In Oberstdorf fallen im Juli 198 und im August 201 Millimeter Niederschlag, und damit mehr als in jedem Wintermonat. Das widerspricht dem Bild, das die meisten vom Ort haben: tief verschneite Dächer, Skispringer, Langläufer auf gespurten Loipen. Hinter diesem Bild steckt keine Täuschung, denn wer im Winter dort war, hat den Schnee wirklich gesehen, und das Bild erzählt nur einen Teil der Geschichte. Es geht um Schnee, und Schnee ist eine Sache der Tage und der Schneehöhe. Wasser dagegen ist eine Sache der Menge, und die Menge fällt im Sommer.
Der Widerspruch löst sich auf, sobald zwei Größen auseinandergehalten werden, die im Gespräch über das Wetter durcheinandergeraten: die Menge an Schneetagen und die Summe des Wassers, das vom Himmel kommt. Der Ort liegt auf rund 813 Metern, die Messstation etwas tiefer auf 806 Metern, und die Berge im Süden erreichen fast 2650 Meter. Dazwischen entscheidet die Luft, wann und wie viel sie abgibt. Das Tal liegt zudem im Schutz hoher Gipfel, die Wolken festhalten und Regen verstärken. Die Werte der folgenden Abschnitte sind Mittelwerte aus langen Reihen und beschreiben ein typisches Jahr, kein bestimmtes.
Warum der Winter so nass wirkt
Der Eindruck vom Schneeort entsteht aus der Häufigkeit. Im Mittel zählt die Station etwa 113 Tage im Jahr mit mindestens einem Zentimeter Schnee. Davon entfallen allein auf den Januar rund 27 Tage, auf den Februar knapp 25 und auf den Dezember knapp 23. Zusammen sind das etwa 75 der 113 Tage, also zwei Drittel. Kalt genug für Schnee ist es im Tal also vor allem von Dezember bis Februar, und in diesen drei Monaten bildet sich das Bild, das sich später in Prospekten wiederfindet. Von Juni bis September ist Schnee im Tal dagegen eine Ausnahme. Im Januar angereist, erlebt der Gast fast an jedem Tag Schnee, und diese Erinnerung prägt sich ein.
Schnee hat zudem einen optischen Vorteil gegenüber Regen. Ein Millimeter Wasser bildet eine unauffällige Pfütze, in Schnee verwandelt wächst daraus ein Zentimeter oder mehr, der wochenlang liegen bleibt. Als Faustregel entspricht ein Zentimeter Neuschnee etwa einem Millimeter Wasser, bei lockerem Pulver nur der Hälfte, bei nassem und schwerem Schnee dem Doppelten. Ein Regenguss von zwanzig Millimetern ist nach einer Stunde im Bach verschwunden, ein Schneefall mit zwanzig Zentimetern dagegen prägt die Landschaft eine Woche lang. Das Auge speichert, was liegen bleibt, nicht, was abfließt.
Hinzu kommt der Wintersport. Die Wettbewerbe in der Skisprungarena und die Loipen verbinden den Ort mit dem Schnee, selbst wenn im selben Jahr der August mehr Wasser bringt als der Januar. Eine Geschichte, die Gäste von Oberstdorf mitnehmen, handelt von Schnee. Wie sich Wintersport und Ort miteinander verknüpften, schildert der Beitrag Warum Oberstdorf als Wintersportort so bekannt wurde.
Was die Messreihen tatsächlich zeigen
Der Jahresdurchschnitt liegt je nach Messzeitraum bei etwa 1670 bis 1800 Millimetern. Wären die Niederschläge gleichmäßig verteilt, kämen auf jeden Monat rund 139 Millimeter. Juli und August liegen mit 198 und 201 Millimetern um gut 42 und fast 45 Prozent über diesem Wert. Beide Zahlen lassen sich nachrechnen: 198 minus 139 ergibt 59, und 59 geteilt durch 139 sind 0,42. Zusammen bringen die zwei Sommermonate etwa 400 Millimeter, ein knappes Viertel des Jahres.
Ein Millimeter Niederschlag entspricht einem Liter auf den Quadratmeter. Im August fallen also rund 201 Liter auf jeden Quadratmeter, das sind zwanzig gefüllte Zehnliter-Eimer. Auf einen Hektar gerechnet kommen 2010 Kubikmeter zusammen. Im Jahresverlauf summiert sich der Wert auf mehr als anderthalb Kubikmeter je Quadratmeter.
