Der 29. oder 30. Dezember gehört in Oberstdorf seit Jahrzehnten dem Skispringen: Am Schattenberg beginnt die Vierschanzentournee, und das Allgäuer Dorf ist der Auftaktort der Tournee. Dabei stand Oberstdorf bei der Gründung gar nicht fest, und in der allerersten Tournee im Januar 1953 war es nur das zweite Springen der Reihe. Der Platz im Programm kam durch eine Rechnung zustande, in der es um Zuschauer, Einnahmen und Gleichgewicht zwischen zwei Ländern ging. Wie aus einem Kompromiss ein Fixpunkt des Wintersports wurde, lässt sich an wenigen Jahreszahlen nachvollziehen.
Die Tournee besteht aus vier Springen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen. Seit der Saison 1972/73 hat sich diese Reihenfolge nicht mehr verändert. Oberstdorf eröffnet, Garmisch-Partenkirchen folgt am 1. Januar, Innsbruck am 3. oder 4. Januar und Bischofshofen schließt am 6. Januar mit dem Dreikönigsspringen. Warum ausgerechnet Oberstdorf diesen Platz bekam, erklärt sich aus der Vorgeschichte, die mit einem Neujahrsspringen in Bayern beginnt. Wichtig ist dabei, dass der Auftakt am Schattenberg keineswegs von Anfang an festlag, sondern sich erst mit der zweiten Austragung ergab. Dazwischen liegen Verhandlungen, Befürchtungen um Einnahmen und ein Skisprungplatz, der schon vor dem Krieg einen Namen hatte.

1921 und 1949 Ein Neujahrsspringen wird zur Idee
Vorbild der Tournee war das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen, das seit dem Winter 1921/22 ausgetragen wurde. Der erste Sieger kam damals auf 76 Meter, eine Weite, die heute auf einer Großschanze nicht einmal das Mittelfeld der Qualifikation erreichen würde. Zum Vergleich: Auf der Schattenbergschanze mit ihrer Hillsize von 137 Metern liegt die Juryweite bei 120 Metern, also mehr als die Hälfte mehr. Über die Jahre wuchs das Springen zum Treffpunkt für Springer aus mehreren Ländern, und 1949 entstand bei Mitgliedern der Skiclubs Partenkirchen und Innsbruck der Gedanke, mehrere Springen zu einer gemeinsamen Wertung zu verbinden. Die Umsetzung verzögerte sich. Nach dem Krieg war ein Wettbewerb über Ländergrenzen hinweg nicht schnell zu organisieren, und so wurde der Plan auf 1952 verschoben. Zunächst sollte es nur deutsche und österreichische Orte geben. Am 17. Mai 1952 wurde auf der Seegrube bei Innsbruck die Deutsch-Österreichische Springertournee begründet, die offizielle Gründung folgte am 14. Dezember 1952 im Posthotel in Partenkirchen. Gesetzt waren Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen. Es fehlte ein zweiter deutscher Ort, damit beide Länder gleich viele Austragungen bekamen. Mit drei Orten wäre die Tournee ein Dreieck geblieben, mit vier Springen ergab sich eine Reihe, in der sich Deutschland und Österreich die Austragungen teilten.
Warum die Wahl auf Oberstdorf fiel
Als zweiter deutscher Ort wurden Berchtesgaden, Füssen und Oberammergau geprüft. Alle drei hatten Vor- und Nachteile, doch am Ende entschied sich die Runde für Oberstdorf. Der Skiclub Partenkirchen hatte nämlich Sorgen,: dass ein Ort aus dem nahen Umland sein Publikum abziehen und die Einnahmen schmälern könnte. Oberstdorf hatte ein anderes Einzugsgebiet, und damit war der Streitpunkt entschärft. Wie sich die Einnahmen am Ende tatsächlich verteilten, ist nicht überliefert. Für Oberstdorf sprach außerdem etwas, das sich in keiner Sitzung beschließen ließ: ein Skisprungplatz mit Geschichte. Schon 1909 hatte es eine Schanze auf den Halden gegeben, mit einem Rekord von 22 Metern, aufgestellt von Bruno Biehler. Das Gelände war damals ungünstig, weil die Sonne den Schnee schnell wegnahm und der Anlauf kurz blieb. Am 27. Dezember 1925 wurde deshalb am Schattenberg ein Neubau eröffnet, geplant von Hans Gschwender. Dort wurde bis 1941 gesprungen, nach dem Krieg ging es am 1. Januar 1946 wieder los. Zwischen dem ersten Wettkampf in den Halden und der Neueröffnung nach dem Krieg liegen 37 Jahre, in denen der Platz mehrfach umgebaut und der Sport technisch ein anderer wurde.
