Das Kleinwalsertal als Tal zwischen zwei Staaten

Ein österreichisches Tal, das sich nur über Deutschland erreichen lässt, in dem bis 2002 die Deutsche Mark galt und dessen Orte zwei Postleitzahlen tragen: Das Kleinwalsertal gehört politisch zu Vorarlberg, praktisch aber hängt es an Oberstdorf. Der Grund liegt im Gelände. Das Tal der Breitach öffnet sich nach Norden, hinüber ins Oberallgäu, während hohe Kämme es vom übrigen Vorarlberg abschneiden. Der Widderstein mit 2.533 Metern und der Hohe Ifen mit 2.230 Metern stehen als Eckpfeiler an den Rändern. Die einzige öffentliche Straße, die Kleinwalsertalstraße, führt von Oberstdorf nach Süden und endet in Baad, ein Straßenanschluss ins restliche Vorarlberg fehlt.

Aus dieser Lage ergibt sich eine Doppelrolle für alle Einwohner, die sich im täglichen Leben zeigt, vom Telefonnetz bis zum Briefkasten. Beide Staaten haben im Tal Spuren hinterlassen. Ein Vergleich dessen, was auf der einen und was auf der anderen Seite gilt, erklärt, wie ein Tal mit knapp 5.000 Einwohnern zu seinem Sonderstatus kam und was davon geblieben ist. Das Wort klein im Namen dient dabei der Unterscheidung vom Großen Walsertal, einem anderen Tal in Vorarlberg, das ebenfalls von Walsern besiedelt wurde.

Dächer von Oberstdorf rund um den spitzen Kirchturm vor bewaldeten Hängen

Was österreichisch ist

Verwaltung und Staatsangehörigkeit sind österreichisch. Die Gemeinde Mittelberg liegt im Land Vorarlberg, ihre Ortsteile reichen vom Eingang des Tals bis zu dessen Ende:

  • Riezlern am Talbeginn nahe der Grenze bei Oberstdorf.
  • Hirschegg und Mittelberg im mittleren Talabschnitt.
  • Baad am Ende der Straße.

Dazu gilt: Steuern fließen nach Österreich, und die Kennzahlen des Tals sind ebenfalls österreichisch: rund 97 Quadratkilometer Fläche bei etwa 4.900 Einwohnern. Die Besiedlung geht auf die Walser zurück, ein Volk aus dem Wallis in der heutigen Schweiz, das im 13. Jahrhundert in die Hochtäler der Alpen zog. Die Spuren der Zuwanderer sind im Tal bis heute zu finden, an den Siedlungsformen mit weit verstreuten Höfen ebenso wie an der Sprache, die vom Alemannischen der Nachbarschaft abweicht.

Die Mundart der Walser unterscheidet sich vom Allgäuer Dialekt der Nachbarn in Oberstdorf, auch wenn beide Gruppen sich seit Jahrhunderten kennen und miteinander Handel trieben. Der Beitrag über den Allgäuer Dialekt beschreibt, warum es keine einheitliche Mundart gibt, und das Kleinwalsertal zählt zu den Regionen, in denen sich das sehr deutlich zeigt. Politisch jedoch ist die Zugehörigkeit eindeutig, daran ändert auch der Zollanschluss nichts, was die Frage der Ausnahmen so spannend macht, denn gerade die Verwaltung, die Schulen und das Landesrecht bilden den Rahmen, in dem sich alle Sonderregeln bewegen.

Gegenüberstellung in Zahlen

MerkmalÖsterreichische SeiteDeutsche Seite
Postleitzahl Riezlern699187567
Postleitzahl Hirschegg699287568
Postleitzahl Mittelberg699387569
Telefonvorwahl05517, weiterhin gültig08329, seit 1. Juli 2003 abgeschafft
Zahlungsmittel bis 2001Schilling im übrigen ÖsterreichDeutsche Mark im Tal

Die Tabelle fasst das Wesentliche zusammen und zeigt, wo das Doppelsystem noch heute zu erkennen ist, nämlich bei den Zahlen auf dem Briefumschlag und beim Telefon. Die deutschen Postleitzahlen sollten ursprünglich zum 31. Dezember 2006 entfallen, blieben nach Protesten aber erhalten. Das zeigt, wie sehr sich die Menschen im Tal an die Doppelstruktur gewöhnt hatten. Der Eintrag zum Zahlungsmittel zeigt den eigentlichen Kern: Die Bewohner lebten über Jahrzehnte in einer österreichischen Gemeinde mit deutscher Währung, was Preise, Löhne und Handel prägte. Rechnungen wurden in Mark geschrieben, Behördenpost kam auf österreichischen Formularen. Im Jahr 2002 verschwand dieser Unterschied mit dem Euro, der in beiden Staaten galt. Für die Betriebe im Tal bedeutete das zugleich das Ende von Umrechnungsfragen bei Lieferungen und Löhnen, auch wenn Steuern, Abgaben und Verwaltungsvorschriften weiterhin dem österreichischen Recht folgen. Die Umstellung war für das Tal damit einfacher als für andere Regionen, denn die Menschen kannten den Umgang mit Währungen im Doppelpack bereits. Geblieben ist ein Wirtschaftsraum, in dem Händler, Gastwirte und Vermieter selbstverständlich über die Grenze hinweg arbeiten und Lieferanten aus dem Oberallgäu den Hauptteil der Versorgung stellen.

