Das Klausentreiben im Oberallgäu und seine drei Nächte

Wenn in Sonthofen am 5. und 6. Dezember hunderte Gestalten in Fell und mit Kuhglocken an der Hüfte durch die abgesperrte Fußgängerzone ziehen, hört die Stadt sie lange vor dem ersten Anblick. Im Jahr 2015 waren es dort 160 Klausen und 120 Bärbele, dazu bis zu 8.000 Zuschauer an einem einzigen Abend. Das Klausentreiben gehört zu den lautesten Bräuchen im Oberallgäu. Es zieht sich über drei Nächte, beginnt am 4. Dezember, dem Tag der heiligen Barbara, und endet am Nikolaustag. Das Ziel lässt sich in einem Satz sagen: Böse Wintergeister sollen vertrieben werden, indem die Läufer noch furchterregender auftreten als diese. Mit dem Nikolaus, wie ihn Kinder kennen, hat das wenig zu tun. Die Klausen tragen Fell von Kopf bis Fuß, auf dem Kopf Hörner, an der Hüfte schwere Kuhschellen. Die Läufer rennen und schlagen auf den Boden, schwingen Ruten und Peitschen und lassen nur wenige Schritte Abstand zum Publikum. Die Bärbele dagegen, junge Frauen in Fetzengewändern und als alte Hexen vermummt, fegen mit Besen symbolisch Schmutziges aus dem Weg. Beide Gruppen gehören zum selben Verein, doch sie haben einen anderen Auftritt, einen anderen Abend und eine andere Rolle im Brauch.

Beleuchtetes Bergdorf in der Winternacht

Drei Nächte mit zwei Rollen

Die Reihenfolge ist fest. Am 4. Dezember laufen die Bärbele, an den beiden folgenden Abenden die Klausen. In Sonthofen dauert der offizielle Teil von 20 bis 22 Uhr, danach ziehen die Klausen von Wirtshaus zu Wirtshaus. Der Brauch ist in Dörfern des Oberallgäus zu Hause, auch außerhalb der Kreisstadt Sonthofen und ihrer Fußgängerzone, jeder Ort pflegt seine Fassung mit eigenem Verein und eigenen Masken. Schriftliche Belege für die ältesten Läufe gibt es kaum, die Überlieferung stützt sich auf mündliche Weitergabe und auf die Vereine, die den Ablauf seit Langem festhalten. Die Bärbele verteilen mancherorts Äpfel, Nüsse und Kekse und schlagen mit Ruten, bevorzugt nach jungen Männern. Das Fegen mit dem Besen steht dabei sinnbildlich für das Wegkehren von Schmutzigem und Unanständigem. Die Klausen treten rauer auf, mit Peitschen und Ruten. Weil dabei viel Bewegung entsteht, achten in Sonthofen drei erfahrene Vereinsmitglieder, die sogenannten Senior Klausen, darauf, dass nicht zu grob zugeschlagen wird. Der Abstand zur Absperrung schützt Zuschauer, Kinder und ältere Gäste. So bleibt der Brauch ein Spektakel, das auf Regeln gebaut ist und doch den Schrecken der Gestalten behält.

  • Termine: 4. Dezember Bärbele, 5. und 6. Dezember Klausen
  • Mitglieder: unverheiratete Männer von 16 bis 26 Jahren als Klausen, Frauen als Bärbele
  • Kostüm: Fell, Hörner, Kuhglocke, selbst genäht, bis 25 Kilogramm
  • Deutung: Vertreiben böser Wintergeister durch Lärm und Schrecken
  • Alter: häufig mit 1.000 Jahren angegeben, belegt ist das nicht

Das Häs und seine Maße

Das Kostüm heißt Häs und wird von den Vereinsmitgliedern selbst gefertigt, nach den Vorgaben des Vereins. Die Grundidee ist ein Fell vom Kopf bis zu den Füßen, die Kuhglocke sitzt an der Hüfte, auf dem Kopf stehen Hörner. Aus Versicherungsgründen ist nur eine Spitze erlaubt. Die Masken entstehen in Sonthofen aus Motorrad oder Skihelmen, die mit Fell bezogen und mit Kuhhörnern bestückt werden, teils mit Styropor vergrößert, damit die Hörner mächtiger wirken. Das Nähen dauert zwei bis drei Wochen, das Gewicht des gesamten Häs erreicht bis zu 25 Kilogramm. Was das bedeutet, zeigt ein Vergleich. Ein gefüllter Tagesrucksack wiegt acht bis zehn Kilogramm, das Häs bringt also zweieinhalb bis dreimal so viel auf die Waage, und das bei Lauf und Schlagbewegungen über zwei Stunden. Mitglied werden können unverheiratete Männer zwischen 16 und 26 Jahren, Frauen laufen als Bärbele im selben Verein. Der Mitgliederstand ist laut Berichten aus Sonthofen um 30 Prozent gewachsen, der Brauch zieht also mehr junge Leute an, nicht weniger. Dass Fell, Hörner und Helm von Hand entstehen, bindet die Läufer zusätzlich an ihren Verein, denn jedes Häs ist ein Einzelstück.