Ebenso unterstreicht die Häufigkeit von Niederschlagstagen das Bild. An durchschnittlich 197 Tagen fällt mindestens ein Zehntel Millimeter, also an mehr als jedem zweiten Tag. Es regnet oder schneit in Oberstdorf deshalb viel öfter, als es trocken bleibt, und die mittlere Menge je Niederschlagstag beträgt nur etwa 8 bis 9 Millimeter. Das Wasser kommt in vielen kleinen Portionen, im Sommer allerdings mit einem Schwerpunkt auf kräftigen Schauern und Gewittern.
Der Stau und die Sommerschauer
Für die Menge sorgt die Lage am Alpenrand. Strömt feuchte Luft aus Nordwest gegen die Berge, muss sie aufsteigen. Von Oberstdorf bis zum Gipfel des Nebelhorns, der auf 2224 Metern liegt, sind es gut 1400 Höhenmeter. Beim Aufstieg kühlt die Luft ab, kann weniger Wasserdampf halten und gibt den Überschuss als Wolken und Niederschlag ab. Den Mechanismus, bei dem die Luft dann auf der Leeseite absinkt und sich erwärmt, beschreibt der Beitrag Föhn im Allgäu ausführlich.
Im Sommer kommt ein zweiter Antrieb dazu. Die Sonne heizt die Talhänge auf, warme Luft steigt auf, und über den Gipfeln bilden sich Quellwolken, die sich am Nachmittag zu Gewittern auftürmen. Diese Schauer sind örtlich begrenzt, aber ergiebig. Ein einziges Gewitter kann binnen einer Stunde zehn bis zwanzig Millimeter bringen, während ein Wintertag mit Dauerschnee dafür einen ganzen Tag braucht. Sommerniederschlag fällt dadurch in wenigen heftigen Episoden, Winterniederschlag in vielen leichten.
Warme Luft kann außerdem mehr Wasserdampf aufnehmen als kalte, bei 20 Grad rund viermal so viel wie bei null Grad. Mehr Dampf bedeutet mehr Regenwasser, das beim Aufsteigen wieder abgegeben werden kann. Der Sommer ist damit wegen der Gewitter und zugleich wegen seiner feuchteren Luft die nasseste Jahreszeit am Alpenrand. Der Winter wiederum ist die Jahreszeit, in der das Wasser als Schnee am längsten im Blick bleibt.
Wo die Vorstellung vom Schneeort stimmt
Ganz falsch ist das Bild nicht. Für die Temperatur und die Schneedecke gilt, was die Postkarte verspricht, und einige Zahlen belegen es. Der Jahresmittelwert der Temperatur liegt bei etwa 7 Grad, im Januar bei minus 2,5 Grad und im Juli bei 16,4 Grad. Der Rekord nach unten liegt bei minus 32 Grad im Februar, der Rekord nach oben bei 35,6 Grad im Juli. Die Spanne von fast 68 Grad zwischen beiden Extremen zeigt, wie unterschiedlich beide Jahreshälften sind.
Wo der Ruf als Schneeort gilt, lässt sich in drei Punkten zusammenfassen:
- Die Zahl der Schneetage ist im Winter hoch, mit rund 27 Tagen im Januar der Spitzenwert des Jahres.
- Schnee bleibt liegen und prägt das Bild, auch wenn die Wassermenge im Sommer größer ist.
- Von Juni bis September fällt im Tal praktisch kein Schnee, während der Niederschlag seinen Höhepunkt erreicht.
Die Gegend ist deshalb beides: ein Schneeort im Winter und ein Wasserort im Sommer. Die Urlaubsplanung kann sich auf beides einstellen. Auch Bäche und Wasserfälle des Tals führen nach den Sommerschauern viel Wasser, weil die Schmelze im Gebirge und der Regen zusammenwirken. Der Satz vom regenreichen Sommer ist damit kein Widerspruch zum Schneeort, sondern seine zweite Hälfte. Beim Lesen von Wetterdaten lohnt deshalb immer die Frage, ob von Tagen, von Wassermengen oder von Schneehöhen die Rede ist, denn jede dieser Größen erzählt eine andere Jahreszeit als Hauptdarsteller. Die Tage gehören dem Winter, die Menge dem Sommer, und die Schneehöhe wächst nur in den Monaten, in denen Niederschlag und Frost zusammentreffen, also vor allem im Hochwinter. Zum Rest des Jahres gehört außerdem der Blick auf die Gesamtlage, die der Beitrag Oberstdorf als südlichstes Reiseziel Deutschlands beschreibt.