben und Meeresboden
Das Gestein der Klamm gehört zur Helvetischen Zone, einem Streifen aus Kalken und Mergeln, der in der Kreidezeit und im Paläogen am Rand eines Meeres abgelagert wurde. Das Paläogen reicht von etwa 66 bis 23 Millionen Jahre vor heute. In diesem Zeitraum lebten im warmen Flachwasser Foraminiferen, einzellige Tiere mit Kalkgehäuse. Eine Gruppe davon, die Nummuliten, wuchs zu linsenförmigen Schalen heran, deren Form an Münzen erinnert und die dem Nummulitenkalk den Namen gaben. Rund fünfzehn Arten wurden an der Klamm gefunden, und jede unterscheidet sich in Größe und Windungsform der Schale. Weil die Tiere nach dem Tod in großer Zahl absanken, bauten ihre Gehäuse ganze Gesteinsbänke auf.
Berühmter als diese Schalen ist ein Krebs. Die Krabbe Xanthopsis sonthofenensis ist nach der Stadt benannt, weil Sonthofen als Fundort der Art gilt, und Fachleute sprechen deshalb von einer Typlokalität. Als später die Alpen entstanden und sich die afrikanische gegen die europäische Platte schob, wurde der ehemalige Meeresboden über mehrere Millionen Jahre angehoben und verfaltet, bis er sich als Bergkette über dem Alpenvorland erhob. Der Weg durch die Klamm führt demnach durch einen Querschnitt durch Meeresgeschichte, den die Starzlach freigelegt hat.
Vom Wasserlauf zum Wanderziel
Dass die Klamm besucht werden kann, ist jung. Der Sonthofer Baumeister F. X. Ammann erschloss sie 1932 als Wanderziel mit Stegen und Treppen, und nach Kriegsschäden wurde sie 1949 wieder geöffnet. 1972 erhielt das Gebiet den Status eines Landschaftsschutzgebiets, was bedeutet, dass Eingriffe in die Landschaft genehmigt werden müssen, ohne dass der Zutritt verboten wäre, 1983 folgten eine Sanierung und der Neubau der Klammhütte. Nach Sturmschäden wurden im Jahr 2020 Geländer erneuert. Der Betrieb liegt in der Hand eines gemeinnützigen Tourismusvereins, und die Eintrittsgelder fließen in den Unterhalt der Wege, weshalb Öffnungszeiten und Preise je nach Jahr schwanken. Vor einem Besuch lohnt der Blick auf die aktuellen Angaben der Stadt Sonthofen.
Die Klamm ist kein Ort, an dem die Zeit stillsteht, und was heute als fester Steig erscheint, ist ein Bauwerk im ständigen Wettlauf mit dem Wasser. Hochwasser nach der Schneeschmelze, Frost und Sturmholz verändern den Verlauf der Stege laufend, weshalb Geländer, Stege und Bodenbleche regelmäßig erneuert werden müssen. Wie sich das bei der berühmteren Schwester verhält, steht im Beitrag über die Breitachklamm bei Oberstdorf, deren Schlucht deutlich tiefer ist.
- Die Starzlach fällt von der Quelle bis Winkel um rund 310 Meter.
- Der Einschnitt folgt einer tektonischen Schwächezone und wurde im Schmelzwasser der Eiszeit vertieft.
- Strudelkolke entstehen, wenn Gerölle in Vertiefungen kreisen.
- Der Nummulitenkalk enthält Fossilien aus dem Paläogen, darunter rund fünfzehn Arten.
- Als Weg besteht die Klamm seit 1932, nach Kriegsschäden wieder seit 1949.