Zwischen dem Hohen Ifen und den Gottesackerwänden liegt eine Hochfläche, die aus der Ferne wie ein graues Dach aussieht und aus der Nähe wie ein aufgeschlagenes Buch mit unzähligen Furchen. Das Gottesackerplateau erstreckt sich im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Österreich, ein großer Teil davon auf deutscher Seite, und gehört zum Umfeld des Kleinwalsertals, das nur über Deutschland zu erreichen ist. Auf 1800 bis 2050 Metern über dem Meer liegt es oberhalb der Baumgrenze, ein Reich aus Fels, Gras und Schnee, in dem Wasser selten oberirdisch fließt, weil es in den Untergrund verschwindet.
Wie ein Gelände aus Kalkplatten entsteht, in dem Regen versickert und kaum ein Bach zu finden ist, erklärt ein einziger Vorgang, der sich über Jahrtausende wiederholt. Mit den Sagen vom Gottesacker, die auf dem Blog im Beitrag über die Sagen aus dem Allgäu erzählt werden, hat die Entstehung des Plateaus wenig zu tun, sie ist eine Sache der Chemie und der Zeit. Das Wort Gottesacker bezeichnet im älteren Deutsch einen Friedhof, und welche Deutung den Namen für das Plateau begründet, lässt sich nicht eindeutig belegen. Fest steht, was der Gesteinsuntergrund über die Landschaft verrät.
Wie Regenwasser Kalkstein auflöst
Das Plateau besteht aus Schrattenkalk, einem Kalkstein der Kreidezeit, entstanden vor mehr als 100 Millionen Jahren. Kalk ist ein Gestein, das sich in Wasser löst, sobald dieses Kohlendioxid enthält. Regen nimmt auf seinem Weg durch die Luft und den Boden etwas davon auf und wirkt dadurch als schwache Säure. Fließt solches Wasser über blanken Fels, frisst es sich Millimeter um Millimeter in die Oberfläche. Das Ergebnis heißt Karst, benannt nach einer Landschaft im Grenzgebiet zwischen Slowenien und Italien, in der dieser Prozess zuerst beschrieben wurde.
Die Rillen, die auf dem Gottesackerplateau Schritt für Schritt entstehen, nennt die Geologie Karren. Das Wasser sucht den Weg der geringsten Widerstände, löst in der Mitte einer Rille am stärksten und vertieft sie, bis ein Muster aus parallelen Furchen entsteht. An Rissen im Gestein, den Klüften, geht der Abtrag rascher voran, sodass sich Spalten zu tiefen Schächten weiten, durch die das Wasser nach unten verschwindet. Auf diese Weise bekommt der Berg eine Entwässerung im Inneren, und die Oberfläche bleibt trocken. Im Gelände wirkt das wie eine Landschaft, in der das Wasser vergessen hat, wohin es fließen soll.
Ursprünglich lagerte sich der Schrattenkalk in einem warmen, flachen Meer ab, in dem Kalkschlamm und Reste von Meerestieren zu Schichten wurden. Als sich das Gebirge aufwölbte, schob sich der Meeresgrund Stück um Stück nach oben und wurde schräg gestellt, bis die Schichten als Gipfel und Hochflächen über der Baumgrenze lagen. Dass auf dem Gottesackerplateau Meeresboden unter freiem Himmel liegt, ist keine Redewendung, sondern Geologie.
Die Zahlen hinter der Landschaft
| Merkmal | Wert | Was es bedeutet |
|---|---|---|
| Höhe des Plateaus | 1800 bis 2050 m | oberhalb der Baumgrenze, Hochgebirgsklima |
| Hoher Ifen | 2230 m | Gipfel am Rand der Hochfläche |
| Dicke des Schrattenkalks | 60 bis 100 m | Vorrat an löslichem Gestein |
| Alter des Gesteins | mehr als 100 Mio. Jahre | Ablagerung in einem Meer der Kreidezeit |
| Name Schrattenkalk | geprägt 1834 | nach den Schratten, den Karren, durch Bernhard Studer |
Aus diesen Zahlen lässt sich einiges ableiten. Zwischen der Plateaukante in 2050 Metern und dem Gipfel des Hohen Ifen in 2230 Metern liegen 180 Höhenmeter. Der Schrattenkalk ist mit 60 bis 100 Metern Dicke so mächtig, dass ein Gebäude mit drei Metern Geschosshöhe 20 bis 33 Stockwerke hätte, um dieselbe Höhe zu erreichen. Dazu gehört der Niederschlag: Über 1800 Metern fällt viel davon als Schnee, der im Frühjahr in kurzer Zeit schmilzt und als kaltes Wasser in die Spalten strömt, und kaltes Wasser nimmt mehr Kohlendioxid auf als warmes. Die Zeit der Schneeschmelze zählt deshalb zu den Phasen, in denen der Fels am stärksten angegriffen wird. Das ist ein gewaltiger Vorrat an Gestein, das sich auflösen kann, und er erklärt, warum ein so großes Karstgebiet entstehen konnte.
