Sobald in Oberstdorf genug Schnee liegt, werden rund um den Ort die Loipen gespurt, und vor dem ersten Lauf steht für Einsteiger dieselbe Frage: klassisch oder Skating? Die Antwort hängt weniger vom Ehrgeiz ab als von Gelände, Material und Fitness, also von Faktoren, die sich vor dem ersten Schritt einschätzen lassen. Das gesamte Netz umfasst je nach Zählung etwa 70 bis 76 Kilometer, und weil der Ort 1987, 2005 und 2021 Schauplatz der Nordischen Skiweltmeisterschaften war, gehört Langlauf seit Langem zum Selbstverständnis des Ortes, auch wenn die Wettkampfstrecken eine andere Liga sind als die Runden für Freizeitläufer. Ein Teil der Loipen beginnt unweit des Bahnhofs, was das Auto für den ersten Tag überflüssig macht, sofern die Unterkunft im Ort liegt. Für Einsteiger lohnt sich eine einfache Rechnung: Bei klassischem Stil und sechs Kilometern pro Stunde braucht für zehn Kilometer fast 100 Minuten, also gut anderthalb Stunden plus Pausen, und bei den 75 Kilometern des gesamten Netzes wären es über zwölf Stunden reine Laufzeit. Eine solche Zeitplanung schützt vor dem häufigsten Anfängerfehler, nämlich der ersten Runde viel zu lang zu wählen und müde zurückzufahren.
Klassisch oder Skating im Vergleich
Beim klassischen Stil laufen die Ski parallel in einer vorgespurten Rille, und der Abdruck geschieht über die Steigzone unter dem Fuß. Der Ablauf ähnelt einem verlängerten Gehen, bei dem Arm und Gegenbein im Wechsel arbeiten (Diagonalschritt), und ist rasch erlernt, was erklärt, warum Familien und Ältere meist diesen Stil wählen. Beim Skating, auch Freistil genannt, stößt sich der Läufer wie beim Eislaufen seitlich ab und gleitet auf der breiten, glatt gewalzten Bahn neben der Spur. Das ist schneller, verlangt jedoch mehr Balance und Rumpfkraft, und es lässt Anfänger zu Beginn schneller ermüden. Der Doppelstockschub, bei dem beide Stöcke gleichzeitig eingesetzt werden, gehört zu beiden Stilen und trägt auf flachen Abschnitten viel zum Tempo bei.
Ein weiterer Unterschied liegt im Material. Skatingski sind kürzer und steifer, klassische Ski länger und mit Haftzone ausgestattet, entweder mit Steigwachs oder mit einer Schuppenstruktur, die ohne Wachs auskommt. Als Faustregel für die Länge gilt bei klassischen Ski die Körpergröße plus 20 bis 30 Zentimeter, beim Skating plus 10 bis 15 Zentimeter. Die Tabelle oben rechnet beide Fälle für 1,75 Meter Körpergröße durch. Bei Unsicherheit empfiehlt sich der klassische Stil für den Anfang und tastet sich später ans Skating heran.
| Merkmal bei 1,75 Meter Körpergröße | Klassisch | Skating |
|---|---|---|
| Skilänge | 1,95 bis 2,05 m | 1,85 bis 1,90 m |
| Stocklänge | etwa 1,49 m | etwa 1,56 m |
| Einsteigertempo | 6 km/h | 8 km/h |
| Zeit für 10 km | 100 Minuten | 75 Minuten |
Welche Strecke zum eigenen Können passt
Ein Loipennetz ist ein Baukasten, aus dem sich Runden zusammensetzen lassen. Auf gepflegten Strecken liegt die Skatingbahn neben der klassischen Spur, beide werden mit eigenen Geräten präpariert, und auch die Tageszeit spielt mit: Morgens ist die Spur nach der Nacht fest und schnell, am Nachmittag wird sie in der Sonne weicher. Flache Wiesenabschnitte im Talgrund eignen sich für die ersten Stunden, weil sich dort Gleichgewicht und Abdruck üben lassen, ohne dass Abfahrten Angst machen. Die Oberstdorfer Runde etwa führt über Wiesen und Felder, an den Loretto Kapellen vorbei bis zum Renksteg und gehört damit zu den Strecken, die sich ohne große Steigungen gehen lassen. Anspruchsvoller wird es dort, wo die Loipe in die Seitentäler hineinführt und Gefälle oder Gegenanstiege dazukommen.