Januar 1953 Die erste Tournee
Die erste Tournee war die einzige, die innerhalb eines Kalenderjahres ausgetragen wurde. Die Tournee begann am 1. Januar 1953 in Partenkirchen vor rund 20.000 Zuschauern mit 50 Startern. Der Norweger Asgeir Dølplads gewann das Neujahrsspringen mit Sprüngen auf 78,5 und 80 Meter. Oberstdorf folgte am 4.
Januar, und dort siegte sein Landsmann Erling Kroken. Damit verteilten sich die vier Tagessiege der ersten Tournee auf vier verschiedene Springer aus zwei Ländern, ein Zeichen dafür, wie offen das Feld in der Anfangszeit war. Am 6. Januar gewann in Innsbruck der Österreicher Sepp Bradl, am 11. Januar in Bischofshofen der Norweger Halvor Næs.
| Datum 1953 | Ort | Sieger |
|---|---|---|
| 1. Januar | Partenkirchen | Asgeir Dølplads aus Norwegen |
| 4. Januar | Oberstdorf | Erling Kroken aus Norwegen |
| 6. Januar | Innsbruck | Sepp Bradl aus Österreich |
| 11. Januar | Bischofshofen | Halvor Næs aus Norwegen |
Fragt jemand nach der Gesamtwertung, landet er bei einem Ergebnis, das auf den ersten Blick überrascht: Weder der Sieger des Auftakts noch der des letzten Springens gewann die Tournee. Gesamtsieger wurde Sepp Bradl vor Halvor Næs und Asgeir Dølplads. Ein einzelner Tagessieg reichte also nicht, die Summe aus vier Springen entschied. An diesem Prinzip hat sich bis heute nichts geändert. Neben der Wertung kam in den Folgejahren das Fernsehen dazu: Die ARD übertrug das Neujahrsspringen seit 1956, später gesellten sich weitere Sender hinzu. Oberstdorf war in der ersten Runde nur ein Baustein, doch ab der Tournee 1953/54 wurde das Springen am Schattenberg zum Auftakt verlegt.
Die Schanze am Schattenberg wächst mit der Tournee
Dass die Anlage mit dem Wettbewerb mitwuchs, zeigt die lange Liste der Umbauten. Die Schanze wurde 1930 für Deutsche Meisterschaften vergrößert, 1936 für eine Olympia Qualifikation, 1973 entstand eine Großschanze aus Stahlbeton und Leimholzbindern. Für die Nordische Ski-WM 2005 wurde bis Ende 2003 eine neue Großschanze der Größe K 120 gebaut, heute als HS 137 geführt, die 16,6 Millionen Euro kostete. 2011 kam die Normalschanze an die Reihe, ein Umbau von April bis Oktober, der rund 5 Millionen Euro kostete.
Auch das Stadion nahm zu. Durch zusätzliche Tribünen stieg die Kapazität von 17.000 auf 27.000 Plätze, wobei sich der Zeitpunkt der Erweiterung nicht genau festlegen lässt. Einen Teil der Geschichte erzählt außerdem der Name der Anlage, der mit Sponsoren mehrfach wechselte, zuletzt zu Orlen Arena Oberstdorf Allgäu. Eine Schanze, deren Name sich ändert, während das Springen am Jahresende unverändert bleibt, zeigt gut, wie fest der Termin im Kalender steht.
Zählt man die Baukosten der beiden großen Umbauten zusammen, kommen für Großschanze 2003 und Normalschanze 2011 allein 21,6 Millionen Euro zusammen, errechnet aus 16,6 plus 5 Millionen. Das Skispringen am Schattenberg ist damit auch eine Investition der Gemeinde in ihren wichtigsten Wintertermin. Die zweite große Anlage im Birgsautal behandelt der Beitrag über die Heini Klopfer Skiflugschanze.
