Der Name Allgäu und was er bedeutet

Im Jahr 817 taucht der Name zum ersten Mal in einer Urkunde auf, und er sieht dort kaum nach Allgäu aus: Albigauge steht da, zusammen mit dem Ort Zell. Aus dieser Schreibweise stammt die verbreitete Annahme, der Name beschreibe schlicht ein Gebirgsland, ein Gau der Berge. Das klingt einleuchtend, wirkt aber glatter, als die Sprachgeschichte es hergibt. Denn die beiden Wortteile sind unterschiedlich gut belegt. Das erste Glied lässt sich weit zurückverfolgen, das zweite bleibt in seiner Herkunft bis heute umstritten. Und neben der Gau-Deutung kursiert eine zweite, die mit Bergen kaum etwas zu tun hat, sondern mit Wasser und Wiesen.

Hinzu kommt ein Umstand, der den Namen zusätzlich verwischt: Was als Allgäu gilt, hat sich im Lauf der Jahrhunderte mehrfach verschoben. Auf der Fahrt von Kempten nach Oberstdorf durchquert der Reisende eine Landschaft, die im Mittelalter zum Teil anders genannt wurde, während Gegenden weit im Norden zeitweise ebenfalls den Namen trugen. Der folgende Text geht der Reihe nach durch, woher die Annahmen stammen, was sich belegen lässt, wie der Name auf vier Landkreise verteilt ist und weshalb ausgerechnet Kempten den ältesten Ortsnamen der Gegend besitzt.

Der Gau der Berge und seine Schwachstelle

Die gängigste Erklärung zerlegt den Namen in Al und gäu. Das erste Glied wird auf das althochdeutsche Wort alb zurückgeführt, das Berg oder Bergweide bedeutete. Es steckt im Kern auch im Wort Alpe, mit dem die Sommerweiden im Gebirge bezeichnet werden, und es erklärt, warum der Name so gut zu einer Gegend mit Hochweiden passt. Das zweite Glied geht auf das mittelhochdeutsche göu zurück, das Gau, Landschaft oder Gegend meint. Zusammen ergäbe sich also eine Berglandschaft, ein Gebiet, in dem Almwirtschaft den Ton angibt.

Die Sache hat einen Haken, und der liegt im zweiten Teil. Die Herkunft des Wortes Gau ist selbst unsicher, die Sprachforschung kennt dafür keine gesicherte Wurzel. Die schöne Gleichung Berg plus Gegend steht damit auf einem Bein, das nur auf einer Seite fest sitzt. Dass sie so verbreitet ist, hat einen schlichten Grund: Die Deutung lässt sich in einem Satz erzählen und passt zum Bild, das Besucher von der Landschaft haben. Weil die Deutung so bequem ist, lohnt der Blick auf die zweite, die weniger bekannt ist.

Hier wird das Ende des Namens als Ge-Äu gelesen, gedacht als Sammelbegriff für mehrere Auen, ähnlich wie mehrere Berge ein Gebirge ergeben. Der Name bezeichnete dann nicht die Höhe, sondern das Wasser: eine Landschaft mit vielen feuchten Wiesen. Ein Blick in die Täler zwischen Immenstadt und Sonthofen zeigt schnell, dass auch das nicht aus der Luft gegriffen ist. Beide Deutungen stehen in der Fachliteratur nebeneinander, und keine hat sich durchgesetzt.

Was sich belegen lässt und was nicht

Gesichert ist die Schreibweise von 817, Albigauge, die sich später zu Albigoi wandelt. Gesichert ist auch die latinisierte Form Allgovia oder Algovia, die in mittelalterlichen Schriften vorkommt, wenn Mönche den Namen in ihre Sprache übertragen. Daraus lässt sich ableiten, dass der Anfang mit Alb beginnt, nicht mit einem Wort für alle. Die häufig gehörte Erklärung, das Allgäu sei das Land, das allen offensteht oder alle Gaue umfasst, findet in den frühen Schreibungen keinen Halt.

Unsicher bleibt, wie groß das Gebiet ursprünglich war. Der engste Kern entsprach dem früheren Alpgau und reichte etwa von Scheidegg bis Bad Hindelang. Oberstdorf, das heute als Herz des Oberallgäus gilt, liegt an dessen südwestlichem Rand oder je nach Grenzziehung schon dahinter. Das überrascht, wenn der Ort heute als Inbegriff der Region auftritt, hat aber Gründe in der Verwaltungsgeschichte, nicht in der Landschaft.

Noch weiter dehnte sich der Name nach dem Bauernkrieg im sechzehnten Jahrhundert. Damals wurde fast ganz Oberschwaben als Allgäu bezeichnet, bis weit hinein in Gegenden, die heute zu Baden-Württemberg gehören und kaum Berge besitzen. Der Name ist daher eher eine Marke für ein großes Gebiet als eine scharf begrenzte Landschaft, und das erklärt die Reibereien, wenn Ortsansässige über die Frage streiten, wo das Allgäu beginnt und wo es aufhört. Eine amtliche Grenze existiert nicht.