Der Name des Gesteins verrät, wie eng Sprache und Landschaft zusammenhängen. Schratten ist ein altes Wort für die zerfurchten Kalkflächen, und der Geologe Bernhard Studer verwendete es 1834 für die Schichtfolge, die an solchen Flächen ansteht. Aus einem Wort für Furchenfelder wurde so ein Fachbegriff der Geologie.

Schächte, Höhlen und das Wasser im Berg
Das Plateau ist durchlöchert von Schächten, die senkrecht in den Berg führen. Viele sind nur Spalten mit Tageslicht am oberen Ende, sogenannte Lichtschächte, andere reichen weit hinab und gehören zu einem Höhlensystem, das sich unter dem Plateau ausdehnt. Am Westfuß liegt die Schneckenlochhöhle, eine bekannte Höhle. Die Schächte auf dem Plateau selbst sind dagegen keine Wanderziele, sie sind Teil eines Entwässerungssystems, das den Niederschlag aufnimmt und im Gestein weiterleitet, bis er an den Rändern des Berges wieder austritt. Die Wege im Inneren solcher Systeme sind eng, nass und kalt, und ihre Erkundung bleibt Fachleuten vorbehalten.
Dieses Wasser im Berg erklärt, warum auf dem Plateau so wenig fließt und im Tal Quellen entspringen, die auch in trockenen Wochen nicht versiegen. Der Berg wirkt wie ein Schwamm, der Regen und Schmelzwasser speichert und langsam wieder abgibt. Das Gebiet gilt als eine der bedeutendsten Karstlandschaften der Region und zählt zusammen mit dem Hohen Ifen zu einem europäischen Schutzgebiet, weil Gestein, Pflanzen und Wasserlauf hier ein Zusammenspiel zeigen, das nur wenige Landschaften in dieser Form aufweisen.
Leben in Spalten und Mulden
Zwischen den Platten sammeln sich Staub, Moos und Humus in den Rillen, und dort wurzeln Pflanzen, die mit dem kargen Boden zurechtkommen. Der Kalkfels nimmt die Wärme der Sonne auf, und in den Furchen herrscht ein Kleinklima, das sich vom offenen Plateau unterscheidet: windgeschützter, feuchter und milder. Auf der Fläche stehen Gräser und Kräuter genau dort, wo Spalten Schutz und etwas Erde liefern, während die glatten Plattenflächen kahl bleiben.
Pflanzen in solchen Nischen bleiben flach, wachsen als Polster oder Rosetten und treiben Wurzeln tief in die Spalten, um dem Wind zu entgehen und Feuchtigkeit zu erreichen. Mit jedem Jahr sammelt sich ein wenig mehr Humus, und aus einer nackten Rille wird allmählich ein Pflanzenstreifen. Im Winter verändert sich das Bild vollständig. Der Schnee füllt die Karren und deckt die Fläche zu, sodass aus dem zerklüfteten Fels eine weiße Hochebene wird,. Im Frühling taut der Schnee ab, und das Schmelzwasser sickert in die Schächte. Ein Gelände, das im Sommer wie ein Steinmeer wirkt, ist damit je nach Jahreszeit Schneefläche, Blumenwiese und Felsfeld in einem.
Woran sich Karst erkennen lässt
Karst gibt es im Allgäu keineswegs allein auf dem Gottesackerplateau. Überall, wo Kalkgestein nah unter der Oberfläche liegt, zeigen sich verwandte Formen, vom Wasserfall in der Schlucht bis zur Höhle im Fels. Die Sturmannshöhle bei Obermaiselstein und die Starzlachklamm bei Sonthofen haben denselben Ursprung im löslichen Gestein, nur in anderer Gestalt. Das Gottesackerplateau zeigt den Vorgang offen, weil keine Bäume und kaum Boden ihn verdecken, und deshalb eignet sich die Hochfläche wie wenige andere Orte, um die Merkmale einer Karstlandschaft kennenzulernen. Hinzu kommt eine Besonderheit des Wassers: Karstwasser fließt rasch durch Spalten und wird kaum gefiltert, weshalb Verunreinigungen auf der Hochfläche schnell bis zu den Quellen im Tal gelangen können. Aus diesem Grund spielt der Umgang mit Weidevieh und Wegen in Karstlandschaften eine größere Rolle als in Regionen mit dicker Bodenschicht. Die wichtigsten Merkmale in Kürze:
- Parallele Rillen auf blanken Kalkplatten sind Karren und entstehen durch Regenwasser, das den Fels löst.
- Tiefe Spalten, in denen das Wasser verschwindet, bilden sich entlang von Klüften im Gestein.
- Fehlende Bäche auf der Hochfläche deuten auf unterirdische Entwässerung hin.
- Quellen am Fuß des Berges geben das versickerte Wasser wieder frei.
- Grüne Streifen in den Furchen verraten, wo sich Erde und Schutz sammeln.