- 1909 Erste Schanze auf den Halden, Rekord 22 Meter
- 1925 Eröffnung der Schattenbergschanze am 27. Dezember
- 1946 Wiedereröffnung nach dem Krieg am 1. Januar
- 1953 Erste Tournee, Oberstdorf springt am 4. Januar
- 1953/54 Oberstdorf wird zum Auftaktort
- 1996/97 Einführung des KO Modus mit Duellen
- 2003 Neubau der Großschanze für 16,6 Millionen Euro
- 2011 Umbau der Normalschanze zur HS 106
Duelle seit 1996 und eine Rechnung zum Preisgeld
Zur Saison 1996/97 wurde der KO Modus eingeführt. In der Qualifikation treten 50 Springer an, der Beste gegen den Letzten, der Zweite gegen den Vorletzten, daraus ergeben sich 25 Duelle. Die Sieger plus die fünf punktbesten Verlierer, die sogenannten Lucky Loser, ergeben 30 Springer für den zweiten Durchgang. Gilt der KO Modus nicht, etwa weil die Qualifikation am Wettkampftag stattfindet, greifen die normalen Weltcup Regeln. Zuletzt war das am 29. Dezember 2020 in Oberstdorf der Fall. Der Modus gilt also nur, wenn die Qualifikation am Vortag stattfindet. Seit der Saison 2017/18 muss zudem jeder Springer durch die Qualifikation, früher waren die Besten des Weltcups davon befreit, bis 2016/17 die ersten Zehn, davor sogar die ersten Fünfzehn. Die Befreiten sprangen im Duell gegen den Qualifikationsbesten. Beim Geld lohnt eine kurze Rechnung. Bis zur Tournee 2020/21 lag das gesamte Preisgeld bei 70.000 Schweizer Franken, der Sieger erhielt 30.000. Das entspricht knapp 43 Prozent der Summe. Rechnet man das Preisgeld des zweiten bis zehnten Platzes zusammen, ergeben sich 40.000 Franken, was die Verteilung deutlich zugunsten der Spitze zeigt. Seit der Tournee 2021/22 bekommt der Sieger allein 100.000 Franken. Alle vier Springen einer Tournee zu gewinnen, gelang bisher nur dreimal: Sven Hannawald 2001/02, Kamil Stoch 2017/18 und Ryōyū Kobayashi 2018/19.
Was die Tournee für Oberstdorf heute bedeutet
Für den Ort ist das Springen mehr als eine Sportveranstaltung. Es legt den Jahreswechsel fest: Am 30. Dezember organisiert sich in Oberstdorf fast alles um die Schattenbergschanze. Der Zeitpunkt zwischen Weihnachten und Neujahr fällt in eine Phase, in der viele Gäste ohnehin im Allgäu sind, und die Übertragung im Fernsehen trägt den Namen Oberstdorf in viele Wohnzimmer. Der Ruf als Wintersportort hat mehrere Gründe, die der Beitrag über den Weg zum bekannten Wintersportort auffächert. Die Tournee ist einer davon, neben der Schanzentradition seit 1909 und der Lage am Fuß der Allgäuer Alpen. Der Platz im Programm geht auf eine Entscheidung von 1952, bei der es um Einnahmen ging. Rund um den Wettkampf füllen sich Tribünen und Straßen mit Menschen, die den Termin lange vorher eingeplant haben. Das Dorf erlebt dadurch ein Skispringen, das nicht an einem Nachmittag vorbei ist, sondern sich über mehrere Tage zieht, mit Qualifikation und Wettkampf an getrennten Tagen. Dazu kommt ein Effekt, der sich kaum messen lässt: Ein Ort, in dem die Tournee beginnt, bekommt jedes Jahr einen Termin, auf den sich Medien, Teams und Zuschauer einstellen. Die Zahl 27.000 für die Tribünen zeigt die Größenordnung, die Verteilung auf mehrere Tage die Dauer. Der Kern bleibt ein Wettkampf von wenigen Minuten pro Springer, eingebettet in einen Jahreswechsel, der in Oberstdorf mit Schnee, Scheinwerfern und Tribünenlärm verbunden ist.
- Die Tournee wurde 1952 gegründet, das erste Springen in Oberstdorf fand am 4. Januar 1953 statt.
- Auftaktort ist Oberstdorf seit der Tournee 1953/54.
- Die Großschanze hat heute die Hillsize 137, die Normalschanze die Hillsize 106.