Vier Landkreise, ein Name

Die heutige Gliederung stammt zum größten Teil aus der Gebietsreform von 1972 und folgt Verwaltungsgrenzen, nicht Sprachgrenzen. Das Oberallgäu bildet den alpinen Kern mit den Allgäuer Alpen und ihrem Vorland. Der Landkreis entstand aus den früheren Landkreisen Kempten und Sonthofen. Das Ostallgäu wurde aus den früheren Landkreisen Kaufbeuren, Marktoberdorf und Füssen gebildet und umfasst das Alpenvorland entlang von Wertach und Lech. Das Westallgäu liegt größtenteils in Baden-Württemberg, mit Orten wie Isny, Wangen, Leutkirch, Argenbühl und Kißlegg.

Am meisten Verwirrung stiftet das Unterallgäu. Der Landkreis wurde 1972 geschaffen, trägt also den Namen Allgäu im Titel, reicht aber weit nach Mittelschwaben hinein. Als Unterland bezeichnete man früher nur den Bereich zwischen Immenstadt und Dietmannsried, das war ein schmaler Streifen. Rechnet man nach, wird das Missverhältnis deutlich: Von hundert Quadratkilometern Unterallgäu liegen nur rund zwei im Allgäu im engeren Sinn, die übrigen 98 gehören historisch zu anderen Landschaften.

Für Gäste ist das wichtig, weil Ortsangaben dadurch ungenau werden. Die Allgäuer Alpen, der Nebelhorn und die Breitachklamm liegen im Oberallgäu, die Königsschlösser bei Füssen im Ostallgäu. Beide Ziele am selben Tag zu erwarten, unterschätzt die Entfernung. Ein genauerer Umgang mit den vier Namen spart auf der Landkarte mehr Zeit, als es zunächst scheint. Die Wanderziele rund um den Hauptort beschreibt der Vergleich Wandern rund um Oberstdorf.

Kempten und der älteste Name der Gegend

Während der Name Allgäu erst 817 greifbar wird, ist Kempten rund 800 Jahre älter belegt. Der griechische Geograph Strabon nennt vor dem Jahr 18 nach Christus eine keltische Siedlung namens Kambodounon. Später heißt der Ort Cambodunum, und diese Form steht auf einem Grabstein des zweiten Jahrhunderts in Budapest, auf der Peutingerschen Tafel und in römischen Straßenverzeichnissen. Im achten und neunten Jahrhundert erscheint Campidona, 1263 erstmals die deutsche Form Kemptun, 1338 das heutige Kempten.

Die frühere Deutung, der Name gehe auf einen Personennamen Cambo zurück, gilt als überholt. Stattdessen wird er aus dem gallischen kambo gebildet, das Biegung, Bucht oder Halbinsel heißt, und aus dunon, das Festung bedeutet. Gemeint ist demnach eine Festung an einer Flussbiegung, was zur Lage an der Iller gut passt. Das Endstück dunum wandelte sich regelmäßig zu tun und ten, so wie aus anderen römischen Namen heutige Namen auf ten wurden.

Ein Vorbehalt bleibt, und der gehört zur ehrlichen Darstellung: Die Strabon-Stelle ist umstritten, weil einzelne Abschriften den Namen verderbt wiedergeben, und Archäologen haben bisher keinen belastbaren Beweis für eine große keltische Siedlung gefunden. Gut belegt ist dagegen die römische Stadt. Der Name selbst ist also älter als der Nachweis dessen, was er benannte.

Wo die Deutungen stimmen könnten

Der Blick zurück zeigt, dass sich der Name Allgäu mit einiger Sicherheit auf wenige Aussagen verengen lässt. Der Anfang Alb passt zu Berg und Weide, das Ende bleibt offen, und die Größe der Region hat sich über die Zeit stark verändert. Wo einzelne Deutungen plausibel bleiben, lässt sich in drei Punkten fassen:

  • Die Gleichung Alb plus Gau erklärt die frühen Schreibungen Albigauge und Albigoi am besten, auch wenn die Herkunft des zweiten Teils ungeklärt bleibt.
  • Die Deutung als Ge-Äu, also als Land der Auen, passt zur feuchten Wiesenlandschaft, ist aber sprachlich schwächer abgesichert.
  • Die Erklärung, der Name stehe für alle Gaue, lässt sich aus den frühen Quellen nicht ableiten und gehört in den Bereich der Volksdeutung.

Wie stark Namen im Allgäu Schichten tragen, zeigt auch die Sprache der Bewohner, die sich von Tal zu Tal unterscheidet. Davon erzählt der Beitrag Allgäuer Dialekt, der zeigt, warum es keinen einheitlichen gibt. Ein ernster Blick auf den Namen der Landschaft hinterlässt deshalb zwei Gedanken im Kopf: Er ist jünger als der Name Kempten, und er wurde über die Jahrhunderte weit größer gedacht, als die Karte heute vorgibt. Wie sich daraus eine Grenze ziehen ließe, bleibt Geschmackssache: Das Allgäu über die Milchwirtschaft zu bestimmen, führt weit nach Norden, der Maßstab Alpen hält die Grenze im Süden. Die Sprache liefert ein drittes Kriterium und die Verwaltung ein viertes. Jedes davon ergibt eine andere Landkarte, und keines davon hat mehr Recht als die übrigen. Genau darin liegt der Reiz des Namens, denn er hat sich nie auf eine einzige Linie festlegen lassen und wird deshalb weiter von Tal zu Tal etwas anders gebraucht.