Ein sinnvoller Maßstab ist die Höhenlage. Oberstdorf selbst liegt auf etwa 813 Metern, das ist hoch genug für regelmäßigen Schnee, aber niedrig genug, dass Tauwetter die Spur im Ortsbereich weich werden lässt, während höhere Seitentäler länger tragen. Deshalb lohnt der Blick in den Schneebericht, und kurze Runden von drei bis fünf Kilometern sind besser als eine lange Tour, die an einer schlechten Stelle endet. Ob für die Nutzung der Loipen eine Gebühr anfällt, ändert sich von Saison zu Saison und wird am besten vor Ort erfragt.
Ausrüstung und Leihen im Ort
Für den Einstieg ist Leihen sinnvoll, weil sich so beide Stile ausprobieren lassen, noch bevor eine Kaufentscheidung fällt. Ein Satz Ski, Schuhe und Stöcke kostet beim Kauf schnell mehrere hundert Euro, bei Leihgebühren fällt dagegen nur ein Bruchteil davon an. Entscheidend ist, dass Schuh und Bindung zusammenpassen, denn nicht alle Bindungssysteme passen zueinander. Beim Abholen eines Leihsatzes wird daher geprüft, ob die Bindung zum Schuh passt, die Skilänge richtet sich nach Körpergröße und Gewicht, und es muss feststehen, ob die Ski klassisch oder fürs Skating gedacht sind. Auch die Stöcke wollen passen: Als Faustregel gilt Körpergröße mal 0,85 beim klassischen Stil und mal 0,89 beim Skating.
Auch die Kleidung folgt einer einfachen Logik. Langlaufen erzeugt viel Körperwärme, weshalb mehrere dünne Schichten besser funktionieren als eine dicke Jacke. Der erste Kilometer fühlt sich kühl an, und genau das ist richtig: Schwitzen am Start führt zum Frieren nach der ersten Rast, weil Baumwolle nass bleibt und auskühlt, während Funktionswäsche Feuchtigkeit nach außen leitet. Handschuhe ohne dicke Polster, eine dünne Mütze und ein Wechselshirt im Rucksack reichen für Strecken bis etwa zwei Stunden.
Planung und Entscheidungspunkte
Eine gute Tour entsteht aus wenigen Überlegungen, die sich vor der Abfahrt klären lassen. Der Ablauf gelingt, wenn jeder Punkt vor dem Start entschieden ist:
- Stil: Klassisch für den Einstieg und für ruhige Tage, Skating für Läufer mit Balance und Kondition.
- Dauer: Für zehn Kilometer klassisch bei sechs Kilometern pro Stunde rund 100 Minuten rechnen, beim Skating mit etwa acht Kilometern pro Stunde gut 75 Minuten.
- Zeitpunkt: Vormittags ist die Spur meist fest, nachmittags in der Sonne weicher.
- Schnee: Bei Tauwetter kürzere Runden wählen und höhere Lagen bevorzugen.
- Rückweg: Die Strecke so legen, dass sich jederzeit abkürzen lässt.
Zusammen ergeben diese Punkte ein Gerüst, das sich auf jede Strecke übertragen lässt, ob im Talgrund bei Oberstdorf oder in einem anderen Tal des Oberallgäus. Dazu kommen ein paar Umgangsformen, die auf jeder Loipe gelten: Fußgänger und Schlittenfahrer haben in der Spur nichts verloren, weil Tritte die Rille zerstören, wer überholt, kündigt es kurz an und weicht nach links aus, und wer stürzt, räumt die Spur, damit niemand darüber fällt. Für den Rückweg bleibt Zeit, wenn die Wende rechtzeitig fällt, und als Regel gilt, nach der Hälfte der geplanten Zeit umzukehren, denn der Rückweg fällt bei müden Beinen langsamer aus als der Hinweg. Auch die Verpflegung gehört zur Planung: Tee in einer Thermosflasche und ein Riegel genügen für zwei Stunden, und Wasser in einer ungeschützten Trinkflasche gefriert bei Minusgraden schnell. Ein Zeitpuffer von dreißig Minuten vor Einbruch der Dämmerung sichert die Heimkehr bei Tageslicht. Zum Vergleich der Winterlandschaft mit der Sommerseite lohnt der Blick auf Wanderungen rund um Oberstdorf.