Zahlen zum Klausentreiben in Sonthofen

Die folgende Übersicht fasst die belegten Größen zusammen. Die Übersicht zeigt, dass hinter dem Spektakel ein Verein mit fester Organisation steht. Die Zahlen stammen aus Sonthofen, in kleineren Orten fallen sie anders aus. Rechnerisch trugen die 160 Klausen von 2015 zusammen bis zu 4.000 Kilogramm Häs durch die Straßen, gerechnet mit dem Höchstgewicht von 25 Kilogramm je Kostüm. Das sind vier Tonnen, verteilt auf einen Zug von 160 Läufern. Bei einem Durchschnitt von 20 Kilogramm je Häs bleiben es immer noch 3.200 Kilogramm. Bemerkenswert ist das Verhältnis von Läufern zu Zuschauern: Auf jeden der 280 Läufer kamen 2015 an einem Abend im Schnitt 25 bis 29 Zuschauer, je nachdem, ob die untere oder obere Schätzung gilt. Die Stadt hat rund 20.000 Einwohner, an einem Klausenabend halten sich in der Fußgängerzone also zeitweise bis zu 40 Prozent der Einwohnerzahl auf, auch wenn viele Besucher von auswärts kommen. Ein Vergleich zeigt die Dimension: Die Zahl der Zuschauer an einem Abend liegt bei einem Vielfachen der Teilnehmer, und die Strecke durch die Fußgängerzone muss diesen Andrang tragen, ohne dass Läufer und Publikum einander in die Quere kommen.

GrößeWertAnmerkung
Klausen 2015160männliche Vereinsmitglieder
Bärbele 2015120Frauen im selben Verein
Zuschauer je Abend7.000 bis 8.000bei etwa 20.000 Einwohnern der Stadt
Gewicht des Häsbis 25 kggesamtes Kostüm
Nähzeit2 bis 3 WochenEigenanfertigung
Altersspanne der Klausen16 bis 26 Jahreunverheiratet

Keltisches Erbe oder jüngerer Brauch

Häufig heißt es, das Klausentreiben sei etwa 1.000 Jahre alt und gehe auf keltische Bräuche zurück. Die Zahl taucht in Berichten immer wieder auf, doch eine lückenlose Überlieferung über ein Jahrtausend lässt sich nicht nachweisen. Kelten haben im Alpenvorland tatsächlich gelebt, ein belegter Zusammenhang zwischen ihren Winterfesten und dem Brauch in Sonthofen fehlt. Wahrscheinlicher ist ein langes Wachsen: ältere Vorstellungen von Dämonen im Winter, später die Heiligenfeste im Dezember, schließlich die Vereine, die den Lauf in feste Formen brachten. Die Zeitangabe von 1.000 Jahren bleibt deshalb eine Schätzung. Auch der Name hilft bei der Einordnung: Klaus ist die Kurzform von Nikolaus, die Gestalt steht also in der Tradition des Heiligen vom 6. Dezember, wurde aber im Volksbrauch ins Wilde gewendet. Mit der Verehrung des Bischofs, der Kindern Gaben bringt, teilt das Klausentreiben nur den Kalendertag.

Lärm gegen Geister kennt der gesamte Alpenraum. Schellen, Glocken und Peitschen sind dafür seit Jahrhunderten in Gebrauch. Die Krampusläufe in Bayern und Österreich fallen ebenfalls auf den 5. Dezember, die Perchtenläufe liegen eher in den Raunächten um den Jahreswechsel, und im schweizerischen Küssnacht am Rigi zieht das Klausjagen am Abend des 5. Dezember durch den Ort. Gemeinsam ist allen die Verbindung von Lärm, Verkleidung und Winterzeit. Unterschiede liegen in den Figuren: Der Krampus gilt als Begleiter des Nikolaus und trägt meist eine geschnitzte Holzmaske, der Allgäuer Klaus dagegen ist selbst die Hauptfigur und trägt Fell und Glocke. Auch die Stimmung weicht ab, denn das Allgäuer Klausentreiben setzt weniger auf Schaubilder als auf Lauf und Klang. Dass im Allgäu Kuhglocken zum Einsatz kommen, passt zur Viehwirtschaft der Gegend, die auch den Viehscheid prägt.

Was der Brauch heute bedeutet

Für die Läufer ist das Klausentreiben ein Vereinsjahr, an dessen Ende die drei Nächte im Dezember stehen. Das Häs muss gebaut, repariert und angepasst werden, neue Mitglieder brauchen Kostüm und Einweisung, und die Rollenverteilung zwischen Klausen und Bärbele will jedes Jahr neu abgestimmt sein, damit der Ablauf der drei Nächte stimmt. Für die Orte ist es ein Termin, der Besucher anzieht und dem Winter eine feste Mitte gibt. Die Absperrung der Fußgängerzone, der Abstand zu den Zuschauern und die Regel mit der einzelnen Hornspitze zeigen, dass ein alter Brauch in einer modernen Stadt funktioniert, weil er geregelt wird. Das nimmt ihm nicht das Raue, es macht den Lärm für Tausende Menschen möglich. Im Kalender dieses Jahres fallen die drei Nächte auf Freitag, Samstag und Sonntag, der Brauch richtet sich aber nach dem Datum und nicht nach dem Wochentag, wie jedes Heiligenfest. Das gibt dem Winter im Oberallgäu eine feste Mitte, die sich nicht verschiebt, auch wenn Termine im Ort um das Klausentreiben herum geplant werden. Der Klang prägt den Eindruck: Dutzende Glocken, die im Gleichschritt ausschlagen und einen Rhythmus ergeben, den kein anderer Brauch im Jahr hervorbringt.