  1. 1891: Das Tal wird deutsches Zollausschlussgebiet.
  2. Nach dem Ersten Weltkrieg: Die Regelung wird wiederhergestellt.
  3. 1945: Ein Vertrag zwischen Österreich und der Bundesrepublik bestätigt sie erneut.
  4. 1995 bis 2002: EU Beitritt, Schengen und Euro beenden den Sonderstatus.

Was deutsch geworden ist

Seit 1891 gilt das Tal als Zollausschlussgebiet und gehört zum deutschen Wirtschaftsgebiet. Die Regelung wurde nach dem Ersten Weltkrieg wiederhergestellt und 1945 durch einen Vertrag zwischen der Republik Österreich und der Bundesrepublik Deutschland erneut bestätigt. Von 1891 bis 1995 bestand eine Zollunion mit freier Grenze, bis Österreich der Europäischen Union beitrat. Das Schengener Abkommen folgte 1997, der Euro kam 2002, und mit diesen Schritten verlor der Sonderstatus an Bedeutung.

Praktisch bedeutete der Zollanschluss, dass Waren aus Deutschland ohne Grenzkontrolle ins Tal kamen und die Deutsche Mark das Zahlungsmittel war. Steuern wurden zwar an das österreichische Finanzamt gezahlt, aber in Deutscher Mark. Auf den Postämtern gab es zwei Stempel, einen österreichischen und einen deutschen, und für Briefe galt eine Sonderregelung: Post nach Österreich wurde mit österreichischem Inlandstarif befördert, Post nach Deutschland mit deutschem. Für die Einheimischen war das normal, für Besucher aus dem Rest Österreichs erstaunlich. Der Weg von Oberstdorf hinein folgt der Breitach, deren Schlucht der Beitrag über die Breitachklamm vorstellt, und das Wasser des Tals fließt bei Oberstdorf mit Stillach und Trettach zur Iller zusammen, es verlässt das Tal also in dieselbe Richtung wie der Verkehr.

Was nach 1995 blieb und was sich änderte

Mit dem Beitritt zur EU, dem Wegfall der Grenzkontrollen und dem Euro hat der Sonderstatus an praktischer Bedeutung verloren, weil Grenze und Währung jetzt für beide Länder gleich sind. Der Wandel lässt sich in einem Satz fassen: 104 Jahre Zollanschluss von 1891 bis 1995, dann weitere sieben Jahre bis zum Euro, und seitdem ein Tal, das rechtlich gewöhnlicher geworden ist als je zuvor. Das Tal ist heute ein Ferienziel für Wanderer und Wintersportler mit Bergbahnen, Wanderwegen und Wintersportorten, dessen Lage zwischen den Staaten sich eher in Details zeigt als in Regelwerken. Die Verkehrsanbindung nach Norden ist dabei der wichtigste Punkt: Eine Straße ins übrige Vorarlberg fehlt, und wer von hier nach Bregenz oder Feldkirch will, fährt zunächst durch Bayern. Das prägt Einkäufe, Arztbesuche und Schulwege der Bewohner. Geblieben sind die Geografie und die Spuren der Geschichte, die sich in drei Punkten zusammenfassen lassen: Die Straße von Oberstdorf bleibt die einzige öffentliche Verbindung, ein Anschluss an Vorarlberg im Süden fehlt, sodass das Tal ein Beispiel für eine praktische Exklave ist. Postleitzahlen beider Länder sind weiterhin nebeneinander gültig. Und die Verkehrsverbindungen laufen über Oberstdorf, weil die Straße ins Tal dort beginnt.

Grenzen nach Talform

Wie Oberstdorf selbst als Ziel wahrgenommen wird, steht im Beitrag über das Reiseziel am Südrand Deutschlands. Der Blick ins Kleinwalsertal zeigt, dass Grenzen in den Alpen eher nach Tälern als nach Karten verlaufen: Wasserscheiden, Kämme und Passwege bestimmten, wer mit wem Handel trieb, und Verträge schrieben fest, was die Geografie ohnehin vorgab. Ein Zollausschluss war damit weniger eine Laune der Diplomatie als eine Anerkennung der Verhältnisse, die das Gebirge seit Jahrhunderten schuf. Dass sich der Verkehr nach Norden richtete, hatte schon vor 1891 mit den Verkehrswegen zu tun: Märkte, Ärzte und Weiterverkehr lagen im Allgäu, nicht jenseits der Kämme im Vorarlberg. Daran schloss die Wirtschaftspolitik nur an. Auch deshalb blieb die Regelung über politische Umbrüche hinweg bestehen und musste nach 1918 und nach 1945 lediglich bestätigt werden, statt neu erfunden zu werden. Heute erinnert das Tal daran, dass Staatsgrenzen sich nach Gebirgen richten müssen, wenn sie Bestand haben sollen, und dass eine Straße, eine Währung oder eine Postleitzahl mehr über die Zugehörigkeit eines Ortes sagen können als jede Linie auf der Karte. Dieser Gedanke reicht weit über das Kleinwalsertal hinaus und gilt für viele Täler im Alpenraum.